1904 / 56 p. 7 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Offizier das Recht der freien Kritik, der freien Meta anber, und von dieser Freiheit machen namentli die Generale fast s{rankenlosen Gebrauch. Diese Art der Kritik ist der senen Armee aus- E: bekommen und hat deren große Fortschritte mit herbeigeführt. ei uns möchte man die Kritik unterdrü>en, aber diese Unter- drü>ungsversuche dürften ni<t von Erfolg sein, um so weniger, als die tagtäglihen Umwälzungen der Technik au<h die Taktik steter Wandlung unterziehen. Vor 30 odér 40 Jahren war auch die Armee überwiegend no< aus der bäuerlihen Bevölkerung zusammengeseßt, die bezüglich der geistigen Kapazität gegen die städtische als minder- wertig bezeihnet werden muß (Unruhe re<ts) das wird auch in der Armee so angesehen —; heute ist das städtische, geistig gehobenere Element weit mehr in der Armee vertreten. L nun der Offizier in der Armee Elemente, die ni<t mehr die frühere Füge samkeit, Schmiegsamkeit und Genügsamkeit besißen, so spricht er von sozialdemokratishen Elementen, daher die Redensart von der sozialdemokratishen Verseuchung der Armee. Anderseits erkannte {hon Graf von Caprivi 1893, daß es durhschnittlih keinen besseren Soldaten in der Armee gebe, als den Sozialdemokraten. (Wider- spru< re<ts.) Jawohl, das sind Leute von höherer Intelligenz. (Andauerndes Lachen re<ts, im Zentrum und bei den National- liberalen.) Ih war auf diesen Heiterkeitsausbruch gefaßt, der ändert aber nihts an der Sahe. Um Soztaldemokrat zu sein, be- darf der Mensh {hon einer höheren Intelligenz. (Erneutes andauerndes Lachen.) Allerdings darf ja kein Sozialdemokrat, und wäre er no< so intelligent, die Unteroffiziertressen bekommen. Daß die Sozialdemokraten nit befördert werden, ist selbstverständlich. Die Armeeverwaltung sollte in ihrer Ca Mi keinen Unter- shied machen, denn nah dem Urteil einer militärischen Autorität ist das Unteroffizierkorps mangelhaft, woraus si< die Soldaten- mißhondlungen erklären. Die große Zahl der Mißhandlungen erklärt sih aber au< aus der mashinenmäßtgen Ausbildung, dem Kadaver- ehorsam und infolgedessen der Unselbständigkeit des einzelnen oldaten. Unsere Aeußerungen über den Paradedrill werden von der reten Seite în der Regel mit Murren angehört. Aber selbst ein Mann wie der Korpskommandeur von Meerscheidt-Hüllessem erklärt sich in einem Buch gegen übermäßige Paradeübungen,' die für den Krieg keinen Wert hätten; no<h heute sollte Jena uns eine Mahnung sein, uns von den Fesseln einer überlebten Ausbildungsmethode zu befreien. Auch über die ewigen Besichtigungen und Vorstellungen wird in den militärischen en bitter Beschwerde geführt und darauf hingewiesen, daß diese die Ursachen der in der Armee um sich greifenden Nervosität seien. Wie bei der Polizei, so wird au in der Armee darauf gehalten, daß eine bestimmte Anzahl von Bestrafungen nachgewiesen werden kann, das wirkt wieder auf die Pagen zurü>. Auf die einzelnen barbarisWen Fälle gehe i< niht näher ein; ih er- all des Unteroffiziers Breidenbach, der wegen 300 s{<werer und 12 leichter Fälle verurteilt - worden ift. Der Kriegs minister hat gesagt, ex finde es unbegreiflich, daß Vor- gesetzten diese Fälle nit bekannt geworden seien. Der Hauptmann des Breidenbach, von Grolmann, hatte Furcht vor den Sozial- demokraten, wie si< aus den späteren Gerichtsverhandlungen ergab. Dieser Hauptmann wurde nur zu vier Wochen Stubenarreft verurteilt, weil der Kriegêminister früher erklärt hatte, daß Offiziere dieser Art ur Führung einèr Kompagnie unfähig seien. Redner führt noch weitere älle von Sasdateialßbanbluigen an. E Präsident Graf von Ballestrem weist darauf hin, daß eine vorübergehende Behandlung dieser Frage wohl nicht zu vermeiden, eine eingehende Besprehung aber erst beim Kapitel Militärjustiz be-

{lossen sei. Abg. l fährt fort, daß eine Besserung so lange nicht zu éétti Tes, nicht die Vorgeseßten felbst die Truppen genau font ' um solche Fälle unmögli< zu machen. Die große

innere nur an den

kontrollieren, u ; sj ; S R S, in der Armee sei die Folge \{le{<ter Be- Zahl der Se die Vorgeseßten, zum Teil sogar der Hauptleute.

handlung i 1. B, bei einem Regiment in Hannover vor- ot Ren E 6 en: Cinjähriger das Leben genommen habe. Ein fu ger Leutnant sei wegen 69% Fällen Yan Mißhandlungen zu T hren e is verurteilt worden. Wie konnten, führt der Redner f e diese Mißhandlungen den Vorgeseßten verborgen bleiben ? T nd ist, daß der frühere Kommandeur des VI. Armeckorps, der C un in von Sachsen-Meiningen, Ee worden ist, feinen Abschied ju nehmen, weil eran sein Dffiferforps einn Grlaß gerichtet bat L iser der fi im wesentlichen mit der Kal! t der Soldaten hin, Ein

s auf das Beschwerdere| d Le lat (rieb cinmal: A kann der Soldat am meisten Mut ‘und Tapferkeit beweisen? Wenn er si beshweren will. R) möchte den Kriegsminister um - Auskunft bitten, was an der Mitteilung wahr ist, daß der Kommandeur des VII. Korps, Freiherr von Bissing in Münster, seinen Burschen so mißhandelt hat, daß dieser die Flucht ergriff. Der General soll na der einen Meldung zu cinigen Stunden, i Undebe, e Vie: Bur Sathel 1 teilt worden sein. nruhe re<ts; 104 ! rei von Ballestrem: Ob der Redner zur Sache priht oder niht, darüber habe ih zu entscheiden. Im allgemeinen in ih nit dafür, solche Resolutionen auszuscheiden. Die Fragen werden do erörtert, und später wird die Sache do wiederhölt; A ift der ganze Effekt.) Der Generalleutnant von Boguslawski ha geschrieben, die Mißhandlungen der gemeinen Soldaten dur ie Kameraden würden dur< sozialdemokratische Agitationen gefördert. Wie fals< diese Annahme ist, habe ih vorher bereits E Was Herr von Boguslawski gegen uns losgelassen hat, sin ganz gemeine Verdächtigungen, wie fie sih dieser Herr in ann 18 e rischen Ergüssen ganz besonders gern gegen uns e En ter der den höchsten militärishen Chargen angehört, sollte e m pabe sihhtiger sein. In den Pre ehen, e O ab teien, os E g 2 nicht derjenige gewesen, der 6 ] i ; Len ‘Seidelber s all, der dem Deren zu dieser Aut D eitnid bee %, ift ein Fall in Kiel zu erwähnen, Zelféafangtn, rvenn es si< um Vergehen gegen Vorge egte une nan es si< um Vergehen gegen Untergebene handelt, am flarsten he én trat. Es ist immer ein Zeichen gemeiner Sens e Es Norgesetter Mißhandlungen begeht in dem Berunei t E Ie n A Ee tur difte h tot de e daß, wenn als S j Le, E Noel Stccua aden, ein D E ILI S Ba S 1 men würde. er ewige, j , eintontge E, Offiziere allerdings keine Anziehungskraft E S der Drang nah Abwechslung, der Drang, ih auszutoben. Le von Bilse „Aus einer kleinen Garnison“ ist sicher nteman lings ps gewesen als dem C ter, En E iet ah R war, daß alles in dem Roman Behaupte ae E Vorgänge in Forba<h und Pirna haben nachhaltig E Di : r n. Ina Pirna hat ih eine Offiziersdame a g Mr ia E Wenn nur der dritte Teil des von d “a Wolf von Baudifsin in feinem Roman „Erstklassige Ven u Geschilderten wahr wäre, so hätten wir einen Grad von ett vor uns, wie er noch nie festgestellt worden ist. (Große ges N Zwischenrufe.) Wenn man die Unwahrheit feststellen will, kann

der Kriegsminister einschreiten; aber nah dem Forbacher Beispiel wird

er dazu s{<werli< Neigung haben. er Verfasser is ja Militär.

U - Nein! Unsinn! Lump!) bofentlts nad diesen Zwischenrufen Veranlassung nehmen, fih ehwas deutlicher auszulassen. ta<h den unbestrittenen Tatsachen, die

angeführt habe, gehören Vorkommnisse, - wie sie Graf von Baudissin s{ildert, in der Armee nicht zu den Seltenheiten. Aber au< ‘das Bürgertum trägt Schuld an diesen Zu- ständen: wenn die Bourgeoisie den Offizierstand als den ersten hinstellt, wenn si< Richter finden, die tun. Warum die Menge junger Leutnants, die eben aus dem Kadettenkorps kommen, die vom Leben keine Ahnung haben, unterste Charge des Offizierstandes bekleiden, m Leben zählen sollen, begreife ih nicht.

#st das Kriechen des e des Reserveoffizierwesens.

Bür ierítand infol Es Min tes Reisen Lea Dffizierkorpd e Epikuräismus eingerissen,

Der Graf von Baudissin wird

dasselbe |

A die die gei zum ersten Stande s

| maqhen.

wie nie zuvor, das Ueberhandnehmen des Luxus, der Liebesniahle, das ewige Práfentemachen, und als notwendige Folge die Geld- heiraten: alles dies hat das Offizierkorps umgewandelt. Das Schuldenmachen hat einen ungeheuren Umfang angenommen. Selbst ein Blatt wie die „Rheinish-Westfälishe Zeitung“ hat darauf hin- ewiesen, daß der überhandnehmende Luxus ein Verderben sei für die rmee; in ganz ähnlicher Weise hat sih der konservative „Reichsbote“ ausgelassen, der u. a. anführt, daß eine ganze Reibe von Offiziers familien niht mehr ihre Söhne beim Heere eintreten lassen könnte, weil das billigste Regiment zu teuer geworden sei. Wir haben ja au gesehen, was in Forbah die Kommandeuse für eine Rolle spielte; daß sie über die Dienstpferde verfügte usw. Wir haben erfahren, daß ein Divisionskommandeur seinen Abschied nehmen mußte, weil er mit einem Bruder, der Lehrer wat, verkehrte, was der Kommandeuse, der Frau des kommandierenden Generals, so mißfiel, daß fie den blauen Brief für den Divisionär durhseßte. Die ganze äußere Aus- stattung der Armee ist in den leßten Jahren in einer Weise um- gewandelt worden, die mit den Erfordernissen des Dienstes und mit dem ganzen Zwe> der Armee geradezu in Widerspru steht. Ich habe hon vor Jahren auf die Notwendigkeit hingewiesen, alles Glänzende und Schillernde in der Bekleidung der Armee zu be- seitigen, was dem Feinde als Zielscheibe dienen könnte. Früher hat man mich verlaht, später hat man das beachtet. Aber troßdem tritt jeßt wieder das Streben nah up Glanz ‘und Prunk hervor. ir haben darüber von anderer Seite ein lautes ‘Klagelied gehört. Es wurde von den vielen Uniformvyeränderungen gesprohen. Die „Nheinish-Westfälische Zettung“ hat sich darüber ebenfalls geäußert, Welchen Unwillen die bekannte „Kummerfalte“ im Offiziermantel erregt hat, ist bekannt. In Offizierkreisen höhnt man darüber. Der Kriegsminister sagte, die Sache wäre übertrieben, so viele Uniformänderungen seien in den en 25 Jahren gar nicht vor- genommen worden. Es handelt sich aber gar ni<t so schr um Üniformänderungen, als um die vielen Kinkerliphen, dke eingeführt werden. Nach den „Hamburger Nachrichten“ muß ein Soldat: in der Marine nicht weniger als 250 Ee t Abzeichen im Kopfe haben. Die ersten Offiziere beschweren sich sogar über die fortwährende Üniform- änderung. Die Manöver werden mehr und mehr zu militärischen Schaustellungen. In gee E e M A des S i 1 vorhanden aß, n

R LENE Kriege ebenso geführt wird, E

i inem künftigen L

m Krisérimandbern, die Niederlage Deutschlands a ist. Die großen Manöver verursachen ungeheure Kosten. Die Kr E verwaltung hat das etn. Die E E M u i / uf Ne<hnung i Í

dings, die Kosten herabzuseßen, aber a e I ae

irte, wie das beim leßten Manöver \ jen Kritit, die sih an die legten Manöver geknüpft hat, ift ine G sprechender geworden. Freiherr von Gahlen spricht in der ees Es Schrift sin0 ira et studio von phantastishen Manövern. n standen ihm no< niht einmal die Erfahrungen über das Jahr L

[ Daß die Manöver nur no< Schaustellungen sind,

zur Verfügung. Ae / Berliner Tageblattes“ berst Gaedke in einem Artikel des „Berliner Lagedlal iat erst Ga vernihtendes Urteil hat in der E E

ezeigt. ä ) N rarier gefällt, der mir sehr sahverständig zu sein s{eint. ) dra i, nteresse in der Presse die Kritiken über die Shweizer Milizarmee. Diese reihen aber nicht entferrit an die Kritiken über unsere Kaisermanöver heran. Die deutshe Armee soll erst einmal beweisen, ob fie dieselben Strapazen aushalten kann wie beispiels8- weise die Burenmiliz. Der General a. D. Graf bon der Lippe |<lägt in einer Broschüre einen Mittelweg zwischen dem Bestehenden und dem, was die Sozialdemokraten wollen, vor: eine stehende Armee von 200 000 Mann und eine Milizarmee. Es ist carakteristis<, daß in Ede d von hohen Offizieren ähnliche Gedanken vertreten werden. reiherr von der Golß hatte {on in den 1870er Jahren glei<h uns die militärishe Ausbildung einer Jugendwehr empfohlen. Immer weiter dringt die Ueberzeugung durch, daß nur dur eine Umwandlung von Grund aus eine Besserung der jeßigen Zustände in der Armee erzielt werden kann.

Preußischer Kriegsminister, Generalleutnant von Einem genannt von Rothmaler:

Meine Herren! Jn der zweteinhalbstündigen Rede hat der Herr Abg. Bebel wohl alle Dinge, die in der Armee vorkommen können, von dem Eintritt des Rekruten bis zu seinem Ausscheiden, seine ganze Dienstlaufbahn und Ausbildung geschildert. Jh weiß nicht, ob ih imstante sein werde, thm auf diesen Pfaden ganz zu folgen. Einen Hauptteil der Zeit hat er damit ausgefüllt, daß er gesagt hat: „i< weiß es nicht, aber es ist mir berihtet*"; „es ist mir gesagt“ ; „ih habe es gehört"; „es find unerhörte Zustände" (Heiterkeit rets); „es soll dies und jenes vorgekommen sein“ ; „bestimmt versichern kann ih es nit, aber es ist mir gesagt worden“. (Sehr richtig! und Heiterkeit re<ts.) Denken Sie si, meine Herren, wenn i< derartige Anschuldigungen ‘gegen ein Mitglied der sozialdemokratishen Partei, oder gegen diese felbst äußern würde i bin überzeugt, er würde bewaffnet mit dem Panzer der Moral und dem Schwert der sittlichen Entrüstung über mi herfallen. (Sehr richtig! und Heiterkeit re<ts.) Also alle diese Sachen, diese ollen Kamellen, wenn ih so fagen darf (fehr gut ! re<ts. Zurufe links) , von einem Divisionskommandeur, dec in Allenstein gestanden hätte am Sih des Generalkommandos, dessen Vetter oder Bruder fei Lehrer und die Frau des kommandierenden Generals wäre entrüstet über diese niedrige Verwandtschaft gewesen, so daß der Divisionskommandeur den bekannten blauen Brief be-

das ist der vollkommenste, bare Unsinn.

bätte / l

A hôrt! und Heiterkeit re<ts, Unruhe links.) Meine Herren, wenn der Herr Abg. Bebel, der \o außerordentlich j litärishen Fragen (Heiterkeit) die Rangliste

Bescheid weiß in mi / E Armeekorps ansähe, so würde er finden, daß es gar kein

Generalkommando, in Allenstein gibt (hört, hört !), und wenn er sich weiter informieren wollte, würde er sehen, daß das einzige General- fommando, was dort existiert, in Königsberg ist, daß der Divisionskommandeur, der dort war, nicht verabschiedet, \söndern kfommandierender General geworden ist. (Hört, hört!) Also die ganze Geschichte fällt in si ¿usammen wie ein Kartenhaus. (Sehr gut! rets.) Ih komme gleidh, um das abzumahen, auf den Fall des Generals von Bissing in Münster, Der Herr Abg. Bebel sagt, von se<s Seiten wäre ihm darüber becichtet mir ist von keiner Seite berichtet, ih weiß nihts davon, ih weiß nur, daß man selbst im Militärkabinett keine Ahnung davon hat, und daß General von Bissing niht vor ein Kriegsgericht gestellt ist. Das ist meine Erklärung über diesen Fall. Nun hat der Herr Abg. Bebel seine große Befriedigung darüber ausgesprochen, daß jeyt das ganze Haus von der Linken zur Nechten, und daß auch die Regierung werktälig eintritt und der Meinung wäre, daß die Miß- handlungen aus der Armee áuêgerottet werden müssen. Nun glaube ih, meine Herren, wenigstens die Regierung, die Militärverwaltung hat immer auf diesem Standpunkt gestanden (sehr richtig!), und ih nehme au an, daß von jedermann, der hier auf diesen Bänken gefessen hat, die Mißhandlungen stets verurteilt worden find. (Sehr richtig!) Jh meine nit, daß die Sozialdemokratie die führende Partei gewesen ist (sehr rihtig!), um diesen Mißhandlungen ein Ende zu Es muß einmal ausgesprohen werden, meine Herren, ih

| glaube sogar, keine Partei hat weniger Veranlassung, anzunehmen,

daß sie abgezielt hätte auf Besserung der Zustände in der Armee als die Sozialdemokratie (lebhafte Rufe: Sehr richtig! Zurufe links) unterbrehen Sie mi< do< nicht, meine Herren, Sie kommen ja später no< an die Reihe —, denn auf dem Parteitag der Partei in Dresden (Aha! links. Glo>e des Präsidenten.) ja, meine Herren, haben Sie denn da niht Ihre wahre Meinung zum Ausdru> gebraht; wollen Sie diese jeßt leugnen? (Sehr gut!) Wenn eine Partei wie Sie auf dem Dresdner Parteitag zum S{hluß erklärt, die Gegensäße innerhalb des Volkes werden sih nit mildern, sondern fie werden sich stetig vershärfen, wie können Sie dannfkeigent- li darauf rechnen, daß friedliche, gesunde, harmonische Zustände im Heere herrshen? (Sehr richtig!) Denn in das Heer kommen# Angehörige aller Kreife, aller Stände, dort begegnen sie si<h, müssen si unter- ordnen, miteinander verkehren. Kommen aber Leute dahin, die ver- hegt find, bann werden die Gegensäße au< dort aufeinanderplagen. Deshalb sage ih, keine Partei hat weriger Veranlassung, zu glauben, daß sie Besserung erzielt habe, als die Sozialdemokratie. (Sehr richtig !) Jh habe hier ‘ein Blatt, in dem ein Antrag Elbinger und Genossen steht, lautend:

Die Partei möge“ unter den Proletariecn,f die alljährli<h zur Armee eingezogen werden, vor “dem Eintritt in die Armee in ge- eigneter Form Propaganda für den Sozialismus machen. Ins- besondere die künftigen Soldaten über ihre Pflichten gegen den sogenannten interen Feind aufzuklären,

damit fie gegebenenfalls niht gehorchen. (Hört! hört!) Die Berliner Genossen des ersten Berliner Wabhlkreises beantragen :

Die Reichstagsfraktion wird mit der Einleitung einer plan- mäßigen Propaganda gegen den Militarismus, mit der Ein- bringung eines Gesetzentwurfs beauftragt, unter besonderer Betonung folgender Forderungen : Abschaffung der Militärjustiz und des Militärstrafrehts, Anerkennung des Rechts auf Notwehr gegen Mißhandlungen, allgemeine einjährige Dienstzeit.

(Heiterkeit.) Wenn mit fol<hen Instruktionen versehene Mannschaften in die Armee kommen, dann sind Sie s{<uld an so und so vielen Mißhandlungen. (Lebbaftes Bravo! Stürmische-Zurufe links. Glode des Präsidenten.) Wenn so und so viele Herren mit einem Male sprechen, kann ih ni<t hören und darauf au< nit antworten. (Zurufe links.) Um dem Herrn Abg. Bebel, so gut wie es geht, in <ronologis<er Weise in seiner Rede zu folgen, mödte ih jeßt kurz die Kritiken seitens der inaktiven Offiziere berühren. Ih bin darauf {on bei der ersten Etatsberatung zu \pre<hen ge- Tommen und erlaube mir, Jhnen vorzulefen, was i< damals sagte :

Wenn nun auch Kritiken, wie gesagt, natürlih sind, fo möhte ih doch die Herren bitten, niht nur immer diejenigen der ni<ht mehr im Dienst befindlihen Offiziere als ri<tig anzusehen. Verlassen Sie si< auch auf die Offiziere, die auf ihren hohen Stellen Seïner Majestät dem Kaiser und Könige und ihrem eigenen Gewissen verantwortlich sind für die kriegsmäßige Ausbildung ihrer Truppenteile.

Also ih habe das Necht der Kritik der inaktiven Offiziere durch diese Worte in keiner Weise bestritten. Ih sage sogar : wir können die scharfe Luft der Kritik zum Segen der Armee überhaupt gar nicht entbehren. Ih sage weiter : die inaktiven Offiziere haben uns in ganz außerordentlihem Maße auf allen möglichen Gebieten der Organisation, Ausbildung, der Erfindungen, des Waffenwesens usw. genügt. (Hört, hört!) Es rihtet fi< meine Bitte nur dahin, Kritiken zu vermeiden, die verheßend wirken, die in das Volk hinein Aufregung und den Glauben bringen, die Armee sei ni<t mehr so tüchtig, als fie sein müßte zur Sicherheit des Vaterlandes.

Was ist nun aus diesen Worten, die so objektiv gefaßt waren wie nur mögli, geworden? Das „Berliner Tageblatt" hat am nästen Tage einen Artikel gebraht: „Die Kritik der Gewesenen“. Da steht drin: wir sind verurteilt zu Mumien, wir dürfen niht mehr reden; nur was der Herr Kriegsminister im Reichstage . für gut findet zu sagen, soll geglaubt werden; wir sollen ftille sein, wir werden aber nit stille sein, sondern wir werden uns er- heben und werden unser Recht geltend machen. Ich hatte von alle dem nichts gesagt, nit einmal von meiner Person gesprochen. Man fuhr dann fort : wie kommt dieser Mann, der gestern no< gar ni<hts war, zu sol< einer Kritik ? Heute ift er Kriegsminister, sigt am Regierungstish, und da hat er si< \<on mit einer gewissen Schnelligkeit die Allüren des Regierenden angewöhnt. Schließlich er- hielt ih Briefe von inaktiven Offizieren, die mir schrieben, ih bätte die inaktiven Offiziere beleidigt. Als ih ihnen aber das Steno- gram hingeschi>kt hatte, antworteten sie mir: es tut uns ganz außerordentli< leid, solhe Briefe an Sie geschrieben zu haben ; wir können nur unterschreiben, was Sie gesagt haben, wir find irre- geführt dur< den Schreiber im „Berliner Tageblatt", den Herrn Obersten Gaedke. (Lebhafte Rufe: Hört, hört! Zuruf von den Sozialdemokraten.) Diese Briefe kann i< Ihnen vorlegen.

Nun möchte ih Ihnen zeigen, wie derartige Kritiken gegen die Armee beschaffen sind i< \<i>e voraus : sie entstehen natürli immer nur aus Liebe zur Armee, aus dem tiefsten Interesse, die Armee zu fördern; aber die Liebe geht manhmal wirklih eigentümliche Bahnen, das ist eine Liebe, die heißt: i< liebe dih so sehr, ich tôte dih. Da sagt z. B. das „Berliner Tageblatt“ am 2. De- zember v. J. :

Wer weiß nicht, daß die taktishe Weisheit des General- stabes si< bereits Jahrzehnte hindur< in sanstem Schlummer- zustande befindet! s

Es dauerte gar niht lange, am 5. Januar 1904 besprah das Blait die Kommandierung eines Generals zur Dienstleistung beim Chef des Generalstabes der Armee. Nun

möchte man glauben: wenn der Generalstab jahrzehntelany in einem fanften Schlummerzustande liegt, dann macht der Chef des Generalstabes diesen Shlummer do< mit,

denn sonst könnte ja der Generalstab niht s{lafen. Da erklärt aber

das Blatt von dem Chef des Generalstabes : Er gehört zu den Persönlichkeiten, die jedes Heer îtolz; wäre in seinen Reihen zu zählen und so lange wie mö;lih im Dienst zu bewahren. Wahrscheinlich, um weiter zu {lafen. (Sehr gut! und Heiterkei rets.) Daß seine Bedeutung nah außen weniger bervortritt lieat cin seits an unseren gegenwärtigen Verhältnissen, andererseits j Cigenart seiner Natur, die ih mehr dem Charakter “di Feldmarschalls als seines unmittelbaren Vorgängers s

' i l nähert, unt wohl nit zum Nachteil des Heeres und des 1

Staats. D