1903 / 119 p. 5 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

zum Deutschen Reichsanzeiger und Königlich

Erste Veilage

Preußischen Staatsanzeiger.

g 119. : Berlin, Freitag, den 22. Mai 19023. Literatur. kommenden Einkommen von mehr als 3000 4 vornehmlich aus | beruhe das „Stadtproblem“, das darin bestehe, „den jährli an-

Einkommen und Vermögen in Preußen und ihre Entwickelung seit Einführung der neuen Steuern mit ußanwendung auf die Theorie der Einkommens- entwidelung. Von Dr. Kurt Nitschke in Breslau. Verlag von Gustav Fischer, Jena. Preis 2,90 G Dieses für den Finanz- politifer wie den Volkswirt und Sozialpolitiker, für den Theoretiker wie den Praktiker gleich interessante Thema ist neuerdings, nachdem ein Jahrzehnt der Wirksamkeit der großen Miquelschen Steuerreformen verstrichen, mehrfach zum Gegenstande wissenschaftlicher Forschung gemacht worden, hat aber bisher von keiner Seite eine so gründliche und wissen- \chaftlih objeftive, von jeder Tendenz \ih freihaltende Bearbeitung er- fahren, wie in der vorliegenden Schrift Nitschkes. Hier sind die m en Schätze volkswirtschaftli her und gesellshaft8wissenshaftliher Erfennt- ms, welche2 die Statistik der Veranla ungs8ergebnifse der preußischen Einkommens- und Vermögenssteuer entbält: für die Theorie u E die Praxis voll nugßbar_ gemacht. A0 einem „grundlegenden Teile“ gibt der Verfasser zunächst eine Uedersiht über die Geschichte der direkten Steuern in Prenta im 19. daitn sowohl positiv-re{tli als au statistisch und kritish den Kreis der Steuerpflichtigen, die Steuerobjekte und das Einschäßungs- und Veranlagungsverfahren. Der zweite Ab- {nitt führt aus verschiedenen Gesichtspunkten das statistische Material vor und unterzieht es einer genauen Analyfe. Die Einkommen- und Vermögenesteuerzensiten werden im ganzen Staat wie in den Provinzen, im Unterschied von Stadt und Land wie in den Stadtkreisen betrabtet. An die Darstellung der Ein- kommen und Vermögen {ließt si eine Erörterung des National- einkommens, der Einkommens- und Vermögen2arten im Staat und in dea Provinzen sowie der Schulden und Schuldenzinsen an. Im dritten Teil wird dann aus den statistishen Erhebungen die Nuy- anwendung auf das große Problem der Einkommensverteilung ‘ge- zogen. Dieses Schlußkapitel ist die ei entlich wissenschaftliche Aus: beute der ganzen Arbeit. Hier seßt si der Verfasser zunächst mit den Theorien der Einkommensverteilung, die von verschiedenen Schriftstellern aufgestellt worden sind, kritisch auseinander und prüft befonders die von sozialistisher Seite behaupteten Ent- wickelungstendenzen auf ihre Haltbarkeit. Daran knüpft der Verfasser seine eigenen, auf die preußis@e Steuerstatistik gestüßten Beobachtungen. Aus ihr erhellt die Tatsache, daß sich in Preußen das Gesamteinkommen in großartiger Weise gesteigert hat, für die

Jahrhundert und zergliedert

Einkommen über 900 in den Jahren 1892—1900 um 2117 Millionen, also um mehr als 2 Milliarden Mark, in den Jahren 1896 —1900 allein um 1755 Millionen, um 12 Milliarde. An diesem

Einkommenzuwahs haben allein im Jahre 1900 fast 4% der Be- völkerung mehr Anteil als am Beginn der neunjährigen Periode, und mehr als die Hälfte des Zuwachses entfällt gerade auf die untersten

Schichten der in Preußen zur Veranlagung kommenden Bevölkerung: 1080 Millionen Mark, über eine ganze * illiarde, genau 51,02%

des ganzen Einkommenszuwachses sind der Steuergruppe der Einkommen von 900—3000 M zugeflossen; ihnen stehen 11.67, 5,67, 10,72 und 20,92% des Zuwabses in den höheren Stufen von 3000— 6000, 6000—9500, 9500—30 500 und über 30500 M gegenüber. Daktei ist noch zu bedenken, daß im Jahre 1900 4,44%/9 der Be- völkerung auf Grund der §S 18 und 19 des Gesetzes freigestellt s die allein noch 244 Millionen Mark Einkommen repräsentieren. „Wir sehen: an eine Verelendong der unteren Sten ist laut der Ein- Lommensteuerstatistik nicht zu denken. Die Ÿ ehauptung, „der Mehr- ertrag der modernen Volkswirtschaft, der Lohn der Arbeit fällt nur den oberen Schichten zu*, ist angesichts der Tatsachen, die uns die Steuerstatistik unwiderlegbar aufweist, unwahr.“

Aus der preußishen Steuerstatistik ergibt fich ferner, N die Unterschiede der Einkommen und Vermögen sh in der Weiterentwickelung nicht stärker differenzieren, die Entwickelung nicht einer zunehmenden Ungleichheit der Einkomn:en zustrebt. Allein 2 Million überhaupt steuerpflihtige Staatsbürger, d. h. Haushaltungsvorstände und Einzel- steuernde, find in den Jahren 1896 bis 1900 in die Stufe der Ver- anlagungépflihtigen aufgestiegen, haben die Grenze des Steuer- minimums von 90 Æ überschritten. Sie repräsentieren eine Be- völkerung von ca. 14 Million. Man kann darnach annehmen, daß durchs{nittlich im Jahr eine halbe Million Einwohner sich aus der Schicht unter dem Steuerminimum herauéhebt zu besseren Eristenz- bedingungen. Dig, Steigerungen in den nächsten Stufen sind nit ge- ringer. Es stiegen von 1896 bis 1900 auf: aus der Steuergruppe der Einkommen von 900 bis 1350 « #4 Million Ae aus derjenigen der Einkommen von 1350 bis 2100 A 1/z ? illion, aus der Einkommengruppe von 2100 bis 3000 46 über 80 000 Zen- fiten usw. Neu in die höchste Steuergruppe, die der Millionäre (Empfänger von Einkommen über 100 000 Æ), famen von 1896 bis 1900 953, d. f. 56,09% der in dieser „obersten Stufe 1896 Vor- handenen. Von einem Ansammeln des Reichtums in einzelnen Händen kann demna gar feine Rede sein. Allerdings fammeln sich große Einkommen in einzelnen Händen an, au die reichsten Einfommens- bezieher steigen immer höher. Aber Aufstieg ist überall ju verzeihnen, auf feiner Einkommeneéstufe gibt es einen Still- ftaud. Auhch von einem Verschwinden des Mittelstandes fann nicht gesprohen werden. Dabei | zu beachten, daß man heute die „mittleren Einkommen“ Eôher hinaufseßt als früber und Einkommen bis 95C0 Æ noch zu den „mittleren“ rechnet. Wollte man heute noch die Bezeichnung von den „oberen Zehn- tausend“ beibehalten und diejenigen, die unter ihnen stehen, als Mittelstand bezeichnen, so müßte man {hon bis zu einem Einkommen über 30 500 M hinaufgehen, über das im Jahre 1900 bereits 15232 Zenfiten hinaus waren, während iZnen 60 840 mit cinem Einkommen zwischen 9500 und 30500 Æ folgen. Bleibt man gber ie E Grenze von 9500 Æ, unter der man den Mittelstand sucht, so hätte mán 76000 Zensiten als die obere Schicht über leßterem (1892 erst 75 000) an- zusehen und einen Mittelstand, die Untergrenzen bei 2100 Æ angenommen, von dem fast Zehnfahen der oberen Schicht, nämlich 1900 von 711 526, fast } Millionen Zensiten (1896 noch §91 203); wie man fieht, au hier eine starke Vermehrung. Unter diesen beiden Schichten ruht dann ein Fundament von 114 (1896 103) Millionen Éinzel- einfommensbezießern oder Haushaltungsvorständen mit einem geringeren Einkommen und zwar eine Schicht, die sih in ibrem Niveau nicht \enkt, sondern zumal in ihren oberen Lagen, wie sie in der Steuer- statistik (Einkommen von 900—21C0 4) sihtbar werden, in ihren Einkommensverhältnissen von Jahr zu Jahr und zwar in

Ï als die Volksvermehrung fortschreitet , sich v v gige Tee der Zunahme des Gesamteinkommeus ist diese

unterste Shiht am ftärksten beteiligt, die obecste am wenigsten. Aber in Zeiten sehr raschen wirtshaftlihea Aufshwungs, wie in den Jahren 1896—1900, verändert fih das Verhältnis etwas zu Ungunsten der untersten und zu Gunsten namentli der obersten Schicht. Um- gefehrt kommt derx Einkommenszuwachs der stilleren Zeiten, wie 1892—96, vorzugsweise der untersten Schicht zugute, „während die obere nahezu leer ausgeht. Jn der mittleren Schicht es der Einkommenszuwachs in der Zeit der Hochkonjunktur den Dur(schnitt nur wenig, bleibt aber au in der stillen Zeit nicht allzu weit dahinter zurüd. Besovders bemerkenswert für die g rasen Aufschwungs ist ferner die Tatsache, daß die verhältniêmäßig stärkste Zunahme nit Einkommen aus Handel, Gewerbe und Bergbau, sondern das aus ingender Beschäftigung, d. h. bei den hier fast allein in Betracht

geistiger Arbeit, aufwies. Interessant trahtungen über die Untershiede der Stadt und Land: aus der Steuerstatistik erhellt die Tatsache, daß das Land in seiner Entwickelung weit hinter der Stadt und zumal binter den Stadtkreisen, den Großstädten zurückbleibt und daß sih dieser Unterschied zwishen Stadt und Land in Zeiten raschen Aufschwungs noch beträchtlich vergrößert. h Im Anschluß an diese Besprehung möchten wir noch auf ein anderes Werk hinweisen, das sich ebenfalls mit dem Aufschwung der deutschen Volkswirtschaft beshäftigt und insbesondere der Berufs- und Gewerbestatistik von 1895 gewidmet ist, die in Verbindung mit der- lentgen bon 1882 noh viel nahhaltigere Wirkungen, als die Steuer- statiftik, auf die Kritik, die Klärung und den Ausbau volkswirtschaft- icher Theorien und politischer beru: im großen und im kleinen ausgeübt hat: „Die erufs- und Gewerbe- zäblung im Deutshen Reih vom 14. Juni 1895“ von Dr. Heinrich Rauchberg, ordentlichem Professor an der K. K. deutschen Universität in Prag (Karl ymanns Verlag, Berlin ; Preis 8 4). Fin unserer snellebigen Zeit und vollends in einer Periode so lebhaften wirtschaftspolitishen Interessenkampfes wie heute können die Ergebnisse des großen Zählwerkes vom Juni 1895 manchem als bereits veraltet ersheinen, und in der Tat werden wohl die seitdem verstrichenen Jahre mit einem an Intensität und Dauer fast bei- spiellosen Aufschwung von Industrie und Handel neben anhaltender Depression der Landwirtschaft Verschiebungen zuwege gebraht haben, die zu kennen für die wirtschaftspolitische Bn is von heute von höchstem Interesse wäre. Aber ohne die sichere Basis, die das Zählwerk von 1895 geschaffen hat, ift die weitere Entwickelung bis zur Gegenwart gar nicht recht zu verfolgen und zu beurteilen. Schon deshalb ist das aubergshe Buch, das diese Basis der Oeffentlichkeit wieder klar vor Augen führt, mit Freuden zu begrüßen. Die vom Kaiserlichen Statistischen Amt veröffentlichten, auh an dieser Stelle seinerzeit besprochenen wissenschaftlihen Tertbände über die Ergebnisse der 1895er Zählung find hervorragende Leistungen der moderuen Statistik und haben der weiteren staatswissenschaftlichen Verarbeitung viel Mühe erspart und die Wege niht nur geebnet, fondern auch vielfach gewiesen. Aber tie haben diese weitere Ver- arbeitung niht unnôtig gemacht und au nit unnöôtig machen wollen. Rauchberg durfte sih zu einer solchen berufen fühlen, da er die Auf- bereitung und Bearbeitung der umfassenden, mit ausführlicher Be- handlung der Berufstatsachen verbundenen öfterreichishen Volks,

find endlih noch die Be- Einkommensverteilung nah

zählung von 1890 geleitet und die Tatsachen dieser inhaltsreichen Aufnahme ükerdies in dem Werke „Die Bevölkerung Oesterreichs“ in anziehender und lehrreiher Weise geschildert hat. in vor- liegendes Bu, in dem er die Ergebnisse der deutschen Berufs- ermittelung, der landwirtschaftlichen und der gewerblihen Betriebs-

zählung von 1895 näher gewürdigt hat, um daraufhin ein Gesamt- bild der volkswirtschaftlichen Entwickelung Deutschlands zu entwerfen, ift ein Kompendium der staat8wifsenschaftlihen Verwertung ihres Ins halts, wie man es sih troß mancher Einwendunzen gegen einzeln es nicht besser wünschen fann, das den Politiker wie jeden Gebildeten vortrefflih anzuleiten geeignet ist, auf der Basis der 1895 er Statistik zu einem möglichst fiheren Urteil auch über die Entwickelung unseres Wirtschaftslebens bis zur Gegenwart zu gelangen. L Der Verfaffer behandelt in den ersten vier- Teilen zunächst die Methode der Berufs- und Gewerbezählung, dann die Berufsgliederung und soziale Shihtug (Gestaltung der Volkszahl, Erwerbstätigkeit und Betriebszugehörizkeit, Berufsgliederung im allgemeinen, ihre geos graphische Gestaltung, soziale Shichtung im allgemeinen, die einzelnen sozialen Klafsen, geographishe Gestaltung der sozialen Schichtung, Hausindustrielle und Hausierer, häuslihe Diensiboten, Familien- angehörige ohne eigenen Hauptkeruf, Ueberblick über die soziale Sczichtung der gesamten Bevölkerung, Nebenerwerb, Stellung der Frauen im Erwerbsleben, Alter und Familienstand der Erwerb3- tâtigen, thr Glaubensbefenntnis), die landwirtshaftlihen Betriebe (ihre Zahl und Fläche, Berufsverhältnisse der Betriebsinhaber und landwirtschaftlihe Nebengewerbe, Besitzverhältnifse, Bodenbenutßung, Nugzviehhaltung, Verwendung von landwirtschaftlichen aue und die Gewerbebetriebe (ihre Zahl und Gliederung, Betrizb3umfang, Personal der Gewerbebetriebe, * Totoren und Arbeitsmaschinen, Haus- industrie). Am eingehenditen ift die Berufsgliederung und soziale Schihtung der Bevölkerung Deutschlands behandelt. Besondere Beachtung verdient in diesem Teile die Darlegung der verwidelten Vorgänge, welche die geographischen Verschiedenheiten in der e Tia unds hiernah eine dihtzre oder losere Ver- breitung der erwerbêtätigen Kräfte bewirkt haben. Wohldurhdaht ist auch das, was der Verfasser über die soziale Schichtung nach der Seite der Wohlhabenheitsverhältnisse hin und weiter über die durch diese beeinflußte Ausdehnung. der nicht unmittelbar am Erwerbsleben teilnehmenden Familienangehörigen jagt. Namentlich hat er der Berufstätigkeit der Frauen eine eingehende und verständnisvolle Be- rüfsichtigung zu teil werden lassen und hierbei die im allgemeinen be- stehenden Grenzen zwishen männli§er und weiblicher Berufstätigkeit recht hübsch veranscaulicht. é \ ; Im abschließenden fünften Teile faßt Rauchberg die Ergebnisse der Berufs- und Gewerbezählung zu einem Ueberblick über die „Ent- wickelungstendenzen der deutschen Volkswirtschaft“ zusammen, in dem er anziehend und bestehend alle die einzelnen Erscheinungen in ihrem Zusammenwirken und Ineinandergreifen zu deuten weiß. Er betont in erster Linie die überaus starke Volkszunahme im Deutschen e und ihren eigenartig „konservativen“ Charafter, ta sie niht so sehr auf Erhöhung der Geburtenzahl als auf Minderung der Sterblichkeit

und fast gänzlihem Aufhören der Auswanderung beruhe. Daneben stellt er die frappierende Tatsahe, daß die Signatur der jüngsten Wirtschaftsperiode, von den vorüber-

gehenden Depressionea abgesehen, chronisher Arbeitermangel ift, während vor dreißig Jahren noch die chronishe Ueberfüllung des Arbeitêmarktes (industrielle Reservearmeen) eine Dae der sozia- listishen Kritik unserer abi LaR war. Erklärt werden fönne das nur durch die Umbildung der L erufsgliederung, die das deutsche Volk durhgemaht habe und noh durhmache: von der Land- wirtschaft zu Industrie, Handel und Verkehr. Die ganze Volfszu- nahme von 1882 bis 1895 sei leßteren Berufen zugewa sen, mehr als drei Viertel davon allein der Industrie. Der Grund sei: „Die Landwirtschaft gebunden an die verfügbare Bodenfläche, beengt durch die überkommene und nur allmählihem Wandel zugängliche Agrar- verfassung in Besiß und Betrieb, gerade während der Zwischenzeit zwischen 1882 „und 1895 bedrängt dur die Konkurrenz auéwärtiger Länder mit äußerst extensiver Wirtschaftsweise. Die Industrie hingegen getragen von einer potentiell unbeschränkten Aus- breitun sfähigkeit leiht beweglid, stets gerüstet und bereit, jeden technischen Fortschritt zu verwerten, jede Errungenschaft als Vorstufe weiterer Errungenschaften auszunußen.* Dieser Umbildung der Be- rufsgliederung entsprehe die Veränderung der Ansiedelungsverhält- nisse: der F vom Lande nach tet Stadt. Das zwanzigste Jahr-

hundert treffe bereits die größere Hälfte der Bevölkerung in städtischen Wohnpläßen. Diese Tatsache sei eine der wichtigsten in der Entwickelung des deutshen Volkes. Niemand könne über- sehen, welhe Gefahren mit der Verpflanzung so gewaltiger Volksmafsen in neue Lebensbedingungen verbunden seien. Sowohl vom Standpunkt des Zuzugs- wie vom Standpunkt des Wegzugsgebiets müsse sie die ernstesten Bedenken erwecken. Darauf

die Bedingungen für die

wachsenden Millionen städtisher Bevölkerun er Kraft, sittliher und

Wahrung und Entwickelung voller physisd 1 eistiger Wohlfahrt zu hafen, um zu verbindern, daß die ländlihen ulturelemente, dem heimatlißhen Boden entrückt, verloren

gehen, ohne dur eine andere Kultur abgelöst zu werden“.

Das Problem durchdringe alle Gebiete des „städtischen Lebens und

fordere, „sie unter dem Gesichtspunkt der Acclimatisation; jener Volks-

massen zu betrachten, die durch die Umbildung unserer Wirtschafts- verfassung mit unwiderstehliher Gewalt in neue Lebensverhältnisse verseßt worden sind“. Der Verfasser vers{ließt sich nit den Ge- fahren einer überstürzten industriellen Entwickelung, aber sie lägen nit darin, daß die Entwickelung eine industrielle, sondern darin, daß sie überstürzt sei. Ohne die industrielle Entwickelung bliebe die deutshe Bevölkerung auf den durch die Agrarverfassung ezogenen engen Raum der früheren Wirtschafts\tufe be- srankt und damit auch die militärische Madttentfaltung. Ueber die triviale Tatsache könnten wir nun einmal nicht hinweg, daß die zahl- reichere und dichtere Bevölkerung auch mehr Soldaten stelle, und daß die dur die industrielle Entwickelung geförderte Volkswirtschaft die LNREen Mittel hierfür aufbringe. Es komme alles darauf an, die in den Städten und in der Industrie zusammengeballten Millionen dur praktische Sozialpolitik auf die physische Leistungsfähigkeit zu heben, die man bisher als den eigentümlihen Vorzug der Land- bevölkerung betrate. Zwei Aufgaben habe sonach das Deutsche Reich : nach außen zur Wahrung seiner weltwirtshaftliben Stellung eine matt- volle Weltpolitik, und im Innern die Hebung der zur wichtigsten Be- völkerungsshicht angewahsenen industriellen, städtishen Arbeiter- schaft dur praktishe Sozialpolitik. Diese Sozialpolitik, glaubt der

Verfasser, werde jedenfalls eher zum Ziele führen als die phantastishen

Projekte innerer Kolonisation, so sympathisch er auch allen Plänen

gegenüberstebe, die eine Verstärkung des Bauernstandes bezwecken.

Einen Rückgang der Landwirtschaft bestreitet er entschieden, und auch

von einer. Entvölfkerung des platten Landes will er_nichts wissen.

Es wird nit jeder den Ansichten des Verfassers überall folgen wollen. Er untershäßt ebenso die bereits zu beklagende Entvölkerung wie die Fähigkeit der Landwirtschaft, - mehr Leute lohnend zu be- schäftigen. Gleihwohl erscheint das Werk dur seinen wissenschaft- lihen Ernst, die sharfsinnige Verwertung der Ergebnisse, die geist- vollen Anknüpfungen an die beobachteten Erscheinungen und durch die fließeude, an reden Darstellung, die uns belehrt, ohne daß wir zu lernen glauben, sehr geeignet, die Erkenntnis der durch die großen Erhebungen von 1895 geförderten Ergebnisse in weiteren Kressei zu

verbreiten.

Die auf Grund amtlicher Quellen herausgegebene „Deutsche Kolonial-Geseßgébung*, von der bereits fünf Bände, umfassend die Jahre 1892— 1900, vorliegen, wird in einem neuen sechsten Teil fortgeseßt, der zahlreiche Nachträge sowie die vollständige Sammlung der auf die deutshen Schußzgebiete bezüglichen Gesetze, Verordnungen,

Erlasse und internationalen Vereinbarungen aus den Jahren 1901/02 enthält und von dem Geheimen Legationsrat Schmidt-Dargiz und dem _Admiralitätsrat, Professor Dr.

der Königlichen Berlin SW. 12, Bande behandelte

Köbner bearbeitet worden ist. (Verl Be lino von E..S. Mittler u. Sóbn, reis 15 M, gebunden 17 ) Der in diesem

Stoff gliedert sich in drei Teile, deren erster die Ges und Ver- ordnungen enthält, die für sämtliche deutshen Schußgebiete gemeinsam

ergangen sind; der zweite Teil bringt das gesetgeterishe Material für die der Kolonialabteilung des Auswärtigen Amts unterstehenden Schußzgebiete Afrikas und der Südsee; der dritte Teil endlich be- trifft die Vorschriften für das dem Reichsmarineamt unterstellte Kiautschougebiet. Ein übefsichtlihes Inhaltsverzeichnis ‘und ein genaues Sahregister erhöhen die praktische Brauchbarkeit der Samm- . lung. Schon im Hinklick darauf, daß das einslägzige Quellenmaterial in verschiedenen Publifationsorganen zerstreut ist, und infolgedessen der Ueberblick über die koloniale Rechtslage sich erschwerend und zeit- raubend gestaltet, dürfte auch der vorliegende Band wie seine Vor- gänger- sih als praktisches Hilfsmittel füc Beamte in den Kolonien und für Kaufleute, die mit den Kolonien Handelsbeziehungen unter-

halten, erweisen. j Kommentar zur Disziplinar-Strafordnung für die Kaiserlihe Marine, herausgegeben von Friß ielitß,

Marineoberkriegsgeritsrat. Verlag der Königlichen Hofbuch ndlung von E. S. Mittler u. Sohn, Berlin. Geh. 3 4 Der vorliegende Kommentar zur Diéziplinarstrafordnung für die Kaiserlihe Marine soll dea Disziplinarvorgeseßten eine zuverlässige und sichere Handhabe bei ter Ausübung ihrer Disziplinarstrafgewalt bieten und wird diesen

Zweck zweifellos erfüllen. Es sind alle Verordnungen aufgenommen, die bei der Disziplinarbestrafun überhaupt iîn Frage kommen föônnen, insbesondere n; die Kriegsartikel und

die Beschwerdeordnung. Die Bestimmungen der Disziplinar- firafordnung find unter Berücksichtigung aller für die Kaiserliche Marine erlassenen Dienstvorschriften und Verordnungen eingehend fommentiert. Bei Auslegung der Vorschriften des Militärstrafgeseßbuches, betreffend die militärischen Vergehen, welche in [eihteren llen im Disziplinar- wege geahndet werden fönnen, ist die neueste Ne tsprehung des Neichs- militärgerihts sorgfältig verwertet worden. Außer den Vergehen gegen die §§ 102 und 152 des M.-St.-G.-B. hat der Verfasser au diejenigen, welche zur Zuständigkeit der Standgerichte Mt be- handelt, so daß, dieses Handbuch au den niederen Gerichtsherren und den Gerichtsoffßzieren ein willfommener Natgeber bei der Ausübung ihrer Tätigkeit sein wird. Ein Inhaltéverzeichnis und ein sorgfältig ausgearbeitetes Sachregister erhöhen seine praktische Brauchbarkeit.

Die Naturkräfte. Ein Weltbild der physikalischen und dhemishen Ersheinungen. Von Dr. M. W. Meyer. Mit 474 Ab- bildungen im Tert und 29 Tafeln in Holzschnitt, Aeßung und Farben- druck. In Halbleder gebunden 17 M Verlag des Bibliographischen Instituts in Leipzig. Das jeßt vollständig vorliegende Werk: des ehemaligen Leiters der Berliner „Urania“ will kein Lehrbuh der Physik oder Chemie sein, fondern versucht, die phyfikalishen und chemischen Erscheinungen unter dem Gesichtspunkt eines inneren Zusammenhangs aller Naturwirkungen darzustellen; es mußte daher aus dem überreihen Stoff eine bestimmte Auswahl getroffen, andererseits aber mußten Belege für jene gesuchte Einheit der Natur- kräfte beigebraht werden. So ist das Buch ein einheitlihes Ganze ; da aber seine Teile das einheitlihe Band nicht überall leicht sichtbar er- kennen lassen, ift in dem leßten Teil, die „Stufenfolge der Naturvorgänge eine vom Gesichtêpunkt dieser Einheit aus zusammengefaßte Darstellung aller Naturersheinungen gegeben. Daß bei einer folhen Darstellung der Hypothese ein breiter Naum gelassen werden mußte, ist selbst- verstäntlih; denn das Wesen der Naturkräfte ist no immer ge- beimnisvoll geblieben, und „alle Betrachtungen darüber sind wie der Verfasser in dem Vorwort zu seinem Buche einräumt hypothetisch, mögen sie au in vornehm-wissenschaftlihem Gewand auftreten und uns mit einer Fülle von frausen Integralen zu imponieren versuchen“. Jn der Élelichecit mit der immer wieder auf das e U der ver- subten Erklärungen hingewiesen ist, unterscheidet fich das Buch sehr vorteilhaft von vielen anderen populären naturwissenschaftlichen Werken. In der Darstellung des zum Teil sehr {hwierigen Stoffs ist der Ver- fasser mit Erfolg bemüht gewesen, gemeinverständlich zu bleiben ; das reiche Bildermaterial hat ihn dabei wesentlih unterstüßt.