1876 / 179 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

verließen die Höchsten Herrschaften die Ausstellung Und fuhren dem L cte zu, woselbst ein zahlreiches Bublitum | Hötstdieselben enthusiastish empfing. Auf dem Perron hatten sich die Herren General-Lieutenant v. Zylinski, General-Major v. Busse als fellvertretender Kommandant, Oberst und Com- mandeur des 40. Regiments v. Stremp.l, Ober-Bürgermeifter Dr. Becker, Bürgermeister Thewalt und Polizei - Präsident V. König 2c. cingefunven; nahdem die KronprinzliYen Herrschaften Sich verabschiedet, sehte fih der Zug unter dem Hochrufen des Publikums in Bewegung.

Die Kommission des Reichstags zur Vorberathung der Reichsjufstizgeseze hat jeßt die Zusammenstellungen ihrer Beschlüsse mit den Vorlagen veröffentliht. Dieselben betreffen die Konkursordnung nebst Einfühcungsgeseß, das Gerichtsver- fafsungsgeset, die Civilprozeßordnung, die Strafprozeßordnung, Fämmtlih mit den Einführungsgesegßen.

Auf den Antrag des General - Postmeisters hat der Finanz-Minister anerkannt, daß Postbeamte, welche Wechsel behufs Herbeiführung der Annahme derselben dur die Acceptanten, in Ausübung ihrer amtlichen Pflicht den lehteren vorzulegen haben, als Theilnehmer am Umlaufe des Wechsels niht angesehen und demgemäß im Falle einer Kontravention wegen des Stempel3 und der Strafe persönlih nicht in Anspru genommen werden können.

In Folge des Geseßes vom 19. Juli v. J., betreffend das Hinterlegungswesen, i der Fiskus in den Besiß sehr be- deutender, depositalmäßig sicherer Hypothekenforderungen der ehe- maligen General-Depositorien gelangt. Zur Erfüllung der dem Hinterlegungsfonds nach §. 96 der Vormundschaftsordnung vom 5, Juli v. J. obliegenden Aufgabe muß ein erheblißer Theil dieser Forderungen bis zum 1. Ianuar 1878 flüssig geuacht werden. Da die depositalmäßige Sicherheit dieser Kapitalien, welche theils 5, theils 41/, Prozent Zinsen tragen, nach den

eseßlihen Bestimmungen geprüft ist, so bieten dieselben Gelegzn- heit zu einer vorzüglihen Kapitalanlage für die kir- lihen und geistlihen Institute und milden Stiftun- gen, insonderheit zur Anlegung der ihnen durch die Ausführung des Geseßzes vom 27. April 1872 zufallenden Ablösungskapitalien und Rentenabfindungen. Der Minister der geistlihen 2c. An- gelegenheiten hat die Regierungen hierauf aufmerksam gemacht.

Nach einer im Einverständniß mit dem Justiz-Minister erlassenen Cirkularverfügung des Finanz-Ministers vom 13. Juli d. I. tritt die kürzere Verjährung des Gesehes vom 31. März 1838 au für die Werthstempel von mehr als 1°%/o ein, sobald es fich um Nachzahlungen solher Beträge han- delt, welhe gemäß 8. 16 des Kostengesezes vom 10, Mai 1851 zu gerichtlich aufgenommenen Verhandlungen als Gerichtskosten zu verrechnen und zu behandeln find, und welche von den Ge- richten rechtzeitig hätten eingezogen werden sollen. Dagegen ist

die kürzere Verjährung ausgeschlossen in denjenigen Fällen, in welchen der Stempel zwar von den Gerichten eingezogen wird, geseßlih aber eigentlich von den Interessenten in natura zu verz wenden gewesen sein würde. Dies gilt beispielsweise von Werth- stempel für Fideikommiß-Stiftungen, wenn die Urkunde niht vom Geriht aufgenommen worden, oder für solche Verträge, welche außergerichtlih ges{lo}sen find, welhe aber innerhalb der

geseßlihen 14tägigen Frist dem Gerichte eingereiht werden.

Der Evangelishe Ober-Kirhenrath wird mit Allerhöchster Genehmigung zur Abhülfe der dringendsten Noth- fiände der evangelishen Kirhe in den Provinzen Brandenburg, Preußen, Pommern, Posen, Sthlefien, Sachsen, Westfalen und Rheinland eine Kirchenkollekte am 1. Oktober d. I., sowie während der auf diesen Tag folgenden Zeit eine H’ausfollekte in den evangelischen Haushaltungen durch fkirchlihe Organe abhalten lasen.

Der Königlih portugiesishe Gesandte in St. Peters- burg, Baron von Santos, ift heute früh aus Paris hier an- gekommen und im Hotel Royal abgestiegen.

S. M. S. „Preußen“ ist nah stattgehabter Ueber- führung am 15. Juli cr. in Kiel außer Dienft gestellt.

Bayern. München, 30. Juli. Die diesjährigen Land- rathsabschiede, deren definitive Feststelung vor der Verein- barung über das Staatsbudget niht möglich war, werden nun sofort festgestellt und nach erlangter Königlicher Genehmigung in der kürzesten Zeit bekannt gegeben werden. Der Staats- Minister v. Pfeufer hat heute einen vierwöchentlihen Urlaub angetreten. Für die Dauer desselben hat der Staatsrath v. Dillis das Portefeuille des Staats-Ministeriums des Innern Übernommen.

Würzburg, 30. Juli. (Corr. v. u. f. D.) Die hiesigen Altkatholiken Haben Kaplan Kopp in Mehring zu ihrem «Seelsorger gewählt. Derselbe kann aber seine Stelle hier erst antreten, wenn Ersaß für ihn in Mehring gefunden ift.

Baden. Karlsruhe, 29. Iuli,. Am Montag, den 31. d. M., findet in der Fridolinskirhe zu Säckingen, in Gegen- wart des Bischofs Reinkens, eine Landesversammlung \ämmt- liher badishen altkatholishen Gemeinden vertreten dur geistlihe und weltliche Delegirte zum Zweck der Her- beiführung ch€iner engeren Organisation der Gemeinden unter \fich ftatt. Dabei wird die \chon früher ange- regie Frage der Ernenaung eines Dekans, als Stellvertre- ter des Bischofs, ihre Lösung finden Das rômisch-

katholishe Stadt-Pfarramt Meers burg verweigerte dem dort - verstorbenen altfatholischen Postverwalter Schreiber das Grab- « geläâute. Durch Vermittlung des Bezirksamts genehmigte das A Ninifteriuum das Geläute mit dem Anfügen, daß daselbe nöthigen- fa'Us unter gemeinderäthliher Einwilligung gemäß geseßliher Virrordnuung durch Gewalt zu erzwingen sei. Da der Ge- mei nderath dem miristeriellcy Bescheid entsprah, so gab das Pfa.rramt vor Anwendung der Bewalt nah.

(Köln. Z.) Die natéional-liberale Partei der Zweiten Kammer hat nah der ix den leßten Iahren beobachteten Nebunçgy 80ch vor Shluß des Landtages über die Parteiorgani- sation fir die beiden näâhsten Jahre, d. h. bis zur Berufung des nächsten Landtages, Beschluß gefaßt. Man verftändigte fh dahin, daß die As landftändischer Ausschuß erwählten Parteigenofsen auch als ezgerer geshäftsführender Aus\{chuß der national-libera- len Partei je Baden“ wirken sollen. Zum Vorstand dieses ge- shäftsführenden Ausshu}es wurde einstimmig der Abg. Kiefer gewählt. Bet wichtigen und das ganze Land LHetreffenden Fra- gen und Aufgaben soll zur Verhandlung und Be \chließung als Parteizertretung die Gesammtzahl der dem La,1dtage an- gehörigen Pacteigenossen berufen werden. Ferner wurxe be- \chlossen, die „Badische Korrespondenz“ forthin als „offizieu26“ Organ der Partei ers cheinen zuy lassen.

| {dla Kavallerie-Manöver der Honveds stattfinden.

Heidelberg, 31. Juli. Der Kaiser und die Kaiserin von Brasilien find mit Gefolge hier eingetroffen und im Hotel Schrieder abgestiegen.

Desterreich-Ungarn. Wien, 29. Juli. Der in das Lager des Fürsten“ von Montenegro entsandte Generalstabs- Oberst-Lieutenant Ritter v. Thömel hat nach seiner vorgestern erfolgten Ankunft dem Grafen Andrafsy in längerer Audienz Bericht erstattet.

S eft, 30. Juli. Die mehrfach von hiefigen Blättern kol- portirte Nachricht, eine große Anzahl von Abgeordneten habe Tisza ersucht, die \chleunige Einberufung des Reichstages zu beantragen, wird jet, wie der „N. Fr. Pr.“ von hier tele- graphirt wird, entschieden dementirt. Tisza i weder \chriftlih noch mündli hiezu aufgefordert worden, noch liegt das Be- dürfniß nach einer solhen Maßregel vor. Der Reichstag wird somit nit vor dem 28. September eröffnet werden

Der Finanz-Minister Szell tritt heute einen vierwöchent- lihen Urlaub an. Während der leßten Tage hat er das Budget pro 1877 zusammengestellt, welches Anfangs Oktober dem Reichstage vorgelegt werden wird. Der Finanz-Minister ver- weilt einige Tage in Ratot, begiebt sich dann in ein ausländi- \{ches Bad, und die legte Woche seines Urlaubes wird er in Wien verbrinçen, wo die Verhandlungen mit der National- bank beginnen. :

In Kaschau und Gyula beginnen am 25. August die Manöver der“ gemeinsamen und der Honved-Armee. Das Lager nähst Kaschau beziehen am 15. August eine Bri- gade Infanterie, vier Escadronen Kavallerie; eine Brigade Honved kommt am 25. August dahin... In Gyula L 9

ahr- ¡{inlih wird der Kaiser den Schlußmanövern in Gyula und Kaschau beiwohnen; die Theilnahme des Erzherzogs Joseph wie des Honved-Ministers Szende an denselben ift gewiß. /

Der rumänische Handelsvertrag bestimmt, daß die Werthzölle in Gewichtézölle umgerechnet werden. Zur Dur- führung dieser Rehnungsoperation wird eine gemischteKoms- mission aus ungarischen, österreicishen und rumänischen Fach- leuten demnächst zusammentreten. Für Ungarn ift Sektions- Rath Matlekovich defignirt.

E Großbritannien und Jriand. London, 31. Juli. (W. T. B) Im Oberhause lenkte Lord Stratheden die Aufmerksamkeit des Hauses auf die dem Parlamente vorgelegie diplomatishe Korrespondeuz in der orientalishen Frage und beantragte eine Resolution, wonach das Haus s\ich bereit erklären soll, alle zur Aufreht- erhaltung der Verträge von 1856 erforderlihen Maßregeln auf fich zu nehmen. Bei der darauf folgenden Debatte unterzog Lord Granville die Politik der Regierung einer eingehenden Kritik, Derselbe erklärte sich mit einer Politik der Nichtintervention zwar einverstanden, \sprah aber sein Bedauern darüber aus, daß die Regierung das Berliner Memorandum im Ganzen (en bloc) abgelehnt habe und fand, daß die von der Regierung verkündete Neutralität eine für die Türkei wohlwollende Neutralität sei. Der Staatssekretär Lord Derby sprach fich gegen den Antrag Lord Strathedens aus, ver- theidigte den Ausftellungen Lord Granypilles gegenüber die von der Regierung befoigie Politik und wies die Beshuldigung zu- rüdck, daß die Regierung eine für die Türkei wohlwollende Neutralität beobahte. Die künftige Politik der Regierung sei von dem Ergebnisse der militärishen Ereignisse und von der Möglichkeit abhängig, eine Kooperation der übrigen Mächte zu erlangen. Die Regierung werde es ihrerseits an Anstrengungen dafür nicht fehlen lassen, daß keine nitt durhaus noth- wendige Veränderung eintrete, sie werde \sich in Ver- pflihtungen für große und weitgehende Projekte nicht einlassen und nur dasjenige thun, was eine zufriedenstellende und dauernde Lösung der gegenwärtigen Frage herbeiführen könne. Die orientalishe Frage überhaupt anzuregen, sei leicht, dieselbe aber auch zu einem Abshluß zu führen, fei s{chwer. Die Regierung wünsche nicht, eine Gefahr zu laufen, wobei der europäische Friede gestört werden könne, ohne daß eine Noth- wendigkeit dazu vorhanden sei. Lord Stratheden {lug darauf die Zurückziehung des Antrags vor, derselbe wurde mit- zelst Akflamation abgelehnt.

(V. T. B) Im Unterhause erklärte der Unter- Staatssekretär Bourke auf eine Anfrage Andersons, er habe noch keine offizielle Mittheilung über den Abshluß eines Han- delsvertrages zwishen Frankreich und Amerika erhal- ten, durch welchen die Eingangszölle in Amerika für den Import franzöfisher Waaren herabgeseßt werden sfollen. Er halte es nicht für wahrscheinli, daß der Kongreß die Abficht habe, einen derartigen Vertrag abzuschließen. Auf eine weitere Anfrage Forfters erklärte Bourke, der Großvezier habe die Nachricht, nach welcher die türkishe Regierung beabsichtigen sollte, die an Griehenland grenzenden Provinzen mit Tscherkessen zu kolo- nifiren, formell für unbegründei erklärt, Im weiteren Verlaufe der Sizung erwiderte der Unter-Staatssekretär Lowtherx auf eine Anfrage Wilmots, er sei nicht davon unterrichtet, daß ein Angriff auf die Haupstadt von Dahomey beabsihtigt sei.

1. August. (W. T. B.) In der gestrigen Sißung des Unterhauses, in welher die Orientfrage mit dem Antrag Bruce ebenfalls zur Berathung stand, brachte Forssyth einen Unterantrag ein, in welchem die Regierung aufzefordert wird, Schritte zu thun, um wirksame Garantien zur Sicher stel- [lung einer guten Verwaltung in den slavishen Provinzen der Türkei zu erlangen. Gladftone unterstüßte den Antrag Forsyths und hob weiter hervor, daß man iz Krimkriege und seinen Ergebnissen nah Mitteln zur Lösung der Schwierigkeiten suchen müsse. In Folge des Krimkrieges habe England das Recht zur Intervention und zu moralishen Demonstrationen erlangt. Rußland habe auf- gehört, die Stellung eines Vertheidigers der Christen im Orient einzunehmen und wende seine Aufmerksamkeit dem Frieden und dem Fortschritte zu. Eine Wiederherstellung der früheren Suprematie der Pforte komme niht in Frage, außer wenn die- selbe in einer weniger absoluten Form aufrecht erhalten werden könne. Gladftone sprach \sich fexner tadelnd darüber aus, daß sih die Regierung die Gelegenheiz zur Ergreifung der Initiative betreffs einer Kollektivintervention h.be entgehen lassen und daß dieselbe irrthümlihe Ansichten über die Gründe habe aufkommen lassen, díe zur-Entsendung der englischen Flotte na der Besika-Bai und zur Ablehnung des Berliner Memorandums Veranlaffung gegeben hatta. Zum Schluß beto! te Gladstone, daß man das Einverständniß dez europäischen

| Mähte wieder herzustellen suhen müsse.

Disraeli sprach zunächst sein Bedauern darüber aus, daß der Antrag nicht in präzisen Worten entweder Vertrauen zum Ministerium oder einen Tadel desselben ausdrücke und erklärte dann im Einzelnen: Nah dem Berichte des Konsuls Baring sei die Nahricht, daß 40 bulgarische Mädchen von den Türken gemordet worden seien, unbegründet. Was die Note des Grafen Andrassy anbelange, so habe England \. Z gezögert, dieselbe zu acceptiren, weil die Regierung von der Anficht ausgegangen sei, daß wenn irgend mögli, der sta- tus quo in der Türkei aufrecht erhalten werden müsse. Aber als man gefunden habe, daß die Note fast nicht einmal über die von der Türkei selbs vorher gemach= ten Versprehungen hinausgehe und als die Türkei selbst die englishe Regierung aufgefordert habe, die Note An- dassy's zu acceptiren, - habe die englishe Regierung dieselbe angenommen, um im Einverständnisse mit den übrigen Mächten zu handeln. England \ei Anfangs isolirt gewesen, weil es das Prinzip der Nichtintervention adoptirt habe, Eng- land stehe aber niht mehr isolirt, indem auch die übrigen 5 Mächte bieses Prinzip angenommen hätten. Das Berliner Memorandum \chließe mit einem Ultimatum, dahin gehend, daß, wenn die in demselben ausgeführten Bedinguncen nicht erfüllt werden follten, vollftändig abweichende Maßregeln getroffen werden würden. Eine Nichterfülung der Zusicherungen, die die Türkei zu geben bereit war, würde eine Okkupation zur Folge gehabt haben und hierdurch würde der Krieg herbeigeführt worden sein. Was die Absendung der englischen Flotte in die türkishen Gewässer betreffe, so sei dieselbe niht in drohender Absicht, sondern zum Schuße wichtiger Interessen Englands geschehen. Disraeli gestand ferner zu, daß Rußland und Oefterreih von Anfang an bemüht gewesen seien, die Unruhen in der Türkei zu beseitigen. Der Krieg in der Türkei sei in Folge von Machinationen geheimer Gesellshaften und revolutionärer Ko- mités zum Ausbruch gekommen. Bis jeßt habe er keinen Grund finden können, der England zu einer Intervention Anlaß gebe, wenn aber die Gelegenheit dazu gekommen fei, werde England bereit sein, an einer Pazifikation der \lavischen Provinzen theil-

zunehmen. Nahdem noch der Führer der Opposition, Lord Har= .

tington, das Verhalten der Regierung einer Kritik unterzogen hatte, wurde der Antrag Bruce's und der Unterantrag Forsyths zurückgezogen.

Frankreich. Paris, 30. Juli. In der Sißzung der Deputirtenkammer vom 29. Juli betonte in der Berathung des Unterrichtsbudgets der Unterrihts-Mi- nister die Nothwendigkeit, in dem vom Staate geleiteten Unterricht auch die Fakultäten der Theologie beizu- behalten; in allen Universitätskreisen bilde die theolo- gische Fakultät den Ausgangspunkt, und man werde den Unter- richt nicht dadurch he-en, daß man die Vorlesungen beseitige, welche sh mit den erhabenften Gegenständen beschäftigen: er könne si nicht leichtfinnig auf den Weg der Beschränkung der Fakultäten einlassen, denn dem Staate \ei die Theologie zur Srgünzung seiner Geistlihkeit nöthig; ohnehin seien diese Fafultäten die Zufluchtsftätten derjenigen geworden, welche den gallikanishen Ideen zugethan seien; wenn diese Fakultäten unterdrückt würden, werde man die Ausbildung der jungen Geist= lihkeit ganz andern Einflüssen anheimgeben. So sei die theo- logische Fakultät in Poitiers aus\{ließlich mit Ausländern be= sezt und der Unterriht werde dort in: lateinisher Sprache ertheilt; es sei aber fkeineswegs wünschenswerth, daß dieses System weiter um fich greife, da es eine Kluft zwishen dem theologishen Unterrihte und dem in anderen Wissenschaften grabe, zu einer beklagenswerthen Scheidung füh- ren würde. Es ftiehe zu hoffen, daß die Politik Roms in einigen Jahren tiefe Umgestaltungen erfahren werde, und es sei daher um fo nôthiger, daß man fich bemühe, den endgültigen Bund zwischen der Freiheit und der Religion vorzubereiten. Was Bordeaux anbetreffe, so dürfe man dem Erzbischofe von Bor- deaux, einem der legten Vertreter des Gallicanismus, nicht die Schmah anthun, die Fakultät zu beseitigen, die seinem Herzen theuer sci; die Kammer werde auch dem Opfer Rehnung tragen, das Bordeaux der Ausbildung des höheren Unterrichts bringe. Ein Antrag Talandier und Genossen, welcher auf vollständige Unterdrückung der für die theologischen Fakultäten verlangten Kredite abzielt, wurde mit 428 gegen 63 Stimmen verworfen. Bert (Raditaler) beantragte die Aufhebung der theo- logishen Fakultät in Rouen. Raoul Duval trat dagegen auf, aber die Aufhebung wurde mit 219 gegen 166 Stimmen be-

\{chlofsen.

Der „République Française* zufolge würde das „Journal officiel“ nächstens abermals eine Liste von Be- gnadigungen zu Gunsten der wegen der Kommune Ver- urtheilten bringen. Dieselbe würde 107 Namen enthalten und die letzte sein, die dieses Jahr erlassen werden soll. Der Be- gnadigungs-Aus\shuß wird fich erst einige Monate nach den Ferien wieder versammeln.

Nach dem „Moniteur* werden \ich die Kammern, wie man jeßt als gewiß annimmt, bis zum 8. oder 12. August vertagen, sobald fie mit dem Unterrihts- und Kriegsbudget fertig find.

Die „Köln. Ztg.“ theilt zur Charakteriftik des in den ultramontanen Blättern veröffentlihten offenen Schreibens des Erzbischofs von Paris, Msgr. Guibert, an den Conseils-Präfidenten über die Kultusdebatte in der Kammer folgende Stelle daraus mit:

„Man darf unbedenklich behaupten, daß die Mitglieder des Bud- getauéschusses, wenn sie die kirhliben Einrichtungen mit solcher Strenge behandelten, durchaus den Vortheil des unlängst uuter uns eingeseßten Regimes in den Wind schlagen. Jeßt, wo zum dritten Mal versucht wird, in Frankreich die republikanische Regierung zu be- festigen, hätte die Klugheit lehren sollen, kein Mittel zu vernachlässigen, um das Gelingen eines {on zwei Mal geschcit:rten Versuches zu sichern. Die Erfahrung lehrte uns aber, daß die vereinigte Republik, welche die Ueberlieferungen des Landes und die Schwierigkeiten gegen si hat, die für ein folches Regime aus einer Masse von 36 Millionen Einwohner centftehen, sich niht erhalten konnte, weil sie nit die religiösen Ideen achten wollte, und es nicht verstand, die Uebergriffe der Freiheit im Zaum zu halten. Wäre es nicht nöthig, alle konser- vativen Kräfte zu {onen und \sich auf alle heilsamen Einflüsse zu be- rufen, wenn dieser dritte Versuch nicht so erbäimlih wie die zwei vorhergehenden endigen foll? Kann-man leugnen, daß die christlihe Moral, der Geist des Evangeliums, die Gewohnheiten der Frömmig- feit geaen Gott und die Barmherzigkeit gegen feinen Nächsten nicht der mächtigste Damm gegen die ungeregelten Leidenschaften sei, welche die Vêlkfer entehren und als nothwendiges Heilmittel det potishe Re- gierungen hervorrufen? Verständen unsere Geseßgeber ihre Mission, fie würden in der Wirkung der Religion ihren .nüßlihsten Bundes- genossei: schen.“ A L

Das „Journal - officiel* veröffentliht folgenden Ab- \hiedsbrief der Königin Jsabella an den Marschall- Präsidenten:

Kommission seinen Bericht vor.

Paris, 27. Juli 1876, Herr Marschall! Ehe ih das \{öne und gastfreundliche Frankreih, die Wiege meiner Familie, verlasse, wo ich aht Jahre lang fortdauernde Beweise von An}sehen und Achtung erhielt, legt mir m-ine unveränderlihe Dankbarkeit die Pflich: auf, da ich individuell niht allen Franzosen danken kann, mich an Denjenigen zu wenden, der den Schicksalen dieses großmüthigen Volkes, dessen Wohlfahrt mib und meine Kinder fo lebhaft interessirt, vorsteht. Sie kennen, Herr Marschall, meine Gefühle, und Sie können nicht an dem Andenken zweifeln, daß ih von diesem theuren Lande, dem Asyl dec \panishen Monarchie während der Tage grausamer Revolution, mit mir uehme. Ih kehre in mein Vaterland zurüdck, wo ich meine Kinder finden werde, aber ich bewahre hier das Haus, in dem ih glücklihe Tag+ verlebte. Fortan werde ich meine Tage zwischen unsern beiden Ländern iheilen. Jh ersuche Sie, Herr Marschall, turch das Amtsblatt Frankreich den Ausdruck meiner auf- rihtigen Dankbarkeit mitzutheilen. Und glauben Sie, mein theurer Marschal), an meine dankbare und aufrichtige Freun? saft.

: Jfabella von Bourbon.

Versailles, 31, Juli. (W. T. B.) Die Deputirten- kammer hat in ihrer heutigen Sißung die Berathung über den gesammten Unterrihtsetat beendigt und wird morgen in die Diskussion des Militäretats eintreten. Der Senat bat heute zwei Nachtragskredite für das Iahr 1875 zum Militäretat und zum Etat des Ministeriums des Innern ange- nommen. —- Das linke Centrum im Senat hat dem Conseil- Präsidenten Dufaure die Kandidatur zum ständigen Mit- gliede des Senats an Stelle Casimir Pereiers angeboten.

Italien. Rom, 27. Juli. (It. N) Zur gestrigen Senatssißung hatten sich nicht weniger als 216 Senaroren in Rom eingefunden, von denen viele wegen ihres hohen Alters und wegen der weiten Entfernung, in welcher fie von der Hauptstadt wohnen, den Senatssißungen {hon lange niht mehr beigewohnt haben. Da der Präsident Graf Pasolini nicht zu- gegen war, so führte der Vize-Präsident Lula den Vorfit. Nachdem das Protokoll verlesen und keine Einwendung da- gegen erhoben worden war, erhob sich der Minister - Präsident und sagte:

Ich muß dem Senate danken und im Namen der Regierung eine Bitte an ihn richten. Erlauben Sie mir, meine Herren Sena- teren, daß ich Ihnen im Namen der Regierung für die zahlreiche Betheiligung an der heutigen Sißung Dank sage. Vicle von Ihnen haben Ihre Familien S und die Mühscligkeiten einer langen Reise ertragen müssen. ie Regierung ift Ihnen dankbar dafür. Sie haben einen neuen Beweis Ihres Patriotismus abgelegt. Sie haben durch Ihren Eifer bewiesen, wie hoch die liberalen Institu- tionen im Lande geschäßt werden, für die es keine größere Gefahr geben könnte, als die allgemeine Gleichgültigfeit. Ihre Gegenwart in so großer Anzahl beweist, daß diese Gefahr für die freien JInsti- tutionen unseres Landes nit vorbanden ift. Meine Herren Scnz- toren, die Männer, welche mit dem Vertrauen unseres erhabenen Souveräns beehrt, vor ihuen stehen, wünschen Jhre Unterstüßung und Ihr Vertrauen zu erbalten; aber noch mehr wünschen sie es zu ver- diexen. Es können Momente eintreten, in denen die Unte: stüßung des Senats die Autorität der Regierung erböht und ihr dic Kreît giebt, welche sie zur Vertheidigung der Lanteëinteressen nöthig bat. Das gegenwärtige Kabinet wünscht ihre Unterstüßung und fühit sich verpflichtet, einen Zweifel zu beseitigen. Dieser Zweifel erhebt sid gegen dasselbe rit in Ihrer Brust, auch nicht in diesem Saale, sondern außerhalb desselben, wo die politis&ce Atmosphäre uit immer - heiter ift. Man hat den Zweifel erhoben, meine Herren Senatoren, ob wohl die Königliche Regierung daran gedacht habe, einen, ich will nicht iagen Dru, aber etwas Aehnliches auf die vortrefflichen Männer, welche diese Versammlung bilden, auêzuüben., Diesen Zweifel will die Königliche Regierung gänzlich beseitizt wissen. Meine Herren! Die Regierung erkennt eine souveräne Körperschaft vor sich, welche gebildet wird von Männern, die unter ihren Mit- bürgern hervorragen durch Geist, Gelehrsamkeit, Opfer, welche sie der Sache der Freiheit und des Landes gebracht und turch große Dienste, die sie dem Staate geleistet hatten. Das Staatsgrun dgeseß be- zeichnet sie und der König ernannte fie zum hohen Amte der Gesehz- gebung. “Nun, meine Herren, babe ich nöthig, Jhnen zu erklären, daß das Kabinet himmelweit von der Idee entfernt ift, irgend wilchen Druck, ja nur cinen Schatten davon auf diese hohe Versammlung und auf die ausgezeichneten Männer, welche sie bilden, ausüben zu wollen? Dieser Druck, meine Herren, is moralisch un- möglich und wäre eben so unwirksam wie uncehrerbietig. Ic) hoffe, daß der Senat den Männern, welche2 gegenwärtig am Staaisruder sißen, diese Gerechtigkeit widerfahren lassen werde. Wir erkennen und ehren in diefer Versammlung die erste Staatékor- poration. Niemand, meine Harr-n, hat das Recht, die Aufrichtigkeit dieser Erklärung in Zweifel zu ziehen. Ich erinnere mi, in den exsten Jahren unserec nationalen Wiedergeburt im Saale des Senates die Stimme unseres erhabenen, von ganz Italien geliebten und ver- ehrten Souveräns vernommen zu haben, die Stimme, welche uns eines Tages betheuert hat, daß kein Schmerzensruf vergeb- lh zu Ihm erhoben wird, die Stimme des eben so ehrlichen wie tapfern Fürsten, welher im Vorgefühl der Zukunft Italiens die Hoffnung auf dieselbe lebendig hielt und fie mit vollem Erfolge gekrönt hat. Meine Herren, wir können nicht verge}sen, und wenn wir es wollten, so würden die Königlichen Wappen, welche auf j:ncn Sißen glänzen, uns daran erinvern, taß kraft der Verfassung die Prinzen unserer erhabenen Dynastie Mitglieder des Senates und IJIhreSefährten am Werke der Gesetzgebung find, die Prinzen jener © ynastie, welche mit siherem Auge die Reife der Zeit zu crkennen verstand und die Verfassung gab, jener Dynastie, welche mit kriegerisher Hand das Van- ner Jtaliens erfaßte und auf die Schlachtfelder t-ug, jener Dynastie, welche diefes Banner in den {merzlichsten und gefahrvollsten Tagen unserer Wiedergeburt in den legislativen Verfsamm!ungen in Turin und auf den Leichenthürmen von Superga hoch und ehne Furcht und Tadel hielt, jener Dynastie, meine Herren, weiche Jta- lien frei und einig in seiner Hauptstadt in die ewige Stadt Rom geführt hat. Nun, meine Herren, erlauben Sie mir es auszusprechen, daß selbst der entfernteste Verdacht von Unehrer- bietigkeit gegen den Senat des Königreichs Seitens der Königlichen Minifter die s{hwerste aber auch abgeihmackteste aller Anklagen wäre, die man gegen uns vorbringen könnte, der wir aber nichts als unsere Verachtung entgegeustellen würden. Und gerade wegen der Ehrerbietigkeit, die wir für Sie hegen, haben wir J9nen eine Bitte vorzulegen. Wir bitten Sie, meine Herren Senatoren, nicht um Nebenfragen besorgt zu sein; wir bitten Sie, bei der Entscheidung, welche Sie treffen werden, auf keincn andern Rath zu hören und sich durch kcine audere Nülsicht leiten zu lassen, als dur den Gedanken, der Sie troß der ungünstizen Jahreszeit so ¿zahlreich hier versammelt hat: Das Ansehen unserer Institutionen unangetastet zu erhalten, Vor allen wird Ihnen die Königliche MNegierung dafür darkbar sein, aber auch das Land, dem Sie in Jhrer langen und glänzenden Laufbahn {hon so viele und große Dienste erzeigt haben, wird Jhnen auch für diesen neuen Dienft er- Xenntlich sein,

Die Rede des Minister-Präsidenten wurde häufig und von begeiferten Beifallsrufen unterbrochen, und als er geendigt hatte drängton fich viele Senatoren zu ihm, um ihm die Hand zu drücken ; als über den Geseßentwurf, betreffend die Errichtung zollfreier Depots (punti franchi), abgestimmt wurde, stimmten,

wie {on gemeldet, 114 Senatoren dafür und 102 dagegen.

28. Juli. Gestern Abend las der Senator Conforti (nach dem „Bersagliere“) der zur Wahlreform eingeseßten l Die Königlihe Kommisfion genehmigte den Beriht und schloß damit ihre Thätigkeit ab. Der Bericht wird der Regierung und der Presse übergeben wer-

den. Er schlägt bekanntli vor, das Alter der (aktiven) Wähler

auf 21 Jahre und den Census auf 20 Lire herabzusezen, oder au das aftive Wahirecht allen Bürgern zu geben, welche die vier Elemer.tarshulkurse besucht haben.

Der zum Internuntius am Hofe von Rio de Ia- neiro ernannte Msgr. Roncetti ift geftern nach Bordeaux abgereist, um fich daselbst nach Brafilien einzushiffen.

Der frühere Vertreter der rumänishen Re- gierung in Rom, Esarco, welher in Folge des daselb| stattgefundenen Ministerwechsels seine Entlassung eingereiht hatte, die auch angenommen worden ift, hat Italien verlafsen.

Zwischen Italien und Rumänien sind Unterhand- lungen zum Abschluß eines Handelsvertrages eingeleitet worden,

29. Juli. Nach dem klerikalen „Rome“ erwartet man im Vatikan die A&&:1“ft ener schr großen Pilgerkarawane aus Spanien, Die Zeit der Abreise von Madrid is noh nicht festgeseßt.

Der „Italie“ zufolge wären die Beziehungen des päpfilihen Stuhls zur hohen Pforte, Dank der ge- \chickten Vermittelung des auf seinen Posten in Konstantinopel zurückgekehrten Patriarhen Hafsun von Tag zu Tag enger.

680. Juli. Die Préeßorgane sämmtliher politischen Parteien beschäftigen fich angelegentlih mit einer Rede, die der Abgeordnete Bertani vor der äußersten Linken bei einem ihm zu Ehren in Reggio (Brescia) veranstalteten Bankett gehalten hat, weil er sich darin ganz unumwunden für die Ein- führung der Republik in Italien ausgesprohen und den Minifter des Innern Nicotera stark kompromitirt hat. Da Bertani dem Minister Nicotera über das Bankett telegraphi\ch{ berichtet hatte, ohne ihm jedoh diesen Tgeil seiner Rede mitzu- theilen, so ließ ihn der Minister ? urch seinen Kabinetschef für das dem Ministerium ausgesprochene Wohlwollen danken. Als aber die Rede des Abg, Bertani bekannt wurde, drückten alle Zeitungen der gemäßigt liberalen Partei ihre Verwunderung und Entrüstung darüber aus, daß ein Parlamentsmitglied \ch Jo unumwunden für die Einführung der Republik in Italien erklären und den Namen eines Mitglieds der Regierung in diese Erklärung mit hineinziehen konnte. Der „Bersagliere“ tadelt deshalb den Abg. Bertani wegen seiner Rede, namentlih aber, weil er den Minister des Innern mit hineingezogen, fal\ch und ganz ungereht beurtheilt und seine ohnehin {hon \chwierige Stellung noh vershlimmert habe. Er versichert, das Hr. Nico- tera durch die Rede schr {merzhaft berührt worden is, und [äßt durchblicken, daß der Minifter des Innern weit entfernt mit den Republikanern einverstanden zu sein, den Präfekten die \chärfsten Weisungen betreffs derselben habe zukommen lassen.

Türkei, Vom Kriegs\chauplaßze liegen heute folgende Telegramme vor:

Konstantinopel, 31. Juli. (W. T. B.) Hier eingegan- gene Depeschen aus Ni\ch melden, daß die türkischen Trup- pen die Offensive ergriffen und die Serben zurückgedrängt haben. Sie bemähtigten fich der s\erbishen Verschanzungen bei Dervent (auf der Straße von Gramada nach Knjazevac), und drangen in der Rihtung auf Guagussovagzi (Gurgufovac? oder mit anderem Namen Knjazevac, Stadt in Serbien am Timok, fsüdlih von Saitshar) zu in Serbien ein. Aus Widdin wird ebenfalls gemeldet, daß die türkishen Truppen die Offensive ergriffen haben. Nah Nachrichten aus Pod- gorizza wären die Montenegriner bei Antivari geschlagen worden, 400 in Philippopel eingekerkert gewesene Bul- garen find wieder in Fréiheit’ geseßt worden.

Wien, 31. Juli. -(W. T. B.) Der „Politishen Kor- respondenz“ wird aus Belgrad gemeldet: Nachdem die Unter- suchung wegen der am 5. d. stattgehabten Beschießung des Dampfers „Tisza“' durh die Serben geshlossen worden ift, wurde der hauptsächlich kompromittirte Kommandant der \er- bischen Nationalmiliz, Peter Jokovic, Seitens des serbischen Kriegs-Ministeriums in Gegenwart einer Militärabtheilung seiner Charge enthoben und entlassen. Dieselbe Korrespon- denz veröffentlicht einen ausführlihen Bericht über die Shlacht bei Vrbica. In demselben mird der Sieg der Montene- griner als eine Folge einer leichtsinnigen Operation Moukhtar Paschas dargestellt. Moukhtar Pascha habe von seinem Corps 8 Bataillone gerettet. Er soll in Bil ek von den Montenegrinern eingeschlossen sein.

Vrbîica nicht zu verwechseln mit Vrba nördlih von Gaczko liegt 11/15 österreichishe Meilen nordöstlih von B ilek in sehr gebirgigem Terrain am Abhange des Troglawa-Somina und ift nur etwas über zwei Meilen von der montenegrinischen Grenze entfernt.

London, 31 Zuli, (V. T. V) Dem „Aeuter schen Bureau“ wird aus Semlin unter dem heutigen Datum ge- meldet: Gerüchtweise verlautet, daß die Türken ein bei Pan- diralo (serbischer Grenzort an der Südgrenze nördlih von Ak- Palanka) stehendes \erbishes Detachement geschlagen hätten und fich auf dem Vormarsche gegen Kujajevaz befänden. Dire

agyptishen Truppen in der Stärke von 3 Regimentern

Infanterie, 1 Regiment Kavallerie und zwei Batterien find gegen Mitroviza (südöfilich von Nowibazar im öftlihen Theile der Herzegowina) dirigirt. Aus Saitchar liegen keine neueren Nach- richten vor. Die Serben haben Sienigta eingeschlossen.

Ueber das leßte Tagesereigniß auf dem Kriegsschau- plate, das Gefecht bei Vrbica, liegt eine weitere ergänzende Nachricht von montenegrinisher Seite vor. Wiewohl anzuneh- men it, daß Moukhtar Pascha geshlagen worden sei, so ist doch das bezüglihe Telegramm nur mit Vorficht aufzunehmen. Von den 16 Bataillonen der Türken sollen fih blos vier Bataillone, und auch die nur kaum, durch die Flucht gerettet haben. „Was dürfte wohl, sagt die „Presse“, mit den übrigen zwölf Bataillonen gesehen sein, nahdem doch nur 300 Nizams ge- fangen genommen wurden? Sollte sh der Verlauf des Ge- fehtes bei Vrbica in der gemeldeten Form auch nur annä- hernd bestätigen, so dürfte das Schicksal WMoukßhtar Paschas und der ijm militärisch anvertrauten Provinz Herzegowina so ziemlich entschieden sein. Die Türken werden fi zwar auf Mostar zurückziehen können und einer Belagerung durch die Montenegriner gewärtig sein, allein weit nahhaltiger könnten fih die moralischen Konsequenzea des anderthalbstündi- gen montenegrinischen Sieges gestalten. Jede entsheidende Nie- derlage, welche“ die türkishe Armee in Bosnien oder der Herze- gowina érleidet, wird ermunternd auf die Haltung der Jnfur- genten wirken, ganz abgesehen davon, daß die Pforte in jenen Provinzen nicht viel Truppen zu verlieren und zu ergänzen hat.“

Von dem sfserbishen Kriegsschauplaße liegen nur untergeordnete Mittheilungen vor. Ein Privattelegramm des Spczial-Berichterstatters der „Presse“ aus Belgrad, welcher fih in das Hauptquartier der Drina-Armee begeben hatte, meldet, daß General Alimpics sich mit seinem Stabe am linken, also auf dem Drina-Ufer befinde und einen Angriff für die nächsten

Tage vorhabe. Ueber die Lage der Timok-Division liegt in einigea Blättern die immerhin interessante Mittheilung vor, daß fich die Serben in Bregova vershanzt haben und daß türkisherseits ein Angriff von Grusova vorbereitet werde. Bregova liegt am rechten Timok-Ufer, also auf türki= \chem Boden; Grusfova ift zwei Meilen davon, in der Rich=- tung gegen Widdin, entfernt. Der seiner Zeit mehrfach gemel- dete Angriff der serbishen Stadt Negotin und deren Einnahme durch die Türken, erweist fich sonach als unbegründet.

In einem Belgrader Brief des „Hamburger Cor- respotidenten®“ wird unter Hinweis auf das erfte Gefecht bei Gramada der Operationsplan Abdul Kerim Paschas auseinandergeseßt. Es heißt darin unter Anderm:

__ eDie Streitkräfte, über welhe Abdul Kerim Pascha an der Südgrenze Serbiens verfügt, haben eine ganz auffällige Schwenkung nah Often unternommen. Am reten Ufer des Nissawaflusses, der in seinem weiteren Laufe bei Nisch vorüberfließt, breitet sih ein wilder und ungangharec Gebirgszug aus, die Tori-Stara-Planina. Die südlichen Abhänge dieses Gebirgzuges reichen fast bis an das Ufer der Nissawa, die rördlihen stoßen {on an die serbishz Grenze, Im Westen endet der Gebirgêzug bei Nis, im Osten, nachdem er eine sanfte Biegung südwärts gematht hat, in der Gegend ven Pirot. Diese Tori-Stara-Pianina liegt also ostwärts von den serbish-türkishen Aufstellungen, und da der tückishe Offensivsteß nach der allgemeinen Annahme im Westen erfolgen fellt-, so dachte gar Niemand daran, daß diese Gebirgshöhen der Schauplaß militärisGer Ereignisse werden könnten. Es if aber ande:3 E ams Die Türken s{lugen sich, wie gesagt, plöglich ostwärts, über- schritten die Tori - Stara - Planina und griffen die in großer Bestürzung herbeigeeilten Serben am Nordabhlange des Ge- bicges bet Gramada an, einer fleinen Ortschaft, die schon unmiiteibar an der Grenze und an der nach der serbischen Stadt Gurgufovac führenden Straße liegt. Dies:r türkishe Angriff wurde zwar für dieêmal noch zurückgeshlagen, aker daß er überhaupt unter- nommen wurde, das zieht mit einem Male den Schleier von den Opz- rationen Kerim Paschas weg. Abdul Kerim Pascha will offenbar die Befestigungen des Morawathales umgehen und fi in den südöstlihen Winkel von Serbien eindrängen, d. h. seine Truppen wie einen Keil zwischen das Armee-Corps Tschernajeffs einerseits und das des Obersten Ljeshanin am Timok andererseits schieben, Glüdckte ein nächfter Angriff auf Gramada, so fönnte Abdul Kerim Pascha in längstens drei Stunden das serbisle Dorf Dca- nica und damit den Lauf es oberen Timok erreicht haben. Ein kurzer Tagemarsh brächte ihn nach Gurgusevac am gleichnamigen F'usse. Einmal hier, befände sich aber Abdul Kerim Pascha auf halbem Wege zwischen den Armee-Corps Tscherna- jefs und Ljeschanins. Otëman Paschas jüngste Offensive war o fcmbinirt, daß Ljeschanin gegen Negotin, also nach Norden, gb- gedrängt werden sollte. Zu welchGem Zwecke, liegt auf der Hand. Ist Ljeschanin einmal gegen Norden abgedrängt, dann kann Osman Pascha gleichzeitig den mittleren Lauf des Timok, ungefähr bei Zajear, beseßen. Zajcar aber liegt kaum a&t Wegstunden von Gurguscva entfernt, und es Tönaten sich also die Armcen Abdul Kezims und Osman Paschas im Thale des Timok selbst vereinigen. Leder Tscheraajef} noch der weit von ihm abgedrängte Lieschanin wären dann wohl im Stande, den Vormars{ der Türken gegen Belgrad zu hindern, und dies umsoweniger, wern gleichzeitig ein Offensivstoß au von Nordwesten, von Bjelina erfolgte.

Tschernajeff, berichtet der „Correspondent“ weiter, habe diesen Pian des türfishen Ober-Feldherrn durhschaui und sei darum vor acht Tagen in aller Eile in das Hauptquartier des Fürsten Milan ge- kommen, um mit diesem die nöthigen Veränderungen in der Äuf- stellung der serbishen Armee zu berathen.

Ein Belgrader Berichterstatier desselben Blattes {reibt über die serbischen Befestigungen von Deligrad und über den türkischen Offensivplan u. A. Folgendes:

Es giebt in ganz Serbien feinen zweiten Punkt von so hoher strategische- Wichtigkeit, als es Deligrad is, und dieser Wictigkeit entsprehend habea die Serben auch den Plaß befestigt. Eine türkische Armee, die von Nis aus in Sérbien cindringea wollte, muß unbe- dingt hier pasfiren. Aber auch zwei Seitcnihäler münden, das cine unmittelbar bei Deligrad, das andere etwas oberkalb davon. Das erste ist das Thal der Stricevica, Wenn es Osman Pascha an der Ostgrenze gelänge, Zajcar zu nehmen, und wenn er dann den Lauf des Timok aufwärts marschirte bis nah Garguseva, fo brauchte er sich hier nur rechts zu wenden, und in einem halben Tageêmarsce wäre er in Slatina und in Oreson, bezichurgêweise im eben genannten Thale dec Stricevica, an dissen Ausgange er Déligrad bedrohen fkönute. Das zweite Seitenthal mündet bei Stalat, zwei Stunden oberhalb voa Deli- grad. Es ist das Thal der Zapadnaja Morawa oder der serbischen Morawa, welches Mehemed Ali Pascha benüßen könnte, wenn ihn von Nova-Varos aus ein Vorstoß na Serbien gelänge. Bei Deli- grad also müßte es zur Entscheidungsschlacht kommen. Diei Hügil- ketten, die sich zur Dreieckform zusammendrängen, \{li:ßen den Pl16 ein Diese Hügel sind es, welche die Serben mit Befestigungen be- deckt haben Befestigungen, von welhen Fachmänner versichern, daß sie geradezu uncinnehmbar seien. In ihrer Gesamznmt- heit bilden die Befestigungen einen drecifahen Gürtel von Schanzez, entsprebend der dreimal wicderholtcen Steigerung des Bodens. Die Schanzen sind mit 42 Kruppschen Kanonen bestückt, welche Projektile von 200 Kilogramm Ge- wicht zu s{leudern vermögen, außerdem aber mit etwa 50 Kanonen kleineren Kalibers. Man mag mit welchem serbischen Offizier immer sprechen, jcder drückt die Ueberzeugung aus, daß die Türken nie und nimmer über Delizrad wecden binauskommen, wenn fie nur ven Süden her ins Land eindringen.

Andere Besorgnisse scheinen es übrigens noch zu sein, wclHe seit einigen Tagen unsere maßgebenden Kreise erfüllen. Verstehe ih gewisse Andeutungen recht, so befürchtet man, daß 8 gar rit in der Absicht der Türken liegen könne, den Eintritt von Süden her zu forciren, sondern daß alle Operationen bei Nisch nur den Zweck hät- ten, die Armee Tschernajeffs dot festzuhalten, um mittlerweile um so ungehiuderter im äußersten Ofien und Westen des Landes zür Offensive überzugehen. Was einen türkishen Invasicns- verjuch von Bijelina her bérifft, so muß man densclben zwar für ziemlich unwahrscheinlich halten; denn seittem Achmed Moufttar Pascha aus Bosuien nach der Herzegowina zurückgekchrt ift, stelen dort lange nicht mehr tüuxfishe Truppen genug, als daß man ‘e- fürd;ten sollte, Nanko Alimpits werde über die Drina hbinüber- geworfen, sein Armee-Corps zerstreut werden. Anders steht es freie lid) mit den türkishen Streitk. äften im Osten. * Dort vafügt Osman Pascha heute über nahezu 40,000 Mann, und man darf uicht ver- gessez, daß sein Armec-Corps in Bezug auf die Möglichkeit, sich aus- giebig und rasch zu verstärken, das bestsituirte ist. Osman Pa‘cha hat die Donau binter sih, und diese können ihm die Serben nitt

IPerren.

Amerika. Hayti. (A. A. C.) Aus Cape Haytien wird unterm 11. d. M. gemeldet, daß daselbs versucht wurde, eine revolutionäre Bewegung zu Gunsten des Generals Nord in Scene zu seßen, daß aber der Versuch fehls&lug. Ge: neral Nord, der für mehrere Tage eine Zuflucht im Hause des amerifanischen Konsuls fand, entkam \{chließliG an Bord des französischen Dampfers „Martinique“ nach Kingstown. Es ging ein Gerücht, daß ein Komplott exiftire, die Stadt in der Nacht des 11. in Brand zu stecken, aber man schenkte demselben keinen Glauben, noch empfanden die Kaufleute in Cape Haytien irgend welche Unruhe. Es wurden mehrere wichtige Vertaf- tungen vorgenommen, aber man glaubte, daß mit der Flucht des Generals Nord die Ocdnung bald wieder hergestellt werden würde, Der Handel liegt in ganz Hayti darnieder,