1876 / 91 p. 10 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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eben so allgemeines Sachverständniß keineswegs entspriht. Weil aber die breite und deutliche Linie, die auf allen anderen Ge- bieten man denke an die am nächsten liegenden, an Maß, Münze, Gewicht den Kenner von dem Naturalisten \{heidet, hier weniger in die Wahrnehmung fällt, so is der Nichtkenner mit allzugroßer Zuversicht geneigt, die selbstgebildete, vielleicht unhaltbare Theorie festzuhalten und fahmännischem Urtheil als gleihbereh- tigt entgegenzustellen. So wurde noch kürzlih in einer angese- henen deutschen Zeitung von einer \{<riftstellerishen Autorität die S&reibung „Thür“ mit der Abstammvyng des Wortes von dem griechischen pa begründet, während do bekanntli gerade wegen des griechischen 90a dem geshwisterlihen hochdeutschen Thür von Rechtswegen das unaspirirte t gebührt, nah demselben, vor mehr als 50 Jahren von dem Dänen Rafk geahnten, von unserem Jakob Grimm erkannten, Lautgesey, welhes, um bei dem Beispiel zu bleiben, für das entsprechende englische door das d verlangt. Und eine andere niht minder berühmte \{rift- ftellerische Autorität erklärte in demselben Blatte die Schreibungen yrot,“ „Mut“ und nun gar „tot“ für Verstöße niht blos gegen den guten Geshma>, sondern sogar gegen die gesunde Vernunft.

Wie Viele glauben des stummen Hauchlautes sogar in Wörtern, wie „Thurm“ oder „Theil“ niht entrathen zu können und kennen niht die paradoxe Entstehungsgeschihte solcher Sreibweise, die sonderbare Vorliebe eines älteren Geschlechts für ein gewisses Embonpoint der Wortgestalten. Vgl. Fabian Frangk „Teutsher Spca<h Art und Eygen- \{aft, Orthographie, Gerecht buchstäbig Teutsch zu \hreiben.“ Frankfurt am Meyn 1551 „Vnd für ein zierd wirts (das h) geachtet und gefordert wenn sunst kein lang überreihend buchstab im selbenn wort odder niht noch dabei steht.“

Sehr verbreitet endli is au die Berwehselung so ver- schiedener Dinge wie Sprache und Schrift, in Folge deren der Versuch einer rationellen Richtigstellung dieser für einen rationa- liftishen Eingriff in das organische Leben jener, die (na< dem Originale der gesprochenen Sprache unternommene) Verbesserung des Sprachbildes für eine Gewaltthat gegen den Sprach zeist gehalten wird.

Den Standpunkt unseres Berichtes bilden, wie bereits bemerkt wurde, die Vorschläge der orthographischen Konferenz. Wenn wir in die Lage kommen sollten, mehr von gegnerischen, als von beistimmenden Kundgebungen zu referiren, so würde doch der Leser, um das volle Bild der Sachlage zu gewinnen, nicht unterlassen dürfen, zu den laut verwerfenden Stimmen die \{weigend billigenden hinzuzudenken, Es is ganz natürlich, daß der Zuslimmende si< weniger zu einer öffentlihen Meinungs- äußerung aufgefordert fühlt.

Der Standpunkt der Konferenz selbst|t würde als ein gemäßigt phonetischer zu charakterisiren sein. Pho- netish, sofern ihr als Aufgabe der Buchstabenschrift die gra- phische Darstellung des lebendigen, d. h. des gehörten Lautes gilt gemäßigt phoneti\<, sofern erstlih eine völlig exakte, allen

bftufungen und Schattirungen des gesprochenen Lautes gerecht werdende Bezeichnung mit den in dem überkommenen Alphabete gegebenen Bezeihnungswitteln nicht erreihbar, auch bei dem in erster Linie praktishen Zwe>k der Schrift nicht erforderlich ist; gemäßigt ferner dur< Anerkennung des in unserer Schrift neben ihrem phonetishen Grundcharakter zur Geltung gekom- menen Gebrauches, die grammatische Zusammengehörigkeit der Wörter au< in ihrem Lautbilde wiederzugeben; gemäßigt endlih dur< Festhaltung gewisser eingewurzelten Mängel und Mißstände des orthographishen Usus, sowie überhäupt durch Enthaltung von jeder rigorosen Systematik der Reform und Anwendung derjenigen Schonung des Bestehenden, welche die Vorausseßung einer lebensfaà tigen Weiterbildung ist. Prinzipiellen Widerspruch kann ein \olher Standpunlt nur von drei Seiten her finden, von der historish-etymolo- gischen, der konventionellen, der radikal-phonetischen.

Die unter fi<h vielfah differirenden Anhänger der erst - genannten Parteigruppe, welche über einige namhafte Kräfte verfügt und literarish thätig ift, erkennen in der Orthographie niht sowohl cine praktishe und darum gelehrten Beziehungen nah Möglichkeit zu enthebende Einrichtung als vielmehr gerade eine \pecifish gelehrte Angelegenheit, das ehrwürdige Bild ver- gangener Lautzustände, eine Schule \sprahgeshihhtliher Erkennt- niß, ein Anregungsmittel finniger Betrachtungen über das \innige Walten des Sprachgeistes aber die Majorität der Schreibenden und Lesenden kennt ni<ht und kann diese historis<h - wissenschaftlihe Sprahwelt niht kennen; sie geht darüber der wichtigeren Einsicht in die gegenwärtige Sprache, welhe nur eine phonetishe Schrift an die Hand giebt, und der unerläßlihen Sicherheit in Handhabung

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Die zweite als konventionell bezeichnete Gruppe hält es mit dem bestehenden, aber au<h anfechtbaren Usus ; sie leugnet ge- wissermaßen das Vorhandensein eines orthographischen Reform- bedürfnisses und findet ihren stärksten Rückhalt in der Zustim- mung aller derer, welhe ihre orthographishen Studien nicht umsonst gemacht haben wollen und allen Vereinfahungsversuchen mit kühl ironisher Ablehnung begegnen. Daß bei einer solchen Reform ein hohwihtiges volkspädagogisches Interesse obwaltet, insofern eine Orthographie von der Beschaffenheit der gegenwär- tig herrshenden in der Volksschule, in den unteren Volksklassen unmögli sicher angeeignet werden kann und also die Zahl der Ungebildeten vermehrt, dieser Erwägung find die gebildeten Gegner orthographischer Vervollklommnungen \{<wer zugänglich.

Die dritte ultraphoneti\< e Parteiist in Deutschland kaum vertreten und jedenfalls ohne Einfluß. Wenn daher den Er- gebnissen der orthographishen Konferenz Einwände von dieser, jeglihen Faden des Zusammenhanges mit der Vergangen- heit unserer Schrift abreißenden, „di Se“ und das „Fi“ \hreibenden, Richtung begegnen follten, so werden sie vor- ausfihtlih von jenseit der Grenzen Deutschlands kommen. Wohl aber werden wir zu berihten haben von Einwendungen, welche den Majoritätsresolutionen der Konferenz von prinzipiellen Freunden gemacht werden, die nur in dem Wieviel der phone- tishen Reform anderen Auffassungen folgen. Es i} nicht un- möglih, daß eine oft gemahte Erfahrung si< auch in diesem Fall bestätigt, nah welcher eine partielle Gegnerschaft heftigeren Streit als eine unbedingte hervorruft.

Die Zillerthaler in S<hlesien.*)

Dicht am Fuße der Berge des Riesengebirges, unterhalb der Koppe selbst, in nähster Nachbarschaft mit Erdmannsdorf, liegt, etwas abseit von der belebten Touriftenstraße ein Dörfhen, das vor Allem {hon dur<h die eigenthümlihe Bauart seiner Häuser die Aufmerksamkeit auf s< lenkt. Aber niht nur das Aeußere, das völlig von der ganzen Umgebung absticht, ist eigenthümlich, au die Bewohner dieser „„Tirolerhäuser'“ sind eine von fremder Erde her verpflanzte Art; es sind die „Zillerthaler“, nach denen diese ganze Kolonie ihren Namen trägt.

Fast hundert Jahre nah der Salzburger Emigration, nach- dem das tiroler Zillerthal endgültig an Desterreih gefallen war, wurde in den zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts die prote- stantishe Glaubensbewegung im Thale der Ziller offenkundig. Den ersten Schritt, nah Preußen auszuwandern, thaten die Zillerthaler im Jahre 1837, indem fie ihren Abgesandten Fleidl na<h Berlin entsandten. Am 27. Mai 1837 überreichte derselbe dem Könige Friedrih Wilhelm 11[. im Namen seiner Glaubensgenossen ein Bittgesu<h, in welhem sie um Aufnahme in die preußischen Staaten und um Unterstüßung bei ihrer Ansiedelung baten. Die endgültige offizielle Antwort der preußischen Regierung, die ihre Bereitwilligkeit, die Exulan- ten aufzunehmen, erklärte, erfolgte am 13. Juli 1837 und \{hon am 31. August desselben Jahres sehte sih der erste Transport von der tiroler Heimath in Bewegung.

In Preußen war es an maßgebender Stelle niht lange zweifelhaft geblieben, in welher Provinz die Zillerthaler „In- klinanten“, wie ihre offizielle vorläufige Bezeihnung war, unter- zubringen waren. Keine andere Provinz eignete si hierzu besser, a!s Schlesien und hier war es wieder die Riesengebirgsland\chaft, welche für die projektirte Niederlassung besonders zwe>ent- sprehend erschien. Zunächst handelte es si<h nur um ein vor- läufiges Asyl, bis über die definitive Niederlasung der Ziller- thaler Bestimmungen getroffen waren, denn die Einwanderung war so plößlih angesagt, daß endgiltige Anordnungen nicht erlassen werden konnten. Für die Dauer des Interims wurden wei besondere provisorische Vorstandsbehörden geschaffen, zu- nächst in Berlin als höchste Instanz „Eine Königliche Imme- diatkommission zur Regulirung der Zillerthaler Angelegen- heiten“. Dieselbe bestand aus drei Mitgliedern, dem Hof- prediger Stcauß, dem Geheimen Ober-Regierungs-Rath Jakobi und dem Vorsißzenden, Staats - Minister Graf von Lottum. Außerdem erstand das für die Kolonie höchst wichtige „Comité für die Angelegenheiten der * Zillerthaler Inklinanten“. Dieses Comité fonstituirte sih, bevor no< die Tirolec ihr Zillerthal verlassen hatten; für dasselbe wurde ein Geschäftsregulativ aus- gearbeitet, das dem Könige vorgelegt, von ihm geprüft und am 29. August bestätigt wurde. Nach diesem Statute sollten drei Personen als amtirende Mitglieder zu einem Comité zusammen- treten. Diese drei waren die Frau Staats-Minister Gräfin

*) Bearbeitet nah der Scrift: Die Zillerthaler in Schlesien,

der Orthographie in beklagenswerther Weise verlustig.

von Dr. Max Beheim-Schwarzbach. Breslau. Verlag von Eduard Trewendt. 1875. s

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Friederike von Reden zu Buchwald bei Schmiedeberg, welche sih von Anfang an dieser Angelegenheit auf das Wärmfste an- genommen hatte, als Präsidentin, der Kreislandrath Graf Matuschka und der Bürgermeister von Schmiedeberg, Haupt- mann Flügel. Der Zwe> dieser Vereinigung war: die vor- läufige Unterbringung der Einwanderer auf ein Jahr in Schmiedeberg und Umgegend zu leiten. Am 20. September gelangte die erste Abtheilung glü>li<h in Schmiedeberg an, die vierte und leßte am 17, Oktober. Unterm 18. Oktober richteten dann die eingewanderten Zillerthaler von Schmiedeberg aus an den König und den Kronprinzen Adressen, in denen sie in \{<li<ten Worten ihre glü>lihe Ankunft in Schlesien mittheilten, ihren Dank auss\prahen und um fernere gnädige Unter- stüßung baten.

Die Hauptsorge für die Eingewanderten, die unermüdlihste Thätigkeit, fiel der Präsidentin des Comités zu. Mit Würde und echt weiblihem Takt handhabte sie die Leitung der kirhlihen, Medizi- nal- und Schulangelegenheiten. Alle die tausend kleinen Sorgen der Zillerthaler und namentlih des weiblichen Theiles sprachen direkt zu ihrem Ohr, zu ihrem Herzen. Das erkannten auh alle Tiroler mit lebhafter Dankbarkeit an; einen treuherzigen Aus- dru> haben fie dieser Gesinnung in einem Briefe gegeben, wo sie, mit möglihster Bewahrung der höflihen Formen, die Prä- sidentin nennen: „Einen Wohl Edl Gebohren Greflihe Frau Exelenzin unser Wohl Meinente und Sorgsambe Frau Mutter Vom Buchwald.“ Eine tüchtige Stüße hatte die Gräfin auch an dem selbstgewählten Vorstand der kleinen Tirolergemeinde. Derselbe bestand aus vier Vertrauensmännern: Heine, Bru>er, Stock und Fleidl. Legterer war die Seele des Vorstandes.

Was den Zillerthalern noch dringend fehlte, war Schulbil- dung, auh ein regulärer Religionsunterriht. Es ward ein junger Lehrer, Namens Hartmann, für sie ausersehen, der \ih durch seine Lehrgeschi>klichkeit hervorgethan haben soll. In den Vormittagsstunden wurden ca. 80 Kinder unter 15 Jahren unterrichtet, Nachmittags in der üblihen Schulzeit kamen die hon Erwachsenen heran, die sich no< im Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und in der biblishen Geschichte nnterweisen lassen wollten. Das waren ungefähr 90 an der Zahl. Und wiederum später saßen gegen 20 alte Leute auf den Schulbänken und quälten si<h mit dem Buchstabiren ab und ihre un- gelenken Finger versuchten, die vorgezeihneten Buchstaben auf der Tafel und dem Papier na<hzumalen. Die Bibel, sagten sie, die sie jeßt besäßen und an der sie sh jeßt erqui>ken dürf- ten, die müßten sie au<h wirklih lesen lernen. Bald fand \ih ein Tiroler selbs, Roland, der als Schulgehülfe den Lehrer unterstüßen konnte. Die eigentlihe Einführung in die Wahr- heiten der evangelishen Glaubenslehren hatte der Prediger über- nommen. Bald hiell er die gelehrigen Schüler \o weit gefördert, daß sie als wirkliche Glieder der Landeskirhe aufgenommen wer- den sollten. Am 12. November 1837 wurde diese feierliche Handlung angeseßt, zu welcher hoher Besuch erschien, unter andern der Prinz Wilhelm von Preußen, Bruder König Friedrich Wilhelms 111, mit den Seinen aus Fishbah, der von Beginn an ein warmes Interesse an den Eingewanderten ge- nommen hatte. Abermals war Fleidl der Vertreter und Sprecher seiner Glaubensgenossen; er \sprah im Namen aller um den Altar stehenden Zillerthaler das Glaubensbekenntniß. Darauf Es die Erwachsenen das Abendmahl nah evangelishem itus.

__ Inzwischen war die Frage nah endlicher Herstellung eines Heimwesens für die Kolo 11sten immer dringliher geworden. Dieselbe sollte, wenn es irgeud anging, auf einem Plage ver- wirkliht werden. (Es kam somit darauf an, ein geeignetes grö- ßeres Terrain ausfindig zu machen. Nah langen Unter- handlungen wurden s<ließli<h Stre>en auf dem Domi- nium Erdmannsdorf, verschiedene Rustikalstellen in und um Erdmannsdorf und von Seidorf als wünschens- wertheste Erwerbung angesehen. Im Ganzen wurden ungefähr 1550 Morgen angekauft und als Kaufpreis 32,878 Thlr. ge- fordert. Am 4. Juli 1838 konnte die Vermessung und Ver- theilung der bezüglihen Grundstü>ke auf der Feldmark Erd- mannsdorf als beendet angesehen werden, Schnell wurden die einzelnen Stre>ken abgeste>t, die Grenzsteine vertheilt, die Wege vorgezeichnet, die Gemeindewiese bestimmt. So hatte denn Jeder eine kleine Scholle Landes, die er sein eigen, seine engere Heimath nennen fkfonute. Das Maximum, das ein Bauer begehrte, betrug 90 Morgen, auf den geringsten Naum machte ein Stellenbesißer Anspruch, nämlich auf 6 Morgen Land. Jett handelte es \ih um die zweitwichtige Frage, um den Häuserbau. Vorläufig, wurde beschlossen, sollten 54 Häuser gebaut werden und diese bis 1. Oftober vollständig fertig werden. Doch stellten sih dem

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