1898 / 58 p. 8 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

halten. J< wenigftens möchte niht dazu beitragen, daß sie irgend verlassen wird. Das muß ich freilih sagen, was speziell die Poppels- dorfer Rede anlangt, so bin i< ni<t in der Lage, ihren Inhalt zu vertreten. (Bravo! rets.) Ich hätte aber allerdings gewünscht, daß die Kritik hier in einer etwas weniger scharfen Form hervorgetreten wäre. (Ruf links: sehr richtig!) 9

Abg. Ri>ert (fr. Vag.): Es i} interessant, wie Herr von Heydebrand den Kopf aus der Schlinge zieht; um Herrn 4 Jagow zu vertheidigen, sagt er, die Freisinnigen bätten Anträge gestellt, welche die Regierung für unannehmbar erklärt habe. Die konservative Partei hat wiederholt solche Anträge gestellt. Daraus folgt doch A daß die Freisinnigen dem Gesey Schwierigkeiten machten, sondern daß sie vielmehr das Geseß zu verbessern gejuht baben im Interesse der Lehrer. Es is} also objektiv unwahr gewesen, was Herr von Jagow sagte. Das war Wahlpolitik, die Gr gen als Gegner des Geseyes hinzustellen. Wie würde es Ihnen R gefallen wenn ih Ihnen sagte, Sie hätten mit dem Antra auf Gehaltserhöhung der Förster Wahlpolitik getrieben? Das ist au nicht in der Ordnung. In Bezug hierauf sind wir allzumal Sünder Ich bedaure, daß der Kultus-Minister no< kein Wort über die Beschwerde des Herrn Knör>ke gesagt hat. Es ist Pflicht der Abgeordneten, solche Beschwerden vorzubringen. Die Frage des Religionsunterrihts der Dissidentenkinder will hrer nit erörtern, um alles auszuscheiden, was die Fertigstellung des Etats verzögern könnte. Ueber die Rede des Herrn von Rotten- burg, die eine durhaus wifsenshaftlihe war, habe ih mi gefreut. Herr von Rottenburg ist eine so vornehme Natur, daß er die Angriffe des Herrn Gamp nicht verdient. Warum hat denn Herr Gamp niht die Rede des Landwirthschafts-Ministers bei derselben Feier in Poppelsdorf erwähn1? Diese Nede hat die höhste Gmpörung des Herrn von Ploeß erregt, und er hat in einem öffentlichen Brief dem Herrn Minister darauf geantwortet. Herr Gamp beschwert ich über den Ausdru> „Hypertrophie des Ggoismus*. Herr von Wedel- Malchow hat die Liebesgabe für die Brenner gefordert ‘als Entschädi- ung für die Verluste der Brenner infolge der neueren Geseßgebung. Ist das nit Egoismus? Wenn aber Beamte die Handelsverträge an- n dann hat Herr Gamp kein Wort des Tadels. ' Herr Knörd>e st verleßt dur die Aeußerung des Herrn von Jagow. Was hat erst Herr von Puttkamer über die Majorität des Reichstages gesagt! Wir sind an sol<e Dinge gewöhnt. Jch hoffe, der Minister wird alles daran seßen, um in der nächsten Session die Borlage wegen der Reliktenverforgung der Lehrer einbringen zu tönnen. Ich bitte ferner den Minister um eine Mittheilung über die Medizinalreform. Nach den Zeitungen soll die Medizinal-Abtheilung vom Kultus-Ministerium abgetrennt werden. Im vorigen Jahre hat der Minister für diese Session die Medizinalreform in Auésicht gestellt. Was hat fie verzögert? Ich würde es bedauern, wenn unsere Aerzte mit der Uebertragung der Medizinal-Abtheilung auf das Ministerium des Innern einverstanden?® wären. Die Medizinal-Abtkeilung muß in Verbindung mit der Wissenschaft erhalten bleiben. Es heißt, der Kultus-Minister sei über- Tastet. Ja, aber der Minister des Innern ist au überlastet. Dann foll man wenigstens ein besonderes Medizinal-Ministerium errichten; dann könnte au die ganze Gesundheitspflege und Wohlfahrispflege geregelt werden. Aber i< wünsche die Trennung vom Kultus- Ministerium überhaupt nit. Die kirchlichen Angelegenheiten müßten dem Justiz-Ministerium übertragen werden, damit lediglich der NRechts\tand- punkt in diesen Dingen zur Geltung kommt und sie ni<t mit den Unterri@ts- Angelegenheiten verqui>kt werden. Was würde bei der Trennung der Medizin vom Kultus-Ministerium mit der wissenschaft- lien Deputation werden, soll diese au< an das Ministerium des Innern übergehen? Ehe die Regierung hierin elnen Schritt thut, sollte sle der öffentlihen Meinung Zeit lassen, die Frage zu _er- örtern, und uns vor allem die Medizinalreform vorlegen. Für Sgulbauten hat der Finanz-Minister 4 Millionen zur Verfügung ge- stellt. Reicht diese Summe auch nur für die dringendsten Bedürfnisse aus ? Die Konservativen haben leider 1890 dem Kultus-Minister von Goßler die verlangten 20 Millionen für Schulbauten verweigert, Es sind uns Petitionen wegen der Baufälligkeit von Schulhäusern zuge- gangen. Die in den Petitionen geschilderten s sind in der That für uns beshämend. Ist es richtig, daß der Minister eine Revision der Schulgebäude angeordnet hat infolge des Unglü>s in Fredenwalde, wo der Lehrer verbrannt is? Der Kultus-Minister ollte den Muth haben, vom Finanz-Minister no< einmal so viel zu fordern, wie seiner Zeit Herr von Goßler.

Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten D, Dr. Bosse: Meine Herren! Ih will mi< mit Rücksicht auf die wünschens- werthe Beschleunigung der Etatsberathung beshränfen auf zwei Fragen, die der Herr Abg, Ri>kert besonders hervorgehoben hat, und fange glei mit der zweiten an: ob ih glaube, daß mit den 4 Millionen, die jeßt auf dem Etat stehen, bei allen unzulänglihen Schul- gebäuden und im ganzen Umfange Abhilfe geschaffen werden kann? So rund kann ‘i< diese Frage nid bejahen. Aber das is ganz gewiß, daß ih mit diesem Betrage von 4 Millionen sehr zufrieden und dem Herrn Minister für dies Zugeständniß sehr darkbar bin. Und wenn ich die tehnishen Kräfte, die wir für die ‘Schulbauten do brauchen, nicht überlasten will, so sind mehr als 4 Millionen im nächsten Jahre nit wohl zu verwenden. Das ist ja richtig, das wird au< von der Finanzverwaltung garnicht bestritten, daß no<h mancherlei Shulgetäude übrigbleiben werten, die no< manGes zu wünschen lassen. Aber da hoffe ih denn do, daß i< au< künftig im Extraordinarium etwas beîommen werde. Auch. darf der Herr Abg. Ri>ert nicht vergessen, daß wir seit dem Jahre 1890 durch das Extraordinarium wiederholt für Squlbauten etwas gethan haben, und daß wir auf diesem Gebiete etwas weiter gekommen sind. Es ist ja vollfommen richtig, daß es in vereinzelten Fällen no< ganz un- zulänglihe Gebäude giebt; die werden wic jedenfalls in erster Linie in Angriff nehmen und werden dafüc sorgen, daß an ihrer Stelle vernünftige und brauchbare Schulgebäute hergestellt werden.

Nicht richtig ist es, daß ih eine allgemeine Revision aller Schul- gebäude veranlaßt hätie, aus Anlaß des im Regierungsbezirk Potsbam im vorigen Jahre vorgekommenen Falls. Ich will be- merken, daß bieser Fall na< seiner Entstehung leider no< nit genügend aufgeklärt ist, und daß no< nit fesisteht,

ob der Zustand des Gebäudes den eigentlihen Grund bildet,

wodur das Unglü> damals entftanden ist. Aber das nur nebenbei. Wollte i eine folce allgemeine Revision veranlassen, meine Herren, so würde ih ja die Begehrlichkeit in einer Weise wc>en, die ih gar- nit verantworten könnte. Das ift aber au< nicht nöthig. Jedes Schulgebäude wird von Zeit zu Zeit von den dazu bestellten Beamten untersu<t, und daraus ergiebt si für uns ganz von selbft ein klarer Ueberbli> darüber, was auf diesem Gebtet zu gesehen hat. Uns fehlt es durchaus nit an Anträgen und Vors@lägen der Regierungen, wo gebaut werden soll. Wir haben deren mehr als genug und bekommen jedes Jahr neue. Also wir brauchen garniht eine allgemeine Revision

anzustellen, um zu wissen, wo etwa ein {<le<tes Schulgebäude vor- handen ift.

Das kann i< dem Herrn Abg. Nickert versichern: ih stimme mit ihm ganz daria überein, daß es eine ernste Pflicht der Schulverwal- tung tit, alles aufzubieten, -na< der hygienis<hen Seite für die Kinder und für die Lehrer ordentliche Schullokale herzuftellen. Dieser Pflicht bin i< mir vollständig bewußt, und ih werde jederzeit

den Muth baben, von dem Herrn Finanz-Minister zu fordern, was in dieser Beziehung nöthig ist. i

Darauf will i< diese Frage verlassen und wende mich zu der zweiten Frage, zu der Medizinalreform, und zu der Frage, wie es augenbli>li< mit der Absicht steht, die Medizinal-Abtheilung von dem Kultus-Ministerium abzutrennen und dem Ministerium des Innern zuzuweisen. In der That stehen beide Fragen in einem gewissen Zusammenhang. Ih habe das im vorigen Jahre hier ziemlih aus- führlih und eingehend dargelegt; denn au< im vorigen Jahre ist die Frage hon angeregt worden,

Ich habe im vorigen Jahre ausdrü>lih gesagt, daß ih persönlich meine Bedenken gegen eine Abtrennung der Medizinalsahen vom Kultus - Ministerium würde zurü>treten lassen, wenn im Staats- Ministerium die Ueberzeugung dur<dringen sollte, daß die Abtrennuug um der nothwendigen Entlastung des Kultus-Ministeriums willen diese Nothwendigkeit erkenne ih in vollem Maße an wünschenswerth wäre. Ich werde kein Hinderniß bereiten. Ih habe aber hinzugefügt, daß ih allerdings glaube, daß der Abs{luß der sogenannten Medizinal- reform, die Vorlegung des Geseßentwurfs hier in di:\sem hohen Hause und die anderweitige Stellung der Kreisärzte denn das wird der Mittelpunkt der Reform sein —, zunähst no< erledigt werden

müsse von dem gegenwärtigen Medizinal - Minister; denn bei

uns sind ja die ganzen Vorarbeiten gema<ht, und bei uns

die Erfahrungen gesammelt. Nichts liegt do< näher, als daß der

Minister, der jeßt die Medizinal-Angelegenheiten hat, nun au<h die

beabsihtigte Neuordnung leitet natürli<h im Einverständniß mit

dem Staats - Ministerium und mit dem Herrn Minister des Innern,

der ohnchin {on viel, wenn ih so sagen darf, in den Medizinalsachen

mein Korreferent is. Das it, ih will nicht sagen, eine Ghren-

sache für mi, aber es i} eigentlih etwas durh die Natur der Sache

von selbst Gegebenes. Und diejenigen Herren, die ein Interesse daran

haben, diese Medizinalreform möglichst bald fertig gestellt zu sehen,

müssen jedenfalls wünschen, daß sie zunächst no< bei mir im Kultus-

Ministerium fertig gestellt werde. Denn das ist zweifellos: wenn wir

heute die Medizinalsahen an das Ministerium des Jnnern abgeben, dann tritt dies Gesey zunä<hst wieder in ein neues Stadium, was wieder neue Kräfte, neue Zeit, neue Ginarbeitung fordert, und das würde nux eine Verzögerung für das Gesetz bedeuten,

Also i stehe in der That so zu der Sache, daß ich bereit bin und wünsche, dies Gesetz fertig zu machen und vorzulegen. Ich habe in der vorigen Session - allerdings gesagt, daß wir an der Arbeit wären, und habe auch in Autsicht gestellt, womöglich in dieser Session das Gese vorzulegen. Ich bin mir tessen schr wohl bewußt, habe aber au nichts versäumt, das zu thun. Ich habe einen Entwurf aufgestellt, habe diesen Entwurf einer Kommission vorgelegt, die ja Herr Akg. Ri>ert sehr genau kennt, und habe dann nah den Rathshlägen, die i< von dieser Kommission bekommen habe, den Entwurf modifiziert, habe ihn demnächst an die anderen betheiligten Ministerien : an das Finanz-Ministerium, das Ministerium des Innern und das Justiz-Ministerium gehen lassen und habe vor ungefähr vier Wochen die Monita und die Vota über den Gesetzentwurf von den Herren bekommen, Jch habe sie jeßt bei mix erledigt, habe zum theil den Wünschen, die von dort aus geäußert

als na< re<htli<hen, und ih hoffe, davon wird < das hohe Haus von Jahr zu Jahr mehr Kberzeugen, fo lange i< die Kultusyerwaltung führe. Ich selb würde, woraus ih gar kein Hehl mache, freilih die Kultussachen no< viel weniger gern verlieren als die Medizinalsahen. Es würde mir sehr {wer fallen, diese abzugeben; denn sie find so tief verwahsen au< mit unseren unterrichtlichhen Fragen, und die ganze historis<he Entwi>elung des Ministeriums spricht so sehr dafür, diese beiden Dinge zusammen zu lassen, daß ihre Trennung mih {wer berühren würde.

Aber, wann soll nun das Medizinalwesen abgetrenut werden ? Oder wann soll die Entscheidung getroffen{werden, ob es abgetrennt werden foll? Diese Frage is, meine Herren, überhaupt noch gar- nicht \spruchreif. J< kann hier ganz positiv versichern, daß die Frage im Staats-Minifterium bis jeßt no< nicht besprochen ist; sie is nur zwishen dem Herrn Finanz-Minister und mir berührt worden, Allerdings liegt es jeßt so, daß die Frage demnächst in das Staats- Ministerium kommen wird. Wie die Entscheidung fällt, weiß ih noch nit; eine Diskussion hat bis jeßt nicht stattgefunden; ih habe die Diskussion angeregt auf Grund der vorjährigen Verhandlungen 4 der Berathung des Kultus. Etats beziehungsweise des Medtzinal-

tats.

JI< glaube, mit diesen Eckläcungen den Wünschen des Herrn Abg. Ri>kert um Auskunft in dem Umfange, in dem es zur Zeit mögli< is, Rechnung getragen zu haben. i

Ahg, Dr, Sattler (nl.): Ih persönlich bin für die Abtrennung der Medizinal-Abtheilung vom-Kultus, Ministerium, weil dieses zu fehr überlastet ist und diese Fragen eigentlih zu den Obliegenheiten des Mis- nisteriums des Innern und der Polizei gehören. Ich bitte den Herrn Minister, die Lehrec an den höheren Schulen in Walde>k nicht zu ver- gessen, sondern dafür zu sorgen, daß sie den Lehrern in Preußen bei der Aukfstellun des Gtats für Walde> gleihgestellt werden, Die Rede des Unter-Staatssekretärs a. D. von Rottenburg bietet feinen Anlaß zu einem Eingreifen der Regierung. Wir sind alle- sammt Sünder und legen nit jedes Wort auf die Wagschale. Ein Disziplinarverfahren hat wobl au<h Herr Gamp nicht gewünscht. Herr Knör>e hat hier kaum Wahlpolitik getrieben, sondern \< nur bemüht, die Rostfle>e wegzupugen, die er amd seine Partei an dem Panzer ihrer Lehrerfreundlichkeit erlitten haben. Die Polen und die Herren vom Zentrum haben das Gemeinsame, daß ihre Wünsche nicht geringer, sondern größer werden. Sie wollen den Spyrachenerlaß von 1894 auf Wesipceußen und Oberschlesien ausgedehnt sehen. Wir haben davor gewarnt, den Polen zu weit entgegenzukommen.- Das Zentrum is allerdings diesmal von einer gewissen Fuielertigteit be- seelt; das zeigt au die Form der Rede des Herrn Dauzenberg. Aber sahlih hat er alle D des * Zentrums aufre<t er- halten, ja sogar erweitert; er eansprucht sogar ein Vorschlagsreht für die Besetzung der Rathsstellen im Kultus-Ministerium. Vielleicht hat #< {hon eine Vorschlagskommission im Zentrum gebildet. Das Zentrum hat ja bisher \<on Erfolge errungen, die es zu weiterem Ansturm ermuntern können. Nur auf die Frage der Konfessionellität der Kirchhöfe ist Herr Dauzenberg nicht eingegangen; das ist wohl die Domîâne des L von Eynatten. Meine Freunde halten nah wie vor alle diese Forderungen für unbillig und ungere<t. Der Staat mu auf die Vorbildung der Geistlihhen im nationalen Sinne einen Einflu haben. Die katholischen Geistlichen müssen ein Verständniß für die deutsche Geschichte haben. Wie wenig Verständniß der Papst dafür hat, js e bekannte Encyklika, die mit Ausdrü>en der Unduldsamkeit erfüllt ff, welhe den konfessionellen Frieden ni<t stärken können. Die deutschen Geistlihen müssen mit deutshem Geiste erfüllt werden.

worden sind, zugestimmt. Aber, meine Herren, ih halte es für ganz unpraktis<, daß ih mi< jeßt hier hinstellen und ‘vor Ihnen nun einen no< nit einmal fertig formulierten Geseßentwurf eingehend wit allen Differenzen, die da no< vorhanden sind, erörtern foll. Wohin sollten wir dann kommen? (Zuruf des Abg. Ni>kert.) Jedenfalls wäre das keine Förderung für unsere Etats- berathung, deren Abs<luß do< dringend wünschenswerth ist. Also versäumt habe ih in der Sache nichts; im Gegentheil, ih habe das dringende Verlangen, die Sache zu fördern, und hoffe, daß die Sache auch vorwärts geht. h Was nun die Abtrennung der Medizinal-Abtheilung betrisft, fo hat Herr Abg. Rickert ganz Recht, die Sache hat sehr ihre zwei Seiten. Es giebt gewisse Dinge, von denen man annehmen kann, sie passen sehr gut in das Ressort hinein, das für die Kommunalverwaltung und die Exekutive bestimmt ist. Aber es giebt andere Dinge, die viel besser in das Ressort passen, wo die Wissenschaft ihre berufenen Ver- treter hat. Und ih bin feft überzeugt, daß die Medizinalpersonen und

Hoffentlich bringt dies der Abg, Dauzenberg in der nächsten Nede eben- falls zum Ausdru, Der nationale Geist schadet dem Charakter der Geistlichen in keiner Weise. Dte Orden sind ein Bollwerk der römischen Kirche und die polnischen Orden außerdem noch eiu solches der national- polnisch gesinnten Geistlichkeit geaentber den Protestanten. Man hat aber feine Veranlassung, sih über die Beschränkung der Ordensniederlassungen in Preußen zu beklagen. Ihre Zahl und die Zahl der Ordensbrüder hat si in den lezten Jahren sehr erheblih vermehrt, garniht zur Freude der Protestanten, denen wohl die Krankenpflegeorden, aber nicht die Kampforden \ympathish sind. Unterlassen Sie do<h (zum S diese Bn und die Forderung auf Herbeirufung der Sesuiten, die wir als Angriffe auf unsere Konfession empfinden müssen. Die Königliche Staatsregierung darf sich nicht in dem Glauben wiegen, daß es nur auf die Wünsche des Zentrums ankommt.

Abg. Dr. P ors < (Zentr.): Wir wiederholen unsere Forderungen, weil sie nothwendig sind, au< im Interesse des Staats. Graf Posa- dowsky hat ja den Einfluß der religiösen Mächte im Kampf mit der Sozialdemokratie hervorgehoben, und Abg. Lieber hat darauf * hin- gewiesen, daß die Häude der Kirche zu diesem Kampf gegen den Umsturz frei sein müssen, Und ih sage: die Reste des Kulturkampfes müssen beseitigt werden. Das widerstreitet au< nicht dem religiösen Bewußt- sein unserer evangelischen Mitbürger. Oder hält man schon die

auch ein Theil der Medizinalsachen h beim Kultus-Ministerium ret gut gestaltet haben. Jh will nur an die Bekämpfung der Infektions- frankheiten erinnern; da wohnen bei uns die wissenschaftlichen Ver- treter, ohne die wir gar nichts machen konnten, mit den te<nischen Beamten und den Verwaltungsbeamten Thür an Thür; es bedurfte sehr häufig in diesen Sachen, die \{leunige Maßregeln erfordern, daß der eine zum andern hinüberging; in fünf Minuten, in einer halben Stunde war die Sache mündlich erledigt, die künftig, wenn einmal eine Trennung erfolgt sein wird, große und weitläufige Schreibereien verursaen wird. Diese Bedenken liegen auf der Hand. Die Herren werden si< auch enisinnen: begeistert bin i< für die Ab- trennung des Medizinalressorts vom Kultus-Ministerium nie gewesen. Aber ih habe allerdings gesagt: ih bin persönli kein Hinderniß. Der Grund dafür ist, daß ih eine Entlafiung des Kultus-Ministeriums yon meiner Person ganz abgesehen für nothwendig halte. Von meiner Person kann ih absehen; i< werde es wohl no< aushalten, solange i< Kultus-Minister bin; ih habe es bis jeßt au ausgehaltea. Aber, i< finde es \hädli< für die Verwaltung des Kultusressorts, daß der Minister mit einer Menge von Verwaltungs- gesäften belastet ist. Diese Medizinalsachen sind zwar nicht politischer Natur, aber sie belasten das Gewissen des Ministers sehr erhebli, denn es handelt #s< da um Leken und Gesundheit sehr

weiter Kreise, und Mißgrisfe auf diesem Gebiet belasten den Minister mit einer schweren Verantwortung. (Sehr rihtig!) Also, i< halte es nit für gut, daß der

Unterrichts-Minister und Kultus-Minister au< mit dieser großen Verantwortung no< belastet ist, wenn es möglich ist, ihm das zu ersparen, ohne sachlihe Interessen zu s{<ädigen.

Nun hat Herr Ri>ert freilih gemeint, man könne auf andere

Weise ‘helfen, man brauche bloß die Kultusfahen wegzu- nehmen und dem Justiz - Ministerium zu übertragen. Meine Herren, wollten wir diese Frage jeßt gründli<h behandeln, dann würden wir garniht fertig werden; diese Frage

laffe i ganz bei Seite. Das will i< Herrn Abg. NRi>kert nur sagen darin bin i< mit ihm ganz einverstanden —: die Kultus- sachen follen in Preußen auss{ließlid} oder do< wesentli nah re<ht- lien Gesfihtspunkten beurtheilt werden. Das werden sie aber au< jest. Ich behandele sie ni<t na< anderen Gesichtspunkten

Existenz der katholishen Kirche und des Papstes für eine Störung des konfessionellen Friedens ? Der jeyige kirchenpolitishe Zustand ist doch kein Kompromiß in dem Sinne, daß an ihm nicht gerüttelt werden fann; er ist nur ein aditus ad pacem, und der Minifter kann es daher au< nicht ablehnen, die bestehenden kirhenpolitishen Gesetze abzuändern; der Regierung i} die Initiative leichter als uns, nament? li in der Ordensfrage. In der Hrage der egelung der Verwal- tung des fatholishen Kirchenvermögens haben wir bereits die Ini- tiative ergriffen. Das Geseg is mangelhaft. Wix haben eine Revision verlangt und einen # es<luß des Hauses extrahiert. Leider ist die Regierung no< zu keinem Entschluß darüber gelangt. Wir rihten an unsere Gefsinnungsgenossen im Lande die Bitte, bei den Wahlen nur sol<e Kandidaten aufzustellen oder zu unterstüßen, die für die Beseitigung der bestehenden Kulturkampsreste zu stimmen bereit find. Der katholische Klerus ist na< seinér ganzen Vorbildung auf Gymnafien, Universitäten u. f. w. national gesinnt; aus der Canisius- encyklika entgegengesehte Schlüsse zu ziehen, is unrichtig. Ein ähn- lies Urtheil über die Reformation hat {on von Dôöllinger gefällt. Eine tüchtige Vorbildung entspricht auch den Intecessen der katholischen Kirhe, Dispense find allerdings ertheilt worden; man sollte fi aber niht für etwas bedanken müssen, was unser Recht ift. Der Fall, daß ein Kandidat im Auslande eine Zuchthausstcafe er- litten, kann do niht ma gebend sein, es ist eine Ausnahme. Herr Sattler kennt die Geschichte unserer katholishen Orden nicht, sonst würde er niht behaupten, daß sie gegründet seien, die Kegereien zu befämpfen, das trifft au< niht vom Jesuitenorden zu. Die Zu- lassung von Ordensniederlassungen ist wiederholt S worden. Das hat uns shmerzli< berührt. Den konfessionellen Frieden kann es nit echôhen, wenn in Naumburg in Schlesien ein katholis

Kloster zu einem evangelischen Prediger-Seminar benußt worden ist.

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(S&luß in der Zweiten Beilage.)

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