1876 / 36 p. 4 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Die Ausweise des britis<en Handelsamtes für Januar ergeben eine mäßige Abnohme in dem Werth der Ein- und Auëfuhr im Vergleih mit Januar 1875. Der deklarirte Gesammt- werth des Exports betrug 16,654512 £ gegen 16,986,760 L, d. i. eine Abnahme von 2°, während \<G im Vergleich mit dem entsprehenden Monat des Jahres 1874 die Verminderung auf 143% stellt. Die meisten . der bauvtsächlichsten - Aus- fubrartifel BHefunden quantitativ eine Besserung, aber in Felae der verringerten Werthe qualitativ eine Abnahme. Eisen und Stahl find etwa 134% in der Quantität und 2120/5 im Werth gefallen. Die Kohlenausfuhr ist um 45/9 und der Export von Baumwollftoffen um nahezu 8°, quantitativ gestiegen. Der de- flaririe Gefammtwerth des JImports im Januar belief si< auf 30,673,747 £ gegen 32,375,675 £, d. i. eine Abnahme von 20%.

Die Weizeneinfuhr umfaßte 4,520,727 Ctr. im Werthe ‘von 2,389,809 £ gegen 2,627,060 Ctr. im Werthe von 1,355,868 £ im Januar 1875. Der Baumwollimnport ist von 1,917,140 Ctr. im Januar 1875 auf 1,782,069 Ctr., und qualitativ um nahezu 15% gefallen. Thee zeigt eine Verminderung von 164 Millionen Pfunden, aber Oelsaaten, Reis, Petroleum und Guano haben einen mäßigen Zuwachs aufzu- weisen.

Aus N ikolajew (Rußland) wird dem „Golos* gemeldet, daß in der Nacht zum 21. Januar die dortige Kommunalbank um 900,000 Rubel bestohlen worden ift.

Ver®kéehrs-Anstalten-

Die Direktion des Norddeutschen Lloyd beabsichtigt, nah Mittheilung der „B. B.-Ztg.“, mit dem 1. März eine neue

Dampferlinie zwishen Bremen, Brasilien und den La Plata-Staa- ten ins Leben zu rufen. Zu dieser Fahrt sind die für die Tropen- fahrt besonders ausgestatteten Dampfer eHohenzollern“, „Salier“ und „Habsburg“ auserlesen, von denen erstere beide bislang in der New-Yorker Fahrt Beschäftigung fanden. Auf der Hinreise sollen die Dampfer, die am 1. jeden Monats abgehen werden, Lissabon, event. auch no< andere Häfen aulaufen.

Plymouth, 9. Februar. (W. T. B.) Der fällige Kap- dampfer „Lapland* ift eingetroffen.

Ein Telegramm aus Sydney vom 5. d. meldet, daß die Schiffe „Jnvestigator“ und „Edinburgh * die Legung des unter- secishen Kabels zwischen Australien und Neuseeland be gonnen haben.

Berlin, den 10. Februar 1876. Königlich Preußische Lotterie. (Ohne Gewäbr.) E Bei der heute beendigten Ziehung der zweiten Klasse 153. Preußischer Klassenlotterie fielen :

1 Gewinn à 6,000 A auf Nr. 77,904. 2 Gewinne à 00. , 2 57,809. 73,290 Die Ziehung der dritten Klasse bezinnt am 14. März c.

Die Ausgrabungen von Olympia. S 1. Bericht. (Vergl. Nr. 26 d. Bl.)

Die lezten Berichte der Herren Dr. Hirs<hfeld und Bötticher reihen bis zum 27. Januar. An der Oftfronte hat man die zweite Tempelstufe frei zu legen begonnen. Von Westen her wird der Graben in der Richtung auf den Tempel mehr und mehr vertieft, um au hier den ursprüng!lihen Boden zu erreichen. Die Jundstü>ke, welche in der legten Woche zu Tage kamen, sind dreierlei Art: inshriftlihe Denkmäler, kleine im Boden zer- streute Alterthümer, Bildwerke und Statuenpostamente.

Unter de!: Denkmälern erster Gattung if eine fast unver- schrte Bronzetafel, 0,55 hoch, 0,24 breit, am 21. Januar \üdli< von der Südwest - Eke des Tempels gefunden. Sie ist mit einem Giebelfeld gekrönt und von zwei korinthischen Pisastern eingefaßt. Innerhalb derselben befindet si< eine Inshrift von 40 Zeilen, an denen kein Buchstabe féhlt; unten an der Tafel sind drei Zapfen, mit denen sie in cinen Steinso>el eingelassen war. Die Inschrift is in elishem Dialekt abgefaßt und enthält eine von den Hellanodiken ausge- fertigte Urkunde, in welher dem Damokrates aus Tenedos, einem berühmten Ringer und Olympioniken, den wir aus Pausanias und Aeclian \<hon kennen, das Gastreht und die Ehren eines Wohlthäters von Elis zu- erkannt werden. Die Wappen von Tenedos, Traube und Dop- pelte Axt, find im Giebelfelde angebracht.

Eine zweite merkwürdige Inschrift fand f{< am 26., 10 Meter öftlih von der Südost-E>e des Tempels, auf einem Marworblo>, der in eine \pâtere Mauer eingefügt ist. Auf der fihtbaren Kante liest man in alterthümlicher Schrift den Namen eines argivishen Künstlers, welcher, da nur der erste Buchstabe fehlt, kein anderer sein kann als der Name des Ageladas, des Meisters, bei dem Pheidias, Polyclet und Myron gelernt haben.

Eine dritte Juschrift steht auf einer 0,30 langen ebernen Lanzenspize. Es war ‘eine Votivlanze und der Inschrift nah von den Einwohnern von Methana aus cinem Kampfe mit den Lakedämoniern geweiht.

Dieses Stü>k gehört \{<hon zu den im Boden zerstreuten kleinen Alterthümern, welche bei dem Aufräumen vor der West- seite gefunden worden sind, namentli<h Waffen (Lanzen und Schienen), Nägel, vergoldete Bronzestü>ke, Bruchstü>ke von Erzgefäßen, feine verzierte Bänder aus Bronze, mannigfaltige kleine Thierfiguren und endlih eherne Gewichtstü>ke, von denen nun son das zwölfte zum Vorschein gekommen is, und zwar ein Stü>k von 220 Gramm, welches dur einen durchgeschlagenen Nagel als ungültig bezeihnet worden ift.

Endlih noh einige Worte über die Skulpturen, die in der leßten Woche gefunden find. G

Vor der Westfronte sind bis jegt nur kleine Skulpturfrag- mente zu Tage gekommen; zu den Besterhaltenen find einige marmorne Löwenköpfe zu re<nen, wel<he der Traufrinne des Tempels angehören. Von Bronzestatuen fanden si nur einzelne Glieder.

An der Oftseite gefunden \ind die drei Skulpturen, deren im vorigen Bericht Erwähnung geshah; von ihnen ift die eine eine stehende ältliche männlihe Figur , die andere eine gelagerte, deren Knie mit Gewand bede>t war. Es ist deutli, daß diese Marmorwerke zu einer Gruppe verbunden, hoh aufgestellt und von der Rü>seite nicht sihtbar waren.

Sie sind bei der Nike gefunden, an derselben Stelle, wo jeßt in geringer Entfernung von einander im Ganzen \{<on sechs Statuenreste gefunden worden find.

Unmittelbar südlih ist das BruGhstü>k eines Kolosses zu Tage gekommen, welches von der Mitte des Oberschenkels bis unter die Wade 0,62 mißt.

Vor der zweiten Säule der Ostseite (von N. gerechnet) zeigen sih ztoei größere Postamente, das eine aus Kalks\tein mit feiner Profilirung, das andere aus Ba>stein, deren Verklei- dung fehlt.

Am 25. fand man auf der Höhe der zweiten Tempelstufe an der Südost-E>e ein kleines, aber lehrreiches Fragment der Metopentafel, welhe Herakles darstellt, der den erymanthishen Eber lebend heim bringt und damit den Eurystheus erschre>t. Es ift dieselbe Metope, die Pausanias an erster Stelle erwähnt ; er hat also von der Südseite angefangen.

Der Stadtverordnetenversammlung ist jeßt die Vorlage des Mas- gistrats über den von demselben beschlossenen Ankauf eines der Stadt von der Aktiengefells<aft „Berliner Neustadt" offerirten 364,330 Q-Meter großen Terrains auf der Lichtenberger Feldmark zum Zwecke der Anlegung eines städtischen Schlachthaujes nebft Viehhof, zugegangen. Was den geforderten Preis anbetrifft, so hat die mehrgedahte Gesellschaft si<h zu einer s{<ließlihen Forderung von 144 Thlr. pro Quadrat-Ruthe = 3 4 07 & F pro Quadrat- Meter verstanden, so daß die gesammte Grundfläche im Ganzen eine Aufwendung von 372,432} Thlrn. = 1,117,297,500 M. erfordern würde, wovon indeß, da im Ganzen auf dem zu erwerbenden Komplex 205,480 Thlr. = 616,440 X no< mehrere Jahre unkündbar Hypo- thekaris< eingetragen stechen, baar vocläufig nur 167,000 Thaler = 501,000 6 in runder Summe zu zahlen fein wür- den. Mit Rü>siht darauf, daß das oferirte Terrain außer- halb des städtischen Weichbildes belegen ift, hat der Magi- strat auf einen Ankauf des gedachten Komplexes nur dann ein- gehen zu dürfen geglaubt, falls dessen Inkommunalifirung in das städtische Weichbild fi ermöglichen läßt. Diese Bedingung müsse er hon um deswillen ftellen, weil ohne Einführung des Schlacht- zwanges in den städtischen Schlachthäusern das e neue Unter- nehmen als ein verfehltes zu betrachten sein würde. er Magistrat hat fi ferner ausbedungen, die Kassirung der das Terrain dur- shneidenden, im Bebauungsplan ausgelegten Straßen an maßgebender

*

; Stelle bewilligt wird. Es ist ihm hiernah der Rü>tritt von dem

Kanfvertrage, für den Fall der Acceptation der oben angegebenen Of- ferte, Seitens der Aktiengesellshaft „Berliner Neustadt“ innerhalb einer no< näher zu vereinbarenden Frist von etwa drei Monaten für den Fall vorbehalten: a, daß fi< herausftellen sollte, daß die Kassi- rung der das Terrain dur&\<neidenden projektirten Straßen an maß- gebender Stelle nicht zu erlangen, b, au die Inkommunalisirung des angebotenen Grundstü>s nit zu ermöglichen ist. Die für den fäuflihen Erwerb des oferirten Terrains erforderlichen baaren Geld- mittel würde der Magiftrat zunöchst vorshußweise aus den bereiten Beständen der Stadthauptkasse entnehmen. Die Erstattung dieses Vorschusses und die sonst für die neue Schlachthaus- und Viehhofs- anlage erforderlihen Geldmittel würden dagegen aus dem Erlöse einer demnächst neu zu emittirenden Anleibe worüber besondere Vorlage vorbehalten bleiben niuuß zu entnehmen sein. Der Magistrat bean- tragt dana bei der Stadtverordnetenversammlung, zu beschließen : Unter dem Vorbehalte, wie sol<her unter a. und b. \pezifizirt ift, stimmt die Stadtverordnetenversammlung dem Ankauf des von der Aktiengesellschaft „Berliner Neustadt“ zum Preise von 147 Thlr. pro Quadratruthe (3 Æ 7 & pro Quadratm-ter) angebotenen Terrain- komplexes zu. H L :

Bei der am 8. vollzogenen Ersaßwahl für die Stadt- verordneten-Versammlung im 18. Kommunal - Wahlbezirk (24., 39, uvd 81. Stadtbezirk) ift gestern der Ingenieur Richter, Gitschiner Straße 19, mit 100 Stimmen zum Stadtverordneten ge- wählt worden. 10 Stimmen fielen auf den Graveur Krohn. Wahl- bere<tigt waren 1349 Einwohner, davon haben nur 110 = 84% an der Wabl fich betheiligt.

Ueber den Wetteraberglauben spra<h am Mittwoch Prof. Dr. B. Schwalbe zum Besten des Seierabendhauses für Lehrerinnen und Erzieherinnen. Zwei psycologishe Er- scheinungen sind es vornehmlih, die das stete Auftreten des Wetteraberglaubens in unserem Volksleben erklärli< erscheinen lassen, die eine ist die Ideenassoziation, die andere der Schluß der Analogie; gegen beide ist, sobald sie si einmal festgeseßt haben, wenig anzukämpfen. Die speziellen Fälle, in denen der Wetteraberglaube seinen Ausdru> findet, zählen nah Tau- senden. Zurächst sind es bestimmte Tage und Jahreszeiten, denen ein Einfluß auf das Wetter zugeschrieben wird; unter den Tagen spielt namentlich der Freitag eine bedeutende Rolle. Schneit cs zur Lichtmesse, so bedeutet das in der Oberpfalz gutes, in Oldenburg dagegen s{le<tes Wetter. Unter den Thieren find es die Spinnen, daun au<h die Fröshe und die Pfauen, deren Verhalten iu Beziehung zu dem Wetter steht; au< hier geschieht es, daß eine und dieselbe Erscheinung in der einen Gegend gut, in der andern s<le<t gedeutet wird. Man geht hierbei von der Ansicht aus, daß die Thiere empfindlißer den Einflüssen der Witterung gegenüber, namentli< in Bezug auf die Luftfeuchtigkeit seien, bedenkt jedoch dabei nit, daß leßtere wenig oder keinen Einfluß auf die Witte- rung im Allgemeinen ausübt. Ein drittes Gebiet endli< ift das der Aftrologie, durh die man gleichfalls einen Einbli> in die Witterungsverhältnisse der Zukunft nehmen zu können glaubt. Hier is es vor Allem der Mond, dem man einen beden- tenden Einfluß zuschreibt; es kann uns dies an und für fich nicht Wunder nehmen, da gerade der Mond, der uns am Meisten in die Augen fallende Himmelskörper ist. Denno< hat die Wissenschaft klar bewicsen, daß sowohl die Wärme, wie die Anziehungskraft des Mondes, beides Erscheinungen, auf denen si dieser Glaube vor- nehmli4Þ begründete, derartig gering sind, daß ihnen unmögli< ein Einfluß auf die Witterung der Erde zugesprochen werden kann. Wenn ¡an endli<h meinte, dur< sogenannte Heilmittel, wie Aufbängen einer Schlange u. dal., das Wetter nach Gutdünken bestimmen zu fönnen, wenn man ferner glaubte, daß das Pfeifen der Seeleute Wind, der Donner der Kanonen Regen erzeuge, fo sind dies Erscheinuugen, die eines Gegen- beweises nit bedürfen. Auch die s\ogenaunten Witterungsêregeln des gewöhvlihen Lebens zeigen sih schon deêwegen als trüglich, weil fie Säße aufstellen, die allgemeine Geltung haben sollen, das Wetter aber, je nach den verschiedenen Gegenden, sehr verschieden jein kann. Viel würde in dieser Hinsicht gethan werden können, wenn man die Kalender, die der Vortragende geradezu die Träger des Aberglaubens neunt, in vernünftiger Weise abänderte; aber auch die von der deutschen Seewarte veröffentlichten Wetiterberichte sind ungemein geeignet, Klar- heit auf diesem Gebiete zu schaffen.

Eine Sammlung von Cremoneser Geigen, Eigenthum eines verstorbenen Hrn. Thornley aus Preston, kam vor Kurzem in London zum Verkauf. Die 26 Instrumente der Sammlung brachten einen Gefammterlös von 1197 Pfd. Sterl. ein. Am theuersten wurden zwei Geigen des berühmten Meisters Nikolaus Amati bezahlt, eine mit 110, die andere mit 115 Guineen. Ein Straduarius brachte 112 Guineen ein, für die übrigen Instrumente wurden Preise von 20 bis 72 Guineen erzielt,

Die Zahl der Londoner Clubs is, der „A. A. C“ zufolge, dur< einen Damen-Club „The Victoria (Ladies) Club“, 25 Regent- street, bereichert worden,

Aus New-York, 9, Februar, meldet „W. T. B.": Durch ein gestern Abend hier ausgcbrochenes Feucr sind 2 Hotels, mehrere Magazine und eine größere Anzahl- von Wohnhäusern zerstört wor- den. Bei den Löscharbeiten haben 3 Mann von der Feuerwehr das Leben eingebüßt, 5 andcre wurden beschädigt; der verursachte Schaden wird auf 3 Millionen Dollars angeschlagen.

Theater.

Rossini's Meisterwerk, die Oper „Tell“, kam am Dienstag im Königlichen Opernhause wit Hcn. Wolff, vom Stadttheater ¿zu Cöln, als Gast, der die Lieblingspartie aller lyrischen Tenöre, den Arnold, zu scinem ersten Auftreten gewählt hatte, wieder zur Auf- führung. Hr. Wolff ist dem hiesigen Publikum nicht unbekannt ; vor zwei Jahren war cr Mitglied der Krollshen Oper, und man darf erfreut sein über die bedeutenden Fortschritte, die er gemacht hat. Sein Organ vor Allem ist das eines echten lyrishen Tenorè?, von {önem Klang, genügender Höhe und hinreichender Stärke, um das große Haus zu füllen. Namentlich ist die Höhe bedeutend entwi>elt und toh ist zugleih die Mittellage kflangvoll; weitere Vorzüge dez Sängers sind feine reine Intonation, sein fester Ton, seine klare, vollkommen verständlihe Aussprache und der Umstand, daß sein Vortrag von dem immer weiter um si greifenden Fehler des Tremolirens sich freihält. Dagegen zeigten fich no< einzelne Mängel, welche der Gast aber beseitigen dürfte, wenn er nah dieser Seite hia eifrig studirt: Die Vokale, namentli<h das E und J, werden nicht genügend klar gesprochen; die Aussprahe des R ist _etwas mangelhaft, und vcr Allem ervôlt der Ton in der Höhe oft eine unangenehme wie gequetsbt klingerde Breite. Soweit das Urtheil über den Sänger. Der dramatis<he Künstler bedarf no< einer viel freieren Entwi>elung, wern nicht etwa das nächste Auftreten des Gastes Zeugniß davon giebt, daß die Schuld auf die Befangenheit

Die Aufaahme von Seiten der Anwesenden war eine sehr freund- liche; glei<h nah der ersten Scene fand die Schönheit seiner Stimme lauten Beifall, der si< im zweiten Duett steigerte und ihm mehrfach die Ehre des Hervorrufs einbrahte, wel<e übrigens auch dem Frl. Lieb mann (Mathilde) und den HH.S< midt (Tell) und Fri > e (Walter Fürst) zu Theil wurde. Mit großem Applaus wurde auch die trefflihe Ausführung der Ouvertüre dem untec Leitung des Hrn. E>ert stehenden Orchester gelohnt. i E

Wegen Unwoklsein des Frl. Hauk kann die angekündigte Vor- stellung „Die Regimentötochter“ nicht stattfinden und bleibt deshalb das Königliche Opernhaus heut geschlossen.

Das Schauspiel „Carolina Brochi'" von Hermann Kette, wurde bei der gestrigen erften Aufführung im Königlichen Schau- \pielhause sehr günstig aufgenommen. Dasselbe spielt am Hofe des Herzogs Francesco von Medici und der {nen Bianca Capello in Florenz und schildert die Schi>sale der Tochter des Schuhmachers Bertuccio, Enrichctta, die als Findling unter dem Namen Carolina von dem reihen Kaufmann Brocchi an Stelle feines eigenen verunglückten Kindes erzogen wird. Als das junge Mädchen von ihrer sterbenden Amme erfahren, daß sie nicht die Tochter Brocchi's sei, entflieht sie vor seinen Mißhandlungen zu ihrem Mufiklehrer, dem Geigenspieler Lorenzo, und ents<hließt fih, um für den stolzen Künstlcr und si das täglihe Brod zu verdienen, dazu, in Männer- traht beim Tanze aufzuspielen. Bei dieser Gelegenheit erkennt fie der Herzog, dem Brcchi seinen Verlust geklagt hat, und das Bild des \{<önen Mädchens erfüllt so ganz sein Herz, daß er Alles in Bewegung seßt, fie an seinen Hof zu bringen. Dies gelingt ihm, und damit wird sie der M'ttelpunkt einer inter- efsanten Jntrigue zwischen der eifersüchtigen Bianca einer- und dem verliebten Herzog andererseits, welhe dur< die Erstere mit Hülfe Lorenzo’s im entscheidenden Augenbli>e glü>lich gelöst wird. Bianca läßt den jugendlihen Musiklehrer, der Carolina vor dem Vater bes<üßt und si< damit ihre Liebe erworben hatte, in den Palast rufen und macht ihn zum Zeugen der seinem Schüßling drohenden Gefahr. Aus seinem Verste> hervorspringend, tritt er zwischen Carolina und den Herzog, der darauf gelegentlih der Aner- fennung seiner Gemahlin als Tochter Venedigs und der Krönung der- selben zur Herzogin sih mit dieser versöhnt, dem Schuldigen verzeiht und nachdem no< Carolina’'s wahre Herkunft festgestellt fie sowohl wie Lorenzo in Gnaden nach Rom verbannt, wo der Leßtere die Stelle cines Kapellmeisters hei dem Kardinal und Brud?2r Franceèco's erhält. Das 5 Akte umfassende Schau- spiel ist mit unzweifelhaftem Geschi> bearbeitet und zeugt von tüchtigen Streben und entspre<hendem Fleiß in der Ausführung. Es hält in glü>liher Mischung zwischen dem modernen Realismus der Handlung und dem fklassishen Idealismus der Form die Mitte. Der in glattfließenden Jamben geschriebene Dialog ist reich an gcehalt- vollen, gedankenreihen und poetis<hen Bildern, und obgleich eigentli<h keine Scene etwas durchaus Neues bietet, sind dieselben do fesselnd, weil die Situationen wahr und die Charaktere folgere<ht entwi>elt find. Die Titelrolle war in den Händen des Frl. Mcyer, die Bianca gab Fr. Erhartt, den Herzog Hr. Berndal, welche für ihre Leistungen wiederholt dur< Beifall ausgezeichnet wurden. Das Schauspiel ift von Hrn. Direktor Hein in Scene geseßt, die prächtigen Kostüme von historisher Treue und namentli der leßte Aft Empfang der venetianishen Nobili und Krönung der Herzogin wirkiam arrangirt. Der Dichter wurde nah dem zweiten Akt und am Schluß gerufen und erschien vor der Gardine.

Im Nationaltheater veranstaltetea am 8. d. M. Studirende der hiesigen Universität eine Vorftellung zum Besten und zu Ehren des plattdeutshen Dichters Dr. W ilhelm Schröder und hatten hierzu dessen Schauspiel „Studenten und Lüßower“ gewählt, Sämmtliche Rollen waren durch Studirende beseßt, die Damenpartien befanden \si< in Händen der Königlichen Hofschauspielerin Frl. Klara Meyer und des Frl. Johanna Schröder. Den Prolog spra< Hr. Studiosus Elkan, Das Stü> selbs führt die ernste und heitere Seite des Jenenser Studentenlebens im Jahre 1813 vor und hat mehrere recht wirksame Scenen. Dasselbe war von Hrû. Direktor Buchholz gefällig in Scene geseßt. Frl. Meyer spielte die hervorragendste Frauenrolle des Stücks munter und lieben8würdig. Den Conrad Holbach, Senior der Jenenser Thuringia, gab Hr. stud, phil. Boe>, Hr. stud. phil. Dürnhofer den Theodor Körner; Hr. stud. phil. Helmuthhäuser die komische Rolle des Schneider- meisters. Der Zweikampf zwischen Theodor Körner und dem französi- schen Gensd'armerie-Offizier in der Corps-Kneipe war treffli< arran- girt. Den Schluß des Ubends bildete das Charakterbild „D oktor Nobin“, welhes Hr. Th. Döring in Scene gescßt hatte. Hr. Studiosus Nathanson spielte den Garri>, Frl. W. Herrmann, die erste Liebhaberin des Nationaltheaters, die Mary Ja>son. Das Haus, welches mit seinem Beifall für die Darsteller nicht kargte, war fast auéverkauft; au< der materielle Zwe> der ganzen Vor- stellung dürfte mithin erreicht sein,

Die Leiche des verstorbenen Geh. Kommissionsraths Wallner wird am Sonnabend oder Sonntag aus Nizza hier eintreffen und die Beerdigung dann am Montag oder Dienstag künftiger Woche stattfinden.

Hermann Lingg hat sein neuestes dramatisches Werk, das Trauerspiel „Die sizilianishe Vesper“, der Königlichen Hof- Intendantur zu nchen zur Aufführung eingereicht.

Richard Wagners „Rienz i* ist vor Kurzem in Madrid zur ersten Aufführung gelangt. EGinstimmig ift die Kritik in der Aner- kennung der reihen JInstrumentation. Das Publikum nahm die Oper am Sonnabend mit überwiegendem Beifall auf.

In Cincinnati ereignete fih, wie New-Yorker Blätter melden, am 5. d. M. ein beklagenswerthes Unglü>k. Während im dortigen Theater 600 Schulkinder im Begriffe waren, vor einer ungeheueren Zuschauershaft die Darstellung einer Allegorie der Republik zu beginnen, entstand ein falscher Feuerlärm. Dadur< wurde ein all- gemeines Gedränge nah den Ausgängen verursacht, wobei elf Perso- nen zu Tode getreten und sehr viele Andere verleßt wurden.

Hr. Direktor Renz, welcher behufs Ankaufs von jungen Hengsten nah der Provinz Ostpreußen gereist war, ift bereits wieder von dort zurücgekehrt und hat vier Exemplare derselben acquirirt und zwar aus dem Gestüte des “Hrn. Gutsbesizers Heht in Amalienhof bei Trakehnen zwei \{<warze Hengste, 4- und 5 jährig, Abstammung aus dem berühmten Türkmanatti- und Zarifblut, gekreuzt mit Blo> und Igel; dann einen braunen 5-jährigen Hengst Haffan, Araber, beide von Hrn. Gutsbesißer Bark in Cäéëkeim bei Rastenburg ; einen 4-jährigen braunen Hengst vom Trakehner Hengst Duduk aus einer Zarifstute. Sämmtliche Pferde gehören nah Biut uud ausge- zeichneter Bauart zu den besten des Landes.

Redacteur: F. Prehm. _ Verlag der Expedition (Kessel). Dru> W. Elsner+

Vier Beilagen

Berlin:

des - ersten Erscheinens vor einem neuen Publikum fällt.

(eins{ließli< Börsen-Beilage).

Erste Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger.

A2 36.

Neichstags - Angelegenheiten.

Berlin, 10. Februar. In der gestrigen Sizung des Deutschen Reichstags stellte der Präsident Dr. Simson den in der zweiten Lesung abgelchnien d. 130 der Strafgesegnovelle („Wer in einer den öffentlichen Frieden, gefährdenden Weise ver- schiedene Klassen der Bevölkerung gegen einander öffentli auf- reizt, oder wer in gleicher Weise die Institute der Ehe, der Fa- milie oder des Eigenthums öffentlih dur< Rede oder Schrift angreift, wird mit Gefängniß bestraft“) wieder zur Diskussion. Der Abg. Dr. Lasker bemerkte jedo, daß es der Praxis des Hauses widerspre<e, Paragraphen, wel<he in der zweiten Lesung ab- gelehnt worden, bei der dritten Berathung wieder zur Debatte zu stellen, wenn dieselben niht dur< den Antrag eines Mit- gliedes des Hauses aufgenommen würden. Die Abgg. Miquel und Windthorst {lossen \ih dieser Auffaffung an.

Hierauf erklärte der Rcichskanzler Fürst von Bismar&>:

Ich glaube, zu den zusammenzustellenden Beschlüssen werden do< auch die ablehnenden gehören ; dena sie sind au< Beschlüsse und zwar sehr cinshncidende. Jedenfalls ift die Praxis, die jeßt von dem Hrn. Abg. Lasker geltend gemacht wird, für die Mitglieder der Regierungêbaxnk eine neue und unerwartete. Es geht daraus hervor, wenn die verbündeten Regierungen hinter einem Paragraphen stehen, so ist er mit zwei Lesungen definitiv abgelehnt, wenn aber ein einzelner Abgeordneter ihn wieder aufnimmt, so widerfährt ihm die Ehre einer dritten Lesung. Wenn wir das vorher wifsen und wenn das cinmal feftsteht, so wird die Möglichkeit sein, daß die verbün- deten N-gierungen unter Umständen wenigstens Einen Abgeordneten finden werden, der den Paragraph-n wiederaufnimmt. Es handelt sich ledigli% um die Form, und ob man darauf vorbereitet ist oder nicht. Jch bin meinerseits nicht darauf vorbereitet gewefen, daß nur die Vorlagen der verbündeten Regierungen in zwei Lesungen abgelehnt und in driitcr Lesung nicht mehr aufgenommen werden.

Der Abg. Frhr. v. Rabenau beantragte nunmehr den S. 130 wiederherzustellen und der Präsident eröffnete die Dis- kussion, in welher zunächst der Reichskanzler Fürst v. Bis- mar> das Wort nahm:

Ic habe nicht die Absicht, meine Herren, in der dritten Be-

rathung den Verju<h zu machen, auf Ihre beid:n früheren Abstim-"

mungen eine Einwirkung zu üben. Aber da ih den beiden ersten Berathungen Krankheits halber nicht beiwohnen konnte, so daß ih au< jeßt no< Ihre Nachsicht wegen zurü>bleibender Mattigkeit in Anspru) zu nehmen habe, \o entnebme ih aus der ziemlich ein- stimmigen Verwerfung dieser und anderer Paragraphen eine gewisse Verpflichtung der verbündeten Regierungen und meiner, namentlich gegenüber cinem so einstimmigen Verwerfen, die Motive einigermaßen zu re<tfertigen , die die verbündeten Regierungen überhaupt dahin gebracht haben, derartige Anträge zu stellen , ohne daß fie in dieser Sitzung auf eine Annahme si<h wesentli< Heffnunugen machten.

Ich biu dabei nicht der Ansicht, wie ein verehrtes Mitglied der Fortschrittêpartei, das bei Gelegevheit der ersten Berathung ausge- {prochen hat, daß verantwortliche Minister überhaupt Anträge nicht einbringen dürften, deren Annahme fie nicht rorausfäßen. Einmal ist das unmöglich, und fchlt uns die Prophetengabe; dann aber ist, wie ich glaube, mit Proklamirung eines folhen Prinzips der monarhis<he Boden verlassen und der der republikanischen Selbst- regierung der geseßgebenden Versammlung betreten.

Ich würde dann, wenn ih diesen Saß annehmen müßte, nicht mehr Mivister des Kaisers scin, sondern Minister der Versammlung.

Es ist das eben ein wesentlich:s Unterscheidungsmerkmal der republifanischen und menarciscen Verfassung, in der wir im Reiche leven. Ich vindizire uns das Reckt, auch solche Anträge einzubri- gen, von denen wir mit ziemliher Wahrscheinlichkeit voraussehen, daß sie verworsen werden, um cine Diskussion darüber anzuregen in diesen Räumen und im Lande, eine Diékuision, die, wie i<h s><on früber bemerfte, fi< jahrelang hinziehen kann, und um unter Umständen von einem Reichstag zum anderen zu appelliren, bis etwa die Ueber- zeugung in der Regierung si ändert.

Ich fühle mi danach verpflichtet, Ihnen darzulegen, wie die Schäden, denen wir abhelfen wollten, sih aus der ministeriellen Per- {peftive darstellen, und warum wir Abhülfe erstreben. Vielleicht fin- den wir dabei au< Mittel, die zur Abhülfe dieser Schäden außer- halb dieses Saales dienen können, und die anzuwenden jeder von uns tes der Lage ift, ohne daß es dazu eincs Aktes der Gesetzgebung edarf.

Es handelt si{< um verschiedene Mißbräuche und verschiedene Vergehen, die dur die Presse begangen werden können. Jm- wesent- lichen fommt es mir augenbli>li<h darauf an, die Schäden näher zu be:ühren, die dur< Verbreitung erdichteter und entstellter Thatsachen unserem Gemeinwesen zugefügt werden. Ich erwähne in erster Linie dabei die auswärtigen Verhältnisse, die Entftellung der Sachlage in Bezug auf Krieg und Frieden. Lassen Sie mich mit kurzen Worten die Kriegslügen nennen, die seit zwölf Jahren, ja seit länger, die ängstlichen Gemüther verwirrt und nit unwesentlih dazu beizetragen haben, daß die Geschäfte so darniederliegen, wie es der Fall is, iht weil dur<h solche Zeitungsaztikel Krieg wirklih herbeigeführt wird, sondern weil die Leichtgläubigkeit der Leser und die Furcht derer, die verlieren kênnten, so groß ist, daß fie daran glauken, und Daß diese permaneute Kriegslüge auf das Geschäftsleben wesentlichen Eindru> macht.

Wie alt diese Lüge ist, ift mir zufällig an einem Blatte aufge- fallen, es ist das ein belgisches Blatt, das im Jahre 1863 erx- schienen ist. Da wird gesagt:

On se dit à l’oreille à Berlin, que l’hiver de 1863 rverra éclore unve nouvelle quadruple-alliance. La Prusse, la France, l’Italie et la Suède en seraient les membzes, On obtiendrait l’adhésion du Danemarc en lui abondonnant définitivement le Sleswig et le Holstein, La Suède receyrait la Finlande; la Pologne rentrerait dans les limites de 1770, eine Jahreszahl, die geshi<htli< uvogenau ift —;

IItalie aurait Venise; la France Mayence, Cologne, et peut-être Bruxelles, Enfin, la Prusse absorberait toute l’Allemagne, voir même la Hollande.

Da finden wir also den ersten Ursprung all dieser Heßtereien in Bezug auf das uns fehr befreundete und dur< beiderseitig friedliche Gefinnungen geshüßte Holland. In vielen Blättern hat fih diese Lüge durch viele Jahrgänge hindurchgezogen. Dabei ist es nicht ge- blieben. Sie wissen, daß bald darauf nah dem Frieden mit Oester- reich der französishe Kriegslärm folgte, ein Krieg, der s<ließli< do< durch uns nicht begonnen wurde, und seit dem nun find wix ununter- brechen verdächtigt worden. So viel ih mi erinnere, hieß es im Jahre 1871, wir würden nun die Ostseeprovinzen von Rußland er- obern wollen; es waren vorzugsweise -polnishe Blätter, die ja jeder- zeit gern in der Ausficht s{<welgen, daß ein Krieg zwischen Deutsch- land und Rußland ausbrechen werde. Dann kamen die Verleumdun- gen, als dâchten wir an einen Krieg gegen Oesterreih; und dann kam bis zum Kulminationspunkt im vorigen Frühjahr dieser Kricgs- lârm auf Grund einiger Zeitungsartikel, welche ein das Wunderliche noch Überschreitendes Maß ven Leichtgläubigkeit gefunden haben.

_ Daßbei allen folchen Ertstellungen der Wahrheit das Wert ,„offiziöse Zeitung“ eine große Rolle spielt und wesentlih gemißbrauht wird,

Berlin, Donnerstag, den 10. Februar

Gelegenheit das Wert zu ergreifen und über diesen Schwindel, der mit dem Worte offiziös getrieben wird, meine offene Verurtheilung auszusprechen.

_ Es ist ja nicht zu leugnen, daß jeder Regierung, besonders in einem großen Reiche, die Unterstüßung der Presse, die Vertretung ihrec Jutercssen und Wünsche in der Presse au<h auf dem Ge- biet dec auswärtigen Politik wünschenswerth sein muß. (Es ift deshalb wohl natürlih, wenn die Regierungen si für soihe Dinge, die sie niht gerade in ihrem amtlihen Moniteur sagen wollen, in irgend einem befreundeten latte so viel weißes Papier reserviren, wie fie brauchen, um gelegent!i<st ihre Meinung zu äußern. Als solches Blatt war früher die Norddeutsche Allgemeine eitung der Regierung

stüßung die Eigenthümer waren ihrerfcits wohlhabende Anhänger der Regierungépolitik in freundlicher Weise zur Disposition gestellt. Die Regiecung hat das Anerbieten benußt; die Zeitung hat vielleicht au< Vortheil gehabt von diejer Anlehnung, aber wie macht fich nun eine sol<he Benußung? Die meisten Leute nehmen an, daß alle Artifel, die in einem sol<en Blatte stehen, gewissecmaßen von dem Minister selbst geschrieben, wenigstens von ihm durhgelesen werden, so daß er für jeden Wortlaut verant- wortlich gema<t werden fann; und darin liegt eben die Gefahr, die mi< zuleßt nöthigte, auf die Annehmlichkeiten, die es hat, seine Meinung in der Presse außecamili<h zu vertreten, abjolut zu verzichten. Es fam in der Zeit, wo diese Verbindung noch bestand, vielleiht dur<\{<nittli< in der Woche einmal, manchmal zweimal, man<mal au öfter vor, day ih das Bedürfniß hatte, irgend eine Meinung auétgesprocen zu sehea, irgend éine Nachricht mitzutheilen. Wie ijt dabti der Geschäftsgang? Der Minister hat einen vortragenden Rath, dem er den Auftrag giebt: bitte, se:en Sie fo gut und schreiben Sie oder lassen Sie schreiben einen Artike], einen Bericht. Jst die Sache fehr wichtig, oder hat man ausnahms- weise wenig zu thun, so sieht man ihn wohl durch; sehr selten kommt és vor, daß man ihn jelbft redigirt, und ich glaube, mit einem guten Willen wären die von mir redigirten Berichte wohl kenntlich gewesen. Das kam aber sehr selten vor. Nun entspinnt si< denn cine Ver- bindung zwischen den Organen des Minijteciums und dem Blatte; es werden auf Grund derjelben au< andere Nachrichten mitgetheiit, die gerade nicht auf Auftrag des Ministers mitgetheilt werden, aber mitgetheilt werden dürfen und fönnen. Das muß noth- wendiger Weise dem Ermessen der cinzelnen Geschäftsmäaner einigermaßen übezlassen werden. Daß nun aber der Minister für die gesammte Arbeit seines Raths, wenn er au< zu 1hm ein erheclihes Vertrauen hat, daß er die Sache so fassen werde, wie es wünschen8werth ist, verantwortiich gemacht werden fann, das ift hon sebr s{<wierig. Aber das reicht ja nicht aus; es fann in einem fol<he Mittheilungen enthaltenden Blatte stchen, was da will, was die Redaftion als Lückenbüßer hineinicßt; der Rath schreibt ja auch nicht alles felbst, sondern zu ihm kommen Zeitungskorresponden- ten, er steht au< selten mit der Redaktion in Ver- bindung es fommt der Korrespondent zu ihm und bringt ihm den Artikel zur Durchsicht, vielleicht auch nicht; selten geht er selbst hin. Sowie das Blatt einen cffiziósen Ruf mit Recht hat, jo heipt es von allem, was darin steht, au<h von allem, was in anderen Blättern steht, die nur ein einziges Mal ein communiqué erhalten haben: „ein Blatt, welches den Regierungs-

kreisen näher steht“, „ein Blatt, w-lches befanntlih amtliche Mittheilungen erhält“, und in französischen Zeitungen eiafach : »la feuille de M, de Bizwarck“; dg ist es so gut, als wenn

es im Staats-Anzeiger gestanden hat. Nuúnu sind die Nachtheile, wenn aus Irrthum oder no< öfter aus bösem Willen, ohne irgend einen anderen Zwe>, als die amtliche Politik zu \<{ädigen, Nachrichten als offiziós bezeichnet werden, die es gar nit sind, sehr erheblich. Sehr oft ist es au< nur die Absicht des Zeitungs schrei- bers, seiner Meinung ein Relief dadurch zu geben, daß er Nachrichten, die er befämpft, als offiziós bezeichnet. Sonst würde das lefende Publikum gar nit begreifen, warum der Mann das schreibt, oder er würde wenigstens feine Kompéeteaz haben, gegen eine erfundene Be- hauptung zu schreiben; sowie er aber die zu widerlegende Behaup- tung als osfiziôs aufstellt, so tritt er dem Reichskanzler persözlich gegenüber und macht seine Darlegung dant wichtig. És hat feine Dummheit gegeben, die man mir auf diese Weise nicht imputirt hat durch das einfawe Wort vOsfiziós*; und deshalb ergreife ih diese Gelegenheit, um auf das bestimmt.-ste zu erflären, daß es fein offi- zióses Blatt des Auswärtigen Amts giebt, auch feine offizióse Mit- theilungen und Artikel an irgend ein Blatt ergehen, und daß i< Jedem, der irgend etwas als offiziós vom Auswärtigen Amte gus- gehend bezeichnet, von Hause aus erkläre, er verbreitet „erdihtete oder entstellte Thatsachen“, er sagt die Unwahrheit, und, wenn ich mich hart ausdrü>en will, er sucht ine Lüge in Kurs zu seßen. Jeder, der Artikel offiziöse des Auswärtigen Ministeriums nennt, der muß sich nah dieser meiner Erklärung bewußt sein, daß er lügt; es giebt kein offizióies Blatt für mi... Ich bin der Unbilden und der Mißbräuche, die et Sar Und Tag damit getrieben worden sind, müde geworden. Es ist für mich, ih gebe es zu, schr unbequem, daß i< nur im Staats-Anzeiger, unter Umständen in einem anerkannt offiziösen und offizi6s bleibenden Blatte, der Provinzial: Correspondenz, eine Meinung zur öffentlichen Keuntniß bringen kann; indessen bin ih da wenigstens sicher, daß keine anderen Kukukêeier mir daneben gelegt werden und ih da nur für das verantwortli<h gemacht werde, was entweder ih oder einer meiner Kollegen wirkli zu vertreten haben. Dieser Beisaß „offiziós“ und diese Verdächtigungen irgend eines Blattes, je nahdem man es gerade braucht, als eines subventionirten, dur das Wort „Reptilie“, ist ja cine wirksame Hülfe in der publizistishen Diskussion. Das Wort „Rép- tilie“, „Reptilienvater“, „Reptilienprefse" in der Meinurg, wie es ge- braucht wird, kommt mir immer vor, als wenn Leute, die mit dein Gesetze in Konflikt treten, auf die Polizei {impfen und sie Diebsjäger und dergleichen nennen. „Reptilie“ wie entstand das Wort ? Unter Rep- tilien verstanden wir die Leute, die in Hötlen bildlich gedaht —, kurz und gut in verwegener Weise intriguiren gegen die Sicherheit des Staats, und man hat das nun umgedreht und nennt jeßt Rep- tile diejenigen, die das aufzude>en streben. Mit diesem Sprach- gebrauch will ih nit re<ten. Es ist ja ganz einerlei; i< exfläre nur, daß es Reptile des Auswärtigen Amts in dem Sinne, wie Geg- ner den Ausdru> gebrauchen, absolut nicht giebt.

Es ift allerdings sehr leiht, einem Artikel einen offiziôsen An- strih zu geben, wenn er gewisse Mittheilungen enthält, von denen man sicher sagen kann, daß eine Zeitungsredaktion oder der Zeitungs- korrespondert sie in dieser Eigenschaft nicht hat erfahren können, da sie nur von amtlicher Stelle herrühren können; wenn solche Mit- theilungen in zwei, drei Zeitungen gleichzeitig erscheinen, dann ift es für jeden Unbefangenen, der das Geschäftéverhältniß nicht kennt, Beweis genug, daß man es hier mit einer eOffiziósen“ Mittheilung zu thun hat. Das ist auch in gewissem Grade richtig, nur nicht offiziós in Bezug auf das Deutsche Reich, das sind offiziöse Mitthei- lungen von Korrespondenten anderer Regierungen, von fremden Diplo- maten. Es ift ja für jede Gefandischaft in jedem Lande eine An- nehmli<hkeit, wenn fi zu ihr ein Zeitungskorrespondent heranfindet, oder auch mehrere, und sagen: Wenn Sie etwas in der Presse zu vertreten haben, sagen Sie es mir; ih verlange kein Geld, aber wenn Sie mir ab und zu Nachrichten geben ja diese Nachrichten werden dem Korrespondenten man<hmal von den Redaktionen theuer bezahlt und find für ihn eigentlih Geld, und so ist es natürlich, daß

das hat mi namentli veranlaßt, Werth darauf zu legen, bei dieser

von ihren Eigenthümecn, aus reiner Neberzeuguag, ohne Geldunter- |

1876.

| id fie au< nur des mindesten Grades von Landesverrath bes{ul- | digen wollte, dur< ihr Gewerbe in Berbindung mir ausländischen Diplomaten geführt wcrten. Was in irgend einem diplo- matiscen Co1ips Einer weiß, das wissen meistens auh die Anderen, iadem auch da ein gewisser Austausch der Nxchricßten, damit man fich gegenseitig die Berichte füllt, wohi stat:findet. Also ein jol<er Korrespondent braucht nur tit einer Gesandtschaft in engerer Beziehung zu stehen, der ab und zu den Gefallen zu thua, eine Sache, die der Gesandtschaft am Herzen liegt, zu verfed;ten oder zu vertreten, naturlich fo, wie es seiner politishea Ueberzeugung entspricht, so wird der (esandte, insoweit er ni<t mit Geldern ausge:üftet ist, oder | foiche nit genommen werden, um seiner Stegierung Di-nste zu leisten,

ehr gern dafür Nachrichten in den Kauf geben, die er vers breiten will, und wicd fo ein anscheinend offizióser Artikel entstanden sein, wo man si< sagt: das muß von der Regie- rung kommen wer anders soll das wissen? sons würde es auc) nit ia drei, vier Zeitungen zugleich stehen, während leßteres blos daher rührt, daß ein gesuchter, geschi>ter Korrespondent, der diplomatische Verbindungen hat, jehr leiht von drei, vier und mehr Zeitangen zugleih angewandt wird, das ift ibm ja au< zu gönnen, winn nur die Nachrichten, die auf diese Weise verbrettet werden, immer richtig wären; denn der Gejandte sagt zu einem tolhen Hercu memals alles, was er mciß, fondern rur daëjenige, von dem er wünscht, daß es geglaubt und öffen:lih vefarnt werde, und fo ent- stei;t, zum Nachtheil der Regierung, dieser offiziöse Schein.

Daß Entistellungen der Thatsachen in Bezug auf die Lage von Krieg und Friecen nachthzitig auf Handel und Verkehr wirfen, ist ja ganz flar, und ih {reibe einen großen Theil der Staguation in den Geschäften diesen Erxzessen der Zeituagen zu. Aber die eigentliche Schuld liegt doch aa der wunderbaren Leichtgläubigkeit und an der Sensatiousbedürftigkeit der Leser. Namentlich die deut- schen Leser mögen ernste, sahlih geschriebene, belehrende Artikel über inzere Angelegenheiten, die uns doch zunächst inter-isiren, nicht lesen. Kciner liest die gern, und s{hreiben mögen die Redaktionen sie no< weniger gern, das erfordert Anstiengung und Arbeit. Deutsche Zéitungen sollen politische Unterhaltungs!lektüre sein, die man even beim Schoppen gelegentli< verrichtet, und von der man cine anregende Unterhaltung, vor allen Dingen etwas Neues weit aus dem Auslande erwartet. Die übertrizbene Ausdehnung der aus- ländischen Artikel und der leihtgläubige Hunger nach fremden dipylo- matiscen Nachrichten entschuldigt die Zeitungéredaktionen, es ist der Fehler des lesenden Publifums. Unsere parlamenaris<en Eiurich- tungea sind no< neu; hoffen wir, daß fie die Wirkung haben, das Interesse der deutschen Zeirungsleser mehr als biéher den inneren deutschen Angelegenheiten zuzuwenden, daß wir namíintli< in Tele- grammen nicht mehr damit behelligt wecden, was irgend ein französi- scher Deputirter in Carcassonne gesprochen hat, während es hier mehr von Interesse wäre, zu hören, was in Bresjgu oder Königsberg vorgekommen ist.

Die Zeitungen beschäftigen si< für meinen Geschma> i< kann feine finden für meinen Geschmack, die si<h hinreichend mit inneren Angelegenheiten beschäftigte sie sind mit ausländischen überfüllt. Der Schaden, von dem ich rede, triff die leihtgläubigen Leute an den Börsen, und das ift s{limm genug. Der Krieg aber wird durch Zeitungsartikel niemals herbeigeführt. Jn neueren Zeiten ift dur< Wortstreitigkeiten wohl shwercli<h je ein Krieg entstanden, und selbst der französische Krieg von 1870, an dem \<einbar die Presse einen großen Antheil hatte, aber nur die Regierungspresse, ist ganz gewiß; nicht von der Pcesse gemaht, sondern nur von der damaligen

kaiserlicen Kamarilla. Er spukte {hon 1267 vor, und die ganze Zeiturgsprefse an sih hätte es nie zum Kriege getrieben. Auf Zei- tungsartifel hin führer fein Mensh Krieg, und wer für die Beängstiguzg der Börse im vorigea Frühjahr die Artikel einiger durhaus niht offiziófer Blätter, ih meine „die Post“, um fie beim Namen zu nennen, für die habe i< mei- ues Wissens niemals einen Artikel s{reiben lassen, am aller- weniosten den, der „Krieg in Sicht* üterschrieben war, aber ich habe den Artikel nit getadelt, denn ih finde, wenn man das Gefühl hat, daß in irgend einem Lande eine Minorität zum Kriege treibt, dann soll man recht laut schreien, damit die Majorität darauf aufrierffam wird; denn die Majoritär hat gewöhnlich keine Neigung zum Kriege, der Krieg wird dur< Minoritäten oder, in absoluten Staaten, dur< Beherrscher oder Kabincte entzündet. Aber der ift ganz gewiß nicht des Kriegs, der Braudlegung uit verdächtig, der zuerst Feuer \{reit. Wenn es wirkli cinen Minister gäbe, der aus irgend einem gänzli< unbegründeten Zwe>e zum Kriege drängen wollte, der würde es do< wahrli< ganz anders anfangen, als daß er zuerst in der Presse Larm s<lüge, damit würde er nur die Wshmannschaft rufen; vor allen Dingen müßte er doch die Zustimmung seines Souveräns zu gewinnen tuchen. Dhne daß Se. Majestät der Kaiser mobil mat und Krieg e:flârt, kaun auc der geschi>teste und das hôchste Vertrauen genießzende Minister bei uns er mag so fkriegeris< sein wollen, wie er will nichts machen; er fann mit seinen kriegezishen Gelüsten ohne den Kaiser niemals auffommen.

Daun kommt weiter hinzu, wenn nun Se. Majestät der Kaiser und fein Minister einig wären, einen Krieg zu führeu

Se. Majestät der Kaiser er hat Kriege führen müssen, er hat fe ungerne geführt, fich schwer dazu ents<;lofsen, er hat großen Ruhm darin erkämpft ift in einem Alter,

wo man gewöhnlih ni<ht Händel jut; alio keín Mensch wird glauben, daß Se. Majestät der Kaiser kriegslustig ist. So lange er das aber nicht ist, so ift ja Alles, was mana von einem Triegslustigen Minister \pciht, Windbeutelei und bewußte Entstellung der That- fachen, und alle Kengstlichkeit darüber eine affektirte, die nicht wirk= lich ist. Dann aber denken Sie sich, meine Herren, meine Lage, wenn ih vor cinem Jahre hier vor Sie getreten wäre und bätte nun ähn- lich wie anno 1870, wo wir von Frankreich angegriffen waren, Ihnen auseinandexgescßt: meine Herren, wir müssen Krieg führen, i<h weiß Ihnen eigentlich einen ganz bestimmten Grund dafür nicht anzugeben, wir find nicht angegriffen und nicht belcidigt, aber die Situation ift gefährlih, wir haben mehrere mächtige Armeen zu Nachbarn, die franzöfische Armee reorganisirt si< in einer Weise, die in der That beunruhigend ift, ih verlange von Jhnen eine Anleihe von 200 Millionen Thalern oder 500 Millionen Mark, um zu rüsten. Würden Sie da nicht sehr geneigt gewesen sein, zunähst na<h dem Arzte zu schi>en, um untersuchen zu lassen, wie ich dazu. käme, daß ih nah meiner langen politishen Erfahrung die koloïfale Dumm- heit begehen könnte, so vor Sie zu treten und zu sagen: es ift mögli<, daß wir in einigen Jahren einmal angegriffen werden, damit wir dem nun zuvorfommen, fallen wir ras< über unsere Nachbarn her und hauen sie zusammen, ehe sie fich vollständig erholen, gewissermaßen Selbstmord aus Besorgniß vor dem Tode, und das inmitcen einer ganz be- haglihen, ruhigen Stellung, wo kein Mensh gewußt atte, was eigentli für ein casus belli vorliegen fönnte. Wenn Sie die Sache bei Licht besehen, so werden Sie fi ja überzeugen, daß es für einen Kanzler, der einsam verantwortlich it, ein re<t schweres Unter- nehmen sein würde, vor einer friedlieber'den Bevölkerung und das ist die deute in hohem Maße, 10 l.mge sie nicht angegriffen wird mit einer fo unerwarteten Krie-szumuthung zu erscheinen. Wix haben nichts zu erobern, nihts 3". gewinnen, ir sind zufrieden mit dem, was wir haben, und es ist Verleuydung, wean man uns

fih ein Gewerbe. auëbildet von Zeitungskorrespondenten, die, ohne daß

rgend einer Eroverungssucht , einer Ausde®, nungsfucht bes{uldigt. Aiso vor eine friedliebende Bevölkernno, hinzutreten und zu sagen ;

vi Ey Pai E D L x

P Fr ¿F

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