1876 / 81 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Au3 Baden, 24. März, {reibt man dét „Schw. Merkur*: | Scharfe Kritik ay de: Richtung der Moyr'schen Schule übt eine so» even ericienene Gescicbte des badischen Landes zur Zeit der Römer. Der Verfasser, Staaisrath K. y. Be>er, der früher eine bôbere “Stellung in russishem Dieuste bekleidete und seit einigen Sahren s&‘aecn Wobnfiß in Karlsrube genommen hat, faßt das Re- Fultat sei‘aer die umfafjendste Beherrschung der eins<lägigen Literatur befunder:den Ausführungen vnd der an Ort und Stelle wiederholt anges&-llten Untersubungen in neue Thesen zusammen, die mit der Meo=e’schen Geschichtéauffassung in direktem Geaensaß stehen. Von den Städten in Baden läßt Hr. v. Be>er nur Constanz und Baden uxd etwa no< Badenweiler und Ladenburg als römish ge!ten. Den zömischen Ursprung der Burgen verwirft er für das Zehntland völlig.

Die Akademie française hatte am 30. v. M. einen neven fiändigen Sekretär an Stelle des verstorbenen Patin zu er- nennen. Gewählt wurde Hr. Camille Doucet, ein drama- tischer Dichter, mit 21 Stimmen. 7 Stimmen entfielen auf seinen Mitbewerber, Hrn. Camille Roufset, den Historiker und Arcbivar, Verfasser des verdienstvollen Buchs über die „Freiwilligen von 1792“, und 1 Stimme auf Sylvestre de Sacy.

Gewerbe und Handel.

Pest, 3. April. (W. T. B.) In der gestern stattgehabten Generalversammlung der ungarischen allgemeinen Kreditbank wurde die Bilanz vorgelegt. Dieselbe weist nah be- deutenden Abschreibungen einen Reingewinn von 485,725 Fl. auf. Zur Ergänzung desselben auf 609,000 Fl. behufs De>ung der Zinsen

VBerlin, den 3. April 1876.

Unter den Landschaften, welhe die Ausstellung des Berliner Künstlervereins während der lezten Wochen vor- führte, ift an erster Stelle eines großen Bildes von K. F. Lessing zu gedenken, das die poetish \<öpferis<he Kraft des berühmten, troß seines hohen Alters no< immer rüstigen Meisters nicht ‘im geringsten ermattet ersheinen läßt. Das Motiv der dargestellten Scenerie hat der Maler, wie in mancher seiner früheren Land- chaften, der Eifelgegend entnommen.“ Ueber eine sich weithin dehnende Gebirgsflähe, aus deren seitwärts ansteigendem Ter- rain mächtige kahle Felsblöfe aufragen, bli>t der Beschauer in eine nicisterhaft vertiefte öde, leere Ferne und auf ihre am Horizont si< in blauem Duft verlierenden Hügelketten ; vom Vordergrund aber windet sih, an einem stillen Wasser vor- beiführend, am Fuße der Höhen ein {hmaler Pfad zu einem in Flammen stehenden einsamen Städtchen hin, über dessen Dächern fih dic qualmenden Rauhwolken, von der {weren Lust nieder- gedrüdt, mühsam zu dem finsteren, von <hwärzli<h grauen Regen- wolken verhüllten Himmel emporringen. Es ift vor allem der ernste elegishe Ton der Schilderung, der ergreifende Zusammen- klang des Menschenschifsals mit der wahr und charaktervoll wiedergegebenen, erhabenen Großartigkeit der Natur, der in dieser Komposition wie in früherer gleiher Art den Beschauer nah- haltig fesselt; aber auv in seiner Behandlung, wenngleih sie vielleicht ni<ht völlig auf der Höhe modernster Malerei steht, wirkt das Ganze so frish und kräftig, wie es tief und gesund empfunden ift.

Eine verwandte Natur \<hildert Hesse in einer großen Harzlandschaft, die aber doch dur die außerordentlihe Feinheit ihres Tons nicht ganz für eine gewisse Leere des Motivs zu ent- schädigen weiß. Desto interessanter erscheint Jacobs „Ansicht von Subiaco“, ein in sattem, warmen Ton mit sicherer Bravour, nur cin wenig zu dekoraliv behandeltes, dabei aber höchst originell aufgefaßtes und durch eine buntbewegte Staffage römischer Land- [eute sehr glü>lih belebtes Bild des in malerisher Gruppirung mit feinen Häusern und Mauern an dem steilen Felsenhang emporsteigenden und von dem hochgelegenen Kastell bekrönten Städtchens.

Neben einer kleineren, sorgsams durchgeführten italienischen Landschaft des verstorbenen Marko is au<h no< von Lutte- roth ein ansprecendes, \onniges Capri-Bild vorhanden. Ein größeres Bild desselben Künstlers, ein gut komponirtes Motiv aus einem Sc<hloßpark mit einer prächtigen, sih \{<hattend am Rande des glizernden Sees erhebenden Baumgruppe und der Staffage einer Dame mit zwei Kindern in hellster Sommer- kleidung, ersirebt in seiner eleganten, zarten und lihten Färbung, die von früheren Arbeiten des Malers erheblih abweicht, einen besonders originellen ktoloristishen Effekt. Obgleih aber dabei die stille, sonnig heitere Stimmung der Natur keineswegs ver- fehlt ist, so steht die gesammte malerishe Haltung do< dit an der Grenze einer süßlihen Manier, wie fie in dem noh duftiger verblasenen Ton eines Frühlingsbildes bereits entshieden un- angenehm wirft.

Viel glü>lichec ist in einem Bilde von Hermes, röthlih blühenden Obstbäumen und Büschen, die mit ihrem dichten Gezweig tief über das ruhig hinfließende Wasser herabhangen, ein ganz ähnliches Frühlingsmotiv injenem feinen silbergrauen Ton behandelt, dur<h den auch eine neue holländische Landschaft des Künstlers, ein Gehöft am Rande eines tief in das Bild sich hineinschiebenden, zwischen flachen Wiesengründen langsam daher- ziehenden Kanals, sich ebenso auszeihnet wie durch die meister- lich in ihr getroffene warme, leicht verschleierte Luft, die fast ihläferige, sommerliche Ruhe der geschilderten Natur.

Durch eine glü>lihe Wiedergabe der anheimelnden land- \chaftlihen Stimmung tritt ferner ein Waldinterieur, Motiv aus der Rhön, mit weidenden Kühen von Koken, das trog des \eltsam zerha>ten Baumschlags do<h eine treffli<h geschlossene und wahre Wirkung erzielt, \owie ein no<h feiner getönter \onniger „Mittag im Kieferwalde®“ von Danz hervor, der nur in der Staffage einer ruhenden Rinderheerde eine genauere Durchbildung der Formen vermissen läßt. Ein „Morgen im Dorf* mit zur Weide ausziehender Schafheerde von Malchin würde bei der intimen Beobahtung der Natur und der liebe- vollen Dur<hführung im Detail einen no<h ungleih günstigeren Eindru> machen, wenn der Gesammtton klarer und frischer wäre. Neben zwei Bildern von Fli>el, einer kleinen „Donau- landschaft“ von einfa< s<li<hter und treuer Wahrheit and einer in ihrem dihten Grün etwas {wer und kalt gerathenen beæwal- deten Uferpartie, einem in sehr energischer Beleu<htung kräf- tig und siher behandelten „Sonntag in Schleißheim“ von Quaglio und einem Motiv von der \{wedishen Küste von KVntonie Biel i| endlih no< eine meisterhafte Marine pon Saltmann, ruhig einherwogendes, von fern hinshweben- den Segeln belebtes Meer, dessen leiht gekräufelte Wellen den zarten röthlihen Schimmer der am Horizont finkenden Sonne wiederspiegeln, eine dur<h rei<hbewegte Staffage belebte, bei feinem grauen Ton nur allzu \kizzenhaft behandelte „Straße aus dem JIudenviertel von Warshau“ von Feddersen und eine „Straße aus Kairo“ von Ad. Bochm hervorzuheben, der bier in der Schilderung der malerishen Architektur, der dichten, bunten Volksmenge und der von den lezten Sonnenftrahlen dur{glühten heißen Luft eine niht geringere Meisterschaft zeigt,

vôn 5 % für die Aktien werden 114,275 Fl. dem Reservefonds: ent- nommen. Sämmtliche Anträge wurden gen:hmigt und der bisherige Verwaltungsrath sowie die Direktoren wiedergewählt.

Verkehrs-Anstalten.

Einer Mittheilung des württembergishen Finanz - Ministers v. Renner in der Kammer der Abgeordneten zufolge haben die württembergischen Staatsbahnen bis 1. Juli 1875 396 Mill. Mark Anlagekapital erfordert, inbegriffen aller Gelder, wel<e mit Hülfe von Anlehen, Grundsto>, Restmitteln, Vorshüssen beschafft wurden. An Zinsen mußte die Staatskasse bis zu jenem Zeitpunkt im Ganzen 154 Mill. Mark bezahlen. Dagegen betrug der Ertrag 140 Mill. Die Steuerpflichtigen mi also von 1845—75 14,160,009 4 aufbringen, wobei au die Bauzinjen eingerechnet sind, welche font zum Anlagekapital gere<net werden. Ohne diese sind die Zinsen aus dem Anlagekapital dur<h den Ectrag der Bahnen fast nahezu gede>t. LAußerderz aber sind aus den Steuern 19,500,000 an der Eisenbahnschuld, somit am Anlagekapital getilgt worden. Nach Abrechnung dieser Tiloung an der Schuld betcägt jeßt der En Zics der Eisenbahnchuld 11,892,000 #, der Ertrag aber ist ür 1876 auf 12,605,000 A berehnet, somit ift für 18%/;; der Reinertrag der Eisenbahnen nit ganz erforderli zu Bezahlung der Zinsen aus der jetzigen Eisenbahnshuld. Der Minister fügte binzu, daß fi< Württemverg demnach in einem günstigen Verbältniß be- finde und uach seiner Anficht ruhig in die Zukunft bli>en könne, vor- ausgeseßt, daß in die jeyt bestehendeu Verhältnisse keine Störung von außen hereintrete.

als in früheren ähnlihen Bildern, deren Motive der Heimath entlehnt waren.

Den Orient vertreten außer dem eben genannten Maler no<h Berninger und Körner, der Erstere mit zwei kleinen Straßenpartien von ‘sehr entschiedener, aber niht ganz über- zeugender Tonstimmung, der Lehtere mit einem Bli> auf Stambul, hinter dessen in feinen grauen Duft gehüllten Häuser- massen der klare Spiegel des Meeres sihtbar wird, während der tiefgetönte, durh eine Staffage vershleierter Frauen belebte, übrigens etwas \<were Vorgrund mit seinen hohen Baum- gruppen von dem leßten warmen Wiederschein der nieder- gegangenen Sonne durchleuchtet ift.

Außer einem prächtigen, in tiefgesättigtem, kraftvollen Ton mit meifterhafter Breite behandelten großen Stillleben, einer vor- züglihen Arbeit von Hertel, müssen zum Schluß no< drei plastishe Werke Erwähnung finden, eine von Silbernagel modellirte kleine Bronzestatuette des Fürsten Bismar>, die in der ruhig geshlo}cnen, <arakteristishen Haltung des Darge- stellten wie in dem \<harf beobachteten Ausdru> des Kopfes als eines der gelungensten Porträts des Reichskanzlers ersheint, und die in bronzirtem Zinkguß ausgeführten, als Kandelaberträger gedahten Figuren eines Pagen und eines Edelfräuleins von Wiese, der au<h hier seine Begabung für derartige dekorative Schöpfungen von neuem be- kundet, in der weitaus gediegeneren der beiden Gestalten, der- jenigen des Pagen in knapp anshließender Tracht der Früßh- renaifsance, aber doh eine bedenklihe Neigung zeigt, den indivi- duellen Reiz de: von der Natur dargebotenen Formen einer äußerlih shwungvollen, shematishen Zeihnung zu opfern.

Der Anmeldungstermin für die internationale Aus- stellung für Jugendpflege und Volksbildung, die, wie wir bereits eingeheud berichtet, im Schloßparke zu Schönholz bei Berlin in Ausficht genommen, ist bis zum 15. April ausgedehnt worden, eine Maßregel, welche jedo eine Einwirkung auf die Eröffnung der Ausstellung niht haben wird. Die Uusstellung wird in diesem Jahre von Deatschland, Oesterreih und der Schweiz be- \chi>t. Das regste Interesse für das Unternehmen haben die Handels- fammern dieser Länder an den Tag gelegt, welche niht nur die Jn- dustriellen ihrcs Bezirkes zur Theilnahme direkt aufforderten, sondern auch zum Theil selbst die Bildung von Auzstellungêcomités in die Hand nahmen. In Oesterreich hat außecdem die Montanindustrie si< des Unterchmens augenommen. Nächstdem hat der ge- sammte deutsche Buchhandel eine rege Betheiligung an den Tag gel°gt. An Ausstellungshz=llen sind elf in Aussicht genommen: Für Beschäfti- gungs- und Unterrichtömittel aller Erziehungsmethoden; für A. Lehr- und Lernmittel und B. Eczeugnisse des Buchhandels ; für ausgestopfte Thiere, lehrreiche Kunstgegenstände und Sammlungen; für photo graphishe und mifcoskopishe Apparate und Darstellungen; tür Spiel- waaren und Apparate zur Jugendunterhaltung; für Tura-, Feuer1ösch- und gymnastishe Apparate; für Turn- und Touristen-Bektleidungs- stü>e und Fußreise-Utensilien; für Gartengeräthschaften; für Be- wässerungs- und Erleuchtungsapparate; für Kraftnahrungsmittel ; für präparirte Speisen und Getränke zur Mitnahme auf Reisen.

Die Dynamit-Explosion in Bremerhaven.

In der wegen der Bremerhavener Dynamit-Explosion vom 11. Dezember 1875 eingeleiteten Untersulung find seit dem vom unterzei<neten Amte am 28. Januar 1876 veröffentlichten Berichte die nachfolgend zusammengestellten Thatsachen ermittelt worden:

Bremerhaven, am 25. März 1876.

Bimelant Sens Amt. ul

ß.

Des William King Thomas richtiger Name ist Alexander Keith. Er ist in Halifax (Nova Scotia) geboren, wo sein Vater John Keith und sein Onkel Sir Alexander Keith ais Brauereibesißer lebten. Letzterer, ein sehr angeschener und vermögender Mann, hatte dem jungen- Neffen eine Stelle in seinem Geschäfte gegeben.

Während - des amerikanischen Secessionskrieges wurde Halifax ein Hauptrendezvousvlaß für Blo>kadebrecher, namentli<h feit 1864, als in Nassau und Bermuda, den früheren Hauptstationen des Blo>ade- handels, das gelbe Fieber ausbrach.

Alexander Keith jun., von seinen Freunden gewöhnliß „Sandy Keith“ genannt, zeichnete si< dur< Enthusiasmus für die Sache der Südstaaten, dur< Unterstüßung flüchtiger Südländer und duc:< thätigenden Antheil, den er an den Unternehmungen der blo>ade- bre<enden Schiffe nahm, so sehr aus, daß er von seinen Gesinnungs- genossen den Namen Confederats Consul erhielt. Die Stellung in dem Geschäfte seines Onkels gab er auf, um sih ganz dem Blo>adehandel zu widmen. Jm Halifar Hotel, wo er Wohnung nahm, spielte er troß seines etwas vulgären Benehmens, namentlih seiner großen Unmäßigkeit im Essen und Trinken wegen seines jovialen Wesens und seiner Freigebigfeit eine bedeutende Rolle. Genague Be- ziehungen zu den Kapitänen der in Frage kommenden Schiffe, namentli< au<h des von - ibm bei seinen Bremerhavener Ge- ftändnissen erwähnten Schiffes „Old Dominion“, und das unbedingte Vertrauen, welhes ec si< unter den Anhängern der Südstaaten und den flüchtigen Südstaatlern felbst er- warb, führten feinem Geschäfte reiche Geldmittel und erhebliche Aufträge zu. Sein Kredit bei den Banken in Halifax war un- beschränkt, Gegen Ende des Jahres 1864 vershwand er plöß- lid ven Halifax. Nach seinem Weggange stellte es sih heraus, daß er seine Auftraggeber dur< Unterschlagung anvertrauter Gelder und dur< Fälshungen um große Summen (man nahm an, im Gan- zen um 200,000 Dollars) bes<hwindelt hatte. Unter den Geldern waren na< der Angabe eines Zeugen 32,000 Dollars Verficherungs- gelder auf einen damals verunglü>ten Dampfer „Caledonia*. Thomas hatte das Schiff für dea Eigenthümer versichert, zog die Summe

na< Untergang des Dampfers ein und unters<lug sie. Andere Sum- men hatte er dadur< erhalten, daß er ftatt der Güter, die er im

Die Rentabilität -der- badis<hen Staatseisen- babnen beziffert si, einer Correspondenz der „St. A. f. W.“ zufolge, für das Jahr 1874 auf 3,36 °/9 (gegen 4,24 °%9 im Jahr 1873 und 4,08 9/9 1872). Unter den einzelnen Stre>en hat (na< dem Stand von 1873) dea hôsten Prozentsaß die Linie Karlsruhe-Offenburg 12,55 9%), dann Mannheim-Heidelberg-Karlsruhe (11,98 °/), Offen- urg-Freiburg (8,13 °/), die Rheinbabn Mannheim-Karlsrube (6,22 %/6), Basel-Waldshut (5,82 %/6), Durlaw-Mäüähla>er (5,47 9/9). Ein Defizit ergiebt fih auf den Linien Königshofen-Mergentheim, Lauda-Wertheim, Singen- Villingen 2c. Unter den Privatbahnen steht die Linie Karls- ruhe-Maxau immer no< weit obenan (mit 21,50 °%/) im Jahre 1874 gegen 23,03% 1873 und 31,20 9/9 1872), Die Wiesenthalbahn ertrug 1874 5,50 9/0. e

New-York, 1. April. (W. T. B.) Der Dampfer des nord- deuts>en Lloyd „Ne>ar* ift hier eingetroffen.

Aus dem Wolffshen Telegraphen-Bureau.

Wiesbaden, 2. April. (W. T. B.) Heute is in der hiesigen katholishen Pfarrkirhe der altkatholishe Gottes- dienst dur< Bischof Reinkens eröffnet worden. N

Münster, 2. April. (W. T. Der B.) Oberpräfident v. Kühlwetter hat gestern Abend das Domkapitel zur Wahl eines Bisthumsverwesers aufgefordert und demselben gleihzeitig mitgetheilt, daß der Regierungsrath Hüger auf Grund des S. 6 des Geseßes vom 20. Mai 1875 das Kirchenvermögen verwalten und in Verwahrsam nehmen werde.

Auftrage Drittcr mit Blo>adeschiffen versenden sollte, wertllose Güter \<hi>te and die Gelder für fih behielt. Der größte Theil der Gelder war ihm baar für sein Geschäft anvertraut. ;

Durch ein Zimmermädchen des HalifaxF Hotel, welches er mit fih nahm, undwelches, später von ihm verlassen, nah Halifax zurü>- fehrte, erfuhr man, daß Keith fich na< New York gewandt habe und dort unter dem auch bei früheren Geschäftsreijen von ihm gebrauch- ten Namen Alexander King Thompson lebe. Ueber seine damaligen New-Yorker Beziehungen ift Nichts ermittelt; er scheint den größeren Theil des von ihm aus Halifax mitgenommenen Geldes dort in Börsenspefulationen verloren zu haben; deun als er Anfangs 1865 in Highland (Illinois) wieder auftauchte, hatte er nur etwa 89,000 Dollars bei sh. Na Highlaud war er, anscheinend weil er si in New - York niht m-hr sicher fühlte, auf Anrathen eines in New - York getroffenen früheren Halifaxer Bekannten gezogen, dem gegezüber er den Wunsch ausspcah, in einem von Eifenbahnverbin- dungen fern liegenden Ort ungestört leben zu können. Ja Highbland lebte ec unter dem Namen Alexander King Thompsoa in der Weise eines reihen Rentiers, freigebig, nnbekümmert um seine Ausgaben. Er habe in New-Yo-k in Börsenspekulationen erhebli< gewonnen, erzählte er. Eines Tages bewirthete er alle Insassen seines Hotels mit Champagner, der für ihn allein im Hotel gehalten wurde, weil er, wie er sagte, einen Posten von 20,000 Dollars aus New-York be- fommen, den er schon verloren geglaubt hätte. Bei diesem Gelage lernte er Cäcilie Paris, die uaechelihe Tochter einer in St. Louis wohnenden Modistin Madame Paris kennen, die wegen Differenzen mit ihrer Matter deren Haus verlassen hatt2 und fi< bei einer deutschen Familie in Highland aufhielt. Nach 14tägiger Bekannt- schaft verheiratÿeten sih beide. Sie hielt sich für krank; fie wolle einen reihen Mann heirathen und ein paar Jahre vergnügt leben, börte man sie wiederholt äußera. Gegen Ende 1865 fand ein von Keith in Halifax um 25,000 Dollars beshwindelter Südländer, Oberst Luther R. Smoot, der den Spuren des Betrügers über New York und St. Louis folgte, den Keith in Highland auf, ließ ihn verhaften und führte ihn nah St. Louis, wo er si<h mit ihm abfand. Dem Verlangen des Keith, senen Aufenthalt andern Halifaxer Bekannten niht verrathen zu wollen, erklärte Smoot ni<ht na<hfkommen zu kön nen. In Folge déssen ja sich Keitb gezwungen, Highland zu ver- lassen, und er und seine Frau gingen îim Januar 1866, wie dies hon früher mitgetheilt is, mit dem Lloyd-Datnpfer „Hermann“ na< Europa. Nah Rüd>kehr aus seiner Haft erzählte Keith in Highland, er sei in Folge von Differenzen verhaftet gewesen, die er wegen. Ble>adebruhs mit der Regierung der Vereinigten Staaten getan Die Sache zu ebnen, habe ihm 10 bis 15 Tausend Dollars gckostet. Unter seinen Bekannten in Highland war ein alter deutscher uet bei dem er zuerst deutschen Unterricht genommen zu haben

eint.

Im Dezember 1870 war Thomas von Dresden ab ia New-York. Er reiste mit dem Hamburger Dampfer „Thuringia“ unter dem Namen William King Thompson Ein Mitpassagier, der ihn von Highland ab fannte, wunderte si< über die Veränderung der Vornamen, die Keith ihm gegenüber ohne weitece Bemer- fungen zugeftand. Ihm sagte er, daß seine Frau mit den Kin- dern in Dresden lebe, während er im Begriff ftehe, in Cali- fornien über ihm gehörige Grundstü>e zu verfügen. Daß er damals nicht na< Californien ging, vielmehr \{<on na< wenigen Wochen von New-York ab zurü>fahr, t festgestellt. Dagegen ist über den Zweek seiner Reise Nichts konstatirt. Die frühere Annahme, daß feine Reise mit dem Untergange der „City of Boston“ und der Hebung betreffender Versicherungsgelder in Verbindung gestanden, ift dur Nichts bestätigt. Im Gegentheil is ermittelt, daß die 3 Kisten Pelzwerk, die als von Halifax dur<h James Thomas verschifft im Manifeste des Dampfers „City of Boston“ aufgefallen waren, un- versichert dur) einen no< jeßt in Halifax lebenden James Thomas herübergesandt wurden.

In Betreff jeiner Unternehmungen aus dem Jahre 1875- haben die sorgfältigsten New-Yorker Untersuchungen keinerlei Hinweisungen auf wissentlihe Helferchelfer des Keith ergeben. Alle Personen, mit denen Keith bei den {hon früher na< Privatbriefen mitge- theilten, jeßt aber dur< offizielle Nachrichten vollkommen bestätigten Verhandlungen in Betreff} des mit dem Dampfer „Rhein“ hin- und zurü>ge\hafften Sprengfasses in Berührung gekommen ist, sind außer Verdacht der Mitwissenjchaft. Versicherungen irgend welcher Art auf die von ihm gefährdeten Schiffe hat Thomas in Amerika nicht abgeschlossen. Bei der dur< Skidmore vermittelten Aufnahme des Sprengfasses in das bonded warehouse in New-York ist der Inhalt nur dur< Anbohren des Fasses festgestellt. So erklärt es sich, daß die im Fasse befindliche Uhr damals nicht entde>t wurde.

Ueber seine Reise mit dem Dampfer „Celtic“ (14. Oktober 1875) werden Aeußerungen des Schiffspersonals nachgetragen, nah denen Keith anscheinend nur bis Queenstown mitreisen wollte und in Aufs regung gerieth, als er na< Antritt der Reise hörte, daß der Dampfer, ohne dort, wie gewöhnli, anzulegen, direkt nah New-York fahre.

Was die curopäishe Ermittelung anlangt, so ijt nachträglich festgestellt, daß das dem Uhrmacher Fuchs von Keith vorgelegte Uyr- modell das von Rind in Wien gefertigte Originalwerk i} , ferner, daß die Uhr, welche im Dezember 1875 in Bcemen von Keith in Reparatur gegeben wurde, zweifellos die von Fuchs gelieferte Uhr war. Die von dem Bremer Uhrmacher nah der Erinnerung ange- fertigte Zeichnung der Uhr ist von Fuchs als die richtige Zeichnung seines Werkes anerkannt. Die in Zllusiration3werke übergegangene Juchssche Zeichnung enthält, wo sie von der Bremer Zeichuung ab- weicht, Ungenauigkeiten. Spuren von Mitwissern oder Helfern des Keith siad weder in Deutschland noh< bis jeßt in England ermittelt. s ; A Untersuchungen find indeß no< nicht definitiv ab- geschlossen. j

Verficherungen auf Scsiffe oder Schiffösgüter hat Keith bis 1875 in Europa nicht versucht.

Redacteur : F. Prehm.

Verlag der Expedition (K effel). Vier Beilagen

(eius<ließli<h Börsen-Beilage). (347)

Berlin:

Dru>: .W, Elsner.

Erfte Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staals-Anuzeiger.

AZ A, Nichtamlli<hes.

Deutsches Neis. Elsaß-Lothringen. Straßburg, 30. März. Die

„Straßb. Ztg.* \chreibt: In den Veröffentlihungen der Landes- }

presse finden si< wiederholt Angaben, wonach die Koften der Verwaltung der Zölle und indirekten Steuern in Elsaß-Lothringen bis zu 70 Proz. der Brutto-Einnahmen dieser Verwaltung ausmachen sollen. Die Unrichtigkeit dieser Angaben if \o augenfällig, daß es \i< n:<t der Mühe verlohnen würde, fie zu widerlegen, wenn fih niht do< Leser fänden, wel<he denselben Glauben \{henken. So bringt das „Els. J.“ in Nr. 76 eine Korrespondenz von einem seiner Leser Über die Weinsteuer, in welcher Folgendes bemerkt is: „1) Ist voll- kommen anerkannt, daß die daherigen Bezugskosten (der Wein- steuer) über 50 Proz. des Nettoertrages ansteigen u. \. w.* und knüpft daran einige nothwendigerweise unzutreffende S<lußfol- egr a0 Die thatsählihen Verhältnisse find folgende: Nach en Ergebnissen des Jahres 1875 betragen:

__ Die Brutto-Einnahmen aus den der Verwaltung der Zölle und indirekten Steuern in Elsaß-Lothringen unterstellten Reichs- und Laudessteuern 26,513,663 #,

die Gesammtausgaben dieser Verwaltung mit Aus- {luß der einmaligen außerordentlihen Ausgaben 4,211,002 und ftell:-n \si< also die Ausgaben im Großen und Ganzen auf 15,39 Proz. der Einnahmen.

Unter den Ausgaben sind die Kosten der Grenzzoll-Ver- waltung und der Grenzaufficht mit einbegriffen, welche als ein Theil der allgemeinen Verwaltungskosten des Deutschen Reichs streng genommen den Zolleinnahmen bei den elsaß-lothringischen Aemtern ni<ht unmittelbar gegenübergestellt werden können.

Wenn man von den Einnahmen die Reihssteuern ein- \{ließli< der Zölle und von den Ausgaben die betreffenden Verwaltungskosten in Abzug bringt, so verbleiben als

Einnahmen an Landesfteuern 13,441,570 4, Ausgaben wegen derselben 1,611,002 M, und betragen mithin bei den Landessteuern die Ausgaben nur 12 Proz. der Einnahmen. :

Hiernah i} es geradezu unverständlih, wie man zu der oben erwähnten Annahme gelangen kann, daß die Weinsteuer, welche von denselben Organen, wie der Eingangszoll, die Salz-, Tabak-, Branntwein- und Biersteuer, die Lizenzgebühren, ver- waltet und erhoben wird, einen Kostenaufwand von „50 Paoz. des Nettoertrages* veranlafse.

_ Frankreich. (Monatsübersiht für Februar). Seit Anfang des Monats war die öffentlihe Aufmerksamkeit auf den 20. Februar gerihtet, an welchem die Wahlen für die Deputirtenkammer stattfinden sollten. Die „Wahl- periode“ sollte dem Gesehe zufolge fünf Tage vor dem Wayl- termine ablaufen. Versammlungen reihten fih an Versamm- lungen, in denen die Wahblmanifeste der Central-Aus\{hüsse wie die Programme der Kandidaten erörtert wurden. In einer Rede zu Lille erklärte Gambeita, daß er von der neuen Kant- mer ecwarte, sie werde das Unterrichtsgesez beseitigen und der Welt erklären: „Hier bin ih! Ih bin immerdar das Frankreich der freien Forshung und der Gedankenfreiheit !“ Gleichwohl hatte um Mitte des Monats die Subskription für die katholishe Univerfität in Lille bereits 1,070,145 Francs ein- getragen, und Msgr. Dupankoup, welcher am 4. aus Rom zu- rüdfehrte, das vom Papste gutgeheißene Programm für den katholishen Univerfitätsunterriht mitgebraht. Nachdem Gam- betta am 10. in Marseille und dann in Bordeaux gesprochen, hielt er no< am 14. im 8. und im 20. Arrondissement Reden, in denen er für die Konftituirung einer maßvollen Republik ein- trat, wel<he den Uebergriffen des Episkopats gegenüber zu treten habe.

Unter den Wahlschreiben verdient dasjenige des Sohnes Napoleons 11]. Erwähnung, worin derselbe als Erbe der Auto- rität seines Vaters den bonapartistishen Wählern in Ajaccio verbietet, für den Prinzen Napoleon Jerome zu stimmen, dagegen die Kandidatur Rouhers empfahl. Der Riß in der Familie Bonaparte war damit offiziel angekündigt.

Der Vizepräsident des Kabinets, Buffet, ließ überall die Kandidaten des ciselhurster Bonapartismus unterstüßen, und die Blätter, welche behaupten, seine Stellung sei bedroht, wegen Verbreitung falscher Nachrichten verfolgen, so daß selbst der „Moniteur“ kein Bedenken trug, es betrübend zu nennen, daß „ein Mann in der hohen Stellung des Herrn Buffet die Unduldsamkeit und Ausscließlichkeit bis zu dem Punkte treibe, daß er seine Sache und no< mehr die Sache der Regierung mit derjenigen der ärgsten Feinde der Verfassung und des Marschalls verwechselt,

Der Polizeipräfekt Renault ersuhte „in Erwägung, daß seine Stellung als Kand:dat in Seine-Dise als unverträg- li<h mit seinem Amte gefunden werden könnte“, um seine Ent- lassung, zu seinem Nachfolger wurde Voisin ernannt.

Am 14. Februar fanden die leßten öffentlihen Wahlver- sammlungen statt, und noch am legten Tage wurden in Paris E c genannten neuen Polizeipräfekten zwei Versammlungen aufgelöst.

_ Das Resultat der Wahlen vom 20. Februar, welche mit Ruhe vor si< gingen, war ungefähr folgendes: 421 end- gültig gewählte Abgeordnete: 76 Radikale, darunter 13 Intran- figenten, wel<he ihrem Programm gemäß Opposition gegen Gam- betta machen; 149 feste liberale Republikaner von der Farbe der eigentlihen Linken, 70 vom linken Centrum, welche früher stets mit Thiers gestimmt haben, 37 Orleanisten, 28 Legitimisten und 61 Bonapartisten, welhe somit die Hälfte der gesammten antirepublikanishen Opposition bilden. 108 engere Wahlen ftanden no< aus. Von verschiedenen Gruppen der Linken waren 138 Mitglieder der National-Versammlung als Kandi- daten aufgetreten, 18 fielen dur<, gewählt wurden dagegen 40 Radikale, 37 von der Linken und 43 vom linken Centrum, welches au hier die meisten Wiederwahlen erlangte. Von den vershiedenen Gruppen der alten Rechten hatten sich mw: 92 Mit- glieder zur Wiederwahl geftellt, aber nur 40 wurden gewählt, daruntec Fourtou. Die ultramontanen Kandidaten, s des besonderen Wohlwollens des Vize-Präfidenten des Minister- Konseils, Buffet, und des Klerus erfreuten, erlitten eine voll- ständige Niederlage.

Berlin, Montag, den 3. April

Der genannte Minifter, wel<her in vier Wahlkreisen als Kandidat aufgetreten war, in keinem aber die Mehrheit erhalten hatte, nahm in Folge dessen seine Entlassung, mit ihm sein Unter-Staatsfekreiär Desjardins. Das amtlihe Blatt vom 24. meldete darauf, daß Dufaure zum Vize-Präsidenten des Konsfeils ernannt worden sei und interimistis<h das Portefeuille des Innern übernommen habe, sowie daß der A>erbau-Minister, der seine Entlassung nahgesu<t, vorläufig im Amte bleibe.

Durch den Ausfall der Wahlen vom 29. Februar hat das Land seinen Spruch dahin abgegeben: Frankreih will den ehrlihen Versu< mit der republikanishen Verfassung machen ; es will nit die Politik des „Kampfes“ und der „moralishen Ord- nung“, wel<he Buffet vertrat, es will Ruhe und Ordnung, aber nit die Freiheit im Geiste des Ultramontanismus. Frankreih ist liberal im Sinne des linken Centrums und hat, wenn nit unvorhergesehene Zwischenfälle eintreten, Aussicht auf eine Periode der Ruhe und friedliher Thätigkeit, bis zum Jahre 1880.

__ Gegen Ende des Monats begannen die Vorbereitungen für

die Stihwahlen des 5. März, von welchen die republikanische Majorität no< einen bedeutenden Zugang erwarten durfte, zumal nahdem der Versu<h Rouhers, fi<h zum Führer der ge- sammten monargishen und kierikalen Fraktionen aufzuwerfen gescheitert war. Die Führer des linken Centrums hielten fast täglih Besprehungen über die künftige Haltung der Majorität und deren Stellung zu dem neuen Kabinet. Gambetta begab sich wieder auf eine’ Rundreise, um im Osten den Sieg der Ge- mäßigten über die Radikalen durchzusezgen. Am Abend des 28. Februar traf derselbe von Marseille in Lyon ein und hielt dort eine Rede, worin er hervorhob, die Wahlen seien ein Protest gegen die Uebergriffe des Klerikalismus, der in der inneren und auswärtigen Politik {were Gefahren herbeiführen würde, wenn man ihn gewähren lafse; die Republi- kaner aber wollten Frieden mit dem Auslande und Fortschritt im Innern; ihr Losungswort sei Mäßigung, denn die Republik müsse Allen offen stehen, die fich aufrihtig um fie harten. Er trat damit im Ganzen für das Programm ein, wel<hes Thiers E la gi in der Nationalversammlung empfohlen und verfoh- en hat. _ Die Beendigung des Krieges in Spanien wurde überall mit Jubel begrüßt; nur die Ultramontanen \ympathisir- ten mit den Carlisten, verstärkten aber dadurh nur den Eindru> dieser zweiten Niederlage ihrer Partei.

Der Ball, den der deutsche Botschafter am 12. Fe- bruar veranftaltete, war besonders glänzend. Der Marshall Mac Mahon, der fergog von Nemours, der Prinz von Joinville, die Königin Isabella, die Minifter Buffet und Decazes und das ganze diplomatis<he Corps erschienen auf demselben.

Jn dem Ausweise über die Gesammtziffern der französischen Ein- und Ausfuhren während des Monats Januar erbli>te der „Constitutionel“ ein erstes warnendes Anzeichen, daß der in der legten Zeit \o blühende Handelsverkehr des Lan- des im Rü>kgange begriffen sei. „Die. Gesammtziffer der Ein- fuhren im Januar 1876“, sagte das angeführte Blatt, „über- steigt jene vom Januar 1875 um 11 Millionen (279 gegen 268 Mill.). Die Differenz i besonders merklih für die ver- arbeiteten Artikel. Im Januar 1875 bezog Frankreih solche verarbeitete Artikel in Höhe von 34 Millionen aus dem Auslande, im Januar 1876 beläuft si< die Ziffer um 9 Millionen höher, auf 43 Millionen. Das ift aber no<h von geringer Bedeutung im Verhältniß zu dem Folgenden. Das sicherste Zeichen für das Gedeihen des Handels und Gewerbes eines Landes ist unstreitig die Ziffer seiner Aus- fuhren. Im Januar 1875 hatte sih nun die Ausfuhr der ver- arbeiteten Artikel aus Frankrei<h auf 158 Miltionen belaufen, im Januar 1876 war fie auf 102 Millionen zurü>gewichen. Die Ausfuhr der natürlihen Erzeugnisse unseres Grund und Bodens hatte im Januar 1875 120, im Januar 1876 nur 86 Millionen betragen. Jm Ganzen ist unsere Ausfuhr von einem Januar zum andern um 92, nämlich von 290 auf 198 Mil- lionen zurü>gegangen.“ Dieser rapiden Abnahme der Absätße an das Ausland mochte übrigens die in mehreren Nahbar- ländern herrschende Geschäftskrifis nicht fremd gewesen sein.

Das „Journal officiel“ vom 10. veröffentlihte einen Bericht des Handels-Ministers de Meaux an den Präsidenten der Republik, betreffend die Erneuerung der Handels- und Schiffahrtsverträge. Die Handels- und Schiffahrts- verträge mit den Niederlanden, England und Belgien laufen darna< vom 30. Juni bis zum 10. Auguft 1877 ab, diejenigen mit Italien und ODefterreih find bis zum 1. Zuli l. I. und 1. Januar 1877 verlängert worden; Frankreih hat selbft seinen Handelsvertrag mit der Schweiz gekündigt und auf dieser Seite find seine Verbindlichkeiten am 20. November 1876 gelöst. Die franzöfis<hen Handelskammern, die zu Rathe gezogen wurden, haben fi< für die Erneuerung der bestehenden Verträge mit Einführung einiger Modifikationen, zu welchen die Ersezung der Zölle ad valorem dur die \pezifishen Zölle gehören, ausgesprochen. eDie Unterhandlungen mit den Nachbarstaaten, \{hließt das Dokument, können beginnen, oder sie haben vielmehr mit Italien {hon begonnen, und es ift hohe Zeit, daß sie au<h mit den an- deren Staaten eingeleitet werden; es ist Hohe Zeit, für die Zu- kunft unseres Handels zu sorgen. Ihre Regierung, Herr Präfi- dent, sieht diesen Berathungen und Unterhandlungen mit patrio- tishem Vertrauen entgegen; denn sie werden abermals zeigen, was nach dem Mißgeschi>ke und den {weren Schlägen, die uns b.troffen haben, unser Land von seiner Arbeit erwartet und welhe Hoffnungen es in die Aufrehterhaltung der Ordnung und des Friedens fett.“

Zur Eisenbahnfrage. I

Unter dem Titel Reichseisenbahnen, Materialien zur Beur- tbeilung der deutschen Eisenbahnfrage, zusammengestellt von der Re- daktion des „Berliner Aktionär* (J. Neumann É Freyftadt) ist eine Zusammenstellung derjenigen Artikel (Verl. des „Berl. Akt.) erschienen, in welchen die genannte Zeitschrift seit Oktobex v. J. mit Entschie- denheit für den Erwerb womözli<h fämmtilicher deutscher Eisenbahnen dur< das Reich eingetreten ist. Ecgänzt find diese Artikel dur einige Materialien, welche den Entwi>elungsgang der ganzen Ange- legenheit veranshaulihen. Der leßtere wird in der Einleitung des Buchs, wie folgt, geschildert : i

1876.

„Die Verfassung der Deutschen Nationalversammlung, der aus dem Dreikönige-Bündniß hervorgegangene Entwurf einec Verfaffung des Deutschen Reiches und die ün<ener Uebereinkunft zwischen Bayern, Württemberg und Satsen vom 29. Kebruar 1X59, fie alle erkennen nicht minder an, wie die Verf2ssuag des Norddeutschen Bundes und des Deutschen Rei. bes, daß das Eisfenbihnwecfen ein Ds gemeinsamer Fürsorge sein muß. Und de< betrug 1m Jahre 1849 die Länge der Vahuen Deutschiauds und Oesterrei<s erst 850 Meilen, die Länge des zusammenhängenden Bahnneßes nur 624 Meilen, die Länge der Staatsbahnen nur 280 Meilen, die Zahl E S IEEE (Aktiengesellschaften) aber freili< au<h be- rei -

Seitdem die gegenwärtig gültigen Grundgeseße in Kraft g:treten sind, ist in dem Reichstage unausgesezt an die Verwirklichung der- elben gemahnt. Schon in der zweiten ordentlichen Session des Reichstags des Nsrddeutshen Bundes, am 27. April 1868, stellte der Abg. Harkort Anträge auf Verwirklichung des Artikels 45 der Verfaffung. Sie blieben damals in der Kommission zur Vocberathung derselben bängen und wegen des Schlusses der Sesfion unerledigt. In der dritten Gen nahm der Abg. Harkort dieselben sofort wieder auf und der Reichstag pflichtete ihnen am 5. Mai 1869 bei, indem er ihre Ziele auf den ganzen Titel VIL, der Verfassung er- strefte. War in diesem Beschlusse no< von „reglementarishen Fest- fcßungen und allgemeinen administrativen Anordnungen“ die Rede, so ing der Reichstag des Norddeutschen Bundzs in seiner vierten und eßten Session bereits wesentlih weiter, indem ec auf den Autrag d:s Akg. Miquel am 21. April 1870 den Bundeékanzler zur Vorlegung eines Geseges über das Eisenbahnwesen im Reiche aufforderte. Und wie dachte man damals, d. h. bereits zur Zeit des Norddeutschen Bundes, über die Nothwendigkeit einer gese;lihen Regelung des Eisenbahnwesens von Seiten des Reiches? Der Abg. Miquel moti- victe dicselbe folgendermaßen: „Es wäre Zeitvers{wenduna, wenn ih hier weitläufig entwi>teln wollte, warum gerade in Eisenbahusachen eine einheitlihe deutshe Gesetzgebung ein dringendes Bedürfziß ist. E38 ist auf keinem einzigen Gebiete des sozialen Lebens das Bedürf- niß einer einheitlichen und gleichmäßigen Beh1ndlung der einschlägi- gen Fragen Jedermann, selbst dem allershroffsten Partikularisten, fo \<roff entgegengetreten, wie auf dem Gebiete der großen Verkehrs- mittel. Wir brauen nur die Karte der deutschen Eisenbahnen amu- sehen, um un3 klar zu machen, wohin die Zersplitterung in die ein- zelnen Souveränetäten, das ausschließli<he Vertreten von Einzel- interessen kleiner Staaten auf diejem Gebiete geführt hat, zu welcher außerordentli< unzoe>mäßigen Herstellung der Eisenbahnlinien, zu welcher einseitigen Verfolgung fkleinlicher Jnteressen, zu welcher großen Vershwendung von Nationalvermögen.“ Der Abg. Günther-Sachsen seßte hinzu: „Es giebt kaum ein materielles Gebict, auf welchem glei{mäßige und einheitliche Einrichtungen nothwendiger erscheinen, als auf dem des Eisenbahnwesens“, um daran zu mahnen, „möglichft einstimmig den dringenden Wunsch auszusprechen, daß das Eisenbahn- wesen von Bundeswegen fo bald als möglich regulirt werden möge.“ Schon damals machte man si<h jedo< auch bereits die Hiudernisse klar; der Abg. Miquel faßte dieselben dahin zusammen: „Gerade im Eisenbahnfah ift der Widerstand partikularistisher Neigungen fo stark, daß es bis jeßt der preußischen Staatsregierung, die, wie ih glaube, geneigt ift, auf das SBeseß cinzugeheo, niht mögli gewefen ift, etwas Wesentliches zu leisten, und gerade deêwegen ist dicser An- trag sebr am Platze; er spriht no< einmal den entschiedenen Willen der Volksvertretur-g aus, daß auf diesem Gebiete die partitulariftischen Hemmnisse nicht Sieger kleiben tellen !“ E j

Der erste Reichatag des Deutschen Reiches knüpfte in seiner Sibßung vom 14. Juni 1871 direkt an den Beschluß des Reichstags des Norddeutschen Bundes voin 21. Aprii 1870 an und wiederhoite denselven wörtlich, indem der Berichterstatter, Abg. Dr. Hammacher, fonstatirte, „darüber, daß eine einheitliche und reformirende Eisen- bahngesetzgebung für das Reich auf dringenden Bedürfnissen beruhe, fônne ni<t der mindeste Zweifel sein. “'

Als gleichwohl die Sache nicht weiter rü>te, ging im Jahre 1873 aus der Initiative des Reichstags als Nothges:t das Gese über die Ecrichtung des Reichs-Eisenbahnamtes vom 27. Juni 1873 hervor. Nach ¿en Verhandlungen sollte das Reichs-Eiscnbehnamt in erster Reihe die Aufgave haben, den baldigen Erlaß eines Reichs-Eisenbahn- gesetzes energis<h vorzubereiten. Die wuchtigen Reden des Fürften- Reichskanziers bei Gelegenheit der Berathung des Geseßes am 17. und 28. Mai 1873 find gewiß sehr beahtenswerthe Marksteine auf dem langen Wege unserer Eisenbahnreform. :

In der Session von 1873/1874 interpellirte der Abg. Freiherr v. Minnigerode unterm 23. Februar über den Stand der Angelegen- heit. Der damalige Präsident des Reichs-Eisenbahnamtes, Hr. Scheele, beantwortete die Interpellation, indem er das Reichs-Eisenbahngeseß als in der Ausarbeit:ng begriffen bezeihnete und mit den Worten \{<loß: „So viel steht fest, daß mit der gegenwärtigen Gesetzgebung der Behörde die Mittel nicht gegeben sind, die erforderli find, um die Ziele zu erreichen, die der Reichstag im Auge hat und ohne deren Erfüllung die neue Institution das Reichs -Eisenbahnamt werth- volle Dienste nicht leisten kann. :

Derselbe Abg. Frhr. v. Minnigerode wiederholte alsbald nah Eröffnung der Session von 1874 seine Interpellation und erhielt darauf am 9. November 1875 dur< den gegenwärtigen Präsidenten des Reichs-Eisenbahuamtes, Hrn. Maybach, eine Antwort von viel- sagendem Inhalt, eine Antwort, die in der Sißung vom 29. Novem- ber 1875 eine Ergänzung erfuhr. Beide Reden dürfen bei Beurthei- lung der deutschen Eisenbahufrage nicht übersehen werden.

An die Beschlüsse des Reichstages und die Ecklärungen der Reichsregierung schließen sih sodann Resolutionen hervorragender Kör- pershaften auf dem Gebiete der wirthschaftlichen Juntecessen: des Deutschen Handelstages und des Deutschen Landwirthschaftsrathes, ferner eine Zusammenstellung der Gutachten der Organe des Handelsstandes und der Industrie über den zweiten Entwurf eines Reichs-Eisenbahn- geseßes, weiter ein Auszug aus dem Gutachten tes Vereins Deutscher Nrivat- Cisenbahnverwaltungen über denselben Geseßentwurf und end- lih die Gutachten der Tarif-Enquete-Kommission und ihrer einzelnen Mitglieder.“

Die Nr. 27 des „Amtsblatts der Deutschen RNeichs- Post- und Telegraphen-Verwaltung“* hat folgenden Inhalt : Verfügung: vom 31. März 1876. Versendung von Waaren mit R mon unter der mißbräuchlichen Bezeihnung als Waaren- proben.

Nr. 9 des „Armee-Verordnungsblatts", herausgege- ben vom Kriegs-Ministerium, hat folgenden Inhalt: Generalstabs- Uebungsreisen im laufenden Jahre. Bekleidung 2c. der zu Lazareth- gehülfen auszubildenden Mannsaften. Eröffnung der Kurse bei den Kriegsshulen. Gewährung der Lagerstellen an die, die Strafe des gelinden Arrestes verbüßenden Unteroffiziere und Maunschaften. Ausführung des Geseßes vom 25. Juni 1875, betreffend Abwehr und Unterdrückung von Viehfeuchen in der Provinz Brandenburg. Us nahme dexr in Ti brand lautenden Banknoten der Preuzischen Bank und Abführung derselben an die Reichsbankanstalten. Gert der beiden Garnisonärzte von Berlin. Ausführung des Ge Ja vom 25. Juni 1875, betreffend Abwehr und Unterdrü>ung von Viehseuchen in den Hohenzollernschen Landen. ‘— Raumbedürfniß an Montirungskammern für die Pionier-Bataillone. Reise- 2c. Kompetenzen der bei Uebungen und Zusammenziehungen innerhalb des