1876 / 217 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Zuges rückte der für Se. Majestät den König von Sachsen be- at Train vor den Perron, und verließ, nachdem Se. Ma- jestät mit Sr. Hoheit dem Herzog von Altenburg denselben nebft Gefolge bestiegen, unter dem ehrerbietigen Gruß der zahlreihen

Versammlung den Bahnhof.

Der bereits erwähnte Toaft, welhen der Landtags- Marschall Graf Otto zu Stolberg-Wernigerode bei dem Seitens der Stände der Provinz Sasen am 9. d. M. in Merseburg Sr. Majestät dem Kaiser und König veran- ftalteten Feste ausbrachte, lautete wörtlih, wie folgt:

Es sind gerade 11 Jahre verflossen, als es den Vertretern unserer Provinz vergönnt war, Ew. Majestät in diesen selben Räumen ihre Treue und Ergebenheit zu versicern. Und jeßt haven Ew. Majestät Merseburg wieder betreten, dieses Mal an der Seite Ihrer Majestät dec Kaiserin und Königin, der erhabenen Beförderin alles Guten und Edler, dem allen Frauen voranleutenden Vorbild hingebungêvéller Pflichterfüllung; auch jeßt wieder haben Ew. Majestät gestattet, daß die Provinz Sachsen dur festliche Ver- einigung von Bewohnern E, ihrer Theile dem Allergnädigsten

aiserpaar ihre Huldigung darbruingt 2 :

n in Ew. Die A Jahre 1865 in dieser Stadt verweilten, da waren es die alten Provinzialstände, welche die Ehre hatten, Allerhöcstsie ebrfurchtsvoll zu begrüßen, die Stände, welche in fünfzigjähriger Thätigkeit bemüht waren, ihre Pflichten gegen Staat und Provinz zu erfüllen. Die Zeiten haben sih geändert. An die Sielle der Stände is eine Provinzialvertretung getreten, die auf andern Grundlagen aufgebaut, größere umfassendere Aufgaben zu lösen, die niht allein die kommunalen Interessen der Provinz zu vertreten, sondern au mitzuwirken hat an den Arbeiten, welche bisher den Organen des Staats allein oblagn. ;

Majestät! Die Zeit ist kurz, seitdem wir diese shwerwiegenden Pflichten übernommen haben, wir können noch nicht große greif- bare Resultate aufweisen; aber die Versicherung können und wollen wir hier aussprehen, daß es unser ernsthaftes Be- streben ist, zum Wohl des Königs, des „Landes und der Provinz zu wirken. Allergnädigster Kaiser und König! Vie _Formen unjerer Provinzialvertretung haben fich geändert, aber nicht ändern follen und werden sich die tiefgewurzelten Gesinnungen der Treue und Ehrerbie-

tung gegen unsern geliebten König. / A * Sclue Majestät der Kaiser und Könio, unjer allergnädigfter und vielgeliebter Herr lebe ho! und nochmals hoh! uad immer boch!

Seitens des IlIl. Armee-Corps findet heute Abend vor dem Palais Sr. Majestät des Kaisers und Königs ein großer Zapfenstreich und morgen Vormittag auf dem Tempelhofer Felde öôstlich der Chaussee Parade vor Sr. Majestät dem Kaiser und Könige ftatt.

Die in ter heutigen Börsen-Beilage abgedruckte tabel- larishe Uebersicht der Wohenausweise der deutschen Zettelbanken ergiebt folgende summarischen Daten: Der Kafsen- bestand der 19 Institute der Tabelle betrug 728,979,000 f, d. h. gegen die Vorwoche weniger 7,967,000 # Der Wechselbeftand von 682,113,000 M zeigt der Vorwoche gegenüber eine Abnahme von 6,339,000 (4 und die Lombardforderungen in Höhe von 91,038,000 M zeigen eine solhe von 4,223,000 M; zuglei hat sh der Notenumlauf im Gesammtbetrage von 879,888,000 4 um 3,279,000 M, es haben fi die tägli fälligen Verbind- lihkeiten mit 240,947,000 /( um 17,882,000 M, endli die an eine Kündigungsfrist gebundenen Verbindlichkeiten im Betrage von 146,704,000 4 um 1,602,000 4 vermindert.

Der Kaiserlihe Botschafter in Wien, Graf zu Stol- berg, is von seinem Urlaube dorthin zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Botschaft wieder übernommen. e

Der neuernannte Kaiserliche Geschäftsträger und General- Konsul bei den Republiken von Central-Amerika, von Bergen, ist am 31. v. M. in Guatemala eingetroffen.

Der General-Lieutenant z. D. von Bredow is zur Beiwohnung der Manöver hier eingetroffen.

Der Kaiserlich russishe General-Lieutenant Baron Meller-Zakomelsky, General-Adjutant Sr. Majestät des Kaisers und Kommandant der 3. Garde-Infanterie-Division ift auf der Rückehr von den Manövern in Oefterreih hier einge- troffen.

Die Amtslokalitäten des Kaiserlihen statistishen Amts befinden sich jeßt im neuen Dienstgebäude desselben, Lüßower Ufer 7/8.

S. M. Stiffe „Kaiser“ und „Deutschland“ find am 13. d. Mts. in Plymouth eingetroffen. An Bord Alles wohl.

Sigmaringen, 10. September. (Schwäb. Merk.) Gestern ift der Landesaus\chuß hier zusammengetreten, um neben anderen laufenden Geschäften das mit dem 1. Januar k. I. in eigene Verwaltung zu übernehmende Straßenbauwesen zu regeln und die dazu nöthigen Instruktionen zu berathen. Mor- gen wird der Minister des Innern, Graf Eulenburg; hier erwartet.

Bayern. München, 12. September. Die Vermählung der Prinzessin Adelgunde, Schwester der Gemahlin des Her- zogs Karl Theodor, mit dem Grafen Bardi, Bruder des Herzogs von Parma, findet am 3. Oktober d. I. auf Schloß Heu- bah ftatt. S

Der Königliche Staats-Minister des Innern, v. Pfeufer, wird in der zweiten Hälfte dieses Monats eine achttägige In- \pektionsreise vornehmen und mit Beginn des Oktobers sein Portefeuille wieder übernehmen.

Sachsen. Dresden, 183. September. Se. Majestät der König traf heute Abend von Merseburg hier ein und begab sih ohne Aufenthalt hierselbst nah Pillniß.

Württemberg. Friedrihshafen, 11. September. Das Geburtsfeft der Königin ist heute durch Abhaltung eines russischen Gottcédienftes im Schlosse gefeiert worden, worauf Ihre Majestät die Elückwünshe der im Schlosse anwesenden Hofftuaten und Gäßie entgegengenomnien hat.

Baden. Karlsruhe, 11. September. (Shw. M.) Das Geseg über die Ober-Rechnungskammer ift unter dem 8. September verkündigt. Die Ernennung des Präsidenten (der frühere Hauptftreitpunkt zwishen der 1. und 2. Kammer) ge- schieht nah dem Geseße durch den Großherzog auf Antrag des Staats: Ministeriums und unter Gegenzeihnung des Präsidenten des Staats-Ministeriums. Ferner if unter dem 9. September das Gesetz über einige Aenderungen der Wahlordnung ver- fündigt.

Hessen. Darmstadt, 12. September. Der Finan z- aus\chuß der Zweiten Kammer hielt heute Nachmittag abermals eine Sißung ab, um fich über die bezüglih des Haupt- vorans{chlags der Staatsausgaben für die Finanzperiode 1876/78 gegenüber den Beschlüssen der Ersten Kammer noh bestehenden Differenzpunkte \{lüssig zu machen.

Mainz, 8. September. Das „Mainz. I.“ \hreibt: Wie \{chon gemeldet, hat der römishe Adel einen Aufruf an alle Katholiken erlassen, um dieselben zur Theilnahme zu der im Mai nächsten Jahres stattfindenden Feier des 50jährigen Bischofs- Jubiläums des Heiligen Vaters einzuladen. In diesem Aufrufe wird der Gedanke angeregt, dem Heiligen Vater an jenem Tage Geschenke darzubringen, ferner ein kostbar ausge- stattetes Album, in welchem die Namen der Geber eingetragen find, dem Heiligen Vater zu Füßen zu legen und endlih Depu- tationen aus allen ‘Ländern an jenem Tage nah Rom zu senden.

Sachsen-Weimar-Eisenach. Weimar, 13. September. Der Großherzog ift heute von Wilhelmsthal mit der Prin- zessin Elisabeth zum Gebrauch eines Seebades nach dem südlihen Frankreih abgereist. Die Großherzogin hat fih nah ihren Befizungen in Schlefien begeben.

Lippe - Detmold. Detmold, 13. September. Der Fürst und die Fürstin haben fich am 11. d. Mts. auf einige Wochen nah Donnersbahwald in Steiermark begeben.

Oesfterreih-Ungarn. Wien, 12. September. Aus Hermannstadt wird heute telegraphish gemeldet: Das auf zwei Tage anberaumte Schlußmanöver hat heute in Gegenwart des Kaisers um 7 Uhr begonnen, dauerte 6 Stunden und ist vortrefflich ausgefallen, Morgen findet die Fortsezung und der Scchluß des Manövers ftatt. i

N Y Hiesige Blätter brachten lezter Tage die Nachricht, daß die Eröffnung der Reichsraths\ession bis zum 15. Oktober per- \{choben worden sei. Diese Meldung ift, wie dem ePrg. Abdbl. von hier geschrieben wird, bisher dur Nichts beglaubigt, zumal der Termin für den Zusammertritt der Reichsvertretung über- haupt noch nicht endgültig festgestellt wurde, sondern erft in einem demnächst abzuhaltenden Minifterrathe fixirt werden wird. Die für gestern fignalifirte Ankunft des ungarischen Minifter- Prâäfidenten von Tisza und des Finanz-Ministers Szell hat si verzögert, da Hr. von Tisza noch niht aus Ostende zurügekehrt war. Man glaubt nun, daß die beiden Minister am 15. d, M. hier eintreffen werden, an welhem Tage auch die NVerhandlun- gen mit den diesseitigen Ministern beginnen sollen.

Ein Theil der bosnishen Flüchtlivge in Kroa- tien hat si bekanntlich mit einer Petition an den FZM. Mollinary gewendet. Aus dem Wortlaute derselben theilt das „Fremdenbl.“ die nachfolgende Stelle mit:

„Wir fommen zu Ew. Exzellenz, auf den Knieen bittend, unser allerunterthänigstes Besuch dem Allerhöchsten Throne Sr. K. und K. ap. Majestät gnädigst zu unterbreiten, daß man sich unserer erbarme, daß man unseren Kindern, Weibern und Greisen ein Stück Brod und uns Erbarmungswürdigen Gelegenheit biete, daß wir doch etwas Geld verdienen können. An der Erenze is für uns Tausende kein Ver- dienst, dürfte es do viele Häuser an der Grenze geben, in denen niht einmal treckenes Bred vorhanden ist. Wir bitten nochmals Ew. Exzellenz, unsere Bitte vor dem Allerhöchsten Throne zu befür- worten, daß man uns, wenn auch eine geringe Unterstützung, reiche, oder daß man uns die Sicherheit des Lebens garantire, um na un- serer armen Heimat - zurückzukehren, sonst verfallen wir dem grimmli- gen Hunger.“ S : i

Peft, 12. September. Se. Majestät wird, wie die „Vester Correspondenz“ meldet, am 14. September von Her- mannstadt in Gödöllò eintreffen, am 16. d. M. in Pest eine Militärrevue abhalten und am selben Tage zwischen 12 und 3 Uhr die Ministe empfangen. Dér Minister-Präsident Tisza ist heute hierhec zurückgekehrt, l

Der „Hon“ erklärt auf Grund von Informationen aus kfompetenter Quelle alle Nahrihten über bevorstehende Ver- änderungen im Ministerium als tendenziöse Erfindungen.

Schweiz. Bern, 12, September. (Köln. Ztg.) Der italienishe Minister-Präsident Depretis hat auf der Rückreise über Lugano nach Mailand auch die Gotthardbahn- Zweiglinie Chiasso-Como besichtigt, welche demnächst in Betrieb gesezt werden soll. Von Göschenen gaben ihm Bundes- Präsident Welti und Bundes-Rath Anderwert das Geleit bis zum Gotthardhospiz. Jn dem Gotthardtunnel find dieselben bis auf 2300 Meter vorgedrungen, theils mittels Lokomotive, theils zu Fuß. :

St. Gallen. (N. 3. 3.) Der Regierungsrath hat vor Kurzem die Proteftationen des Bischofs und des katholischen Kollegiums gegen die obligatorishe Einführung eines neuen Lesebuches für die Ergänzungs\shulen in Erwägung gezogen und auf Beriht und Antrag des Erziehungédepartements be- \{lo}en, cs ci das genannte Lesebuch genehmigt und die vom Erziehungsrath beschlossene obligatorishe Einführung desselben bestätigt.

' Genf. (N :Z3. 8) Dey Große Nath hat am 9: m dritter und leßter Berathung das neue Gemeindeges eh an- genommen. Am meisten Widerspruh fand die Bestimmung, betreffend die zeitweilige Nihtwählbarkeit der von der Regierung abgesezten Maires, sowie die Vorschrift, wonah auch im Falle des Rekurses einer Gemeinde an den Großen Rath gegen einen Beschluß des Staatsrathes keine Suspension der ftaatsräthlihen Verfügung einzutreten hat.

Niederlande. Amsterdam, 13. September. (W. T. B.) Aus Veranlassung der Aufhebung des JIahrmarkies haben gestern und vorgestern Abend hier einige Unruhen ftattge- funden, do gelang es den Kommunalsoldaten und der Polizei bald, die Ordnung wieder herzustellen. Zur Vermeidung wei- terer Unruhen hat heute der Bürgermeister eine Proklamation erlassen, in welher er zur Aufrechterhaltung der Ordnung auf- fordert und Zusammenrottungen von mehr als 5 Personen ver- bietet,

Großbritannien und Frland. London, 12. Sep- iember. Die Blätter fahren fort, die Brohüre und Rede Gladsione's zu besprechen, loben oder zu verwerfen; jegt haben nun auch Lord Derby's Antworten an die beiden Deputationen ihren Stoff zur Besprehung geboten. Der „Standard“, „Mor- ning Advertiser“ und „Morning Post“ beurtheilen die Ant- worten Lord Derby's an die beiden Deputationen höchft bei- fällig; ebenso ift die „Times“ sehr zufrieden mit der Er- klärung Lord Derby's, daß die Bulgaren berechtigt seien, von England zu erwarten, daß es Schritte thue, um eine Wiederkehr der Excesse, deren Opfer sie jüngst gewesen, zu verhindern. Wenn die Regierung, bemerkt das Blatt, entshlossen auf wirk- lihe Garantien gegen die Wiederholung dieser Abscheulichkeiten drâage, würde sich Jedermann damit begnügen das Resultat ab- zuwarten. Die Garantien müßten aber reell sein und mit un- ershütterliher Festigkeit gefordert werden. „Daily News“ nimmt ebenfalls dankend Notiz von dieser Erklärung; auch „Daily Telegraph“ unterzicht die ministeriellen Reden einer gün-

stigen Kritik, f

Don Carlos wurde heute früh hier erwartet. Gestern kam er in Liverpool an. e E

Ueber das Resultat der Munizipalwahlen in Calcutta liegen jeßt die amtlihen Berichte vor. Es find nur 3 Europäer gewählt worden, darunter 2 Staatsbeamte. Nur ein einziger Europäer erhielt über 20 Stimmen. Zwei Eurafier, 2 oder 3 Mohamedaner und ca. 40 Hindus waren erfolgreihe Kan- didaten. Unter Letzteren befinden sich 13 Juristen, 3 Aerzte und 1 Redakteur. Nur wenige Europäer kandidirten oder be- theiligten fich an der Abfiimmung.

9 E Ein Depeshe aus Viktoria vom 10. d. M. meldet : Dem Generalgouverneur oon Canada, Lord Dufferin, ist eine Adresse der Bürger des Festlandes von british Columbia über- reiht worden, welhe Befriedigung über das Scheitern des von dem Kolonialamte befürworteten Abkommens zwischen der cana- dishen Regierung und british Columbia ausdrückt.

Frankrei. Varis, 12. September. Das „Journ. off.“ meldet über die Reise des Marschall-Präfidenten, daß er heut früh von Po igny abgereift und in Champagnole angekommen sei, um den Manövern beizuwohnen. Abends is er nah Be- sançon gereist, wo der Maire, Senator Oudet, eine Ansprache hielt, auf welche der Marschall einige herzlihe Worte erwiderte.

Der Minister des Innern hat an die Präfekten ein Cirkular betreffs der zukünftigen Wahlen der Maires und Ad- junkien in allen Kommunen, die nicht Hauptorte der Depar- tements, Arrondissements und Kantons find, erlassen, in welchem er die Gescze vom 12. August und - die Instruktionen vom 29. August d. I. näher erläutert. :

In Saintes hielt leßten Sonntag bei dem dortigen land- wirthschaftlihen Fest Dufaure eine Rede zu Gunsten des neuen Militärgeseßes, welhes bekanntlich von den Bonapartiften, die fih populär machen wollen, angegriffen wurde. Der Mini er- Präsident äußerte nach der „Köln. Ztg.“ : y A

„Jch habe gebört, daß man si auf dem Lande über die Einbe- rufung der Reservisten beklagt hat; ih hoffe, daß nah meiner Erklä- rung Jedermann meiner Ansicht sein wird. Das Militärgeseß wurde angeuommen und man bemühte sih, es fo wirksam ¿zu machen, wie nur irgend möglich, indem man sich zugleich bemühte, es fo einzu- ridten, daß die landwirthschaftlichen Interessen nit zu sehr leiden. Dieses Gesct is} trefflich und den republikanishen Einrichtungen vollständig entsprebend; es ist gleich für Alle; es trifft den Armen wie den Reichen. Die Klagen rühren, es ift wahr, eher von den Familien als von den Reservisten selbs her. Uebrigens kann die Einberufung der Reservisten weder als unnüß noch als gefährlich betrachtet werden. Niemand wird darüber b-unruhigt sein, daß man hinter unserer tapferen Armee einz gute Reserve haben will. Es ift feine unnüße Maßregel, denn anstatt 400,000 Soldaten werden wir cine Million haben, und der Feind wird nicht mehr von cinem Einfall in unser Land träumen, Es ift ein unserer Jugend auferlegtes Dpfer, aber die Nationen sind nur unter der Bedingung frei, daß fi: Opfer bringen, Deshalb muß man dieselben ertragen, besonders wenn fie von den Staatsgewalten, welhe das Volf selbst ecwählt hat, für noth- wendig erflärt worden find,“

Italien. Rom, 12, September. (Ital. Korr.) Der Fürst von Montenegro hat dem Präsidenten der im Apollo- theaier abgehaltenen Versammlung geantwortet, daß er für die in der Versammlung ausgedrückten Sympathieversicherungen herzlich danke und daß er die in Ausficht geftellten Unterstüßun- gen mit Dank annehmen werde.

Türkei. Konstantinopel, 8. September. Mit der gestern in der Moschee Ejub vollzogenen Jnvestitur oder Schwert- umgürtung des Sultans find die ‘durch den Regierungswehsel veranlaßten Fesilichkeiten abges{chlo}sen.

Der Direktor des Preßdepartements Blacque Bey und Yo- vantsho Effendi haben \sich der Mission, mit welcher sie in Bul- garien betraut waren, entledigt und ihren Bericht in die Hände des Großveziers niedergelegt. Blacque Bey gesteht selbs zu, daß die Grâuel, deren Opfer diese unglücklihe Provinz gewesen ift, unbeschreiblih sind und daß Alles, was darüber verlautete, hinter der Wirklichkeit zurückbleibt.

Die Mutter des Ex Sultans Murad hat die Ermächtigung verlangt, ihren Sohn nah Europa zu führen und einer Irren- heilanstalt zur Behandlung übecgeben zu lassen. Der Minister- rath hat sich über diese Frage noch nicht geäußert.

Das „Wien. Fremdenbl.“ s{hreibt unter dem 12.: Bis gestern Abends war die türkische Antwort auf die Ver- mittlungspropositionen der Mähte noch immer nicht eingelaufen. Man darf in dieser Verspätung eher ein günstiges Sywptom erblicken, als das Gegentheil. Die Antwort der Pforte wird übrigens, und das if das Wesentlihe in der Situation, ein über die Prinzipien geeinigtes Europa finden, und die Pforte kann fich darauf gefaßt machen, daß unannehmbare Bedingungen, die fie etwa auf- stellt, einmüthig abgelehnt werden, e is daher auch ziemlih müßig , wenn die Journale die Projekte, die man bis jezt der Pforte zugeschrieben hat, ein- gehend diskutiren. Wenn die Pforte ihre Bedingungen formu- lir: haben wird, wird an die Großmächte die Pflicht heran- treten, fich der neu geshaffenen Situation gegenüber zu einigen. Ob diese Einigung vorläufig eine blos negative oder au eine nach der positiven Seite hin sein wird, mit anderen Worten, 09 man die Vorschläge der Pforte einfah ablehnen oder mit selb|t- formulirten Gegenvorshlägen hervortreten wird, das läßt sich allerdings heute noch nicht bestimmt sagen.

Anknüpfend an den Reform-Hat des Sultans Abdul Hamid äußert \sich die „Wiener Abendpost“ wie folgt: Und die Pforte wird si bezüglich der lezteren Versuche eben so sehr vor Ueberstürzungen zu hüten haben, als es für fie im eigenen Interesse räthlih sein wird, in Bezug auf den äußeren Frieden die Vermittlungsvorschläge der Mächte möglichs “entgegenkom- mend aufzunehmen und möglichs| rasch ihrer praktischen Vecwirklihung zuzuführen. Die im Ganzen maßvolle Art und Weise. n welcher der Hat dées Suls tans der Iasurgenten in Bosnien und der Herzego- wina, sowie der Haltung Serbiens gedenkt, berechtigt zu der Hoffnung, daß sih die Pforte in dieser Beziezung keinen Täu- schungen hingiebt. Von einem Theile der hiesigen Prefse wird hervorgehoben, daß Montenegros in dem Aktenstücke keine Er- wähnung geschieht. Vielleicht liegt darin eine Andeutung, daß die Pforte auch in der Friedensfrage zwishen Serbien und Montenegro zu unterscheiden und die Kontroverse über die ftaatsrechtlihe Stellung des Lehteren wenigstens thatsächlih fallen zu lafsen gesonnen ift. S /

Der „Pol. Korr.“ wird von hier geschrieben: „Der Sultan hat vom ersten Tage an eingesehen, daß die conditió sine qua non der Verbesserung der Finanzen die Wiederherstel- lung des Friedens sei. Er will diesen so wünschenswerthen Frieden mit Feßigkeit, aber er will ihn dauerhaft und ehrenhaft. Es ift unbekannt, bis zu welchem Punkte der Miniïterrath in die Ansichten des Padishah eingegangen ift, als er die bereits

bekannten harten Friedensvorshläge formulirte, Wenn man

Wei S R B E IE R E L L I A K C E K Tr BE E S B R A Sg E 4 Mde U eie: A E Ch A ivi c 00A ORASITEE

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nicht berechtigt wäre, zu glauben, daß die Hobe Pforte bei Auf- stellung dieser firengen Bedingungen nah dem Grund- saße vorgegangen \i, daß man viel verlangen müsse, um wenig zu erbalten, so müßte man annehmen, daß fie entweder zur Führung eines Krieges bis aufs Aeußerste ohne Rücsiht auf die Zahl ihrer Feinde entsh:co}en sei, oder daß fie auf cine mächtige auswärtige Stütze zählen zu dürfen glaubt. Glücklicherweise ist nichts von Allem, was bisher hierüber verlautete, unwiderruflich. Es ift zu hoffen, daß eigene Ueberlegung und freundschaftlihe Rathschläge die Hohe Pforte bewegen werden, noch in leßter Stunde aus ihren Friedensbe- dingungen alles das zu entfernen, was nit für die Sicherheit der Türkei unentbehrlih ift. Uebrigens hat der Sultan noch niht sein leztes Wort gesprochen, und es ift wahrscheinlih, daß er fich die Gelegenheit nicht entgehen lassen werde, seine Regie- rung mit einem Akte der Großmuth zu inauguriren, welcher ge- eignet ift, ihm die Sympathien Europas zuzuwenden.“

Den heut eingetroffenen Nummern der „Turquie“ vom 6. bis 8. September entnehmer wir folgende Mittheilungen:

Das von der Pforte genehmigte Reglement für Errichtung einer Nationalgarde lautet im Auszuge:

Art. 1. Mit Ausnahme der Personen, welche das 18. Jahr noch nicht erreiht oder das 60. übcrsh:itten haben, sowie der Invaliden und Dexer, die unfähig sind, die Waffen zu tragen, können akle Ein- wohner, ohne Unterschied der Nationalität in die Nationalgarde ein- geschrieben werden. Art. 2. Alle Nationalgardisten baben ihren Pflichten streng nachzukcmmen; in Verhinderur géfällen haben sie ihrem Compagnie-Offizier davon Anzeige zu machen; ebenso, wenn sie ganz auêtreten wollen, wobei fie die Gründe anzugeben haben. Der OÖffi- zier übermittelt das Gesuch seinem Vorgeseßten, der den Bataillons- Rath darüber anzugehen hat. Dieser ertheilt den Kbscied mit Angabe der Gründe. Art. 3. Alle Nationalgardisten haben ihren Pflichten treu nach- zukommen. Diese find: Ait. 4. Alle 14 Tage treten die Offiziere zum Bataillonsrath zusammen zur Berathung über die Bataillons- angelegenbeiten, die Abschiedsbewilligungen und zur Empfangnahme der Rapporte über Verbrechen oder Disziplinarvergehungen der Gar- disten. Art. 5. Die Nationalgarde wird nach dem Muster des stehenden Heeres organisirt.

Der Sultan hat Mahmud Djelal-Eddin, den Titular- Minister des Handels, und Hamdi-Pascha, den Minister des Kaiserlihen Hauses, beauftragt, die Ausgaben des Palastes zu ordnen und ihm das von ihnen ausgearbeitete Budget zu über- geben. Der Sultan will, wie die „Turquie“ erfährt, die Palaft- ausgaben bedeutend reduziren und wesentlihe Ersparungen

einführen.

13. September. (W. T. B.) Sicherem Vernehmen nah ist die Notifikation der Friedensbedingungen Seitens der Pforte angeblih auf Befehl des Sultans abermals vertagt. In diplomatishen Kreisen wird dies dahin gedeutet, daß die Pforte zur Nachgiebigkeit geneigt sei.

(W. T. B.) Die in dem Berichte des Spezialabgesandten der Pforte, Blaque Bey, erwähnten Individuen, welche an der Spitze der Milizen Grausamkeiten in Bulgarien begangen haben, find zur Aburtheilung und Beftrafung hier gefänglih eingeliefert worden, Der englishe Admiral Drummond hat sihch nah der Besika-Bai zurückbegeben,

Rustshuck, 13. September. (W. T. B.) Bei Tuturkai ift das öôfterreichishe Postshiff, auf welhem fich 150 russische Passagiere befanden, von türfishen Baschibozuks bescho}sen wor- den. Verlett ist Niemand.

Wien, 18. September. (W.T. B.) Die „Politische Kor- respondenz“ sagt in einer Redaktionsbemerkung zu einem Peters- burger Briefe, daß nach ihren eigenen Informationen die Pforte ihre ursprünglihen Friedensbedingungen in einem kürzlich ab- gezaltenen Ministerrathe in einigen Punkten niht unwesentlih modifizirt habe und die Mittheilung der modifizirten Friedens- bedingungen an die Vertreter der Großmächte in Konstantinopel für gestern, (den 12. d.) in Aussicht gestellt hätte.

Die Nathrichten, welche der „Pol. Korr.“ über die Zu- stände in Bulgarien zugehen, lauten immer noch sehr traurig. So heißt es in einem aus Rust\chuk, 7. September, datirten Schreiben dieser Korrespondenz :

„Der Krieg hat die Staatékassen derartig geleert, daß die Re- gierung nit in der Lage ift, den Bedürfnissen des Heeres gerecht zu werden. Die freiwilligen Gaben fielen so spärlich aus, daß sie wie ein Tropfen im Meer des großen Geldbedarfes verschwunden sind. Die Regierung hat nun zu einer Maßregel ihre Zuflucht genommen, die jeßt in Bulgarien doppelt hart empfunden wird. Der Vali wurde angewiesen, eine Kriegésteuer zwangêweise einzu- treiben. Assim Pascha entsendete zu diesem Zwecke den Mutessarif von Silistria, Ali Pascha, in die Provinz, um Geld zu machen. Der genannte Kriegésteuer- Kommissär verfährt dabei nit in der rücksihts- vollsten Weise. Gegenüber den Betheuerungen der Bulgaren, daß sie zahlungéunfäbig sind, wird das Beweisverfahren mit der Baftonnade jo lange in Anwendung gebracht, bis das leßte Siück Vieh aus dem Stall? herkteigebraht ist. Jm Dorfe Aflatare wurden 12 Bulgaren in dieser Weise zur Erfüllung ihrer patriotischen Pflichten verhalten. In den Dörfern Kara-Jamur, Babock, Brtshwa, Kalnoja und Kaj- nardsha wurden 170 Bulgaren in gleicher Weise zur Herausgabe ihres leßten Besißes gepreßt. Wohl hat Ali Pascha auf diese Urt innerhalb 14 Tagen 200,00 Piafter aufgetrieben; es fragt sich aber, ob das die Art sei, die der Provinz so notht;uende Pazifikfation durhzuführen. Bei so bewandten Umständen kann es nicht befremden, daß die bulgarischen Einwohner in ihrer Verzweif- lung aanz ernstlich daran denken, das Land zu verlassen, um theils nach De#terrei-Ungarn, theils nah Rußland auszuwandern. Es wird nachgerade nur zu evident, daß die beften Inteutionen der Pforte illusorish bleiben müssen, insolange als die Verwaltung xur in rein türkischen Händen liegt

Aus Tultscha wird gemeldet, daß die Starovjerzen in der Dobrudscha sich vom Geiste der Renitenz bescelt zeigen. Diese theils im vorigen, theils im Anfange dieses Jahrhunderts in die Türkei eingewanderten Raskolniks, hatten sih früher weitgehender Privilegien erfreut, Seit der Einführung des Vilajetsystems wurden ihnen, die etwa 395,000 Seelen ausmachey, die Autonomie, - die eigene Gerichtêbarfkeit und andere Privilegien genommen. Es entstand unter ihnen eine allgemeine Mißstimmung. Jn der leßten Zeit litten diese Russen, die oft als Kosaken dcr Pforte Dienste leisteten, viel unter dem Drucke der Lehörden, wie unter den Ausschreitungen der Ba\chibozuks und Tscherkessen. JIniFolge der dadur uner ihnen entstandenen Gährung hat Assim Pascha zwei Tabors Redifs, die nah Zajecar bestimmt waren, nach der Dobrudscha entsendet.

Die Eisenbahn Varna-Rustshuk if jeßt mit Transportirung großer Geschüße beshäftigt. Schumla, Varna, Silistria und Widdin werden mit {weren Geschüßen armirt. Auch große Quantitäten von Murition werden nach den genannten Festungen verführt.““

Reuf Pascha, der Generalgouverneur der Insel Kreta, hat an die Kaiserlich türkishe Botschaft in Wien folgendes Telegramm gerichtet :

„Canea, 12. September. Ein Brief, datirt aus Canea, 14. August (alten Siyles), und adresfirt an die „politische Correspondenz“ in Wien, verbreitet beunruhigende Gerüchte über die Lage der Ge- müther zu Rethymo und entwirft ein rührendes Bild von dem Zu- stande auf dieser Insel. Alle diese Gerüchte beruhen auf Erfindung. Auf der Insel herrscht die vollständigste Ruhe. Die Bewohner der- selben sind mit der. gegenwärtigen Regierung vollkommen zufrieden, Kein Vorfall, der geeignet wäre, nur die geringste Unruhe zu veran- lassen, ift auf der Jnsel vorgefallen.“

4“

Dagegen liegt heute wieder ein Bericht der „Pol. Korr.“ aus Canea, 3. September, vor, derselbe lautet:

«In Retbymo bat es blutige Scenen gegeben, in Argyropolis hat eine veritoble S{laht zwishen Christen und Mahomedanern stattgefunden, die Aufregung unter den Christen der Insel hat den böften Grad erreiht und doch fann in diesem Augen- blide noch immer von „keinem revolutionären Zustande die Rede sein. Es ift dies wohl nur der griehishen Regierung zu danken, welche durch ihre Konsuln und Agenten auf Kreta, sowie dur die Rathschläge und Mahnungen, welche fie den in Atben weilenten kretenfishen Notabeln ertheilt, Alles aufbietet, um die christliche Be- völkerung Kretas vvn einem voreiligen, unter den jeßigen Verhält- nissen gänzlich unräthliden Schritte abzuhaiten. Trotz aller von Athen komn enden Abmabnungen scheinen sie entschlossen, auch ohne Hülfe der übrigen Mitglieder des hellenishen Elementes , insbeson- dere auch obne den Beiftand Griechenlands, welches den Zeitpunkt der Aftiou für noch nit gekommen erachtet, allein den Kampf um die Freiheit aufzunehmen.

__ Die Konfurrenz der Kalamitäten, gegen welche die Türkei gegen- wärtig anzukFmnpfen hat, hätte an und für sih die Kretenser zu die- sem Entschlusse niht gebracht, wenn nit die Türkei dur die Ver- weigerung der auf parlamentaris%em Wege und mit aller erdenf- lihen Mäßigung vorgebrachten Wünsche der Nationalversammlung ihren Ehrgeiz töôdtlich beleidigt hätte. Diese Verweigerung hat eigentlich den casus belli {on gegeben, und nur durch die Versiche- rung aus Athen, daß die Note, welche das Athener Kabinet dur seinen Gesandten Kunduriotis in Konstantinopel an die Pforte ges richtet hat, j-denfalls einen günstigen Erfolg haben werde, wurde der kretensischen Aftionspartei wieder auf einige Zeit Halt gebcten.

__ Das Benehmen des außerordentlihen Kommissärs, welchen die

Pforte in der Person Kadri Beys hierher sendete, um die aufge- regten Gemüther zu beschwitigen, war aub nit von der Art, um zur Geduld zu stimmen vnd der Pforte Sympathien zu erwerben. Derselbe ließ die hiesigen Notabeln antihambriren, stundenlang auf fi warten und sogar einmal in einem seiner Vorzimmer einsperren. Schließlich speiste er sie mit dürren Worten kurzweg ab. Welchen Eindruck sein Benehmen hier machte, geht aus der Demonstration hervor, welche ihm von den biefigen Christen zugedaht war. Kadri Bey entging einem vorbereiteten Charivari nur durcb seine flucht- artige Abreise. Seit dieser Zeit gehen die Türken nur bewaffnet aus E die ganze Insel sieht aus, als ob sie sfich im Kriegszustande be- ände. __ Reuf Pascha zögert, ftrenge Maßregeln zu ergreifen, in der Be- sorgniß, den Ausbruch der Revolution dadur zu bes{leunigen. Sein in der veiflofsenen Woche gegebenes Versprechen, eine außerordentliche General-Versammlung einzuberufen, läßt er troßdem unerfüllt, weil cr die unausbleiblihen neuen Proteste der Deputirten befürchtet. Hobart Pafcha rührt sich mit seinen Schiffen von der fkretenfischen Küste nicht weg, unterhält sich mit Schießübungen und überwacht die Ausschiffung von Truppen, von welchen soeben vier Bataillone ein- lang!en und noch andere aus Egygten erwartet werden.

Vom türkisch - serbishen Kriegs schauplaßze schreibt das „W. Fremdenbl.* vom 13.: ,

Entscheidendes hat \ich in den legten Tagen in dem Mo- rawathale nicht zugetragen. Die türkishen Truppen find in ftetem, aber langsamem Vorrücken auf dem linken Morawa-Ufer begriffen, doch sind fie bis jeßt weder zur Eröffnung des An- griffs auf Deligrad bereit, noch haben sie Krusewagz erreicht; Djunis, wo nach VBelgrader Berichten gestern gekämpft worden wäre, liegt an dem Punkte, wo die von Kru- sewaß aus in östlicher Rihtung führende Straße sich \charf gegen Norden auf Deligrad zu abbiegt. Wie bereits {hon zu wieder- holtenmalen angedeutet. worden ift, werden die Operationen der Türken bei ihrem weiteren Vordringen ein stets langsameres Tempo annehmen müssen, und es \cheint, daß man in der Ver- zögerung der türkishen Aftion nunmehr auf serbischer Seite das leßte und wirksamfte Vertheidigungsmittel erblickt. Ts\chernajeff soll, wie aus Velgrad berihtet wird, eine ungemeine Thätigkeit zur Verstärkung der serbishen Defensivkraft entfalten. Die Armee sei jegt wieder reorganisirt und in den vortheilhafteften Pofitionen. AUl) eien seine * Truppen besser mit der Kampfweise ihrer Gegner vertraut geworden und befänden \sich in den vortheilhaftesten Positionen.

Ueber die beiderseitigen bisherigen Erfolge auf dem türkisch-serbishen Kriegsshauplate enthält die „W. N. Fr. Pr.“ unterm 12. folgenden Artikel: E

Mehr als zehn Wochén sind vergangen, seitdem an der Morawa- Grenze bei Supovac mit dem ersten serbischen Kanonenschuß gegen das dortige türkishe Wachthaus der Krieg eröffnet wurde. Ein Rückblick auf diesen ziemlich langen Zeitraum lehrt, daß während deffelben sehr viel Blut vergosscn und nech mehr Pulver verschossen wurde, daß aber beide kriegführende' Theile wenig Ursache haben, mit ihren Leistungen und Erfolgen zufrieden zu sein. Die serbische Heeresleitung is von der fühn gefräumten Offensive zurück- gekommen und gezwungen, einen nüchternen und aufreiben- den Pesitionsfrieg zur Vertheidigung der heimathlihen Scholle zu führen. Die türkishe Kriegsleitung hat dagegen den Be- weis geliefert, daß sie genialer Jdeen fähig, dagegen troß des vor- züglichen Menschenmaterials wegen des gänzlihen Mangels einer ent- sprechenden Detailführung nicht im Stande 1}, diese Jdeen darchzu- führen und aus einem nur darch die Tapferkeit und die Todes- verachtung ihrer Soldaten erfochtenen tafktischen Siege die strategischen Konsequenzen zu ziehen, Das, was sib bei Knjazewaßz zugetragen hat, wiederholt sich nun vor Aléexinaß. Die Türken haben auf b-iden Schlachtfeldern, troß der mangelhafen Führung, ihre serbischen Gegner geschlagen und deroutirt, fie waren jedoch unfähig, ihre Siege auszunüßen und bauten im Gegentheile dem Feinde goldene Brücken. Dieses einst vielbeliebte Kriegsprinzip wurde von der modernen Strategie über Bord geworfen, za deren LTxiomen die rückhaltlose Verfolgung des geschlagenen Feindes gehört, um denselben wo möglich nech früher zu vernichten, bevor er im Stande is, einen günstigen Vertheidigungsabschnitt zu erreichen. Moderne Strategie scheint indeß für die Türken eine terra incognita zu sein. Die türkischen Generale werden durch das ewige Gerilliren mit den wilden Nomadenbanden Arabiens militärisch degenerirt. Die Schule Omer Paschas is ausgestorben, die Wissenshaft wurde als Ballast und die Routine as allzin maßgebend betrachtet. Die Türkei kann sich Glück wünschen, daß Tscernajeff eben nur Tscherna- jeff ift und die serbischen Milizen keine deutschen Soldaten sind.

Wean man die Resultate des zweimonatlichen Feldzuges gegen Serbien überblickt, so muß man mit Bedauern konstatiren, daß die- selben sich in zwei Siegen der Türken zusammenfassen laffen, welche wohl einigen moralischen Effekt, aber nur wenig thatsächlichen Er- folg gehabt haben, Zweimal wurde die. serbishe Macht gebrochen, und zweimal hat die türkische Heereéleitung sich die günstige Gelegenheit entgehen lassen, den G egner vollftändig zu vernichten. Immer wieder hat man den Serben Zeit gelassen, sich zu sammeln und zu reorganisiren. Heute steht die serbishe Armee wieder \{lag- fertig da, und die Türken haben nah zehn Wochen außer der Stadt Saitschar höchstens ¿wei Quadratmeilen serbishen Gebietes erobert. Die türkische Heeresleitung hat indeß keine Zeit zu verlieren, denn wenn der Krie5 noch weitere zehn Wochen dauert, so ift der Winter im Lande, und die meist aus südlichen Gegenden rekrutirten Truppen werden kaum in der Lage fein, den Feldzug unter den besonders un- günstigen klimatishen Verhältnissen, welche auf dem nördlichen E der Balkan- Halbinsel herrschen, ohne große Verluste fori- useßzen.

: Diejenigen, welche die Theorie des Krieges der Routine als Richtschnur vorziehen, haben dagegen keine Ursache, mit den bisherigen Resultaten des Krieges unzufrieden zu sein. Die Ereignisse haben in

erster Reihe beide Gegner gezwungen, ihre auf der endlosen Grenz-

linie verzettelten Streiifräfte in der entschbeideaden Richtung, im Morawathal-, zurückzuziehen. Das halbe Dußend „Armeen“, mit welchen die Serben ihr kriegerishes Debüt inscenirten, if allmälig verschwunden. Statt ihrer stehen auf den betreffenden Punkten nur noch fleinere Abtheilungen. Die Hauptmacht lagert im Morawathale. Weiters sind Befestigungen wieder zu Ehren gekom- men, ohne deren Schuß die serbischen Milizen wohl kaum Stand ge- balten bâtten. Endli hat sich auch in diesem Kriege die entschei- dende Rolle, welche die Artillerie in den neueren Kriegen zu spielen berufen ift, manifestirt. Was schließlich die Führung anbelangt, so hat der bisherige Verlauf des Feldzuges bewiesen, daß die besten Itecn nußlos sind, wenn man niht die Macht und die Energie be- sigt, dieselben ganz durchzuführen. Sowohl die Umgehung nah Knja- ¿ewaß, als auch die S(lacht bei Alexinaß am 1. September waren halbe Maßregeln, daßer ohne bleibenden Erfolg.

_ Belgrad, 10. September. (Pol. Corr.) Deligrad ift mit Allem für eine längere Belagerung ausgerüstet worden und nun werden Paratschin und Tschuprija mit neuen Schanzwerken versehen. Tschernajeff ist überzeugt, daß es Abdul Kerim Pascha nit gelingen werde, im Morawa-Thale vorzudringen, wiewohl leßterer täglich beträhtlihe Verstärkungen erhält. Seit der lesten Schlacht bei Alexinaß hat Abdul Kerim Verstärkungen von min- destens 22,000 Mann über Adrianopel-Sofia erhalten.

__ An der Drina \{heint fich etwas Ernfteres vorzubereiten. Einerseits hat Ali Pasha in Beljina solhe Verstärkungen er- halten, daß er die Offensive ergreifen kann. Auch haben seine Streitkräfte, die man auf 16,000 Mann veranschlagt, ih der Drina gegenüber von Losnigza genähert.

Andererseits fteht Alimpiz im Begriffe, Beljina zu um- gehen und auf Tusla zu marschiren. Auch seine Armee if durch 6 Bataillone Infanterie, 3 Escadronen und 3 Batterien verstärkt worden.

Die über den Tod des Mascha Vrbiza verbreiteten G2- rüchte sind unbegründet. Vrbigza if in Deligrad mit der Bil- dung seines Freiwilligens-Corps beschäftigt.

15,090 Chafsepotgewehze find gestern eingetroffen. Dem Mangel an guten Hinterladern wird bald vollftändig abge- holfen fein.

Die Nachrihten vom türkisch-montenegrinischen Kriegs\chauplagze lauten:

Ragusa, 11. September. (Aus türkisher Quelle.) Diesen Morgen wollten die Montenegriner einen Lebensmittel-Transvort aufheben, den die Korianici nah Gragowaß \chickten. Sie wurden jedoch von den Kaiserlihen Truppen zurückgeworfen, worauf sie fich nach Baniani flüchteten. Eine Kolonne Baschi- bozufks und eine Compagnie Soldaten machten \ih \ogleih auf den Weg, um den Flüchtigen den Weg abzuschneiden.

12. September. Die „Pol. Corr meldei: Das Gebiet von Popovopolje ift von den unter Führung des Musfich und Malentia op-rirenden Insurgentenschaaren wieder vollständig besezt. Die Lage Moukhtar Paschas bei Zaslap foll in ftrate- gisher Beziehung keine ganz unbedenklihe sein. Stärkere mon- tenegrinishe Abtheilungen s\ollen, wie man wissen will, die wih- tigsten Positionen seiner Vormarsh- und Rüczugslinie beseßt halten. Desgleichen wird aus Trebinje die Wegnahme eines für MWMoukhtar Pasha bestimmten, bedeutenden Munitionstranspories zwishen Gorica und der Arslanbrücke durch Peko Pavlovics gemeldet. Ueber lezteren Vorfall wird jedoch von authentisher Seite berihtet, daß die Insurgenten in der That geftern Vormittags eine türkishe Proviantkolonne bei Korjenic überfielen, nach zweistündigem Gefechte jedoch zurück- geschlagen wurden. Die Insurgenten fteckten das von chrisi- lihen Insurgenten bewohnte Dorf Ratkovich in Brand und nahmen die Einwohner und das Vieh nah - Montenegro mit. Die Türken hatten in dieser Affaire einen Verluft von 7 Todten und Verwundeten. Derwish Pascha trifft Vorbereitungen zu einem erneuten Dffenfivftoße gegen Montenegro mit einer Macht von 35,000 Mann.

Cettinje, 13. September. (W. T. B) Vorgestern hat Derwish Pascha die Gebirgshöhe von Veljebrdo überschritten und sein Lager zwishen Spuz und Veljebrdo aufges{hlagen. In Folge des Anmarsches starker montenegrinisher Heeresabthei- lungen, welcher von zwei Seiten her erfolgte, verließ die türkische Armee gestern vor Tagesanbruch die innegehabten Stellungen und zog sh auf Podgorizza und Spuz zurück. Derwisch Pascha steht jeßt mit der Hauptarmee bei Spuz, Djemil Pascha mit dem Reste bei Podgorizza. Seit gestern Abend regnet es unaufhör- lih, in Folge dessen die Moraca stark angeschwollen ist.

Dänemark. Kopenhagen, 11. September. Der König wohnte mit seiner Gemahlin und dem griehischen Königspaare der Einweihung der Domkirche zu Viborg bei. Abends begaben sih die Allerhöchsten Herrschaften nah Grenaa (Ugelhusen), wo sie die Naht an Bord der Schiffe „Schleswig“ und „Gylfe“ zubringen wollten.

Wie die „Hamb. N.“ mittheilen, gedenkt das Ministerium in der bevorsteheaden Reichstagss\ession dem Reichstage nur das Finanzgeseg und einige kleinere Geseßze vorzulegen und andere Reformen, namentlich die Vertheidigungsfrage, auf gün- ftigere Zeiten hinauszuschieben,

Amerika. Der „Times“ wird aus Philadelphia unterm 9. ds. telegraphirt: Telegramme von General Croofë an General Sheridan, datirt Dienstag, melden, daß ersterer, nah- dem er die Spur der Sioux-I5ndianer auf 200 Meilen \üdlich vom Yellarstonefluß verfolgt, dieselben in kleine Banden ‘aufge- lôft fand. Da seine Mundvorräthe knapp wurden, war General Croof zum Aufgeben der Verfolgung gezwungen, und er bezog das Lager in Cufster City. Da 12 Sioux nah Cheyenne katnen, um fih nach den Uebergabebedingungen zu erkundigen, glaubt General Sheridan, es werden zahlreihe Uebergaben folgen.

Die Emma-Mmne in Salt Lake City, bekannt dur den mit ihr in Verbindung stehenden Prozeß gegen den früheren amerifanishen Gesandten in London, General Schenck, ift am 8. d. verkauft worden, um die Ansprüche der Gläubiger zu be- friedigen. Die erzielte Summe betrug 144,194 Pfd. Sterl. Käufer war Sir Trevor W. Park.

New-Yorker Kabeldepeshen. vom 11. ds. melden ferner: Präsident Grant hat verkündet, daß der Vertrag zwischen den Ver. Staaten und den Sandwichsinseln nunmehr in Kraft ge- treten ist. Infolge der jüngsten politishen Unruhen in Charle- ston hat der Gouverneur von Süd-Carolina eine Proklamation erlassen, welhe die Bewahrung des Friedens dringend befür- wortet und die Ergreifung kräftiger Maßregeln zur Aufrecht- erhaltung der Ordnung anbefiehlt.

Gewerbe und Sandel. : Wien, 13. September. (W. T. B.) Die „Politische Kor- respondenz“ wendet sih gegen die Darstellungen einiger deutscher Zeitungen über die Finanzoperation der österreichishen Regierung mit dr Gruppe Rothschild-Kreditanstalt, betreffend die fom- missionsweise Begebung der Goldurenten-Anleihe und den der

Finanzverwaltung gewährten Vorshuß von 20 Millionen Fl. und er-