1830 / 234 p. 1 (Allgemeine Preußische Staats-Zeitung) scan diff

1784

und von der Thronbesteigung Kdnig Wilhelm IV. dem hie- gen Königl. Großbritanischen Botschafter überbracht. Diese Trauer-Botschaft wurde durch die in der Nähe von Tarapia vor Anker liegende Englische Fregatte „„Blonde‘‘, nach An- zahl der Lebensjahre des verstorbenen Monarchen - durch 68 von Minute zu Minute geldste Kanonenschüsse verkündigt, welche vou der in der Bai von Bujukdere vor Ankêr lie- genden Russischen Fregatte „Fürstin Lowicz““ wiederholt wurden.“/

Lan,

Berlin, 22. August. Aus Breslau wird gemeldet: „„Der 11. August war für eine bedeutende Anzahl Kantoren und Schullehrer der Schlesischen Gebirgsgegend cin festlicher und froher Tag. Der Oberlehrer am Königl. Schullehrer- Seminar zu Breslau, Hr. Hienßssch, hatte nämlich bei Meh-

reren derselben die Jdee eines Gesang-Zestes in Anregung ge- bracht und dabei ein sehr hereitwilliges Entgegenkommen ge: funden. Ueber hundert Kanroren und Schullehrer, meist aus

Kirchenstyle, ältererer und neuerer Zeit, niht nur eine nà- here Bekanntschaft mit diesen Werken selbst, sondern auch eine lebendige Theilnahme an kirchlicher Vokal-Musik bewirken sollen. Und dieser erste Versuch gewährte" die sichere Ucder- zeugung, daß Schlesien in dieser Hinsicht keinem andern Deut- schen Lande nachstehen und daß eine allgemeine Vereinigung zu dein in Nede stehenden Zwecke Leistungen möglich machen wird, welche Geist und Herz gleich wohlthätig ansprechen werden. Hätten diese Gesang-Feste auch keinen andern Ge- winn, als unsere Kantoren und Schullehrer zu höherer Thä: tigkeit für den Kirchen -Gesang in ihren Schulen und Ge- meinden anzuregen, sie “inniger unter einander zu die- sem erhabenen Zwecke zu verbinden, dur<h wahren Kunst- sinn verwandte Gemüther einander näher zu bringen und zu gleichem Wirken zu vereinigen , so wáre er wahrlih reich genug, um das Unternehmen selbs! zu rechtfertigen. Und dieser Gewinn wird nicht ausbleiben, wenn die künftigen aggseste dem erstén gleichen. Nach einer furzen sehr igen Einleitungsrede des Ober- lehrers Herrn burden fleinere Gesangstücke aus des Genannten Liedinmlung probirt. Während diejer Zeit war der Musik - Direktor , Herr Bernhard Klein aus Berlin, angekommen und versuchte mit den Anwesenden einige größere von ihm fomponirte Gesangstúcke. Um 11 Uhr nahm die eigentliche Aufführung ihren Anfang mit dem Cho- ral: Mein ers Gefühl sey Preis und Dank 2c. Zu den aus- gezeihnetsten Stücken gehörten : der Psalm von Schnabel : Herr unser Gott! wie groß bist Du 2c. Dann: Hoch thut euch auf, ihr Thore der Welt 2c. Der Herr ist mein Hirt 2c. Fch will singen 2c. Auferstehn 2c., säinmtlich von B. Klein. Das nur einmal Probirte, den meisten Mitgliedern ganz Unbekannte, ging {o vortrefflih und wurde mit so vieler Präcision vorgetragen, daß nicht nur Aller Erwartungen übertroffen wurden, sondern selbst der berühmte Komponist des Oratoriums David den Sängern scinen vollfklommen- sten Beifall zollte. Der Zuhödrer waren nur wenige, und jo sollte es auch seyn, denn es galt ja nur«einen ersten Ver- such, und es war dabei auf nichts weniger als auf Osten- tation angesehen. Hierauf folgce cin fröhliches Mittags- mahl, gewürzt durch mehrere herrliche Gesänge aus der schon aedachten Lieder - Sammlung und durch herzlich ausgebrachte Toaste fr unseres allverehrten frommen Königs und seines

erhabenen Hauses Wohl. Nach Tische wurden wiederum Gesangübungen vorgenommen und, da die Witterung günstig war, der Plaß vor der Ruine Kynsburg benußt.

Nachrithten aus Düsseldorf zufolge, haben in den Niederungen Weizen und Roggen stark gelitten und fônnen sich nun niht mehr erholen. Der Buchweizen steht überall \<le<t, und auch der Flachs, der theilweise in dem wuchern- den Unkfraute erstickt is, verspriht nur eine mittelmäßige Ernte. Am meisten hat jedo der Graswuchs gelitten, und die Heuernte is in mehreren Kreisen fast gänzlich verloren gegangen. Wo man das Gras hat mähen können, ijt es später entweder fortgeschwemmt oder bei dem anhaltenden Regen verdorben ; größtentheils aber ist es in Folge der

dauernden Uberschwemmungen auf dem Halm verfauit. Auch

die Kleeheu-Ernte ist mißrathen, und die Futter-Vorräthe sind daher sehr gering. Jn den Kreisen Rees, Kleve und

| Geldern, wo die Rhein - Weiden längere Zeit unter Wasser

anden, und wo aus diesem Grunde das Vieh in den Stäl- len bleiben mußte, entstand wegen der Fütterung desselbetr

| große Noth, und man hat sich häufig genöthigt gesehen, den

dem Schweidnikter, Waldenburger, Striegauer, Bolkenhainer, | Hafer grún abzumähen, um nur füttern zu fônnen. Die

Landeshuter, und auch Einige aus dem Reichenbachschen und | Frankensteinshen Kreise, hatten sih in Kynau versammelt, ; zunächst zwar nur, um einen Versuch zu machen, ob auch | Schlesien, nach dem Beispiele andrer Deutschen Länder, im | geg ) Stande seyn dürfte, in der Zükunst Gesang-Feste zu veran- | lich ist, so darf man die Hoffnung auf eine gute Ernte die- stalten, die durch Aufführung berühmter Meisrerwerke im |

Sommerfrüchte stehen áäber sehr gut, und der Hafer beson- ders verheißt eine ungewöhnlich reiche Ernte. Hinsichtlich der Kartoffeln sind die Meinungen no< shwanfkend, da die gegenwärtige Witterung jedoch für sie ebenfalls sehr gedeih-

ser unentbehrlichen Frucht nicht aufgeben. )

Königliche Schauspiele.

Montag, 23. August. Jm Schauspielhause : Zum er- stenmale: Die Doppelverheirathete:, Lustspiel in 1 Aufzug nah Scribe. Hierauf: Medea, Drama in 1 Aufzug von Gotter, mit musikalischen Zwischensäßen von G. Benda. (Neu einstudirt.) (Mad. Crelinger : Medea. Herr Krüger : ZSason.) Und: Das Geheimniß, Singspiel in 1 Auszug. (Herr Hoppe: Waller.)

Dienstag, 24. August. Jm Schauspielhause: Der Di- ylomat, Lustspiel in 2 Abtheilungen. Hierauf: Die Lofkal- posse, Lokalposse mit Gesang, in 1 Aufzug, von J. E. Mand.

Mittwoch, 25. August. Jm Opernhause: Titus, Oper in 2 Abtheilungen ; Musik von Mozart. (Dlle. Heinefetter, eríte Sängerin der Jtaliänischen Oper zu Paris: Sextus als Gajtrolle. Herr Bader : Titus.)

Königstädtisches Theater.

Montag, 23. August. Die weiße Dame, fomische Oper in Z Akten. (Herr Holzmiller: Georg Brown.)

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Auswärtige Börsen.

Amsterdam, 17. August. Nieder!. wirkl. Schuld 605. Kanz-Bill. 282. Oesterr. 5proc. Metall. 953, Part.-0bl. 390. Russ. Engl: Anl. 1014. Russ. Anl.

Hamb. Cert. 190#.

Hamburg, 20. August. i Ocsterr. 4nroc Dr. ult. 94 (Brief). Bank-Actien pr. ult. 1290.

1

Russ. Engl. Aul. desz. 103. Poln. 119. Dän. 683-

St. Petersburg, 13. August. Hamburg 3 Mon. 93. 6proc.. Insc. in Bank-Ass. 138.

Wien, 17. August. 5proc. Metall. 985. 4proc. 935. 1proc. 235. Loose zu 100

FI. 179. Part.-Oblig. 1275. Bank-Actien 12985.

Paris, 16. Aug. 5proc. Rente per compt. 102 Fr.

Neueste Bôrsen-Nachrichten.

50 C. 5proc. fin cour. 102 Fr. 60 C. - Zproc. per compt. 76

Fr. 70 C. Z3proc. fin cour. 77 Fr. 5 C. 5proc. Neap. Falc. 75 Fr. 50 C. 5proc. Span. Rente perp. 474. 9proc. dito

Gucbh. 57, Frankfurt a. M., 19. August. Oesterr. 5proc.

5%

A)

tetall. 962. 96. Aproc. 912. 913. 22proc. 555. lproc. 234. B.

E

Bank-Actien 1539. 1537. Part.-Obl. 1264. Loose zu 100 Fl. 174, B. Poln. Loose 583. 582.

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Gedru>kt bei A. W. Hayn.

Nedacteur Fohn. Mitredacteur Cottel.

Allgemeine

Preußische Staats-Zeitung.

M 234.

Amtliche Nachrichten. Kronik des Tages.

Angekommen: Der Königl. Sicilianische außerordent- liche Gesaudte und bevollmächtigte Minister am hiesigen Hofe, Chevalier Ruffo, von Paris.

Abgereist: Der Kaiserl. Russische Wirkliche Geheime Rath und Kammerherr , außerordentliche Gesandte und be-

_vollmächtigte Minister .am Königl. Sicilianishen Hofe, Graf von Stackelberg, nah Neapel.

Durchgerei s: Der Kaiserl. Russische Feldjäger Jn o- P O als Courier von St. Petersburg kommend, nach

eimar.

Zeitungs-Nachrichten.

4 0:40: d:

N L ANT 64 M.

Paris, 16. August. Der König präsidirte gestern in einem Minister-Rathe, der von 10 bis 1 Uhr dauerte. De- putationen der Städte Niort und Saint-Denis und mehrere Generale, unter denen man auch die General-Lieutenants Vi- comte Donnadieu und Graf Bordesoulle bemerkte, machten Sr. Maj. ihre Aufwartung.

Der König hat folgende, Proclamation an die Nation erlassen : |

Franzosen!

Ihr habt Eure Freiheiten gerettet; Jhr habt mich berufen, um Euch den Geseßen gemäß zu regieren. Euer Tagwerk ist röhmlich vollbracht; das meinige beginnt erst. Meine Sache ist es, der geseßlichen Ordnung, die Jhr erobert habt, Achtung zu verschassen. Ich kann Niemanden gestatten, si über dieselbe hinwegzuseßen, denn ih selbst bin ihr unter- worfen. Die Verwaltung- muß überall wieder ihren Lauf beginnen. Zahlreiche Veränderungen haben schon statt ge- fundèén; andere werden noch vorbereitet. Die Autorität muß den Händen von Männern übergeben seyn, die der Sache der Nation fest anhängen. Eine so rasche und weit umfas- sende Bewegung hat nicht zu Stande kommen können, ohne eine augenbli>liche Verwirrung hervorzubringen; diese ist aber ihrem Ende nahe. Ich fordere alle guten Bürger auf, sich ihren Behörden anzuschließen und ihnen behülflih zu seyn, zum Besten Aller die Ruhe und Freiheit aufrecht zu

erhalten. Reformen sind ‘in verschiedenen Verwaltungszwei-

gen nothwendig. Die Erhebung gewisser Steuern drückt das Land s{wer. Es sollen Geseße vorgeschlagen werden, um diesem Uebel abzuhelfen. Bei der Prüfung derselben soll jeder Reclamation Gehör gegeben , fein Jnteresse über- gangen , feine Thatsache verkannt werden. Bis neue Ge- seße erscheinen, ist man aber den bestehenden Gehorsam schul- dig. Die politische Vernunft verlangt solches; die Sicherheit des Staats gebietet es. Mögen alle Wohlgesinnten ihren Ein- fluß anwenden, um ihre Mitbürger hiervon zu überzeugen. Was mich anbetrifst, so werde ih weder in der Zukunft mei- nen jebigen Versprechungen, noch in der Gegenwart meinen Pflichten zuwider handeln. Franzosen! Europa schaut mit einer Bewunderung, worin si< einiges Erstaunen mischt, auf unsere glorreiche Revolution; man fragt sich, ob die Macht der Civilisation und Betriebsamfkeit denn wirklich so groß sei, daß solche Ereignisse sih zutragen können, ohne daß der gesellschaftliche Zustand dadurch erschüttert wird. Ver- sheuchen wir in dieser Beziehung jeden Zweifel; eine eben so regelmäßige als volfsthümliche Regierung folge rasch auf die Niederlage. der absoluten Gewalt. Freiheit, öffent-

Berlin, Dienstag den 2Men August

16830.

liche Ordnung, dies ist der Wahlspruch, den die Pari National -Garde auf ihren Fahnen führt. Möge “go das Schauspiel seyn, das Frankreich Europa darbietet, und wir werden in wenigen Tagen das Glück und den Ruhm des Vaterlandes auf Jahrhunderte begründet haben. ! Paris den 15ten August 1830. Ludwig Philipp. Der Großsiegelbewahrer und Justiz-Minister, j t Dupont (v. d. Eure).

__ Ueber die Reise Sr. Majestät Karls X. meldet- der Moniteur: „Die Reise König Karls X. und der Prinzea und Prinzessinnen seiner Familie ist ihrem Ziele nahe; alle werden si< heute mit einem Gefolge von etwa 70 bis 80 Personen einschiffen. Die Gardes du Corps , die sie beglei- tet haben, sollen in Cherbourg entlassen werden und dort ihre Pferde und Waffen abliefern. Einige Stunden nach der Einschiffung wird von dieser langen Reise feine andere Spur als die Erinnerung an das tiefe Stillschweigen zurük- bleiben , das auf dem ganzen Wege herrschte und dur< wel- ches die Bevölkerung ihre Gesinnungen fund gab, ohne si< eine Bewegung oder einen Laut zu erlauben, der für ver- leßend hätte gelten föônnen. Die Königl. Kommissarien, welche beauftragt waren, Se. Majestät Karl X. zu begleiten und für seine Sicherheit zu wachen, nämlich der Marschall Maison, die Herren von Schonen, Odillon-Barrot und von ¿a Pziameraye ,, haben sich ihres Auftrags mit eben so viel Zartgefühl, als Festigkeit und Würde, entledigt.“

In hiesigen Blättern. liest man: „Karl X. geht entweder nah England oder ng{< Sicilien, wo ihm der Kö- nig Ludwig Philipp T. seine bei Palermo liegenden herrlichen Besißungen zum Aufenthalte angeboten hat. Jm Gefolge Karls X. befinden si< die Herzoge von Luxemburg und Armand von Polignac und die beiden Ex - Minister Montbel und Capelle. Ucber den Fürsten von Polignac weiß man gar nichts. Die Nachricht von seiner An- kunft in England scheint fich nicht zu bestätigen. Dagegen befindet sich Herr v. Haussez bestimmt dort. Capitain Du- mont d’Urville, der die Fahrzeuge, auf denen sih die Königl. Familie einschifft, befehligt, hat von der Regierung den Be- fehl erhalten , in keinem Niederländischen Hafen vor Anker zu Be /

Der oniteur berichtigt die (im vorgestrigen Pariser Artikel unter IT. gegebene) Verordnung dabin H ec müsse: Unser vielgeliebter Sohn, der Herzog von Chartres, wird, als- Kronprinz, den Titel eines Herzogs von Or- leans führen.

Das Journal des Débats äußert: „Vor vierzehn Tagen hatten wir eine Volks - Revolution; jest haben wir eine zweite von jener sehr verschiedene Revolution, nämlich die der Bittsteller und Bewerber um Aemter. Von sieben Uhr Morgens an strômen aus allen Vierteln der Hauptstadt Schaaren. in schwarzem Fra zu Fuß und zu Wagen mit der National - Kokarde am Hut und dem dreifarbigen Bande im Knopflo<h na< den Minister - Hotels und be- E hier eine förmliche Belagerung. Vergebens ver- ucht der Minister oder sein Secretair dur< _irgend ein

En Thürchen zn entschlúpfen; alle Ausgänge sind be-

ekt, und wenn nicht ein unterirdisher Gang aus dem Ho- tel ins freie Feld führt, wie bei alten Festungen, so ist es nicht möglich, zu entkommen. Diese neue Jnsurrection nimmt von Tage zu Tage zu und breitet sich auch auf die Depar- tements aus. Alle ersonenposten sind voll von solchen, die in Paris: ein gutes Amt suchen wollen, Die Wuth nach Aemtern ist so tief in unsern Sitten eingewurzelt , daß man eine Anstellung haben muß, wenn man auch dadurch um sei- nen Ruf fommen sollte. Es gilt für eine Erniedrigung, nichts vom Staats - Budget zu Gn. Nichts schmeichelt . S

der Eitelkeit mehr , als ein Titel. giebt nur ein Mittel,