1909 / 76 p. 10 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Tgfeilen renen. Darum sollten wir uns mit England verständigen, Durch Fürstenbesuhe wird die Verständigung nicht erreiht, was dabei herauskommt, haben wir \{audernd im November vorigen Johres erlebt. Wenn die überwiegende Mehrheit des Reichstags unsere Reso- Tution annimmt, so wird sie etwas tun, um den Frieden in der Welt zu sichern, oder das Volk wird si andere Vertreter wählen, die nit zum Spielball einer Chauvinisterclique sich machen lassen. Erbprinz zu Hohenlohe-Langenburg (Rp.): Troß des ver- nichtenden Urteils des Vorredners über unsere Auslandspolitik muß ih mi denjenigen Vorrednern anshlie en, die es aufs wärmste begrüßt haben, daß unsere Regierung dur das feste Zusammenhalten mit unseren bewährten Bundesgenofsen in der Welt eine höchst wichtige Rolle gespielt hat, zu einer Zeit, wo überall die Befürchtung bestand, daß eine friedlide Wsung der Balkanfrage nicht mehr mögs- lih sein würde. Unser Verhältnis zu Oesterrei hat sich „wieder als Bollwerk des Friedens bewährt. Die Regierung war vollauf berechtigt, in diesex Frage Oesterreich zu unterstüßen. Ih will nit weiter darauf eingehen, wieweit Oesterreich durch die Annexion andere Interessen verleßt hat. Die Aufregung in ganz Europa war ja groß, aber Bosnien mußte seit 30 Jahren das Bewußtsein haben, daß Oesterreiß von seinen Befugnissen Gebrau machen würde, und es ist verständlich, daß es dies tat, nahdem es eine gewaltige Kulturarbeit geleistet hat. Die Erfolge unserer Diplomatie verdienen tie größte Anerkennung, wenn man bedenkt, mit welhen Schwierigkeiten sie zu kämpfen gehabt hat. Auf der einen Seite war England, auf der anderen Rußland, auch ein nit ganz zu veradtender Faktor. Unfer Verhältnis zu Oesterreich Tonnte wobl nit ganz ohne Einfluß bleiben auf dasjenige zu Ruß- land, und wir müssen uns davor hüten, Rußland zu untershägen. . Die deutsche Regierung hat von Anfang an eine gerade Linie ein- gehalten. Das Ergebuis können wir mit freudiger Genugtuung be- E in der ganzen politishen Welt wind es anerkannt. Das treue usammenhalten von Oesterreich und Deutsh!and hat si als der witigste Faktor für die Erhaltung des Friedens erwiesen. Wix müssen alles vermeiden, was dana aussehen könnte, als wollten wir die Reaktion in der Türkei begünstigen. Auffällig ist es, mit welhem Mißtrauen unsere Politik im Ausland aufgenommen wird. Wir müssen uns fragen, ob wir nicht an dieser Mißgunst mit \chuld find, und ob wir nicht Kreise anderer Völker stôren, die {on im Besiß sind. Natürlich dürfen wir vor einer s{arfen Sprache nicht zurücischreckden, wenn unsere Interessen geschädigt werden. Bei den leßten Wirren hat unsere Diplomatie ganz geräushlos und ohne Aufhebens gearbeitet, aber die deutsche Presse hat sich nicht von Nervosität freigehalten, . sie hat teilweise ein wahres Jammer- ges{rei Den Das ist ein für eine große Nation nicht würdiges Verhalten. Hinsichtlich der Abrüstung können wir ruhig abwarten, was England vorschlägt, und diese Vorschläge sachlih prüfen. Zu einer vollständigen Abrüstung kann es sicherlich nit denn es ist nit möglich, eine Formel zu finden, welche allen Möglichkeiten gerecht wird. Am Flottengeseß müssen wir un- bedingt festhalten. Aggressive Absichten verfolgen wir damit nicht. ihten uns nit nah fremden Staaten, aber wir stehen nicht allein in der Welt da und müssen für einen Angriff, nit nur für die Verteidigung unserer Küsten gerüstet sein. Was der Neichs- kanzler über die Nüßlichkeit des Zusammengehens mit England * gesagt hat, kann ih vollständig unterschreiben. Jh keane die Engländer aus persönliher Erfahrung sehr genau, und ih gebe die Hoffnung nicht auf, daß wir zu einem engeren Ver- bâltnis mit England gelangen, wie es der Stammesverwandts- haft der beiden Nationen enlsprihi. Unsere Stellung in der Welt * beruht {ließli auf unserer inneren Kraft, wir müssen auch unserer Volk3genossen gedenken, die nicht die deutsche Reichsangehörigkeit besißen, der 30 Millionen Deutschen im Auslande, die eine wertvolle Verbindung ' mit dem Ausland und der alten Heimat darstellen. Die deutsche Schule ist eins der wichtigsten Mitiel, um unser Deutschtum im Auslande zu erhalten, deswegen stimmen wir auch der darauf gerihteten Resolution gern bet. Wenn wir nicht die Fähigkeit besißen, mit kräftigem Entschluß die materiellen E zu festigen, die unsere Rüstung und unsere Wehrhaftigkeit in steigendem Maße erfordern, so wird die Diplomatie auch mit der größten Arbeitskraft niemals in der Lage sein, Deutsch- land erfolgreih zu vertreten. Abg. Liebermann von Sonnenberg (wirts{. Vagg.): Ih kann dem Abg. Ledebour für meine Person die feierliche Versicherung eben, daß ih ihn und seine Freunde niemals für fähig erachtet habe, ei nationalen Bewegungen mit der Mehrheit des Hauses überein- zustimmen ; ih glaube, diese Erklärung im Namen aller anderen Parteien ausfprehen zu können. Während der Rede des Abg. Ledebour glaubte ih mi in die Hexenküche im „Faust" I. Teil verseßt und das Herxen- einmaleins zu hôcen. Ih würde ihm in einer Volksversammlung aus E erwidern: Mich dünkt, ih hört? einen ganzen Chor von hunderttausend Narren sprechen! (Präsident Graf zu Stolberg: Ih bitte Sie, ih einem Abgeordneten gegenüber

parlamentarisher Ausdrücke zu bedienen.) Der Abg. Ledebour laubte dem Reichskanzler seine Zustimmung ausiprécen zu sollen zu seiner Politik Oesterreich gegenüber. Jch wage das

gleihe zu tun. Ünsere Sena Desterreih gegenüber ist flug und erfolgreih gewesen. Das treue Festhalten der beiden großen Militärmächte beweist, daß andere M hte, mögen sie ih noch fo r koalieren, diesen beiden Mächten nit die Wage halten können. esterreih hat in diesen Wirren sehr tüchtige Eigenschaften bekunden können, vor allen Dingen die große Ruhe, mit der sih die Kriegsberei!{haft vollzog. Die Geduld Oesterreihs war ja auf das äußerste auf die Probe gestellt worden. Es hat sich in hohem Grade nachgiebig bewiesen, obwohl es dem Bruder Serben das Sprihwort zu Gemüte führen konnte: Ih bin groß, und du bist klein. Jch will mich mit dem Abg. Bassermann nicht in eine Kontioverse einlassen, ob Serbien einen gewissen An- spruch darauf hätte, zu einem Großserbien sich auszuwachsen. Hoffen wir, daß Oesterreich die guten Dienste, die ihm Deutschland diesmal geleistet hat, auch seinerseits nicht vergißt, daß Oesterreich daran denkt, in höherem Maße, als es in den leßten Jahren gesehen ist, die deutshen Interessen in seiner Monarchie zu behüten und zu stärken. Wir haben kein Interesse daran, daß Oesterrei allmählich zu einer slawischen Großmacht - sih auswätst, sondern daß in Oesterreich das Deutshtum das führende Element bleibe. Auch in bezug auf die Vifferenzen, die jeßt mit England hervor- getreten sind bei der Besprehung unserer Flottenrüstungen im englischen Unterhause, stehe ich durhaus auf dem Standpunkt, den der Reichskanzler in seiner Rede vertreten hat. Er spra von dem sympathis@en Empfang des englischen Königs in Berlin. Der Abg. Graf Kaniß nannte diesen Empfang sogar einen enthusiastischen. für meine Person bin eigentlich froh, daß er das

nicht war, wohl aber, daß eine ruhige und würdige Stimmung in Berlin vorhanden war. Das ist für uns das wesentliche, denn zu leiht geht man über die Grenze dessen hinaus, was uns noch die Anerkennung des Gegners erhält. Den Abg. L:debour, der von den Vorkommnifsen im englischen Unterhaus spra, mödte ih darauf ver- weisen, daß die Vertreter der Regierung {h in hohem Maße E pathish für die deutshe Friedensliebe ausgesprochen haben. er Premierminister sagte, es handle sch um eine Panik der alten Weiber beiderlei Geschlehts. Als ein Minister sih über die Friedensliebe Deutschlands sympathisch aus\prach, wurde Es Aber das Telegramm! an meinte das Krüger-Telegramm. Nun ist kürzli eine Broschüre ershienen, worin deutli und klar nachgewiesen ist, daß jene berühmte Krüger-Depeshe gar niht auf eine Regung von höchster Stelle zurückzuführen wäre, sondern daß dies Krüger-Telegramm in Vebereinstimmung mit den Reaierungs- faktoren, die befafsen hatten, erlassen ist. Der Staatssekretär hat das in der Kommission beftätigt, indem er sagte : e Stein hat damit nihts Neues gesagt. Wenn das aber der Fall ist, dann wäre es gut, wenn dies heute vom Bundesrats- tische mit Bestimmtheit erklärt würde, denn in Deutshland wie im Aus\"ande wird der Vorwurf gegen die allerhöhste Stelle gerichtet;

als handele es sih hier niht um eine Staatsaktion, sondern um einen

Akt des persönlihen Regiments.

Im englisGen Parlament hat man über Aeußerungen unserer

Regierung etwas berichtet, was jeden Deutschen mit großer Freude erfüllen sollte. Man hat auf die Anfrage, die angeblich von England an uns gelangt ift, ob wir bereit wären, dem Abrüstungsgedanken näher zu treten, mit nein geantwortet Es ist richtig zu sagen, wenn ihr 100 Dreadnoughts baut, bauen wir keines mehr, als im Flottengesez vorgesehen find, und wenn ihr gar keinen baut, so werden wir doch die bauen, die dort vorgeseben sind. Der englische Minister hat es au als unser Recht bezeichnet, unsere Angelegenheiten nah unserem eigenen Ermessen und Bedürfnis zu regeln. Das Flotten- geleß enthält das Mindeslmaß von dem, was wir zur Sicherung unserer Küsten und unseres Handels brauen. Wenn wir darüber jeyt mit uns handeln ließen, dann gäben wir einen Teil der Sicherheit unseres Vaterlandes preis. Das verlangt kein anständiger Gegner von uns, das verlangen wir auch nicht von thm. Die Neso- lution der Sozialdemokraten, die auf die Abrüstung hbinautläuft, werden wir ablehnen, weil sie in diesem Augenblick geradezu als Bekenntnis der Schwäche angesehen werden Éöônnte. Das Marokkoabkommen zählt allerdings nicht zu den Groß- taten der Weltgeschichte, man kann hier von einem geshickten Rückzug sprehen. Was der Reichskanzler hierüber sagte, ist zweifellos rihtig und entspriht au, wie ich glaube, der allgemeinem Stimmung im deutschen Volk, wie sie sich im Laufe der Zeit entwidelt hat, Aber es liegt in dieser Erklärung des Reichskanzlers au gleichzeitig eine Verurteilung der Anfänge dieser Politik, bei der wir uns wohl die Vorautsehßung zu einem Erfolge verscherzt haben. Wir begrüßen das Einvernehmen mit Frankreich mit größter Freude. Der Welt- friede kann nie sicherer sein, als wenn zwischen Deutschland und Frankrei freundschaftlihe Beziehungen vorhanden find. In der Denkschrift über die Vorbildung zur diplomatischen Laufbahn sind die Vorteile der néuen Grundlage dargelegt. Jch glaube, es wäre ¿weckmäßiger gewesen, wenn wir in diesen Grundsäßen nicht das akzeptiert hätten, was andere Staaten für ihre diplomatische Lauf« bahn festgeseßt hatten. Wenn man die Konsulatskarriere und die diplomatishe Karriere auf dieselbe Grundlage gestellt hätte, dann hätten wir eine größere Auswahl geeigneter Persönlichkeiten für jeden einzelnen Posten, und wir würden uns niht dem Vorwurf aus- seßen, daß der Adel heute in der diplomatischen Karrtiere bevorzugt wird. Vielleiht geht man auch mit der Nobilitierung etwas spar- samer um. Gewiß soll man verdienten Staatsmännern in höheren Verwaltungen den Adel verleihen, aber ih glaube, die Ratgeber für solche Nobilitiecungen sollten eiwas vor- sfihtiger sein. Es werden do Leute geadelt, die gern geadelt werden möhten, aber durch eine Veredelung ebenso wentg an Wert gewinnen, wie die Matrikularbeiträge. Eine wür- dige Haltung unseres Parlaments könnte den Frieden besser befestigen, als die kleinen Mittel der Journalistenempfänge usw. or allen Dingen sollte man sich nicht dazu versteigen, hier Propaganda für das englishe Theater zu machen. Man hat die Leistungen des Auswärtigen Amtes gelobt. Manches ruft aber au die Kritik hervor. Ih lege auf den Tish des Hauses eine Anzahl Allteutsher Bläiter nieder, die einen Artikel bringen: Schutz der Deutschen im Auslande vor den deutschen Beamten. Der Artikel beruht- auf streng“ aktenmäßigem Material. Der Retchs- kanzler legt doch selbst großen Wert auf den Schutz der Deutschen im Auzlande. Es liegt hier das unerhörte Verfahren eines Beamten in Saloniki vor. Der Dragoman Hoffmann drang unter Führung des türkishen Kawassen in die Wohnung des deutshen Pfa1rers ein und nahm ihm Papiere weg. Dieser Dragoman hat einen Verleumdungsbrief über den Pfarrer \{chlimmster Art ge- schrieben; der Staatssekretär hat gesagt, dieser Brief wäre besser ungeshricben geblieben. Das Auswärlige Amt hat, anstatt einzuschreiten, es dem Pfarrer überlassen, gegen den Dragoman zu klagen. Bei einer solhen Haltung kann die deutshe SgHule dort niht vorwärts kommen. Noch einen Fall möchte ih erwähnen, der mir erst heute bekannt geworden ist, Ein Deutscher in Venezuela, namens Rudolf Haß, i von den dortigen Behörden {wer in seinem Vermögen geschädigt worden, ohne daß er zu seinem Rechte kam. Er kam darauf nah Berlin, um beim Auswärtigen Amt Necht zu suhen. Maù hat thn anderthalb Jahre auf einen Bescheid warten lassen. Schließlih hat man ihn vertröstet. Neben den großen Zügen dèêr deutschen Politik sollte man nichtver- gefsen, daß die Deutschen im Auslande Schuß verdienen. Man hat Herrn Rudolf Haß gesagt: Sie haben zwei F-hler begangen, erstens, daß Sie als Deutscher geboren, zweitens, daß Sie Deutscher geblieben sind. Ih meine, es liegt nicht in unserem Interesse, wenn es ihm e unmöglich ist, Deutscher zu bleiben, wenn er sein Recht uht. G

Reichskanzler Fürst von Bülow:

Meine Herren! Von verschiedenen Seiten ist die Frage einer deuts{ch-englischen Verständigung über den Slotlenbau behandelt worden. Ich habe darüber folgende Ecklärung abzugeben :

Wie im Auftrag des Reichskanzlers in der Kommissionssißung vom 23. März erklärt worden ist, find über die Frage einer deutsch- englischen Verständigung, über Umfang und Kosten der Flolten-

. Programme, zwischen maßgebenden englishen und deutschen Persôn- lichkeiten zwar unyerbindlihe Gespräche geführt worden, niemals aber ist ein englischer Vorschlag gema§t worden, der als Basis für amtlihe Verhandlungen hätte dienen können.

Die verbündeten Regierungen denken niht daran, mit dem Bau der deutschen Flotte in Wettbewerb zu der britishen Seemacht zu treten. Durch zahlreiche Erklärungen im Deutschen Reichstage und durch den Inhalt des Flottengeseßes selbst ist das unverrückbare

Ziel der deutschen Flottenpolitik dahin festgelegt worden, daß

wir unsere Flottenrüstung lediglih zum Sqchuye unserer Küsten und unseres Handels {afen wollen. Es ist au eine Un- anfehtbare Tatsache, daß das Programm unseres Flottenbaues in voller Offenheit daliegt, daß wir nichts zu verheimlihen, nidts zu verstecken haben, und daß nit beabsichtigt ist, die Durchführung des Bauprogramms über die geseßlichen Fristen hinaus zu be- \{chleunigen.

(Hört, hört ! rets.)

Alle dem entgegenstehenden Gerüchte sind falsch. Wir werden frühestens im Herbst des Jahres 1912, wie geseßlih bestimmt, 13 neue große Schiffe, darunter 3 Panzerkreuzer, verwendungsbereit haben.

Admiral von Tirpiß wird Ihnen darüber noch eine genauere Er-

klärung abgeben.

Die allgemeine Stellung der verbündeten Regierungen zur Ab- rüstungsidee wird von den Gesichtspunkten bestimmt, die der Reichskanzler am 30. April 1907, vor dem Zusammentreten der leßten Haager Konferenz, und am 10. Dezember 1908 im Reichstage dargelegt hat. Es is seitdem keine Formel bekannt geworden, die der großen Verschiedenheit der geographischen, wirtschaftlichen, militäri- schen und politischen Lage der vershiedenen Völkér gerecht würde und eine geeignete Verhandlungesbasis böte. Solange aber die brauhbare Grundlage fehlt, muß die Kaiserliche Reglerung an der Ansicht festhalten, daß Verhandlungen über Einschränkung des Flottenbaues keinen wirkli&en Erfolg versprechen, gleihviel ob diese Verhandlungen nun zwischen zwei oder zwischen mehr Mächten geführt werden.

(Sehr richtig! rechts.)

Die verbündeten Regierungen nehmen für si in Anspruch, daß thr Standpunkt in der vorliegenden Frage von Motiven des Friedens und der Humanität bestimmt wird und böllig in Uebereinstimmung

ist mit der friedlichen, Jahrzehnte hindur bewährten Richtung der gesamten deutschen Politik. (Lebhaftes Bravo !)

Wenn wir daher in der Zurückhaltung verharren, so liegt darin nichts Auffälliges oder Unfreundlihes für eine andere Macht , zumal da wir dabei nur von dem selbflverständlichen Recht Gebrau machen, über innere deutsche Verhältnisse mit dem Ausland nit zu diskutieren.

(Bravo! rechts und bei den Nationalliberalen.) Die Kaiserlihe Regierung wird es au weitechin als ihre Pflicht betraten, alle freundschaftlihen Tendenzen zwischen Deutschland

Æund Großbritannien zu fördern und auf ein Verhältnis ¿wischen beiden Völkern hinzuarbeiten, das dem Argwohn keinen Raum [äßt. 2

(Lebhafter Beifall.)

Meine Herren, ih habe das Wort aber auch erbeten, um den Vertretern der bürgerlichen Parteien, die soeben das Wort ergriffen haben zu den großen Fragen der auswärtigen Politik, die heute zur Diefussion standen, meinen Dank auszuspre:n für die Unterstüzung, die sie uns in diesen Fragen gewährt haben. Die Zustimmung aller bürgerlien Parteten i für die verbündeten Regierungen und ist für die Leitung unserer auswärtigen Politik gerade in einem ernsten Augenblick, wie es der gegenwärtige ist, besonders wertvoll. Ih will näher nur auf einige wenige Punkte eingehen, die von den Herren Vextretern der bürgerl|chen Parteien besproHen worden sind. Der Herr Abg. Graf Kaniß hat die Wirren und Unruhen in Persien be- rührt. In unserer Stellung zu den Vorgängen in Persien hat ih nichts geändert. Wir haben in Persien keine politischen Ziele, sondern verfolgen dort nur wirtshaftlihe Aufgaben, deren Bedeutung ih ebensowenig unterschäge, wie der Hecr Abz. Graf Kani. Diese unsere wirtschaftlißen Aufgaben in Persien sind begründet worden durch den Handelsvertrag, den w}r mit Persien abgeslossen haben, und werden durch Vereinbarungen dritter Mächte, an denen wir nicht beteiligt sind, nit berührt. Unseren Interessen in Persien wird am besten gedient, wenn die Unabhängigkeit und Integrität von Persien und die Freiheit des Handels aufrecht erhalten bleiben. Das englisch-ru\sische Abkommen greift in diese Interessen nicht ein, ent- hält vielmehr die ausdrüflihe Verpflichtung, die Souveränität und Unabbängigkeit von Persien zu respektieren und für die offene Tür für alle - Nationen einzutreten. Uebrigens sind ungs bis in die leßte Zeit aus St. Petersburg wie aus London spontane Zusicherungen in derselben Richtung zugegangen, Unter diesen Umständen hatten wir keine Veranlassung, Stellung zu nehmen gegen das englis{-russishe Abkommen. Es entspriht unseren all- gemeinen Gesichtspunkten gegenüber Persien, daß wir es vermeiden- uns in die dortigen innérpolitishen Fragen einzumishen. Wenn Nuß"and und England den Vorgängen in Persien besondere Auf- merksamkeit zuwenden, so verkennen wir nit, daß beide Mächte mit Nücksicht auf die territorialen Verhältnisse an der Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung in Persien in erster Linie interessiert sind. Wir haben also und damit resümiere ich mich keine Vers anlassúng, aus der Zurückhaltung hervorzutreten, die wir gegenüber den politishen Fragen in Persien bisher eingenommen haben. (Sehr richtig !)

Meine Herren, von einigen Seiten ist an Einzelpunkten unserer Marokko-Politik Kritik geübt worden. Nachdem es einmal Streit gegeben hat, könnte ih die Rechtfertigung unseres Verhaltens in den mir vorgehaltenen Einzelpunkten, die an und für fh vielleiht nicht fo schwierig wäre, niht durchführen, ohne auf der anderen Seite Empfindlichkeiten zu beleben, die eben jeßt zu verglimmen beginnen. (Sehr richtig!) Daß ih aber alten Zank wieder aufrühre, würde für Ie ruhigen Gang unserer Politik nicht - förderlih sein. (Sehr richtig!) Wenn Ste die guten Beziehungen zu Frankrei pflegen wollen und das wollen Sie ja do auf allen Sei!en dieses hohen Hauses (lebhafte Zustimmung) —, dann müssen Ste vor allen Dingen die Rücksichten gelten lassen, die beide Regierungen und beide Völker nah einer s{chwierigen diplomatischen Ausetinanderseßzung einander noch mehr als fonst \{uldig sind. JIch will deshalb nicht auf die einzelnen Punkte eingehen, die einer retrospektiven Kritik unterworfen worden sind. ,

Nur das eine will i sagen: es ist au der Besuch Seiner Majestät des Kaisers in Tanger erwähnt worden. JH kann mi hierüber ganz kurz fassen: Der Besu Seiner Majestät des Kaisers in Tanger war, wie Sie sich erinnern werden, ein wohl erwogener Schritt in dem Rahmen unserer damaligen politishen Aktion. Ich habe nichts von dem zurückzunehmen, was ih darüber gesagt habe es muß, wenn ich mich nit irre, im Dezember 1905 gewesen sein also : i habe damals erklärt, daß ih diesen Besuh Seiner Majestät dem Kaiser angeraten habe, und daß ih diesen Besuch mit meiner vollen politischen Verantwortung dete.

Nun ist, meine Herren, heute hter und da, wohl auch gelegentlih anderswo, von einer Inkonsequenz unserer Marokko-Politik gesprochen wörden. Jn der Politik ist nihts von ewiger Dauer. Das Ziel : die Wohlfahrt, die Größe, die Macht des Vaterlandes, bleibt das- selbe, das muß man mit starrer Konsequenz im Auge halten ; aber die Mittel und Wege wechseln je nach dem Bedürfnis ; da kann man nur nach der Opportunität gehen. Den Verhältnissen muß jeder Politiker Rehnung tragen, sonst i er eben kein Politiker, (Sehr wahr! rechts. Stürmische andauernde Heiterkeit.)

In diesem Zusammenhange möhte ih Ihnen eine Bemerkung. wiederholen, die mir einmal ein verstorbenes Mitglied dieses: hohen Hauses gemaht hat, und die in dem Sinne ungefähr auf dasselbe - hinauskam, was der Urheber des Zwischenrufs , den wir soeben gehört Haben, wahrscheinli andeuten wollte- Ein verewigtes, fehr geistvolles Mitglied dieses hohen Hauses, der verstorbene Abg. Ludwig Bamberger, der mir wohlwollend gesinnt war, sagte mir einmal auf einem Spaziergange, den wir zusammen im Tiergarten maten: „J glaube, das Geheimnis der auswärtigen Politik liegt in etner gewissen kühnen Inkonsequenz.“ Die auswärtige Politik kann au nit in einem von vornherein in allen einzelnen Punkten festgelegten Plan geführt werden; denn fie ist die Kunst, mit den gegebenen Faktoren zu rechnen, und vor allen Dingen muß: sie fi halten innerhalb des ordo roerum agibilium. Das hat {on

der heilige Thomas von Aquino gesagt (stürmi eiterkeit), defsen: Autorität ih fehr ho stelle, E E