1876 / 69 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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bleiten, und das wird nah ter ganzen L1ge der Geseßzebung nicht gehen. TeQ ai

Die Frage ist s{wierig, und kann _ dur<_einfa< analege Be- stimmungen der Kreiéordnung in Der Städte-Ordnung nicht gelöst werder. Aber eine Lösung muß gefunden werden, und ich denke, ih werde in der Lage sein, im Laufe der Beraihung Ihnen no< ein Amendement von Seiten der Regierung zuitelleu ¿U konnen, Mas den Antrag auf Ausdehnung dieses Gesezeë, zunächst auf Rheinland, Westfalen, Nassau und Posen kctrifft, fo bin ih eigent- li< darauf gefaßt gewesen, aber ih hake geglaubt, Forrefter ¿u handeln, wenn ih die Vorlage einsiweilen nur auf die Krei8ordnuzgs- Provinzen beschränkte. Hier im Hause die Stimmung suchend, die die einzelnen Provinzen der Städteordnung gegenüber haven würden, und darna< hinterher versuchend, die R. gierung Sr. Majestät des Köniszs zu bestimmen, auf dieje Wünsche einzugehen, habe iv, wenn es ?o weit kommt, nur ned) den Wunsch, daß auch Frankfurt sid diesen Wüaschen anschließen möge. Der Or. Abo. Miquel sagt mir: ih möchte bei der Beband- lung Tiescs Gesezentwurfs im Laufe der Session nicht ängst- lid sein. J< bin es in dex That riht, ih bin nit ängstlic, das habe i< bei der ganzen Geseßg-bung gezeigt, ih habe am wenvigsten Grund, gerade bei städtischen Verhältnissen, die ja durt sichtiger sind, änzftlih zu sein, aber vorsichtig müssen wir auzer- ordentlich sein, vorsitig aus zwei Giünden. Meixe Herren! Was der Aba. Richter klar und geistvoll ausgeführt hat, üt a Gegen- stand längerer E:fah:ung au< bei den teaufséchtigenden Behörden der Städte gewesen. Die Abgrenzung der St.llung zwischen den kommunalen Körperscaften ist {wer zu machen, aber fie muß icarf sein, wenn sie nicht eine Quelle fortwährender Zerwürfnisse und vollständiger Zerrütiung städtischer Verwaitung und Verhältnisse werden soll, Es liegt in der Natur der Sache, daß die den verständigsten und weblwelleadsten Menschen zugewitsenen Befugnisse, weni sie nicht chaf abgegrenzt und ritig bemessen sind, zu einem Streben nach Erwei- terung, na< Omnipotenz führen. Es giebt feine Versammlung, Sie mögen sie zu'ammenseßen wie Sie wollen, die nicht glaubte, von der Basis aus, die ihr das Geseß gegeben hat, soweit gehen zu können, als fie irgend in si< die Kraft fühlt. Außerordentlicle Schwierigkeit bietct cs daher, im Gesege die Grenze zu zichen, und wenn wir diese Gelegenheit jeßt b:nußza und die rihtige Grenze zu finden suchen, wird €s s\@ ni<t darum handeln, hier im Hau!e einen Kampf 2wis<hen Magistrat und Stadtverordneten ausfechten zu fehen, fon- dern zu dem Frieden zu gelangen, nach dem beide Körperschaften K< sehnen, Außerdem hat der Hr. Abg. Miquel vollständig Recht, wenn er sagt, wir müßten, oder verzeihen Sie, ich will sagen: ih habe Ret; wenn ic sage, wir müssen vorsichtig sein, weil der Hr. Abg. Miquel Recht hat, wenn er sagt: indem wir diese Städteordnung berathen, berathen wir eine Städte- Ocdnung für d:e ganze Monarchie. Denn das ist jx unzweifelhaft, daß jeßt, wo alle Srundsäße ciner Städteordnung erwogen und diéfutirt werden, man die übrigen Provinzen nicht aus den Augen lassen kann; daß dasjenige, was Sie jeßt hier beschließen, binnen längerer oder kürzerer Frist maßgebend für alle übrigen Provinzen werden wird. Aus diesen beiden Gründen hauptsächli<h wollen wir nicht ängstlich, aber vorsichtig fein. e x

Für die Behandlung der Angelegenheit glaube ih, daß Dasjenige, was in dem Antcage vorgeschlagen ist, das Zw:>kmäßia|te ist: eine

Kommission expreß für die Städte-Ordnung und cine Kombination der Berathungen zwischen der Kompetenzkommisfion und der Städte- Ordnungskomrmission, um überall in Einklang und in Konkordauz zu bleiben. : E Der Abg. Frhr. v. Manteuffel \pra<h für die Vorlage mit dem Wunsche einer besonderen Städteordnung für Berlin, Nach einer Rede des Abg. Haken gegen die Vorlage wurde der Antrag des Abg. Miquel und Gen., welcher lautet: „Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen: 1) den Ent- wurf einer Städte-Ocdnung einer besonderen Kommission von 21 Mitgliedern zu überweisen, jedoch 2) die in diesem Entwurf, sowie in dem Entwurf einer Wege-Ordnung, dem Entwurf, betreffend die Vertheilung der öffentlichen Lasten bei Grundstückétheilungen 2c., und dem Entwurf, betreffend die Bildung und Verwaltung der Provinz Berlin, enthaltenen Bestimmungen über die Kompetenz der Behör- den der Kompetenzkommission zu überweisen.“ mit großer Majorität angenommen, worauf sih das Haus um 41/, Uhr vertagte.

_ In der heutigen (31.) Sißung des Hauses der Abgeord- neten, welher am Ministertische der Vize-Präsident des Staats- Ministeriums Finanz-Minister Camphausen, sowie die Staats- Minifter Graf zu Eulenburg, Dr. Fall und Dr. Frice- denthal mit zahlrci<hen Kommissarien beiwohnten, gab eine i Bemerkung des Abg. Dr. Reichensperger vor der Tages- ordnung, auf wel<he der Staats-Minister Dr. Falk kurz repli- zirte, einen Anlaß zu einer furzen Geshäftsordnungs-Debatte, an welher die Abgg. Miquel, Dr. Reichensperger, Windthæwrst (Meppen) und Dr. Virchow Theil nahmen. Es folgte die dritte Berathung desStaatshaushalts-Etats. Der Abg. v. Kardorff bezeichnete die gruppenweise Berathungsweise des Etats als sehr zeitraubend, und {lug als Auskunstsmittel die Einrichtung zweijähriger Etatsperioden vor. Er wünschte \o- dann eine Umkehr in der jeßigen Wirthschafispolitik, welche leß- tere der Abg. Dr. Virchow vertheidigte. Damit wurde die General- debatte geshlossen. In der Spezialdebatte zu Kap. 127 Tit. 1 (Besoldungen für Schulräthe) wies dexr Abg. Windthorst (Bielefeld) die neulihen Angrisse des Abg. Frhrn. v. Schorlemer- Alt gegen die Iugends<hrift Simplicius Simplicissimus energisch zurü>, worin sich ihm die Abgg. Richter (Sangerhausen) und Dr. Wehrenpfennig anschlossen. Außerdem sprachen die Abgg. Frhr. v. Schorlemer-Alst und Windthorst (Meppen). Beim SHlusse des Blattes dauerte die Etatsberathung fort.

Dur die Lisie, welhe wir in Nr: 64 d. Bl vers öffentlicht haben, sind unsere Leser jedenfalls {hon hinreihend in den Stand geseizt, sih ein Urtheil darüber zu bilden, ob der Artifel der „Germania“, zu dessen Illuftration sie bestimmt war, eine zutreffende Charakteristik der „Deklaranten“ der Kreuz- zeitung enthielt

Der Vollständigkeit wegen lassen wir jedoch heute no< weiter na<stehende Namen folgen:

Baeßler , Fabrikdirektor in Krampe bei Grünberg. G. A. Balzer, Kaufmann in Frankfurt a./D, v. Blücher auf Wißmiß. F. v. Bonin,

v. Czettriß-Neuhaus Bullendorf bei Freystadt.

Eggeling, Amtsrath, Niesky.

Fahrenholß Schönwalde, Pastor.

v. Hanstein-Wusseken. Ad. Frhr. v. d. Horst, Landrath a. D. Carl Frhr. v. d. Horst, Rittmeister a. D. auf Hollwinkel, Reg. Bez. Minden. :

Frhr. zu Inn- und Knyphausen, Rittmeister a, D, Haus Dorloh bei Mengede.

Graf v. Kal>reuth - Siegersdorf. Frhr. v, Kottwiß - Lang- heinersdorf. Frhr. v. Kottwiß-Laubsdorf. Kraker v. Schwarzen- feld-Bog-nau. v. Krause-Pobloß. W. v. Kro>ow-Rowen.

Frhr. v. Ledebur - Crollage, Kreisdeputirter. J. Lehmann- Curow. Lewien, Justiz-Rath in Berlin. Ludwig, Pastor in Wselitz. v. d. Lühe-Steinburg. H. W. Frhr, v, Lüttwitz-Lofsen in Klein-Trebniß. L

v. Masscw Hohenborn. Mehring, Pastor in Papendorf. Möller, Pfarrer in Oeynhausen. v. Münchow - GSotzfow, Ritt- meister a. D. Münrich-Driesen, Paskor em.

v. Nathusius-Meyeudorf. v. Nickisch-Rosenegk.

Hugo Pförtner v. d. Hôlle, Landesältester auf Steinbo1n,

. Platen- L : A D eNila Penn, M. v. Poncet , Glasfabrikant in Friedri8- hain. E. Baron v. Puttkamer. Frhr. v. Puttkamer-Wollin. v. Puttkamer Poberow auf Schierwiß. : i

F. W. Graf v. d. Re>e-Volmerstein auf Heinzenburg. Rei- mann, Pastor in Cunersderf. v. Risselmann-Krufsow. v. Rohr- Tricplaß. Edwin Graf v. Rothkirch und Trach auf Pauthenau,

Sarlorius, Paster ia Waldow. C. A. Schäfer-Elberfeld. v. Schau-Kunerêdorf. v. Scheffer-Annafeld. v. Sc(hlemmer- Perkaiken. v. Schlichting Rieti<hüt, Hauptmann a. D. v Smidt - Wiera8z- Keowalski. H. v. Schöning -Lüttow. Sccttfky, Fabrikbesißer in Frankfurt a, O. v. Shu>kmann-Rohrbe<>, Rittershaftsrath. H. Schulß Berlin: = A. Graf Sthwerin-Idas- hof. Ecnust Frhr. v. Seherr-Thoß-Wiesenthal. Sen>el, Pastor in Finsterwalde. Stoll, Pastor ia Nieder- Eichstädt, Superinten- dent a. D. W. Stelzezburg-Simößel. v. Stülpnagel-Liebens felde. Stumpf, Superintendent in Finsterwalde.

v. Tauentiea-Bolkow. Thiem, Pastor in Eichholz.

v. Welde>-Arneburg-Mi>ror. - :

v. Zadow-Alt-Hütten, Hauptmann a. D Und Rittergutsbefizer. v. Zißewitz, Major z. D., Stolp. v. Zißzewiß-Hagenow.

…— Der „Allg. Ztg.“ schreibt man unter dem 16. März von hier: „Die Entwerthung des Silbers hat in leßterer Zeit fo beunruhigende Dimensionen angenommen, daß man in verschiedenen Ländern cine amtlihe Untersuhung dieser Kala- mität anbefohlen hat. Auch in Deutschland beschäftigt man si<h angelegentli<h mit der Frage: wie dem fstetigen Fallen der Silberpreise Einhalt zu gebieten ist, da man fich wohl be- wußt if, daß die Entwerthung des Silbers der Dur{führung unserer Münzreform einen Verlust von wenigstens einigen Millionen Thalern bereitet. Ehe wir einer eingehenderen Er- örterung der Frage näher treten, weisen wir den Vorwurf zu- rü>, daß unsere Münzreform an diesem beträchtlichen Verluste die Hauptschuld trage; denn es klar, daß au ozne eine ein- heitlihe Umwandlung unserer Zahlungsmittel der Verlust nicht hätte erspart werden können. Die Ursache der Entwerthung des Silbers is sogar nur zu einem geringen Theil durch die Ein- führung der deutshen Münzreform bedingt worden; die Haupt- urfache besteht in der enormen Steigerung der Silberproduktion und der sh verringernden Nachfrage nah Silber. Die Minen in Nevada und den Roty Mountains, deren Ertragfähigkeit Anfangs untershäßt wurde, haben bedeutende Quantitäten Silber zu Tage gefördert, Einem amtlichen Berichte des Staatskommissärs für das Minenwesfen, Professor Raymond, entnehmen wir, daß die Gesammt-Silberproduktion in den Vers einigten Staaten 1850 nur 200,000 betrug. Selbst 1860 hatte sie no< nit 600,000 M erreicht. 1870 dagegen betrug fie 62 Mill. 4, d. h. 300 Mal so viel als vor 10 Jahren. 1874 ergab sie über 120 Mill,, etwas weniger als die drei vor- hergehenden Jahre. Bon 1860—1875 betrug die Silber- produktion amerikanis<her Minen 1,005,402,000 M Von streng fahwissenshaftliher Seite, der wir durchaus Glauben s<henken können, wird angenommen, daß der Silberertrag amerikanischer Minen während der nächsten fünf Iahre sogar den Betrag derselben während der leßten 30 Jahre übersteigen wird. Angesichts dieser kolossalen Mehrproduktion fällt der von der Reichsregierung zu bewir- fende Verkauf des aus den ausrangirten alten deuts<hen Silber- münzen gewonnenen Metalls, nah Abzug der neuen gepr gten und no< zu prägenden Silbermünzen, ni<t maßgebend ins Gewicht. Denn wenn wir selbst gemäß der vom Abg. Sonnemann im Reichstag angestellten hohen Schäßung annehmen, daß wirklich no<h 450 Mill. /( zu verkaufen sind, so wird man zugestehen müssen, daß diese Summe vershwindend gering ift im Vergleich zu der immer steigenden Massenproduktion, und daß fie das riesige Fallen des Silberpreises nimmermehr allein be- wirkt haben kann. Die Entwerthung des Silbers hat natürli in vetshiedenen Staaten das lebhafteste Verlangen nah einer reinen Goldwäßrung hervorgerufen. - Dem Beispiele Deutschlands find der \fandinavis<he Norden, die Niederlande und Japan gefolgt. Die lateinische Münzkonvention, welche no< immer zaudert, eine reine Goldvaluta einzuführen, hat sih bewogen gefühlt, die Gesammtsumme der Silberprägung für die vier Hauptstaaten um 1/5 zu reduziren. Sehr bezeihnend i| der Üebergang der Niederlande von der Silber- zur reluen Gold- währung, welche cs vorx 25 Jahren mit großen Kosten aufgege- ben hatte, als das falifornishe Goldfieber die Welt ershre>t und diÈ Befürchtung hervorgerufen hatte, daß Gold billiger noh, als Silber wcrden könnte. Von beängstigender Wirkung ist die Entwerthung dées Silbers für das indische Reich in seinen Bezichungen zu England. Während das Mutterland die Goldwährung besigt, besteht in Indien no< die Silber- währung. Der Unterschied der beiden Valuten ist so groß, daß die indische Regierung bei Geldübersendung nah England an jeder Rupie etwa 3 Pence verliert, d. h. nah deutshem Geld an 2 M etwa 25 S. Angesichts dieser Landeskalamität erörtert man in Lritishen Regierungskreisen die Nothwendigkeit, auch iu Indien die Goldvaluta einzuführen, was natürlich ein weiteres Fallen

der Silberpreise herbeiführen müßte. Die in Folge cines Antrags des

Lord George Hamilton vom englischen Unterhause bewilligte Be- rufung einer Kommission betreffs Untersuchung der Silberent- werthung wird voraussichtlich dem allgemeinen Verlangen nah Eins führung der Silbervaluta in Jndien offiziellen Ausdru> geben, Deutschland kann seiner Regierung Dank wissen, daß es rechtzeitig die Silbérwährung preisgegeben hat und zu reiner Goldwährung übergegangen ist. Die dadurch entstandenen Kosten sind vershwin- dend klein im Verhältniß zu dem Verlust, welchen andere Staalen dur< das Festhalten an der Silberwährung erleiden.“

Um den Unzuträglichkeiten zu begegnen, welche zur Ge- fährdung des Eisenbahndienstes und der Sicherheit des Betrie- bes durh plôöglihe Verhaftung von Eisenbahn- Polizei- und Betriebsbeamten entstehen können, hat der Minister des Innern auf Anregung des Handels - Ministers s\ämmtlihe Königlichen Regierungen und Landdrofsteien dur< Cirkularreskript vom 6. d. M. veran- laßt, die Ortspolizeibehörden anzuweisen, in Strafsachen, worin eine vorläufige Festnahme, zwangsweise Vorführung oder V:r- haftung eines Eisenbahn-Polizei- oder Betriebsbeamten erfor- derlih wird, der dem Letzteren unmittelbar vorgeseßten Dienst- behörde vor der Vollziehung Mittheilung zu machen, insofern niht der Zwe> einer im Strafverfahren nöthigen sofortigen 0E a dur<h fol<he vorgängige Kommunikation gefährdet erscheine.

( Die Königliche Fortifikation zu Erfurt ist aufs gelöst worden.

Die fällige Englishe Post, aus London, den 18, Abends, planmäßig in Cöln um 2 Uhr 50 Minuten Nah- mittags, ift ausgeblieben. Grund unbekannt.

S. M. S. „Vineta* is, telegraphisher Nachricht von Valparaiso zufolge, am 15. d, Mis. direkt nah Hongkong in See gegangen.

Venz. v. Plöß-Stögow, General-Lieutenant z. D. f L

Der Thierarzt erster Klasse Hinÿe zu Shweß zum kommissarischen Kre's-Thierarzt für den Kreis Schweß ernannt worden.

Bayern. München, 17. März. Die dritte Abtheilung der Kammer der Abgeordneten bat heute Vormittag sig mit der Prüfung der Wahlen in den Wahlbezirken Wasser burg, Mindelheim, Siraubing und Nürnberg beschäftigt und dieselben in keiner Weise beanstandet. Im Finanzaus\<uß der Kammer beginnt morgen die Berathung des Budgets des Staais-Ministeriums des Jnnern. Die „Ug. Ztg.“ reibt : Mi dem Resultat der in den lezten Tagen von den Dißiriktsräthen vollzogenen Wahlen zum Landrathe von Oberbayern, für welche das katholische Kasino hier sehr thätig war, sind di Parteiblätter nicht vollständig zufrieden. Auf eine Mehrheit in der Kreisvertretung \<heint man niht zu re<nen, denn de „Bayer. Kurier“ bemerft nur, daß die patriotis<e Partei in Landrathe in ansehnlicher Stärke vertreten sein wird. Dem „Shwäb. M.“ \{<reibt man aus Nürnberg unte dem 16. März: Die hiesige sozialdemokratishe Arbe iter partei hat. bereits dur von hier abgesendete Agitatoren die Bildung von „Wah!vereinen“ behufs der künftigen Reihs- tagswahl in verschiedenen Städten Bayerns veranlaßt.

18. Matz Die nuGle Sing der Kammer der Abgeordneten ist auf Montag, Vormittag 105 Uhr, anberaumt worden. Von den Staats-Ministerien de Königlihen Hauscs und des Aeußern, sowie de Finanzen is dem Präsidium der Kammer der Abge ordneten ein Geseßzentwurf „die Vervollständigung der bayerischen Staatseisenbahnen betreffend“ nebs Motiven vorgelegt worden. Ina dem Gesezentwurfe wird ein Kredit von 11,165,000 M verlangt.

(W. T. B.) Der König hat die neue Formation des Kriegs - Ministeriums, dur<h welche dasselbe di gleihe Anzahl von Abtheilungen erhält wie das preußishe Kriegs-Ministerium, genehmigt.

AZürttemberg. Stuttgart, 17. März. Aus dem amt: lien Bericht, wel<hen der Minister-Präsident von Mittnat über den Betrieb der württembergischen Staatseisen- bahnen im Rechnungsjahr vom 1. Juli 1874 bis 30. Jui 1875 erstattet, geht hervor, daß bis zum Schluß des Iahre 1242 ,-g Kilom. Bahn von der württembergischen Verwaltung gebaut worden; am 1. Juli 1874 waren es nur 1177, 1 Kilometer, Doppel geleise liegen auf Stre>en von 167,11 Kilometer Länge. Dey Bauaufwand 2c. beziffert s|< auf 198,218,919 M (l 1 Kilometer Bahnlänge auf 159,496 Fl. An Transportmittel waren beim Iahres\hlu}se vorhanden: 299 Lokomotiven mi 980 Tendern, 602 Personenwagen mit 1751 Achsen und 30,406 Sigpläßen, worunter 996 Pläße erster, 7670 zivei und 21,740 dritter Klasse, 11 Gefangenen- und Kranken Transportwagen mit 22 Achsen, 99 Gepä>wagen mit 314 Achsen 58 Bahnpostwagen mit 116 Achsen, 4123 Güterwagen mit 891 Achsen und einer Gesammttragkraft von 40,317,000 Kilogramm Die Lokomotiven haben im Laufe des Betriebsjahres mit Züge 6,578,078, ohne Züge 297,428 Kilometer zurückgelegt; verbrau wurden an Brennholz 8590 Kubikmeter, 72,707,900 Kilo gramm Steinkohlen und 40,284 Kubikmeter Torf. D Einnahmen stellten si< auf 1922215 l Daruili 11,899,218 Fl. aus dem Gütertransport. Dië Al gaben betrugen 11,912,405 Fl. Die Reineinnahme v! 5,809,809 Fl. beträgt 3,5, Proz. des Bauaufwandes gegy 3,59 Proz. im Vorjahre. Die Betriebsausgaben bere<hnen si auf 52,g Proz. der Einnahmen, 1871/74 beliefen fie si al 55,19 Proz. Im Jahre 1874/75 war die Einnahme für 1 Kilo meter Betriebslänge um 37 Fl. 36 Kr. höher, die Ausgabe u T S 10 Ar, icoriae Ai Personen-Fahrbillets wud! verkauft 1874/75: 19,249 erster, 3,599,185 zweiter und 3,744, dritter Klasse, für 1873/74 stellen si die Zahlen auf 280,38 92,517,932 und 6,450,948.

Anhalt. Dessau, 16. März. Der Herzog und Famil ist in Bellagio am Comer See eingetrossen. Í

Bremen. In Sachcn Thomas wird, wie man d „Wes. Ztg.“ mittheilt, in nächster Woche ein Nachtrag zu N amtlihen Berichte vom 28. Januar d. I. erscheinen, der a die jeßt eingegangenen Resultate der amerifanishen Unt su<hung zur Kunde bringen soll,

Oesterreich - Ungara« Wien, 19. März. Gr fürst Constantin Constantinowit\< hat auf seiner R nah Neapel heute Morgen Wien passirt. ;

Di katholishe „Gemeindezeitung“ in Wien {reibt ü! die Schließung des Tiroler Land ages: „Wir find selbst tndlih nicht die guten Freunde der Linken des Tiroler La! tages, aber wir können der Erklärung derselben nicht un geben, in wel<her sie die 36 „Pflichtwidrigen" daran erin daß sie „ihr Anliezen in Form der Geschäftsordnung hätten j Verhandlung bringen“, ni<t aber die „feige Flucht‘! ergrei ollen.“ | _— Mie der „Bote für Tirol“ vernimmt, wird gegenwäl zu Innsbru> der Plan berathen, daß die ultramontane La! tags- Majorität eine Deputation zu dem Kaiser entsende, ! ihr Benehmen im Landtage zu bes<öônigen. S

Die Handels- und Gewerbekammer, sowie der font tionelle Verein in sInnsbru> beschlossen entschieden gehal! Resolutionen gegen das Vorgehen dec flerifalen Landi! Abgeordneten, welches die Schließung des Tiroler Landta zur Folge hatte.

Ueber die Vorgänge in dec legten Sizung des dal tinishen Landtages am 13. d. M. bringt die yDeu! Ztg.“ aus Zara folgenden Bericht: „Im Saale waren 26 # geordnete anwesend. Galerien und Logen waren überfüllt, | Präsident Ljubisa um 104 Uhr die Sizung eröffnete. Am ? gierungstishe befand s<h der Abg. Statthalterei-Rath Dr. tonietti. Dr. Monti meldete sh zum Worte und der Präsi ertheilte ihm dasselbe. Regierungsvertreter Antonietti verließ Saal. Und nun begann Monti fofort die Verlesung der kannten Erklärung. Nah dem ersten Sage {hon verbo! Präsident Ljubisa dem Abg. Monti, die Verlesung fortzu da die Erklärung nicht auf der Tagesordnung stehe. appellirte jedoch an den Landtag. Die Föderalisten, welche il Sitzung die Majorität bildeten, riefen laut aus: „Weiter, Mv Lies, Monti!“ Der Präsident entzog Monti das Wort. geordneter Paulinovic rief mit Andern: „Herunter mit dem? fidenten! Vorwärts! Es lebe Monti!“ . .. . Es entstand !

ein ganz entsehliher Tumult. Der Präsident erklärte die Sih für ges<lofsen, nahm die Papiere und die Präsidentenglode ! Práäfidialtishe weg und entfernte si<h aus dem Saale. * folgten blos die Abgeordneten Gligo und Bischof Knezev!. übrigen Zweiunzwanzig mit dem Vize-Präsidenten blieben

Saale; Alle ricfen: „Monti, lies fort! Monii verlas nun die ganze Erkiärung unter lebhaften Zivios und Händeklatshen Seitens der Deputirten und des Publikums, bis die Versamm- lung in kaum beschreiblizer Aufregung auseinanderging.“

Die „Pr.“ bält es, um die Autorität der Reichégeseß- gebung gegenüber renitenten Landtagen zu wahren, für zwe>- mäßig, wenn ein Gese beshlossen würde, wonach überall dort, wo verfassungsmäßig die Ausführung der Reichsgesche den Landesgesezgebungen überlassen ist, die Neichégesehgebung be- fugt sei, die ausführenden Bestimmungen für ein Land selbst zu erlassen, wenn der Landtag desselben dreimal hinter einander die betreffende Vorlage abgelehnt oder in einer dem Reichsgeseze so sehr widersprechenden Weise amendirt hat, daß dieses so zu Stande gebrahte Landesgesey deß- halb nicht sankiionirt werden kann. Bei dieser Gelegenheit be- merkt das genannte Blatt: Einem ähnlichen Gedanken ift ja der von beiden Häusern des Reichsraths votirie Wildauersche Geseß- entwurf entsprungen ; dem durch die Renitenz des Tiroler Land- tages geschaffenen Nothstande sollte dadur<h ein Ende gemacht werden, daß wenigstens cinen Theil der der Landesgesehgebdung überlafsenen Ausführungsbestimmungen die Reichsgesezgebung in die Hand nazm. Minder bekannt dürfte aber sein, daß bei der Vorberathung des Wildauershen Gesegentwurfs im Schoße des Herrenhauses die Idee auftrat, dem tiroler $on- flifte noch entschiedener, als es die Wildauershe Motion thut, mit einem Gesetze ein Ende zu machen, welches verfügt, daß, wenn niht binnen Jahresfrist die Landesveriretung von Tirol die Durchführungsbestimmungen für die Shulgeseygebung mit der Regierung vereiubare, die Regierung kraft dieses Gesehes befugt sei, diese Beftimmungen im Verordnungswege zu erlassen.

Die „Neue Freie Presse“ fordert in mehreren Leitartifeln die Regelung des Geldwesens dur< Herstellung der Valuta, worunter durGaus nur die Einführung der Goldwährung verstanden sei. Die „N. Fr. Pr.“ motivirt dies u. A. wie folgt: „ES genügt für uns, daß jene Staaten, mit denen wir in Han- delsbezichungen stechen, die unsere Gläubiger sind, deren Geldsystem für uns daher maßgerend sein muß, die Goldwährung besißen oder sih doch anshi>en, von der Doppelwährung zu dieser Ükterzugehen, und daß die reine Silberwährung thatsächli<h in keinem civilisictea Staate Europas mehr besteht. Oesterreich würde aljo mit dieser allein bleiben, es hätte dann wieder nur einen Werthmesser, dessen eigener Weith im Verhältnisse zu dem aller Nachbarn ebenso s<wantcnd wäre, wie es frühec der Werth der österreichischen Noten im Verhältnisse zu dem des Silbers gewesen, und alle die Uebel, die früher mit der Zettelwirthshaft verbunden waren, müßten nun unvermindert bei dec Silberwirths<haft in Permanenz bleiben. Der Staat bekäme seine Einkünfte in Silber, alle Preise aber würden si< na< den in Gold notiiten Pr:isen des Weltmarkts richten, und auch alle neuen Anlehen müßten, wenn fie «uf dem europäishen Geldmarkte Unterkunft finden wollen, in Gold verzinsli< sein; die Ordnung im Staatthaushalte wäre also, wie si: früher von den Szwankungen des Zettel-Disagios abhing, nunmehr von den Schwankungen des Silber - Agios ab- hängig, und damit wäre eine neue Quelle ftetig anwachsender Defizite gegeben. Die Peroduktion hätte in gleicher Weise unter den Sübershwankungen wie unter den Schwankungen des Zetitelgeldes zu leiden, und ebenso wären die Wechselkurse ungünstig, wie sie es zu- vor gewesen. Vor Allem ift aber gerade mit Rücksicht auf die gegen- wärtige Lage zu bedenken, daß eine Kräftigung des österreichischen Privat- und Staatsfredites unmöglich if ohne Herstellung der Gold- währung. Wir werden Kredit im Auslande erst dann wieder finden, wenn wir die Zinsen für unsere Schulden in Gold bezahlen können, und dies könaen wir niht, wenn wir niht die Goldwährung acceptiren. *

„Die österreichischen Noten-Emissionen haben dem Staate wäh- rend der leßten achtundzwanzig Jahre durhschnitilih je fünfzehn Millionen an Zinsen crspart, die er für Anlehen hätte au: geben müssen, wenn er, statt zur Notenpresse zu greifen, in seinen Geld- nöthen an den offenen Markt appellirt hätte. Gekostet aber hat die Naluta-Misère dem Staate im Durchschnitte derselben ad.tundzwanzig Fahre ungefähr je fünfzig Millionen, so daß sich nah Abzug der Ec- iparzisse no< immer cin Vezlust von fünfunddreißig Milliozen Gul- den, das ist für die Gesammtperiode mit Zinseszinsen eine Einbuße von rund zwei Milliarden, ergiebt,“

„Ein großer Theil der Ausgaben muß direkt in Silber geleißet werden; ein anderer Theil wird zwar unmittelbar mit Papiergeld bestritten, aber es muß eben mehr an Papiergeld gegeben werden, wenn dessen innerer Werth gesunken ift. Wie richtig dies ist, kann daraus entrommen werden, daß in derselben Zeit, in welGer die Staatsausgaben Englands um 28,4 %%9, die Preußens um 82,6%/9 Und die Frankrei<s um 87,6 °/g gestiegen fiud, nämlich in den 30 Jahren von 1846 bis 1875, die Staatsausgaben Oesterreich-Ungarns um 161,39 sih vermehrten.

„Während Oesterreich vor Zerrüttung der Valuta bei jedem Gulden, den es an das Auéland zu zahlen oder vom Auslande zu empfangen hatte, am Wechselkurse rund 4 Kr. gewann, verliert es jeßt, na< dem Jahre 1848, bei jedem Gulden, den es in diesex ganzen Zeit an das Ausland zahlen oder von diesem empfangen mußte, T Kr. Die Differenz des gegenwärtigen und früheren Kmfses beirägt 19/0, das ist 1 Kr. für jeden im Außenhandel bewegten Gulden. Dabei sind aber selbstverständli<h die Verkäufe und Käufe von Werthpapieren, die Bezahlungen für Dienstleistungen, Ve! sicherungsprämien, Frachtgebühren und dergleichen ebensowohl mit inbegriffen, wie die Zahlungen für bezogene und gelieferte Waaren. Die Verluste beziehen sich auf Alles, was zwishen Desterreich und dem Auslande unter irgend welchem Titel zu zahlea oder zu empfangen war, und da die Summe aller internationalen Trantakiionen Dester- reihs seit dem Jahre 1848, gering gerechnet, auf 20 Milliarden ver- anschlagt werden muß, so hat das österreichische VBeolk in dieser Zeit an den Wechselkursen allein 200 Mill. Fl. eingebüßt.“

Pest, 18. März. In der Konferenz des liberalen Klubs am 16. d. M. theilte der Minister-Präsident Tisza mit, daß er die Session zwishen dem 24. und 28. d. M, s{<licßen und Tags darauf die neue Session eröffnen möchte, für wel<he dann die Vize-Präsidenten, Schriftführer und mehrere während der Ferien berathende Ausschüsse zu wählen wären, worauf das Haus bis 23. April vertagt würde. Die Konferenz nahm diese Vorschläge an. :

Das Abgeordnetenhaus begann gestern die General- debatte über das Gese, betreffend die Volks\schulbehörden. Nächster Zwe>k des Entwurfes ist, die Schulverwaltung mit der Gesammtadministration, wie diese dur< das Geseg über die Ver- waltungsaus\{<ü}e normirt wird, in organische Verbindung zu bringen. Auch sollen gleichzeitig einige der wesentli<hsten Ge- bre<hen des Gesehes vom Jahre 1868 geheilt, namentlih dem Schulinspektor eine feste Position geschaffen, die Schulräthe be- seitigt und endli die Oberaufsicht des Staates bezüglih der fonfessionellen Shhuïen unter Wahrung der Rechte der Kon- fessionen in Betreff der autonomen Schulverwaltung praktis{< wirksamer gestaltet werden. Der Entwurf wurde mehrseitig heftig angegriffen. Die Opposition ging aber: niht vom poli- tishen Paxteistandpunkte, sondern von konfessionellen Rü>- sichten aus. E

Heute votirte das Haus den Gesezentwurf mit überwiegen- der Majorität. / :

Die in der lehten Zeit vorgekommenen Mandatsnie- derlegungen sind nah der „Pr.“ auf Grund der Bestim- mung dez Inkompatibilitätsgeseßes erfolgt, kraft welcher derjenige

Abgeordnete fcin:s Maudats verlustig wird, der die Aufhebung der Beschlagnahme seiner Diäten niht vor Ablauf von drci M

0 naten bewirft hat. Diese Vorgänge haben die Idce ciner Revisio: des vor zwei Jazren geshaffenen Gesehes angeregt, und di „Pester Korrespondenz“ enthält folgendes darauf bezüglihe

5 ? b B v

: den

1 gabe der

Communique: „Die Regierung verschließt si< zwar nicht den } mannig?achhen Uebelständen und unzukömmlichen Vexationen, die

aus der auf die Diäten der Abgeordneten bezüglichen Bestim: |

mung des Inkompatibilitätsgesezes erfließen, sie it jedoh dur- aus nit gewillt, für die Abgeordneten cin Privilegium zu schaffen und die Diäten für die gerichtliße Beschlagnahme un- zugänglih zn maHen. Doch dürften bei Gelegenheit der bevor- stehenden legislatorishen Regelung der Frage, bis zu wetchem Maße der Gehalt und die Bezüge gericztli<h mit Beschlag be- legt werden dürfen, die Abgeordnetendiäten in die Kategorie der staatlihen Bezüge eingereiht werden.“

Welgien. Ueber die gegenwärtigen belgishen Zußände entnehmen wir einem Artikel der „AUgem. Ztg.“ Folgendes: Beim Ablauf einer zweijährigen Legislaturperiode und beim Herannakben der auf die zweite Hälfte des fünftizen Monats Juni anberaumten Wahlen behufs Erneuerung des Mandats der Vertreter der Provinzen Brabant, Namur, Luxemburg und Antwerpen in der Repräsentantenkammer und des Senats hat s< in Belgien ein Parteileben entwidelt, rege und * leiden- \chaftlih, wie es kaum in einem andern Land wiederzufinden ist, Die Vorgänge daselbs verdienen besonders deutscherfeits in allen Phasen mit der größten Aufmerksamkeit verfolgt zu werden, weil das Verhalten der Ulirawontanen in Beigien viel Aehnlichkeit mit dem Gebahren ihrer Gesinnungsgenossen in Deutschland hat.

In feinem andern Lande Europas if die Gestaltung der Parteien einfaher und ihre Siellung zu einander s<rofer, als in Belgien. Es giebt blbs zwei große, sireng begrenzte Par- tcien: die Liberalen und Klerikalen.

Die klerifale Partei, die aus lauter Katholiken besteht, wie denn übcrhaupt die Bevölkerung Belgiens fast aus\hließli< der katholischen Konfession angehört, nennt sih selbst die „katho- lis<he Partei“. Ihr Programm isst einfah: die päpsilihe Un- fehlbarkeit mit all ihren Folgen, mithin die Rückkehr zum rein theokratischen Staatssystem. Eigentlihe Abstufungen giebt es in dieser Vartei nit, deren Vertreter in den geschgebenden Versammlungen si<h blos in Vorkämpfer und in Gemäßigte unterscheiden. Erstere erhalten ihre Lofung von den Bischöfen und kämpfen geradezu mit Wort und That gegen den modernen Staat an; leßtere verfolgen ganz dasselbe Ziel, erwägen aber bei jeder Gelegenheit vorerst die Opportunitätsfrage. Zu diesen gehören die Mitglieder des gegenwärtigen Kabinets,

Ankämpfen gegen den Ultramontanismus und Wahrung der verfassungsmäßigen Freiheiten und der Unabhängigkcit Der Civilgewalt gegenüber den verschiedenen religiösen Konfessionen bildet das Programm der liberalen Partei. Seit mehr denn einem Jahrzehnt ist im Liberalismus eine Spaltung entstan- den, welche im Iahre 1870 die Klerikalen an das Ruder ge- braht hat, und aller Bemühungen der lehten zwei Jahre unge- achtet den Sieg der Liberalen in dem bevorstehenden Wahlgang theilweise im Zweifel läßt.

Zur richtigen Auffassung der Lage und der Würdi ung der Parteistellungen bedarf es einiger Aufklärungen über die Ver- faffung und die derselben angereihten organischen Gesetze. Die Verfassung, wel<he vom Iahre 1830 datirt, \fanktionirt vollkom- mene Religions- und Unterrichtsfreiheit, jedo besoldet der Staat die Diener der verschiedenen Kultusformen; die Civilehe ift obligatoris<h und muß jederzeit der fir<li<en Einsegnung vor- hergehen; das Wahlrecht ist der Zahlung eines dur<h das Ge- sey zu bestimmenden Census unterivorfen. Dieser Census ift seit 1869 auf 42,25 Fr. für die Wähler zu den legislatorishen Ber- sammlungen und auf 10 Fr. für die Gemeindewähler festgestellt. Der Primärunterricht ist dur<h ein Geseß von 1842 geregelt, welches der Geistlichkeit fast unumschränkte Gewalt in dem Volîs=- unterrit einräumt. Jeder Belgier ist befugt, eine Schule zu gründen, sei er befähigt oder niht, und es is dem Familien- vater überlassen, seine Kinder in diejenige Schule zu \chid>en, die ihm gefällt, oder dieselben ohne jeden Unterricht aufwachsen zu lassen. Jede Gemeinde is verpflichtet, wenigstens eine Primärschule zu errihten, wenn ni<ht \{<on hinreichend Privat-

shulen in derselben bestehen. Ebenso frei sind die Lehrer- seminare, nur müssen dieselben ein vom Staate die wissenschaft- lihen Fächer umfassendes Programm befolgen. Aus ihnen gehen die künftigen Gemeindelehrer hervor, wel<he von den Gemeinderäthen angestellt werden, ohne daß es der Da- zwischenkunft der Regierung oder einer vorhergehenden Be- fähigungsprüfung bedürfte. Die Gemeindeschulen stehen dem Klerus jederzeit zur Ueberwachung des Unterrichts in religiöser und moralischer Beziehung ofen, während die Privatsczulen feiner Inspeftion Seitens des Staates unterworfen sind. Die Kosten des öffentlihen Primärunterrichts sind theilweise zu Laften der Eltern, deren Kinder die Schule besuchen, theilweise zu Laften der Gemeindekasse und der Woßhlthätigkeitsburegus.

Daß unter dieser Umständen der Volksunterricht fast aus- \<{ließlih in die Hände des fatholishen Klerus fallen mußte, liegt Jedem klar. Seine Privatschulen find zahlreich, sowohl in Städten, als auf dem Lande; denn er gebietet über uners{<öpfli<he Mittel, die einerseits dur Privatschenkungen und Kollekten, andererseits dur das ungeheure Vermögen der religiöfen Korporationen und durch freiwillig gezwungene Beiträge der Geistlichkeit ge- liefert werden. In seinen Schulen, in welche nie ein Staats- Inspektor, nie cin Gemeinderathsmitglied den Fuß fett, lehrt er, was ihm beliebt; in den öffentlihen Primärschulen hat er die Oberaufsicht, lenkt unter dem Vorwande der Moral den Unterricht und bildet in seinen zahlreichen Lehrer-Seminarien die überwiegend große Mehrzahl der Lehrer heran. Es brau<t wohl niht hervorgehoben zu werden, daß der Volksunterricht eine dem Ultramontaniêmus aus\chließli<h günstige Richtung verfolgt, und es dahin gekommen ist, daß befonders auf dem flachen Lande der Ortspfarrer für den einfachen Landmann die Personifikation aller Autorität ift und die Wähler si blind an die Wahlurne führen lassen.

Das Wahlgesez scheint bestimmt, diese Alleinherrschaft des Klerus no<h zu verstärken. Es bestehen nämli in Belgien blos zweierlei Steuern, die Grund- und die Patentsteuer , d V die Auflage auf den katastralen Reingewinn und die Ausübung eines Gewerbes, so daß sämmilihe Beamte, Advolaten, Leh- rer 2c., wenn fie ni<t Eigenthümer sind, oder die auf dem von ihnen bewohnten Hause haftenden Steuern übernehmen, nit Wähler find; jeder Wirth, Spezereikrämer und Portier, der in den meisten Fällen den auf seine Loge mit Wohnung ent*allen- den Theil der Steucr zahlen muß, wahlberechtigt ist. Die Intelli- genz ist fomit geradezu vom politischen Leben ausgeschlossen, das größte Kontingent der Wähter aber liefert eben der Bauer

! und der Wirth. Erfterer ift in den meisten Fällen klerikal, leß- r 6 iheornas bet í i fuagi i 0 ils

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Dritter.

Aus dem Vorsichenden erhellt, daß die Auf- ( Liberale i Sen ene leihe i. Das Terrain is dem Ultramontanièmus von Natur aus günstig, und na< fünfundvierzigjährigem Wirken und Streben hat fich derselbe fest vershanzt.

Die Freibeit des Unterrichts if erwiesenermaßen eine tódt- lihe Waffe in den Händen des Ultramontanismus und diesel2e muß ihm entwunden werden Dem Staate liegt die Pflicht ob, für den Unterricht dec Iugend Sorge zu tragen, und ihm steht das Recht zu, diesen Unterricht zu leiten und zu überwachen,

| damit ni<is Staatsgefährliches gelehrt werde.

Wie man sieht, sind beide Faktoren der liberalen Partei cinig was den Zwe> betrifft, nur bezüglih der Miitel und der Opportunität herrs{<t Widerspru<h, und diefer Widerspruch hat durh heftige Deklamationen beiderseits zu einem drohenden Bruche geführt, der jeden Tag erfolgen kann und dessen Kon- sequenzen für den Liberalismus ungbsehbar fein würden.

Großbritannien und. Frland. London, 17. März, (E. C.) Den neuesten Angaben zufolge wird der Prinz von NRales am 5. Mai in England anfommen, da seine Besuche in Malta, Gibraltar und Lissabon längere Zeit in Anspruch neh- men. Der FKolonial-Minister empfing am 16. d. M. die Morgens aus Singapore abgesandte telegraphische amilie Mittheilung, daß der Datu Schagor, der als Häuptling bei dec Ermordung von Birch zugegen war, eingefangen worden ift.

Frankreich. Paris, 16. März. Der „Moniteur“ fommt heute in Anknüpfung an die Darlegung des Kabinets noch einmal auf dieauswärtigen Verhältnisse zurü>, um zu betonen, wie im Senat und in der Deputirtenkammer die auswärtige Politik Frankreihs eine fast einmüthige Zustimmung erhalten habe; selten habe Frankreih aber no< so gute Beziezungen mit dèm Auslande gehabt, selten sei ein solcher Einklang im europäischen Konzerte gesehen worden ; die biptomatische Thätigkeit Frankreichs sei um so wirksamer, je ruhiger, gchaltener und gesammelter sie auftrete und je mehr sie raushende Kundgebungen und Defkla- ationen vermeide. Wenn die Regierung ihre Friedenstiebe betone, so stehe dieses Gefühl mit Frankreihs Ideen und Zielen im Einflange.

Der Gouverneur von Paris hat, einer Meldung der „Cöln. Ztg.“ zufolge, eine Vorlesung verboten, wel<h: Legay über Tifsots Voyage au Pays des Milliards angefündigt hatte.

Versailles 18. März, (W. D, B). In dex heutiger Sitzung der Deputirtentammer brahte der Deputirte Floquet einen Geseßentwurf, betreffend die unverzüglihe A uf- hebung des Belagerungszustandes, ein. Die Versamm- lung beshloß mit großer Majorität die Dringlichkeit für die- sen Antrag. Der Finanz-Minister legte hierauf einen Gefeg- entwurf vor, betreffend die Bewilligung eines Kredites von 1,750,000 Francs für die durh die Uebershwemmungen A hs Der Wafserstand der Seine nimmt lang- am ab.

Spanien. Madrid, 18. März. (W. T. B.) Die an den König zu rihtende Adresse ist na<h lebhaften Debatten mit 276 gegen 30 Stimmen von den Cortes angenommen worden. Der König wird heute Abend im Escurial erwartet.

Ftalien. Rom, 18. März. (W. T B.) In der heutigen Sizung der Deputirtenfammer interpellicte der Deputirte Moranuas die Regierung wegen der Arr und Weise der Er- hevung der Mahlsteuer. Der Minister-Präsident Minghetti erwiderte, die Regierung fei gegenwärtig mit der Prüfung cines verbesserten Einhebungsmodus der Mahlsteuer beschäftigt, deren Maximalerträgniß 99 Millionen Fres. nahe komme. Moranas erklärte, daß ihn diese Antwort des Ministers nit befriedige, und beantragte eine Motion, worin die Kammer ausspricht, daß sie zwar von der Nothwendigkeit durhdrungen sei, das Mahl- gesey niht zu alteriren, daß sie aber die Ueberzeugung hege, daß das Ministerium in Anwendung des Mahlgesezes den Steuerpflichtigen gegenüber unbillig verfahren sei.

Im weiteren Verlauf der Sizung erklärte der Minister- Präsident, die Regierung beabsichtige über die Frage bezügli des Rü>kaufs der Eisenbahnen ein Votum der Kammer zu pro- voziren, und möge die von Moranas vorgeschlagene Tages- ordnung bis dahin vertagt werden. Nachdem Depretis, Cor- renti und Piccioni diesen Vertagungsantrag Minghetti's bekämpft und der leztere wiederholt darauf bestanden hatte, ward derselbe mit 242 geen 181 Stimmen abgelehnt.

i S Ds ean Mimi ses rium hat, wie die „Agenzia Stefani“ meldet, dem Könige feine Demission eingereiht. Mit der Bildung eines neuen Ka-=- binets ist der Deputirte Dep rétis beauftragt. Eine Liste für das neue Ministerium ist no< nit festgestellt.

Griechenland. Athen, 18. März. (W. T. B.) Die Shlußverhandlung in dem politishen Prozesse gegen das gesammte Kabinet Bulgaris wegen Verfassungsver- legung ist auf den 24, März anberaumt worden.

Türkei. (W. T. B.) Nach einem der „Agenc? Havas“ zu=- gegangenen Telegramm aus Ragusa haben die Türken am 18, d. M. die Insurgenten bei Mussisch nah einem lebhaften Kampfe zurückgeworfen und darauf Klobu> beseßt.

(W. T. B.) Eine Meldung der „Kölnischen Zeitung“ aus Wien bestätigt, daß cs den übereinstimmenden Vorftellun=- gen der Vertreter Oesterreih-Ungarns und Rußlands in Belgrad gelungen is, die dortigen friegerishen Einflüsse zu beseitigen. Die Situation sei gegenwärti ruhiger. Die mehrfa<h verbrei- teten allarmirenden Gerüchte seien von der Omladine ausge- gangen.

(W. T. B.) Von bestunterrihteter Seite wird versichert, daß die Gerüchte über den Einmarsh serbis<her Truppen in türkishes Gebiet vollständig unbegründet sind. Vielmehr fei es den Bemühungen der Mächte gelungen, eine derartige Gefahr zu beseitigen.

Anßland und Polen. Die Stellung des Kardinals Ledochowski zu Rom giebt der russishen „St. Peterb. Ztg.“ Veranlaffung zu einem Leitartikel. Dieses Blatt sagt unterm 15. März u. A. Folgendes:

„Seit der Ankunft des früheren Posenschen Erzbischofs Kardinals Grafen Metschislaw Ledochzowski in Rom zeigt si im Vatikan eine ungewöhnliche Thätigkeit, Man baut daselbst große Hoffnungen auf den Kardinal und hofft ijn als mächtigen Streiter in dem Kulturkampf gegen Deutschland, Rußland und Oefierreih zu benußen und meint, daß die gegenwärtigen Wirren im Osten diese weiten Pläne begünstigen. Man muß bemerkcn, daß zivishe# dem Vatikan und Konstantinopel ein lebhafter Austaush der Gedanken stattfindet, während die <rifuligen