1820 / 49 p. 2 (Allgemeine Preußische Staats-Zeitung, Sat, 17 Jun 1820 18:00:00 GMT) scan diff

haftete Einige, die sich hartnä>ig widerseßten. Aber betrübend ist es, seßt der Moniteur hinzu, bei dieser Gelegenheit bemerken zu müßen, daß ein Ausruf, wels cher für alle Franzosen ein Zeichen des Friedens und der Vereinigung seyn sollte, der Ausruf „es lede die Charte ‘' in ein Kriegsgeschrei verwandelt wird. Die von der Gens d’armerie zerstreuten Haufen zogen si< dur< die Straße Rivoli nah dem Carouselplate, in- nerhalb der Thuillerien, zurü> und bildeten sich dort von neuem. Patrouillen der Garde erhielten den Befehl, fie auseinander zu bringen. Alle gehorchten , bis auf etwa dreißig, die sichtbar es aufs Aeußerste anfommen laßen wollten und die strafbarsten Ueußerungen sîch erlaubten. Einer von diesen, der sich vor den Ande: ren durh Heftigkeit auszeichnete, wurde ergriffen, seine Mitgenoßen suchten ihn wieder zu befreien, und so entstand ein föormlicher Kampf, in welchem der Sol: dat, der sich seinen Gefangenen nicht wieder entreißen laßen wollte, sein Gewehr abdrückte, und den jungen Lallemand, einen Zögling der Rechtsschule, derge: stalt verwundete , daß er einige Stunden darauf sei- en Geist aufgab.

Von diesem traurigen Ereigniße nahm der bes kannte Deputirte Camille Jourdan Gelegenheit, in der Si6ung vom 5. mit großem Feuer zu reden (der Moniteur bemerkt dabei ausdrü>lih, daß seine Rede improvisirt sey), indem er die Freiheit der Be- rathsclagung der Deputirtenkammer gefährdet und die Würde und die. Sicherheit der gesammten Natio: nalrepräsentantion durch alles dasjenige angetastet und verle6t glaubte, was gegen den Marquis Chauvelin geschehen sey. Denn, wohl zu merken, es behaupten die Deputirten der linfen Seite und alle ihnen ergebene Zeitungen, daß die Royalisten die eigentlichen Urheber der Unordnungen, und Aufhezer der Menge gegen Chauvelin gewesen sind. Camille Jourdan berief sich auf das Beispiel des Englischen Parlaments, wo jeder Schimpf, Einem seiner Mirglieder widerfah- ren, als Allen widerfahren betrachtet und gerügt werde. Er sah einen zweiten 18. Fructidor fommen, an wel: chem Tage vor 25 Jahren das damalige geseßgebende Corps gewaltsam von dem Direktorium aufgelöt und

er selbst ein Schlachtopfer dieses Gewaltstreiches werden würde, und ging so weit zu behaupten, daß die dama: ligen Jakobiner doch immer no< mehr gute Art und Ordnung beobachtet hätten, als jeßt die sogenannte

gute Gesellschaft. Gleichwol und so stark er au< von mehren Rednern, als Keratry, Benj. Constant, Girardin unterstüßt wurde, und obschon von meh- xen Deputirten ihnen widerfahrene Beleidigungen zur Sprache gebracht, und von Lafitte das Schreiben des Kaufmannes Lallemand, Vaters des Erschoßenen, vorgelesen wurde, in welchem dieser gegen die Behaup: tungen der royalistischen Blätter, daß sein Sohn einen

Soldaten entwaffnen wollen auftrat, und sich über die f

Censur beschwerte, die seiner Reklamation das Tmprima- tur verweigert, hatte sein Antrag, alle weitere Delibera» tionen vor der Hand auszusezen und sih zuerst mit Untersuchung di-ses Gegenstandes zu beschäftigen, den- noch keine Folgen, indem besonders der Siegelbewahrer und Lainé zwar aufs kräftigste den Saß selbst einräum- ten, daß die höchste Freiheit der Berathung aufrecht erhalten, und jeder Versach sie zu verlesen und einen Deputirten seiner geäußerten Meinung halber öffent- lich beleidigen zu wollen, aufs sirengste geahndet wer: den müße, dabei aber behaupteten, daß ein eigentliches Attentat gegen die Freiheit der Berathschlagungen hier nicht vorhanden sey, daß die Regierung ste ¡u beschüßen wißen werde, und daß die vorgefallenen Unordnungen vor die ordentlichen Gerichte gehörten.

ÎIn den darauf folgenden Tagen haben wieder starke Bewroegungen unter den jungen Leuten stattgefunden und sich vornehmlich gegen die Vorstadt St. Antoine ge- richtet. Aber die arbeitsamen Einwohner dieser in meh- ren Revolutions- Epochen berüchtigten Vorstadt ha: ben seibst die öffentlichen Beamten in der- Erhaltung der Ordnung unterstü6t. Dennoch haben jene unruhi-

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f gen Bewegungen nicht ganz aufgehört, und das Geschrei

¿7 €s lebe die Charte ‘’ war das Signal, um einen all: gemeinen Aufstand hervorzubringen. Dieser Versuch ist indeß an dem guten Geiste der ruheliebenden Bür: ger und an den getroffenen- Anstalten gescheitert; doch sind einige Verhaftungen vorgefallen. Man will mehre auf halben Sold stehende Bonapartische Officiere unter den unruhigen jungen Leuten bemerkr haben. Die zur Erhaltung der Ordnung getroffenen Anjtalten waren Udrigens von der Art, dap ganz Paris sich in gespannter Sorge befand.

Louvel ist nah der Anzeige des Moniteurs am | 7. auf dem Greoe- Plaß unter einem unermeßlichen |

Zusammenfluße von Zuschauern, mit dem Schwerte hingerichtet.

Das Ullerwichtigste was die neusten Pariser Blät-« |

ter bis zum 10. bringen, ist, daß in der Sipung vom 9. die von dem Deputirten Boin vorgeschlagene und vornehmlich von dem Deputirten Beugnot unter: stúbte Verbeßerung der Wahlordnung angenomraen i09r: den; unter 251 Stimmenden waren 185 dafür und 66 dagegen. Durch diese Verbezerung ist das alte Wahlgeses, so wie der neue Entwurf, nicht unwesent: lich geändert, und es scheint, als hätten die Minisier, um die Gemötder zu beruhigen und aüe Parteien zu vereinigen, seibst dahin g-witekt, daß der Vorschlag d a-

zu von dem Deputiëten Bo in gemacht worden, obgleich |

dieser selbst ihn aus eigner Bewegung angebracht zu haben behaupten, Die erwähnte Verbeßerung be: stimmt, in Voraussegung des bereits angenommenen

eriíten $. des neuen Entwurfes, wonach in jedem De- |

parrement ein Departements - Koüegtum und Bezirk W hl Kollegien seyn soüen, daß die Deparrements: Kouegien aus den am höchsten besieuerten Wählern, an der Zahl gle: dem vierten Theile aller Wähler des Departements bestehen müßen; daß diese Depar: tements: Kollegien 172 Deputirte zu ernennen -haben

für das Jahr 1820, gemäß einem dem Gejetze beige:

fügten Verzeichniße ; daß jedes der Bezirks: ®*ollegien Einen Deputirten ernennt, und daß diese Kollegien aus allen Wählern be?ehen, die ihr politisches Domi: cilium in einer der Kommunen haben, die in dem Raume des Wahl - Bezirkes liegen. Dieser Raum wird proviforis< für jedes Depar'ement nah dem Berichte des General - Konseils dur< Ordonanzen des Königes festgeseßt, welche in der nächsten Sizung der Deputirtenkammer zur Beistimmung vorgelegt werden.

Junfzig der gegenwärtigen Deputirten, die für die |

nächste Sißung ernannt werden, werden durch die

Wahlbezirks: Kollegien erwählr, und für die künftigen | Sibungen werden die Departements, die ihre Depu: | tirten zu ernennen haben, fle nach den Grundsägen des !

gegenwärtigen Ärtikels ernennen.

Wenn sagen die neusten Nachrichten wenn

der Zustand von Paris in den legen Tagen der Woche nicht viel ruhiger war, als in den ersten, s kann man die Gährung der Gemüther mit vollem Rechte dem wirklich empörenden Betragen der revolu- tionairen Mitglieder der Deputirtenkammer zuschreiben ;

doch würden im Ganzen die Zusammenrottirungen in |

diesen legten Tagen von einer weniger gefährlichen Na; rur gewesen seyn, wenn die Aufrührer nicht, gewigigt

durch die Vorfälle der früheren Tage, die Vorsicht ge: |

habt hätten, den Aufstand erst bei einbrechender Nacht anzufangen, wo eine Menge unbeshäftigter Menschen sich auf den Straßen befindet, und wo es der Polizey s<werer wird, die ihr zu Gebote stehenden Mittel zu brauchen, indem der Unsczuldige in der Finsternis leiht mit dem Schuldigen verwechselt werden kann. Die von derselben ergriffenen Mittel, die Ausstellung einer zahlreichen bewaffneten Macht, gaben in diesen Tagen Paris ganz das Ansehen einer belagerten Stadt. Jn allen Straßen, wo die Empdorer durchzogen, wur- den die Buden geschloßen , welche in dieser ungeheueren Stadt fast alle unieren Sto>werke einnehmen, zuw Theil mit den fostbarsten Waaren gefüllt sind, und ihre

Ausgánge unmittelbar nach der Straße ohne alle Stie-: |

gen haben. Auf vielen Plägen und da, wo die Straßen sich durchfreuzen, standen Pikets von Kavallerie; allein häufig kamen diese an den Stellen, wo Lärm entstand, erst an , wenn die Unruhstifter schon von einer Menge Neugieriger umgeben waren , und es also shwer wurde zu den Schuldigen durhzudringen. Es war nicht zu vecmeiden, daß nicht einige unglü>liche Vorfälle statt hatten; und diese ssnd von der revolutionairen Faktion in der Kammer trefflich benußt worden, um den Glauben zu erregen, daß der friedliche Bürger in Paris seines Lebens nicht mehr sicher sey.

Am gefährlichsten sah es Donnerstag abends aus. Statt der Vorstadt St. Antoine, wo der erste Versuch, einen Aufstand zu erregen, miplungen war, hatten die Häupter des Tumultes die Pläte an den sogenannten Thoren von St. Denis und St. Martin eingenommen, wo eine Menge arbeitloser Handwerksbursche unv mit Lumpen bede>ter Menschen sich zu ihnen sammelten, Alle diese Leute trugen an diesem Tage, wie an den vorigen, keine andere sichtbare Waffe, als die Prügel. Aber auch diese Gruppen wurden bald von den herbei: eilenden Wachen zerstreut. Aehnliche Scenen erneuerten sich jedoch Freitag abends. Der Zwec? dieser Menschen shien zu seyn, das Militair zu ermüden, zu erhigen und zu einigen gewaltthätigen Handlungen zu reizen, die vielleiht das Signal zu gefährlicheren Auftritten geben kénnten. l

Die Sizbungen der Deputirtenkammer wo, in Ab: wesenheit von Ravez, Villèle mit einer großen Würde präsidirte, waren höchst intereßant. Das von Courvoisier vorgeshlagene Amendement hat eigent-

lih den Grafen Beugnot zum Urheber, und den

Zwe>, die ganze linke Seite des Cen:rums, welche bis- her in der Disfußion über das Wahlgeseß gegen die Minister gestimmt hatte, von der revolutionairen linken Seite zu trennen. Courvoisier, dem das Umende- ment durch die dritte Hand zugestellt worden war, sand in demselben eine seinen Ansichten günstige Verfügung, bemerkte aber niht, daß es den Grundsaß der doppel: ten Wahl in den Departements : Kollegien enthielt. Als er seinen Jrrthum gewahr wurde, wollte er den Vor- \<lag zurü>nehmen; allein da das Ministerium des Beitritts der Royalisten gewiß war, so wurde das Amendement durch einen Anderen vorgeschlagen. Ale Deputirte, welhe man die Reunion Terneaux nennt, stimmten für dasselde, und so seßten die Miniz ster den Artikel mit einer Majorität von 119 Stim: men (185 gegen 66) durch.

Unter den Verhafteten befinden sich der General Solignac und der Schwadron - Chef Duveryie r, der eben von einer Reise zurückgekommene General Fressinet, und der durch setn Duell mit dem Grafen St Maurice berüchkigt gewordene Obrist Dufay. Man behauptet, der lezte habe den Versuch gemacht, dem Ungeheuer Lou vel eine Rede zuzustellen, welche dieser auf dem Schaffotte halten sollte.

Aus einem Schreiben vom 10. d. M. abends 7 Uhr. Man hat gestern in den Thuillerien einen Menschen arretirt, der shändliche Proflamationen ausstreute. Man hat sogleich seine Wohnung durch: suht und wichtige Notizen über die Häupter der leg: ten Uuruhen gefunden.

Die Truppen haben sih mit einer über alles Lob erhabenen Ruhe, Mäßigung und Würde betragen.

Zwei Mitglieder der Deputirtenkammer, die wir hier nicht nennen wollen, haben in der heutigen Siz- zung angekündigt, daß morgen, Sonntag, wo die Ar- beiter müßig sind, ein ganz anderer Lärm statthaben werde, als bisher. j

Jch darf nicht vergeßen anzuführen, daß die Her- zogin von Angouleme abermals einen Beweis des in ihr wohnenden männliden Geistes gegeben hat. Gewohnt, nah Französischer Hof-Etikette, niht anders auszufahren, als von einer bewasfneten Macht beglei- tet, hat sie sich am 9. zum erstenmal in einem offenen Wagen. ohne alle Bede>ung gezeigt. Dieser Umstand hat einen lebhaften Eindru> gemacht.

Der vormalige Herausgeber des l’'homme gris is gefänglih eingezogen, und sofort in die Conciergerie gebracht worden.

Spanien. Die Verhandlungen der Cortes wer- den erst in der Mitte k. M. eröfnet werden. Jn Ma- drid ist die öffentliche Ruhe völlig hergestellt ; die-Frei- heitshwindler sehen, daß des Volkes Anhänglichkeit an den König und an die verfaßungsmäßige Ordnung unerschütterlih ist, und scheinen d«her ihre sinnlosen Pläne für immer aufgegeben zu haben.

Am 16. v. M. hart des Königs Majestät ein De: kret erlaßen, in dem den Spaniern sowol, als au<h< den eingebürgerten Fremden, die Errichtung und Be- treibung jedes Gewerbes freigegeben wird; auch ift der Zunftzwang aufgehoben, und vie Gewerbtreibenden stehen ledigli<h unter der Kontroüe der Polizey, die nur darauf zu sehen hat , daß aus dieser Freigebung, der öffentlichen Wohlfahrt kein Nachtheil erwaÿHse.

Den in der leßten Zeit oft vorgetommenen Beweis, daß viele Schriftsteller no< ni<t mündig sind, um von der ihnen, von Seiten des Staates dvewilligren unumschronkten Preßfreiheit, zwe>mäßigen Gebrauch zu machen, liefert unter andern auch der Kon/stiturtio- nal, welcher wegen mehrer darin enrhaltener persón- lichen Beleidigungen, in der Provinz Granada hat verboten werden müßen.

In Saragoßa sind die Unruhen durch das dort ein- gerüctte Regiment von Asturien, völlig beseitiget wor: denz auch in Madrid haben die strengen Ma 1sregeln der Regierung gegen die Lorenziner den errwoünfchten Erfolg gehabt, und die Versicherungen der unicande(: baren Treue, die mehre Deputationen der gesammten Garnison, im Namen ihrer Mandoanten, Sr. Majestät dem Könige bei dieser Gelegenheit zu Füßen legten, haben die Feinde der Ordnung Überzeugt, daß die all: gemeine Stimmung nicht so ist, als sie solche wol wünschten.

London. Herr Brougham und Lord Hut- <inson waren der Königin bis St. Omer entge- gen gekommen, und der leßte machte ihrxr den Vorschlag der Minister bekannt, daß sie, gegen Verzichtleijtung auf den Nang und den Titel einer Königin von Eng- land und gegen die Versicherung, nie in einem Theile des vereinten Königreiches residicen, auch nie na< Eng- land zum Besuch kommen zu wollen, ein lebensl-=ng- lihes Jahrgehait von 50,000 Pfund - erhalten solle. Sie ließ sich indeßen auf die nähere Beantwortung die- ses Anirages nicht ein, und entgegnete blos, daß sie in London selbst die etwanigen Vorschläge Sr. Maj. des Königes in Ueberlegung nehmen werde, Sie verließ noch ‘am nämlichen Tage St. Omer und langte in Begleitung der Lady Hamilton, des Aldermanns Wood, ihres adoptirten Sohnes Auskin, und eines gleichfalls an Kindes Statt angenommenen kleinen 9l(ádchens, über Calais und Dover, am 6. d. M. in London an, wo sie im Hause des Herrn Wood ab: stieg. Das Volk strömte von allen Seiten herbei, und empfing sie mit dem Freudengeschrei „Es lebe unsré Königin Karoline“. An mehren Straßen:E>en wa- ren Zettel angeschlagen, in denen das Volk aufgefodert wurde, der Königin ¿ur Erlangung ihrer Rechte hilf- reiche Hand zu leisten. Wenige Stunden vorher hatte Lord Li verpool im Oberhause nachstehende Botschaft des Königs verlesen :

In Hinsicht der Ankunft der Königin findet es der König nöthig, dem Oberhause gewiße Papiere vorzulegen, welche sich auf das Betragen der Königin beziehen, seitdem sie dieses Land verlaßen hat, und die Se. Majestät der augenbli>lichen und genauen Auf: merksamkeit des Hauses empfehlen. Der König hat den herzlichsten Wunsch gehabt, alles Mögliche zu versuchen, was in seiner Macht steht, diesen Auftritt, welcher nicht allein s{merzhaft für sein Volk, sondern auch für seine eigenen Gefühle seyn muß, zu ver- meiden; aber der Schritt, den die Königin gethan hat, läßt ihm keins andere Wahl übrig, Fndem der