1899 / 87 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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GiCd L Gi E R G Add L C D E E R A E R E S S

Elsaß-Lothringen.

0? Der Landes-Aus\uß erledigte vorgestirn ‘die ersi

Lesung des Gesehentwurfs zur Ausführung der “G j ordnung. Die Vorlage wurde einèr Kommission von 21 Mitgliedern überwiesen. Sodann gelangte der Antrag des Abg. Rust zur Berathung, wonach die Mierubg ersucht werden soll, eine E Lde egelung der Arbeiterverträge für die Landwirthschaft herbeizuführen. Der Antrag wurde der vierten Kommission überwiesen.

Oesterreich-Ungarn.

Bei ner A EG E: zum Neichsrath für den oberösterreichischen roßgrundbesis wurde an Stelle des Grafen Falkenhoyn Graf Dürkheim mit allen abgegebenen Stimmen gewählt.

Frankreich.

Der Untersuchutgsrihter Paëques verhörte gestern noh<hmals Déroulède und Habert. Beide erklärten, daß sie von ihren früheren Aussagen nichts zurü>zunehmen, den- selben au nichts hinzuzufügen hätten. Jnfolge dessen wurde die Untersuhung endgültig abgeshlossen. Die Akten werden nunmehr der Staatsanwaltschaft übergeben werden, damit diese Über die weitere Verfolgung der Sache ihre Entscheidung treffe.

Jtalien.

Der König und die Königin sind gestern Vormittag

an Bord der „Savoja“ unter dem Salut der italienischen und französischen Kriegsschiffe in Cagliari eingetroffen. Unmittelbar darauf begab sih, wie „W. T. B.“ berichtet, der Kapitän Cardier, Generalstabs - Chcf des französischen Geschwaders, mit einer Dampfschaluppe nah der „Savoja“, um dem König den Gruß der französishen Regierung zu über- bringen. Die Majestäten, wel<he von dem Minister-Präsidenten Pelloux und dem Minister der öffentlichen Arbeiten Lacava begleitet waren, wurden am Lande von den Spißen der Zivil- und Militärbehörden sowie dem E! zbishof empfangen und von einer ungeheuren Menschenmenge jubelnd begrüßt. Auf dem ganzen Wege bis zum Königlichen Palast bildeten reine Vereine Spalier. Die Menge durhbrach die polizei- ichen Absperrungen, umringte den Wagen und begrüßte die Majestäten mit begeisterten Zurufen. Sodann begleitete sie den Wagen bis zum Königlichen Palast, wo der König und die Königin auf dem Balkon erschienen und Allerhöchst- denselben neue Ovationen dargebraht wurden. Am Nachmittag machten der König und die Königin eine Fahrt durch die Hauptstraßen der Stadt und wurden überall mit großem Enthusiasmus begrüßt, der in der Römischen Straße seinen Höhepunkt erreichte. / : Wie die „Tribuna“ meldet, wird Jtalien bei der Konferenz im Haag durch den Botschafter Grafen Nigra, den italienischen Gesandten im Haag Grafen Zannini, den General Zuccari und den Schiffskapitän Bianco vertreten sein.

Spanien.

Der Kriegs - Minister, General Polavieja hat, wie „W. T. B.“ aus Madrid meldet, die wichtigen Punkte der Provinzen Valencia und Catalonien mit starken Truppen- abtheilungen besezen und dic Garnisonen mehrerer Orte ver- stärken lassen. Dec Kreuzer „Venadito“ ankert zur Ucber- wachung der Küste bei Los. Pasajes.

Die Regierung hat den General Rios beauftragt, sih mit dem General Otis wegen der Räumung Zamboangas und des Sulu-Archipels in Verbindung zu seßen.

. Griechenland.

Das Kabinet hat, dem „W. T. B.“ zufolge, nunmehr seine Entlassung gegeben ; der König hat beschlossen, Theoto kis mit der Bildung eines neuen Kabinets zu beauftragen. Der- selbe wird beute Äudicnz haben. Es heißt, Theotokis werde das ‘Portefeuille des Jnnern und NRomanos das der aus- wärtigen Angelegenheiten übernehmen.

In der gestrigen Sißung der Deputirtenkammer wurden bei der Wahl des Präsidenten 225 Stimmen ab- gegeben ; hiervon erhielten Asama dos (Trikupist) 128Stimmen, der Regierungékandidat Topalis 28 und der Delyannist Roma 37 Stimmen.

Amerita.

__ Die Regierung von Uruguay hat cinen Erlaß ver- öffentliht, dur< wel<hen im Kriegsbudget cine jährlihe Er- \sparniß von 50 000 Doll. erzielt werden soll.

Polynesien.

Das „Reuter’she Bureau“ hat aus Apia nachstehende Meldung erhalten: Eine gemischte british<h-amerikanische Truppe von 105 Mann gerieth am 1. April in einen von Mataafa - Leuten gelegten Hinterhalt; sie war gezwungen, sih na< dem Strand zurückzuziehen. Drei Offiziere, nämlih der Leutnant Freeman vom britischen Kreuzir „Tauranga“, wel<er die Abthei- lung befehligte, und zwei Amerikaner vom Kriegsschiff „Philadelphia“, wurden getödtet. Jhre Leichen wurden später enthauptet aufgefunden. Zwei britishe und zwei amerikfanishe Matrosen wurden ebenfalls getödtet. Der Hinterhalt befand si< auf einer deuishen Plantage, deren Geschäftsführer verhaftet wurde. Dersclbe wurde an Bord des britischen Kriégsschiffes „Tauranga“ gebraht und dort in Haft gehalten infolge der Abgabe eidliher Erklärungen, daß man gesehen habe, wie er Mataafa - Leute zum Kämpfen ermuntert have. Die an dem Kampfe theilnehmenden Mataafa- Leute waren etwa 800 an Zahl. Jn einem früheren Gefechte wurden 27 Mataafa-Krieger getödtet, während die Europäer keine Verluste erlitten.

Wie das „Neuter'she Bureau“ weiter berichtet, war, den aus Au>land eingegangenen Nachrichten zufolge, der Kampf in der Nähe von Apia am 1. April sehr bettig, Die amerika- nischen und britishen Matrosen wurden wiederholt von den An- greifern, welche sie dur< 1hre numerische Uebermgcht zu be- wältigen suchten, zurückgeschlagen. Die Leichen der gefallenen Offiziere und Matrosen wurden mit militärishen Ehren in Mulinuu bestattet. Vierzig Mataafa-Leute wurden getödtet und cine Anzahl verwundet. Die leßteren wuden von den Aufständischen mitgenommen.

Ueber diesen Vorfall, welcher si<h an demselben Ort er- eignet, zu haben scheint, wo im Dezember 1888 der Zusammen- fon zwischén dem Landungskorps der deulschen Kriegsschiffe „Olga“, „Adler“ und „Eber“ “stattfand, liegt aus amtlicher

deutscher Quelle folgende, aus Apia vom 5. d. M. dâtierte

eie ul Gere aaten

des Eigenthum. Am 1. April’ ist¿eine britis<hëamérik Landungstruppe von 70 Mann in einen Hinterhalt bei Väilele gerathen, wobei drei Offiziere gefallen und zwei Landungs- ges R “genommen worden sind. Die Kriegsschiffe haben die Beschießung erneuert. i Das „Reuter she Bureau“ meldet ferner aus Apia vom 3. April: Bei der Ankunft des britishen Kriegsschiffes „Tauranga“ erließen der britishe und der amerikanische Konsul eine Proklamation, um Matäafa etüe ichte Gelegen- ‘hät zum Einlenken zu geben. Die fränzösisGen Geist- lichen versuchten aleihfalls, ihren Eirifluß geltend zu machen, aber alle Anstrengungen s{lügen“ fehl. Die Auf- ständischen fuhren in der Plünderung fremden Eigenthums fort, zerstörten Brücken Und verbarrikadierten die Wege. Nach dem Gefechte am 29. März wurden mehrere Aufstän- dishe von den Anhängern Malietoa's getödtet und verwundet, worauf die leßteren die Köpfe der Gefallenen im Triumph dur< Apia trugen. Kapitän Stuart, der Befehlshaber der „Tauranga“, war hierüber außer sih, ging zu Malictoa und drohte, jeden Mann niederzuschießen, Us er hierbei betreffe. Maiietoa erließ eine diesbezüglihe Proklamation. Der deutsche Konsul schrieb an den Admiral Kauß und fragte, ob. zwei große ristlihe Nationen éincn solchen barbarischen Mißbrauch billigten, der gegen die <hristlihen Gesche und gegen den Bcshluß des obersten Gerichtshofes ver- stoße. Der Admiral sandte eine spize Erwiderung: er sci vóllig damit einverstanden, daß der Gebrauch unmens<li< jci , müsse aber darauf hinweisen, daß, wenn der deutsche Konsul den B.s{hluß des obersten Gerichtshofes vom Januar aufrechterhalten hätte, kein Blutvergießen noth- wendig gewesen wäre, und daß, obschon es ein alter Brauch auf Samoa sei, er doch erst vor zehn Jahren der Welt be- kannt geworden sei, als die Köpfe einiger chrlicher deutscher Soldaten von dem barbarishen Häuptling Mataafa abge- schnitten - worden scien, welchen der Vertretcr der großen christlihen Macht Deutschland jeßt unterstüße. Die Samoaner erzählen, Mátaafa sei bei drei Gelegenheiten enishlossen ge- wesen, sih zu ergeben, aber der deutsche Konsul habe ihm ge- rathen, es nit zu thun. Jeßt erkläre Mataafa, er werde si nie ergeben, sondern bis zum Tode kämpfen.

Ja Washington sind, dem „Reuter'shen Bureau“ zu- folge, die Nachrichten aus Samoa mit großcr Besorgniß aufgenommen worden. Dcr britishe Botschafter bedauerte auf das tiesste, daß die Kollision in dem Augenbli> eingetreten sei, wo er gehofft habe, daß die Verwi>kelung auf dem Wege zur Regelung sei. Die britischen Beamten hegten indessen das Vertrauen, daß hiermit die Aussichten auf eine Verständigung nicht vernichtet seien. Jn diplomatischen Kreisen sei man gencigt, die Nachrichten als sehr ernst zu behandeln. Es werde erkiärt, daß sharfe Differenzen zwishen dem britishen und dem deutschen Auswärtigen Amt bezüglih der Ab- reise der Kommission am 19. April beständen. Groß- britannien habe neue Einwendungen so verwi>elter Art erhoben, daß dieselben niht auf telegraphishem Wege ver- handelt werden fkönnten. Deutschland halte si< unter diesen Umständen für berchtigt, mit der Ernennung seines Kommissars no<h zurüczuhalten. Die ganze Samoa-Frage \<hwebe gegenwärtig nicht zwischen den drei Mächten, sondecn zwishen Deutschland und Großbritannien. Die Nachrichten aus Samoa seien von der Regierung und den Departernents nahezu mit Bestürzung aufgenommen worden, die höheren amtlichen Kreise weigerten sih, über die Sache zu sprechen.

Parlamentarische Nachrichten.

_ Der Bericht über die gestrige Sißung des Neichsiages befindet sih in der Ersten und Zweiten Beilage.

Jn der heutigen (64) Sißung des Reichstages, welcher der Staatssekretär des Reichs - Postamis von Podbielski beiwohnte, wurde zunächst die erste Berathung des Geseßentwurfs, betreffend cinige Aenderungen von Bestimmungen über das Postwesen, fortgescßztk.

Erster Redner war der Abg. Fischbe> (fr. Volkep.). Bei Schluß des Blattes nahm der Staatssekretär des Reichs- Postamts von Podbielski das Wort zur Erwiderung.

Das Haus der Abgeordneten begann „in dec heutigen (54.) Sißung, welcher der Vize-Präsident des Staats- Minijteriums, Finanz-Minister Dr. vo-/n Miquel, der Minister der öffentlihen Arbeiten Thielen und der Minister für Landwirthschaft 2c. Freiherr von Hammerstein bei- wohnten, die erste Berathung des Gesezentwurfs, betreffend den Bau eines Schiffahrtskanals vom Rhein bis zur Elbe.

Zur Vegründung desselben nahm zunächst der Minister der öffentlihen Arbeiten Thielen das Wort, dessen Redz beim Schluß des Blattes no<h fortdauerte und morgen im Wortlaut wiedergegeben werden wird.

Nr. 15 der „Veröffentlihungen des Kaiferliwen Ge- sundbeitsamts* vom 12. April hat folgenden Inhalt: Personal- Nachrichten. Gesundkeitsftand und Gang der Volkskrankheiten. Zeitweilige Maßregeln gegen Pest. Desgl. gegen Pc>ken. Aus dem statistishen Jabrbuche von Paris, 1896. Mittheilungen aus Britisch-Oftintien, 1897. Gesezgebung u. s. w. (Preußen.) Ziegeleien. (Oesterrei. Kärrten.) Tottenbeshau. Masern. (Italien,) Untercicht in der Hygiene x. (Schweiz. Kanton Zürich.) Milch und Milchproduk1e. (Rußland.) Tofayer Wein. Sanitas Hygienic Embrocation. S. 284. (Serbien.) Eisigessenz. (Congostaat.) Wermutöobaltige Spirituosen. (Argentinische Republik.) Branntwein, Wein, Del. Gang der Thierseucen im Deutshen R-:iche, 31. März. Viebhgquarantäze - Anftalten im Deutschen Reibe, 4. Vierteljahr. Maulserehe in Dänemark. Zeitweilige Maßregeln gegen Thierseuchen. (Schweiz.) Verhband- [ungen von gescygebenten Körperschaften. (Urgain.) Thierärztlicher öffentliher Dienst. Vermischtes. (Bayern.) Viebversicherung, 1897/98. (Hamburg.) Verwaltungsbe:icht, 1897. (Oesterreich.) Vieh- und Fleishbes<au. Geschenkliste. Wochentabelle über die Sterbefälle in deutschen Orten mit 40000 und mehr Einwohnern. Deészl. in größeren Städten des Auélandes. Erkrankungen in Krankenhäusern d-utsher Großstädte. Desgl. in deutshen Stadt- und Landbezirken. Witterung. Beilage: Gerichtliche Entschei- RE dem Gebiete der öôffentlihzen Gesundheitépflege (Kur- psus>@er ).

Nachricht vor:

dieser für alles

Statistik und Volkswirthschaft.

S » der Stadt in Würtiemberg.

it einiger Zeit bildet „der Zug nah der Stadt“, unter d man im weséntlichen den us nach dex größéren Wohnoiten Versteht, ein oft wiederkehrendes Thema für Erörterungen in Wissenschaft und Presse. Leider ift dieser „Zug® sftatistish garniht unter Beobachtung gestillt. Mit Aufhebung aller eshränkungen der Freizügkeit find auch alle Bestimmungen gefallen, weiche eine ver- waltungsmäßig geordnete ftatistishe Anschreibung der Ab- und Zuzüge betrafen, obs{hon en ne Es rein geaiscteeie Erfassurg die êffentlihe Leben so wichtigen Beweglliäén die Freiheit bés ‘Einzelnen “kéinérleiEink erlitten bätte bezw Leit rirve,

Seit 1871 is es daher nur ih, jener Bua” nllbar“, d. h. in seinem Ergébniß..an €inem béstimmten Zeiklpunkt,- zu füssén, nämlich bei den Volk8zählungen. Dies geschieht dadur<, däß man die Geburten und Todesfälle, welche innerhalb eines bestimmten Zeitraums, zwischen je 2 Volkezählungen, in ciner „Stad1“ 2c. vor sich D di bucht, an den Zählungstagen alle Ortsanx-esenden nah ihrem Geburtsort fragt und auf diefe Weise feststellt, inwieweit die betreffende „Städt“ 2c. dür eigenen Zuwähs Und inwieweit sie dur< Ginwande- rung f< vérgtößert hat. Auch diefe Berechnung hat jedc< bedauer- liche Lü>en; éinmal fann fie die von der betreffenden „Stadt“ 2c. fortgezogenen Personea weder na< ihrer Zahl no< nach ihrer Ge- bürtigkeit fassen, sodann kann fie die Identiät der Personen nicht fest- stellen und überhaupt keinerlei Bewegungsvild geben. Wenn also bei- spielèweise am 2. Deztmber 1895 in Berlin 27 103 ‘Ausländer fest- gestellt worden sind, am 1. Dezember 1890 abcr nur 17 886, so ist niht anzunehmen, daz in der Zwischenzeit einfa zu den 17886 weitere 9217 hinzugekommen sind, fondera daß ein steter Ab- und Zu-

ang staitgefunden hat, welder am 2. Vezember 1895 mit der

iffer 27 103 balanciert hat. Dieser rege ,Menschenwethsel“, „Be- völferung8auêtaush“, oder wie man däs Ab- und Zuyehen vorüber- gehend oder dauernd Anwesender nennen mag, gleicht alio in der That dem Strom, dessen Wassermasse und Wossertheilhen sih stets ändern. Bis jetzt ist daher dieses Gebiet der Massenbeobahtung au nur von cinzeinen Städten cus gepflegt worden, und zwar besonders von ten Großstädten, welche angesihts ihres starken Wachéthums8 ein großes Interesse an einer genauen Untersuchung ihrer Berölkerungselemente nehmen müssen und welche großentheils in ihren eigenen statistishen Aemtern die hier unbedingt erforderlichen geshul!en Organe besigen.

__ Wenn fo der gründlichen Untersuchung erhebliche Hindernisse durh die Unzulänglichkeit der Beobachtungêmittel e wachsen, so läßt sih doch fchon aus den allgeineinen Umrissen manche wihtige Schiußfolgerung ziehen, was auch setner Zeit an dieser Stelle nah dea endgültigen Ergebnissen der leßten Voltszähluyg für Preußen gescheten ist. Vor kurzem find in den amtlihen württembergischen statistishen Veröffent- lihungen au für tas Königreih Württemberg einige Grgebnifse vor- geführt worden, die außerhalb desselben ein nicht gringeres Interesse beanspruchen dürfen. Nach dem „Statistishen Handbuch für Württem- berg“ (Jahrg. 1897) zählte das Königreich im Jahre 1895 - 9388 be- sonders benannte Wohnpläßz, und zwar: 145 Städte, 1289 Pfarr- dörfer, 436 Dörfer, 109 Prarrweiler, 3201 Weiler, 2671 Höfe, 1527 sonstige Einzelwohrsiße. Diese 9388 Wohnpiätße sind zu 1911 „poli- tischen Gemeinden“ zusammengefaßt. Es würde zu weit gesührt haben, wenn man für alle 9388 Wohnpläße die Zu- und Abnahmen u. st. w. jeweils häite beredbnen wollen. Man hat si< daher damit begnügt, die „politishen" Gemeinden na< den Veränderungen und eigenartigen Zusammensttßungen ihrer Volkszablen zu betrachten. Am 2. Dezember 1895 wurden gezählt :

Oits- Nicht- Nichtortsgebürtige

67/08 in 9% der anwesende ortsgebürtige Ortéanwesenden

158 321 98 658 623

119 386

68 120 97,1 266 404 128 266 48,1 537 040 410 971 26.7

x

in Stuttgart . Gemeinden von 20 000/109 000 , Gemeinden von 5000/20 000 Gemeinden unter 5000 Einw. tm Königrètch Württemberg 2081151 706 015 33,9

Nach Ortsgr ößenklassen betrug am 2. Dezember 1895 die | on das Zu- (+) bezw. Eisen- Abnahme (—) seit | bahnneßz 1. Dezember 1890 ange- i \{lofsene E Bevölke- zue i s L in °/o ter sin °/o der überhaupt znittl Ge- | Bevölk. | sammt- | tevöôlf. 18 904+ 24,831 100 10 755+ 18,87] 100 19 324|4- 15,051 95,8 2316 + 7,63 93,3 2720+ 5,86] 90,0 3293+ 4,63 56,4 502 581 1 189|— 0,47 34,9 | 502 253 6 342|— 2,51 15,2 unter 5000 „, | 695 232173|— 4752[— 4,05 6,1 Sc<hoa1 diefe Allgemeinbilder find hochbedeutsam. In allen ar ößeren Gemeinden des Landes is no< ni<t einmal die Hälfte der Ortsanwesenren ort8gebürtig; in den kleineren Gemeinden von unter 2000 Einwohnern dagegen dürften die Ortégebürtigen dur<s<nittli< erhebliÞh über 75 0/9 hbhnausgeben. Eine Einzeldaistellung der 35 größeren Gemeinden (Stat. Handbuch, Jahrgang 1896) zeigt, daß die Zahlen der Garnifonstädte naturgemäß dur<h die zahl- reien ni<t ortégebürtigen Militärpersonen beeinflußt werten, do<h sind diese Einwirkungen, wie aus den entsprecenten Verhältnißzahlen für das weiblihe Geschleßt allein hervorgebt, iht in erster Reibe wirksam; denn die Prozentzahlen der Nichtortügebürtigen waren bei den MIVOT UIUERDEN Een: - . bei den weiblihen überhaupt : Personen: Stuttgart. 8 45 0008 60,9 Ritt dli e B02 55,0 QDalbvona. s t ¿1 O 55,1 Ludwtgsburg . .. 74,4 63,0 Dai. T P 49,5 Viblligen 5 « « ‘(002 53,9 Dagegen in den niht mit Militär belegten Städten: Cannstatt 1807 59,3 Göppingen. . .…. %$8,8 56,1 Ravensburg . . . 61,1 60,1 Dil s Pr dura 0e 54,0 U. Tel _ Diese eigenartige Zusammenschung kann naturgemäß nicht ohne starken Einfluß auf den Charakter oer größeren Gemeinden sein. Mit welher Schnelligkeit die Veränderungen vor sih gehen, zeigt tie zroeite der oben gegebenen Uebersihten. Die Gemetnden von untcr 2000 Einwohnern nahmen in den 5 Jahren 1890/95 dur{schnittlih um fo rascher ab, je kleiner sie waren; umgekehrt nahmen die größeren Gemeinden durhschnittli<h um fo rascher zu, je araer sie waren. Die Verhältnißzahlen der an das wlitttembergühe Eisenbahnney an- geshlcssenen Bevölkerungen zeigen einen ganz ähnlihen Aufbau. In den 5 Jahren 1890/95 hat die Gesammtbevölkerung Württem- bergs um 44629 Köpfe zugenommen, Der Utebershuß der Gebötenen über die Géstörberen betrug aber in dem zwishen den 2 Volks- zählungen liegenden Zeitraum 95 479, es fehlten somit 50850 Köpfe. 052 von diesen Fehlenden find als über deutsche Häfen und über

orts- anwesende Bevölke-

rung

in den Gemeinden mit

158 32! 119 386 266 404 61 591 94 151 143 891

über 100 0093 Einw. | 20—100000 | 5—20 000 4—5 000 3—4 000 2—3 009 60 1—2 000 376 509—1 000 | 703

S

22 | Antwerpen, Rotterdam, Amsterdam (überseeish) Ausgewanderte nach-

i gewiesen, die übrigen 28 798 find spurlos vers<wunden. Sie würden

den umliegenden Ländern und sonft in Eurepa aufgefunden worden sein, wenn man dort im Fabre 1895 überall eine Volkszählung ge- habt und dabei au< na< dem Geburtsort gefraat urd die betreffenden

ablen au< für das Königreih Württemberg festgestellt hätte. Dies A jedo< nit der Fall; niht einmal für das Devtsche Reih war bei der Volkszählung vom Jahre 1895 die Frage nah dem Geburts- ort vorgeschrieben, i

Nach dem Befunde der Volkszählung allein könnte es den Anschein gewinnen, als ob von 1890 bis 1895 nur in den Gemeinden von 5000 und mehr Einwohnern Menschen zugewahsen wären ; denn die 35 Gemeinden von je über 5000 Einwohnern haben allein um 48583 Köpfe zugenommen, während das ganze übrige Land um 3954 Köpfe abgenommen hat. Thatsächli<h i aber gerade das Gegentheil der Fall. Der durhschnittlihe jährlidbe natürliche Zuwachs dur<h Geburtenübershüsse hat in den leßten 10 Jahren bei den 35 größten Gemeinden 8,9 9‘oo der mittleren Bevölkerung betragen, bei dem Landesreste tagegen 9,7 9/00. Die Landbevölkerung hat also abgenommen, obschon sie in derselben Zeit mehr Menschen geliefert hat. Die Zunahme der. größeren Gemeinden ist demnach eine no< bedeutunagsvollere (de8gleichen die Abnahme der kleineren), als die Zahlen erscheinen lassen, weil bei den Verschiebungen zu Gunsten der größeren Gemeinden die nur zu einem kleinen Theil mitgenommenen kleinen Kinder ni<t voll zur Geltung kowmen; es sind also weit mehr Erwachsene nah den g1 ößeren Gemeinden gezogen, als die Zunahme erkennen läßt. i

Tkatsache ist, daß auf dem 86 790 ha großen Landgebiet der 35- Gemeinden ron über 5700 Einwohnern seit 1890/95 fi< wiederum die Menschen enger zvsammengedrängt baben, scdaß am 2. Dezember 1895 6,27 Menschen auf 1 ha kommen gegen 5,71 am 1. Dezember 1890, während im Landesrest auf 1 ha am 1. Dezember 1890 0,83, am 2. Dezember 1895 nur no< 0,82 Menschen entfallen. „Die Landfläche des Köni.reihs Württemberg", sagt das Statistische Landesamt, „fängt thatiächlih an zu veröden, die früber glei(mäßigere s der Menschen auf die Bodenfläche ist im Schwinden begriffen.“

s Einiges Licht auf die dea Bewegungen etwa zu Grunte liegenden tieferen Ursachen vermögen einige bei anderer Gelegenheit gewonnene Ziffernreißet zu werfen. Son aus dem Zusammenhalt der Er- \ceinungen mit der Größe der Gemeinden ift zu {licßen, daß die Abnahmen hauptsähli<h auf Atnahmen der landwirtbschaftlichen Be- völkerung zurü>zuführen sind; diese Abnahme erbält ihre Bestätigung durch die Thatsache, daß von der am 14. Juni 1895 gezählten orts- anwesenden Bevölkerung auf die Land- und Forstwirthschaft entfielen in den Gemein»en von über L

I. 100 000 Einwohnern (Stuttgart) .. . . 2,7%

IT. Gemeinden von 20 000/100 000 7,4 9/0

ITE. 5 « 5000/20 000

IV. L 2000/5000

V 7 „unter 2000 Einwohnern Würde man die unter V. befaßten Gemeinden no< weiter unter- theilen, so würde : der Prozentsaß bei den Gemeinden mit 500 und weniger Einwohnern wohl bis über 20 9/ steigen. Eine weitere Bes- ftätigung dafür, daß die Abnahmen mit der Lage der landwirthscaft- lichen Bevölkerung zusammenbängen, bildet die Thatsache, daß gerade diejenigen Oberämter, welhe am 14. Juni 1895 die ver- hältnißmäßig zahlreichste landwirtbschaftlihe Bevölkerung auf- weisen, mit denjenigen Oberämtern zusammenfallen, welche von 1890/95 verhältnißmäßig am stärksten abgenommen haben. Die infolge der allgemeinen Verkeh1 sentwi>elung vcränderte Lage der landwirths>aftlihen Erwerbsarbeit bringt naturgemäß auch eine un- günstigere Lage des Kleingewerbes und des Kleinhandels mit fich; diese letzteren haben sowobl unter veränderter Kaufkraft ihrer Kunden- kreise als unter der großen Erleichterung aller Arten von auêwärtigem Waarenkauf zu leiden. )

Bisher baben wir uns mit den Verschiebungen beschäftigt, welche dur< Betrachtung der an den „Stichtagen“ der Volkszählungen „orts- anwesenden“ Personen festgestellt werden können. Man muß sich aber bewußt bleiben, daß die Beziehungen zwischen Bevölkerung und Wohnort noch reihere und merkwürdigere sird, als aus jenen Zahlen hervorgeht. So gut man uatersheiden känn ¿wischen Ortsgebürtigen und Zugezogenen, zwischen Ortsbürgerlichen und Nitbürgerlichen, zwischen wirklihen Ortéberohnern (mit festem Wohrsiß) und vorüber- gebend Anwesenden, so aut karn man auch unter|<iden zwischen Orts- arbeitenden und Ortänächtigenden. In der That giebt es für fehr viele Gemeinden des Landes eine Arbeitsbevölkerung, welche h nah Schluß der Arbeitszeit in die umlieaenden Orte zerstieut, und diese Arbeits- bevölkerung giebt uns au den Schlüssel zum Verständniß für diese ganze eigenthümliche Bewegung der Menschen. Dec treibende innere Grund ist das Streben nah Verwerthung der Arbeitskraft bezw nach reotablerer Verwerthung der Arbeitskraft. Zunächst geht die arbeitsuchende Person zu Fuß zur Arbeitéstätte und kommt Mittags und Abends wieder keim; wenn die Entfernung größer wird, nur no% Abends, und zwar theils ¡u Fuß, theils dur die Eisenbahn. Wird die Ent- fernung noch größer, fo wird tägli die Fahrt nach der Arbeitsstätte und zurü> mit der Eisenbahn gemacht; werden die Vei hältnisse noch ver- wi>elter, so wird die Hinfabrt am Montag früh und die Rückfahrt am Sonnabend Aberd bewerkstelligt und in der Zwischenzeit am Arbeit2ort

enähtigt. Wir haben in den einzelnen Orten die verschicdensten

ishungen von derartigen Fällen vor uns: von vorübergehendem Besuch, ron vorübergehendem Aufenthalt bis zur endgültigen und völligen Verlegung des Wohnsißes in die Nähe des Arbett platzes. Die „Arbeits: bezw. Tagesbevölkerung* der Wohno:te dedt sih noh in vielen Fällen mit der N1chtbevölke1ung, in vielen akec nicht mehr (besonders nicht in größeren Städten mit ibren Stadttheilen und Vor- orten). Einige Anhaltèpunkte über die stat1findenden Bewegungen in Würt1temberg geben die von der Cifenbahnverwaltung ausgegebenen Arbeiter-Wochenkarten nah einer oder beiden Richtungen, sorote die sogenannten Arbeiter-Rückfahrkarten; erstere beredtigen zu ein- oder zweimaliger Fahrt an se<s Tagen in der Wowe, leßtere zu einmaliger Hin- und Nückfahrt am Anfang bezw. am Schluß der Wcche. In den „Mittheilungen des Königs lichen Statistishen Landesamts" fiaden sich Nachweisungen über die Zahl der Arbeiter - Wochenfkarten unxd der Rükfahr- karten, welhe in und nah Stuttgart gelöst worden sind Danach is} die Zahl der Arbeiter - Wochenklarten für ahrten nah beiden Richtungen in allen württembergischen Eisenbahnsta1ionen zu- sammen in den Jahren 1890/96 von 220 893 auf 417 494 gestiegen, die Zahl der Karten nah nur einer Richtung ia den Jahren 1893/96 von 37 173 auf 75 368. Die Arbeiter-Rücksahrkarten mit einmaliger Gültigkeit hin und zurü> in der Woche sind erst am 15. Augusi 1897 eingeführt worden. Alle diese Karten werden naturgemäß von solchen Personen benußt, welhe in oder bei den Abgangé stationen wohnen, aber in oder bei ten Ankunsts|\tationen arbeiten. Im Jahre 1897/98

1. April bis 31. März) haben 92 942 Arbeiter-Wochenkarten im Siutbarter Haupt- oder Westbahnhof ihren Endpunkt gehabt, während nur 28 294 von Stuttgarts Bahnhöfen aus abgegangen sind. Nimmt man an, daß auf jede Person 50 Karten kommen, was fehr hoh gere<net is, so hätte man mindestens 1800 bis 2000 Perfonen, welde tägli<h durhschnittli<h auf den verschiedenen Bahn- bôfen mit vershiedenen Zügen eintreffen, während nur etwa 550 bis 600 die Stadt verlassen, um auswärts zu arbeiten; bei den Rü>kfahrkarten würden fich etwa 310 bis 350 bezro. 920 bis 25 ergeben, sodaß einer Ankunft von elwa 2000 bis 5000 Per- sonen ein Abgang von ctwa 600 bis 650 cntspre<hen würde. Diese Zahlen würden aber das Minimum nah unten ergeben. Dabei sind diejenigen Personen, welhe aus der Umgebung zu Fuß ankommen, und diejenigen, welhe z. B, die Straßenbahn, ein Zwetrad benutzen, nicht gerehnet. Die Stationen, aus welchen täglich Leute mit Arbeiter-Fahrkarten nah Stuttgart fahren, ver- theilen {< auf die 14 Oberämter Stuttgart-Land, Cannstatt, Gßlingen, Göppingen, Kirhheim, Nürtingen, , Reutlingen, Böblingen, Léonberg, Ludwigsburg, Besigheim, Waiblingen, Ba>knang, Schorndorf. Man sieht, die Zufahrtszone if etwa der vierte Theil des ganzen Königreichs; die nur cinmal wöchentli<h Zu- und Zurük-

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fahrenden igen eine no< weitere Zone. Es wird anzunehmen sein, daß die aus Stuttgart hinausfahrenden Inhaber von solchen Karten sozial in anderer Lage sind als die hineinfahrenden, und daß es _ < dabei vorzugëweise um solhe Geschäfte handelt, wel<e regelmäßig einzelne Arbeitskräfte auf längere oder kürzere Zeit entsenden. ierüber können naturgemäß nur Vermuthungen aufgestellt werden. erarti E DOUperT iten, welhe den Tag in der hier liegenden Arbeitsstätte, die Nacht in der dort liegenden Wohnstätte verbringen, ind ganz neue Erscheinungen im 'alten Rahmen des Gemeindeleben®, a des volklihen Zusammenlebens überhaupt. Die alte Gemeinde- einheit ift da und dort in Auflösung begriffen, die veränderten Arbeits- und Lektensverbältnisse baben alte Sitten und Gewohnheiten gesprengt, der „Zug nah der Stadt" besteht niht etwa bloß in Wohnsißz- verlegungen von der einen Gemeinde in die andere, er ift vielmebr ein Auétdru> ganz neuer Kombinationen zwishen Arbeits- und Wohn- ftätten. Die Rufe na gemeindlicher, staatlicher, sogar „nationaler“ Wohnungsreform, nah „Industriestraßen“, nah Verlegung der íFndustrie aufs Lanbv u. \. w. sind die Symptome der veränderten Gesammtlage. Der Staatsbürger, der 5 bis 20 km von jedem Bakhnney entfernt is und vergebens seine Arbeitskraft anzuwenden ftrebt, und derjcnige, der im Landesmittelpunkt seinen Grundbesiß an Werth fozusacen von selbst steigen sieht, sind die Endglieder einer verzweigten Personenkette, deren Einzelglieder von dem Verkehrê- umshwung in verschiedener Art und in verschiedenem Grade be- troffen werden.

Nech bliebe übrig, darüber Rechenschaft zu geben, wel<e Folgen die Verschiebungen im sozialen Leben mit si< bringen. Darüber, welcherlei Volksbestandtheile si na< der Stadt drängen, find neuer- dings ?ahlreihe Vermuthungen aufgestellt worden. Was die alten Geschichtöschreiber berichten, daß z. B. in Rom zur Kaiserzeit von überall her die „zweifelbaften" Elemente zusammengestrômt seien, das sagen manche Schriftsteller der Gegenwart au von den Großstädten unseres Zeitalters; andere sagen das Gegentheil. Einzelne allgemeine, merkwürdige, foziale wie anthropologische Thats- sachen lassen sih einwandsfrei feststellen, so beispielsweise das Zu- sammenstrôwen von Israeliten in den Städten bezw. Großstädten. Bon den 12 245, 13 331, 12 639, 11 887 Israeliten, wel<e z. B. in Württemberg bet den Volkszählungen von 1871, 1880, 1890, 1895 aezäblt wut dén, waren 1817, 2485, 2758, 2718, also 14,84 9/9, 18,64 9/9, 21,82 9/0 und 22,86 %/o in Stuttgart gezählt worden, im Jahre 1871 war also nur 1/7, im Jahre 1895 dagegen beinahe { aller “sraeliten Württembergs in Stuttgart ortêanwesend. Ferner ist Thatsacte, daß die Verlegung fast aller höheren Unterrichts- und Erziehungsanstalten, der Kunst- und Wissenschaftsinstitute und Sammlungen aller Art u. \. f. in größere Orte die Einwohner dieser Orte, wie der bekannte Statistiker Georg von Mayr dies zutreffend nennt, „unterriht8gelegener“ maht, woraus z. B. die starke prozen- tuale Betheiligung der Israeliten, die verhältnißmäßig \<wache der Katholiken si vielfah erllären mag, da naturgemäß ortsansässige Eltern ihre Kinder leichter in solhe Anstalten {i>en können. Gerade dieser Gisihtspunkt ift beispielsweise für den „Zug nach der Stadt“ bei denjenigen Krei'en sehr wirksam, welhe nicht an einen bestimmten Oit gebunden sind.

Zur Arbeiterbewegung.

In Dresden haben, wie die „Lpz. Ztg.“ berichtet. 100 Schmied e- gehilfen am Montag wegen Lohnstreites die Arbeit eingestellt. (Vgl. Nr. 73 d. Bl.) S

In Wilsdrutf sind na einer Mittheilung desselben Blattes am Sonnabend 160 Holzarbeiter in den Ausstand eingetreten, da ihre Forderungen *58stündige Arbeitszeit in der Woche, Er- kôhung der Löhne dur Einführung eines entsprehenden Tarifs mit 5 bis 109% Zuschlao, 18 # Mindestlohn für gelernte Arbeiter, Arbeits\>{luß und Lohnzahlung Sonnabends Nachmittags 4 Uhr nit bewilligt worden sind. Mit Ausnahme des Besipers einer Möbelfabrik, der die Forderungen bewilligte, haben die Meister und Fabrikanten si< dur< Vertrag gegenseitig verpflichtet, keinen AOOE von einem dortigen Arbeitgeber während des Ausstands ein- ustellen. | Aus Crimmitschau wird der „Geraer Ztg.“ geschrieben: Die hiesigen Terxtilarbeiter haben dem Spinner- und Fabrikanten- verein folgende Forderungen unterbreitet : Verkürzung der Arbeitszeit von 11 auf 10 Stunden, dabei gleihbleibender Lohn für die im Tagelohn und 1009/0 Lohnerhöhung für die im Accord- lohn Arbeitenden, WBezahlurg der Nebenarbeit und Be- \{<affung guten Trinlwassers. Begründet werden diese Forderungen damit, daß nabezu 17 Iahre vergangen seien, feit die Arbeitszeit ver- fürzt worden ist, und daß der heutige Maschinenbetrieb für den Arbeiter aufreibznder geworden fei. j

In Nürnberg haben, wie die „Münch. N. N." melden, die Zimmerleute bteilossen, bei solhen Arbeitgebern, welche nicht 43 A Lobn für die Stunde zahlen, die Arheit einzustellen.

Aus Karlsbad berichtet ein Wiener Telegramm des ,W.T.B.“: Nachdem vorgestern eine Anzahl Bauarbeiter die Arbeit niedergelegt haben, hat si, wie die Blätter aus Karlsbad melden, der Ausstand zu einem allgemeinen entwi>:lt. Der Bezirkshauptmann verbot An- sammlungen und Umzüge; mehrere Ansammlungen von Arbeitern wurden dur< die Gendarmerie zerstreut. Im Laufe des gestrigen Tages wurden drei Personen verhaftet. Auf Anfuchen der Behörden ist aus Eger ein Bataillon Infanterie eingetroffen. Bisher sind keine Ruhbestörungeu vorgekommen. /

Aus Seraing wird dem „W. T. B.“ gemeldet: Dreitausend Grubenarbeiter sind in den Ausstand getreten und verlangen eine 15 9/gige Lohnerhöhung. Man befürchtet, daß der Ausstand ih auf den ganzen Lütticher Grubenbezirk ausdehnen werde.

Land- und Forstwirthschaft.

Saatenstand in Rumänien.

Bukarest, den 1. April. Der in den leßten Wochen reihli< gefallene Schnee und Regen baben dem A>erboden die zur Bebauung erforderliche Feuchtigkeit zugesührt, sodaß die Frühlingseinfaat unter normalen Verhältnissen vor sih geht. :

Die Herbstsaat stebt im allgemeinen gut. Die anhaltend kalte Temveratur ift insofern günstig, als sie das unerwünschte zu |<nelle Wachsthum auf den Feldern verhindert.

Der Stand des Raypses ist ein besonders guter.

Saatenstand und Getreidehandel in Bulgarien.

Varna, den 5. April 1899. Die Herbstsaaten haben im allgemeinen sehr gut überwintert ; durch die ausgiebigen Niederschläge und warmen, sonnigen Tage des leßten Monats is auch das neue auffeimende Sommergetreide äußerst günstig beeinflußt worden, sodaß die Landwirthe auf diplo des jetzigen Saatenstandes eine ergiebige Ernte für dieses Jahr erwarten. x i

S Monat A hat das Varnaer Getreidegeshäft erheblih zu- genommen, dessen Aufs<wung hauptsächli<h dem Weizen zu gute kam. Während die Getreideausfuhr nah den griehis{<en Inseln nachgelassen hat, fanden die bulgarischen Zerealien an den englishen und belgischen Getreidemärkten größeren Absay als bisher. ; i

Das Hauptexportprodukt bildete Mais, welcher troß seiner steigen- den Preisnotierungen in großen Mengen ausgeführt werden konnte, und dessen Sto>s man in Höhe von etwa 10 000 t noch abzustoßen edenkt. « N J : Das Baltschiker und Kowarnaer Getreidegeschäft ist für diese Saison nahezu beendet; die dortigen geringen Hautweizen- und Gerste- vorräthe werden von Spekulanten in Erwartung besserer Preise

üud>gehalten. E Bi0 Betreide - Durchschnittspreise betrugen pro Doppelzentner

ranko Bord:

| j für aaeien i; E 12,50 Fr., ÿ N i: Í E CD44

O C O 0

Im leßten Monat witrden ausgeführt : aus Varna Weizen nach der Türkei, . « England « Belgien Mais na< der Türkei . nah Frankrei . nah Italien . Gerste / O De S E S > 44

afer oes e Ee ; 35 irse na D O U 18

In den die Berichterstattung der land- und forstwirthshaftlihen Sachverständigen bei den Kaiserlichen Vertretungen im Auslande ent- haltenden Beilagen zu den Nrn. 6 und 7 der „Mittheilungen der Deutshen Landwirthschafts - Gesells<haft“ führt der Sachverständize für die südamerikanishen Staaten in Buenos Aires seinen eingehenden Bericht über den <ilenishen A>erbau zu Ende und {ließt daran den erften Theil einer Abhandlung über die

<ilenis<e Viehzucht.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrungs» Makßregelu.

Gesundheitsstand und Gang der Volkskrankheiten.

(Aus den Veröffentlichungen des Kaiserliben Gesundheitsamts3“, Nr. 15 vom 12. April 1899.)

| Pest und Cholera. : ;

British-Ostindien. Kalkutta. In der Zeit vom 5 bis

11. März starben 15 Personen an Cholera, 5 an Po>en und 249 an Fiebern; an Pest erkrankten 83 und starben 68.

Pest.

British-Oftindien, Vom Ausbru<h der Pest im Herbst 1896 an bis ein)\<l. Januar 1899 sind bei den Behörden zur Meldung gelangt: aus der Stadt Bombay über 36 009 Erkrankungen, aus dem Dharwar- Bezirk 36 459, Satara- Bezirk annähernd 26 000, Belgaum-Bezirk 23 800. Kolapur-Staat 13000, den übrigen Staaten und Bezirken der Präsidentshaft Bombay (aus\<l. Poona mit 9397) 50000, der Stadt Kurrachee 6608, und sfsonst aus der Provinz Sindh ungefähr 2000, aus dem Hoshiarpur-Bezirk des Punjab 937, Jullunder- Bezirk 2591, aus Saharanpur in den Nordwestprovinzen 275, dem Wardha- Bezirk in den Zentralprcovinzen 163, den Bezirken der Provinz Madras mehr als 1000, dem Staate Hyderabad 5000 (davon aus dem Lingsugar- Bezirk 3200), dem Sirohi-Staate in Rajputana 117, aus Mysore ungefähr 9000 (davon aus Bangalore 3300, aus dem dortigen Kantonnement 3837). Die Zahl der Pesttodesfälle für die angegebene Zeit if nit genau fest- zustellen, do<h beträgt sie wahrscheinli< gegen È Million, über 200 000 Peststerbefälle find behördli<h angemeldet. : i

In der Zeit vom 26. Februar bis 4. März bat die Seuche in der Stadt Bombay mit 978 Todesfällen gegen 934 in der Vor- woche no< eine weitere Zunahme erfahren. In der gleichnamigen Präsidentschaft ist die Zahl der an Pest Gestorbenenen von 1500 auf 1300 gefallen, in Kurrachee von 8 auf 36 gestiegen. Im Jullunder- Bezink kamen 9 Erkcankungen zur Kenntniß, in Kalkutta 99 mit 21 Todesfällen (darunter einige verdächtige). Eine Zunahme der Seuche wurde in den Kolar-Goldfelderbezirken und im nördlihen Arcot- Bezirk der Provinz Madras festgestellt. Ein merkliher Wechsel hat im Staate Hyderabad niht stattgefunden, im Anantapurbezirk (Prov. Madras) war eine Besserung zu ver- eichnen.

N Einer Meldurg vom 10. März zufolge ist die Pest in 2 Dörfern der Provinz Bengalen im Faridpur- und Vacca-Bezirk aus- gebrochen. i i i : i

In Kurrachee zeigte die Seuche neuerdings eine weitere Zu- nahme; sie verursachte in den Tagen vom 8. bis 14 März 7, 19, 12, 12, 15, 14, 21 Erkrankungen und 5, 9, 6, 10, 10, 13, 15 Todesfälle.

Nach einer anderen Meldung sind innerhalb der am 5. März endenden Woche an Pest gestorben: in der Präsidentshaft Bombay eins<l. der Provim Sindh 2493 Personen (davon in der Stadt Bombay 1036), in Kurrachee 52, in Thana 142, in Satara 130, in der Präsidentshaft Madras 128 (davon im nördlihen Arcot- Bezirke 69), im Staate My sore 180, im Staate Hyderabad 88,

in Kalkutta 21. E Gelbfieber.

In der Woche vom 21. bis 27. Januar sind in Rio de Janeiro 28 Todesfälle an Gelbfieber und 10 an acces80 Pernicios0o gemeldet ; von hier aus ist Gelbfieber nah Victoria (Espirito Santo) ver- \{<leppt worden, woselbst vom 12. Dezember v. I. bis 4 Februar 50 Erkrankungen mit 20 Todesfällen gezählt wurden.

Berschiedene Krankheiten.

Po>ken: Antwerpen 2, Moskau 8 Todesfälle; Antwerpen (Krankenhäuser), Paris je 9, St. Petersburg 36 Erkrankungen ; Geni>starre: New York 12 Todesfälle; Tollwuth: Rom 1 Todes- fall; Milzbrand: Mosfau 1 Todesfall; Varizellen: München 39, Wien 63 Erkrankungen; Keuchhusten: London 57 Todesfälle; Reg.- Bez. Schleswig 70, ¿chen 50, Wien 100 Erkrankungen; Influenza: Berlin, Hamburg je 12, Altona, Frankfurt a. M., Leipzig je 4, Braunschweig, Bremen, Breslau, Kottbus, Magdeburg je 3, Barmen, Danzig, Hildesheim je 2, Kopenhagen 9, London 102, Moékau 5, New York 8s, Paris 70, St. Petersburg, Prag, Wien je 3 Todesfälle; Nürnberg 555, Hamburg 71, Kopenhagen 131, St. Pitersburg 30, Sto>holm 43 Gikranfungen; Lungenentzündung: Reg.-Bez. Schleswig 121, München 78 Er- franfungen. Mehr als ein Zehntel aller Gestorbenen starb an Masern (Durchschnitt aller deuts@en Berichtsorte 1886/9 : 1,15 0/0): in Halberstadt Erkrankungen kamen vor 1n Berlin 43, im Reg.-Bez. Aachen 224, in Budapest 139, Edinburg 188, Kopenhagen 106, New York 280, Skt. Petersburg 97, Prag 22, Sto>kholm 26, Wien 329 desgl. an Scharla< „in Berlin 49, Breslau 42, im Reg.-Beg. Arnëbera 153, in Budapest 33, Kopenhagen 84, London (Krankenbäufer) 167, New York 182, Paris 156, St. Petersburg 40, Wien 59 deëgl. an Diphtherie und Croup in Berlin 82, im Reg.-Be:. Arnsberg 137, in München 57, Kopenhagen 45, London (Krankenhäuser) 121, Rew York 203, Paris 70, St. Petersburg 87, Sto>kholm 98, Wien 66 desgl. an Unter- leibötyphus in Budapest 25, Paris 41, St. Petersburg 203.

Der Ausbruch der Maul- und Klauenseuche ist dem Kaiserlihen Gesundheitsamt gemeldet worden vom städtischen Vieb- hofe zu Stettin am 11, April.

Hinter-Jundien.

Wegen Auftretens der Beulenpest in Hongkong ist der dortige Hafen dur Bekanntmachung der Kolonial-Regierung in Singapore vom 15. März d. J. sür verseucht erklärt worden. j

Alle von dort kommenden Schiffe werden bis zum neunten Tage na der Abfahrt oder R Auftreten des legten an Bord vorge» kommenen Falles der Krankheit oder bis zur Freigabe durch den Gee

E der Kolonie bis auf weiteres unter Quarantäne gts ellt werden.