1876 / 106 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Berlín, den 4. Mai 1876.

Vorlesungen auf deutschen Universitäten, Sommersemester 1876.

I,

Für das Sommetscmester 1876 find auf den deutschen Univer- fitäten folgende Vorlesungen über die deutsche Verfassung, deutsccs8 Recht, deutsche Geschichte, Lardeékunde, Kunst und Wissenschaft an- gekündigt worden :

Berlin: Luthers Lebre und Schuften, Lic. Lemmaßsch. Erkrecht, Prof. Dernburg. Lehre vom Kauf nah römiscem und beut-gem Rechte, Derselbe. Geschichte und Grundsäße des Rechts der bürgerlihen Eheschließung, Dr. Franken. Deutsche Reichs- und Rechtêgeschichte, Prof. Beseler. Deutsches Privatret mit Ausschluß des Handele- und WechselreW18, Prof. Brunner. Deutsches Puivatreht mit Aués{luß des Handels- und Mecbselrehts, Prof. Lewis. Handels- und We®bselrecht, Prof. Brunner. Léhyrecht, PVref. Lewis. Germauiftishe Uebungen, Prof. Beseler, Deutsches und preußisches Staatsreckt, Déxselbe. Die Verfassungeurkunde des Deutschen Reichs, Prof. Dambach, Gemeiner und preußischer Civilprozeß mit Nückficht auf den Ent- nurf der Reichë-Prozeßordrung, Prof. B1uns. Gemeiner Civil- p:ezeß unter Verü&ckfichtigurg der préußischen und französischen - Ver- faffung, fowie des deutschen Entwurfs und in Verbindung mit prafk- tiscen Uebungen, Prof. Hinschius. Preußisches Civiireht, Der- selbe. Preufziches Landrecht, Prof. Baron. Preußisbes Erb- recht, Derselbe. Deutschcs Sitrafrecht, Prof. Gneist, Deutscher Sirafprozeß, Derselbe. Stigfprezcß im Anschlusse an dcn Entwurf der teutsWen Strafprozifo1dnung, unier Berücksicktigung der eirsblägigen Gésckgetung2fragen, Dr. Ruko, Ueber Ver- bessaurg des Reichs - Strafgesekbuches, Prof. Berner. Kortsezung der Uecbuygen in Erklärung von Kants Kritik der reinen Vernunft, Dr. Paulsen. Die Aufgaben Preußens auf dem Ge- biete der Bodenkultur, Pref. Orth. Deutscke Geschid te, Dr. von Sytel, Mitglied der Akadcmie der Wissenschaften. Geschichte der deutschen Kaiserzeit, Dr. Pruß. Preußishe Geschichte vom Tode Friedrichs des G1oßen bis 1840, Dr. Hassel, Geschicht: der preu pishen Reformkeftrebungen 1807— 12, Dr. Geiger. Eeographie uud Stagoterkunde von Deutschland, Prof. Mütter. Geschichte der deutschen Kunft im XIX. Jabrhundert, Dr. Jordan. Carl Maria von Weber und scire Zeit, Pref. Spitta. Deutsche Srammatik, Prof. Müllerhof. Beopulf, Derse!be. Geschichte der deutscen Literatur von Leising bis Geethe's Tod, Dr. Geiger. Deutsche Stenographie, verbunden mit praktischen Uebungen, Lekt. Michaelis. Ueber deutsche R:chtschreitung, Derselbe, Bonn. Deuise Reis: und Rechtêgeschichte, Pref Ritter v. Schulte. Deutsches Privatrecht, Derselbe. Handels- und Wechselrecht, Prof. Loersh. Nu orrecht, Prof. Klestermann. Preußi- sckches Civilreht, Prof. Locrsh. Rheinisches Civilrecht, Prof. Bauerktand. Deutiches Staatisréecht, Prof. Hälsner. Deutscte Reichsverfassung, Dersilbe. Deutsches und preußisches Staatsrecht, Prof. Hüffer. Deutsches Strafrecht, Prof. Schleßzmann. Ordert- liger Civilproitß, Prof. Endemann. Summariscer und Konkurs- prozeß, Derieibe. Strafprozeß, Derselbe. Kircherrccht beider Konfeisionen, Prof. Riticr v. Schulte. Geschichte der deutschen Pte opbie seit Kart, pr. Dr. Witte. Duishe Syntax, Prof. ndrejen. Eirleitung in das Nibeluugenlied, Prof. Simrcck. Erliärung des Nibelurgenrliedes, Derselbe. Ueber das deutsche Velfkéslied, Prof. Birlirger. Die deutschen Personinnamen, Prof. Andresen. Geichibte des Zeitalters der Gegenreformaticn und des dieißigjäbhrigen Kricges (1559—1648), Prof. Ritter. Geschichte des drcißigjähricen Krieges, Pref. Philippion. Breslau. Sdtleicrmachers Lebcn und Lehre, Lic. Dr, Tscatckert. Exrktrcbt, Pt1cf. Dr. Husckke. Pfand- und Hypothekenrecht, Der- selte. Obligaticnenrccht, Prof. Dr. Gißler. Personenreht, Der- seibe. Civit-Praktikum, Picf. Dr. Shwanert. Ki?:chenrecht, Prof. Dr. Gierfe. Strafrecht, Prof. Dr. v. Bar. Sitrafprozeft, Der- jelbe. Ueber Gescbwcrenengerichte, Derselbe. Pieußisches Cipil- rccht, Prof. Dr. Fus. Deutsche Geschichte im Mittelalter, Prof. Dr. Ca:o. Sclesisbe Geschichte, Prof. Dr. Grünbagen. Ge- schichte des Mittelal:ers von Kaiser Heinrich II. bis zum Korzil von Ciermont, Prof. Dr. Junkmann. Geographie von Nozddeutschland, Dr.. Parts. Deutiche Kunsigeschichte, I. Tbeil, Prof. Dr. Scbult. Einleitung in die deutsde Grammatik, P1of. Dr. Weinhold. Ueber die deutsce Literatur des neurzebnten Jahrhunderte, Dr, Boktertag. Geschichte des deutickcen Recmané, Derselbe. Deutsche Alter- bümer, Prof. Dr. Wéinheld. Deutshe Uebungen, Prof. Dr. Pfeiffer. Zeschickchte ter Refo: mation: Lic. Kaitenbus&. Deutsche Rechtegescbichte: Prof. Dove. Uebungen im Erkiären deutscher Rechtêquellen : Prof. Frenédo: ff. Deutiches Privatrecht mit Lehnrecht : Prof. Tbôl. Deut!cbes Privatre{t mit Lehn- ur d Handelsrecht : Prof. Wolf. Devutisäeë Strafrect: Prof. Ziebarth. Deutsches Staats- recht einsckließliw dis Reichéstaaterchts: Precf. Frenëdorff. Ver- waltungsrecht: Prof. Mejer. Pretestantishes und kätbolisches Kir@errccht: Darsfelte. Thecrie des Civilprezesses: Prof. Hait- mann. Deutscver Strafprozeß: Prof. Jobn. Deutsche Kaiscrzeit : drcf. Weizsäcker. Geschichte der deutschen Reichsverfassung im Mittel- t Bernbeim. Geschichte des Deutschordensftaats in r. Hétitaum. Wirthscafiliche Geseßzebung im Reiche: Deutsche Literatur des 17. Jahrhunderts: Prof. bich!e der deutschen Dichtung vcm 17. Jahrhundert . Gesdbichte der deu!schen Nationalliteratur von ¿vr Geaenwart: Pref. Bobß. Hiftorishe Gram- Sprate: Prcf. Wilh. Müller. Erbre&t, Prof. Pernice. Deutsce Rechbts- Behrend. Deutsches Staatêrecht, Prof. Hacberlin, Bierlings. Stralprozeß, Prof. Haeberl!n.

Preußiibes Landrecht, P1of. Behrend.

5- und Rechtêgescicte, Prof, D- Vo- rivatret, Prof. Dr. Lastig. Bergrcc{ t, Handels- und Wecbselrecht, Prof. Dr. 1nd preußisches Staatêrecht, Prof. Dr. Meiec. nog, Derselbe. Gemeiner deutscher und mit Rödsickt auf den Entwurf einer Civil- 2s Deutsche Reich, Prof. Dr. Fitting. Straf- ochcw. Preußisches Landrecht, G. I.-R. Prof. ziscdes Familicnrewt, Derselbe. Geographie Dr. Kirbhcff. Geichichte der 2, d. i. die Geschichte der Hômer urd der n tem Grcß-n bis ouf Kiboin, Pref. Dr, ¡ebenjäbrigen Krieges, Prof. Dr. Drevsen. Erflärung des gotischen Matthäus- g. Avégewähßlte Kapitel der deutschen G1:anmatit, Pref. Dr. Zacter. Deutsche Mytholegie, Derselbe. Neuztre deutice Literaturgeschicte vcn Gottshed bis auf die Gegen- wart, Prof. Dr. Haym. Kiel. Ueber Luiberës Theclogcie, Pref. Dr. Möller. Séleier- x&er als Thecloa urd Philoscpb, P1of. Dr, Pfleiterer. Deutiche tégeicidte, Dr. Brcckbaus, Sckbleéwig-bolfteinisches riratickcht!, Dr. A. Voræec. Scleéwig-bholfteinisces Privat- bt is -Ueberfict, Dr, Schübe,. Strafrecht tes Deutschen ! é, Decielbe. Strafprozct, Prof. Dr. Wieding. Staatsr-cht Teutitcn Reiches, Prof. Dr. Hänel. Geschichte des Deutschen ‘azttr:dté fcit 1206 Derselbe. Allgemeine und vaterländische it, Pref. Dr. Seelig. Einulcitung in die vergleichende Gram- zridogermani:checn Sprachen, Prof. Dr, Pischel, Ueber ire Zeit, Dr. KL Greth. Deutsche Syntar, Derselbe. erg. Deutsche Reckbtêgeshichte. Prof, Dr. Dahn. de!s-, Wechjec!l- und Seerecktt, Derie:te. Deutscher

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preußiï@er Sirafprezeß, Derselbe. Deutsdbes Reichsrecht und preuft’ches Staatsrect, Prof. Dr. Dahn. Preußisches Familien- uud Erbreckcht, Prof Dr. @üterbeck. Ueker deutsche und preußische Verwaltungeaufgabrn der Gegenwart, Prof. Dr. Umpfcnback. Ge- \hichte der Provin? Preußen im 16. und 17. Jahrhundert, Prof. Dr. Loßmcyer. - Quellerkritis{e Uebungen zur deutschen Geschichte des 13. und 14. Jahrh., Dr. Wibert. Ueber Lesfing, Prof. Dr. Walter. Ueber die dentschen Maler unseres Jahrhunderts, Prof. Dr. Hagen. Altdeutshe Uebungen, Erklärung von Denkmälern des 12. Jahrhunderts nah dem altdeutschen Lesebuche, Prof. Dr. Schade.

Marburg. Mittelhochdeutshe Metrik. Prof. Lucae. Das Nibelurgenlied nech Lachmanns Ausgabe, Derselbe. Deutsche Kaiseraescichte, Prof. Varrentrapp. Die Geschichte der deutschen Einhbeitsbestrebungen seit dem Jahre 1815, Prof. Westerkamp. Kan!1s Proleaomena, Prof. Bergmann. Ueber Kants Ethik, Prof. Cohen. Deutsche Staats- und Rechtögeschichte, Prof. Arnold. Deutickes Privatreit, Prof. Röstell. Deutsches Privatreht, Prof. Platner. Deutsches Privat- und Lehnreht, Prof. Wefterkamp. Lebnr:ckcht, Prof. Röstell. Preußisches Privatreht, Prof. Platrner. Handels-, We{sel- und Seere{cht, Prof. Röstel. Handels-, Wcchsel- und Seerecht, Prof. Platner. Wechselrecht, Prof. Arnold. Deutsches Staatêreht, Derselbe. Kirchenrecht, Prof. Röftell. Protestantisches Kirchenrecht, \. Theologie. Kriminal- ret, P:of. Fuchs. Cipvilprozeß, Derselbe.

Münster. Die Kämpfe der deutscken Könige um Jtalien und das Kaisertbum: Pref. Rospatt. Geschichte des westfälishen Frie- der: Dr. Tomtual. Erklärung der Gudrun: Prof. Storck. Mittelbochbdruische Grammatik: Ders, Erklärung des Beowulf: Prof. Suchier.

Eine für die näcbste offentlihe Sißurng der Stadtver- ordneten-Ver'ammlung bestimmte Magistrats-Vorlage betrifft den Arkauf des über die Fluchtlinie vorspringenden Theils des Grund- ftüds Nikolaikirhbof Nr. 14 und den Ausbau 2c. der Nikolai- kirche. Wir entnehmen der Vorlage Folgendes: „Schon seit längerer Zeit ist der Wunsch rege, das älteste kirhliche Bauwerk unserer Stadt, die Nikolaikirche, das jeßt unvollendet und fast trüwmerhaft dasteht, rach teinem Zweck und sciner Lage würdig herzustellen. Stüler hat sciner Zeit bereits Entwür'e zum Ausbau der Thürme gemacht, aber die Höhe der zur Auëfübruyg erforderlihen Summe, gegenüber der Rothwendigkeit, für andere dringlichere Bedürfnisse zu sorgen, hielt damals ven dem Eingeben auf solche Pläne ab. Jeßt bat sid jedoch die Sache dadurch wesentlich geändert, daß der vorbandene Thurm durch scine Schadhaftigkeit das Ge- bäude felbst und die Nachbarschaft zu gefährden beginnt und voraus- sicbilich binnen kurzer Zeit abgetragen werden muß. Unter diesen Umständen tritt an die fädtischcn Behörden die Forderung beraxk, baldigst für dieses durch sein Alter und seine Bedeutung ehrwürdige Bauwerk Fütsorge zu treffen. Wenn fich auch das Gründungsjahr der Nikcolai-Kirhe nicht urkundlih nachweisen läßt, so gestaitet doch ter im Grenitquaderbau hergestellte Thurm an der westlichen Seite durch eine Vergleichung seiner Masse und Kunstformen mit den ent- \spr:cerden Eigenthümlichkeiten anderer märkis{er Baulichkeiten ten zuverlässigen Schluß, daß derselbe bereits vor der Mitte des 13. Jahrhunderts vorhadden gewesen if, und damit stimmt übereivy, daß {on 1245 in einer Urkunde ein Probst Symeeon von Berlin als Zeuge aufgeführt wird. Aber dies uralte Ge- bâude ist nicht mehr vorhanden. Jm Jahz:e 1380 wurde es sammt der Statt von etner gewaltigen Feuersbrunst fast gänzlich zerftört. Oktwokl run damals durch eiren päpstliden Ablaßbrief eine {nelle Wiederberstellung der Kirche ermöglicht wurde, so hatten die Miltel doch uit bingercickt, um den Vau von Grund aus neu aufzu- fübren, und da man die alten Mauern theilweise ftchen ließ, o bekam das Gaxze so wenig Haltbarkeit, daß {on 14€0 aus Geldern, die wieder dur ertheilte Ablaßbriese beschafft worden waren, eine abermalige Erneuerung vorgenommen werden mußte. Seit jener Zeit fir. det fih keine Nochrit von ciner Aenderung, die si auf den ganzen Bau erstreckt hätte; wahrs{einlich erhielt also die Kirche damals mit Auênabme der Mauer unter dem Thurm, die einer früheren Z-it an- gehört, im Wesentlichen ihre jeßige änßere Gestalt und, was Pfeiler vnd Gewölbe betrifft, ihre noch vorhandene innere Eincichtung. Man ist demnach zu der Annahme berechtigt, daß die Kirche, wie fie heute vor uns steht, etwa 400 Jahre alt ifi, Um diese Kirche, die dem heiligen Nifolous, dem Schußzpatron der Kaufleute, gewidmet war, entstand die Stadt. Jn ihr versammelten fih bei feierlichen Ge- legenbeiten stets Rath und Bürgerschaft; in ihr hat Luthers und Melanchthens Freund, der fromme Probst Georg Buchholzer, am 1, November 1539 die erste evangelische Predigt gchalten uud darauf an den gesammten Rath und viele Bürger nebst 1hren Angehörigen zuerst das Abendmahl in beiderlei Gestalt ausgetheilt. Damit war die Einführurg der Reformation in die Mark Brandenburg befiegelt. Mit vielen Denkmälern aus älterer und neuerer Zeit ges{mückt, licfert die Nikclaikirhe nicht unerheblihe Beiträge und Zeugnisse für die Geschichte unserer Stadt. Darum if die Fürsorge für ihre Erhaltung und Hezstelung immer lebendig gewesen und hat sich seit der Reformation vielmal bethätigt. Auch wir halten es für eine Aufgabe der städtishen Behörden, diesen Zeugen unserer Geschichte, wie er uns von den früheren Geschlechtern überliefert ist, unsern Nehkommen in - wüudiger Gestalt zu übergeben. Wir baben daher einen Plan für die Herstellung der Thürme und des Acukßern, sewie für die Regrlirung und Auss{mückung des umgeben- den Platzes nebst Anschlägen aufstellen lassen und der Bau-Deputa- tion Abtheilung T zur technischen Prüfung überwiesen; nachdem die- selbe fih damit einverstanden erklärt hat, übersenden wir der Stadt- verordneter versammlung hiermit die gesammten Ausarbeiturgen, be- stehend in 14 Blatt Zeichnungen nebst Kostenanshlag und einem Neberschlag, sowie einen Erläuterungsbericht, und* bemerken dazu, daß wir verausseßzen dürfen, die Kirchengemeinde werde die Erneuerung und den Auétbau des Innern auf Kirchenfonds übernehmen. Mit der Be- ichränfung auf das Nothwerdige haben wir besonders die Sorge für die Erhaltung des harakteriftischen Baustils verbunden (F3 ergiebt sich daraus ein Kostenaufwand: 1) für die Herstellurg der Thürme nach speziellem Kostenanscklage von 130,000 Æ, 2) für das Aeußere des Ge- bâudes und den Plaß nah überschläglicher Berechnung von 22,0.0 , 3) für die Bauleitung, Entwürfe und Rechnun gs- fübrung von 18,000 M, zujammen von 170,000 G Es wird vit vêéthig sein, {on in diesem Jahre eine Ausgabe auf diese Posten zu macher; wir schlagen vielmehr vor, den ganzen Bedarf auf die Etats der beiden folgenden Jahre ¿zu vertheilen und zwar mit 110,000 M für 1877 und mit 70,000 Æ für 1878. Außer- dem erfordert die Regulirung des Platzes eine Auégakte. Derselbe ift zwar {hon auf Kesten der Stadt von den früher vorhandenen Scharren auf der einen. Seite befreit, aker auf der entgegen- geseßten sehr beengt, Die der Kirchengemeinde gehörenden Gtund- stúde (Nifkolai-Kirhhof 14) springen bedeutend vor, ftören die Bau- fluhtlinie und hemmen ten Verkchr gerade an derjenigen Stelle, wo er bei fkirchlichen Feierlic;teiten am lebhaftesten zu sein pflegt, in der Nähe der Safkriftei. Die zu beseitigenden üker die Fluchtlinie vor- \springenden Baulichkeiten nehmen mit dem fkleinea Vorgarten 104 Quadratruthen ein, cs bleiben also, wenn man den Vergarten mit 34 Q.,-R., den die Kirchergemeinde unentgeltlich aufgeben will, vecch 7Q.-R. übrig. Wir crachten eine Entschädigung von 7ckch42855/; = 30,000 Æ, die dafür an die Kirchengemeinde gezahlt werden foll, für argemessen, Der Magistrat beantragt demgemäß, die Stadtverord- reten-:Versammlung wolle die im Vorstehenden väher nachgewiesenen 20,000 M und 170,000 M und zwar erstere auf Conto des Spezial- Etats für Terrain-Erwerbunzen 2u Straßenanlagen und leßtere mit 100,000 Æ dur den Etat für 1877 und mit 70,000 Æ# durch den (Stat für 1878 bewilligen.“

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Das vorgestern bereits erwähnte Schreiben eines aufHelgoland wohnenden Preuf:en an die „Times“ lautet, seinem wesentlihen Ju-

und prevtisckcer Civilprozeß, Prof. Dr, Eüterbeck, Deutscher und i

halt nach, in der Uebersetzung: Jch hake in den „Times“ vem 18,

(Ap:il) soeben das Selegromum aus Paris über Helgoland gelesen. Ich bin cin Preuße, in Berlin geboren, do seit einigen Jahren hier ausässig, und ih kann mir nicht versagen, Sie höflichst zu ersuchen, diese wenigen Zeilen aufzunehmen als Erwiderung auf die Behaup- tungen des Hrn. F. Oeiker in der „Kölnischen Zeitung.“ Ich leugne nit, daß ih die Gefühle meiner Landsleute in Betreff Helgo- lands, welche wir in Deutschland „die Perle der Nordsee“ nennen, theile, aber wir wollen in diesem Punkte gerecht sein Es besteht nicht der entfernteffe Wunsh unter den Juselbewobnern England um Deutschlands willen zu verlassen und daß keine solche Sympathie existirt, haben, wenn ein Beweis er- forderlich wäre, die Kriegsjahre von 1866 und 1870—71 deutli be- wiesen. Dies i}, was immer in Zukunft geschehen mag, gegenwärtig ein Faktum. Was die Rechte und Privilegien der Helgeländer be- trifft, von denen behauptet wurde, daß sie von England unterdrückt würden, fo habe ich wobl kaum nöthig, auf die haudgreiflide Ent- stellung hinzuweisen. Jeder Unparteiische, mit den lokalen Verhält- niffsen etnge aßen Bekannte muß wissen, daß diese Rechte und Privi- legien in Wahrheit gleihbedeutend waren mit Spiclbarken- und Strandrecht; ebenso muß er wissen, daß alles Gerede, daß die Helgo- länder ohne ihre Zustimmung besteuert n ürden, sowie über das Nicht- bestehen eines Budgets, über die Dampferangelegenheit 2c. geräde so lâc&erlih ist, wie die Geschichten vou den „Kaninchen*, von denen es krin eirziges auf der Insel giebt, noch jema!s gegeben hat. Die Einwohner werden atjährlic) von einem aus He!goländern beftehenden Amte und zwar verhältni mäßig sehr niedrig besteuert. Gegen diefe Besteuerung f\teht in jedem einzelnen Falle die Berufung an den Gouverneur frei.

Das so aufgebrachte Geld wird ganz für lokale Zwsk?e verwendet ; England erhält nit uur nicht cinen einzigen Sixpence, sondern giebt selbs alljährlich 1000 £ ber. Dieses Geld wird, wie alles andere, für jedes Jahr genau berechnet und ein Rechnungsabschluß mit allen Belegen öffentlih ausgelegt. Der Bugsirdampfer wurde im Iahre 1869, nit 1872 ançekaust und war cin Gewinn, nicht ein Ver- lust; er wnrde verkauft, weil die Dampfkessel alt waren und die Assekuranzprämie an diesem gefährlichen Plaße 10% Lketrug. Ich fann niht näher darauf eingehen, aber ich muß sagen, daß meine Landsleute nicht zugelassen hab-n würden, daß der Zustand von Un- ordnung, welcher früber bier berrshte, auch nur ein Drittel so lange fortbestehe, wie England cs geduldet hat; fie würden \{neller zu Werke gegangen sein. Jeder Unparteiisce, gleichviel ob Badegast oder Einwobner, giebt den gewaltigen Fortschritt zu, welchen die Insel in den letzten sieben cder aht Jahren in Wohlstand, in Vildung, überhaupt in Allem, gemacht hat; und was den Deépotismus und die Unzufriedenheit betrifft, so hôrcn wir davon rur aus den Zei- tungen. Sie existiren hier nit, obwohl freilich gewisse Leute überall unrefriedigt sein werden.

Jch bin in dieser garzen Angelegenheit vollständig neutral, mit Ausnahme einer natürlichen Sympathie mit den von meinen Lards- leuten über Helgoland gehegten Gefühlen; aber ich konnte nicht umbin, diese Zeilen zu \{reiben, weil ih nicht möchte, daß unsere deutschen Zeitungen fo falsch berichtet seien.

Die Universität Straßburg feierte am 1. Mai ihr viertes Stiftungsfest. Die Feier wurde um 11 Uhr eröffnet. Der Prorektor Professor Schmoller erstattete den Verwaltungsbericht. Die Festrede bielt der Professor der Geschichte, Baumgarten, welcher über Jakob Sturm von Sturmeck sprach.

Der béchfte Thurm Europa's ift zur Zit der Thurm der Nicolaikir{che in Hamburg, welher von einem Engländer Scott erbaut worden. Nach einer langen Reibe von Jabren endlich im vorigen Jahre vollendet, hieß es dieser Tage, daß der präch- tige Vau gefährdet sei. Diese Nachricht, {reibt man der „Lüb. Ztg. “, ist jedo unbegründet, da rur der nächststchende Pfeiler einen Riß erhalten habe, dem leiht abzuhelfen sein werde. Jmmerhin werde aber cine Abgrabung des Grundes zur ncuen Auffütrung des Pfeikers erforderlich sein, wozu der Baumeister Scott aus England nah Hamburg berüberkommt.

Theater.

Im Königlichen Opernhause werden demnächst die Tenoristen König und W. Müller gastiren. Der Letztere gedenkt zus näcst als „Lchengrin* aufzutreten. Frl. Reimann \checidet ers am Schlusse der laufenden Saison aus ihrem Engagement bei der Oper. Frl. Lehmann und Frl. Lammert, welche ebenfalls bei der Aufführung von Richard Wagners „Ring der Nibelu“-gen®* in Bayreuth mit- wirken, werden im Juni zu den Proben dahin reisen. Im König- lihen Schauspielhause werden, außzr den Debüts der neu engagirten Darstellerinnen Frl. Abih und Frl. Hrabowtéka, nächstens die Gastspiele der HH. Richter und Christof exfolgen:

Der Vorstand des Vereins für das Wohl der aus der S(ule entlafseneu Jugend hat an Hrn. Direktor Buchholz die Aufforderung gerihtet, am 4,, 5. und 6, Mai Schillers „Jungfrau von Orleans" im Nationaltheater zu fehr ermäßigten Preifen zur Aufführung zu bringen, und hat Hr. Direktor Bu@&holz diesem Verlangen entsprochen. :

Der Genossenschafts-Bazar deutscher Bühnen- Angehöriger in Hamburg hat für drei Tage eire Einnahme von 42,000 M gebracht, und dürfte noch eine gleich hohe Summe mit der demnächst statifindenden Versteigerung der übrig gebliebenen Geschenke zu erwarten sein.

a7 Eingegangene literarische Neuigkeiten. E s:

Dr. Karl Bernhard Hundeshagens ausgewählte kleinere Schriften und Abhandlungen. Aus feinem handschrift- lien Nachlaß ergänzt und neu herausgegeben von Theodor Chri sst- lieb, Dr. theol. et phil, der ersteren ord. Professor zu Bonn. I, Abtheilung: Zur christlichen Kultur und inneren deutshen Zeit- gescbichte. 11. Abtbeilung: Zur Geschichte, Ordnung und Politik der Kirche. Gotba, Friedrih Andreas Perthes. 1874 u. 1875.

„Ist es Zeit?" Eine orthographishe Untersuhung von I. F. Kräuter. Sonderabdruck «us Herrigs Archiv für das Studium der neueren Sprachen, Bd. LV. Heft 11. S. 129 bis 150. Braunschweig, Druck von George Westermann 1876.

Isaak Jselir. Ein Beitrag zur Geschichte der volkswirth- \chGaftiichen, sozialen und politis&ea Bestrebungen in der S{weiz im XVIII. Sahrhundert. Von Dr. August von Miaskowsfki, o. ô. Professor der Nationalöfonomie an der Universität Basel. Basel 1876. H. Georgs Verlag. l i

Zeitschrift für preußishe Geschichte und Landes- funde, hrêg. von Corftantin Rößler. 13. Jahrg. Januar- Februarheft (Nr. 1 u. 2); März-Aprilheft (Nr. 3 U. 4).

Altpreußishe Monais\chrift neue Folge. Der Neuen Preußischen Provinzialtlätter vierte Folge. H1sg. von Rud. Reicke und Ernst Wichert. Dér Monatsschrift 13. Bd. Der Provinzial- blätter 79, Bd. Erstes Heft, Januar-Februar. Königsberg i. Pr. 1876. Ferd. Beyer vorm Th. Theile’'s Buchhandlg.

Redacteur: F. Prehm. Verlag der Expedition (Ke1 sel). Druck! W, Elsner.

Vier Beilagen (einsließlich Börsen-Beilage).

Berlint

(Vgl, Nr. 98 d. Bl.) Die Berathurg über die Eisenbahnvorlage im preußischen Ab- L Ee, welhe am 26. April begann, am 27. und 9. April fortgeseßt wurde, ist am 2. Mai zum Abschluß gebracht und demnächst die Vorlage mit 216 Stimmen gegen 160 Stimmen an- genommen worden. i

Durch die Debatten im preußischen Abgeordnetenhause ift einerscits von den Wortführern der einzelnen Parteien die voran- gegangene Diékussion in der Presse ergänzt und dur die Parteien praktis bei der Abstimmung vertreten worden, andrerseits aber ist die Stellung der Regierung allseitig klar gelegt, insofern alle bethei- E Ressort-Minister sih über den Entwurf eingehend geäußert

aben. ; Das Hauptinteresse nehmen unter den Reden gegen die Vorlage diejenigen der Fortschrittepartei in Anspruch. Der Abg. Richter (Hagen), der die politishe Bedeutung der Vorlage in den Vorder- grund stellte, führte aus, daß, wenn die preußischen Staatsbahnen allein auf das Reich übergehen, dann allerdings Prenßen noch enger und fester an das Reich geknüpft werde; ein anderer ebenso un- auébleibliher Erfolg aber werde sein, daß die Bande, welche die andern Einzelsta..ten an das Reich fefseln, in bedenklicher Weise gelockert würden. . . Der Werth der preußishen Staatsbahnen sei absolut unbestimmbar. Daran sei gar nicht zu denken, daß die Rente, welche das Reich an Preußen zahlen werde, dem marktgängigen Zinsfuße des Anlagekapitals gleihkomme; aber wie he oder niedrig sie immer sei, Mißbehagen 1nd Mißtrauen werde fie unter allen Umständen erregen. . Die Vorlage bezeibne eine radikale Umkehr auf dem Gebiete des Eisenbahnwesens. Mit der Entscheidung über die- selbe werde zugleich das ganze Programm entschicden, dessen Schluß nichts anderes fei, alé der Uebergang sämmtlicher Bahnen auf das Reich. . Nicht jeder Machtzuwachs sei eine Stärkung des Reichs; werde dem- selben eine Verantwortlichkeit aufgebürdet, die es niht zu ertragen vermöge, so würden wir in der ganzen nationalen Entwicklung um Jahrzehnte zurückzes{leudert

Die andern Redner der Fortschrittspartei, die im Laufe der Be- ratbungen das Wort ergriffen die Abgeordneten Berger (Witten), Virchow und Hänel blieben im Wesentlichen bei den Argumenten des ersten Redners stehen. Der Abgeordnete Berger wandte sih mehr tehuischen Fragen zu und hob namentlich die Vorzüge der Privat- bahnverwaltung gegenüber den der Staatsbahnen hervor. Er konstatirte, daß er und feine politischen Freunde ebenso wie die Anhänger der Vor- lage energisch die Ausführung der Reichsverfassung wollen und eine baldige Emanation des Reichseisenbahngesetzes, sowie eine Reform des gesammten Eisenbahnwesens wünschen. Der Abgeorduete Virchow führie aus, daß ein Reichs-Eisenbahngeseß unter allen Um- ständen nöthig scin werde. Er erinnerte daran, wie sehr die einzelnen

rovinzen leiden werden, wenn das Reich alleiniger Bahnbesißer in Deutschland sei.

Bei der dritten Lesung des Gesetzes nahm der fortsrittlice Ab- geordnete Dr. Häuel das Wort, um die Bemerkungen seiner politischen Freunde zu ergänzen, während der Abg. Löwe, SeA er derselben Partei angehö:t, mit Entschiedenheit für den Geseßentwurf eintrat N ihn vom politischen und wirthschaftlihen Standpunkte aus ver-

eidigte.

Die zweit? oppositionelle Partei, die Fraktion des Centrum, wurde rednerisch dur die Abgg. Reichensperger, v. Schorlemer-Al st und Windthorft-Meppen vertreten, Der erstere polemisirte gegen die Motive zur Vorlage, die für einen ganz anderen Geseßentwurf ge- schrieben zu sein schienen, nämlich für ein Gesetz, - betreffend den Ankauf sämmtlicher Privatbahnen durch den Staat und die dem- näch stige Uebertragung sämmtlicher Bahnen auf das Reih. Die Vorlage jolle die Macht des Reiches stärken, sei aber nur geeignet, berechtigten und unberechtigten Pazrtikularièmus wachzurufen. Preußen könne, auch nah Uebertragung seiner Staatsbahnen auf das Reich, neue Koakurrenzbahnen bauen; darin liege keine Wahrnehmung der Reichsiunteressen. Der Abg. v. Schorlemer - Alst knüpfte seine Bemerkungen hauptsählich an die Varnbülersche Broschüre: „Soll das Reich die Deutschen Eisenbahnen kaufen ?“ Er bemerkte an der Haxd der Broschüre, das Reich werde mit etwa 10 Milliarden Mark Schulden und einem jährlichen Defizit von 103 Millionen Mark belastet. Der Abgecrdnete ist Gegner des Ge- seßes, weil es unwirthschaftlich und ein politischer Fehler sei, und weil es die Matt des Reichskanz!ers stärken würde.

Gegenüber diesen der Regierungsvorlage abgeneigten Parteien und deren Wortführern standen die an Mitgliedern zahlreichste, die nationalliberale Partei und die Partei der Freikonservativen auf einem der Vorlage freundlichen Standpunkt, Während die bisher angeführten Redner ihre gegnerischen Argumente zum großen Theil aus von ihnen angenommenen Konsequenzen der Vorlage herleiteten, schlossen die Anhänger des Entwurfs sich in ihren Ausführungen eng an denselbea an nund namentli seßte die Rede des ersten Redrers der nationalliberalen Partei, des Abg. Lasker, der Diékussion feste Grenzen, die eine allseitige Beurtheilung der Vorlage einschlossen, zugleich aber diejenigen Argumente der Gegner kennzeichneten, die nicht innerhalb dieser Grenzen fielen. Durch die Vorlage, wie fie thatsächlich laute, werdemichts weiter ge- fordert, als daß das Abgeordnetenhaus ausf\prechen folle, ob Preußen bereit sei, für den Fall, daß das Reich eine Erwerbung der preußischen Bahnen für wünschenswerth ecachten sollte, seiné Zustimmung hierzu zu geben, . . Er, Reduer, versichere, daß durch das Votum den Beschlüssen des Reichs in dieser Angelegenheit durchaus nicht pcäjudizirt wcrde. Er betrachte die heutige Vorlage in emineut reichéfreundlichem Sinne. Die beutigen Mißstände auf dem Gebiete des Eisenbahuwesens hät- ten die Nothwendigkeit einer neuen Eisenbahnpolitik dargethan. Preu- ßen müsse jet dem übrigen Deutschland ein Beispiel geben, daß es zu Gunsten des Reiches entsagen wolle. Indem die preußische Regie- rung die Führung übernehme, stehe sie auf der Höhe ihres Berufes, den fie in entsheidenden Tagen stets manifcstirt habe.

_In weiterer Ausführung dieser Gedanken bemerkte der gleihfalls nationalliberale Abgeordnete Hammacher: Die Ansicht, da durh die Annahme der Vorlage die Uebernahme fäwmtlicher deutshen Eisenbahuen durch tas Reich verlangt werde, fei eine Verkehrung des Urtheils und der ôöffent- lihen Meinung. Deutschland habe in Zukunft statt einer par- tifulôrea eine deutshe Eiseababnpolitik zu treiben. Es sei die Eisenbahnpelitik, die die Zukunft unseres Landes beherrsche: von ihr * hänge die Konkurrenzfähigkeit Deutschlands auf dem Weltmarkie ah. Wir bepürften der Etablirung einer strammen, durchs{lagenden deutschen Eisenbahuverwaltung; namentli fremden Staaten gegenüber sei der Einzelne viel zu {chwach zur Verwirxk- lihung der relativen Verkehréinieressen. /

Der derselben Fraktion angehörige Abgeordnete v. S ybel führt eingehend aus, daß in unserem Eisenbahnwesen das gemischte System gewonnen werden müsse, worin der Staat den Privatbahnen gegen- über wirklich Konkurrenz treiben könne. Zur Herbeiführung dieses Zieles mache die Vorlage den Vorschlag, die preußishen Staatt2- bahnen zu einem einheitlihen System auszubauen durch die Macht des Reiches und so einen möglichst einheitlichen rationellen, feststehen- den Tarif einzuführen, dem fih endlich die Privatbahnen werden an- {ließen müssen, Die Frage sei also eine rein wirthschaftliche; sie sei aber eine hochpolitishe geworden dur das Geschrei der partiku- lagristishen Gegner.

«andere Schienenwege ausübt,

; Erfte Beilage u zum Deutschen Reichs-Auzeiger und Köuiglih Preußischen Staats-Anzeiger. J 106.

Zur Eisenbahnfrage. E

Berlin, Donnerstag, deu 4. Mai

Der Abgeordnete der freikonservativen Partei, Graf Bethusy- Huc, hält den Eatwurf für den ersten Schritt einer großartigen und segensreichen Entwicklung, welche langsam aber sicher zur Vereinigung sämmtlicher Hauptbahnen in der Hand des Reichs führt.

Den Nusführungen der Redner der cinzelnen Fraktionen gegenüber wurde die Stellung der Regierung dargeicgt von den betheiligten Ressort-Ministern, während der Fürst-Reichékanzler seine Stellung zu der Vorlage als Minister und als Kanzler klarlegte.

Von èen ersteren hob der Handels-Minister Dr. Achenba ch die technisch-wirth\chaftlihen Gesichtépunkte hervor und trat im Be- sonderen den Ausführungen des Abg. Richter entgegen. „Hr. Richter entwirft seUWbst ein Programm, es besteht in dem Sage: alle Bahnen müssen Staatsbahnen werden, und alle Bahnen ohne Ausnahme müssen auf das Reich übertragen werden. Gegen diese Säße, die er selbst gebildet hat, rihtet er sodann seien Angriff. Wo stehen aber diese Sätze soust? Der Regierungêvorlage sind fie vollständig und nach allen Seiten hin fremd“. Weiterhin heißt es: „Wenn ih ihn (den Abg. Richter) ret verstehe, fo gipfelt seine ganze Deduktion dahin: feine Konsolidation der Staatseisenbahnen, keine Vermehrung und Ausbildung des Staatseisenbahnneßes und keine unmittelbare Auf- sicht des Reiches über die Bahnen. Was will dem gegenüber die Königliche Staatsregierung durch diese Vorlage ? Sie hat das auf- richtige Streben, die Verfassung des Reichs zur Wahrheit zu machen. Sie will zugleih diese Verfassung in einer Weise zur Wahrheit machen, daß andere Interessen, insbesondire diejenigen ihrer Bundes- genossen, wie ihre eigenen, am wenigsten verlegt werden“. Auf die Reichseisenbahn-Geseßentwürfe eingehend, äußerte der Mi- nister: „Nach den Erfahrungen, die ih selbst nah und nah reichlich zu machen Gelegenheit hatte, kann ih mit vollständigster Entschieden- heit aussprechen, daß ein Nebeneinanderwirken der Reichöbchôörde und der Bundesbehörden auf demselben Gebiete positiv unmögli ift; es lassen sich bei diesem Nebencinanderwiiken keine glüdcklichen Zu- stände herstellen.“

Der Vize-Präsident des Staatë- Ministeriums, Finanz-Minister Camph U TEA: seßte auéeinander, daß mit der Vorlage nicht eine Ver- urtbeilung des gemischten Systems im Eisenbahnwesen ausgesprochen werde. Die Unifikation sämmtlicher Bahnen ohne alle Ausnahme iu die Hände der Staatsgewalt sei von keiner Seite befürwortet worden. In Bezug auf die Privatbahnen äußerte der Minister: „Seit einer Reihe von Fahren gingen wir der Gefahr entgegen, daß die Bedeutung, welche die Eisenbahnen im öffentlicen Verkehrsinteresse einzunehmen haben, niht mehr die gehörige Beachtung fand. Wenn Privatbahnen dahin auêarten, daß sie blos industrielle Erwerbsgesellshaften find, fort mit ihnen!“ Dann führte der Minister aus, daß der Einfluß des Reiches nicht nur da zu stärken sei, wo es absolut nothwendig wäre, sondern auch da, wo dem Reiche zum allgemeinen Wohle ein erweiterter Wirkungs- kreis gegeben werden solle. i “— vwerveinisterfür die landwirigjwuftlichen Angelegenheiten Dr. Fri e- denthal brachte die gerehtfertigten Klagen zur Sprache, die aus den Kreisen der Landwirthe gegen den gegenwärtigen Zustand unseres Ei)en- bahnwesens erhober, werden. Die Beschwerden richteten sich zunächst gegen das Chaos der Eisenbahntarife, sodann gegen die ma- terielle Willkürlichkeit uud Systemlosigkeit der Tarife. Der dritte Punkt, welhen die Landwirthe hauptsächlich urgiren, sei der, daß bei Betricbs- und Frachteinrihtungen mit völliger Rüksichts- losigkeit gegen die eigenartigen Bedürfnisse der Landwirthschaft ver- fahren werde, gegen eine Eigenart, welche die Landwirthe nicht im Stande sind zu ändern. Endlich viertens bildeten die Differential- tarife den lebhaftesten Gegenstand der Klage. Die ganze Art und Weise, wie das gegenwärtige Eisenbahnsystem zu Stande gekommen sei, und wie es gegenwärtig bestehe, bringe es mit sih, daß solchen Beschwer- den nahdcücklihe Abhülfe niht gewährt werden könne. Diese Ab- hülfe sei auf keinem anderen Wege zu finden, als auf dem der Rück- fehr zu einem System, welches bei uns die Eijenbahnen als eine Vezkehrseinrichtung behandelt, welche im öffentlichen Dienste steht“

Der Reichskanzler Für v. Bi8marck bezeichnete zunächst in einer kurzen Replik auf die Rede des Abgeordneten Richter die Eisenbahn- frage als eine rein wirthschaftlihe und führte später aus, daß die wichtigen Bestimmungen der Feichsverfassung in Bezug auf das Ver- kfehrôwesen in der Vorlage ihren theilweisen Ausdruck finden. Die erwartete Initiative der Regierungen, auf die der Kanzler gerechnet habe, sei nit eingetreten und die Herstellung des Reichseisenbahn- Amts als eines Uufsichtsamts3 habe dem Mangel nicht abhelfen können. Ebenso wenig habe die Hoffnung auf das Zustandekommen eines Neichs-Eisenbahngeseßes fich erfüllt. „Es hat das Recht der terri- torialen Aufsicht mit seiner Exekutivgewait und der Besi eines großen Eisenbahnkomplex:3, der eine magnetishe Einwirkung auf doch als sehr viel stärker sich er- weisen, als die theoretischen Verfassurgêrecchte, die dem Reiche ver- liehen worden find." In Bezug auf die Staatébahnen der anderen deutschen Staaten bemerkte Fürst v. Bismark: „Nah meinec Ueberzeugung wären wir gar nmcht in der Möglichkeit, den anderen Staaten wider ihren Willen ihre Staatébahuen zu nehmen. Die gesetzliche Kompetenz in Artikel 4, daß das Eisenbahnwefen der Gefeßz- gebung und Aufsicht der Staaten unterliegt, reibt meines Erachtens doch soweit nit," Der Reichékanzler wendete sih dann rein preußi- schen Gesichtspunkten zu, indem er äußerte: _eDie Abhülfe der Scäden, an denen meiner Ueberzeugung nah die preußishen Eisen- bahnen laboriren, fönnten in ciner sehr einfachen Weise auf rein preußischem Gebiet durch allmähliche Vergrößerung der Staatsbahnen ersolgen, indem vielleicht die Eisenbahnverwaltung selbständiger ge- stellt würde, als bisher, ein vollständig unabhängiges eigenes Eifen- bahn: Ministcrium, und dieses gererell ermächtigt, folie Verträge, die passend scheinen, mit Privatbahnen abzuschließen und bei der jedes- maligen Sibßung dem Landtag zu unterbreiten, Angesihts der Ver- pflichtung, die wir dem Reiche gegenüber haben, halte ih es aber, so lange uns die Möglichleit dazu gegeben wird, für eine Pflicht, zuerst die Macht des Reiches und nicht die eines Großyreußenthums zu erstreben, den stärksten Staat im Reich, so weit wir es hindera können, auvch auf wirthschaftlichem Gebiet niht noch mehr Ueher- gewicht gewinnen zu lassen, sondern die Elemente dazu dem Reich anzubieten. Die Reichêverfassung kann meines Erachtens nur. auf diem MWege zu einer Wahrheit werden.

Mit der Allerh öchsten Ermächtigung vom 24. Mäcz d. J. zur E:nbringung des preußischen Geseßentwurfs wegen Verkoafs der preußishen Staatsbahnen an das Lech trat die Frage weg en Kon- zentration des deutshen Eisenbahnwesens in das zweite Stadium ihrer Entwidckelung, in das Stadium der parlamentarischen. Verhand- lung. Das erst e Stadium bildete die Diskussion der F".age in der Prefse, deren Anfatig etwa auf den, 24. November v. I. zu verlegen ist. An diesem Tage {leß nämlich der Reichêtaç,sabgeordnete Stumm bei Gelegenheit der Etatsberathung des Rei s-Eisenbahn- amts seine Rede mit den Worten: : i

„Nach meiner Auffassung mögen allenfalls Ne ungen einzelner Staaten der einheitlichen Ordnung des Eisenbahnverke"zrs widerfstreben, das Interesse des Volkes aber ift in allea Staaten gleichmäßig, ein eins heitliches deutsches Verkehrswesen zu erhalien, und dozu muß die Reichs- regierung verhelfen und das Reichs-Eisenbahnamt ihc als Organ dienen.

Das zweite Stadium hat nunmehr seinen Abshluß dur die Verhandlungen des Herrenhauses zu erwarten. /

Ueber die fernere Main va u fage geen dic betreffenden

erkungen des Reichskanzlers folgende Avbkunft: : Dem Slbst wenn Sie uns die Vollmacht ertheilen, vor den Meichs-

tag zu treten, glaube ich, würde das Resultat, welches wir bei dem Reichstag erlangen werden, doch immerhin erst in der Landtagsfißzung des nächsten Jahres unterbreitet werden. J“ das Refultat ein nega- tives, lehnt also das Reich dies ab, dann find wir in der Lage, Jhnen darüber Mittheilung zu machen uny weitere Vorfcläge, wie nach Meinung der preußischen Regierung nun die Konfolidation des preußischen Eisenbahnbesißzes zu erftreben sei. Willigt aber das Reiclck ein, L ist es immer noch fraglich, ob die Art, wie der Vertrag dort beschlossen, bei Jhuen hier und dem Herrenhaus Beifall findet. Es kann ja sein, nicht, daß er ganz verworfen wird, aber daß irgend welche Klaufel und Bedingung darunter ift, die ihn Jhnen unannehmbar macht, fo daß wir nochmals zurückgehen müssen. So geht wieder ein Jahr verloren, während dessen die Sachen bleiben, wie fie find. Aber auch dann, wenn wir so glücklich wären, mit dem Reich ein Abkommen zu schließen, welches sofort Ihre Genehmigung fände, dann würde immer wieder noch ein Reichs- tag nothwendig sein, also wiederum ein Sißungsjahr vergehen, in welchem man diejenigen budgetmäßigen Vorkehrungen und Einrich- tungen beim Reiche träfe, die nothwendig find, um das Reich in den Stand zu seßen, daß es diese große Morgengabe, die ihm Preußen darbhringt, in Empfang nimmt und verwaltet. Es werden alfo immer- hin mindestens wohl drei Jahre vergehen, bevor wir mit Sicherheit darauf renen können, daß wir im allergünstigsten Falle in ein au- deres Fahrwasser kommen.“

Die Jahresberichte der Fabriken - Jnspektoren fFüL 1870.

Das Handels-Ministerium hat Jahresberichte der Fabri- len-Inspektoren für das Jahr 1575 (Berlin 1876, Verlag der v. Decker'’shen Geh. Ober-Hofbuchdruckerei) veröffentliht. Schon im vorigen Jahre erregte die Ver öffentlichung der Berichte der Fabrik- insyektoren für Berlin und die Provim Schlesien lebhaftes Juter- esse. Jn dem vorliegenden Hefte sind nun nicht blos die Berichte dieser beiden Beamten , sondern auch diejenigen aus den Provinzen Pommern, Sachsen und den Bezirken Coblenz, Cöln und Trier, endlich „einzelne Mittheilungen“ aus den Berichten der Inspe!toren in Arnsberg und Aachen zum Vbdruck aelangt. Die Berichte für LUNn: Sachsen und Swhlesien erftrecken sih über das ganze verflossene Jahr. Leßterer ist aber nur als Frag- ment zu bezeichnen, da der betreffende Fabrifinspektor mit Rücsicht auf eine von ihm auszuführende größere Arbeit von der Erftattung eines vollständigen Berichtes für dies Mal dispensirt war. Die Be- richte für Pommern, Coblenz, Côln, Trier beschränken sih auf die leßten drei Monate des Jahres 1875. Für Düsseldorf liegt kein Be- ridt vor, da die im Laufe des Jahres vakant gewordene Fabrik- inspektorstelle erst jeßt wieder beseßt ift. Für Westfalen ist est in leßter Zeit ein kommissarisher Inspektor berufen worden, für Han- nover und den Regierungsbezirk Frankfurt steht ein Gleiches bevor.

Ler Fabrikinspektor für Berlin, Hr. v. Stülpnagel, hebt mit Befriedigung hervor, daß die im vorjährigen Berichte ge\scilderten Schwicrigkeiten, welche der Einführung feines Amtes in die betbei- ligten Kreise entgegenstanden, zum großen Theile gehoben find, „Die staatliche Fabrikeninspektion ift jeßt fait durchgängig bekannt, und das Verständniß dafür dringt immer mehc in die Kreise der Betheiligten ein. Wenn bisweilen noch Unubehagen der Arbeitgeber über die staat=- liche Einmischung in das bisher unüberwadte Gebiet, und andererseits Gleichgültigkeit, ja Opposition der Arbeiter hinsichtlih der zu ihrem Schutze getroffenen Maßregeln sich geltend machen, fo liegt doch der Weg. zur Erreichung der Absichten, welche der Regierung bei Begründung des In- stitutes vorschwebten, weit geebnéter vor als bei Beginn der Inspektorats- thätigfeit.*" Die Zahl der jugendlichen Arbeiter von 12—16 Jahren beträgt in 336 Fabriken Berlins 1733 und hat gegen 1874 um 203 abgenommen. ; ,

\ Der Fabrikinspektor für Pommern, Hr. Härtel, befindet sib erst seit Oktober im Amte. Die Industrie in der Provinz ist ar.f ein sehr ausgedehntes Territorium vertheilt. Seine Thätigkeit hat sich daher in der kurzen Zeit seiner amtlichen Wirksamkeit nur auf die Gegend erstreckt, in denen eine größerè Anzahl Etablissements und besonders solcher, wo jugendliche Arbeiter beschäftigt werden, vor- handen ift, oder die Fabrikationsweise besonderen Gefahren ausgeseßt ist. Jugendliche Arbeiter finden fast in allen Fabrikationszweigen, weiche in der Provinz vertreten find, Verwendung. Jedoch war es mit der Aus führung der Paragraphen der Gewerbeordnung, welche die Beschäftigung jugendlicher Arbeiter regeln, sehr mangelhaft be- stellt. Die Einführung der Arbeitsbücher machte viele Schwierigs keiten: den Kindern felbst wurde die Beichaffung derselben vielfa erschwert. Von 100 besichtigten Fabriken wurden in 32 jugendliche Arbeitcr in einer Gesammtzahl von 548 vorgefunden. A A

Der Fabrikinspektor für die Provinz Sachsen, Dr. Süßenguth, spricht sich über seine Stellung u. A. wie folgt aus: F

. . . . Die Stellung und die Aufgabe cines Königlichen Fabrifen- inspektors für die Provinz war den Fabrikanten vielfah vollständig unbekannt, ih möchte fast sagen unverständli und wurde vielfach falsh aufgefaßt, zumal da der Titel Fabrikinspektor eine in der Pro- vinz unendlich vielfach vertretene Bezeichnung ist, welchbe von vorn-

_ berein zu den eigenthümlihsten Mißverftändnifsen und Verwechslungen

Neranlassung gab. Daneben stellte fi _heraus, daß selbft verschiedene Polizeiverwaltungen . über desen Funktionen urfprüng- lich wenig oder gar niht informirt waren, Es würde da- her fast aller Orten für Klarleguug der Verhältuisfe viel , Zeit in Anspruch genommen, wozu dann. noch der Mangel genauer - Berzeichnisse über Zahl und Art der gewerblichen Anlagen der Pro vinz hinzutrat. Die Königlichen Regierungen konnten zwax Regiite 7x derjenigen Anlagen, welhe nach dem Geseß vom 1, Juli 1861 w d der Gewerbeordnung vom 21, Juni 1869 konzessionspflichtig wari n, überweijen, dieselben reichten jedo, nur bis z1 dem Zeitpunkt, wo durch die neue Kreisordnung vom. 13. Dezember 1872 den Kr eis- aus\{hüssen die Konzessionirung des größten Theiles gewerblicher An- lagen zugewiesen worden. Anderexfeits waren in Folge der vielfc ¿hen Geschäftsvershmelzungen, Firmveränderunges, Gründungen und © -iqui- dationen der lezten Jahre frühere Angaben fo unuzuverlässig gew' oden, daß die Nothwendigkeit herantrat, anuvere Wege zur Sicherit ellung eines Verzeichnisses einzuschlagen.“ l 0 :

Als Resultat der Untersnhungen ergab si, daß die Zuck er ind u- strie den Hauptzweig der industriellen Thätigkeit der Prooinz bildet. Dieselbe beschäftigte in 155 Fabriken (einschließlich der Raff erien und Kandis fabriken) 25,498 Arbeiter, von denen 956 unter 16 Jahnen. Um die beträchtlihe Anzahl von Arbeitern für diese Industrie zusammen zu bringen, wird alljährlih zur Gampagne ein großer Theil Arbeits- kräfte aus dem Eichsfelde, dem Torgauer Kreise, von Lccndéberg und ils herbeigezogen, welche wä.hreud der Dauer der Betriebszeit ihxen

ohnsiß in den von den Fabrikanten dazu geschafe- nen Räumen erhalten. Von den gesammten, in den Rohbzuckerfabriken bæscchäftigten 24,306 Arbeitern, was- ren 18,019 Einheimische /4nd 6287 Eingewanderte und Passanten. In Folge dieses Zuzuges und um den besseren Theil möglichst für lange Zeit seßhaft zu mo.chen, entstanden eine ganze Reihe von Ka- setnen und Familienwo?,nhäujern, welche sich b«i einzelnen Fabrik- besißern zu Kolonien v'zn 80 Familien und darüber ausgedehnt haben. Es befinden sich in %er Provinz insgesammt 87 Fabriken mit 100 sol- cer Kasernen und 107 Familienwohnhäuse‘cn, welche mit 1512 Fas