1900 / 60 p. 5 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

bestehen, wir haben sie auch nach Möglichkeit an unserem Kultur- [leben theilnehmen zu lassen. Wir sind es ihnen deswegen s{huldig, weil fie sons in dem Augenblick, wo sie z. B. mit der Eisenbahn eine Reise von 2 Stunden nah Westen unternehmen, von niemandem mehr verstanden werden. j

Meine Herren, welhe Schwierigkeiten urs bei der Er- theilung des deutshen Sprachunterrichts bereitet werden, und wie den Kindern immer wieder die Idee beigebraht wird, die deutshe Sprache sei eine häßlihe Sprache, sie sei die Sprache eines verabscheuungswürdigen Volkes, können Sie überall lesen, das wird jeder Beamte, der mitten in den Verbältnifsen steht, Ihnen sagen können. Ih habe es als Landrath selbst erlebt und habe die Klagen loyaler polnischer Lehrer mit anhören müssen. Die sagten mir: von dem Augenblick an, wo auf die Kinder eine Einwirkung in dem Sinne geübt wird, daß die deuts6e Sprache nur eine üble sei, und daß die Regierung Unre(t bätte, den Kindern die deutshe Sprache beizubringen, haben sie eine solhe Furcht, daß sie kaum dazu zu bringen find, dem deutschen Unterrichte beizuwohnen. Eia Lehrer hat mir erklärt, die Jungen liefen ihm in dem Angenblick aus der Schule beraus, wo der deu! sche Unterricht begönne, und er müsse sie wie die Kaninchen hinter den Hecken zusammensuchen, weil die Kinder große Furcht hätten, daß \i-, wenn sie nach Hause kämen und aus Versehen ein deutshes Wort äußerten, von der nationalpolnishen Mutter Prügelbekämen. (Heiterkeit) Wollen Sie ais erläuterndes Beispiel eine etnzige Aeußerung anhöcen, die ih mir nit ersparen kann, Ihnen vorzulesen. Sie stammt aus der „Gazeta Ostrowska“ vom 30. Dezember 1899 und lautet folgendermaßen :

„Erlauben wir unseren Kindera niht, deutsch zu fsprechen, gestatten wir ihnen dies zu Hause niemals, wenn es auch nur im Serz geschieht, strafen wir sie wegen unaüßer deutsher Ausdrüde, verbieten wir ihnen, deutsche Lieder zu singen, wenn sie z. B. mit änderen deutschen Kindern zusammen spielen, kaufen wir ihnen um Gottes willen keine deutshen Büchzr, damit se sh duch Lesen die Zeit vertreiben, warnen wir fie vor deutshen Zeitungen, und vershaffen wic ihnen, da sie ja in der SHule genuz deutsche Luft einathmen, eine polnishe Atmosphäre, in welch:r fi? aus voller Brust polnische Luft einathmen können !*

Meine Herren, woher kommt es denn, daß da, wo weder von nationalpolnisher Seite noch von Seiten der Eltern den Kindern ein Widerwikie gegen die deutshe Sprahe eingeimpft wird, die Unterrichts- ergebnisse ganz briflant find? Ich erinnere hier an die evangelish- polnishen Gemeinden ich bedauere, daß ih da auf konfessionelle Gegensäge kommen muß, abr es bleibt mir nihts Anderes übrig, weil ih die Sache, wie ih cs für meine Pflicht halte, klarlegen will woher kommt es, daß in geschlossenen polaisch-evangelishen G2meinden, z. B. im Kreise Kempen, der deutshe Sprachhunterriht in geradezu musterhaftec Weise ertheilt werden fann und den Kindern die volle Beherrshung der deutschen Sprate beigebraht wird, sodaß sie überhaupt als Deutsche gelten Iönnen? Woher kommt es, daß die evangelisWen Masuren und die evangelishen Littauer das Deutsch: beherrschen? Da hilft das Haus mit in der riÿtigen Erkenntniß, daß es sehr werthvoll ift, den Kindern auch die deutsche Sprache beizubringen.

Ih will das Thema veclasse1, um auf etwas Anderes üb:r- zugehen.

Der geehrte Herr Vorredner hat der Königlichen Staalsregierang den Vorwurf gemacht, sie handle geseßwidrig in der Vorenthaltung der Genehmigung zur Ertheilung des polnischen Privatunterrihts. Ich muß diese Behauptung ais cine durhaus unbegründete zurück- weisen. Der polnishe SpraYunt-rrit unterlizgt, wie j:der andere Sprachunterriht, den allgemcinen Besiimmungen über die Ertheilung des Privatunterrichts, die in der Gesegeskcaft habenden Allerhöhsten Ordre vom 10. Juni 1834 dabin festgelegt ist, daß die gewerbömäßige (Unruhe und Zurufe) ja wohl: gewerbsmäßige Ertheilung bes Unterrichts einer behördlihen Genehmigung bedarf. Die Praxis der Unterrihtsverwaltung if ftets dahin gegangen, daß das „ge- werbsmäßig“ nur so au?gelegt werdea kann, wie das früher hier auch schon vertreten worden isst: daß j:de Ertheilung eines Unterrichts, die darauf hinausgeht, in längerer Thätigkeit den Kindern einen Unterr!chtsgegenstand beizubringen, als eine geweibs- mäßige im Sinne jener Vorschriften angesehen werden muß. (Lachen im Zentrum und bei den Polen.) Meine Herren, lahzn Sie niht! Die Sache ist volllommen richtig: Diese Auslegung ist vôllig zutreffend; sie entspriht durha1us sowohl der Allerhöchsten Ordre von 1834 als der Ministerialirnstruktion voa 1839. Denn es wäre ja sont nihts einfacher als die Bestimmung, wona jede Ertheilung von Privatunterriht der behördlihen Genehmigung unterliegt, dadur zu umgehen, daß man sagt: ich ertheile den Unterriht unentgeltlich.

Was aus einer folhen Untecrichtsertheilung wird, meinz Herren, darüber haben wir genügende Erfahrung. Die polnischen Damen alle Hochachtung vor ihnen und vor ihrer sittlihen Führung, au vor ihren fonftigen Eigenschaften erfüllen weiter nihts als eine poli» ti\che Aufgabe das ist ganz klar —, und wir können nit dulden, daß ledigli zu politishen Zwecken ein derarkiger Unterricht ertheilt werde. Meine Herren, die Erfahrungen, die wir in der Les ziehung gemacht haben, nöthigen uns zu der allergrößten Vorsicht. Es ift in neuerer Zeit vorgekommen, daß in Staatsanstalten dur staatlihe Lehrer der polnishe fakultative Sprachunterriht in ciner durchaus unzulässigen Weise ertheilt worden ift, in einer Weise, die lediglich polnish - chauvinistish: Zweck? fördert (Hôrt, bört! rets.) Auf Staatskosten i ein derartiger Unterricht ertheilt worden das ift festzestelt —, und ich frage Sie: sind wir da nicht zu der allergrößten Vorsicht genöthigt? (Sehr richtig! rechts.) Wenn Sie lediglich die Absicht der Kabinetsordre von 1834 davurch illusorisch machen wollen, daß Sie sagen: der ge- fammte Unterricht wird unentgeltlih ertheilt, in welche Zustände kommen wir dann hinein? Dann können wir ganz sicher sein, daß in der Provinz Posen überall derartige Unternehmungen wie die Pilze aus der Erde wachses, und die Absichten der Unterrichtsverwaltung auf diese Weise vollständig vereitelt werden. Es wird weiter nichts als ein neuer Herd nationalpolnisher Agitation ges{chafen, den wir uns unmögli gefallen lassen können. (Sehr rihtig! rets.)

Meine Herren, wir haben aber auch noch eine andere wichtige Aufgabe, und so peinlich es mir ist, muß ich doch auch in dieser Be- ziehung wieder auf konfessionele Verhältnisse zurücklkommen.

t

Wir haben die unerläßlihe Pflicht, die deutschen Katholiken in den Provinzen Posen und Westpreußen vor der konftanten, mit großer Zähigkeit und mit dem allergrößten Erfolge betriebenen Polonisierung #1: bewahren. (Sehr rihtig! rech!8 Lachen bei den Polen und im Zentrum.) Meine Herren, Sie lachen darüber. Es ift ein trauriger Ernst und muß eigentlich jcdem einzelnen von uns die Schamröthe ins Gesicht treiben, daß scit einem Jahrhundert nah einer allerdings nur oberflählichen, aber wohl zutreffenden Statistik über 200 000 Katholiken innerhalb der preußischen Grenzpfähle in das polnishe Lager über- gegangen find! Das macht eine Bilanz zum Nachtheil des Deutsch- thums von 400 000 Seelen!

Außerdem frage ich das hohe Haus: sind wir es niht dem Interesse dec deutschen Katholiken, nicht nur unserem deutsch-nationalen Interesse, schuldig, sie vor dieser Situation zu bewahren, vor der fortgeseßten Polonisierung, die notorisG heute noch mit dem größten Nachdruck und Erfolge betrieben wird? Sind wir es nit unserea Stammesbrüdern katholischer Konfession schuldig, sie davor zu bewahren, daß, während ihre Väter Deutsche waren, mit uns deutsch gefühlt haben und an der Entwickelung und der Macht des Deutschen Reichs \ich erfreut und erbaut haben, ihre Söhne jeßt das verlorene polnishe Vaterland bejammern? Das is ein auf die Dauer un- erträgliher Zustand. Ih begrüße es als die Morgenröthe einer besseren Zeit, daß endlih au in den Zentrumsblättern der Gedanke zum Durchbruh kommt, die deutschen Katholiken mögen sihch ver- einigen und diesem Polonisierunzéprozesse, der ein Shandfleck am Körper des Deutschen Reichs ist, und der die Leute geradezu ins Un- glüdck stürzt, Einhalt thun. Jn welher Weise es gelingen wird, weiß ih noÿ nicht. Denn wir stehen da vor einer chinesischen Mauer, die ih nit näher zu bezeihnen brauhe, Der Einfluß liegt ncht auf administrativem Gebiet, sondern auf kirchlihem,

Fh habe mit voller Offenheit über die SaŸe gesprochen, weil ih es für nothwendig halte, daß wir uns darüber klar werden, daß auf diesem Gebiet eine energishe Reaktion nothwendig ist, die von den bethei- ligten Kreisen selb ausgehen muß. Ist das die Belohnung für die i kann es nicht anders bezeihnen politishen Vorspanndienfte, die in größter Pflichttreue und aus voller Ueberzeugung, lediglih, um der fatholischen Sade zu dienen, seit Emanation unserer Verfassung, also seit 50 Jahren, die deutschen Katholiken den Polen geleistet haben? Wie sind sie mit ihren Sonderwünschzn behandelt worden ? Mein Vorgänger von Goßler hat es Ihnen klargelegt, daß in den Fahren des größten Aufshwungs innerhalb tes preußischen Staats und tes Deutschea Reichs, von 1862 bis 1872, die Wünsche mehrerer Tausend deutscher Katholiken hinsihtlich der deutshen Predigten und der Einführung deutscher Gottesdienste absolut unberüdcksihtigt geblieben sind. Die Folge davon ift die gewesen, daß s{chließlich doch der Tropfen böblt den Stein diese Maulwurfsarbeit ihre Früchte geiragen hat und eine erbeblihe Anzahl deutscher Katholiken in das polnische Lager übergegangen ift.

In welher Wise die deutshen Katholiken heute von den Polen b:handelt werden, brauhe ich nur an ein paar Turzen Beispielen Jhnen vor Augen führen. Ih habe hier verschiedene polnische Zeitungs- ausschnitte, in denen unter anderem gesagt wird :

„Die berühmten Deutsch-Katholiken haben, wie unsere Grau- denzer, einen Mund, der von einem Ohr zum anderen reiht, fodaß es shcint, wenn auch nur einer den Mund aufthut, als ob sie alle brüüten und nit einer.“

So wird hier aus Graudenz geschrieben :

„Die deut\{-katßholisßen Großinäuler wettern in ihrem „Leib- blatle", dea hiesigen freimaurerishen Geselligen, auf die polnischen Wäßler und auf deren A»führer. Dabei bedienen sie fich nihts- würdiger Lügen, indem sie behaupten, daß das Volk, durch „Schnäpse angefacht“, haufenweis2z zu den Wahlen eilte.

Das ift eine unv:rschämte Beleidigung unseres ehrlihezn und nücternen Volks. Aber wartet, wartet, ihr Großmäuler !"

Nun komme ih zu einr anderen Aeußerung, die beweist, mit welcher Undankbarkeit die deutshen Katholiken behandelt werden:

„Es wäre Zeit, zur Erkenntniß zu gelangen, daß uns Polen der evangelishe Masur näher steht als der katholishe Deutsche; denn jener ist unser Bruder dem Blut und Knochen nah.“

Ih könnte noh weitere derartige, zum theil noch stärkere Jnvek- tiven anführen. Wir find es unserer nationalen Ehre s{chuldig u:d unseren Stammesbrüdern, daß wir sie vor der Polonisfierung beroahren, die ihnen auf dem Gebiet dec Kirche und der Schule, namentli dur den polnish:n Privatunt?rriht, droht.

Nun if} von anderer Seite vorges{chlagen worden: „Laßt doÿh die Polen, w:nn ih so fazen soll, in ihrem eigenen Fett ersticken; bringt ihnen absolut nichts mehr von deutscher Bildung bei. Laßt sie sißen, wo sie sind; kümmert cuH nicht um sie. Dann wird es ihnen gehen, wie es ihnen in ihrem Königreich ergangen ift, wo die Polen deutsher Kultur und dteutshem Einflusse niht zugäuglih waren.“ Nein, meine Herren, eine derartige Maxime werden wir niht befolgen. Wir werden unsere Pfliht und S@uldigkeit nach wie vor thun (Bravo! rechts und tei den Nationalliberalen) in gleiher Weise den Deutshen wie den Polen gegenüber in der Wahrnehmung ihrer bercchtigten materiellen Wünsche und Forderungen, wie ih das au {hon b:i der ersten Etatsberathung dargelegt habe. Auf dieïem Wege, meine Herren, if das Polenthum {hon gewaltig erstarki. Jch babe TIhnen nachweisen können, daß der Bauernftand preußischen Antheils, wenn ih mi dieses Ausvdrucks bedienen darf, si eines größercn Wohlstands, einer größeren Gesittung erfreut als in den übrigen polnischen Landestheilen. Daß das bürgerliße Element in den Städtzn gewalliz erstarkt ift dank der deutschen Kuiturarbeit, ift außer Zweifel. Das können Sie alle Tage erleben. Dies Element nimmt numerisch zu, nimmt aber auch an wirthschaftliher und moralischer Bedeutung zu Ih brauche kaum darauf hinzuweisen, daß auch die übrigen Erwerbszweige sihch in einer ganz ungeahnten Weise entwidelt haben. Also Sie sind in der That ein Volk, welches unter dem preußishen Adler siher sein kann der Wahrung seiner wohl- berehtigien Interessen. Aber damit ift auch die Grenze gezogen. Wir können unmögli weiter gehen. Denn daß die national. polnische Agitation an Stärke gewinnt, daß sie z. B. nicht davor zurückschreckt, wie das in neuerer Zeit auch wieder nachgewiesen ist, sogar nationale Schülerverbindungen einzurihten, das unterliegt keinem Zweifel. Wir stehen vor einer großen Gefahr, der wir uns zu erwehren haben, umsomehr, als die national-polnishe Agitation, wie sie ih innerhalb unserer Grenzpfähle entwickelt hat, auch von außen her in einer durhaus Bedenken erregenden Weise unterstützt wird.

Alle Mittel werden herangezogen, um diese Agitation zu stärken. Jch :

brauche nur an die katholishe Univerfität Freiburg in der Schweiz zu erinnern, wo Franzosen und Polen \sih die Haud gereiht haben, um \hließlich den deutshen Professoren das Leben und die Thätigkeit un- möglih zu machen.

Ih schließe mit der Erklärung, daß, wo der Boden des Rechts verlassen wird, wo kleinlihe Chikanen geübt werden, ih niemals zu haben sein werde. Gegen Verfügungen, wie in dem Falle Golata, den vorhin der Redner erwähnt hat, werde ih sofort Remedur ein- treten lassen. Aber, meine Herren, wo wir unser gutes Recht geltend magen können, um unerlaubte Einflüsse zu beseitigen, wo wir unsere Befugnisse anzuwenden haben, um der deutshen Sprache und Kultur den richtigen, legitimen Einfluß auch auf das Polenthum zu sichern, da sollen Sie uns für alle Zeiten fest finden. (Lebhafter Beifall bei den Nationalliberalen und rechts.)

Abg. Dr. von Heydebrand und der Lasa (konf.): Der Minister wird auf diesem Wege die Zustimmung meiner Freunde ftets finden. Herr Abg. Friedberg hat recht damit, daß den Polen kein Recht verweigert werde, wenigstens auf dem Gebiet des Zivilrechts. Und was das öôffentlihe Recht betrifft, so ist unsere Verfassung eine preußische, und wir können den Polen nur das geben, was mit dieser Vorausseßung vereinbar is. Wir wollen den Religioasunterriht in pol- nischer Sprache zulassen, müssen uns aber vorbehalten zu bestimmen, wie weit wir ihn zulassen können. Die Polen mögen sih ihrer Muttersprache bedienen, aber sie müssen sih des Hasses gegen die Deutschen enthalten. Die Hrrren Polen hier im Hause sind sicherlich treue Unterthanen, aber hinter den Forderungen für- die polnishe Sprache fteht immer die Forderung der felbstä:digen polnischen Nationalität. Durch folche breite Behandlung einzelner Fragen, wie fie die Herren Saenger und Kopsch geliefert haben, wird das Niveau der allgemeinen Debatte über diesen Etat heruntergedrücki. Es war wohl eine gewisse Nervosität, daß die Herren fürchteten, es könnten von anderer Seite einige ihrer Grdanken früher vorgebraht werden. Die Schulfrage hat einen viel tieferen Grund und ist sehr weit verzweigt; Herr Kopsh toll erst diese Erege verstehen lernen. Die \s{ultechnische Seite läßt sich mit der

ristlihen Grundlage sehr wohl vereinigen. Daß unsere Schule gegenwärtig im christlichen Geiste geleitet wird, wissen wir so gut wie Herr Kopsch, aber es fehlt die geseßliche Sicherheit für die christliche Grundlage. Wir werden auf Uebelstände hinweisen, aber wir fommen dem Minister mit Wohlwollen und Vertrauen entgegen. Gerade dieses Ministerium brauht hristlihen Geist; wenn es in diesem Geiste geleitet wird, wird der Minifter unsere Unter- stützung haben. Gegenüber den Forderungen des Abg. von Heereman baben wir unseren Standpunkt {on oft dargelegt. Jn Bezug auf die Schule stehen wir Herrn von Heereman sehr nahe. Die Geistlihen müssen volle Einwirkung auf die Shulinspektion haben. Es ift ein sehr bedauerliher Zustand, daß dic Katholiken felbst da sich zurüdgeseßt fühlen, wo wir nah unserem Standpunkt meinen, daß sie keine Zurückseßung erleiden. Mit Gerechtigkeit und Wohlwollen müssen sie behandelt werden, aber der Unterschied zwischen den Katho- lifen und uns is ein ganz natücliher. Die katholishe Konfession nimmt den ganzen Menschen in Anspruch. Es ift aber nit gut für unsern Staat, wenn si in ihm ein corpus catholicorum erxplofsiver Art bildet. Machen Sie si (zum Zentrum) cinmal frei von Ihrem INißtrauen gegen unseren Staat, dann wird auch das Gefühl der Ffolierung hwinden! Wenn Sie mit uns zusammen arbeiten wollen, werden Sie einen großen Schritt in unserem Volksleben vorwärts thun.

Abg. Hackenberg (nl.): In unserer evangelishen Kirde müssen wir über die Zerfplitterung hinwegkommen und uns über das Kleinliche biawegscßen. Es giebt einen großen gemeinsamen Boden in unserer Glaubensüberzeugung. Wenn wir uns alle auf diesen gemeinsamen Boden stellen, werden wir einen größeren Einfluß im öffentlichen Leben gewinnen. Die Staatéregierung darf niht nah dem Grundsay „divide et impera“ dur bureaufratishe Verwaliung die Zu’sammengebörigkeit der ganzen evangelischen Kirche verhindera. Wie lange müssen wir aber darauf warten, daß der Staat evangelishe Kirhengeseße zur Verabschiedung bringt! 1897 hat z. B. die Generalsynode ein Gesetz über dos Ruhegehalt der Organisten, Kantoren und Küster und ihrer Hinterbliebenen angenommen, die Regierung hat dieses Gesey ncch immer nicht zur Erledigung gebratt. Nah dem Geseß über das Diensteinkommen der Geistlichen follte es bezüglih des Nuhegehalis und der Beiträge zum Pensionsfonds vorläufig bei dem bisherigen Rechtszustande bleiben, bis die Leistungsfähigkeit der be- treffenden Kassen festgestellt sei. Jn diefer Angelegenbeit ift nun ein firhenregimentliher Erlaß ergangen, von der Staatsregierung ist darauf aber nihts ecfclgr. Auf die Schulfrage gehe ih heute niht ein. - Ja Bezug auf die polnische Frage stimmen wir dem Abg. von Heydebrand zu und billigen die entschiedene Politik des Ministers. Gegenüber den Anschauungen des Zentrums müssen wir uns das Recht vorbehalten, unsere entgegengeseßte Auffassung zum Ausdru zu bringen. Sehr gewundert hat mich der Verglei des Abg. Porsch zwischen der Börse und der Kirhe. Es handelt sih wie immer um die Grenze zwischen der Kirche und dem Staat, und da ist die Kirche sehr empfindlich. Das Mißtrauen der Katholiken gegen den Staat und die Regierung ift sehr groß, aber an der Beunruhigung der fatholishen Bevölkerung ist zum größten Theile die Presse huld. Zwar fchüttelt jede Partei immer die Presse von sih ab, aber seien wir do ebrlich und sagen wir, daß die Parteien einen Einfluß auf die Presse ausüben. Es giebt einen politishen Katholizisnus. Das Zentrum bezeihnet als fatholisch, was wir uliramontan nennen. Ih will mit diesem Gegen- satz fein Mitglied des Zentrums beleidigen. Dieje Unterscheidung ist berechtigt durch die Geschichte. Ultramontan if eine bestimmte Nichtung in der katholischen Kirche, jene Richtung, die der nationalen G. ftaltung der Kirche immer zuwider war. Wir habeu immer deutsche Katholiken gehabt, welche dieser Richtung widerstrebt haben ; das waren imer Leute, auf welche die katholische Kirche als gute, gläubige Katholiken stolz sein koante. Nicht wir sind {huld am Kultarkampf, sondern die Entwicklung der ultramontanen Richtung in ter katholischen Kirche. Daher kommi es, daß jeyt Herr Fuchs sagt: wer katholisch ist, ist ultramoatan. Heute ist es eben anders geworden; heute find die Bischôfe zum Gehorsam gezwungen. Früher konnten fih Fürst- bischófe mit S Hiller und Goethe zu gemeinsamer liteiarishec Arbeit vereinigen, heute wird es den ftatholishen Lehrern verübelt, wenn sie mit evangelischen verkehren. Wir ursererfeits wollen den Katholiken die Hand zum Frieden bieten. Die Frömmigkeit dec romanischen Bölter ist eine andere als die der germanischen, und der ultramontane Zug aus den romanishen Ländern wirkt nachtheilig auf den deutschen katholishen Gottesdienst ein. In der Uebermähtigkeit des ultra- montanen Systems liegt für uns eine große Gefahr. Es giebt aber noh genug Herren im Zentrum, die ihre religiöse Ueberzeugung mit den nationalen Anforderungen vereinigen können (Rufe im Zen- trum: Alle!), die der Kirche geben, was der Kirche ist, aber auch dem Staate, was des Staates ist.

Ministerial-Direktor D. Schwar kopff bestreitet, daß die Ver- waltung in der Erledigung der B Sena eee lässig gewesen sei. Im Mai 1899 habe die Regierung das leute Schreiben in Bezug auf die Ruhbegehälter der Oraanisten erlassen. Ueber die Ausführung des Gesetzes über das Diensteinkommen der Geistlichen set erst im November das erste Schreiben der Generalsynode an die Regierung gekommen. Es fei völlig unberechtigt, der Regierung in dieser Hinsicht cinen Vor- wurf zu machen.

(Schluß in der Zweiten Beilage.)

M 60.

(Schluß aus der Ersten Beilage.)

Abg. Dr. Dittrich (Zentr.): Herrn von Heydebrand danke ih für seine Unterstüßung in der Schulfrage. Daß wir mit unseren Klagen immec wieder kommen müssen, kann niemand mehr- bedauern, als wir selbs. Wir bedauern auf das lebhafteste. daß der Gegensaßz zwischen katholish und evangelisch selbst in das bürgerliche Leben ein- gedrungen ist. Herr Porsch hat die katholishe Kirhe mit der Börse nur in Bezug auf die Feinheit der Organisation verglihen. Alle Vergleihe hinken. Mißtrauish und empfindlich find wir nit, wir verlangen nur unfer Recht. Einen gewissen politischen Katholizismus geben wir zu, insofern wir wünschen, daß das katholische Fdeal überall zur Geltung kommt. Herr Hackenberg stellt katholis und national gegenüber, die katholishe Kirche ist eben universal und international, fie steht übec den Nationen. Die Jurisdiktion der Bischöfe ift selbftändig, allerdings - au untergeordnet der päpstlichen Surisdiktion. Der Katholizismus ift derselbe bei den Romanen wie bei den Germanen, wenn auch manche Aeußerlihkeiten verschieden sein mögen. Wir sind Alle bereit, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers if, und Gott, was Gottes ist, denn das ift katholisch. Jn der Schulfrage besteht zwisGen uns und der Partei des Herrn Kopsch eine unüberbrückbare Kluft: er betrahtet die Schule allein vom s{hul- tehnishen Standpunkt, wir vom religiöfen Standpunkt aus. Wir fordern den Einfluß der Kirche auf die Schule, welchen die Kirche als Hüterin des Christenthums beanspruchen kann. Herr Kopsh will aber die S{hule der Kirhe immer mehr entwinden. Der Staat ertheilt den Religionsunterricht nur ex mandato ecclesiae; er hat kein Recht auf den Religionsunterriht. Man geht aber sogar so weit, Religions- bücher einzuführen ohne vorherige Verständigung “mit den kir{chlihen Behörden.

Minister der geistlihen 2c. Angelegenheiten Dr. Studt:

Meine Herren! Ich ergreife nur das Wort zu dem Zweck, um einen Irrthum des geehrten Herrn Vorredners zu berihtigen. Er hat die Behauptung aufgestellt, daß Neligionsbücher in den Volks- \{ulen zum Gebrauch eingeführt würden, ohne daß vorher eine Ver- ständigung mit der zuständigen kirchlihen Behörde stattfinde. Soweit das irgendwo der Fall gewesen fein sollte ih glaube nit, daß es überhaupt zutrifft —, würde ih fofort Remedur eintreten lafsen. Denn es ift bereits in einer Verfügung meines Herrn Amtsvorgängers vom 12. Oktober 1881 auf die Vorschrift hingewiesen worden, wonah bei den Lehr- und Lernbüchern, ‘welhe dem NReligionsunterriht zu Grunde liegen, erft nah vorheriger Verständigung mit den kirchlihen Behörden die Einführung erfolgen darf. Wie der Herr Vorredner zu dem Irrthum gekommen ist, weiß ih nicht. Jch halte es aber für meine Pfliht, darauf hinzuweisen, daß die Urterrihtsverwaltung

stets nah dem Grundsatze gehandelt hat. (Bravo! rets.)

Abg. Dr. Hahn (B. d. L.): Die Ausführungen der beiden letzten Redner haben uns îín die Zeit der Neligion8gesprähhe zurückgeführt. Ich wüuische nicht, daß unsere Etatsberathung aus lauter solhen Ge- sprächen beftände. Heißsporne gtebt es auf beiden Seiten, aber sie werden immer von der Majorität rektifiziert. Die Regierung kommt {on immer mehr den Wünschen der Katholiken entgegen. An- gesihts der scharfen wirthshaftlichen Kämpfe muß ein konfessioneller gee herrshen. Der Bund der Landwirthe hat immer zu diesem

rieden beigetragen. Den wirth\chaftlich:n Auffassungen is immer die Wissenschaft gefolgt; so is es mit dem Manchesterthum und mit dem Sozialismus gewesen. Die Regiecung muß aber dem vorbeugen, daß eine Schule an der Universität die herrshende wird. Die Re- gierung ist zum Prinzip des Schußes der nationalen Arbeit zurück- gekehrt, aber auf den Lehrstühlen finden wir unter den jüngeren Gelehrten recht wenige, welhe auf diesem Bismarck’shen Standpunkt stehen. Der Redner weist darauf hin, daß eine bei Bremerhaven gelegene preußische Gemeinde durch die Arbeiter des Norddeutschen Lloyd große Schullasten habe, und wünscht, daß der Staat Bremen oder der Lloyd zu diesen Lasten herangezogen werde. Der Borwurf, daß der Bund der Landwirthe sh der Regelung der Schulunterhaltungs- pflicht in den östlihen Provinzen oder der Besserstellung der Lehrer widersetze, fei nicht zutreffend. Die Lehrer müßten aber zum fozialen Frieden in den Gemeinden beitragen.

Abg. von Knapp (nl.) befürwortet die Zulassung der Real- aymnasial-Abiturienten zum Studium der Medizin und der Juris- prudenz.

Ministerial-Direktor Dr. Althoff erwidert, daß im Reiche eine Lösung dieser Frage in Bezug auf das medizinishe Studium dahin erwogen werde, daß eine Ergänzungsprüfung im Lateinischen abgelegt werden müsse, das Griehishe aber wegfalle. Die Ergänzungsprüfung solle vor Beginn des Studiums abgelegt werden. Auf dieselbe Frage wegen des juristishen Studiums wolle er nit eingehen, weil dieses zu einem andern Ressort gehöre; er denke aber, daß man sih vorerst mit dem medizinischen Studium begnügen könne.

Abg. Glowaßki (Zentr.) behauptet auf Grund seiner Er- fahrungen in Oberschlesien, daß die polnishen Kinder, welhe den Religionsunterriht in ihrer Muttersprache erhielten, viel bessere Fort- shritie maten als die deuts unterrihteten, weil letztere auf ein mechanishes Auswendiglernen angewiesen seten, Die Sprache sei ein Mittel, den Kindern die Glauben8wahrheiten klar zu mahen. Die Verrohung der Jugend und die Zunahme der Kriminalität in Ober- lesien seien auf den mangelhaften Religionsunterriht zurückzuführen. Deshalb müsse der Meligiensunterriht auch in der Mittel«+ und Oberstufe in polnisher Sprache: ertheilt werden.

Abg. Munckel (fr. Volksp.): Der Minister ist Minister der geistlihen, Uaterrihts- und Medizinal-Angelegenheiten. Von den geistlichen ift eine Menge gesprochen, von den Medizinal-Angelegenbeiten war auch die Rede; auch über den Unterricht in der Unter- und Ober- stufe ist geredet; nur von der Universität sprah niemand. Ich habe mich nit über die Universitäten zu beklagen, foadern über das, was das Ministerium gethan hat. Der Kultusminister trägt die Ver- antwortung. Das Herrn von Zedlitz ift er der natürlihe Vertheidiger der Freiheit der Wissenschaft. Zwischen der 1ox Arons und der lox

einze besteht ein Parallelismus; beide sind auf einen bestimmten

all gemacht, und zwar die lox Arons, um den Privatdozenten Arons entlassen zu können. Das Gesetz is ad hoc gemacht. Wenn mich eins dabei tröôstet, so ift es das, daß es seit anderthalb Jahren zu einem andern Zweck noch nit gedient hat. Es hat seine Schuldigkeit gethan, hoffentlich ist es eine vorübergehente Ersheinung. Was îin dem Urtheil des Staats-Ministeriums stehen foll es ist ja nit offiziel veröffentlicht —, ist gewissermaßen nur ein Extrakt aus dem, was der Minister Bosse damals gejagt hat. Daß man das gethan hat, was man vor 25 Monaten wollte, tadle ih niht; Furthtlosigkeit und Konsequenz sind lobenswerthe Eigenschaften, namentlich da sie niht immer ‘und nicht bei jeder Staatsregierung zu finden sind. Aber

urchtlosigkeit und Konsequenz können doch manchmal eigenartige

olgen haben. Arons lehrte bis vor kurzem Mathematik, eine Wissen- haft, die von Politik weit entfernt ist, und wenn sie sich hier und da mit Wurzeln befaßt, so sind dabei nicht die Wurzeln des Staats- organismus zu finden. Arons las über Differential- und Integralrechnung, und das gehört zur Mathematik ih sage das zur Belehrung für diejenigen, welche es niht wissen. Dabei kann man doch nicht poli-

tishe RNäfonnements bringen! Ih kann mir das bei militärischen oder preußischen Geschichtsvorlesungen denken; daß man aber bei der Mathematik antimonartische oder sonstige politishe Agitation treiben kann, ist niht mözlich. An der Lehre Arons” liegt es also nicht. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei, das steht in einem Artikel der preußischen Verfassung, der noch nit zu den suspendierten gehört, wenn er au nit immer beobachtet wird. Wenn man früber erzählte, daß in Preußen jeder seine Meinung frei sagen könne, so muß man jeßt sagen : gehe nicht hin, wenn Du ein Privatdozent bist. Die Lehre foll frei sein, und es ift sehr die Frage, ob man Arons, wenn er Professor wäre und in seinem Kolleg sozialdemokratishe Weisheiten vorgetragen hätte, deshalb hätte angreifen können. Gerade weil es nit im Kolleg ge- 1 Gehen ift, ist ec diszipliniert worden. Die Fakultät als erste Jnstanz hat Arons freigesprohen; Männer haben daran mitgewirkt, deren Namen auch der Kultusminister mit Achtung wird nennen müssen. Man sagt, daß im Privatleben des Dr. Arons kein Fehl sei. Er be- kennt fi allerdings zur Sozialdemokratie, hat abér an der Agitation in gehäfsiger Weise niemals theil genommen. Er if Sozialdemokrat, und deshalb ist er nach dem Spruch, den das Gesetz gestattet, nicht würdig, Privatdozent an einer preußischen Universität zu sein. Die Verfafsunz ist eine Lektüre, die Fürst Bismarck als Reichskanzler immer empfohlen hat. Darin stebt, ‘daß die öffentlihen Aemter glei- mäßig allen zugänglih feien, welhe ihre sittlihe, wissenschaft- libde und tehnische Befähigung dargethan haben. Ueber die wissenschaftlihe Befähigung ist kein Streit, einz tehnishe wird für die Mathematik nicht gebraucht, und soll etwa ein Sozialdemokrat ein unsittliher Mensch sein? Wollte man das behaupten, fo müßte man einen großen Bruchtheil der Nation zu den unsittlihen Menschen rehnen. Das ist Gott sei Dank nicht der Fall. Ein Herr der Rechten sagt: Er kann denken, was er will, er darf es nur nicht sagen. Beschränken wir die Freiheit auf dieses Niveau, so erziehen wir zur Heuchelei, die ih niht für sittliher halte als das offene freie Bekenntniß. Es it nicht ein dies incertus, quando, fondern ein dies incertus, an ob die Sozialdemokratea jemals ihre Schlußideale verwirklihen. Das foziale Moment im sozialdemo- kratishen Programm hat sih unsere soziale Geseßgebung zum großen Theil angeeignet. Allerdings nicht das soziale, das vormärzlih ist, das demokcatische, von dem ih fürchte, daß es mit oder ohne Vorsay niemals courfähig wird, Ein Ruhmesblatt für die Re- gierung ist es niht gewesen, die Verfassung wußte wohl, warum sie den Grundfay aufstellte: Die Wissenschaft und ihre Lehre ift frei. Es heißt allerdings „die Lehre* und nicht „die Lehrer“, aber ohne diese fterblihen Gefäße giebt es keine Wissenschaft. Wenn der Sozial- demokrat ein unsittliher Mensch ist, müßte der Atheist erft recht be- seitigt werden, und dann bekämen wir eine Wissenschaft zurechtgeschnitten nach dem Muster des der Welt gegenüber doch engen preußischen Staates. Jch verstehe es sehr wohl, daß Deutschland sich einen Platz an der Sonne sucht, aber ih verstehe es niht, daß Preußen seinen Antheil an der Finsterniß behalten will.

Minister der geistlihen 2c. Angelegenheiten Dr. Studt:

Meine Herren! In thatiächliher Beziehang habe ih die Aus- führungen des Herrn Vorredners zuzähst insofecn z1 berichtigen, als Herr Arons nicht Privatdozent der Mathematik, sondern der Physik war. In den Schlußfolgerungen ändert das allerdings nichts. Der Herr Vorredner vergißt in seinen Ausführungen zunächst, daß nah & 1 Nr. 2 des Gesetzes über die Disziplinarverhältnifse der Privatdozenten das außeramtlihe Verhalten. eines Privatdozenten zum Gegenstande eines Diéziplinarverfahrens gemaht werden kann, und dies in den Fällen, wenn er fich der Achtung und des Vertrauens, die sein Beruf erfordert, unwürdig macht. Mit der Lehrtbätigkeit des Herrn Arons hat der vorliegende Fall gar nihts zu tbun, und die Behauptung, daß die Freiheit der Wissenschaft durch dieses Disziplinarerkenntniß gefährdet sei, weise ih mit aller Entschiedenheit zurück (große Unrußbe), auch die Schlußfolgerungen, die der Herr Vorredner gezogen hat hin- sihtlih der Majestät der Wissenschaft. Denn ic frage, meine Herren : find die Lehrer an den Hochschulen vielleicht hinsihtlich ihres außer- dienstlihen Verhaltens principes extra legem? Doch ganz gewiß nicht! (Unruhe links.)

Ih muß mir versagen, auf die Gründe des Erkenntnisses des Königlichen Staats-Ministeriums einzugehen, und zwar {on des- wegen, weil ich als Mitglied der entsheidenden Behörde persönli betheiligt bin. Im übrigen rechne ich mit voller Zuversißt «uf die Zustimmung aller derjenigen, welche sich zu dem Grundsatze bekennen, daß ein Mann, der sozialdemokratische Bestrebungen in so offen- kfundiger Weise vertritt und bethätigt, wie dies der bisherige Privat- dozent Arons gethan hat, nicht länger Mitglied des Lebrkörpers einer Königlichen Hochschule sein kann. (Bravo! rets.)

Darauf wird um 4 Uhr die weitere Berathung bis Donnerstag 11 Uhr vertagt.

Literatur.

Monographien zur deutschen Knlturgeshichte, heraus- gegeben von Dr. GeorgSteinhausen. IlI1. Band: Der Arzt und die Heilkunst in der deutschen Vergangenheit. Von Her- mann Peters. Mit 153 Abbildungen und Beilagen nach den Originalen aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Verlag von Eugen Diederichs, Leipzig. Preis geh. 4 A, geb. 5,50 A Dieser neue Band des Unternehmens ift der Geschichte des Standes der Aerzte gewidmet, unter gleihzeitiger Berücksihtigung der Heilwissenshaft und ihrer Entwickelung und der früher so verheerend auftretenden Krank- heiten, wie Pest, Aussag 2c. Der Verfasser beginnt mit der Heilkunst der alten Germanen durch Kräuter und Zaubersprüchhe und ihrer Fortentwickelung in den Händen der Kirche sowie auf den Universitäten des Südens. Er weist nach, wie der Herrschaft des Galen und des Hippekrates unter dem Einfluß der Kreuzzüge die der Araber mit ihren Purgirmitteln und ihrer Blutentziehung folgte und Harnshau und Aderlaß das Spezifiklum mittelalterlicher Heilkunst wurden. Das Zeitalter des Humanismus machte auch der Scholastik in der Medizin ein Ende. Der von Aberglauben und Borurtheil befreite Verstand, der den Paracelsus zur Beobachtung der Natur führte, sodaß ec den Hauptwertih auf die Naturheilkuast, den „inneren Arzt“, wie er es nannte, legte, fand in einer Vertiefung des wissenschaftlihen Studiums auf den Universitäten seine Fortsezung, Während man vorher den inneren Bau des menshlichen Körpers nur aus den griehischen Schrift- stellern kannte, trieb man fortan wieder anatomishe und \päter chemische Studien. Aber es dauerte noch lange Zeit, ehe sih Aerzte mit der Geburtshilfe befaßten, und der strenge Unterschied zwischen dem dem Handwerkerstande zugerechneten Chirurgen und dem gelehrten Arzt, der eine derartige Thätigkeit für unter seiner Würde hielt, dauerte noch bis in das 18. Jahrhundert hinein. Eine ähnlihe Entwickelung nahm das Apothekenwesen. Auch die Heilmittel sind ein Spiegel der Kultur, und der Einfluß des 30jährtgen

Zweite Beilage zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staats-Anzeiger.

Berlin, Donnerstag, den $. März

1900.

Krieges spri®t deutli aus einem in dem Buche angeführten draftischen Rezept für Mumienlatwerge aus dem 17. Jahrhundert. Die Ent- deckung des Blutkreislaufs durch Harvey machte eudlich derartigen Experimenten ein Ende und legte den Grund zur beutigen wissen- shaftlichen Behandiung. Das Buch |{ließt mit einer Schilderung der Bestattungsarten in älterer und neuerer Zeit. Einen besonderen Reiz erhält auch dieser Band durch die dem Text beigefügten zahl- reihen Reproduktionen alter Holzshnitte und Kupferstiche, die das FKrankenleben, die Thâtiekeit der Aerzte und Apo- theker, die Badesitten und Aehnlihes veranschaulihen. Da viele der ihnen zu Grunde liegenden Originale zu den größten Seltenbeiten ge- hören, fo ift die hier gebotene Bilder - Sammlung nicht nur für Aerzte und Apotheker, sondern auch für Kulturgeshihts- und Kunst- freunde von Werth und Interesse. Beim Erscheinen dieses neuen Bandes sei noch einmal auf das Programm des Unter- nehmens hingewie}jen. Die „Monographien zur deutshen Kultur- eshihte" wollen dem deutshen Volke die Kenntniß seiner Früfiecen Kulturverhältnisse durch Wort und Bild vermitteln. Nicht für Gelehrte und Geschichtsliebhaber allein, niht für eine Be- rufsklafse nur sind die Monographien geschrieben, sondern für Jeder- many. Sie sollen das Wachsen und Werden der Berufe wie auch die Sitten und Anschauungen unserer Vorfahren in getreuen Schilderungen vorführen; fie follen zum Volke \prehen, wie Gustav Freytag es in seinen „Bildern aus der deutshen Vergangenheit“ gethan hat. Wenn ein jeder Stand besonders behandelt wird, so geschieht dies niht, um Berufseinzelheiten zu erörtern, sondern um zu zeigen, wie er sich im Zusammenhang mit dem ganzen Leben der Nation entwickelt hat. Zur JIllustrierung der Monographien ift alles Bedeutsame und Charakteristische, was die alten deutschen Meister als Schilderer der Sitten ihrer Zeit geshafffen haben, in möglichster Vollständigkeit gesammelt und sorgfältig faksimiliert worden. Durch die der Blüthezeit der Buchdruckerkunst auch im übrigen an- gevaßte Ausstattung in Druck und Papier bietet der Verleger eine anerkennenswerthe Anregung zur Reform der Buchausstattung in Deutschland.

Jahrbuch für Kadetten. Herausgegeben von Saar - \Gmidt, Major a. D. Erster Jahrgang 1900. Oldenburg i. Gr., Verlag des Deutschen Offizierblattes; Gerhard Stalling, Verlags- buhhandlung. Taschenbuh-Format, 366 S. Pr. in Leinwand ge- bunden 1,75 A Dieses handlihe Büchlein bietet zuvörderst einen Uebersihts- und Notiz: Kalender mit Gedenktagen, sodann einen reih- haltigen tabellarishen Stoff aus dem Interessenbereih des Kadetten- Korps, unter besonderer Berücksichtigung jeder einz-lnen Anstalt, auch der Königlich bayerishen und sächsishen Kadettenhäuser, ferner eine Reibe von Liften zu mannigfaltigen Eintragungen des täglichen Dienst- und Privatlebens. Ganz besonderen Werth erhält das kleine Buch j:doch durch zahblreihe Hinweise und Nathschläge für die verschiedensten

ebenélagen im steten Hinblick auf das Endziel, den Eintritt in das

Heer oder die Marine. In diesem Theil hat der Verfasser seine langjährigen Erfahrungen als Kadetten-Offizier niedergelegt. Das Buch soll den Kadetten ein Freund und Begleiter, ein Warner und Beratber sein. Auch ihren Angehörigen dürfte das Jahrbuch si als ein willkommenes Nachschlagewerk erroeisen.

Der Krieg in Süd-Afrika. Gemeinverständlich dar- gestellt von Faller, Major à la suite des Füsilier-Regiments Fürft Karl Anton von Hohenzollern (Hohenzollernshes Nr. 40), Plaßmajor in Koblenz - Ehrenbreitstein. Hannover, Verlag von Gebrüder Fänecke. Pr. 1 A Diese kleine Sthrift, welhe die Ereignisse des \üd- afrikanishen Krieges bis Mitte Februar darstellt und mit einer Ueber- sihtskarte des Kriegsshauplatzes, Kartenskizzen der Gefechte und einer Abbildung des Heliographen versehen ift, wird Jedem der dieselben genauer verfolgen will, willkommen sein. Der Verfasser ist bemüht gewesen, die Erklärung für den eigenthümlihen, wechselvollen Verlauf des Krieges in den besonderen Verhältnissen der beiden kriegführenden Parteien zu-- finden. Besonders dankenswerth sind die beigegebenen Uebersihten über die Stärkeverhältnifse, die Stärken in den Haupt- gefehten, die Verlufte und die Bewaffnung fowte eine Zeitfolge der Ereignisse bis zu dem genannten Zeitpunkt. Nah Beendigung des Krieges soll eine abschließende Folge die legten Ereignifse behandeln.

Das Geheimniß des Bürgerlichen Geseßbuchs, in Reime gebracht. Zu fröhlihem Genuß in Tagedportionen für ein * Kalenderjahr von Landrichter Versemann. Berlin, Karl Heymann's Verlag. Preis geh. 1,60 A Der Berfafser hat sich die Aufgabe gestellt, einen größeren Theil des Bürgerlihen Gesetz- buchs 'zur leichteren Erlernung in Reime zu bringen. Auf der einen Seite galt es, den Inhalt - des Geseßbuhs möglichst getreu wieder- zugeben, auf der anderen Seite, glatte Verse zu liefern. Beides mit einander zu vereinigen, ist nicht leiht; öfters müssen der einen Absicht auf Kosten der anderen Opfer gebraht werden; auch läßt es fih niht vermeiden, mitunter Ausdrücke des Gesetzes, die sich shwer in den Vers einfügen, aufzunehmen. Dem Verfafser gebührt die Anerkennung, daß er im Ganzen lesbare und lernbare Reime geliefert hat, die stch dem Gedälhtnisse leiht einprägen und geeignet sind, die Kenntniß des Gesetzbuchs zu befestigen. :

Wie \chon der Titel „Menschenleid“ andeutet, berichtet der Verfasser Paul Quensel in seinen so benannten „Skizzen und Dichtungen“ (Verlag von Greiner u. Pfeiffer in Stuttgart) fast nur von traurigen Vorgängen aus unserem unvollkommenen Erdendasein, von bitteren Betrachtungen und Gefühlen, dfe durh die Beobachtung von Elend und Noth, von Neid und Mißgunsft unter den Menschen in ihm wachgerufen worden sind. Unbestreit- bar spriht aus den verschiedenen Skizzen eine gute dichterishe Be- gabung; der Verfasser verfügt über eine eigenartige Gewandtheit, mit wenig Worten in künftlerisher Form kurze Episoden des Menschen- lebens wiederzugeben, die den Leser durh ihren Inhalt zum Nach- denken anregen. Beinahe immer sind es die Stiefkinder des Schicksals, von denen Paul Quensel erzählt: die Armen, deren Leben nur aus Mühe und Arbeit besteht, welhe um des Lebens Nothdurft, ohne Frohsinn verrihtet wird, und die Verlassenen, welhe die Sehnsucht nach höheren Zielen in ihrer Brust verschließen müssen, wie z. B. in der ersten Skizze „Der Künstler“. Das Bestreben, nur Skizzen zu Men, läßt freilih stellenweise die logische Folgerichtigkeit von Ursache und Wirkung vermissen und die Darstellung bisweilen allzusehr in Gefühlsmalerei ausarten. Anders ist es mit der Wiedergabe von wirk- lien Stimmungsbildern: die Skizze ,Dämmerung* sowie die Bilder „Todtentanz* und „Zwei Mütter“ sind troy der Knappheit der Form charafteristisch und Augen end. Zwischen diesen Skizzen ver- ftreut sind einige Gedichte epishen und lyrishen Inhalts, welche zwar manche eigenen Gedanken enthalten, aber doch andererseits auch A an {on Bekanntes erinnern.

Nach Ober-Ammergau. Wanderung zum Passionsspiel von Alban von Hahn. Zweite Auflage. Vit 10 Abbildungen. Leipzig, Otto Spamer. Preis eleg. geh. 1 6 Obwohl kein Reisehandbuh im eigentlihen Sinne des Wortes, ift diese hübsch ausgestattete kleine Schrift doch zur Mitnahme für Besucher der im nächsten Sommer in D Bas stattfindenden Passions-Auf- führungen fehr gecianet; denn es behandelt niht nur diese selbst in mehreren auéführlihen Kapiteln, sondern es unterrichtet auch über die ganze Gegend zwishen München und den bayerischen Alpen, die man zu durhwandern hat, um nah jenem berühmten Dorfe zu gelangen. Außer dem Starnberger See, dem Ammersee, Kloster Andech3, Kloster Ettal 2c. werdea auch die Prachtbauten König Ludwig?s IL., Linderhof und Neu-Schwanstein, geschildert, die

D O Sr: Jene A

Ri u-n 1 Prenz pr deliz eg ei Gitter «-v-( Fagir en.

B U S S L Ms us Gn fat i i K E E P

A tre tere gun mda

s (ees R or R n gg) Dle n —— C S E E E E