1920 / 279 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

wenn man die Sa&e loyal zur Sprache gebracht hätte, in persönlicher Weise vorzugehen. Ich hätte mich viel lieber auf den rein sahlihen Teil meiner Ausführungen beschränkt, wenn man fo loyal gewesen wäre, bei der Erörterung im Hauptausschuß dieses hohen Hauses den Herrn Staatssekretär, der stellvertretendes Reichsratsmitglied ist, hinzuzuziehen, wenn man ihn erst gehört hätte, bis man in dieser absprehenden Weise über ihn und sein Verfahren und leßten Endes au über mi geurteilt hätte. Wie die Vorgänge sich aber jeßt ab- gespielt haben, können Sie mir es niht verübeln, wenn ih mii der dur die Sache und die ganzen Vorgänge gebotenen Schärfe die auf mich erfolgten Angriffe zurückweise. Ich glaube, daß dem Herrn Reichskanzler meine Rede viel zu {warz geschildert worden ist, wenn er zu dem Urteil kommt, daß diese Vorgänge tief bedauerlich seien.

Fch bedauere die Divergenz, die zwishen dem Reichsernährungs- minister und meinem Ministerium besteht. Ich bin wahrli nit daran \{buld. Jch bin stets bemüht gewesen, mit dem Herrn Reichs- ernährungsminister konform zu gehen. Aber gewisse Kreise sind es, die ein außerordentlidbes Interesse daran zu haben seinen, den Herrn Reichsernährungsminister in Gegensaß zu mih zu bringen. Und diese Gegensäße kommen jeßt in einer so bedauerlihen Weise in der Oeffentlichkeit zum Ausdruk. Ih hoffe und wünsche, daß. da wir das gleiche Ziel haben, diese Erörterungen in Zukunft si in anderen Bahnen bewegen und andere Gepflogenheiten Plaß greifen werden. t wird uns ein derartiges Schauspiel für die Zukunft erspart

eiben.

Nunmehr wird die sachliheBeratungvertagtkt.

Zur Geschäftsordnung bemerkt

Abg. Henke (U. Soz. rechts): JIch sehe mich veranlaßt, im Namen meiner Fraktion zu erklären, daß wir in höchstem Maße be- dauern, daß der Reichskanzler in so unerhörter Weise gegen den Land. wirtschaftsminister aufgetreten ist. (Lachen rechts.)

Prásident b e : Das E eine sahlidhe Kritik an der Stellung- nahme des Reichskanzlers und niht zur Geschäftsordnung.

Persönlich bemerkt Abg. Dr. Helfferich (D. Nat.): Wenu der Abg. Braun ih glaube, es war der Abaeordnete (Heiterkeit) die Erwartung ausgesprochen hat, daß ih gewisse von mir im Auss{huß gemachte Ausführungen zurücknehmen würde, fo hat er sih getäuscht. Fh babe gesaat, wenn ein Beamter einen Bestehungsversuh duldet so ist das ein Skandal. Das halte ih aufrecht. Zweitens saate ich, es gehe über das Bohnenlied, wenn Angaestellte einer Gesellschaft, die unter Kontrolle des preußishen Ministeriums steht, fich unter- stehen, einen Bestebungsversuch aecenüber Reichsbeamten zu maden. Aber noch mehr geht es über das Bohnenlied, wenn Leute, die diesen Versucht matten, noch heute im Amt sind. (Hört, hört! rechts.)

Abg. Braun (Soz.): Herr Dr. Helfferid hat in der Kom- mission nah der einseitigen Darstellung des Ernährungsministers gesprochen, ohne Dr. Ramm zu hören. Man sollte doch nit auf Grund vorsbneller und einseitiner Darstellunaen von einem Skandal sprehen, bevor die Sache agerihtlih klargestellt ift.

Nächste Sißung Dienstag, 12 Uhr: Anfragen, Rayonsteuergeses und Fortseßung der Etatsberatunga.

Varlamentarische Nachrichten.

Dem Neichstag sind die Entwürfe eines Geseßes über den Ersaß der durch die Abtretung deutscher Neichsqebiete entstandenen Schäden (Verdrängungs- \hädengeseß), eines Geseßes über den Ersaß von Kriegsshäden in den ehemaligen deutschen Schuß- gebieten (Kolonialschädenaeseß) und eines Geseßes über den Ersaß von Kriegsschäden im Avsland (Auslands- \hädengeseß) nebst Begründungen zur Beschlußfassung zugegangen.

Der RNei{3taasaus\Guß für auswärtige An- gelegenheiten besdäftiate si gestern mit der Antwortk- note auf den enalisden Vorslag über die Abstimmuna in Obe r- \chlesien Die Verßkandlungen waren vertrauli®er Natur. Sie ergaben. wie ,W. T. B.* meldet, aeaenüber dem Vorschlage des englisen Premierministers völlige Einmütigkeit.

Kunst und Wissenschaft.

Die neue Abteilung der Natîional?galerie îimeke- maliaen Kronprinzenpalais ist am Donnerstag bia 12 Ubr aesblossen. Um 12 Ubr wird die Ausstellung holländisbGer Kunst în Gegenwart des boländisMen Gesandten eröffnet. Zutritt, außer für aeladene Gäste, 20 M4. Von Freitag an wird für die Näume der Ausstellung ur Deckung der Unkosten ein besonderes Eintrittsgeld von 2 (4 erhoben.

Verkehrswesen.

Das8 Neh der deutschben Funkverbindungen mit dem Ausland ist abermals erweitert worden. Für den Telearamm- verkehr zwisden Deutschland und Jugoslawien steht aufer dem Drakßt- wea über Oesterrei seit kurzem au eine unmittelbare Funk- verbindung zwiscben Königswusterhausen und Serajewo zur Verfüguna. Die Wortgebühren sind die gleiben wie für ten Drabtwea. Auf Wunsch der Telearapbenverwaltung Jugoslawiens sind bis auf weiteres jedo aufer - Staatêtelegrammen nur dringende Privat. ne zu dreifaher Gebühr zur Beförderung auf dem Funkwege zugelassen.

Statistik und Volkswirtschaft.

Leben8alterundLöhnederArbeiterdervereinigten preußischen und bessischGen Staatseisenbahnen im Rechnungsjahre 1918.

Na den Vebersichten über die Netriebsergebnisse der vereinigten preußis®en und bessisGen Staatseisenbahnen in dem Rechnunasiahre vom 1. April 1918 bis dabin 1919, die der Landesversammlung unterbreitet worden sind, standen von den 614 329 Bediensteten der Staatscisenbahnverwaltung, die am 1. Januar 1919 Mitglieder der alle Aufgaben der reicbsgesetl!iden SInvaliden- und Hinter- bliebenenversicherung erfüllenden Abteilung A der Pensionskasse für die Arbeiter der preufis{-bessi\ck@en Eisenbahnbetriebsgemeinschaft waren, 106915 = 17,40% im Alter von 30 bis 34 Jahren (aegen 17,99, 18 62, 18,86 und 18,21% am 1. Æanuar der vier Vor- jahre 1918, 1917, 1916 und 1915); 99 633 = 16,22 % waren 25 bis 99 Ja hre alt (geaen 16,93, 19,62, 21,5 und 22,61 9/9 în den vier Tezten Vorjahren), 82 834 = 13,48% 20 bis 24 Ja bre (aegen 11 20, 9.21, 7,82 und 11,66 9/0), 82 297 = 13,40% 39 bis 39 Jahre (geaen 13,72, 13,096, 14,14 und 13,48 9/0), 77911 = 12,68% n o ch nicht 20 Jahre (gegen 12,46, 10,59, 9,88 und 8,03 0/0), 62 245 = 1013% 40 bis 44 Jahre (gegen 10,19, 10,20, 9,88 und 9,14 9/6), 41 263 = 6,72% 45 bis 49 Sabre (gegen 6,67, 6,49, 6,88 und Ba 9/0), 27372 = 4,46% 50 bis 54 Jabre (gegen 5,03, 5,24, 4,86 und 4,61 9/0), 18 296 = 2,08 % 55 bis 59 Fabre (gegen 3,165, 3,19, 3,94 und 3,02 9/0), 9977 = 1,69% 60 bis 64 Iabre (geaen 1,72, 1,74, le und 1,8 9%), 4491 = 0,7 % 65 bis 69 Jahre alt (gegen 0,76, 0,74, 0,74 und 0,71 9%), und 1095 = 0,18 9% batten ein Alter von 70 und m ehr FXabren (aegen 0,19, 0,20, 0,20 und 0,21 9% am 1. Januar der Vorjahre 1918 bis 1915 zurück). Mar in den früberen Jahren bis 1917 die Alteréklasse bon 25 bis 29 Jahren am stärksten vertreten, so weist seit 1918 diejenige von 30 bis 34 Jahren die meisten versicherten Bediensteten der Staats- eisenbahnverwaltung auf.

Eine vergleichende Uebersicht Löhne, die im Rechnungsjahre einzelnen Klassen der Hilfskräfte, werl _im B triebe der Staatseisenbahnverwaltung für ein Tagewerk durhschnittlich gezahlt worden sind, 1a die bedeutende Steigerung erfennen, die diese Vergütungen und Löhne ien Le Berichtsjahre erfahren haben. Es erhielten im Durchschnitt an V

ergütung oder ein Tagewerk: , 1895 1905 1913 1915 1916 1917- 1918

Hilfskräfte des mittleren Mark tehnischen Dienstes bei Zurüführung ihrer festen Monatsbesoldungen auf Tagesvergütungen . . - 9,5 8,97 11,19 16,62 Hilfsfräfte im 1nneren Dienste , nichitecnische Büro- Kanzleigehilfen . 2,80 3,96 Hilfskräfte im untern Bahn- hofs- und Abfertigungs- dienste. . . . «_- - 2,58 Hilfskräfte im untern Bahn- bewahungs- und Bahn- s unterhaltungsdienst 1,6 3,27 9,4 Hilfskräfte im Lokomotiv-, Maschinen-, Wagemeister- und Schiffsdienste . - - 2,62 4,69 11,79 Hilfskräfte im Zugdienste . 1,93 6,385 10,66 Arbeiter im innern Dienste 2,58 4,06 10,20 Betriebsarbeiter auf Bahn- böfen, Güterböden . . . 2,53 4,07 6,4 11,13 Bahnunterhaltungsarbeiter 1,99 3,89 10,88 Hilfskräfte im untern Werk- stättendienste. «. . « « 2,11 Se La Hilfswerkführer . - - - 4,06 4, ' Werkstättenhandwerker : im Tagelohn . - - - 2,99 10,19 14,80 im Stücklohn. . . - 3,95 6 11,08 16,20 handwerk3mäßig ausgebildete MWerkstättenhandarbeiter: im Tagelohn. . «2,4 4 9,12 13,68 im Stückflohn. . . . 3,40 9 30 10,07 14,64 sonstige Werkstättenhand- arbeiter : im Tagelohn . « - « 2,38 50 6,67 11,81 im Stüclohn. . . 3,22 3582 610 8,24 12,07 Werkstättenlehrlinge . . . 1,06 1,07 la 1,8 83,2 alle Klassen von Bediensteten zusammengefaßt im Ge- famtdurdschnitt. . . « 2,0 2,80 93,82 47 5,01 Tor 11,6 Die den Hilfskräften des Lokomotiv- und Zugdienstes bestimmungs- gemäß gezahlten Nebenbezüge des Fahrpersonals find in der Lohn- vergütung nicht enthalten.

Lohn für

3,87

Arbeitsstreitigkeiten.

Der Gesamtverband deutsher Beamten- und Staatsangestellten-Gewerkschaften, der dem Deut- \{Gen Gewerk\chaftsbund (Vorsißender Wohblfahrtsminister Steger- wald) angeschlossen ist, hat, wie „W. T. B.“ berichtet, der Re- gierung und dem Reichstag folgende Mindestforde- rung überreiht: Allgemeine Erhöhung des Teuerungszuschlags für fämtlihe Beamte, besondere Fürsorge für die finderreichen Familien, besondere Fürsorge für die Beamten in den íIndustriebezirken, Rhein- lands, Westfalens, Sachsens und Oberschlefiens, sofortige Inkraft- seßung des neuen Ortsfklassenverzeichnisses in der Meise, daß einst- weilen für die Orte über 10 000 Einwohner die neue Einteilung finanziell wirksam gemacht wird, Auszahlung der Beträge noch vor Weihnachten, Beibehaltung der Betriebszulage und Aenderung des 8 25 des Besoldungsgesetzes in der vom Reichsgutachteraus\{chuß ver- langten Weise. Der Gesamtverband weist auf den Ernst der Lage hin und erwartet bestimmt die Erfüllung seiner Wünsche.

Die Versuche des Deutschen Eisenbabnerver- bandes, direkte Verhandlungen über die Erhöhung der Teuerungszulage herbeizuführen, haben, „W. T. B.“ zufolge, erreiht, daß heute nahmittag im Reichstag zwishen den einzelnen Verbänden und den Vertretern der bes teiligten Reih8ministerien über die Forderungen der Eisenbahner verhandelt wird. Der Vorstand des Deutschen Eisen- babhnerverbandes sollte beute vormittag zu etner Sitzung zusammen- e in der die Minde stforderungen festgelegt werden

ollen.

Aus Madrid wird dem ,W. T. B." gemeldet, daß die von den Arbeitersyndikaten beschlossene Ansage des all- gemeinen Ausstands bis auf weiteres ver \ch oben worden ist. In Verhandlungen mit den anderen sozialistishen Ver- bänden soll die gegen die Unterdrückung der syndikalistishen Be- wegung einzuleitende Protestaktion entgültig festgestellt werden. Die Polizei untersagte die Abbaltung der für Sonntag von den Syndikalisten geplanten Versammlungen. In Madrid herrscht im übrigen wieder Nußhe. Die Lage inSevilla undSaragossa ist unverändert. In Barcelona arbeiten nur die Bâcker und- Fleischer.

Dheater und Musik.

Kleines Schauspielhaus.

In seinem dreiaktigen Lustspiel , Ehelei*, das gestern zum ersten Male im Kleinen Schauspielhause aufgeführt wurde, variiert Hermann Bahr eigentlich nur das in seinem Lust)piele „Das Konzert“ angesclagene Thema. Auch bier steht ein gefeierter Musiker welcher der Ebe eines Freundes gefährlich wird, im Mittelpunkt. Diesmal ist es ein Operettenkomponist, dessen Werke Hunderte von Aufführungen erleben und den Alle, besonders aber die Frauen, ver- göttern. Aber dieser Komponist ist weder stolz auf seine Operettenerfolge noch auf fine Eroberungen; er sehnt sch herzlih nah ländlidher Zurückgezogenhbeit, wo er seine C-Moll-Messe vollenden

fönnte, und nach Nuhe vor den Belästigungen durch überspannte -

Frauen und interviewende Neporter. Wie er ih zuleßt aus der Scblinge zieht, als gar die Frau seines besten Freundes ihn in ihre Nähe bannen will, und der Freund selbst sich fast mit ihm entzweit, nicht, weil der Komponist seiner Gattin gefährlich wird, fondern im Gegenteil, weil er es ablehnt, si vor ihren Triumphwägen spannen zu lassen, ist der Gegenstand der sehr dünnen Handlung des Lustspiels". Als Lustspiel kann man es au nicht bewerten, sondern bödstens als Plauderei, in der allerlei mehr oder minder geistvolle Aus\sprüche über die Ehe getan werden und in der das Wort „Ehelei“ geprägt wird. Damit soll jene Gemeinschaft ¿wischen Mann und Frau gekennzeichnet werden, die konventionell und oberflächlich bleibt. Aber Bahrs Plauderkunst is von einigen Längen abgeschen, unterbaltsam genua, um die Auf- merksamkeit drei Akte lang festzuhalten, und die Charaktere, die er schildert, sind nit nach der Theaterschablone, sondern nach dem Leben gezeichnet. Das sind immerhin niht zu untershätzende Vorzüge. Die gestrige Aufführung rückte sie nur zum Teil ins rechte Licht. Gut war vor allem Viktor Schwanneke, der nicht nur das Gesamtspiel leitete, sondern auch den erfolgreichen Operettenkomponisten in belustigender und überzeugender Weise auf die Bühne stellte. Ihm standen Alfred Haase in der Rolle des Freundes und Jobanna Terwin als dessen ver- \{mähte Gattin ebenbürtig zur Seite. Unter den Darstellern kleinerer Rollen erfüllten dagegen nicht Alle die Ansprüche, die man an eine großstädtishe Bübne stellen muß. Das Stück erzielte einen freundlichen, unbestrittenen Erfolg.

Sag

Im Opernhause wird morgen, Donnerstag, „Ein Masfens ball“? mit den Damen Wildbrunn, von Catopol-Batteux, Arndt- Ober und den Herren Kirchner, Sc{{lusnus, Habich, Zador, Stock uw PHiBpy belens, gegeben. Musikfalischer Leiter ist Dr. Karl Besl.

nfan r. :

m Schauspielhause wird morgen „König Richard TIT.“ mit Fritz Kortner in der Titelrolle wiederholt. Anfang 7 Uhr.

Mannigfaltiges.

_/ Swinemünde, 7. Dezember. (W. T. B.) Von zuständiger

Seite erfahren wir über das bisherige Ergebnis der Untersuhung über eine Schießerei, bei der mehrere Militärpersonen \chwer verleßt worden sind: In der Nacht vom 3. zum 4. De- zember befanden sich mehrere Soldaten der Küstenwehrab- teilung auf dem Heimwege, als in ihrer Nähe 9 bis 6 Schüsse fielen, die, wie nahträglich festzustellen war, von einem Wachtmanu obne besonderen Anlaß abgefeuert worden sind. Die Soldaten nahmen an, einer ihrer Kameraden, den fie vermißten, sei überfallen, eilten ihm zu Hilfe und gerieten, durch die Dun elheit irregeführt, an einen in oe gekleideten Seeoffizier, der unglülicherwei]e dur einen Stich wer verleßt wurde und in der Notwehr einen der Soldaten mit seiner Schußwaffe lebensgefährlih verwundete. In der leßten Zeit haben mehrere Ueberfälle halbwüchsiger Burschen auf einzelne Militär personen stattgefunden. Nur damit ist das bedauerlichhe Mißpver- ständnis zu erklären.

Hamburs, 7. (W. T. B.) Am heutigen zweiten Tage des 1. Kongresses der Auslandsdeut chen bes handelte Dr. Walter Lessing- Berlin (früher Pa das Thema „Auslandsdeutshtum und Wirtschaftspolitik“. Der Redner betonte, daß der deutshe Außenhandel die Grundlage der deutschen Wirtschaft sei. Zur Wiederherstellung des Außenhandels müßten die Auslandsdeutschen herangezogen werden, deren Kenntnisse und Erfahrungen nußgbar zu machen seien. Auslandsdeutshe würden, wenn sie wieder hinausgehen, wertvolle Dienste leisten können. Dr. Lessing richtet an die Auslandsdeutschen die Aufforderung, \ich dem Volksganzen zur Verfügung zu halten. Im weiteren Verlauf der Sißung sprach Dr. Ein horn, S des Bundes der Auélandsdeutshen, über „Entschädigung der Auslandsdeutschen, Steuergeseßgebung und Wiederaufbau“. Er brachte Beshwerden wegen der hier in Betracht kommenden Fragen vor und verlangte mehr Nüsicht auf die Auslandsdeutshen. Dann nahm der Ober- landesgerihtsrat Fehlin g - Hamburg, Präsident des Nord- deutschen Hansabundes, das Wort zu Ausführungen über Hamburg und das Auslandsdeutshtum. Er betonte die Bedeutung der Auslandsdeutshen als Pioniere im Auslande und namentlich über See. Die mburger betrachteten den Schutz des Auslandsdeutshtums als eine Pflicht und eine nationale Aufgabe. Der Direkor F. Kühl würdigte in seinem Schluß: wort zusammenfassend die mit E Beifall - aufgenommenen Referate und gab der Hoffnung Ausdruck, daß der Kongreß dazu bei- tragen werde, das hohe Ziel des Auslandédeutschtums zu erreichen, damit die Pioniere deutshen Wesens wieder hinausziehen könnten mit dem Bewußtsein, eine starke Heimat hinter sih zu haben, und damit sie wieder wie einst draußen sagen könnten: „Deutschland, Deutschland über alles!“

Kattowiß, 7. Dezember. (W. T. B.) Das UeBexr- \chichtenabkommen in oberschlesischen Berg- Und PLIIEn U R R ist am Sonnabend unterzeichnet worden.

Paris, 7. Dezember. (W. T. B.) Nah einer Blätter- meldung aus Manchester werden die Baumwollfabriken in Lancashire wegen der Krisis in der Baumwollindustrie von heute ab nur noch drei Tage in der Woche arbeiten. Von dieser Maßnahme {sind 100 000 Arbeiter betroffen.

Kopenhagen, 7. Dezember. (W. T. B. In R îga sind aus Moskau als „Diplomatengevädck“ 4 Gemälde von den berühmtesten russishen Meistern eingetroffen und werden dort jeßt durch litauische Zwischenhändler zum Verkauf ausgeboten. Die Gemälde find anscheinend aus einer Privatsamm- lung in Moskau gestohlen.

l Helsingfors, 7. Dezember. (W. T. B.) Die dänis®e Zeitung „Berlingske Tidende“ meldet : Die russishen Sowjetzeitungen teilen mit, daß es jeßt in Rußland 84 Gefangenenlager gibt, in denen sich 89 000 frühere Beamte, Offiziere, Polizeibeamte usw. aus der Zarenzeit befinden. Vor einem Jahre gab es 21 Gefangenenlager mit 16 000 Gefangenen.

New York, 7. Dezember. (W. T. B.) Wie „New York Herald“ meldet, explodierten gestern an Bord eines militä- rishen Leihters 75 Granaten. Zehn Personen wurden verleßt. Der Leichter wurde so stark beshädigt, daß er unterging.

(Fortseßung des Nichtamilichen in der Ersten und Zweiten Beilage.)

E

Theater.

9pernhaus. (Unter den Linden.) Donnerstag: 221. Dauer bezugsvorstellung. Ein Maskenball. Anfang 7 Uhr. Freitag: Ritter Blaubart. Anfang 7 Uhr.

Schauspielhaus.(Am Gendarmenmarkt.) Donnerst. : 227.Dauer-: bezugsvorstellung. König Richard der Dritte. Anfang 7 Uhr. Freitag: Zum ersten Male: Kreuzweg. Anfang 7 Uhr.

Familiennachrichten.

Geboren: Ein Sohn: . Regierungsrat Hanskurt von

Ditfurth (Cassel). L A

Verlobt: Frl. Irmgard Gräfin von Roedern mit Oswald H. hen en (P ora Fideik Frl arie Carl:G “4 fre von

ürstenberg mi . Fideikommißherrn Carl- v

fe (Schloß Clarholz i. W.). E Rats ad

Gestorben: Hr. Wirkl. Geh. Oberjustizrat Dr. von Plehwe, Kanzler im Königreich “upen (Königsberg i. Pr.). Hr. General der Artillerie z. D: Ernst von Kuhlmann (Alfeld). Hr. Geheimer und Oberbaurat Karl Moeller (Schwerin i. Meckl.). E verwitwete Generalmajor Elise Taubert (Berlin-Wilmers-

Verantwortlicher Schriftleiter: Direktor Dr. T y r o l, Charlottenburg.

Verantwortlich für den Anzeigenteil : Der Vorsteher der Geschäftsstelle Micitaea engering in Berlin. E

Verlag der Geschäftsstelle (Mengering) in Berlin.

Druck der Norddeutf Bucbdruckerei und Verlagsanstalt, n E R O

Fünf Beilagen und Erste, Zweite und Dritte Zentral-Handelsregister-Beilage, _:

um Deutschen Reichsa

Ir. 279. Nichtamtliches.

(Forisezung aus dem Hauptblatt.) Deutscher Reichstag.

43. Sigzung vom 7. Dezember 1920, Mittags 12 Uhr. (Bericht des Nachrichtenbüros des Vereins deutscher Zeitungêverleger*).)

Auf der Tagesordnung stehen zunächst Anfragen.

Auf Anfrage des Ab Euro! (Soz.) wegen der unhalt- baren Zustände auf dem Bahnpostamtin Ln nberg Pr. erkennt ein Vertreter des Reichspostamts an, daß die Zustände ver- besserungsbedürftig sind; der Plan des Umbaus abe vorläufig auf- egeben werden müssen wegen der hohen Kosten. Es werde versucht, bie Frage in anderer Weise zu lösen. Bei der großen Wohnungsn2t sei es shwer, andere Räume zu finden.

Auf Anfrage des Abg. Leutheußer (D. Vp.) wegen der Entschädigung der vertriebenen Elsaß-Lothringer für den verlorenen Panarat d E des Gnisctdigunasaeseves wird

uy iguna zum Erla igungsgeseßes wir Gusen Mein erwidert, daß dieses Geseß in den nächsten Tagen dem

sfeidhstag zugehen werde.

Eine Anfrage E. Dr. Philipp (D. Nat.) über die Art und Weise, wie eine Eingabe eines Wiesbadener Bürgers der französischen Besabungsbehörde bekannt geworden sei, erklärt die Re- gierung für eine preußishe Angelegenheit, da die Eingabe aus dem Gewahrsam preußischer Behörden den Franzosen zur Kenntnis ge- fommen sein soll.

Ein Geseßentwurf über die einheitliheLehrerbildung im Neiche auf Grund des Art. 143 Abs. 2 der Verfassung Anfrage des Abg. Hellmann (Soz.) konnte, wie States Scchulz mitteilt, noch niht vorgelegt werden, weil im Hinblick auf die wirt- schaftliche Notlage des Reichs und der Länder zuvor die finanziellen Rücfwirkungen des Gesebes eingehender Verhandlungen mit den Finna s des Reichs und der Länder bedürfen. Sobald es ge- ungen sei, die Frage der Kostendeckung in befriedigender Weise zu Hes wird der Geseßentwurf dem Reichstag unverzüglih vorgelegt werden.

An Antrage des Abg. Shimmelpfennig (D. Nat.) betreffs Beschäftigung des Striftstellers und Abgeordneten der Nationalver-

sammlung Simon Kaßtßenstein als Referenten im NReihs-

wirtshaftsministerium, der Gehalt bezogen haben soll, ohne, tatsäclich | tâtig gewesen zu sein, wird regierungsseitig mitgeteilt, in welcher ' Weise Kakenstein tätig gewesen sei, namentli in der Reihs\cul- |

fonferenz. Mit Rücksicht auf die Finanzlage sei ihm seine Stellung zum 31. Dezember gekündigt worden. (Die längeren Ausführungen des Komissars bleiben im einzelnen unverständlich.)

Auf Anfrage des Abg. Plettner (U. Soz.) über das Bestehen | Hannover und deren | Kleingartenpflege sind im Etat leider keine Mittel vorgesehen; wir

ciner Orts\chubßorganisation in l Unterstüßung durch den Magistrat von Hannover unter Leitung des Oberbürgermeisters Leinert mit 50 000 Mark aus städtishen Mitteln wird regierungsseitig erwidert, daß dies eine Angelegenheit preußischen Polizeiverwaltung set.

Auf eine Ergänzungsanfrage erwidert Staatssekretär Lewald, daß die Frage beantwortet werden könne, wenn bon der preußischen Regierung das Material mitgeteilt fel

Auf Anfrage des Abg. T h iel (D. Vp.) wegen Gntlassung von Angestellten des Zentralnahweisecamtes für Krieger» verluste und Kriegergräber wird von einem Regierungs- vertreter envidert: Die Reichsregierung hat dur den Reichskommissar für Vereinfahung und Vereinheitlihung der Reichsverwaltung das Zentralnahweiseamt einer Prüfung daraufhin unterziehen lassen, ob “us den um 3,7 Millionen gekürzten Mitteln die Ausgaben für niht- beamtete Kräfte bestritten werden könnten. Die Prüfung hat ergeben, daß die Küczung um 3,7 Millionen nit mehr dur{führbar ist, und daß zur ordnungsmäßigen Weiterführung der Arbeiten ein Llehr- beirag von einér illion Mark erforderlich ist, die die Re-

ierung in dem Ergänzungshaushalt für das Rechnungsjahr 1920 an- ordern wird, j

Auf Anfrage des Aba. La mb a ch (D. Nat.) wegen Bewahrung der Jnvalidenversicherung vor dem Zusammenbrucch erklärt ein Regierungsvertretec, daß die Reichsregierung beabsichtige, die Bei- Lee und Leistungen der Versicherung und die Renten in Einklang zu

ringen.

Auf Anfrage des Abg. Sauerbrey (U. Soz.) wegen Erhöhung der Bezüge der Friedensrentenempfänger wird regierungs- seitig ein entsprechender Geseßentwurf in Aussicht gestellt.

Jn erster Beratung wird der Entwurf eines Rayon - steuergeseßes an den Steueraus\schuß und ein weiterer Notetat für 1920 an den Hauptaus\huß überwiesen.

Hierauf wird die Beratung des Haushalts des Neihsministeriums für Ernährung und Landwirtschaft fortgeseßt.

_ Abg. Blum (Zentr.): Die Autorität und Würde der Regierung wird dur solche Ministerduelle, wie wix sie estern erlebt haben, s gefördert. pat der Minister Braun sich die e Folge“ nit vorgestellt als er diese dramatishe Debatte entfesselte? Wir stimmen dem Reichs- fanzler völlig zu, daß er dagegen mit Entschiedenheit aufgetreten ut. Solche Zwistigkeiten müssen innerhalb der Re terung, bleven, Herr Braun Hat einen vergifteten Pfeil gegen den, dr. Hermes ab- geho en: da er die behauptete Fälshung nit beweisen kann, fälli er Pfeil’ auf den Schüßen zurück. Wir billigen die Tätigkeit des Reichsernährungsministers. Die erschaft gegen die Zwangswirt- haft hat m ständig vermehrt; daß die Zwangswirischaft sich nicht bewährt hat, darüber kann kein Zweifel mehr sein, und sie iït jeßt tat- \ählih zusammengebrochen, sie hat sih selber aufgelö t. In diesem Jahre hat z. B. bei den Kartoffeln die Zwangswirt aft vollständig versagt, die Gemeinden haben ihre Mengen nicht bekommen können. Die Gemeinden wissen vor Finanznot niht mehr aus und ein und wollen von der Zwangswirtschaft befreit sein. Heute Heißt die Parole: Freie Bahn der freien Wirtschaft. Die Linke hat immer den Hauptwert auf die Verteilung der Lebensmittel gelegt, während wir immer betont haben bes die Erzeugung von Lebensmitteln die Hauptsache ist. Brot- und Meh versorgung m ie Grundlage unserer Ernährung; wir müsen

in gebe iese ersarguag aus dem Inlande zu deckden. Vie Anbaustatistik bedarf sorgfältigster Beachtung, Wir haben 35 Millionen ar Anbaufläche, der Anbau ist aber im Kriege zurückgegangen. An- att aus den Oedländereien neue Kulturböden 21 schaffen, müssen wir unächst aus den vorhandenen Kulturbödcn dur intensive Bewirt- aftung herausholen, was herauszuholen ist. der ländli Or müssen wir vollen Erfassung a kommen. Es ist in diesem Jahre rund ein Drittel weniger Getreide Mg worden als im vorigen Jahre, aber es ist noch nicht alles Getreide cuagedrolhen worden; dazu hat ès an Arbeitskräften und Kohlen ge- fehlt. Viel Getreide und Mehl wird an die Hamsterer verschoben. Der Anreiz zur Ablieferung muß gehoben werden. Die Ernte- schäßungen durch die Bauern haben si als zutreffender erwiesen Mit Ausnahme der Reden der Herren Minister, die im aute wiedergegeben werden.

Erste Beilage

nzeiger und Preußischen Staatsanzeiger

Berlin, Mittwoch, den 8. Dezembe

1920

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als die amtlihen Shäßungen. Deshalb sollte man ein freiheitlihes Umlageverfahren durch die Bauern selbst zulassen. Der Krieg hat den Bauernstand a und demoralistiert. Die Beschaffung des Saatgetreides muß dezentralisiert werden und die Düngemittel müssen verbilligt werden. Wir müssen ferner für Futtermittel sorgen, damit der Anreiz zum Verfüttern von Brotgetreide fortfällt. Die Welternte ist in diesem Jahre vorzüglich und kann zur u ripigg s unserer Ernte herangezogen werden. Wir brauchen also nicht zu befürhten, daß in unserer Ernährung eine Lücke eintreten könnte. Daß der Minister 35 Kriegsgesellshaften aufgelöst hat, danken wir ißm. Wir freuen uns besonders, daß die Viehhandelsverbände aufgelöst werden. Die Fleischversorgung ist allerdings in ein Stadium gelangt, daß es dem Minderbemittelten niht möglich ist, si Fleis zu, kaufen. Die deutshe Landwirtschaft hat die moralische und patriotische Pflicht, dieses UVebergangs|stadium zu, überwinden. Durh eine frei- willige Aktion der Landwirte müßten die Preise gesenkt werden. Die Verbilligung der Fleishpreise liegt nicht allein im Interesse der Minderbemittelten, sondern des Ansehens der gesamten deutshen Wirtschaft. Wir brauchen Oualitätsvieh; aber welhem Landwirt kann man zumuten, einen wertvollen Zuchtstier einzu- stellen, wenn er damit renen muß, daß die Entente ihn ihm wieder fortnimmt? Unsere Hauptsorge ist jeßt die Mil{versorgung unserer Kinder. Die Kindersterblichkeit hat erschreZend zuge- nommen. Die Entente hat die Viebablieferung nur hinausgeshoben, aber sie verlangt nach wie vor 900 000 Stück Vieh Es ift festgestellt, daß weder in Frankreich noch in Belgien ein Milchmangek bestcht. Wir brauen eine Milliarde Liter Mil mehr, als wir haben; dazu fehlen uns 14 Millionen Stück Milchkühe, und da verlangt die Entente die Ablieferung von 800 000 Mil&kühen. Die Kindersterblichkeit in Deutschland hat die Menschenliebe jenseits des Ozeans ausgelöst. Wir müssen von der Regierung fordern, daß sie die Abgabe von Miíchkühen nah Möglichkeit einshränkt. In der Kartoffelversorgung hat der deutsche Landwirt als pflihttreuer, vaterlandsliebender Mann nch be- währt. An den Wyudcerpreisen ist der Landwirt nit \{uld. Die Be- völkerung is wegen der Fatioff erung beunruhigt. Die Anbau- fläche ist allerdings zurückgegangen, aber die Ernte von 500 Millionen Zentnern ist ausreichend für die Ernährung, wenn die Verteilung in richtiger Weise vorgenommen wird. Es muß nur die Vorsihtsmaßregel getroffen werden, die auch der Minister zugesagt hat, daß Mundbrot da ist, wenn die Kartoffelversorgung wirkli einmal stocken sollte. Unsere bochentwidelte Oelindustrie muß bestens gefördert werden, damit der Butterverbrauch dur Margarine ersekt werden kann und Mil frei wird. Wenn man jeßt von der Sozialisierung spricht, warum hat man dann in Weimar nicht die Sozialisierung vorgenommen, sondern die Erzeugung auf die freie Tätigkeit der Fabriken verwiesen? Wenn wir wieder vollen Körnerertrag erzielen wollen, müssen wir ferner die Versorgung unseres Bodens mit Phosphorsäure wieder auf die Höhe heben. Jn bezug auf die Kaliversorgung haben weite Ver- braucherkreise den Wunsch, daß das Kalisyndikat in seiner Preispolitik einheitlide Grundsäße für alle Nerbraucherorganisationen befolgt. Das Veterinärwesen muß vom Ministerium des Innern auf das Landwirtschaftsministeruum übertragen werden. pas die

müssen aber den Familien die Gelegenheit schaffen, sch in ländlicher Luft zu erbolen und in den kleinen Gärten den Gemüsebau zu pflegen. Daß der Bauerstand kein Verständnis für die Lage des städtischen Ar- beiters habe, muß i auf das entshiedenste bestreiten. Wir auf dem Lande müssen uns allerdines gegen den Acbtstundentag wehren; im Sommer muß mehr, im Winter fann weniger auf dem Lande 0e- arbeitet werden. Die Ansiedlung von ländlißen Arbeitern ist von der größten Bedeutung, die Ueberteuerunaszuschüsse für Bauten müssen in erster Linie für ländlide Siedlungen geneben werden. Namentlid müssen wir für die Nückwanderer in dieser Hinsicht soraen. Fn der Pachtfraae müssen die Rechte der Pächter und Vervähter mit einander ausgealichen werden. Das Ministerium für Landwirtschaft und Ernährung ist nit nur eine Mürde, sondern heute aud eine aroße Bürde, wir müssen deshalb dem Minister diese Bürde möoli{st erleidhtern. Wir müssen uns alle mitverantwortlich fühlen für die großen Ernährungsfragen. (Leb- hafter Beifall im Zentrum.)

Abg. Krüger - Hovpenrade (D. Nat.): Der Abg. Braun hat wobl das Recht, seine Fraktion zu vertreten, aber es ist nit zu verstehen, daß er auch in seiner Eigenschaft als preußischer Lands wirt\Gaftsminister seine Angriffe aegen den Reichsminister für Landwirtschaft unterstriGen hat. Der Reichsminister für Landwirtschaft hat jekt die schwieriasten Fragen zu lösen, nit nur die Fragen der inneren Versorgung, sondern auch die Fragen der Aufenpolitik, die in- folae des Verlangens der Entente hier bereinspielen. Unter Frankreichs Führung stellt die Entente unerfüllbare Forderungen; i wünschte, es käme eine Reisreaierung, die den Mut hat, ein entsheidendes Wort in die Wa-schale zu leaen. Denn es gibt auch eine Grenze des Erfüllbaren. Man hat #ch in der Ernährungs- frage immer darum gekümmert, wie man alle landwirtschaftlihen Produkte erfassen kann, aber man hat #6 ret wenig um die Pro- duktion selbst gekümmert und namentlich die Verschiedenartigkeit der Landwirtschaft nit in Betracht gezogen. Wir müssen auf die Eiaen- art der Landwirtschaft Rücksicht nehmen und dürfen den Bauern keine Vorschriften für den Anbau und für die sonstiqe Wirtschaft machen. Auch auf der Linken wird es wohl kaum noch ein Mitglied geben, das glaubt, daß nur mit der Zwanaswirtschaft die Produktion zu heben ist. die großen Kosten der Kriegsgesellshaften haben die Konsumenten tragen mussen, und die Linke will doh gerade die Interessen der Konsumenten ver- treten. Die Zwanagwirtschaft muß aufgehoben werden. Dur die bisherige Freiaabe ist {on eine bessere und billigere Ernährung des Nolkes erreiht worden; aber man darf nit verlangen, daß das alles mit einem Male geben muß Auch die Fleishversorguna wird mit der Zeit besser und billiger werden. Die Getreideernte ist sehr gerina aewesen, deshalb müssen wir die Ursacben prüfen, weshalb aus dem Boden nit mehr heraus«eholt werden konnte. Die Bearbeitung des Bodens hat nicht in der Weise vollzogen werden Fönnen, wie es nôtiq gewesen wäre. Jch befürchte für das nächste Fahr einen noch arößeren Rückshlaa der Ernte. Die Ernteshäßungen sind aanz will- fürlid gewesen. In Hessen hat z. B. eine viel zu aute Shäßung stattacfunden, daraufhin aber wird jekt die Ablieferung verlangt. Man kann doch von den Leuten nicht verlangen, daß sie das Lokte heraeben sollen, nur weil die Schäkung es vorgeschrieben hat. Das Umlageverfahren wird eine bessere Ablieferung herbeiführen und Wucher und Sleichhandel verhindern, denn die Kontrolle würde dann in der Landwirtschaft selbst lieaen. Die Ablieferuna kann ferner aehoben werden, wenn die Mais- einfuhr wesentlih erhöht wird und für die Ablieferung von „Brot- cetreide eine acnünende Menae Mais bergegeben wird. An dem Milchmangel ist die Landwirtshaft nicht \{uld. Unser Vieh- stand ist während des Krieges zurückaeaangen und in der Qualität

- verringert infoloe des Zustandes der Meiden und des Mangels an

Kraftfutter. Wir müssen deshalb möalich#t die Kroftfuttereinfuhr fördern. Der Milchpreis ist lanoe nit in demselben Maße gestiegen wie der Biervreis, aber der Bierpreis wird ruhig hinoenommen. Es is allerdings richtig, daß wir künstliche Düngemittel anwenden müssen, wie Herr Braun sagt, aber es ist nit ridchtia, die Produktions\teiaerung. allein von der Anwendung fünstsicher Dünaemittel abbängia zu machen. (Sehr rictia! rechts.) AVlein Sie Witteruna kann durch alle Berehnunaen einen Strih macben. Wir sollen künstliche Diinoemittel anwenden, aber uns nicht bloß

darauf einstellen. Die Sozialisierung würde die Düngemittel nit

verbilligen, ers verteuern. Die Landwirtschaft hat früher die olnischen Arbeiter zur Verfügung gehabt. Heute könnten ihr die tädtishen Grwerbslosen zur O ung stehen, aber diese Leute ver- tehen nihts von der Landwirtscha Eine Hebung der Produktion ist sch{ließlich nur dann möglich, wenn Stadt und. Land si gegenseitig verstehen und {ich in die Hände arbeiten. Wir werden wieder zusammenkommen müssen, wenn wir unfer Volk wieder vorwärts bringen wollen. Die Landwirtschaft hat bei der Not des Vaterlandes noch nie versagt (Widerspru links); dann kennen Sie die Landwirtschaft nit. Die Not des Volkes ist groß, aber sie ist zu lindern. Denkt nicht an die große politische Zerfahrenheit, denkt ni&t an Wuchergewinne und Schleichhandel, denkt an die Not des Volkes; Nord und Süd, Ost und West müssen zusammenstehen um Elend und Zerfall zu bekänpfen. Die Landwirtschaft - wird der Kulturträger der neuen Zeit fein, nur mit der Landwirtschaft kann die Gesundung des Volkes kommen. Herr, stärke uns den Glauben an uns selbst, an Gott und Vaterland! (Beifall rets.)

Abg. Du s che (D. V.): Jch will mi kurz fassen, das Haus soll nit immer die Halle der Wiederholung sein. Wir haben gestern em Schauspiel so erniedrigend erlebt, wie es noch nie in einem deutschen Parlament und auch wohl nit in einem auswärtigen Parlament vorgekommen ist. Die Gerichte mögen in dem Streitfall Kläruns schaffen, aber ih kann bezeugen, daß an dem Briefe des Staats sefretärs Ramm, den ih vor einer Stunde in der Hand gehabt habe, nit eine Fälschung vorgenommen ist. Wie könnte ein Minister einem anderen den {weren Vorwurf der Benußung einer Urkunden- fälshung maden! Wir verlangen, daß alle Mitglieder sich eine Hedenlose Weste wahren, und daß in jedem Ministerium vollständig forrekte Geschäftsführung betrieben wird. Vorläufig haben wir noh das Vertrauen zu dem Minister Hermes, und wir hoffen, daß das Gericht ihm Recht geben wird. Bei den A1 griffen des Herrn Braun kommt au der Ton in Betracht, er hat diesen unqualifizierbaren Angriff gemacht mit Rücksicht auf die bevorstehenden preußisden Wahlen. Sehr viele Männer und Frauen, die bisher sozialdemokratisch gewählt haben, werden sid diele Kampfesweise nicht gefallen lassen. Der Abg. Braun hat mit dazu beigetragen, Ly er bald von seinem Posten verschwindet. Wir haben allerdings nichts anderes von ihm erwartet, als er gestern hier ae- leistet hat. (Zwischenruf links.) Ein Teil der Schuld daran, daß die landwirtschaftliche Produktion gesunken ist und die Lebensmittelverhält» nisse \bledt sind, ijt dem früheren Minister Smidt zuzuschieben. Die Landwirtschaft ist ur ertensiven Wirtschaft aus der Not der Zeit über- gegangen (Ruf links: Aus Gewinnsuct!), nein, niht aus Gewinnsuct, denn mit der ertensiven Wirtschaft ist nit der größte Erfolg zu erzielen. In Weimar sind Geseße gemacht worden, die die Wirtschaft geradezü uüunmöglih maden. (Zustimmung rets. Widerspruch links.) den \tädti\hen Arbeitern haben wir auf dem Lande meistens keine guten Erfahrungen gemacht, nidt einmal bei den Erntearbeiten. landwirtschaftlide Arbeit is sehr wer. Der Achtstundentaa Ha! aub die landwirtschaftliche Produktion zurückgebraht. (Lebhafter Widerspruch links.) Nur dadur, daß der Bauer und seine Familien- angehörigen länger gearbeitet haben, sind Sie nit verhungert. (Beifall rechts.) Die größeren Betriebe sind an den Acbtstundentag gebunden. Cs muß ermöglicht werden, daß durch freie Verein=- barungen die Arbeitszeit verlängert werden kann. Der Minister Braun hat gestern viel Aufhebens von seiner Denkschrift über die NBerbilligung der Düngemittel gemacht. Das liest si in der Denk. rift alles ganz gut, aber es fehlt nicht der Pferdefuß: die Kunst- düngerfabrikation soll an das Reich übertragen und soztalisiert werden. Die Sozialisierung der Düngemittel würde eine Verringerung der Produktion und eine Verteuerung zur Folae haben. Wir wollen jeden Landwirt an den Pranger stellen, der seine Pflicht gegen das Volk nit erfüllt; wir haben die Landwirte ermahnt, alles abzuliefern, was sie irgend entbehren können. Aber unsere Ernte ist leider \Hleht aewesen, in manchen Gegenden geradezu eine Mißernte. Jch reue mi, daß die jeßige Reaierung im Gegensaß zu den Minister Smidt das ausländishe Getreide rechtzeitig eingetauft hat. Der Minister will dafür sorgen, daß die Neichsnetreidestelle nid bureaufratisch verfährt; aber ih muß do über verschiedene bureau- fratishe Maßnahmen fklagen. Die Zucekerproduktion ist unter der Zwangswirtschafi gewaltig zurückgegangen. Der Sieg des Nübens= zuckers über den Rohrzuder ist wieder verloren aegangen. Der Mi- nister sagt mit Recht, die Zwangswirtsbaft für Zuckèr könne noch nit aufgehoben werden, weil man die dur den Krieg zurüd- gekommene Zuderindustrie nit den Sdwanfktuncen des Weltmarftes ausseßzen fann. Die Fleishpreise werden sch mit der Zeit senken. Das wertvolle Zuchkvieh darf natürli nit abgeschlachtet werden. Die Kartoffelversorgung ist alückliherweise in ruhigere Bahnen gelenkt worden, aber es sind do immer noch Fälle vor- gekommen, in denen die Städte in Schwierigkeiten gekommen hind. Das Reichsrahmengeseß für die Landwirtschaftskammern begrüßen wir; es ist aber ein Unding, daß in Preußen ein Landwirt- \aftókammergeseß gemacht wird, ehe das Reichsgeseß verabschtede t Der Vernichtungswille unserer Feinde treibt immer neue Blüten. Unsere Landwirte haben nicht Kohlen genug, um das Getreide ausdreshen zu Tönnen, große Vicehablieserungen werden verlangt. Das geht so nit weiter. (Zustimmung rets.) Jh vermisse in dieser Hinsicht eine Festigkeit der Megierung genen über dem Auslande. Wir wollen uns nit bemühen, unseren Vieh stand zu heben, um ihn dann an das Ausland abzugeben. Wir haben vor allen Dingen unsere Kühe notwendig, um unsere Kinder mit Milch zu versorgen. Es müssen die Schilder an den Wänden mit der Aufschrift „Kinder in Not“ wieder versGwinden können. (Leb- hafter Beifall.) i

Abg. Dr. Her b (U. ‘Soz. rechts): Der Reichskanzler hat dur seine gestrigen Drohworte in die Rechte der Abgeordneten cingeartf[en; wir müssen dagegen protestieren. Ver Reichskanzler ist über seine Nechte hinausgegangen. (Nuf rets: Politisher Takt!) Ueber pelitishen Takt uns zu unterhalten wäre vollständig nußlos. (Sehr richtig! rechts; Heiterkeit.) Der Minister Braun hat ledigli die Angriffe auf seinen Staatssckretär Namm zurückgewiesen. Bayerische Minister haben si erhebliche Angriffe gegen die Reichsregierung er- lauben fönnen, ohne daß die Reichsregierung se zurüLgewiesen haft. (Nuf rechts: Nicht im Reichstage!) Der Reichskanzler wird mtt seinen Absichten auf unseren Widerstand stoßen. Der Reichskanzler hätte diese Angelegenheit im NReichskabinett oder in der Preußischen Negieung zur Sprache bringen können. Die wichtigsten Voraus» 12 i für die Aufhebung der Zwangswirtschaft, ein genügender Stand der landwirtschaftlichen Produktion, fehlt. Wir können auf den Schuß der Konsumenten nit verzichten, solange die Nachfrage nah Lebensmitteln noch so aroß_ ist. Die Freigabe der Viehwirt- {chaft hat zur übermäßigen Verfütterung von Brotgetreide geführt, das dadurch teurer geworden ist. (Widerspruch rechts; Nuf: Die Suden verschieben das Getreide!) Herr v. Batocki hat in einem Artikel gesagt, daß die Ställe der Bauern und Landarbeiter mit S&weinen überfüllt sind, die mit Brotgetreide gefüttert sind. Die Negierung hat gegen dieses Unwesen nur das Mittel der sanften Mahnung. Die zurückgehaltene Ablieferung des Getreides ist auf die Agitation des Landbundes urückzuführen, es wird der Ausdrush mit Absicht zurückgehalten. as ist das Leichtsinnige der sebigen Ernährungspolitik, daß die Verbraucher zum Spielball der Produ- ¿enten gemahi werden, daß thnen Versprehungen gemacht werden, die niemals erfüllt werden können. Die Preissteigerung führt nicht zur Steigerung der Produktion; je Höher die Preise sind, desto weniger wird abgebaut, weil die Steigerung der Produktion mit Kosten ver- bunden ist. Das Privateigentum an den Produktionsmitteln hat zu