1899 / 284 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

0h o der Lehrlinge hatten eine Arbeitszeit von unden. Die Mngierung selbs lancierte damals ge- ‘als Versuhsballon die Idee eines frühzeitigen

lu es. Von der Presse wurde der Gedanke zuerst fast allaemein

ernst genommen, ja mit Spott und Hohn übershüttet. Mit der i aber auente Mau sh dazu, diesen Gedanken wenigstens als sfutabel zu erklären. Die Ursache für diesen Zustand, daß die Läden

P lp Uhr offen sind, egt niht darin, daß das Publikum

t früher abgefertigt werden kann, au< nicht daran, daß das blikum nit früher Zeit hat, sondern nur in der unerbittlichen, ‘jähen Konkurrenz, welche si die Ladenbesißer machen. Schließt ‘ein Geschäftsmann seinen Laden um 7, der andere erst um 8, so muß der erste nafolgen, und fo kommt es s{ließl < dahin, daß “wir bis 12, bis 1, ja bis 1} Uhr Läden ofen finden. Die Noth- wendigkeit dazu liegt niht vor. Wir seben hinter den glänzend hell ‘beleuhteten Fenstern übermüdete Angestellte und Prinzipale, aber kaum einen Besucher. Aus Berlin, Frankfurt, Hamburg, Leipzig haben fi< ganz hervorragende Stimmen für den früh eitigen SNIENMLAN eiflärt, zahlreibe Handelskammern und erbände von aufleuten sowie Stadtyerwaltungen. Nun hat die Regierung zwar Wandel zu {hafen versucht, aber die Kommission konnte in dér gegebenen Fakultät niht hin- rcidende Gewähr dafür entde>en, daß au wirklih Remedur erreiht wird, denn in Deutschland wird in diesen Dingen mit freien Verein- barungen, mit selbständigen Entschließungen der Betheiligten fehr wenig erreiht. Um etwas Greifbares, Einheitlihes zu erreichen, beantragie i in der Kommission einen einheitlichen, obligatorischen Ladenschluß von 9 bis 5 Uhr für unser ganzes Deutsches Reich; mit allen gegen 2 Stimmen hat sih die Komm'ssion dafür entschieden. Es sind ja die Ausnahmen genügend berü>sihtigt; no< weiter zu gehen, verbot uns die Erwägung, daß dann etwas Brauhbares, etwas wirkli Heilsames niht mehr übrig bleibe. Die Handlungs- gebilfen, von denen i< eine ungeheure Menge gesprochen habe, erklären den früheren Ladenshluß für einen Segen und bestätigen, a die Offenbaltung nur aus Konkurrenzrücsiht erfolge. Daß gar der Laden ofen gehalten werden müsse, weil die heimkehrenden Theaterbesucher no< Gelegenheit haben müßten, Einkäufe zu machen, kann ih absolut fi zugestehen. Ich bitte Ste, für die Kommissionsbeschlüsse zu mmen.

Abg. Cahensly (Zentr.) tritt den Ausführungen des Abg. von Tiedemann bei, soweit er die Streichung des Ladenschlusses „um die Mitte des Tages" empfohlen habe. Ein allgemeiner Ladenschluß scheint dem Redner momentan noch als verfrüht, fo sympathisch ihm au die Idee selbst für Kolonialwaarengeshäfte sei. Ganz ent- schieden bekämpfe er den sozialdemokratishen Antrag, son um Uhr zu s<ließen. Der Acht-Uhr-Ladenshluß liege weder im Interesse des Publikums no< der Geschäftsinhaber no< der Gehilfen. In. erster Linie sprehe er si< für die Vorlage aus. Sließlich protestiere er gegen einige Ausführungen des Abg. Rosenow, die gegen die Ausbeutung der Gehilfen dur die Geschäfts- inhaber geridtet gewesen seien; gewiß kämen sol<he Fälle vor, aber eine Schwalbe mae keinen Sommer. " Der Zentralverband der Handelsgehilfen und Gehilfinnen in Hamb :rg stelle andererseits Forde- rungen auf diesem Gebiete, die geradezu unausführbar seien.

Abg. Bebel (Soz.) führt aus, es sei seinem Kollegen Rosenow arniht eingefallen, die gesammte Kaufmannschaft zu diskreditieren ; er abe aber ni<t nur einzelne, sondern eine lange Reihe krasser Fälle

angeführt, welche soviel bewiesen, daß innerhalb der kaufmännis<en Geschäste äußerst bedenkliche Mtion in der erwähnten m bes ständen. In der Hamburger Petition werde verlangt, daß junge Leute unter 18 Jahren nur neun Stunden aus\<ließli< der Paufen beshäftigt werden sollten. Zu diesem Verein gehörten 7500 selbst- ständige Kaufleute, die sh mit dieser Forderung einverstanden erklärt hätten. Für die Forderung der neunstündigen Arbeitszeit werde aber in der Petition au begründend angeführt, daß die jungen Leute Zeit haben müßten, si ihret Ausbildung in der Fortbildungss>{ule 2c. zu widmen, sodaß in Wirklichkeit au<h wohl für sie zwölf Stunden tägliche Beschäftigung im Ganzen berauskämen. Obgleich seit dem Frühjahr des Jahres die Kommissionébes{lüsse vorlägen, fei die Opposition, welche man in der Kommission gefürchtet hätte, dagegen no<h niht ein- getreten; der Petitionssturm sei \o gut wie ganz ausgeblieben; den wenigen gegnerishen Petitionen stehe eine weit größere Zahl gegenüber, welhe die Beschlüsse der Kommission billigten oder noch darüber binauszugehen aufforderten. Schon als i. J. 1882 die Enquôte über die Soontagsruhe vom Fürsten Biêmar> veranlaßt worden sei, habe sich das Bedürfniß einer weitgehenden Beschränkung der Arbeitszeit der Angestellten ergeben. Wie immer also hier bes{lossen werde, es werde den Beifall der Betheiligten, vor allem des Personals finden. Aber die Kommissiontbeshlüfse gingen ni<t weit genug. Nach dem $ 1396 würde sih kald für den Schluß der offenen Ladengeshäfte cine wahre Anarchie in Deutschland ergeben, und man habe gar feine Veranlassung, dazu dic Hand zu bieten. Die Klagen aus Interessentenkreisen gegen den Neun- und noh mehr gegen den Acht-Uhr-Ladenschluß seien nihts Neues; sie ertönten immer, wenn irgend eine Maßregel in Frage komme, welche die Aus- beutungsfreiheit geniere. Man müsse verlangen, daß die Läden außer am Sonnabend um 8 Uhr ges{<lossen würden. Der Einwand, daß die Frauen ih daran niht gewöhnen könnten und würden, sei nit sticéhaltig. Die Frauen der arbeitenden Klasse, welhe gewöhnt seien, den garzen Tag ununterbrohen thätig zu sein, hätten bisher eine bestimmte Stunde niht für die Besorgung der Einkäufe eingehalten; da würde man erzieheris< in hohem Grade wiken, wenn man eine solhe Bestimmung an- nähme, auf die Frau, das Personal und die Prinzipalität. Es liege geradezu im Interesse der bürgerlihen Familien, daß eine solche * Erziehungsmethode durhgefübrt werde. Gerade die zablreichen Kauf- mannéfrauen würden den Segen einer fol<hcn Bestimmung bald empfinden. Der Ladeninhaber und seine Frau hätten bis jeyt nichts _yom Sonntag, und wenn das Wetter neh so schön sei, fle müßten im Geschäft bleiben. Das würde auders, wenn der Antrag zur An- nahme gelargte. Der Handelsgebilfenverbanb in Leipzig, der Hamburger mit 60000 Mitgaliedein, in Frankfurt der Verband kaufmännischer Vereine, welder unter 100000 Mitgliedern nicht weniger als 24 000 Prinzipale zähle, der Berliner Hilfêverein sür weibliche Angestellte und L ilreize andere bedeutende Körperschaften dieser Art seien dafür. Die privaten Umfragen hôtten in vielen Städten überraschende Mehr- heiten au der Prinzipale für den Acht-Uhr-Ladenschluß ergeben. Auch in den tleinen Landstädten sei diefe Maßregel sehr wohl dur<fübrbar. Redner empfieblt dann die Anträge seiner Fraktion zu den $8 105 und 105b. Werde die Arbeitszeit für die Berg-, Bau- und Fabrik- arbeiter in der beantragten Weise abgekürzt, so müßten in Kons: quenz ou für die in $ 105b statuierten Ausnahmen die beant:agten Ver- längerungen der Ruhezeiten stattfinden.

Abg. Freiherr von Stumm (Rp.): Wenn die Ladeninhaber in vielen Städten fast sämmtli< si<h für den Ladensluß um 8 Uhr ausgesprochen haben, so brauchen sie ja nur nah $ 1396 den erforder- lien Beschluß mit F-Mehrheit zu fassen, und allen Wünschen ift “genügt. Dazu brauht man also kein obligatorisches Reichsgesepy. Die Bigarrenbändler klagen heute no< am allers{ärfsten darüber, daß sie dur die Sonntagsruhe in ihrem Gewerbe {wer beeinträchtigt “find; es fällt mir niht cin, deswegen die Sonntagsruhe aufzu- heben, aber man soll ni<ht das Kind mit dem Bade auss<ütten. PeE Sie die 10 stündiae Ruhepause und in großen Städten die A4 aebi, dazu die 13 stündige tee Dur so ist eine 14 stündige tägliche Arbeitszeit überhaupt niht mehr denkbar, und damit kann tan si< doch zunächst begnügen. Herr Münch- Ferber s{hießt mit seinen Ausführungen gegen meinen Fraktionsgenossen Herrn von Tiede-

E mann weit über das Ziel hinaus. Wenn Sie damit erzicherish

‘wirken wollen, so täushen Sie sich über die Tragweite Ihrer Vor- \s<läge, denn Sie wollen doch die Wirthschasten nicht schließen, und was dér Käufer niht mehr in den offenen Läden bekommen fann, wicd er dann in den Wirthshäusern \i<h beschaffen. T 1396. reiht vollständig aus; erst wenn si< zeigt, ß von ihm nit Gebrau<h gemaht wird, wäre es Zeit,

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auf weitergehende Vorschläge, wie die der Kommission oder des An- trags Bebel, zurülzukommen. Die Frage des Ladenschlusses. um die ae haben felbst die Sozialdemokraten -niht in threm An- trage berührt; fe beweisen damit, daß es auh thnen bedenklih vor- kommt, diesen Weg zu betreten. Es ist eine Ungerechtiakeit sonder- gleichen gegen die Arbeiterklasse, thr zu verwehren, thre Bedürfnisse in der Mittags\tunde einzukaufen. Der $ 139 00 widerspricht niht nur den Interéssén dér Arbeiter, nit nur den beré<htigten Interessen der Ladentnhaber, sondecn er treibt au die Acbeiter direkt in die Wirth- \chaften hinein; und dazu hat meiner Meinung nah die Reichsgeseßz- gebung niht die Aufgabe.

Abg. Blell (fr. Volksp): Wir erhoffen von der bereits be- \{lossenen Rubepause eine segensreihe Wirkung für die Angestellten

‘in offenen Verfaufégeschäfsten, und wir bedauern nur, daß sie nit

unserem Antrage gemäß auf 11 Stunden ausgedehnt ist. Wenn nun aber geseßli< bestimmt wird, daß ein einheitlicher Lavenshluß dur das ganze Reich gelten foll, so wird das nah unserer Ansicht zu \<weren Mißständen führen. Die Verhältnisse in Deutschland in den Groß - und Kleinstädten, in den Großbazaren und den kIleinen Geschäften find ganz verschieden. Durch den einheit- lichen Ladenshluß werden die kleinen Geschäfte in den Vororten ganz besonders benactheiligt. Troy dieser Verschiedenheit ver Verhältnisse im faufmännishen Gewerbe sind diese Verhältnisse aber keineswegs anarhis<, wie Herr Bebel meint. Die Verschiedenheiten haben sich im Laufe der Entwickelung und an der Hand der praktifhen Be- dürfnisse herausgebildet, und etn einheitliher Ladenschluß fann daher keinen Fortschritt bedeuten. Bis jeßt existiert au< bloß in der australishen Kolonie Viktoria ein einheitliher Ladenshluß, und er ift mit Ausnahmen so beladen, daß diese fast die Regel bilden. Die Ausnahmen sollen stattfinden für unvorhergesehene Nothfälle. Dieser Begriff is nicht dcfiniert, dagegen haben wir in diesen Ausnahmen wieder die Ortsbehörde, gegen deren Kompetenz im Laufe dieser Berathungen \{<on sehr viel vorgebraht wurde. Wir schließen uns dem Antrag Stumm an. Der Mittaçs\{luß wäre thatsächlich eine Ungerechtigkeit gegen zahlreihe Kreise vou Konsumenten. Bisher wax allerdings eine kleine Minorität der Geschäftsinhaber in der Lage, -jedem Beschluß auf Einführung einer früheren Ladenslußstunde den Weg zu verlegen. Diesem Mißstand macht $ 1396 ein Ende; es genügen F der Prinzipale der betreffenden Branche, um einen bindenden Beschluß herbeizuführen. Sehr bedenkli< aber ift der Zusatz der Kommission, wona eine Versammlung der Interessenten auf Antrag von } derselben mit F - Mehrheit den betreffenden Be- {luß soll fassen fönnen; denn dann liegt die Gefahr von Zufalls- mehrheiten sehr nahe. Stimmen Sie für die Regierungsvorlage.

Abg. Dr. Hie (Zentr.): Die Anträge Noesi>ke und von Salisch bitte ih anzunehmen. Die Kommission will niht allein die Ange- stellten gegen die Prinzipale {üßen, sondern auc die Prinzipale g-gen unbere<tigte Forderungen des Publikums. Man hat uns immer den Vorwurf gemaht, wir dächten an die Prinzipale überhaupt ni>t, die Vorschläge des $ 139 es bereisen das Gegentheil. Den Konkurrenz- zwang, die illoyale Konkurrenz Einzelner, den kursihtigen Konkurrenz- nei wollen wir auf diesem Wege verhindern, fich ferner übermächtig zur Geltung zu bringen. Die Zigarrenges<äfte leiden allerdings, aber wenn die Herren auf der Rechten sih darüber aufhalten, fo mögen sie doch beantragen, daß au<h in den Shankwirthschaften keine Zigarren verkauft werden dürfen. Das Publikum wird fich mit der Zeit schon an die neuen Verhältnisse gewöhnen. Den Acht-Uhr.Ladenschluß, das habe ih hon vorgestern gesagt, kann ih niht geseßlich zugestehen; in dieser Beziehung ist ja dur< die Fakultät für die Geschäftsinhaber nah $ 139 6 die Möglichkeit der Einführung gegeben. Der Neun-Uhr- Ladenshluß wird sih bald allgemein bewähren und von felbst auf die Berallgemeinerung des Acht-Uhr-Schlufses hinwirken. Den Antrag, den Ladenschluß au< Mittags eintreten zu lassen, hade i< in der Kommission gestellt; ih glaubte, damit au den Gefcbäftsinhabern einen Gefallen zu thun. Die Konsequenzen für gewisse Geschäfte habe ih nit so _. ganz übersehen; und da die Mittagépause \{<on beschlossen ist, kann diese Bestimmung' fallen. Auch die Kommissionszusäße 2 und 3 sollen dem thatsählihen Bedürfniß entgegenkommen; in einer Stadt von der Größe Berlins ist es doch sehr \<wer festzustellen, ob gerade zwei Drittel aller Geschäftstrei- benden dey betrcffenden Branchen sh zu dem Antrage zusammen- gefunden haben. I< bitte Sie, au jeßt für diefen Antrag zu timmen. Den Ladenshluß um 9 Uhr betra<hte ih aber als eine Angelegenheit von entiheidender Bedeutung. Die Anträge Bebel zu 8&8 105 und 105Þþ gehen viel zu weit; sie könnten nur in Erwägung gezogen werden bri der Berathung eines Maximalarbeitstages; in diesem Zusammenhange empfieht es sih auh ait, die ganze Frage der Sonntagsruhe wieder aufzurollen.

Abg. Dr. Pachni>e (fr. Vag.): Daß. der Pctitionsfturm aus- geblieben ist, liegt au< in der Thatsache, daß die Jaterefsenten sich im Großen und Ganzen no< riht genügend mit der Angelegenheit befaßt haben; man wartet, bis alles fertig ift, und dann, wenn es zu spät ist, fängt man zu klazen an. Gerade bei der Zwiespältigkeit des Urtheils in den Kreisen der Be- theiligten haben wir die doppelte Pflicht zur Vorsicht bei geseßgeberishem Vorgehen. Dasjenige, was von allen Seiten als bere<tigt anerkannt werden kann, wird in dem $139 e, Absay 1 der Vorlage geboten. Einheitlihe O: daungen follen nur für einheit- lie Verhältnisse geschaffen werzen. Es handelt sih hier nur um eine Frage der praktishen Zwe>mäßigkeit; es darf nicht zu tief und zu plöplid in das Bestehende eingegriffen werden. Deshalb weisen wir einstweilen den allgemeinen geseßlihen Ladens<luß zurü.

Abg. Stö >er (b. k. F.) erklärt, er könne den Kommissionsbeshlüssen

im Großen und Ganzen zustimmen. Es handle si< hier allerdings nicht \

um Schuß, sondern um Bevormundung Erwachsener; aber die Ge- werbeordnung befasse sich auch keineëwegs allein mit dem Schuß der Schwahen Für die jugendlichen Angestellten in Ladengeschäften biete die Kommission aber no< nicht genug; gerade die Lchrlinge würden in den Ladengeshäften am meisten audgenyg Feier- abend sei gerade so ethis< bedeutend wie gela, e schärfer in England und Amerika der Geschäftsbetrieb gehe, desto mehr geschehe aus freiem Antriebe dort zur Verkürzung der Arbeitszeit; in der Londoner City sei der Geshäfts\{luß von 7 auf 6 Uhr zurü>kgerlüi>t. Unnatürlihe Sünden und Laster, die auf völlige Zerrüitung.der Nerven- substanz zurüc{zuführen seten, nähmen im deutschen Lande in shlimmem Maße zu; daran trage die Ueberlastung der Angestellten mit die Schuld. Der Ladenshluß um die Mitte des Tages set zu beseitigen, dagegen der Antrag NRoesi>ke anzunehmen, der -au<h der Schwierig- keit, in welcher fh die Zigarrengeshäfte befänden, fofort ein Ende machen würde. Rebner glaubt bestimmt, daß man einmal auh auf den Acht-Uhr-Ladenschluß kommen werde. Von ter Mißsiimmung, von welcher der Abg. von Tiedemann gesprochen habe, könne er nihts wahr- nehmen. Im Vergleich zu der Agitation gegen die Bä>ereiverordnung fönne man faum von einer Bewegung aegen den Ladenshluß sprechen. Dos Publikum habe nit das Ret, Hunderttausende von Gewerbe- treibenden zu zwingen, bis 11 Uhr und später offen zu halten. Der Lacenshluß würde thatsähli< besonders auf die Frauen erzicherish wirken und auch zur Hebung des Familtienlebens beitragen.

Abg. Roesi>e- Dessau hält die Hinweise des Vorredners auf England und Amerika nicht für ur G Magen und die Behauptung, daß die Deutschen nicht aus eigenem Antriebe und freiem Entschlusse dahin gelangen könnten, wie jene Völker, für beweislos aufgestellt. Er {ließe i< den Ausführungen der Abgg. Blell und Dr. Pachni>ke durhweg an. So lange aus der freten Initiative der Geshäfts- inhaber ni<t der Ladenshluß erreihbar sei, sollte man von geseßz- gebérishem Dwang eyer, Die freien Vereinbarungen, die vielfach angéstrebt und threm Abschluß theilweise schon ganz nahe ge- braht gewesen sies, hätten niht an dem Widerspruch einiger weniger Interessenten scheitern können, wenn die Bestimmung des 8 1396 schon bestanden hätte. Redner empfiehlt dann seinen Unter- antrag. Die Anträge Bebel wegen Abänderung der Sonntagsruhe und der Sonnabend-Nachmittag- Arbeit seien ohne Befragung der Be- thelligten nicht diskutterbar.

Staatssekretär des Jnnern, Staats-Minister Dr. Graf don Posadowsky-Wehner:

Meine Herren! Meinen persönlihen Standpunkt zur Sache habe ih bereits vorgestern klar gelegt. J< bin der Ansicht, daß es ver-

1 ständig wäre, wenn die Kaufleute sih- dur freiwillige Vereinbarung

ents<lö}sen, den Acht-Uhr-Ladenshluß einzuführen; sie würden damit niht nur ihren Angestellten, sondern \i< selbst die größte Wohlthat erweisen. s

Es ist, möchte ih fast sagen ih hoffe, es wird mir das nie- mand übel nehmen —, ein philiströser Standpunkt unseres Detail- verkäufers, daß er möglihst lange den. Laden offen hält, um nur nicht no<h irgend ein kleines Ges<äft zu versäumen. In England is} be- fanntlih in einer Reihe von Städten dur freiwillige Vereinbarung, niht auf Grund einer geseßlihen Bestimmung, die Einrichtung ge- troffen, daß einen ganzen Nachmittag in der Woche alle Läden ge- {lossen sind; das englis<he Publikum hat s< vollkommen daran gewöhnt; jeder Mensh weiß, welher Tag in der Woche diesen Laden- {luß hat, und die Geschäftstreibenden und ihre Angestellten haben fo Gelegenheit, mit ihren Familien in die freie Natur zu ziehen und dort die bekannten englishen out of door- Spiele zu treiben. Wenn man englishe Sachverständige darüber fragt, erklären sie, daß da, roo diese Einrichtung getroffen ist, das Geschäft in seinem Jahresumfang in keiner Weise zurü>kgegangen und ein Geshäftsausfall hiernah nicht eingetreten is. J<H meine hiernach, es wäre sozialpolitis< ri<tig und ‘geshäftli<h unbedenklich, den Acht, Uhr-Ladenshluß bei uns einzuführen. Wenn wir uns abèr dazu niht entshlossen haben, das in das Gese hineinzuschreiben, sondern den Weg der der freiwilligen Vereinbarung gewählt haben, so war für uns maßgebend die außerordentlihe Er- bitterung, die sih in weiten Kreisen der Betheiligten zeigte, weil fie dur eine geseßlihe Vorschrift gezw ungen werden sollten, zu einer bestimmten Stunde thren Laden zu schließen. j

. Es ist eine psyhologis< eigenthümliche Erscheinung, wie \sih auf diesem Gebiete der Freiwilligkeit die Auffassung des Publikums und auch die Auffassungen der Parlamente geändert haben. Wenn die Herren aus Preußen si<h gütigst erinnern wollten, was man zu der Zeit, wo wir die sogenannten Selbstverwaltungsgeseße beriethen, alles erwartete von der freiwilligen Fnitiative der Staatsbürger, welch große Hoffnungen man sehte auf die freiroillige Bethätigung des ge- sunden Menschenverstandes der Leute des praktis<hen Lebens! Gestern habe i< indeß den Eindru>k gewonnen, daß man jeßt diese Hoffnungs- freudigkeit niht mehr in dem Maße theilt wie früher (schr ri<tig!!), im Gegentheil, daß man ein gewisses Mißtrauen gegen die eigene Fnitiative der betheiligten Kreise hegt und deshalb wieder versucht, den früheren Weg zurö>zulegen und alles von Geseßes wegen zu regeln.

Meine Herren, die vorliegende Frage is eine fo einshneidende für die verbündeten Regierungen, und es handelt si< um einen so wihtigen Schritt, daß ih heute niht in der Lage bin, die Auffaffung der verb ündeten Regierungen über die Beschlüsse Ihrer Kommission festzulegen ; ih muß mir das für den Zeitraum zwischen der zweiten und dritten Lesung vorbehalten; aber bei der Lage der Sache bin ih auch heute no< der Ansicht, daß wir taktisGer handeln und denselben Zwe> erreichen können, wenn wir die Regierungsvorlage annehmen. Wir fönnten dann abwarten, ob ih ni<t in einer Reihe von Städten der gesunde Menswenverstand Geltung vershaffen und ob man nicht von dieser geseßlichen Bestimmung Gebrau<h machen wird. Eine solche Einrichtung wird dann vielleiht einen ganz anderen Werth in den Augen der Betheiligten haben, als wenn sie dur< Geseh dekretiert wird. Sollte unsere Erwartung in dieser Hinsicht getäuscht werden, so könnten wir dann immer no< erwägen, ob man von Gesetzes wegen einen allgemeinen Ladenschluß einführen will.

Die Abstimmung mag aber ausfallen, wie sie will, um eins möchte ih Sie do<h unter allen Umständen bitten: die Bestimmung herauszustreihen, wona< au< no< beshlofsen werden kann, daß die Verkaufsläden in der Mitte des Tages geschlossen werden fönnen. (Sehr richtig!) Das scheint mir viel zu weit zu gehen. Wenn man eine Mindestruhezeit oder die Möglichkeit oder geseßli<he Vorschrift einführt, daß zu bestimmter Zeit Abends die Läden geschlossen werden, fo soll man wenigstens in der Tagesdisposition den Geshäftsinhabern völlig freie Hand lassen.

Endlich kann i< nur dringend empfehlen, den vom Herrn Abg. Roesike (Dessau) befürwortcten Antrag anzunehmen, daß au<h in anderen:Geschäften solhe Gegenstände niht verkauft werden türfen, die in Geschäften geführt werden, welhe auf Grund des Beschlufses geschlossen sind. Jch nehme an, daß sih die Sache fo \tellen wird, daß man unter dem Begriff „Betheiligte" alle die Geschäftsinhaber versteht, welhe Waaren der betreffenden Art führen, und daß man eventuell zu diesen Verhandlungen auch alle diejenigen Geschäftsinhaber zuzieht, welche zwar vershiedene Waaren führen, unter diesen aber eine Waare oder einige Waaren von denen, für welhe die Läden der anderen Geschäftsinhaber geschlossen werden sollen. Würden diese Ge- \häftsinhaber und das wird für die Auslegung des Gesehes wichtig werden —, wel<he neben anderen Artikeln au< nur eine von den in Frage kommenden Waaren führen, zugezogen werden, und die Mehr- heit würde si< für den Acht-Uhr-Ladenshluß aussprechen, so würden natürli< auch jene Geschäftsinhaber ihre Läden überhaupt {ließen müssen, und nicht nur für die einzelne Waare, welche bei den anderen Geschäften in Frage kam. Sollte. man aber diejenigen Gemischt- Waaren-Händler wenn ih einmal so sagen darf welche auh no< andere Waaren führen als diejenigen, für welhe der Ladenschluß beshlossen ist, nicht zuziehen, so wird der Grundsay eintreten: wer niht mitrathet, der darf au<h nit mitthaten, wer niht mit heran- gezogen is zur Beschlußfassung, für den ist natürlich au ein solcher Beschluß niht maßgebend, niht zwingend. Einen anderen Weg, die Betheiligten festzustellen, kann ih vorläufig nicht sehen.

Jedenfalls bitte ih die Bestimmung in der Kommissions-Vorlage

"zu belassen, daß darüber, wer als Betheiligter anzusehen. ist, der

Bundesrath zu entscheiden hat; darüber werden meines Erachteas bei der Schwierigkeit der Materie sehr eingehende Vorschriften zu er- lassen sein.

Abg. von Sali \<: Ih würde persönli allerdings au für einen Schluß der Läden in der Mittagözeit zu haben sein, aber die

große Mehrheit meiner Freunde will aus den vom Freiherrn von -

Stumm éntwi>kelten Gründen diese von der Kommission eingesügten Bestimmungen, welche thatsählih zu einer Majorisierung führen könnten, beseitigt haben. Meinen Antrag zu $ 139 6, Absay 1 empfehle ih zur Annahme.

Aba. Raab (Reformp.): Der Hauptwiderstand gegen diese von der Kommission vorgeschlagene nothwendige neue Ordnung wird ih

im Bundesrath erheben; um so nothwendiger ist es, daß der Reichstäg möglichst einstimmig feiner Kommission folgt. Gerade die große Zahl der tleinea und kleinsten Geschäftsleute wünsht sehnlih|t den ihnen hier zu gewährenden SLUL Ich selbs habe Abends in meinem Ge- {äft keinen Gehilfen, sondern muß mit meinen Familienangehörigen dem Publikum zur Verfügung stehen, und ih muß die Rüd>sihts- losigkeit des Publikums. welhes no< na< 9, ja na< 10 Uhr den Laden ofen finden will, geradezu als einen Unfug bejei<hnen. Wie lang würde der Weg no< werden können, wena auf dem Wege der freiwilligen Vereinbarung erreiht werden soll, was wir wünschen ? Weiß man do<h heute no< niht einmal ganz genau, was unter den „betheiligten Geschäftsleuten“ zu verstehen ift. Ehe man damit in Ordnung is}, dürfte viel Zeit ve:flossen sein; so lange kann der fleine Geschästsmann ni<t warten. Von der üblen Aufnahme, die wir im Sommer auf Grund unserer Kommissionsbeschlüsse in den Rethen unserer Wähler nach der Voraussage des Staatssekretärs unzweifelhaft finden würden, habe ih absolut nichts bemerkt. Auch würde die Minimalruhezeit ohne gleih- zeitige obligatorische Ladenschlußstunde in der Lust {hweben und dur Schichtwechsel 2c. ein längeres Offenhalten der großen Geschäfte zum Nachtheil der kleineren ermögliht. Der Verband selbständiger Kauf- lente untex der Führung des verdienten Senators Schulze-Gifhorn hat si<h ja au< für den Neun-Uhr-Sluß ausgesprochen, des- leihen die Handelskammer in Altona; in Barmen wünscht der

erein der Ladenbesißer sogar den Aht-Uhr-S<hluß. Das Vertrauen der Handlungsgehilfen, die unter unserer Führung die foztal- demokrati\<en Kaufmannsvereine zum Eingehen gebra<t haben, muß dadurch gere<tfertigt werden, daß ein verständiger Reichstag und eine verständige Regierung ihren Forderungen Gehör schenkt. Jch bitte Sie, der Kommissionsfassung zuzustimmen.

Abg. Pauli- Potsdam (b. k. F.) hält Borsicht auf diesem neuèn Bodeo für ganz be)onders geboten. Er sei gegen den $ 13906 und empfehle dem Hause, si< auf bie Regierung3yorlage zurü>zuziehen. Nach Jahr und Tag könne mana ja einen Schritt weitergehen, wenn die Resultate den Ecwartungen niht entsprehen follten. Den Antrag Roeside halte er für eine Verbesserung und empfehle seine Annahme; die Anträge des Abz. Bebel zu den $$ 105 und 105 b seien dagegen unannehmbar. An den Lagen vor den großen Festtagen schließe hon heute sogar au< im Handwerk die Arbeitszeit um 4, spätestens 44 Uhr; für jeden Sonnabend und jeden Tag vor andern Festtagen dieselbe Vorschrift zu treffen, sei verfrüht und für das mittlere und kleine Handwerk s{ädli<. In Enaland existierte ein Mittelstand nit, daher sei dec Hinweis des Abg Bebel auf England gänzli verfehlt. Solche Verhäitnisse, wie in England, sollte man für das Deutsche Reich nicht herbeizuführen suhen.

Abg. Pfannkuch (Soz.) führt aus, die Sozialdemokraten liefen mit den Antisemiten niht Wette um die Guynst der deutschen Handlungsgehilfen. Gerade der Abg. Raab sei es gewesen, der auf dem lezten Kongreß der deutshnationalen Handlungsgehilfen mehr die Interessen der Geschäftsinhaber als die der Angestellten vertreten habe. In der Kommission habe er die Vertreter der Regierung davor géwarnt, über die Regierungsvorlage hinaus- zugehen; man laufe fon Gefahr, daß überhaupt nihts zu stande komme. Er empfehle denno<h den Antrag ter Soztaldemo- kraten, dessen Unausführbarkeit niht nahgewiesen sei. Den Antrag auf O hätten sie troß seiner Aussichtslosigkeit einbringen müssen, denn erfahrungsgemäß gingen derartige Anträge erst durch, nachdem sie wiederholt eingebraht und abgelehnt seien, * Der Mittags- Ladenshluß empfehle si< um so mebr, als die Sc<hlächterläden heute {on um die Mittagszeit ihr Geschäft {löfsen. Das werde ‘auch in anderen Geschäftes möglih sein. Werde der Antrag abgelehnt, so werde er im nächsten Jahre und später roicder eingebracht werden.

Abg. Rocesi>e - Dessau weist die Beschuldigung zurü>, als ob sein Antrag beabsichtige, den Gastwirthschaften den Verkauf derjenigen Waaren zu gestatten, die in den durch freie Vereinbarung geschlossenen Läden nicht feilgehalten werden dürften. In Bezug auf den Laden- {luß si er anderer Meinung als der Staatssekretär. Wenn jemand zu der Vereinbarung nicht zugezogen sei, so dürfe er nur diejenigen Waaren nicht verkaufen, die andere niht führten,

Staatssekretär des T, Staats-Minister Dr. Graf von Posadowsky-Wehner:

Der Herr Abg. Roesi>ke hat eine Frage angeregt, die ganz außer-

ordentli<h wichtig werden wird für die Interpretation des Geseßzes..

Fch glaube, ih thue am besten, wenn ih an einem ganz vulgären Beispiel unfere Differenz klar lege. Jh nehme den Fall an, es würden alle die Leute, welhe mit Butter und Käse handeln, gehört, ob sie den Aht-Uhr-Ladenshluß einführen wollen; dann würden nah meiner Auffassung au die Geschäftsleute hinzuzuziehen sein, welche noH mit anderen Dingen außer mit Butter und Käse handeln ; wenn fie aber an diesem Beschluß mitbetheiligt sind und die Zweidrittel- Majorität bes{lossen hat, ihre Läden um 8 Uhr zu schließen, so würde au<h der, welcher neben anderen Gegenständen au< mit Butter und Käse handelt, aber zu der Verhandlung ebenfalls zugezogen ift, mit überstimmt sein und auch seinen Laden um 8 Uhr \{<hließen müssen. Der Herr Abg. Noesi>ke is anderer Meinung; er meint: ob der Mann zugezogen ist oder ni<ht, wer vershiedene Waaren nebst Butter und Käse verkauft, wird nah 8 Uhr Abends niht mehr Butter und Käse verkaufen dürfen, wohl aber alle anderen Waaren. Zu welchen Konsequenzen würde das führen?! Es kommt jemand in einen Laden, wo Eßwaaren verkauft werden, Wurst, Swhinken u. |. w., aber auch Butter und Käse; der Kunde will Butter und Käse kaufen; da sagt der Kaufmann: nein, alles Andere kannt Du kaufen, aber Butter und Käse ist jeßt tabu, das darf ih niht anrühren, da es bereits nah 8 Uhr ist. Das i} meines Erachtens vollkommen unausführbar; und da befinde i< mi< allerdings, wenn das der Sinn des Antrages des Herrn Roesi>ke (Dessau) ist, mit ihm in fahlihem Widerspruch. Man muß daran festhalten: der Bundesrath hat zu bestimmen, unter welhen Bediugungen die einzelnen Branchen zuzuziehen sind. Aber wer zu- gezogen ist, ist unter Umständen au mit überstimmt und hat seinen Laden zu s<ließen. Wenn man nicht in dieser Weise durchgriffe, wäre eine Kor.trole überhaupt unmöglih. (Sehr richtig !)

Eine zweite Frage, die bei mir privatim añgeregt ist, ist die: wie steht es mit den öffentlihen Lokalen und Gasthäusern? Diese würden meines Erachtens z. B. Zigarren verkaufen dürfen, auch wenn der Zigarrenhändler um 8 Uhr s{<ließen muß aus dem ein- fahen Grunde, weil sie nit als offene Verkaufsstellen anzusehen sind. (Sehr richtig !)

Abz. Be> h - Coburg (fr. Volksp.): Die amerikanishen und eng- lishen Verhältnisse, auf die dec Abg. Stö>er hingewiesen hat, passen auf Deut)<{land nicht, das keinèn puritanishen Sonntag hat. Wenn er von hohen sittlihen Gesichtspunkten gesprochen hat, so möchte ih nur auf den Transvaalkrieg hinweisen.

Abg. Raa b kommt auf das Schreiben der hannoverschen Barbier- innung. an den Abg. Bebel zurü> und stellt auf deren Wunsch fest,

_daß sie sich nicht an den Abg. Bebel als Soz'aldemokraten gewendet

have. Wenn man die antisemitishe Bewegung als eine Sande bezeichnet habe, so bewiesen die leßten Wahlen das Gegentheil. e Sozialdemokraten suchten die vorliegende Frage ia parteipolitishem Den auézuschlahten, ohne die Handlungsgehilfen hinter sich zu aben.

Abg. Rosenow (Soz.): Bei der Debatte über die Minimal-"

ruhezeit set der Abg. Raab zwar anwesend gewesen, habe aber nit den Mund aufgethan, obglei er seiner Zeit sih erboten hätte, auf dem Kongreß ver deutsch. nationalen Vat ge en die Jateressen der .Handlungsgehilfen zu vertreten, Der . Raab renommiere

mit der großen Zahl seiner Anhänger Jbr gge Graf von Ballestrem rügt diesen Ausdru), die Antisemiten verlören bei den Handlungsaehilfen immer mehr an Zuhörern.

E Dr. Hitze tritt der Meinung des Abg. NRoesi>ke bei, daß \solhe Branchen, die der freien Vereinbarung hinsichtlich) des Laden- \{<lufses nicht beiträten, dieselben Waaren nicht verkaufen dürften, die andere führten.

__ Abg. Noesi>e-Dessau: Die Auffassung des Staaissekretärs würde der Konkurrenz, namentli<h der der großen Waarenhäuser, Thür und Thor öffnen. Diese Waarenhäuser würden neue Waaren einführen, welhe nah Ladenshluß jener anderen Geschäfte nicht ver- kauft werden dürften.

Staatssekretär des Jnnern, Staats - Minister Dr. Graf von Posadowsky-Wehner:

Meine Herren! Aus der ganzen Debatte ergiebt sich, wie außer- ordentli< \{<wierig im einzelnen die Ausführung vieser Vorschrift sein wird. Darin kann i< dem Herrn Abg. Dr. Hiße Recht geben: ob dieser Paragraph ausführbar ist und ins Leben treten kann, das wird von einer geshi>ten Handhabung seitens der Verwaltung abhängen. Man wird verständiger Weise niht Spezialgeschäfte herausgreifen, sondern man wird verwandte Gruppen zusanimenlegen und hören. Es können aber immer no<h Fälle sein, wo solhe verwandten Gruppen einen Majoritätsbeshluß fassen, die Läden zu \<ließen, und eine andere Gruppe, die Konkurrenzwaaren führt, nicht gehört ist. Das halte ih aber in diesem Falle für vollkommen unausführbar, daß der Majoritätsbes{luß einer Gruppe, um 8 Uhr zu \{ließen, die Nechts- wirkung haben foll, daß eine andere niht gehörte Gruppe oder ein anderer nit gehörte: Kaufmann wenn er nicht etwa aus Versehen aus- gelassen i verhindert werden soll, na< 8 Uhr in seinem Laden die Konkurrenzwaaren seinerseits zu verkaufen. Ich bitte Sie, si doch nur zu erinnern an das Margarinegeseh. Da hat man doch wenigstens vorgeschrieben, daß zwischen der Butter und der Margarine ein ‘gewisser Anstandszaun bestehen (Heiterkeit), daß éine gewisse Trennung der Verkaufsräume stattfinden muß. Aber hier soll man in demselben Laden einen Theil der Waaren nah 8 Uhr Abends noch kaufen dürfen und einen anderen Theil niht mehr. Ich glaube, das wird zu einer solhen Unmasse von Denunziationen, von Beschwerden

führen, ähnlih wie da, wo der alte Zunftzwang herrsht, wo der .

Eine nur lederne Hosen und der Andere nur Portemonnaies nähen darf, und wenn nun der Gewerbetreibende, der nur Hosen nähen darf, au< Portemonnaies näht, dann wird er von dem Konkurrenten <ikaniert und von dec Polizei bestraft. Jh glaube, wir kämen in eine fo <ikanôse Verwaltung hinein, daß man sehr bald sagen würde, es ift vollkommen undur<führbar. Jh möhte an dem Rechtsgrund- saße festhalten: nur gegen den können Zwangsbefugnisse geübt werden, der auch gehört ist, und es wird Sache einer verständigen Verwaltung

fein, auch alle wirkli< Betheiligten glei<zeitig zu hören.

Abg. Raab stellt fest, daß er durh seine 7" „mung, nicht dur< Reden, wie der Abg. Rosenow, seine gute Gesinnung für die Handlungsgehilfen bezeugt habe.

Nah weiteren Bemerkungen der Abgg. Pfannkuch, Freiherr von Stumm und Dr. Hiße slieht die Diskussion.

Der Abg. Blell zieht seinen Antrag zum Absay 3 des 8 139e zurüd>, i

Unter Ablehnung der sozialdemokratischen E zu den

8 1396 und ee wird der erste aas des 8 1389e unter Streichung der Worte „um die-Mitte des Tages oder“ und mit Sinsufägutta des Antrags von Set angenommen. Die Absäye 2 und 3 werden unverändert, Abjsay 4 mit dem An- trage Roesi>ke und der Paragraph im Ganzen mit den be- \{<lo}senen Aenderungen angenommen. /

Der 8 139ee wird, entgegen dem Antrage des Abg. Frei- herrn von Stumm, mit sehr großer Mehrheit angenommen. Die sozialdemokratischen Anträge zu $8 105 und 105b werden gegen die Stimmen . der Sozialdemokraten abgelehnt.

Der Präsident ruft die $8 139f, g, h, hh und hhh auf, die weitere Ausführunçsbestimmungen enthalten, und konstatiert deren unveränderte Annahme. i

Um 61/, Uhr wird die weitere Berathung auf Freitag 1 Uhr vertagt. (Außerdem steht die Münzvorlage zur Be- rathung.)

Literatur.

F. F. Urkunden und Afktenstü>e zur Geschichte des Kurfürsten Friedri Wilhelm von Brandenburg. Auf Veranlassung Seiner Hochseligen Majestät des Kaisers Friedrich als Kronprinzen von Preußen, Sechzehnter Band: Ständische Verhandlungen 1II[ (Preußen, Il. Band). Erfter Theil heraus- gegeben von Kurt Breysig, zweiter Theil von Martin Spahn. Berlin, Dru>k und Verlag von Georg Reimer, 1899. 1166 Seiten. Ver erste Theil des vorliegenden Bandes enthält auf 425 Seiten die zweite Hälfte der Akten zu dem großen Landtage von 1661 bis 1663; den zweiten Theil bilden die Akten aus den leßten 25 Jahren der Regierung Friedrih Wilhelm's, z. B. zu den Landtagen von 1666, 1669 und dem leßten großen von 1670 und 1671. Statt einer Ein- leitung zu dem Abschnitt von 1663 bis 1688 is am Schlufse des Bandes eine kurze Uebersiht über die wichtigiten Ergebnisse der ge: sammten Entwi>elung innerhalb dieses Zeitraums gegeben. Angef f sind neben s\tatistishen Beilagen ein Vrts- und Pexrsouenverzeichniß zu den beiden, Frepen betreffenden Bänden (15 und 16), fowrote ein wegen seiner Ausführlichkeit besonderen Dank verdienendes Sa- verzeichniß ebenfalls zu beiden Bänden.

P, F. Die Kolonialpolitik Napyoleon’'s 1, Von Dr. Gustav Rolatk München und Leipzig, Verlag von R. Olden- bourg, 1899. (Historishe Bibliothek, herausgegeben ven der Redaktion der „Historischen Zeitschrift“, 10. Band.) 257 S. und 1 Karte, gebunden 5 /

„In Amerika rüsteten si die englishen Kolonien zu einem all- gemeinen Angriff auf die französischen ; diese gaben ihre Sache mit nichten auf : alle Männer vom 16. bis zum 60. Jahre griffen zu den Waffen. Aber sie waren für sih allein der älteren und bei weitem entwidelteren englishen Ansiedeluna niht gewachsen. Ueverdies aber : die Anglo: Amerikaner wurden von England aus mit Eifer unterstüyt, die französishen Amerikaner erhielten von ihrem Mutterlande die Meldung, man könne ihnen niht helfen, weil England die See be- herrshe; sie mußten untergehen." Mit diesen ebenso ergreifenden wie schlichten Worten \{ildert Ranke in seiner französischen Geschichte das Shi>sal der französishen Kolonien auf dem nordamerikanishen

estlande. Der große Staatômann, dem Frankreich seine vorherrschende

tellung in Europa verdankte, der Kardinal Richelieu, hatte einst zum Gegenstand seiner besonderen Thätigkeit die Barine ausersehen, und wo \ih immer Franzosen in- überseeishen Ländern“ angesiedelt hatten, waren sie seiner thatkräftigen Unterstüßung sicher gewesen: im fieben- jährigen Kriege war das Mutterland niht mehr im stande, seinen be- drängten Kolonien mit einer Flott? die erschnte Hilfe zu bringen, daher gingen sle an das meerbeherrs<ende England verloren, Was aber der französishen Krone an Kolonien no< geblieben war, wurde während der Revolution von einer inneren Bewegung ergriffen, die die Losreißung von der frauzösishen Regierung zum Ziel hatte; natürlih ließen es die Engländer an Einmishungen nicht fehlen.

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Sämmtliche aufeinanderfolgenden M O onder N versammlung bis zum Direktorium, hatten s unfähig gezeigt, Kolonien zu dem alten Gehorsam zurü>zuführen; die Frage wa

dies einem Napoleon gelingen werde. Die Antwort darauf fo überhaupt eine Betrachtung von Napoleon's Kolonialpolitik wird Grund arivalisher Forshungen in Poris in dem vorliegenden Bu gegeben. Aus- dieser an Belehrungen reihen Arbeit sei der wesent- lihe Inhalt herausgehoben. Y a A

Die Bedeutung der kolonialen Frage erkannte Napoleon während seines Feldzuges in Jtalien; von der Halbinsel richtete er seinen Bli> auf das Meer und die Inseln. Die Gedanken, dte er si< in Ftalien über Frankrei&,s Aufgaben zur See: gebildet hatte, traten zu Tage, als er na< seiner Rückkehr von dem Direktorium, der ‘da- maligen Regierung, den Auftrag erhielt, den einzigen no< unbezwungenen Gegner Frankreichs, das seegewaltige England, zur Anerkènnung der Republik zu zwingen. Dem gesunden enschenverstand mußte als das Mittel dazu eine Landung auf der Insel und der Marsch auf London erscheinen, und in der That erwartete Regierung und Volk einen fol<hen Verlauf des Krieges. Aber einen Angriff auf England selbst hielt Napoleon damals no<h für unausführbar; dagegen ersah er in seinem weitauss<hauenden Geiste ein anderes Land als Angriffs- stelle, wo er England dadur< empfindli< treffen konnte, daß er der fünftigen Ausbreitung feiner Macht hindernd in den Weg trat. Dieses Land war Egypten.

Der Sultan, der Oberherr Egvyptens, war seit den Tagen Franz? I. der traditionelle Bundesgenofse der bourbonishen Könige ge- wesen; als aber im Laufe des 18. Jahrhunderts der niht mehr zu verbergende Verfall der Türkei den Gedanken an eine ein\stmalige Aufs- theilung gleih der des ‘Polenreihes nahelegte, kam es für einen Staatsmann darauf an, bei Zeiten eine Stellung zu ergreifen, die für später eine Einwirkung auf die Gest2ltung der orientalishen Frage sicherte. Schon im italienischen Felvaug hatte Napoleon nah der Einnahme Venedigs aus eigenem Entschluß die ionishen Jnseln be- seßt, und wenn es gelang, mit Malta als Stühpunkt Egypten zu unterwerfen, war ein unmittelbarer Einfluß auf die Pforte

ewonnen. Aber au< an und für fih mußten Frankrei<h aus der

roberung Egyptens die größten Vortheile erwahsen. Aus dem fruchtbaren Lande waren reihere Erträge zu erwarten als aus der werthvollsten der bisberigen französishen Kolonien, dem Antbeil auf St. Domingo; das Mittelländishe Meer wäre ein französisher See geworden, und die Jahrhunderte alten Har delsbeziehungen des französischen Kaufmanns zur Levante hätten einen neuen Aufs<hwung genommen. Wenn aber zunä<hst und damit kehrt .die Betrachtung zu ihrem Ausgangspunkt zurü> England zum Nachgeben gezwungen werden sollte, so war nächst einer Landung auf der Jnsel felbst ein wirk- fameres Mittel dazu kaum auszudenken als die Eroberung Egyptens. Falls sie gelang, war der Keil in die englishe Aufstellung ‘von Gibraltar bis Indien hineingetrieben, und wel<he Aussfihten wären dann eröffnet! Hatte Frankreich erst im Nilland festen Füß gefaßt, so konnte es später daran denken um so mehr, wenn die Verbindung des Mittelländischen mit dem Rothen Meere zu stande kam —, seine Hand nah Indien auszustre>en und mit Hilfe der Eingeborenen die verhaßte englische Herrschaft im Thal des Ganges zu stürzen. Der engli|<hen Seemacht, die mit ihrem Umsichgreifen einmal für alle europäischen Nationen gleihmäßig drü>end werden mußte, wäre das Gleichgewicht gan worden.

Mochte also die neue Richtung, die Napoleon der französischen Kolonialpolitik gab, auf den ersten Bli> als eine bedenklihe Abirrung erscheinen, so traf fie do die Zukunft hat es bewiesen durchaus das Ziel: fie verrtieth ein geniales Verständniß für die kommende Weltlage. Der Gedanke war richtig; es ist bekannt, ias seine Aus- führung vereitelte: die Vernicztung der franzöfishen Flotte.

Seit dem März 1802 im Frieden mit England lebend, suchte Napoleon, ftatt neue Kolonien zu erwerben, die alten wiederzugewinnen. Vor allem kam es darauf an, auf der Insel St. Domingo oder E wo Frankrei das westliche Drittel, ungefähr von der Größe Belgiens, mit den D Le Cap, Port au Prince und Les Cayes besaß, die nachtheiligen Folgen der Revolution zu beseitigen. Als im Jahre 1789 die Kunde von den Unruhen in Paris die Insel erreiht batte, war dort ein Sklavenaufstand ausgebrochen, in dessen Verlauf ein ents<lossener, für die Befreiung feiner Rasse begeisterter Negerhäuptling, Namens Toussaint, die Herrschaft an sih gerissen hatte. Daß er die Oberhoheit Frankreihs immer noh anerkannte, war nur ein S@ein. Napoleon hatte si< vor dem Frieden von Amiens dazu verstehen müssen, an den ehemaligen Sklaven einen \{<meichelhasten Brief zu schreiben, in dem er seine Verdienste um die Kolonie dankend anerkannte und ihn seines Vertrauens versicherte. Nach dem B aber traf Napoleon ernstliche Anstalten, in der Kolonie den alten Zustand wiederherzustellen. Hatte die Revo- lutiondregierung alle Schwarzen für frei erklärt, so Hob er diefen Beschluß dur ein im Mai 1802 erlassenes Geseh auf; freili< durfte er in Rü>ksiht auf den zu erwartenden Widerstand niht wagen, es öffentli<h verkündigen zu lassen. Immerhin schien sein Vorgehen gegen die Kolonie zu glü>ken. Es gelang seinem General-Kapitän Leclerc, seinem Schwager, unter An- wendung einer List Toussaint zu - verhaften. Als das Schiff den \{warzen Fürsten nah Frankrci gebracht hatte, warf ihn Napoleon in ein Festung8gefängniß am Fuße des Jura, und dort fand Toussaint, nahdem er sh in mehreren eigenhändigen Bittschreiben an den en Konsul vergebli< um eine Milderung feines Schi>ksals bemüht hatte, ein Opfer des rauhen Klimas, bald den Tod. Aber das Schwerste blieb no< zu thun übrig. 2000 Häuptlinge, so {reibt Leclerc, wer: er no< deportieren müssen, ‘um die Elemente des Aufruhrs von Grund aus zu beseitigen. Richt lange danach starb er ebenfalls, von einem

ieber dahingeraft. Sein Nachfolger. Rochambeau aber verließ die

nsel als Kriegsgefangener der Engländer.

Denn mit dieser Macht länger im Frieden zu leben, widerstrebte Napoleon's Anschauungen von den Aufgaben Frankreichs, seitdem sie ih weigerte, das selhae Malta, das sie während Napoleon's Feldzug na< Egypten besegt hatte, wieder zu räumen und seinem Besizer, dem Iohanniterorden, zurü>zugeben. Zu dieser Räu- mung hatten \i< die Engländer in dem Frieden zu Amiens verpflichtet, und daß sie dann keinen Ernst damit machten, war für Napoleon der Grund zu einem neuen e. Diesmal wollte Napoleon in England selbs landen, aber ehe no< seine sämmtlihen Geshwader zur Bes des Uebergangs in dem Hafen von Boulogne hätten versammeln können, wurde seine Hauptflotte unter Villenevve, die sih mit der spanischen v hatte, bei Trafalgar von Nelson vernichtet. An eine Vertreibung der Engländer aus Malta war seitdem niht mehr zu denken. Viel matten die Franzosen selber ihre beste Kolonie, St. Domingo, immer verlassen. Leclerc’'s Nachfolger Rochambeau hatte hon vor der Schlacht bei Trafalgar sammt dem Rest seiner Truppen in Le Cap den Engländern, die die Stadt blo>terten, bedin los ergeben müssen ; er selb#| wurde 8 eee lang gefangen gé! die wenigsten seiner Soldaten sahen ihr Vaterland wieder. Anstrengungen Napoleon's, troy dieses hweren Verlustes die , der Antillen" für Frankreich zu retten, scheiterten an dem alten stü> aus ter französishen Revolution, der Ohnmacht der F Seit der Entthronung der Bourbonen mit Spanien im führten die Engländer au<h die leßte französishe Garnison Fla (in St. Domingo), die ih aus den versprengten theilen Rochambeau's gebildet hatte, gefangen nah Jamai

Mit dem Tilsiter Frieden war in dem Kriege mit' für Frankrei günstige Wendung eingetreten. Auf das Rußland bauend, çcab ih Napoleon den “kühnsten E Gr kam auf feinen A zurüû>, Egypten zu einer Kolonie zu malen ; {lug das Un ù C TER O E

r den Verzicht auf Egy t{<àä 1808 mff| dem Gedanken eines F hoffte er, werde er über Ile

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