1876 / 263 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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Die Erwiderung des Bundesraths - Bevollmächtigten, Staats-Minister v. Bülow auf die Rede des Abg. Dr. Jörg, der die orientalische Frage in die Etatsdisfusjion hinein- gezogen, hatte folgenden Wortlaut: E

R fann vor allen Dingen nur bedauern, daß ih die Rede nur in ibrem S&lusse habe hören können. Dienstli<h zu Sr. Majestät dem Kaiser befoblen, trete i< in diesem Augenbli>ke ein und kann deshalb ein vollständige Antwort auf diese Rede nicht ertheilen, weil i eben nur die S{lußworte gehört habe und daher nicht weiß, auf wieviel Gebieten si< der Herr Redner bewegt hat, wieviel ernste Fragen er in Angriff genommen, von wieviel Seiten er die Politik des Reiches seinen Betrachtungen unterzogen hat. Ich kann aber jedenfalls eine Antwort voranstellen; das ist die, daß der Herr Redner vielleicht selbst ni<t erwartet hat, hoffentli< aber in diesem hohen Hause ni<ht der Erwartung gewesen ist, daß die Reichsregierung in diesem Augenbli>ke, so wie die Verhand- lungen stehen und wie die ganze Sache liegt, auf alle diejenigen Fragen, die der Redner angeregt, auf diejenigen Punkte, die in Be- tra<htung gezogen find, dur eine i< muß sagen: Improvisation würde antworten fönnen. - Die Fragen sind dazu zu wichtig und zu weitareifend, und überdies, meine Herren, sind die Dinge, über die ih Rede und Antwort stehen müßte, wenn i< auf die_ einzelnen Punkte eingehen wollte, niht unser, nicht des Reiches Cigenthum, fondern gehören uns befreundeten Mächten, uns nahe stehenden Re- gierungen, unseren Bundesgenossen zum größten Theile an. Sie fennen Alle diejeaige Stellung, die au< in. der vom Redner erwähnten Krise Deutschland eingenommen hat; Sie kennen die Politik Sr. Majestät des Kaisers, wie sie in der Thronrede ge- Fennzeinet ist, eine Politik des Friedens, die sih ni<t in andere fremde Angelegenheiten einmischen will, sondern nur Deutschlands Ehre und Deutschlands Interessen im Auge hat, auch bei Fragen, welche Deutschland nicht glei, niht unmittelbar berühren und be- rühren werden. ‘Das ift die Politik des Reichs gewesen, und sie wird es bleiben. In diesem Augenbli>e nun hat die in diesem Bestreben gemeinsame Politik aller europäischen Regierungen einen Punkt er- reicht, der die besten Hoffnungen für die Zukunft giebt und damit vielleicht nit alle Erwartungen des Herrn Vorredners in Erfüllung gehen läßt. Ich muß gestehen, daß aus den wenigen Worten, die ih von seiner Rede noch vernommen habe, ic den Eindru> gehabt habe, daß diese Rede mehr auf den Zeitpunkt vor 8 bis 14 Tagen, als Europa sich in der Erschütterung des Ungewissen und in gespannter Erwartung befand, berehnet war als auf heute, wo ein Waffenstill- ftand abges{lossen is, an dessen Zustandekommen Deutschland sein Theil in Anspru nehmen kann, und wir son ruhiger zuscheri Fönnen, was die nächste Zukunft bringen wird. Jedenfalls liegt die Sache jetzt so, daß die ruhige Ueberlegung und friedliche Verhand- lung na allen Seiten hin möglih und ersprießlich fein wird.

Ich kann, wie gesagt, niht auf alle anderen Einzelheiten eingehen, schon deshald nicht, weil ih ni<t wetß, wieweit der Herr Redner in seinen Bemerkungen gegangen ist. Jch kann nur sagen, daß die Stel- lung Deutschlands zu den übrigen, und zwar sowohl zu den zunächst befreundeten Mächten, wie zu allen anderen Mächten, die bei der Frage betheiligt sind, eine solche ift, die auf Freundschaft, auf Ver- trauen und Achtung, auf bewährte Achtung und bewährtes Ver- trauen basirt ist, und dieses Verhältniß, diese. Stellung, die wir baben, si< au< in allen denjenigen weiteren Verhandlungen und Ereignissen, die bevorstehen können, bewahren und bewähren werden. Eben darum aber fann i<, zumal in diesem Augenblicke, nihts An- deres sagen, als daß die Regierung sich vollkommen bewußt ist und bleiben wird, daß sie der Nation und ihren Vertretern Rechenschaft für ihre politische Haltung in dieser wie in allen anderen Angelegenheiten schuldet, daß sie aber das Maß und die Zeit der bezüglihen Mittheilungen nah ihrer nicht ganz geringen Verantwor- tung bemessen muß. Veber diejenigen Dinge, worüber Mittheilun- gen gemacht werden können, werden Mittheilungen erfolgen. Wenn nit, so müssen wir das Vertrauen in Anspruch nehmen, was die Regierung Sr. Majestät des Kaisers in allen Verhältnissen, nament- lih au< in der Leitung der politischen Angelegenheiten, einer Leitung, die Deutschlands Ehre, Deutschlands Ansehen und Macht begründete und förderte, bei Ihnen gefunden hat. Die Kaiserliche Regierung rechnet in dem, was hierüber in der Thronrede ausgesprochen ist, auf Ihr Vertrauen. N

Es wird, wie dort g?sagt, die Regierung Sr. Majestät des Kaisers Deutschland nur, wenn die eigene Chre, die eigenen Interessen in Gefahr stehen, aufrufen. Deutschland wird das Bollwerk des Friedens sein und bleiben, und meine Herren, dieses Bollwerk wird um fo fester sein, je mehr wir hoffen und vertrauen können, daß wir das Vertrauen der Nation, das Vertrauen ihrer Vertreter haben, verdienen und bewahren.

Im weiteren Verlaufe der Sißzung spra der Abg. Dr. Lasfer Namens seiner Partei aus, daß man Vertrauen zu der Politik dos Reichskanzlers habe, eben weil man über- zeugt sei, daß sie eine Friedenspolitik sei. “Jm Uebrigen fördern öffentliche Diskussionen über auswärtige Angelegen- heiten die Erledigung derselben nicht, und das Volk sei noch lange niht im Stande, selbst in den Gang derselben einzugreifen. Der Abg. Graf Bethusy-Huc glaubte nicht, daß die nothwendigen Konsequenzen der Rede des Abg. Dr. Jörg, das Vaterland zu schädigen und es namentlich mit dem befreundeten Dester- reih in Zwiespalt zu bringen, in Erfüllung gehen würden. Nachdem si der Abg. Windthorst (Meppen) gegen den Abg. Dr. Lasfer gewendet, schloß sih der Abg. Dr. Braun der Erklärung des Abg. Þr. Lasker über die Politik des Reichskanzlers an ; die Debatte endigte mit einer Reihe persönlicher Bemerkungen.

Die einzelnen Titel des Etats des Auswärtigen Amts wurden hierauf ohne Veränderung genehmigt. j

Zu dem Kapitel „Konsulate“ hob der Abg. Dr. jur. Oppenheim die Uebelstände und Nachtheile hervor, die dur<

die 88. 2 und 4 der neuen englishen Handels-Schiffahrtsaklte, welche si< auf die De>ladungen beziehen , dem deutschen Handel, insbesondere dem Holzhandel zugefügt würden und bat die Reichsregierung, in Erwägung der Wichtigkeit der Sache, auf Mittel zur baldigen Abhülfe bedacht zu sein.

Der Bundesraths - Bevollmächtigte, Wirkliche Geheime Nath v. Philipsborn entgegnete hierauf:

Meine Herren! Die von dem geehrten Herrn Vorredner ange- gebenen und im Einzelnen näher dargelegten Beschwerden über ver- \chiedene Bestimmungen der neuen britishen Schiffahrts8geseßgebung sind seiner Zeit, wie Sie erwarten dürfen, zur Kunde des Auswär- tigen Amts gekommen und ein Gegenstand ernster Erwägung gewesen, sowohl im Auswärtigen Amt selbst als au<h im Verein mit den übrigen betheiligten Reichsbehörden. Nah dem Ergebniß dieser Gr- wägung sind Schritte bei der britischen Regierung geschehen zur mög- lihsten Erzielung einer Abhülfe. Diese Schritte sind, ih kann es nicht leugnen, bis jeßt von dem erwünschten Erfolge nicht begleitet gewesen, indessen ih kann fogleih hinzusezen, daß wir die Sache nit als cine abges<lossene betrahten. Mit Rücksicht auf die freund- schaftlichen Beziehungen, auf die uns ertheilten entgegenkommenden Zusagen und auf die in diefer Sache obwaltenden allgemeinen Inter- essen geben wir uns der “Hoffnung hin, daß es den ferneren Bemü- hungen gelingen werde, ein anderweites Resultat zu erzielen, welches deit Anforderungen mehr entspricht und solche mehr befriedigen wird, als es jeßt der Fall ist. :

Beim Titel „Konsulat zu New-York“ richtete der Abg. Dr. Kapp an die Regierung die Anfrage, ob sie den früher ge- Aen Plan einer Vermehrung der Berufs-Konsulate in den N

ereinigten Staaten aufgegeben habe. H N Wirklihe Geheime Rath v. Philipsborn ant- wortete :

theil, wir sind mit der Ausführung desselben vollauf bes<äftigt, und wenn ni<t {on in dem jeßt vorgelegten Vierteljahrsetat die erfor- derlihe Summe ausgeworfen ist, so hat das den einfachen Grund, weil wir mit dieser Maßregel nit in das Vierteljahr hineinschnei- den wollten. Die Einleitungen find \o getroffen, daß, sobald der neue Etat ius Leben tritt, die neuen Einrichtungen in das Werk ge- seßt werden können. Ih glaube, daß diese Andeutungen genügen werden, die Zweifel des Herrn Vorredners zu beseitigen.

Auch der Militäretat wurde mit Ausnahme einer an die Budgetkommission überwiesenen Position einmalige Aus- gabe von 250,000 4 zum Kasernenbau in Pirna und Dresden unverändert angenommen.

Schluß 41/4 Uhr.

Jn der heutigen (6.)Sibßun g des Deutschen Reichs- tages, welher die Bundesraths - Bevollmächtigten Staats- Minister Dr. Leonhardt, von Stosh, Hofmann und Unterstaats- Sekretär Herzog sowie mehrere Kommissarien beiwohnten, wurde auf Vorschlag des Präsidenten ein Schreiben des Reichs- fanzlers, in wel<hem die Genehmigung des Reichstages zur strafrehtlichen Verfolgung des Schriftstellers Heinsh wegen Beleidigung des Reichstages nachgesucht, der Geschäftsord- nungskommission überwiesen. Die zweite Berathung der Justizges eße war auf heute nur zum Zwee der Vereinbarung der weiteren geschäftlichen Behandlung derselben anberaumt worden. Der Abg. Miquel stellte im Einverständniß mit den bisherigen Mitgliedern der Justizkommission den Antrag, die Zusammenstellung der Beschlüsse des Bundesraths zu den Justizgeseßen, mit Ausnahme einiger Beschlüsse rein politischer Natur, wel<he unmittelbar zur Berathung im Plenum ih eignen, der Justizkommission mit der Maßgabe zur Vorberathung zu überweisen, daß es derselben frei- stehen solle, einzelne Fragen ohne vorherige Kommissionsbera- thung, falls es ihr zwe>mäßig scheinen sollte, zur unmittel- baren Entscheidung des Plenums zu bringen. Der Bundes- raths-Bevollmächtigte, Justiz-Minister Dr. Leonhardt, erklärte sich im Allgemeinen mit dem Abg. Miquel einver- standen, jedoh war er in Betreff der Punkte, welche direkt dem Plenum zur Berathung zu überweisen seien, ab- weichender Ansicht, fo eEnIS wünschte er im Gegensaß zum Abg. Miquel die Frage wegen der Handelsgerichte direkt vom Plenum entschieden zu sehen, ebenso die Frage der An- waltsordnung. Der Abg. Windthorst (Meppen) erklärte sich gegen jede präjudizielle Entscheidung einzelner wichtiger Punkte durh das Haus, er wünschte vielmehr, das Ganze in continuo zu berathen und demgemäß eine unzwei- deutige Klarstellung des Miquelschen Antrages. Darauf wies der Bundesraths-Bevollmächtigte, Justiz-Minister Dr. Leonhardt, die Vorwürfe des Vorredners, daß die preußische Regierung den Strafprozeß zu politishen Zwe>en mißbraucht habe, energish zurü> und dann auf die Analogie zwischen der von ihm empfohlenen Weise der Berathung und der beim Straf- geseßbuh beobachteten hin. Der Abg. Dr. Miquel stimmte mit dem Abg. Windthorst (Meppen) darin überein, daß auch die der Entscheidung des Plenums vorbehaltenen Punkte an der Stelle berathen werden müßten, wohin fie nah der Anlage der Gesammtgesete gehörten. Dagegen empfahl der Bun- desraths-Bevollmächtigte Justiz-Minister Dr. Leonhardt jeßt na< der erfolgten Erklärung des Abg. Miquel die Ueberweisung der gesammten Beschlüsse des Bundesraths an die Justizkom- mission, da dies der formell korrekteste Weg sei, wenn' das Haus während der Köminissionsberathungen nicht in die BVer- handlung éintreten wolle. Darin {loß si< thm der Abg. Dr. Lasker an. Auf Antrag des Abg. Dr. Wehrenpfennig wurde demgemäß vom Hause beschlossen.

Es folgte die Fortseßung der zweiten Berathung des Etats. Beim Schlusse des Blatts hatte der Abg. Frhr. v. Schorlemer-Alst das Wort.

Das Verbot von „Hauskollekten“ jeder Art ohne polizeiliche Genehmigung trifft, na<h einem Erkenntniß des Ober-Tribunals vom 17. Oktober d. J.,, au<h das Ein- sammeln von Beitragszeichnungen.

Die Publikation von Bibelstellen Seitens eines Geistlichen, welhe Flüche und Verwünschungen enthalten, in Beziehung auf eine bestimmtè Person ist, nah einem Erkennt- niß des Ober-Tribunals vom 22. September d. J., wegen öffentliher Bekanntmachung der Verhängung eines kirchlichen Straf- oder Zuchtmittels, auf Grund der $8. 4 und 5 des Ge- seßes vom 13. Mai 1873 zu lestrafen.

Der Königlich portugiesishe Gesandte am hiesigen Allerhöchsten Hofe Graf von\Rilvas ist nah längerer Ab- wesenheit aus Lissabon hier eingetroffen und hat die Geschäste der Gesandtschaft wieder überndmmen.

Dem kommissarischen Kreisthierarzt Hin gs zu Wol- denberg ist, unter Entbindun von seinen gegenwärtigen Funktionen, die kommissarische Perwaltung der Kreisthierarzt-

Stelle des Kreises Crossen überhagen worden.

Vayern. München, 4. November. Der König hat die Einführung eines neuen Exerzierreglements für die Kavallerie genehmigt. Die „Allg. Ztg.“ meldet: „Jn einem Artikel der „Pfälzer ZÞ.“, der über die Speyerer Bischofsangelegenheit sehr|viele Unrichtigkeiten enthält, wird namentlih behauptet, daß Hj Enzler hauptsächlih durch die Vrotektion der Herzoglichen Fanilie und des neuen Bischofs von Passau, sogar gegen den innersten Willen des Hrn. v. Luß, zum Bischof von Speyer ernannt worden sei; diese Behauptungen entbehren jedod, wie aus sicherster Quelle versichert werden kann, aller ind jeder Begründung. Ein anderer Artikel in einer spätäen Nummer der genannten Zeitung verräth eines der Motive, vielleicht das Hauptmotiv, warum die Bischofsernennung dd Hrn. Enzler und dieser selbst in einem Theil einer gew\sen Presse fo angegriffen wurde. Dieser Artikel meint nänsih: die Regierung habe niht nöthig bei dem Suchen nal Bischöfen stets über die Grenzen „unserer“ Provinz, d. h. jer Pfalz, hinauszugehen und alle bayerischen Bischofsstühle nit geborenen „Schwaben“ zu beseßen. Das wäre demna<h ¡n Verbrechen des Hrn. Enzler, daß er au<h ein „Schwab| und kein „Pfälzer“ ist. Die beiden Artikel sind, obwohl dis sonst in dem Blatte nicht üblich ist, mit „Ein Laie“ untezeihnet, und man wird deshalb mit Sicherheit annehmen düfen, daß dieselben von einem Geistlihen geschrieben, jedenfab diktirt wurden“.

Wie die „Allg. Ztg.“ vernimit, ist von dem Finanz- Minister über die in diesem Fahrs beendete Einlösung süddeutsher Münzen ein Shlzbericht erstattet, und hat in Folge dessen . der König der arer Gemeinden, 2 e

Meine Herren! Der Plan ist keineswegs aufgegeben, im Gegen-

dereinen und Vertrauensmännern, lche bei der Einlösung durch eifrige Förderung und insbeso

l nère durch uneigennüßzige

Einrichtung von Privateinlösungsstellen mitgewirkt haben, die Allerhöchste Anerkennung ausgesprochen. Eine gleiche Aner- fennung ward den im Finanz-Ministerium mit Bearbeitung der lngangelegenwe ter betrauten Beamten zu Theil; ferner ist für die vorzüglichen Leistungen der Münzanstalt dem Di- rektor v. Haindl, Materialverwalter Grundler und Medailleur Ries das Allerhöchste Wollgefalen ausgesprochen und dem

Münzmeister Dr. v. Schauß das Ritterkreuz 1. Klasse des Verdienst-Ordens vom hl. Michael verliehen worden. Der Vollzua der gegen den Abg. Dr. Rittler erkannten sehs- monatlichen Festungshaft hat einen Aufschub erfahren, und wird derselbe, dem Vernehmen der „Allg. Ztg.“ nah, an die Allerhöchste Stelle ein Begnadigungsgesuch einreichen.

Sachsen. Dresden, 6. November. (Dr. F.) Di evangelish-lutheris<he Landessynode genehmigte in ihrer heutigen Sißung zunächst die $8. 7—11 des Geseß- entwurfs, betreffend die Fixation der Accidenzien und Stolgebühren der Geistlihen und Kirchendiener nah der Fassung des Entwurfs und trat sodann ein in die Berathung des Erlasses der in Evangelicis beauftragten Staats-Minister über die Regelung der jinangieren Lage der Geist- lihen. Der Ausschuß hatte si<h mit den vom Kirchen- regiment aufgestellten Grundsäßen für ein nah vorheriger Vereinbarung mit den Ständen zu erlassendes Kixchen- geseß im Wesentlichen einverstanden erklärt, insbesondere mit der vorgeschlagenen Modalität der Alterszulagen (zur Hälfte dur die Gemeinden, zur Hälfte durh den Staat) und war nur insofern über die Vorlage hinausgegangen, als er cine Aufbesserung au< für die besser dotirten geistlichen Stellen beantragt hatte, deren Einkommen die Summe von 6000 4 niht übersteigt. Die Synode lehnte jedo< diesen - Antrag, welher au<h von den Vertretern des Kirchenregiments bekämpft wurde, ob. Im Uebrigen wurden die mit den Vorschlägen des Kirenregüments fonformen Anträge des Ausschusses angenommen, jedo< zuglei<h auf Antrag des Nittergutsbesißers Günther beschlossen, das Kirchen- regiment zu ersuchen, bei der Staatsregierung sih dafür zu verwenden, daß der erwachsende Aufwand entweder vollständig aus Staatsmitteln gede>t, oder daß aus Beiträgen der Ge- meinden ein allgemeiner Fond gebildet werde, aus welchem die Alterszulagen, insoweit sie nah der Vorlage die Gemeinden treffen sollten, zu gewähren seien, und daß die voin Kirchen- regiment in Ausficht genommene Art der Aufbringung der Alterszulagen nur dann zur Anwendung Ge QUA wenn keine der beiden obengenannten Modalitäten ausführbar erscheine.

Oesterreich-Ungarn. Wien, 6. November. Wie die „Presse“ meldet, ist die auf gestern Abend anberaumte Ab- reise des Kaisers nah Kladrub zu den Jagden verschoben worden und machten es die telegraphishen Meldungen aus Pardubit wahrscyeinlih, daß die Reise ganz unterbleibt. Auch die Kaiserin werde wegen der ungünstigen Witterungsver- hältnisse an den Jagden nicht theilnehmen und morgen nah einem kurzen Besuche bei der Kaiserin-Wiitwe Maria Anna in Prag wieder nah Gödöllö zurückkehren.

Der Klub der polnischen Reichsraths-Abge- ordneten hatte sich geeinigt, in die Debatte über die Fnter- pellationsbeantwortungen mit einer seinen Standpunkt präzisi- renden Erklärung einzugreifen. Wie das „Fremdenblatt“ nun erfährt, hat der bisherige Verlauf dieser Debatte die polnischen Abgeordneten nah neuen Berathungen veranlaßt, von jenem Beschlusse abzukommen. Sie werden sih an der Debatte nicht betheiligen.

(W. T. B.) Jn der heutigen Sißung des Abgeor d-

netenhauses wurde die Debatte über die Jnterpellations- beantwortung in der orientalischen Frage fortgeseßt. Der Abgeordnete Wosniak (Slovene) sprah die Ansicht aus, daß Oesterreich bei dem Beginn des Aufstandes in der Herzegowina zu Gunsten der Slaven hätte interveniren sollen. Tanderlik kavifter wünschte eine Lösung der - orientalishen Frage im (acta Sinne. Der Fortbestand der Türkei sei ebenso wie die Einführung der versprochenen Reformen mit der ethnographi- schen und religiösen Zusammenseßung der Bevölkerung in der Türkei unvereinbar. Bosnien sei ein altes österreichisches Neichs- land: Manger warnte vor einem Kriege und einer Annexion. Oppenheimer wünschte zwar die Aufrechterhaltung des status quo, aber nit die Erhaltung des Friedens um jeden Preis. Fux (Mähren) hob hervor, daß Eroberungen nichts zur Steige- rung der österreichishen Macht beitragen könnten. Nach län- gerer Debatte über die Frage, ob ein oder zwei Generalredner gewählt werden sollen, entscheidet das Haus sich für die Wahl von zweien. Sodann werden Herbst und Greuter zu General- rednern gewählt. Nächste Sißung morgen. _ Pardubig, 5. November. Die Kai serin ist heute Nachmittag hier angekommen und wurde feierli<h empfangen. Die e des Kaisers, welche für morgen bestimmt war, wurde zufolge späterer Dispositionen verschoben.

Pest, 4. November. „Ellenör“ dementirt seine gestrige Meldung von der Anwesenheit des Grafen Andrassy im Ministerrath; Andrassy habe vor dem Ministerrath Tisza besucht, sei aber im Ministerrathe nicht erschienen.

Agram, 5. November. Jn der heutigen Budget- Debatte erklärte der Abg. Miskatovich, die ungarische Regierung habe den Ausgleich verlett, doch sei jeßt nicht die Zeit, einen ‘politischen Krieg zu führen. Würden alle geseb- lichen Mittel nihts fruchten, dann wird der Landtag die Kün- digung des Ausgleichs beschließen. Wenn Kroatien “si jebt mit Ungarn überwirst, dann könnte es ihm gehen wie Serbien, das, in den Krieg geheßt, jeßt isolirt dastehe.

Großbritannien und Jrland, London, 4. November. (Engl. Korr.) Der Alderman Sir Thomas White, der neu erwählte Lord Mayor, empfing vorgestern in der Wohnung des Lord Kanzlers die Meldung, daß die Königin die von der City getroffene Wahl gutheiße. Der Lord Kanzler fügte sei- nem Glückwunsche die Hoffnung hinzu, daß das Amtsjahr des Lord Mayors ein friedlihes und gedeihlihes sein werde. Jn dem geistlihen ODbergerichte (court of arches) suspendirte am 2. Lord Penzance den Rev. E Dale von St. Vedast (City) auf drei Monate, wegen Nichterfüllung des gerichtlichen Befehles, in jener Kirche die ritualistischen Gebräuche abzustellen. Mr. Dale ward in die Gerichtskosten verurtheilt. Von den bulgarishen Abgeordneten Zancof und Balabanow eeieint in nächster Zeit eine Broschüre über ihre politischen Ziele in mehreren Sprachen.

6. November. Die „Morning Post“ kündigt die Be- rufung des Staatssekretärs für S, Sir Michael Hi>ks-Beach, in das Kabinet an, wodurch die dur< Lord

“Malmesbury's Rücktritt entstandene Lücke ausgefüllt wird.

Am Sonnabend wurde in Glasgow das neue Panzers<hiff Nelson“ unter großer Betheiligung der Bevölkerung er- olgreih vom Stapel gelassen.

Wie der „Köln. Ztg.“ geschrieben wird, herrs{ht im Arsenale zu Woolwich und in den verschiedenen Gießereien, Fabriken und Magazinen der Kriegsabtheilung noch weiter angestrengte Thätigkeit. Das Arsenal zu Woolwich beschäftigt zur Zeit über zehntausend Arbeiter. Man verzweifclt no< ni<ht an der Emporhebung des untergegangenen eisernen Kriegs\chiffes „Vanguard“. Auf Aufforderung der Admira-

. lität zur Ung von Geboten zur Uebernahme der Arbeit sind zahlreiche Anerbietungen eingegangen.

Frank-ei<h. Paris, 5. November. Das „Fournal officiel“ meldet, daß der Marshall-Präsident durch Dekret vom 31 Oktober 52 Fndividuen, die wegen Betheili- gung am Aufstande von 1871 bestraft wurden, Begnadi- gungen, Strafermäßigungen und Strafverände- rungen bewilligt hat. Die Königin der Niederlande hat fsi< von Paris na< Biarriß begeben. Der Budgetaus\huß der Deputirtenkammer verhandelte am 9, d. M. mit dem Herzog Decazes über den Vor- anshlag des Ministeriums des Aeußeren. Wie man der „Wes. Ztg.“ darüber schreibt, gelang es dem Minister, einige kleine von dem Ausschuß beschlossene Abstriche wieder rü>gängig zu machen; so wurde ihm ein Kredit von 87 000 Fr. für Personalzulagen der Konsulatskanzler und ein Kredit von 100/000 Fr. für Korrespondenzspesen, die man bisher versagt hatte, nahträgli<h zugestanden. Dagegen konnte er zwei andere Posten von 30,000 beziehungsweise 50,000 Fr., Die ersteren für die Verseßung der diplomatischen Agenten in Nichtaktivität, die leßteren für Gratifikationen an Agenten im Jn- und Auslande, au< in dieser Verhandlung nicht durch- Jeßzen. Jn ihrer gestrigen Sißung beschäftigte sih die Budgetkommission mit dem Marinebudget und bewilligte einen Kredit, um zie Besoldung der Maschinisten zu erhöhen, sowie eine Erhöhung von 16 Centimes täglih auf den Sold der Veteranen der Marine und einen Kredit von 245,000 Frces. für Fleischrationen der Marinesoldaten. Die Budgetkommission verwarf darauf einen von der Regierung verlangten Kredit, um die Cadres der Marine-{Fnfanterie auszudehnen und das Kontingent der in der Kolonie Garnison haltenden Truppen zu verstärken. Die Kommission war der Ansicht, man müsse die Truppenzahl in den Kolonien cher vermindern als verstärken. Die Deputirten der äußersten Linken ließen in den Morgenblättern eine Note einrü>ken, in welcher sie er- Élären, daß sie für den ersten Artikel des gestern berathenen Gesetzes gestimmt hätten, weil derselbe, obgleih ihren Ueber- zeugungen entgegen, annehmbarer gewesen sei, als der Antrag Houyvet und weil der Präsident erklärt hätte, das Reglement widerseße si< der unmittelbaren Wiederaufnahme des Antrags Gatineau. Von zwei Uebeln hätten sie das geringere gewählt. Der Minister des Jnnern, de Marcère, hat den zwischen der Hospitalverwaltung der Stadt Lille und der dortigen katholishen Universität geschlossenen Vertrag, nach welchem das Hospital Sainte-Eugènie gegen eine ein- malige Entschädigung von 140,000 Fr. der medizinischen Fa- Éultät als Klinik dienen sollte, von Amts wegen für null und nihtig erklärt. Wiè der „Univers“ meldet, hat die katho- lische Universität gegen diese Entscheidung des Ministers beim Staatsrath Rekurs ergriffen.

Versailles, 6. November. (W. T. B.) Der Senat Hat in seiner heutigen Sißung die Berathung des Geseßent- wurfs betreffend die Militärverwaltung begonnen. Die Deputirtenkammer begann die Berathung des M a- rinebudgets und wird dieselbe morgen fortsetzen.

Ftalien. Nom, 4. November. Der König ist heute hier eingetroffen. Der „Diritto“ s{reibt: „Auch die auswär- tige Politik giebt seit einigen Tagen Stoff zu einer Polemik, die offenbar auf Wahleinwirkungen berechnet ist. Man könnte fürchten, daß durch diese Umtriebe die öffentliche Meinung irregeführt werde, wenn man nicht wüßte, daß die Regierung des Königs zwar cinen ehrenwerthen und thätigen Antheil an den Unter- handlungen hatte, mittelst wel<her die Großmächte sih be- mühten, Europa die Segnungen des Friedens zu bewahren, daß sie si< aber derart benommen hat, daß Jtalien einerseits die intimsten Beziehungen zu allen Kabincten unterhält, an- dererseits jedoh niemals im Besiße so völliger Aktionsfreiheit

ewesen ist, als diejenige, deren sih gegenwärtig die ita- ienishe Regierung sowohl zum Schuße dex allgemeinen, als der besonderen Jnteressen Ftaliens bedienen kann.“ Der Nuntius in Madrid hat, den „Jtal. Nachr.“ zu- folge, an den Vatikan die Einzelheiten einer mit dem Konseils- Präsidenten Canova gepflogenen Unterredung eingesandt, der dem tuntius versichert hat, daß in den gegen die Häupter der Pilgerfahrt getroffenen. Bestimmungen die Regierung nicht die Absicht gehabt habe, die Pilgerfahrten zu verbieten oder gu tadeln und no< weniger einen gegen den päpstlichen Stuhl gerichteten Akt zu vollziehen, sondern einzig, die Bürger zu der den Vertretern ihrer Regierung im Ausland {huldigen Achtung anzuhalten. Der Bischof von Seo d’Urgel ist in Rom - angekommen.

_— 6. November, Abends. (W. T. B.) Zur Stunde ist das Resultat von 430 Wahlen bekannt. Danach sind endgil- tig gewählt: 47 Kandidaten der gemäßigten und 230 Kan- didaten der Fortschrittspartei. Von den Gewählten sind no< Crispi und Chiave zu nennen. Pisanelli ist in Tricasse

unterlegen. Mit den Geschäften des päpstliche,n Staatssekretärs ist interimistis< der Unter-Staats- Jekretär Vannutelli betraut worden. Der Kardinal

Antonelli hat u. A. dem vatikanishen Museum eine ung von Edelsteinen und Kunstgegenständen hinter- assen.

6. November, Abends. (W. T. B.) Nach dem bisjebt be- kannten Wahlresultate sind 311 Deputirte definitiv ge- wählt; von ihnen gehören 53 der gemäßigten, 258 der Fort- schrittspartei an. Aus 40 Wahlkollegien ist das Wahlergebniß noch nit bekannt.

_ Türkei. Konstantinopel, 5. November. Die Note? mit welcher die Pforte die Sommation des Generals JFgnatieff beantwortete, lautet nah der „Nat.-Ztg.“:

__ v»La S. Porte consent à la conclusíon d'un armistice pur et gimple de deux mois à partir d’aujourdhui même. Elle vient en conséquence de transwettre les ordres aux comniandants d-s troupes ponr arrêtre immédiatement les opérations militaires sur tout le théâire de la guerre. Pour ce qui est des détails rélatifs à cet armistice le sousigné se' réserve de les régler plus tard d’accord avec V. Excellence et les représentants des autres Puissances. 1. novembre. Sasvet,“

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(Die bobe Pforte willigt in den Ab\HGluß eines reinen und ein- fachen Waffenstillstandes ven zwei Monaten Von Teiiben Ente ab Sie hat demzufolge soeben den Kommandanten der türkischen Trup- pen die Befehle zugehen lassen zur sofortigen Einstellung der mili- tärishen Operationen auf dem ganzen Kriegéschauplaße. In Betreff der Einzelheiten dieses Waffenstillstandes behält si der Ünterzeich- nete vor, dieselben später in Uebereinstimmung mit Ew. Erzellenz und den Vertretern der übrigen Mächte zu ordnen. 1. November Safvet.) g Ee

6. November. (W. T. B.) Jn den lebten Tage haben mehrere außerordentliche Ste des Ministe: raths und wied:rholte Berathungen der Botschafter stattge- funden. Russischerseits ist man, dem Vernehmen nah, mit der Ausarbeitung eines Entwurfs der Friedensbedin- g ungen auf Grund der englischen Vorschläge beschäftigt. Der russishe Botschafter Jgnatieff bezieht morgen seine Wohnung in Pera. Die Militär-Attahés von Frankreich Oesterreih und Rußland treten morgen ihre Reise nah dem Kriegsschauplate an.

…_ Wien, 6. November. (W. T. B.) Am Freitag fan wie der „Politischen Korrespondenz“ telzaraotiis E: stantinopel gemeldet wird, bei dem dortigen englischen Bot- schafter, Elliot, eine Konferenz der bei der Pforte akkredi- tirten Botschafter statt, in der es si< um die Feststellung der Deiarkationslinie handelte. Nah Allem, was über den Verlauf der Konferenz von glaubwürdiger Seite verlautet dürfte die Feststellung der Demarkationslinie nach den in solchen ¿Fällen üblichen Prinzipien {werli< besonderen Schwierig- keiten begegnen. Am Sonnabend und Sonntag beschäftigte man sich alsdann mit der Ausarbeitung der Details der Jn- struktionen für die Militär-Attachés der hiesigen Botschaften welche spätestens am Mittwoh nah Serbien abreisen sollen. Zu Kommissären für die Bezeihnung der Demarkationslinie sind designirt von Oesterreih Oberst-Lieutenant Naab, von rue Oberst-Lieutenant Dorey, von England Campbell, von Rußland Oberst Zelenoy. Für Jtalien und Deutschland werden die Militär-Attachés der betreffenden Botschaften in Wien fungiren. ¿Für Montenegro sind zu Kommissären de- signirt von ODesterreih Oberst-Lieutenant Thoemmel und von Rußland Oberst Bogolubow.

London, 6. November. (W. T. B.) Gutem Verneh- men nach bestätigt es sih, daß die englische Regierung balt Zusammentritt einer Konferenz vorbereitet. Der eng- lische Botschaster am russischen Hofe, Lord Loftus, hat aus Livadia die Meldung hierher gelangen lassen, daß si< dort eine vorwaltend friedlihe Strömung geltend mache.

L November. (W. T. B.) Wie die heutige „Mor- ningpost“ meldet, hätte England den Zusammentritt einer Konferenz auf der Basis der Jntegrität und Unab- S der Türkei in Konstantinopel vorgeschlagen. Das Blatt fügt hinzu, das Programm sei identish mit den früher von Lord Derby gemachten Vorschlägen ; Voraussezung wäre, daß von den an der Konferenz theilnchmenden Mächten eine Gebietsvergrößerung nicht angestrebt werde.

Paris, 6. November. (W. T. B.) Nach der „Agence Havas“ zugegangenen Nachrichten aus Konstantinopel finden daselbst augenbli>li< lebhafte Pourparlers statt Behufs Erzielung einer direkten Verständigung zwischen NUß- land und der Türkei, wodur< der Zusammentritt einer Konferenz unnöthig werden würde. Ein höherer türkischer Beamter würde, wie es heißt, in dieser Angelegenheit dem- nächst na< St. Petersburg gehen. :

Wien, 6. November. (W. T. B.) Nachrichten aus Bel - grad melden im Widerspruche zu den Berichten aus Semlin vom 4. c. gerüchtweise, daß General Tschernajeff seines Kommandos enthoben worden sei. tz

Ragusa, 5. November. (W. T. B.) Vorgestern eröff- neten die Türken von Spuz aus, troß des Waffenstill- standes, eine Kanonade. Der Fürst von Montenegro beauftragte die montenegrinishen Kommandanten si sofort mittelst Parlamentäre mit den betreffenden türkischen Befehls- habern in Verkehr zu seßen und fic einzuladen, bis auf Wei- teres den militärischen status quo zu wahren. Die von den Mächten behufs der Demarkation zu entsendenden Delegirten werden sich hier versammeln, um sih über ihr Vorgehen zu einigen. Jhre Aufgabe dürfte keine Schwierigkeiten bieten, da die Situation, bis auf die Cernirung von Niksich, ziem- lich einfah und der Fürst von Montenegro sehr entgegenkom- mend ist.

Der W. „Presse“ vom 6. sind folgende Telegramme zugegangen :

Konstantinopel, 5. November. Mehrere Staats- beamte, denen der wichtige Posten eines Konsuls in Tiflis angebotén wurde, lehnten denselben ab, da sie jeßt ein solches Amt im russischen Reiche nicht bekleiden wollen. Wie hier verlautet, hätten einige türkische Konsular-Agenten in Rußland um ihre temporäre Beurlaubung angesucht und dieselbe auch erhalten.

Adrianopel, 4. November. Die Ausrüstung von 150 neuen Bataillonen in den asiatishen Provinzen des tür- fischen Reiches schreitet ras<h vorwärts, da die Regierung für jeden Fall gerüstet sein will. Anch hier langen no< immer Truppen an, die für Nish und Widdin bestimmt sind.

Serajewo, 4. November. Die Mutessarifs von Bosnien wurden hierher berufen, um dem Spezial-Kommissär Fuad Pascha, welcher aus Konstantinopel vor acht Tagen hier eingetroffen ist, über die Zustände in ihren Mutefsarifliks Bericht zu erstatten.

Rustshuk, 5. November. Wie aus Alexinaßz gemeldet wird, gedenkt Abdul Kerim Pascha für die ganze Zeit des es sein Hauptquartier in Alexinaß aufzu- schlagen.

Belgrad, 5. November. Horvatovics erhielt den Takovo-Orden erster Klasse; außerdem erfolgten zahlreiche Ordensverleihungen an serbische und russische Offiziere.

Seit einigen Tagen werden Ausrüstungsgegen- stände für den Winter in das Hauptquartier nah Pa- racsin in ungewöhnkliher Menge transportirt.

Die Wiener „N. Fr. Pr.“ vom 6. hat von ihrem Spezial-Korrespondenten folgende Telegramme erhalten :

Hauptquartier Alexinaß, 1. November, Nachmit- togs. Die sofort bemerkte Räumung von Deligrad,

wEO leßteres heute Morgens von Kavallerie beseßt wurde, erfolgte heute Nachts. Da die Serben Deligrad und die um- liegenden Ortschafien niedergebrannt hatten, fand man nichts als das verlassene Lager und die Befestigungen vor. Es fand keine Verfolgung statt, do<h wurden Verfügungen ge- troffen, um mit dem Feinde, der sih gegen Paracin zurü>- zog, Fühlung zu erhalten. Die türkischen Truppen langten

| heute vor Kru“ewaß an, das wahrscheinli morgen beseßt wird. In der Armee herrscht eine gehobene und begeisterte St'm- mung. Alexinaß wurde nit geplündert. Es werden Vcrx=- kehrungen getroffen, um hier ein Verpflegsmagazin und cin Spital zu errichten. Heute fiel der erste Schnee. __ Ni\<, 3. November. Die Vorrücung der türkisc<en Hauptarmee gegen Deligrad mußte des anhaltenten Regens und Schneefalles wegen momentan eingestellt werdem, Aus diesem Grunde und aus Verpflegungsrücsichten wurde die Kavallerie, welche Mittwoch die geräumten Befestigungen von Deligrad beseßt hatte, gestern auf Befehl des türkischen Armee-Kommandos wieder zurü>gezogen. Die Befestigungen von Alexinag, welche ih eingehend besichtigte, sind sehr stark; sie bestehen meist aus Erdredouten mit allen möglichen Ver- stärkungsmitteln. Minen wurden indeß nicht vorgesunden. n der Nähe der Werke befinden \si<h eine Anzahl nicht zer- störter Holzkasernen, die jeßt den türkishen Truppen eine erwünschte Unterkunft bieten. Bei Alexinaß und Deligrad werden Brücken gebaut. Es regnet und \{neit ununterbrochen. Nußland und Polen. St. Petersburg, 7. Novem ber. (W. T. B.) Dem „Golos“ zufolge ist die Abreise des Ka1jers und der Kaiserin von Livadia auf heute Jestge)eßt und ihre Ankunft in Zarskoe-Selo am 15. oder 16. d. zu erwarten. Der rusjishe Botschafter in Paris Fürst Orlow, ist gestern von dort nah Moskau abgereist, um daselost während des Aufenthalts des Kaisers anwesend zu sein. Der deutsche Botschafter, General v. Schweiniß ist gestern von Yalta abgereist und trifft am Freitag in St. Petersburg ein. | : :

e Schweden und Norwegen. Stockholm, 2. November (H. O) Die Köntgin 1st gestern Abend von Helsingborg. nach Stockholm abgereist. Auf einer der Zwischenstationen wollte der König mit der Königin zusammentreffen und dann mit ihr die Reise nah Stockholm fortseten. Die feierliche Eröffnung der Eisenbahnlinie Engelholm-Lands- freona fand der Bestimmung gemäß vorgestern statt. Ç L : Ee : E Am 4. Dezember gedenken die Dragoner-, Husaren- und Grenadier-Corps des s<wedischen Leibregiments ein Fest zum Andenken an die Schlacht bei Lund abzuhalten. Am Schlusse dieses oder Anfang des nächsten Monats soll im erbprinzlichen Palais eine Kunst- und Fndustrieaus- stellung eröffnet werden, worin nur solche Kunstgegenstände Plaß finden sollen, welche niht in öffentlihen Sammlungen enthalten sind, sondern überall im Lande im Besiß von Pri- vatpersonen sich befinden. L

__ Dänemark. Kopenhagen, 2. November. (H. N.) Der König empfing heute in besonderer Audienz auf Schloß Amalien- borg den hiesigen außerordentlihen Gesandten und bevoll- mächtigten Minister der französischen Republik. Vicomte de Saint Ferriol, welcher bei dieser Gelegenheit dem Kö- nige ein Schreiben des Präsidenten der Republik überreichte wodur der Gesandte von seinem bisher von ihm bekleideten Posten abberufen wird. Die Verhandlungen des Folke- things waren in den leßten Tagen ohne fonderliches Jn- teresse. Anläßlich der ersten Berathung des Geseßtes, betref- fend Veränderungen în der Vergleichsgeseßgebung, theilte der Justiz-Minister mit, daß in Betreff der erwarteten Reform im Gerichtswesen nunmehr nächstens das Gutachten der bereits vor mehreren Jahren niedergeseßten Prozeßkommission erwartet werden könne. Er fügte freilih hinzu, daß noh einige Zeit vergehen werde, che dem Reichstage eine desfall- sige Vorlage gemacht werden könne, und daß-es deshalb noch einige Jahre dauern werde, che die Sache in das Leben trete. a Die Zollintraden auf St. Croix betrugen in diesem «Fahre 90,140 Doll. gegen 70,356 Doll. im vorhergehenden Jahre. Die HZollintraden auf St. Thomas im leßten Fi- nanzjahre haben 101,271 Doll. (gegen 101,114 Doll. im vo- rigen TrFahre) ergeben. -

Amerika. Der „Times“ wird aus Philadelphia unterm 3. ds. per Kabel gemeldet: Die Demokraten von New- York hielten am Donnerstag Abend die leßte Demon- ssttration ihrer Wahlcampagne. Jn Tammany-Hall sowie von 6 Tribünen auf dem Broadway, der Fourtenath-Street und dem Union-Square herab wurden Reden an eine über 100,000 Köpfe starke Menschenmenge gehalten. Dann folgte ein Facelzug unter Betheiligung von 50,000 Personen, die bis tief nah Mitternaht vor der Wohnung Tildens, des de- mokratischen Präsidentschastskandidaten, vorüberzogen. Tilden zeigte sich auf dem Balkon. Unter den mannigfachen Attrak- tionen befand sih auc ein brillantes Feuerwerk. Die Repu- blikaner von New-York halten ihre leßte Demonstration heute Abend mit einem Aufzuge von blau gekleideten Knaben.

Statistische Nachrichten.

Von den im Ersatzjahre 1875—1876 bei dem Landheer in Preu- ßenundderSeemachteingestellten 85507 Mann wurden 2749 oder 3,214°%/9 ohne Schulbildung befunden. Das ungünstigste Ver- Hältniß ergab wiederum die Provinz Posen, wo von 6112 Eingestellten 854 oder 13,972 9/9 ganz ohne Schulbildung waren z es folgen die Provinzen : Preußen mit 8,784% (von 11,759 : 1033), Schlesien mit 3,3417 "/4 (von 13,681 : 458), Pommern mit . 1,528 %/9 (5693 : 87), Westfalen mit 1,056 %/9 (5864 : 60), Schleswig-Holstein mit 0,261 %/9 (3450 : 9), Hohen- zollern mit 0,386 "/g (259 : 1), Sachsen mit 0,322 % (7435 : 24), Hesien- Nassau mit 0,531 % (4521 : 24), Brandenburg mit 0,6669%/) (7953 : 53), Rheinprovinz mit 0,744%/9 (12,096 : 90), Hannover mit 0,838 9/9 (6627 : 56). Nur im Kreise Herzogthum Lauenburg waren sämmtliche 181 Ein- gestellte mit Schulbildung.

Die mit auswärtigen Staaten abges{<lossenen Handels- und Zoll- verträge enthalten u. A. au< Bestimmungen über die Behandlung des sog. Veredelungsverkehrs. Es wird dadur< namentli gegen ege Abgabenfreiheit zugestanden für: Gewebe und Garne zum Waschen, Bleichen, Appretiren, Färben, Bedrucken 2c., Gespinnste zur Herstellung von Spißen und Posfamentierwaaren, Häute und Felle zur Leder- und Pelzwerkbereitung, Garne zur Herstellung von Ge- weben und alle sonstigen zur Reparatur, Bearbeitung oder Veredelung bestimmten Gegenstände. Daß diese Verkehrserleihterungen nit nur der deuts<hen Industrie, fondern auch der des Auslandes zu Gute ekommen sind, läßt eine in Band XX1I1, der Statistik des Deutschen

Rei enthaltene Nachweisung für das Jahr 1875 ersehen. Nach derseh «1 fand im gedachten Jahre der bedeutendste Veredelungs- verle “ah Desterrei < statt, wohin u. a. folgende Gegenstände aus d deutschen Zollgebiete vorbehaltli< der zollfreien Wieder: einfuhr Verarbeitung 2c. versendet worden sind: 725 Ctr. rohes Baumwolk, garn, 20,493 Ctr. gebleichtes oder gefärbtes Baumwollen-

arn, 3787 \tr. rohe oder gebleihte dihte Baumwollenwaaren, 797 Str. rohe undichte dergl., 6664 Ctr. Winkeleisen, 2047 Ctr. grobe Eisen- und Stahlkvaaren, 2992 Pfd. und 2497 Stü>k rohe Rinds- häute, 966 Ctr. Maschinen aller Art, 1559 Pfd. feine Kautshu>= waaren, 215 Ctr. Leder, 4794 Pfd. feine Lederwaaren, 26,704 Pfd.

lederne Handschuhe, 29,356 Ctr. rohes Leinengarn, Maschinen=