1909 / 76 p. 7 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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„Ih hatte geftern Gelegenheit zu einer längeren Aussprahe mit iner Majestät dem Kaiser und Könige und bin in der Lage zu sagen, daß Seine Majestät vollständig den Standpunkt billigt und teilt, den ih vom ersten Tage an eingenommen habe, die Auffassung nämli, daß für uns weder Veranlassung vorliegt, no< auch Neigung bei uns besteht, das Vorgehen unseres Verbündeten tiner Kritik zu unterziehen, wohl aber der feste Wille, in Er- füllung unserer Bündnispflichten an seiner Seite zu stehen und Iu bleiben. Au für den Fall, daß Schwierigkeiten und Komplikationen entstehen sollten, wird unser Verbündeter auf uns renen können. Seine Majeslät der Kaiser und König, dessen verehrungsvolle Freund- haft für den ehrwürdigen Kaiser und König Franz Joseph bekannt . if, fteht in unerschütterliher Treue zu seinem erhabenen Ver- bündeten.“ A Das also, meine Herren, war der Standpunkt, und das waren

Weine Instruktionen von dem ersten Tage an. Danach können Ste essen, was es auf \i< bat wer man mi< als unsiheren

tonisten hat verdähtigen wollen.

Ebenso wie gegen die grundlose Behauptung, als ob _i< unseren öfterreihis<-ungarischen Verbündeten anfangs nur zögernd und lau Unterstüyt hätte, muß i< mi nun au< gegen den entgegengeseßten

orwurf wenden, nämli< daß wir uns mit überflüssigem Eifer an der Seite von Oesterreich-Ungarn gebalten hätten. Es wird darüber geklagt, daß wir uns dadur unnötigerweise in Gefahr begeben hätten. an hat uns vorgeworfen, daß wir uns nur für Interessen ein- deseßt hätten, die ni<t unsere eigenen Intereffen wären. Diese orwürfe treten auf mit dem Anschein eines gesunden politischen oismus, und sie werden vorgetragen unter Berufung auf die Autorität des Fürsten Bismark. Es wird als Bismark sche Ansicht hingestelt, daß wir in der Balkankrisis jede tellungnahme hätten vermeiden sollen. Meine Herren, ih E upte, daß eine solche Laodizäerpolitik vom Fürsten Bis- mar> ohne Bedenken verworfen worden wäre. Nicht, in Below, in Drientfragen überhaupt Stellung zu nebmen, hat Fürst Bismar widerraten, sondern vorzeitig Stellung zu nehmen oder_die ührung an si< zu nehmen. J< will Ste an ein Wort des Fürsten Bismar> erinnern, das [zu seiner Zeit, als es gesproden wurde, eine allgemeine, mahnende Betrahtung war, und das heute tine \{lagende Rechtfertigung is. In setner unsterblichen Rede s. Februar 1888 sagte Fürst Bismar> ih habe mir die Stelle ausgeshrieben : i „Ein Staat wie Oesterreih-Ungarn wird dadur, daß_mar

_ ihn im Stiche läßt, entfremdet und wird geneigt werden, _dem

die Hand zu bieten, der seinerseits der Gegner cines unzuverlässigen

ist.” ae E A anattt s gte nade L ni<t in der Aussicht auf etnen hanbsesten tercitorialen oder wirtschaftlichen Gewinn liegt unser eigenes und

eigentliches Interesse in der gegenwärtigen Situation. Sehr wahr!) Glauben Ste wirkli, meine Herren, daß wir einen neuen Freund gewonnen, irgend einen Ersaß gefunden hätten für ein dur< 30 Jahre bewährtes Bündnis, wenn wir die Probe auf unsere Treue nicht bestanden hätten (Lebhaftes Sehr richtig !), lediglih aus Furcht, den Anschluß an andere Mächte niht zu finden ? (Wiederholtes leb- haftes Sehr richtig!) Wir würden uns, meine Herren, sehr bald, und dann ohne Oesterreih-Ungarn, ¡derselben Mähtegruppterung gegenübergejehen haben, der Oesterreih-Ungarn hätte weihen müssen. (Sehr richtig! auf allen Seiten des Hauses.)

Gewiß, meine Herren, Deutschland ist stark genug, um sich im Notfalle au allein zu behaupten. (Vielfahes Bravo !) Das ist aber kein Grund, einen loyalen Bundesgenossen, der überdies ein außer“ ordentli wichtiger Faktor in der europäis<hen Staatengesellshaft ist, in einer für thn \{<wierigen Lage allein zu lassen und auf andere Freundsaften anzuweisen. (Lebhaftes Sehr richtig!) Die Politik des Finassierens ist ni<t immer eine kluge Politik, und sie ist jedenfalls verfehlt dem Freunde gegenüber, der Klarheit und Offenheit erwartet. Uns klar und ofen an die Seite von Oesterreich-Ungarn zu stellen, entsprach auch deshalb unserem Interesse,

stung zu gefährlihen Versuchen ermuntert

w ine andere Ha! e e E ea Htfiellung von Oesterreich-Ungarn etne Schädigung iuzufügen. Eine diplomatische Niederlage unseres Bundesgenossen aber

Rü>kwirkung auf unsere eigene Stellung in

d E S würde das Schwergewicht verringern, das Deutschland und Oesterrei - Ungarn gemeinsam repräsentieren, ünd das bei vielen internationalen Fragen gemeinsam in die Wa eworfen wird. ame i< habe irgendwo ein höhnishes Wort gelesen über unsere Vasallenschaft gegenüber Oesterreih-Ungarn. Das Wort ist einfältig! (Sehr richtig! und Heiterkeit.) Es gibt hier keinen Streit beiden Königinnen im Nibelungenliede;

e wollen wir aus unserem Verhältnis zu [ten (Lebhaftes Bravo !), die wollen wir Beifall.) Meiae Herren, damit aber

ü E Bilder blutigen Kampfes emporsteigen, wftlihen Gemütern nit B in unserem festen Zusammen-

ile sigen, daß ih gerade stehen O e has eminente Friedenssiherung erblide. (Sehr wahr!) Die Publizierung des fterreihisdh-ungarish-deutsWen Bündnisses hat seinerzeit auf friegslustige Elemente in Guropa s Tuhi daß dieses Bündnis auch b dend eingewirkt. Die Konstatierung, lben Nid- tüte ni<ts von seiner Kraft eingebüßt hat, kann in derselbe û tig!) Den Kritikern aber- ur nühli<h wirken. (Sehr richtig Buchstaben Herren, die mir in der Presse und sonstwo den Bu N endes entgegenhalten, sage ih einfa), daß hier der Du dôtet, je Nun, meine Herren, weiß i< wohl, daß wir Deutsche tes Hand bedürfen, auf seiten einer gere<ten Sache zu stehen; aben dieser Ueberzeugurg oft genug Opfer gebracht. Es liegt au i deutschen Charakter, eine Sache gern deshalb für die gere{te zu Alten, weil sie die s<wähere ist, Meine Herren, diesmal brauchen wir keine Skrupel zu haben, G sie sind meines Wissens au< nirgends bei uns hervorgetreten. d unterliegt für mi niht dem mindesten Zweifel, daß Oesterreich- garn in seinem Konflikt mit Serbien das Ret durchaus auf “liner Seite hat. (Lebhaftes Schr richtig!) Die Annexion der iden Provinzen ist kein zynisher Landraub, sondern der lehte M ritt auf der Bahn einer seit 30 Jahren unter Anerkennung der Ä âhte betätigten politishen und kulturellen Arbeit. (Lebhaftes Sehr itig!) Das Retichstadter Abkommen is ja {on 1877 ges{lossen orden. Die Beseßung von Bosnien und der Herzegowina erfolgte

er die Nibelungent r e 1 Desterreih-Ungarn nicht aus\{a gegenseitig wahren. (EGrneuter

e d

e stabe der Ueber-

weil der ursprünglihe Befißer den Aufstand in Provinzen ni<t zu dämpfen vermochte, und Oesterreih- Aufruhr weiter Landstre>en dicht an seiner Grenze auf die Was die österreichis{<-

seinerzeit ,

jenen beiden Ungarn den Länge unmögli ruhig mitansehen konnte. ungärishe Verwaltung in dieser Zeit für die beiden Provinzen getan hat,

das, meine Herren, ist von allen sa<verständigen Beurteilern als eine glänzende Kulturleistung anerkannt worden. (Sehr rihtig!) Oester- reih-Ungarn hat also fein Necht auf die beiden Provinzen in stetiger Arbeit erworben. Der Verstoß gegen das formale Re<t, der bei der Annexion begangen wurde, ist dur< die Verhandlungen ¡wischen Oesterreih-Ungarn und der Pforte ausgeglihen worden. Bei diesen Verhandlungen ist von beiden Seiten mit ftaatsmännischer Weisheit den Interessen beider Teile gedient worden, und ih glaube, daß beide Teile Anlaß haben, si< zu dem gelungenen Abschluß Glüd> zu wünschen. (Sehr richtig !) Nachdem, meine Herren, eine Einigung unter den Nähsibeteiligten erzielt worden is, wird au< die formelle Anerkennung der übrigéèn Signatarmähte des Berliner Vertrages nicht ausbleiben können. Daß aber au< das Plázet Serbiens erforderlich sein sollte, das, meine Herren, ist eine Zumutung, die Oesterreich - Ungarn von Anfang an mit Recht zurü>gewiesen hat (Sehr richtig), mag fie nun în der Form des Anspruchs auf Kompensationen oder in anderer Weise aufgetreten sein. Den Serben steht keinerlei Rechtsanspru<ß zur Seite. (Sehr richtig! rets.) Die serbischen Rüstungen find ein gefährlihes Spiel. Wenn es nun au ein unerträglicher Gedanke ist, daß der europäische Frieden wegen Serbien gefährdet werden sollte, so folgt daraus do< keineswegs, daß Oesterreih-Ungarn oder die Türkei anzuhalten wären, unberehtigten politis<en und territorialen Aspirationen der Serben nachzugeben. Vielmehr würde eine starke Verantwortung aus der ganzen Lage der Dinge für diejenigen erwachsen, die dazu beitragen sollten, die serbischen Aspirationen in irgend einer Weise zu ermutigen. Sie sind keinen Krieg, ge\hweige denn etnen Weltbrand wert. Jch habe aber die beste Zuversicht, daß das Friedensbedürfnis Europas stark genug sein wird, um einen sol<hen Weltbrand zu verhüten. Die Haltung, welche die russische Politik in der Annexionsfrage neuerdings angenommen hat, bestärkt mi< in dieser Hoffnung. Durch diese Haltung haben si die Leiter der rusfischen Politik und insbesondere Seine Majestät der Kaiser Nikolaus Anspru auf die Anerkennung und die Dankbarkeit aller Friedensfreunde in Europa erworben. (Bravo!)

Unsere Haltung gegenüber der Konferenzfrage hat \si< nicht ge- ändert. Wir haben nah wie vor keine grundsäßlihen Bedenken gegen eine solhe Konferenz, vorausgeseßt, daß alle europäischen Mächte an ihr teilnehmen, daß die Mächte sih vorher über die streitigen Punkte einigen, und das Konferenzprogramm genau festgeseßt und umgrenzt wird. Denn wir wünschen, meine Herren, daß die Konferenz nicht ein Aufregungsmittel, sondern ih bediene mi< der Worte des eng- lishen Ministers des Aeußern ein Beruhigungsmittel sein möge. Nun is weiter gesagt worden, wir hätten uns bemühen sollen, die in Europa bestehenden und gewiß niht ungefährlihen Gegensäße auszugleichen ; es wird uns vorgeworfen, daß wir in dieser Richtung niht genug getan hätten.

Meine Herren, man übersieht dabei, daß wir gar keine Ver- anlassung hatten, eine übertriebene Geschäftigkeit zu entwid>eln. Soweit aber eine Grundlage für eine vermittelnde Tätigkeit vorhanden war, haben wir es natürli ni<ht an Bemühungen

in ausgleihendem Sinne fehlen lassen. Wir find in dkeser Richtung, und nicht ohne Erfolg, zwis<hen Wien und Konstantinopel und au zwishen Wien und Skt. Petersburg tätig gewesen. Dabei sind wir uns allerdings stets der Grenzen bewußt geblieben, die unser eigenes Interesse und die Loyalität gegenüber Oesterreich- Ungarn einer vermittelnden Tätigkeit seßen. Ih will diese Grenzen genau bezei<nen: Wir haben keinen Schritt getan und werden keinen Schritt tun, der den mindesten Zweifel ließe an unserer festen Entschlossenheit, kein österreihis<-ungaris<hes Lebensinterefse preis- zugeben. (Bravo!) Und ebensowenig sind wir dafür zu haben, daß an Oesterrei - Ungarn Zumutungen gestellt werden , die unvereinbar wären mit der Würde der Habsburgischen Monarchie. (Beifall.)

Meine Herren, unsere eigene Geshihte mahnt uns zur Vorsicht auf dem Gebiete auch der ehrlihsten Maklertätigkeit. Wem von uns \<webte niht als großartiges Beispiel der Berliner Kongreß vor? Diese weltges<i<tliGe Handlung wurde geführt dur< den größten Staatsmann des vergangenen Jahrhunderts. Sein leitender Gedanke dabei war, zu verhüten, daß zwischen den europäischen

Mächten ein Krieg ausbreche in den Deutschland hinein- gezogen werden konnte. So malte der” gewaltige Fürst s< an die Arbeit, den Frieden zu erhalten, und er

erhielt ihn au. Aber in mancher Hinsicht trugen wir die Kosten des Verfahrens. (Sehr rihtig! rets.) Der Zank, der Aerger, der Haß der Streitenden rihteten si< nah dem Kongresse weniger gegen den bisherigen Gegner als gegen uns. Die- Scherben aller enttäushten Hoffnungen wurden gegen uns geschleudert. Ich habe als junger Mens< an dem Kongresse teilgenommen. Jh stand dur< meinen Vater und seine amtlichen und freundshaftlihen Be- ziehungen zum Fürsten Bismar>k den Ereignissen nahe. So erfuhr id, daß Deutschland, das den Frieden für andere erhalten hatte, selbst bald nah dem Kongreß in Kriegsgefahr s<webte. Mit dieser Erfahrung vor Augen haben wir uns die Linien für unsere jebige Orientpolitik vorgezeihnet. Wir wahren unsere eigenen Interessen und stehen treu zu Oesterreih-Ungarn. Das if um dies au in diesem Zusammenhange nohmals zu betonen identisch. Indem wir fest zu Oesterreich-Ungarn stehen, sichern wir am besten unsere Jnteressen. Und damit, meine Herren, tragen wir au< am meisten bei zur Erhaltung des Friedens, des europäishen Friedens, dessen Wahrung aufrichtig gewünscht wird von diesem hohen Hause und vom deutschen Volke. (Vielfaches lebhaftes Bravo !)

Abg. Freiherr von Hertling (Zentr.): Es hat immer etwas

Leiter unserer auswärtigen Politik, der aus

Misliches, nah dem bin zugänglichen Kenntnis uns hier ein Bild der

der Se Ange gegeben hat, wie er sie auffaßt, Bemerkungen aus dei

politischen aen. Wir sind uns dabei des Abstandes ‘bewußt, der die

ause eibgeordneten von den tatsächlichen Vorgängen trennt. R meisten þ die Bemerkungen, die i< zu machen habe, mit a

will deéhal daß ih mi auf einem glatten Boden

Vorbehalt ma id wetß 8s für uns, wenigstens für die bewege. 71a Seite S lébier be über die Fragen Mitglieder der Die Klage, die ih und die

man uns zu wenig Mit-

hen; iner Budgetkommission,

Politik zu sprechen.

der auswärtigen dn) da wir früher erheben m n e Verhältnisse gema<t hat, diese teilung er t og iebt nid mehr erhoben werben, nad

dem uns in der Budgetkommission durh den Staatssekretär des Auswärtigen Amts viele Mitteilungen gemacht worden m aller- dings nur in vertrauliher Weise, wie dies in der Natur der Sache gelegen war, und darum zunähst nur pusängli@ für die Mitglieder der Kommission. I< will die gemachten Mitteilungen weder über- shäßen noh unters<äßen. Zunächst ein paar Worte über Marokko. Wenn wir uns früher über Marokko unterhielten, so waren wir, laube ih, alle von einem gewissen unbehaglihen Gefühle er- üullt. Wir wollten, daß die deuts<he Regierung die- wirtschaft- lichen Interessen Deutshlands in Marokko vertrete, daß uns der Fx dort ni<t genommen werden follte, unsere wirtschaft- tr Beziehungen zu befestigen. Aber wir hatten zuglei das 5 fühl, daß wir um Marokko keinen Krieg führen würden. Ich habe selbs 1907 ‘und 1908 geglaubt, von den Schwankungen der deutshen Politik in der Maro ‘Leage (ppen zu sollen. Der Reichskanzler hat heute für die von Deutschland inneg ne Politik in der R R die Konsequenz in Anspru nehmen zu können geglaubt. Jh glaube, daß jeßt, na<hdem alles zu einem guten Ende gelangt ift, es ni<t mehr nötig ift, eingehend auf diese Frage zurü>zukommen. Wir find alle erfreut, aus dem Akten- ftü>, das der Reichskanzler uns hier vorzulesen die Güte gehabt hat, das eine Wort herauszuhören, daß das praktis<he Interesse, das hier in Fre käme, do<h ni<t im Verhältnis stünde zu den unangenehmen Nebenwirkungen, die es in p auf Frankrei bei der Marokko- Frage hervorgerufen habe. Es efteht die Hoffrung, daß die Verständi- gung in diesem einen Punkt dazu führen wird, zwis<hen den betden fo en Ländern, Deutshland und Frankreich, ein Verhältnis freund- <aftliher Beziehungen zu befestigen und zu erhalten. Wenn dabet etwas unsere Freude stôren könnte, so ist es allein der Gedanke, daß vielleiht das, was dur dieses Abkommen errei<ht worden ist, {on vor einigen Jahren hätte erreiht werden können, daß wir {hon damals na< dem Sturze Delcafsés, als -die französische Politik in ruhigere Bahnen eingelenkt war, zu einem ähnlihen Abkommen, zu einer ähn- lihen Verst os hätten elangen können. Wir haben nun gerade, wenn wir von Marokko spratben, au<h sehr viele Vorwürfe hier hören müssen gegenüber unserer deuts<en Diplomatie. Wir haben uns in der Budgetkommission eingehend darüber unterhalten. JI< glaube, daß die erhobenen Vorwürfe zu einém großen Teil nicht be- es waren, daß es zum Teil an einer Substantiierung ehlte; ih mödhte darauf hinweisen, daß die Politik heut- zutage do< ni<ht von den Vertretern der auswärtigen Missionen, sondern von der Zentralstelle aus gema<t wird. Wir können uns freuen, daß offenbar hier bei den Verhandlungen mit Frankrei zweifellos geshi>te diplomatishe Hände im Spiel gewesen find. Wir haben in der Kommission gesprochen über den diplomatishen Na<hwu<s und dessen Ausbildung. Es ift davon gesprochen worden, daß bei der Auswahl des Nahwuchses der Adel sehr bevorzugt würde. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amts hat si bestrebt, diese Vorwürfe zu entkräften, und i< glaube auth, daß kein Grund vorliegt, an eine folche Bevorzugung ju glauben. Darüber war in der Kommission kein Zweifel, daß derjenige,

über ein

der s dem diplomatishen Dienst widmen will,

gewisses Maß eigenen Vermögens verfügen muß. Nun ift es do<h no< nicht so lange her, daß Deutschland ein Induftrie- staat geworden iff, daß die reihen, besißenden Stände der Adel waren. Darum konnte sich ebén der Abdel diplomatischen Laufbahn vorzugsweise widmen. Das ist ja nun

st

anders geworden, und wir haben Angehörige industrielléer Familien im diplomatishen Dienst, was zweifellos künftig no< A be Fall ein wird. Man zählte zu dem Adel au<h fsol<he Mitglieder, die päter no< nobilitiert wurden. Wer si< über eine Bevorzugung des

dels in der Diplomatie ausspricht, sollte si< eigentli<h gegen iesen Usus des Nobilitierens aus\sprehen; man würde dabei vielleicht zu seinem Erstaunen die Bundesgenossenshaft des alten histo- rischen Adels finden. Nahdem übrigens der Staatssekretär fest zu- gesagt hat, daß der Adel keine Rolle spielen soll bei der Auswahl dés diplomatishen Nahwu<hses, sollte man diese Diskussion jeyt \{ließen. Ueber die Ausbildung der jungen Diplomaten hat ber Staatssekretär ein Programms vorgelegt, das im allgemeinen die Salina der Kommission gefunden hat. Es kommt vor allen

ngen darauf an, geeignete Persönlikeiten, en <lossene Männer zu finden, keine blafierten Salonlöwen , die frühzeitig sich davon durchdringen lassen, daß sie bei fremden Staaten den eigenen Staat zu vertreten haben, ni<t umgekehrt. Bei der bekannten Neigung der Deutschen, si< allzu leiht in frentde Verhältnisse hineinzufinden und Fremdem den Vorzug zu geben vor dem Eigenen, ur in dieser Beziehung viel gefehlt sein. Freilih muß der Nahwuhs über ein gewifses Maß von Kenntnissen verfügen, worauf der Staatssekretär mit Ret hingewiesen hat. Aber wenn dur die regelmäßige Einberufung in das Auswärtige Amt, die der Staatssekretär in Aussicht gestellt Ba unsere Diplomaten ret fleißi arbeiten lernen, so ift das ein gewiß begrüßenswertér Vorzug. kehre nun zu den Fragen der auswärtigen Politik selbst zurü>. wir im März vorigen Jahres über die auswärtige Politik sprachen, konnte au das \{ärfste Auge die dunklen Wolken noch nit erspähen, die dem- nächst im Orient heraufziehen sollten. Damals war allerdings ein neues, von England ausgehendes Reformprojekt bekannt geworden, und deshalb eine gewiffe Gefahr vorhanden, daß aus dem alten Braud- herde mögliherweise wieder Flammen heraus\<lagen könnten. Aber wir wußten niht, ob das englishe Reform rojett angenommen sei, oder ob ein anderes, russis<es Annahme gefunden hätte. Während wir no< in Unsicherheit darüber waren, wurden wir überras{<t dur die Revolution vom Juli 1908. Sie machte innerhalb 60 Jahren den vierten Versuch, die Türkei zu einem modernen Verfassungsstaat zu machen, und dieter Versuch untershied fi< von den früheren da- dur, daß die Bewegung niht vom Sultan oder Großwefir ausging, sondern von dea Jungtürken, dabei aber au< keinen Widerstand bei den Regierungen fand. Alles s<wamm in Freude, daß die Verfassung von 1876 wieder zur Wahrheit werden sollte. Während die Reformprojekte der Mächte dadur in den Hintergrund traten, während wir alle abwarteten, was aus jener neuen Bewegung in der Türkei wurde, wurden wir abermals überras<t dur< die Annexion von Bosnien und der Herzegowina. Wir waren do \ etwas darauf vorbereitet, daß Oesterreich aus der jahrelangen Zurü>- haltung wieder zu einer aktiven Politik zurü>kehren werde, nah- dem Freihrerr von Aehrenthal das Projekt der Sandshakbahn lanetert hatte. Die Annexion Bosniens brachte zwar keine Verschiebun, in den realen Machtverhältnifsen, beseitigte wohl aber forme das Mürzsteger Abkommen und bedeutele einen Verstoß gegen den Wortlaut des Berliner Vertrages. Wie kam es aber, Ti Oesterreih diesen Schritt tat, daß der greise Kaiser Franz Joseph im Jahre seines 60. Regentenjubiläums ihn zu tun bereit

war? Er mußte überzeugt sein, daß \{<werwiegende ü vorlagen. Wenn die Türkei ein Verfafsungsstaat ua

wenn die vershiedenen Provinzen eingeladen waren, Deputierte

den parlamentarishen Versammlungen zu \{<i>en, so mußte es Fd fragen, wie es mit den politishen Rechten von Bosnien und der Hacnia stand. Da mußte ODesterreih s{< Bosnien und die erzegowina eingliedern, um ihnen au<h diese politishen Rechte zu verschaffen. Zweifellos wirkte hierbei au< der besondere Charakter der jungtürkishen Revolution mit. Der Geist der Neuordnung in der Türkei war do< nur halbmodern. Es war zuglei< der alte Geist des Mohammedanismus. Das Bestreben ist zweifellos ein E nationalistis<es und zentralistishes. Es besteht ausgesprohenermaßen bei den Führern der Bewegung der Wuns, die verschiedenen Rassen und Sekten zu einer ein- beitlihen Masse ottomanis@er Untertanen zusammenzufafsen. Auf der anderen Seite hatte dies Bestreben den Erfolg, daß die S der Rassen und Sekten wieder hervortrat. Es bestand zweifellos unter diesen Verhältnissen die Gefahr, daß eine Bewe ung dieser Art nah Osten hinübershlagen konnte, und es war durchaus ein Schritt der Selbsterhaltung, wenn ih Oesterreih-Ungarn die Früchte jahrzehntelangen Gleises niht aus der Hand reißen lassen wollte. Auh der Reichskanzler hat anerkannt daß Oesterreich-Ungarn vollkommen bere<tigt war, den Gedanken einer