1909 / 78 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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ines Ssneidermeisters wurde zurückgewiesen, ob- As n A billiger liefern wollte, als eine große kaufs männ{sche Firma. Die Direktionen zahlen viel zu hohe Preise. Wo bleibt da die weise Sparsamkeit, von der immer die Rede isl? Bn reußishen Abgeordnetenhause hat 'sich der Cisenbahnminister ab- Wend über Beamtenaus\chüsse ausgesprochen, die Tätigkeit der Arbeiteraus\cküsse aber gelobt. Ih verstehe diesen Gegensaß nit. D'e Beamten müssen auch die Möglichkeit haben, thre Wünsche ten Vorgeseßten durh Ausschüsse vorzutragen, sie können si damit nicht begnügen, daß sie si direkt „in zulässiger Fo-m an ihre Vorgesetzten beschwerbeführend wenden können, denn über den Begriff „zulä)sige Form“ kann man sehr verschiedener Meinung sein. Ich meine, das deutshe Beamtenheer ist so gut ges{ult und diszipliniert, daß man ibm dies Necht wohl einräumen könnte, Die Beamtenaus\hüsse würden ebenso segensreih wirken wie die Arbeiteraus\{üsse.

(Schluß des Blattes.)

Das Haus der Abgeordneten segzte in der heutigen (66.) Sigung die erste Beratung des Entwurfs cines Eisenbahnan lel Neg ges for F :

Abg. von Schmeling (kon!.) îr ür die Anlegung eines zweiten ‘Pleises auf der Streckde Belgard— Zoppot ein.

Abg. Strosser (kons.) wünscht den Bau einer Bahn von Nadzionkau über Woischnik nah Herby 4

Abg. Dr. Bus} e (kons) befürwortet die Weiterführung der projektierten Linke Mogilno—Bartshin nach Labischin mit Anschluß an die Strecke Gnesen—Bromberg. : :

Abg. Dr. Haarman n- Witten (nl.) wünscht cine kürzere Ver- bindung zwischen dem Ruhrtal und dem Wuppertal, durch die der Umweg über Hagen vermieden wird.

Abg. Dr. Heydweiller (nl.) empfiehlt den Bau einer Bahn von Montabaur dur das Gelbachtal na Nassau, von der eine eihe armer Bauerndörfer Vorteil haben würde.

Abg. von Bülow- Homburg (nl.) wünscht ein zweites Gleis för tie Bahn vom Westerwald über Illstein und Wiesbaden nah Mainz und Frankfurt a. M.

Abg. Veltin (Zentr.) wünscht eine Verbindungsstrecke von Bernkastel nah dem Hunsrück.

Ahg. Dr. Arendt (f1kons.) bittet um den Bau einer Nebenbahn von Eiêleben noch Manéfeld.

Abz D (nl) wünscht eine Bahn für den Kreis Tuchel.

: Abg: Dr. Wagner- Breslau (freikonf,) dankt für den in Aussicht genommenen Ausbau der Nebenbahnen Striegau - Meridorf und SJauer—Rohn!tock zu Hauptbahnen und tritt für die Einführung eines Abendschnellzugs von Breslau nah Berlin ein.

Abg. Dr. Dumrath (nl.) wünscht eine Verbindung zwischen den Linten Harburg—Burxtehude-Cuxhaven und Buchholz —Bremerförde.

Yha. Graß (frkons.) dankt sür die projektierte Bahn Torgau— Schildau—Wurzen.

(Schluß des Blattes.)

Dem Reichstage sind die Entwürfe eines Geseßes, betreffend Aenderungen des Gerichtsverfassungs- geseßes;, ciner Strafprozeßordnung und eines zu beiden Geseßen gehörenden Einführungsgeseßes zugegangen.

Koloniales.

Seidenraupen tin Deutsh-Oftafrika.

Jn Deutsch-Ostafrika tritt die Seidenraupe zuweilen so häufig auf, daß ein Vertilgungtkrieg der Eingeborenen nötig ist. Jeßt hat industrielle Nugbarmachung der Setidenrauvennester in die Wege geleitet; er shreibt darüber der „Deutschen Kolontalzeitung“: Die Seide der afrikanischWen wilden Seidenspinner hat nun in erster Linie und vorerst auss{ließlich für die SHappeindustrie Interesse, aus weiter unten angeführten Gründen. Die erxistierenden großen Schappespinnereien sind in der Lage, heute jedes, auch das größte angebotene Quantum Rohmaterial, unter der Vorausseßung naü:lich, daß es brauchbares Garn ergikt, aufzunehmen, da die Quantität des verfügbaren Robmatertals bei weitem nicht mit dem enorm gesttegenen" Bedarf an Schappe Schritt gehalten hat. S: mit lag und liegt beute noch die G: fahr nahe, daß überall, wo Seidenraupennester in Afrika gefunden werden, solhe einfa gesammelt und verkauft werden, ohne Rücksidt darauf, daß dur wiltes Cin'ammeln vielleicht die Raupe vollständig ausgerottet oder doch außerordentlich dezimieit wird. Es ist nun jedem Laien nach kurzer Zeit sehr leiht, festzustellen, ob ein Nest Leben hat oder tot ist. Mit toten Nestern bezeichne ih solhe, aus denen die S@melterlinge ausgekcrohen sind. “Nur diese toten Nester follien zur Ausfuhr gelangen und alle ge- fundenen lebendea Nester, wenn niht zweckmäßig an Ort und Stelle gelassen, dann do an einen Ort gebracht werder, der ihre Ent- wiClung bis zum Anfang des Schmetterlings sichert. Mit anderen Worten, es sollte sofort eine rohe Kultur der Raupen überall da begonnen werden, wo lebende Nester gesunden werden. Ob diese Nobkultur zur rattonellen Ausbeutung der Raupe auf die Dauer genügen wird, muß i heule noch dahingestellt seta laffen. Unzweifel- Haft bat die Raupe heute, außer threm bisherigen größten Feind, dem Menschru, eine Menge Feinde im Insektenreiche, gegen welche mit der

Zeit au cin Schutz gesunden werden muß. Die Nahrungsfrage der

Raupen kann ketne Schwierigkeiten bieten, da überall, wo lebende Nester eristieren, au zweifellos immer die geeignete Nahrung vorhanden sein wind. Ueber die hauptsächlichsten Näh1pflanzen, an deren botanischer Bestimmung z. Zt. gearbeitet wird, steht heute wohl fest, daß deren Kultur nirgendwo Schwierigkeiten bietet. Jm Uganda- und Bukobabezik werden die Nester an allen möglihen Bäumen und Siräuchern gefunden, ja selbst sehr häufig am Matetegras. S R nun freilich nit, daß der Fundo1t au die Nähr- Pflanze ift.

Bon afrikanischen Einzelspinnern sind mir bisher nur zwet Arten bekannt, doh gibt es unzw ifelbaft eine große Menge. Der größere dieser betden Spinner {eint mir fast icentisch mit den bekannten chinesischen E:chenspinnern zu sein. Es feblen mir heute noch voll- stä1dig die Nachrichten daruber, ob diese Einzel\pinner gerade so ver-

reitet sind, wie die Familtenspinrer. Jedenfalls aber be insptuchen

dieselben das größte Interesse, da sie die erste Möglichkeit bieten, späterhin richtige afrikanishe S-ide durch Abhaspeln der einzelnen ‘Kokons in elnen Faden nah Abtötung der Puppen zu erztelen.

Die Nester der Familiensp nner werten also vorläufig aus- {ließli für die Shappefabrifation von Wert sein. Etn Ab- haspeln der einzelnen Kokons würde ih ja wohl bei Töôtung der Puppen vielleiht ermözlihen lassen. J-de«falls sollte meines Grachtens mit dahingebenden Versuchen kine Zeit verloren werden, Die Kokons sind zu klein, weil das Tirr wohl die Hälfte seiner Seide zum Spinnen des gemeinschaftlichen Nestes verwandt hat. ‘Das äuß rste Fasergewebe des Nestes, zusammen mit der avch aus reinster S-\de bestehenden, unmittelbar um die Kokons #ich anschließenden harten pergamentar!tyen Schale, die häufig tine Die von'1 m er iht, wird immer nur füc Schappe Verwendung finden könen. Noch aus einem weiteren Srunde wäre ih gegen pas Abhaspeln der Kokons selbst für den Fall, daß die so gewornene S ide etnen hohen Marktwert hätte. Ein Abhbaspeln ohne Abtöten der Pupye ist niht möglich. Das Akttöten des größeren Teils der Puppen be eutet naturgemäß eine nur langsame Fortentwickelung der afrifkanishen Scidenrc uvenkultur. Das Rejultat wäre günstigenfalls eine neue Seide, die #ich erst den Markt erobern muß. Schaffen

wir dageaen nur Rohmaterial für die Schappcindustrie, so nimmt die Fortpflanzung der Raupe ihren ungestörten Fortgang_ Wir sind vielleicht in der Lage, in wenigen Jahren {on fo große Quantitäten an Rohmaterial in den Markt zu bringen, daß die Gründung einer großen Schappespinnerei in Deuts&land ins Auge E werden kann und damit ein sehnliher Wunsch unserer großen deutschen Seidenwarenindustrie endlih in Erfüllung geht.

Nr. 11 des „Eisenbahnverordnungsblatts“, herauts egeben im Ministerium der öffentlichen Arbeiten, vom 29. März bat folgenden Inhalt: Erlaß des Ministers der öffentlichen Arbeiten vom 15. März 1909, betreffend Prüfungsordnung.

Statistik und Volkswirtschaft.

Produktion, Besteuerung und Verbrauch von Branntwein im deutschen Branntweinsteuergebiete 1907/08.

Nach der im esten Heft rom Jahrgang 1909 der „Vierteljahrs- ‘Hefte zur Statistik des Deutschen Reichs“ enthaltenen Statistik über die Branntweinbrennerei und -besteuerung im deutschen Branntwein- steuergebtete während des Betriebsjahrs 1907/08 wurden im ganzen 4018 311 h1 Alfohol erzeugt. Die Branntweinerzeugung übertrifft die vorjährige (3 841207 h1) um 177 104 h1 Alkohol. Von den früheren Jahren haben nur drei, und zwar 19/0/01 (4051 860 11), 1901/02 (4 238 908 hl) und 1905/06 (4 376 695 11) bessere Ergebnisse auf- zuweisen. Hohe Spiritu2preise und eine in den meisten Landeeteilen des Brauntweinsteuergebtets befriedigende Kartoffelernte (1907) boten eine günstige Gelegenheit, die MTOLo rae steigern. Auszunebmen find die Direktivbezirke Ostpreußen, estpreußen, Brandenburg, Pommern und Medklenburg, wo die Kartoffelernte wenig befriedigend und noch geringer als im Jahre 1908 ausgefallen war.

In den landwirtschaftlichen Kartoffelbrennereten wurden 3 118 604 h1 Alkohol gegen 2959 425 11 im Vorjahre, also 159 179 Þ1 rhr erzeugt; in den gewerblichen Kartoffelbrennereien lieg die Branntweiner¡eugung von 10 065 h1 Alkohol im Vorjahre 1906/07 auf 29 809 hl.

Die Getreidebrennereien hatten dagegen eine Minder- erzeugung von 24 143 h1 Alkohol, wovon 16 376 11 auf die [land- wirtschaftlihen Brennereien entfallen. In den gewerblichen Getreidebrennereien wurden 437 182 11 Alkohol (1906/07: 444 949 h1), in den landwirtschaftlichen 291 346 hi1 (1906/07: 307 722 11) hergestellt. Die Mindererzeugung is in erster Linie auf die hohen Getreidepreise zurückzuführen.

Unter günstigeren Bedingungen arbeiteten die Melassebrenne- reten, die si bei vorteilhaster Preislage reichlich mit Melasse hatten versorgen können. Ihre Alkoholerzeugung betrug 103 469 11, sie über- trifft die vorjährige (89 137 h1) um 14332 hi1. Ia den Matertal - brennereten wurden 37 806 h1 Alkohol gewonnen gegen 29 782 h1 im Jahre 1906/07.

Der Reinertrag der Branntweinsteuern belief s{ch auf 146 905 767 A6 (1906/07 auf 140 917 766 6), wovon 20 458 797 A6 auf die Maischbottichsteuer und 126 512 562 4 auf Verbrauhs8abgabe und Zus(lag entfielen, während die Brennsteuer etnen Minderüber- {uß von 65 691 146 erbrahte. An Uebergangsabgabe für Brannt- wein aus Luxemburg wurden 99 (6 erhoben.

Der Branntweinverbrauh im Betriebsj2hre 1907/08 be- rechnet sich auf 3 981 895 k1 Alkohol (6,3 1 auf den Kopf) gegen 3 793 899 hl (6,1 1 auf den Kopf) im Vorjahre. Davon wurden 1592 272 hl (1906/07: 13836 484 hl) zu gewerblihen Zwecken steuer- frei abgelassen und 2389 623 Þ1 (1906/07: 2457 405 11) gegen Nersteuerung bezw. Verzollung in den freien Verkehr geseht.

Zur Arbeiterbewegung.

Heute läuft der biéherige Tarifvertrag für das Bauklempner- gewerbe Groß-Berlins ab. Die Verhandlungen der Parteten über die Einführung etnes neuen Tarifvertrags sind, der „Vofs. Ztg.“ zufolge, gescheitert, hauptsächlih deswegen, weil die Arbeitnehmer die Forderung der Arbeitgeber abgelehnt haben, daß in dem neuen Vertrag die Akkordarbeit im Gegensaß zu früher für zulässig erklärt wird. Die Arbeitgeberorganisationen wollen aber nicht ohne. einen Tarif- vertrag arbeiten lassen. Sie haben beschlossen, heute, Donnerstag, alle Betriebe zu {ließen und die Auésperrung so lange fortzuführen, bis der Deutsche Metallarbeiterverband den von thnen vor- gelegten Tarifentwurf anerkannt hat. Die Bauklempner haben si gestern abend in einer Versammlung im Gewerkschaftéhause mit der gegenwärtigen Sachlage beschäftigt. Von einem Streikbescluß wurde Abstand genommen. Man will zunächst das Ergebnis der Aussperrungen abwarten. Von der Auéssperrung werden etwa 1500 Bauklempner betroffen werden.

Die ausständigen Textilarbeiter in Langenbielau haben am 30. d. M. in einer ftark besuchten Versammlung beschlossen, weiter im Ausstande zu verharren. Die Textilindustriellen ließen darauf, wie die „Breslauer Zeitung“ meldet, sämtlichen dem Deutscwen Textil- arbeiterverbande angeschlossenea Arbeitera der Fabriken zu Neichen-s bah, Langenbielau und Peterswaldau die Kündigung zugeben.

Aus Móru, Departement Oise, wird becihtet, daß die Knopf- fabrikanten die Forderungen ihrer Arbeiter nach Lohnerhöhung und zehnstündigem Maximala:beitstag bewilligt haben, wodur der Auéstand beendet ift. (Vg!. Nr. 75 d. Bl é

In Hazebrou ck bewafen, wie „W.(T. B.“ meldet, ausständige Weber Gendarmen, die das Haus eines Streikbrehers bewacten, mit Steinen, verwundeten einen Gendarmerieleutnant und einen Gendarmen und plünderten das Haus. Es wurden fünf Verhaftungen vorgenommen.

(Weitere „Statiftisle Nachrichten" \. i. d. Dritten Beilage.)

Wohlfahrtspflege.

Die Victoria-National-Invalidenstiftung für die Jn- yaliden vom Feldzug 1866 und deren Hinterbliebene hat soeben den (41.) Bericht über ihre Wirksamkcit vem August 1907 bis dahin 1908 eritattet. Danach gingen bei ihr im Berichttjzahre 504 Unter- stüzungs8gesuche ein, von denen 269 dur laufende oder einmalige Becillizung berücksihiigt wurden, während 52 an Zwetgvereine zur Erledigung weiter gegeben wurden. Im Inyalidenheim zu Neubabelsberg, das der Kaiser W lhelm-Stiftung für deutsche Jrvaliden gehört, befanden sih ses Krieger, die nur den Feldzug von 1866 mitzem:cht haben und die dort auf Kosten der Victoria- Nattonal - Jnyalidenstiftung eine Heimstätte ge- funden haben. “Im Berichtsjahr erhielten aus dem Zentral- fonds der Siiftung 133 FJavaliden und Hinterbliebene an laufenden Unterstüßungen 17449 4; 127 an einmali en Unteistüßungen 4535 46, 4 an Kur- und Badekteihilfen 270 4, also zusammen 260 P-isonen Unteistüßungen im Betrage von 22254 4. Herner erhielte* 5 Zweigvereine Zuschüsse im Betrage von 1296 4. Gegenüber vem Vo jahr bedeutet das eine Minderausgabe von 3256 4. Dec Vermögensbestand am 3. August 19C8 belief “si - auf 396 421,06 #6. Die zur V riüg ing stehenden Mittel reihen aus, um

die der Stifturg \tatut-nmäßiy zufallenden Aufgaben auch noch nah dem Jahre 1914 zu ertüllen.

Von den 80 Zwetgvereinen wwden im Berich'sjahre

854 Pe:so en (369 Invaliden und 485 Hinterbliebene) mit 33 381 46 (1906/07: 903 Personen mit 31582 461 unterstüyt. Das Kavital-

vermögen der Zwei,vereine betrug 422 923,64 46 (1907: 431 031,71 46).

Kunst und Wissenschaft.

Heute wurde in der Königlichen Akademie der Künste am Pariser Play eine Porträtausstellung eröffnet, veranstaltet durh den Kaiser Friedrih-Museums.- Verein, die alles umfaßt, was ein reiher Privatbesiß ter Mitglieder an markanten Bildnissen von Meistern des XV. bis XVIII. Jahrhunderts aller Schulen bewahrt. Zur Belebung der an \ich ernsten Porträtkunst hat General- direktor Dr. Bode, der Leiter der Ausstellung, eine Anzahl vorzüg- liver Stilleben, meist niederländisher Proventenz, hinzugenommen und dadur einen höchst farbig-dekorativen Eindruck des Ganzen er- zielt, der noch durch Verwendung von kostbaren Tapisserien, Verdüren, altem Mobiliar und Bronzen erhöht wird. Es ist von großem Interesse, im Durchschreiten der prähtigen Säle sich die Frage vor- zulegen, welches der mannigfaltigen Probleme der Porträtkunst jeden einzelnen Meister beshästigt hat und wie weit er es aus dem Geist seiner - Nationalität, seiner Zeit, seines eignen Ihs und den Rücksihten gelöst hat, die jedes Porträt, ganz abgesehen von der Persöalichkeit des Dar- gestellten, ledigli als „Zimmerschmuck* dem Maler auferlegt. Daß ein Porträt „ähnlih* sein müsse, verstand si faft zu allen Zeiten von selbst, und der Maßstab für die artistis%e Qualität eines Bildes liegt wohl lediglih in dem Vermögen des Künstiers, von seinem Modell das mit einem Worte auszusagen, was der Laie nur langsam addierend und stammelnd hätte vorbringen können. Das Kolorit der Porträts gibt beachtenswerte Aufschlüsse über das Milieu und den Innenraum der einzelnen Epochen und so ist es z. B. keine Laune oder Zufall, daß sih- der nordishe Malec des XV. und XVI. Jahrhunderts kontrastceiher und großflächiger Lokalfarben bediente; er brauchte fie, um seine Leute in den dunkelgetäfelten Räumen zur Geltung zu bringen. Mit dem Ges{mack für helle Umgebung lichtet sich das Kolorit, bringt tra franiöófisWen XVIII. Zahrhundert eine starke Sensibilität für feinst- abgestufte Farbenwerte hervor, zeitigt aber eiae Ueberempfindlichkeit und Dekadenz, die ihren Höhepunkt in dem Spanier „Goya“ erreicht. Die Reaktion seßt zur gleichen Zeit ein, die „klassizistishe Periode“ mit ihrer Abneigung gegen alles rein Malerishe ist in der Aus- stellung mit dem Namen der Angelika Kauffmann verknüpft.

Bei den Niederländern beginnend und historisch vorgehend, fällt dem Besucher als frühestes Werk ein ungewöhnlih sorgfältiges Bild eines Mannes in mittleren Jahren auf (Kat. Nr. 78), mit all der Liebe und Mühe ausgeführt, die das ausgehende niederländische Quattrocento charakterisiert; die reine Objektivität dieser Produkte bringt sie gerade einém verwöhnten Geschmack so nahe, daß man ein Manko künstlerisher Freiheit nicht mehr störend empfindet. Das Porträt wird von Dr. Friedländer mit triftigen Gründen einem dem Namen rah unbekannten flandrishen Maler um 1510 zugeschrieben, dem sog. Meister der Magdalenenlegende. Die Entwicklung nach der Seite des Individualisierens hin \{reitet fort; man kann das an einem Schul- werk aus der Umgebung des Lucas van Leyden konstatieren, einem kräftig gemalten fleinen Männerporträt, um 1530 gemalt. Die Mitte des Jahrhunder:s bringt einen für die Bildnitkunst der Nieder- lande bedeutungsvollen Künstler hervor, den Hofmaler Philipps 11. von Spanien, Antonis Mor van Dashorft, der Mit- und Na§welt in gleihem Maß dur das ungemein Noble fasitiniert, das er seinen Modellen durch Haltung und Farbe verlieh. Das ausge- stellte Bild: ein vornehmer Mann in spanischer Tracht, ist dazu an- getan, einen hohen Beg: iff sowohl von seiner künstlerishen Per- sönlikeit als au von jeinem technischen Können zu geben. Das Brustbild eines bärtigen Mannes von Adriaen Thomas Key, einem Niederländer um 1570, behauptet sich in seiner etwas derben Bürgerlichkeit mit Erfolg gegen die illustre Umgebung, in die er geraien ist; er hat zu Nachbarn Rubens und van Dyck, und läßt erkennen, wie sehr auch die «ganz Großen“, in diesem Falle Rubens, auf den Schultern ihrer Vorgänger stehen. Der Hauptmeister des flämishen Seicento if mit 3 Stücken trefflich vertreten: das erste ist ein Kontersei seines Bruders Philipp Rubens, eine Studie zu den fog. „4 Philosophen“ im Palazzo Pitti zu Florenz, bas zweite ein farbenprächtiges, wenn auch etwas konventionelles Kniestük des Ritters Cornelis van Lant- \chot, das dritte ein fast ins Profil gedrehtes Port: ät eines älteren Herrn im Müblsteinkragen, eine Neuerwerbung des Kaiser Friedrich- Museums-Vereins. Das Stü nimmt dur die frische und kraftvolle Unmitteibarkeit seiner Mache einen ersten Plaß unter den eigen- händigen Werken des Meisters ein. Nicht minder Vorzügliches sieht man von seinem großen Schüler Anthonis van Dy ck; aus dem Vorhandenen scti besonders auf das Frauenbildnis der Samms lung Kappel hingewtesen, das dur koloristiihe Fein- heiten, durch Zusammenaklingen von lahsfarbenen, \{chwarzgrünen und weißlihen Tönen mit ganz wenig Zinnober ungemein ansprehend wirkt. Seinen Spuren folat Dieter yan der Faes gen. Lely in einem großen ‘Damenporträt, das in Brechungen von Hellkarmin bis Dunkelrot s{hroelgt, aber hon die

-Ansäße zu einer kränkelnden Ueberfeinerung in fh trägt, die zur

Auflösung des niederländishen Kolorismus am Anfang des XVITII, Jahrhunderts führte. Ins holländishe XVII. Zahr- hundert übergehend, tritt dem Besuhher der Ausstellung eine sehr fesselnde Persönlichkeit in dem unbekannten Meister von 1601 ent- gegen, dem Schöpfer des in seiner EinfaWheit reizvollen Männer- porträts, in dem sch noch flämische und holläodische Elemente kreuzen. Bovenständig-holländisch dagegen fiad die vorhandenen Porträts von Mierevelt und Moreelse, die in ihrer Vorliebe süc blaugraue Mono- chromtie zu Frans Hals überleiten. Als importantestes Siück dieses Großmeisters ist wohl das Bild einer älteren Frau aus der Sammlung James Simon anzusehen; die Bravour setner unglaublih flotten T:-chnik im Bunde mit tiefgründiger Charakteristik offenbaren hier das eminenie Können des Meisters, das sich übrigens auch im Port: ät seines Mitbürgers und Zunftgenosscn Frans Post zeigt (Sammlung Huldschinsky), ter dur seie westindi:hen Landschaften bekannt ist. Uater den Schülern des großen Haarlemers exzellieren in der Akademie Jan Cornelis Verspronk mit einem reizvollen Mädchenbildais in silberzrauem Ton, Palamedes, Cobddeund Terborch als Schüler der Hals-Schule. Das unter Moreelse katalogisierte Bildnis einer Dame aus der Sammlung James Simon scheint der Amsterdamer Sthule, etwa dem N'colaes Etiàs Pick-noy, anzugehöcen. Den Höhepunkt der niederländishen Ausstellungsstücke aber bilden die 9 Porträts von Rembrandt; alle Stadien seiner Gatwidlung bis zur Spätzeit sind zu vertolgen, und lehtere it durch ein zum erjiten Male ausgesteltes Bild vertreten. Wie tief innerlich die Kunst des Meisters ist, läßt sih an diesem Halbfigurenporträt eines Herrn in Hut und Sp ztenkragen ermessen wo er uns dur die Kunst seines Vortrags und die gleißende Macht seiner Farbe so zu hypnotisieren veriteht daß das häßlihe Sujet, ein dur Krankheit furchtbar entstelltes Gesicht, unserem Bewußtiein ent- \chwindet und nur ein Wunderwe:k der Malerei übrig bleibt. Daß auf Rembrandt das Schlagwoit „Nealist“ nit paßt, ficht man nirgends befser ein. Aus seiner Schule sind respektable Porträtisten hervorgegangen und auf der Ausftellung wit guten S:ücken arwesend, vor allem Govert Flink, Barth. van der Helst, Nason u. a. Zwei Kasten mit mintaturartigen Porträts von Vie stern wie Keyser, Santvoort, Ne-tsher, Dow, Mieris 2c. vervollständigen das Bild der holländischen Porträtkunst des XYI1L, Jahrhundert.

Die auß8gestellten Proben italienischer Porträikunst gipfeln in den Namen NRaffael und Tizian. Ein Bildnis des Siultano de Medici trägt die Künstlersignatur R 8. M. Ÿ (= Raffaello Santi 15... 5, es ist fünfzehn zu lesen). Der Dargestelite, ein

jün„erer Bruder des P- pstes Leo X., war Herzog von

ih den Jabren mours und

A vor seinem Tode (15.6) Ko nmandant der Eng: lsburg, die mit Bezug darauf von Maler im Hintergrund des B1des an- gebracht wunde. Das mit kräftigen Lokalfarben und in goldigem Sleishton gemalte Bild weist Einsch!äge veneziznisher Kustübung auf, was zu Raffaels Tenden en dieser Zeit wobl timmt. Das seltene Stück stammt aus der Sammlung der Eroßfürstin M 1rla von Rußland, die si in Q uarto bei Florenz angesiedelt hatte, und fam durch den Paiser Ku sthandel nah Berlin. Das zweite Hauvt- stüdck bldet Tizians „Mann mit dem- Falken“ im Besiß von Dr. Ed Stmon; früher sah man in ihm ein Porträt des Giorgio Cornarso, F