1844 / 130 p. 3 (Allgemeine Preußische Zeitung) scan diff

is, 4, Mai. Vor einigen Tagen waren Nachrichten aus Se de Gier eingelaufen, welhe hoffen ließen, daß die Arbeiten daselbst allgemein wieder in den Kohlengruben aufgenommen würden. Diese Hoffnung hat sih leider nicht verwirkliht, im Gegentheil mel- den die neuesten Berichte von dort, daß die Arbeiten in allen Gruben aufs neue eingestellt sind. Es scheinen geheime Aufhebungen der Arbeiter stattgefunden zu haben. Bei der Prozeß-Verhandlung gegen die angeklagten Arbeiter am 29sten verlangte das öffentlihe Mini- sterium, der Präsident des Zuchtpolizeigerichts, Herr Brun de Villeret, möge den Polizei-Commissair von Rive de Gier in Betreff der Weg= nahme einer Broschüre vernehmen, die den Titel trägt: „Le Pro- létaire et le Bourgeois“. Der Polizei=Commissair, Herr Dubost, erwiederte auf die an ihn desfalls gestellte Frage, diese Bro- shüre sei bei einem Schankwirth von Rive de Gier, Namens Paliard gefunden, überhaupt aber seien zehn Exemplare davon gese= hen worden, Die Vertheilung derselben sei unentgeldli<h geschehen, dur< wen? nicht bekannt. Verfasser der Schrift is ein Herr Jules Leroux, und sie trägt das Datum 1840, Jhr Juhalt is höch} auf= reizender Natur. Außerdem erhielt einer der Magistrate von Rive de Gier am 30sten Abends einen anonymen Brief mit dem Postzeichen Rive de Gier, worin unter übrigens ziemli<h höflihen Ausdrücken

Drohungen gemacht wurdeu für den Fall, daß die von der Coalition der Minen = Arbeiter verlangte Erhöhung des Tagelohnes verweigert würde. Wie kritis<h demnach die Lage der Dinge dort noch immer ist, seheu sie hieraus, und wie aufgeregt die Leidenschaften sind, zeigte besonders au<h die Verhandlung des Prozesses gegen die Theilnehmer au den früher vorgefallenen Unordnungen. Nachdem das öffentliche Ministerium am 29sten in seinem Requisitorium genau die Strafbarkeit und Schuld der Angeklagten im Allgemeinen, so wie jedes Einzelnen auseinandergeseßt hatte, kam er auch auf die obenerwähute kleine Schrift Leroux?s zu sprechen, welche unter der ¿Form eines ¿Zweigesprächs zwischen einem Proletarier und einem Bürger der Mittelklasse (þbourgeois) über die Frage des Tagelohns, die gefährlichsten sozialen Theorieen und Lehren verkündet, und offen zur Coalition der Arbeiter auffordert, um Erhöhung des Tagelöhne zu erzwingen. Aus der Schrift, welche das Motto trägt „Freiheit, Gleichheit, Brüderschaft‘““ verlas das öffentliche Ministerium einige besonders bezeihnende Stellen, um die Tendenz derselben zu zeigen. Mit eben so kräftigen als eindringlihen Worten hob das öffentliche Ministerium die ganze Gefährlichkeit solcher Doktrinen her- vor und stellte denen seine Anträge, wonach die Anklage gegen fünf Betheiligte aufgegeben, gegen zwölf aber aufreht gehalten und Stra- fen verschiedener Grade gegen sie verlangt wurden. Als darauf der Vertheidiger, Herr Sain, das Wort nahm, that er dies in einer so leidenschaftlichen Weise, daß der Präsident ihn mehrmals unterbrechen und zur Ordnung und Mäßigung verweisen mußte. Der andere Vertheidiger, Herr Duche erklärte, das Wort nicht nehmen zu kön- nen, nachdem man die Vertheidigung so beengt habe. Als am fol= genden Tage (30,) der Präsident bei Eröffnung der Sihung den Angeklagten bemerkte, daß, weil ihre Vertheidiger nicht sprechen wollten, das Tribunal bereit sei, etwaige Bemerkungen der Angeklagten selbst, die zu ihrer Vertheidigung dieneu könnten, anzuhören, und diese durch verneinende Zeichen antworteten , ver- fündexe der Präsident unter der tiefsten Stille des mit ängstlicher Spyannuug harrenden zahlreichen Publikums das Urtheil, wodurch einer der Angeklagten zu zweijähriger Einsperrung, einer zu halbjäh- jähriger, zwei zu vierteljähriger, drei zu zweimonatlicher, einer zu ein= monatlicher, fünf zu funfzehutägiger, zwei zu zwanzigtägiger und zwei zu sehstägiger Einsperrung, alle diese aber solidaris< in die Kosten verurtheilt werden, Sieben Angeschuldigte, gegen welche der Advokat des Königs selbst die Anklage aufgegeben hatte, wurden ganz straf=

und kostenfrei entlassen, Die Verurtheilten hörten den Ausspruch des F

Urtheils mit der größten Ruhe an, und die Menge verlief sich naher gleichfalls, ohue irgend cine Manifestation zu machen.

Grossbritanien und Irland.

London, 3. Mai, Die in radikalem Sinne redigirte Wochen- \{rift, Examiner, bringt von Zeit zu Zeit recht geistreih geschrie-- bene Artikel über die Hauptfragen des Kontinents, welche, wenn da- durch die Verhältnisse Englands weniger berührt werden, durch eine ziemlich objeftive Anschauung der Dinge si<h auszeihnen und, indem in ¡hnen die radikale Tendenz des Blattes mehr zurütritt, des Leseus wohl werth sind, So enthält das leßte Blatt des Cxaminer cinige geistreihe Bemerkungen über den Kampf der Kirche mit der Laien- \chaft in vielen Ländern des Kontinents, namentlih in Spanien, an die in Bezug auf die Zukunft des leßteren Landes einige bedeutungs- volle Behauptungen gekuüpft werden.

„És zeigt si<h gegenwärtig ““, schreibt der Examiner, „fast in

allen Ländern des Kontinents ein ernsthafter und merkwürdiger Streit ® An manchen Orten *

zwischen dem Laien= und kirhlihen Prinzip. nimmt die Regierung für die Geistlichkeit Partei, an anderen für die ihr gegenüberstehenden Liberalen ; auch giebt es Fälle, wo sie gezwun- gen ist, neutral zu bleiben. Das Feld, welches in Frankreich die Geist- lichkeit eingenommen hat, is die Erziehung. Da dieselbe schon cin Regierungs - Monopol is, so behauptet die Geistlichkeit , sie habe ein größeres Recht, mit derfelben betraut zu werden, als irgend eine au- dere Klasse von Functionarien. Die Staatslenker erwidern, daß die (Beistlichkeit vor der Revolution das Monopol und die Leitung der Erziehung besessen, aber üble Folgen dadur vorbereitet habe. Ju Spanien verlangt die Geistlichkeit die Wiederherstellung ihres Eigenthums, so wie des alten Rechts, von dem Regierungs-Systeme, welchem die übrige Bevölkerung des Landes unterworfen is, in ad- ministrativer, richterliher und finanzieller Hinsicht unabhängig zu sein, Die spanische Geistlichkeit glaubt si< hiernah zu der vollständigen Oberhoheit der Kirche des 15ten Jahrhunderts berechtigt. Ju Jta- lien braucht die Geistlichkeit diese Oberhoheit nicht zu verlaugen;z sie ist im Besiß derselben; und die Opposition der Laien und Liberalen is daher gegen die Kirche gerichtet, Das gegenwärtig in Jtalien sich zeigende Miß= vergnügen geht nicht so sehr gegen den Thron als gegen das Scepter kirch= licher Herrschaft, welches die Einigung, den Fortschritt, das politische Da- scin hindert, Jun Oesterreich sucht man nah einer Vermittelung zwi= schen dem fortschreitenden und dem stationairen System. Aber die katho- lischen Fürsten Deutschlands suchen vergeblich ihre Schulen und Länder zu verschließen; der thätige kämpfende Geist des Nordens hat jede Art von geistiger Speise durchdrungen, und er schreitet vorwärts überall, nicht blos in Gestalt theologischer Aufsäße und philosophischer Untersuchungen, sondern in der Literatur, in Gedichten, Novellen, Gesängen und Epigrammen, und selbst diese leichten Streitkräfte sind hinreichend zur Bekämpfung der s{werfälligen Ultramontaner. Wenn wir wieder in die Nähe unserer eigenen Gestade zurü>kehren, so sehen wir nicht eben den unbedeutendsten Streit in Belgien, wo, wenn auch nicht die Krone, doh ein großer Theil der Bevölkerung fähig A der Geistlichkeit Widerstand zu leisten, Die Kammer - hat sowohl (9 gefunden, daß die Geistlichkeit ein zu starkes Monopol, Reaction er Erziehung als an Einflusses besißt, und die Fondern bat cemnah nicht auf die Kammer beschränkt geblieben, beige i L Dien sehr bedeutsame Resultate unter dem Volke her- ac hrt, land ¿t wichtig, denn es beweist, daß, wenn selbst ein

and, wie Jrland, seiner Katholizität überlassen wäre, dort dennoch ein starker und liberaler Widerstand gegen kirchliche Bigotterie sih erhe=

F gende leichte Erderschütterung aus dem Schlafe gewe>t, Am 10,

M eiten des vorigen Jahres bewilligten Verabschiedungen in der Ar

782

ben würde, welcher besser das Werk der Reform förderte uud Miß- bräuche hiuderte, als die genährte Feindseligkeit zwischen Protestanten und Katholiken, welche, dur politishe Bevorzugung gesteigert, nur endlosen und bösen Streit erzeugen kann. Es läßt si<h hierüber viel sagen, hieraus viel lernen. Diese Richtung indeß scheint aus Allem hervorzugehen, daß, je nahdem die Völker fortschreiten, wenig- stens in Hinsicht des Reichthums und der Jahre, verschiedene Klassen sih verschiedenen Religions-Disziplinen und Glaubeus-Meinungen zu-= | neigen. Bei uns geschieht dies offenbar. Der von Geburt Reiche | und der Landadel haben cine Neigung zur bestehenden bischöflichen Kirche; die Mittel= und Handelsflassen wenden si< einer weniger aristokratishen Kirhe zu. Ju Frankreich, und namentlih in Gegenden, wo die unteren Klassen außerordeutlich fromm sind, verfällt die Bürger- klasse in das andere Extrem, wogegen wieder in anderen Theilen des Landes, wo die unteren Klassen ohne Religion aufwachsen, der ehr- same Bürger bei der Kirhe Hülfe sucht und, wenn er sie selbst nicht besucht, wenigstens sein Weib und Kind hinschi>kt. Ungeachtet alles Zornes der französischen Bischöfe, streben die französischen Staats- lenfer do< sehr eifrig nah der Wiederherstellung des Einflusses der

Religion bei den unteren Klassen, und wenn sie si<h der zu weiten |

Ausdehnung dieses Cinflusses bei den Mittelklassen, welche die Sekun- där - Schulen durhmachen, widerseßen, so geschieht es aus dem Grunde, weil sie glauben, daß ein jesuitisher oder ein allzu umfas- sender Religions-Unterriht auf Jünglinge, welche bestimmt sind, un- ter einer no< mit revolutiongiren und Voltaireschen Jdeen angefüll ten Generation zu leben, gerade das Gegentheil von dem ausüben würde, was sie bezwe>en, Sie verordnen demnach die Religion in unendlich kleinen Theilchen, Unglücklicherweise aber nimmt ihre Me dizin nur diejenige Klasse, welche ihrer am wenigsten bedürftig ift, nämlich die a>terbauende, während in den Fabrik= Distrikten, wo die Religion sehr vermißt wird, die Priesterschaft keinen Anhang findet, Hier herrs<ht das Laien - Prinzip durchaus vor, und es ist vergebliche Hoffnung, den Katholiziómus als Polizei für Arbeiter zu gebrauchen. Jn den Land=-Distrikten ist der katholische Priester der beste Polizci- beamte, aber unter einer Fabrik-Bevölkerung is er ohnmächtig. Das war es, was in Spanien zur Einführung der Junquisition führte, Die Bürger und Arbeiter der wohlhabenden Städte schüttelten dort das Joch des Priesters ab. Dieser verband si<h mit dem Könige und führte die Juquisition cin, Die Trennung wurde aufgehoben, aber die bürgerliche Bevölkerung zu gleicher Zeit aufgerieben. Die Kirche hatte mehr mit der Entvölkerung und der Armmachung Spa- niens, als mit der Förderung amerikanischer Colonisation zu thun, Dies [st um so mehr der Bemerkung werth, als man die Herstellung der Gewalt der alten spanischen Kirche als das beste und einzige Mittel angiebt, die Wohlfahrt Spaniens wieder zu erwe>en,“

Der Prozeß O'Connell’s vor dem Queens Bench gcht seinen langsamen Gang weiter. Die Plaidoyers über den Antrag auf An-= nullirung der früheren Prozedur sind noch nicht zu Ende.

Schweden und Uorwegen.

Christiania, 26. April, Heute is hier in der Kirche des Erlösers ein großer Trauer-Gottesdienst wegen des Ablebens des Kü- nigs Karl Johann abgehalten worden. Der Reichsstatthalter, die Mitglieder des Staats-Rathes und mehrere hohe Beamte waren dag=- bei gegenwärtig. Die Trauer - Rede wurde vom Bischof Sörensen gehalten und eine Kantate aufgeführt. Die Kirhe war prachtvoll de=- kforirt, und die Ceremouie fing um 12 Uhr an, zu derselben Stunde, da die Beerdigung in Stockholm angeseßt war.

Ea Ln « Catanuía, 12. April. (Diario di Noma.) Die hiesigen ¡Einwohner wurden in der Nacht vom 6. zum 7. April dur einen sehr heftigen, vom Aetna herrührenden Donner und eiue darauf fol- April Abends hatte man in Catania das bis dahin no< ganz un- schädliche Schauspiel einer ungeheuren Feuersäule, die aus dem Haupt- krater des Aetna emporstieg. Spanien.

* ò Madrid, 27. April. Die Regierung hat so eben eine Mlushebung von 50,000 Mann für das laufende Jahr verfügt, um

ie Lücken, welche namentlih durch die viclen in Folge der Begeben

mee eingetreten sind, auszufüllen, Die Soldaten von der Aushebung

Es ist sehr zu wünschen, daß dieser historische Schaß nunmehr nicht länger verschlossen, sondern ein Gemeingut aller Nationen werde. Die Vorliebe der Spanier für deutsche Sprache, Literatur und Bildung nimmt unter den Spaniern immer mehr überhand. Die Re- De geht mit dem Gedanken um, einige unterrichtete Offiziere nah eutschland zu shi>en, um si< mit den dortigen militairishen Ein- richtungen vertraut zu machen. Manche ‘spanische Staabs - Offiziere, die der Kenntniß der deutschen Sprache ermangeln, finde ih mit dem Studium der Zeichnungen beschäftigt, die den preußischen Exercier- Reglements beigefügt siud, und die Regierung hat einem in dem von der Staats - Kanzlei abhängigen Ueberscßungs - Büreau angestellten Preußen den Auftrag ertheilt, eine deutshe Sprachlehre für Spanier auszuarbeiten, die auf Kosten des Staats im Dru> erscheinen wird.

Eifendaßnen

S&Samburg, 7. Mai. (B. H.) Gestern sind die Erdarbeiten für die Berlin-Hamburger Eisenbahn sowohl auf Königl. preußischem als auf Großherzogl. me>lenburgischem Gebiete (bei Karstedt und bei Ludwigslust) in Angriff genommen worden, und steht zu hoffen, daß dieselben einen ununterbrochen gedeihlichen Fortgang haben werden.

Yandels- und Börsen - UÜachrichten. Magdeburg, 7. Mai. Höchster und niedrigster Getraide-Marktpreis pro Wispel : Weizen: 45 Roggen: 28-

- 26 Rthlr. Gerste: 2657 25 Rihlr, i

29 » Hafer: 185 165 » Paris, 4. Mai, An der heutigen Börse war es schr still unv der

Umsaß in französischen Renten fast null, Es hieß an der Börse, der Bg-

ron Rothschild habe eine Submission für die von Tours nah Bordeaux

projektirte Eisenbahn eingereicht,

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1844.

B 6er ner Ven 9. Vai Pr. Cour.

Brief. | Geld.

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Präin Sch.d.Sech. 88% | Berl, Anh. Eiseub.|—|

Kur- u, Nenmärk, do. do. Prior. Obl. | 4

Düss.Elb. Eiseub.| 5 | do. do. Prior. Obl. | 4 | Rhein. Eisenb. |5 | do. do. Prior. Obl.| 4 | : Ido. v.Slaat garant. 35| 101! | 1005 Brl. Frankf Bisb. 9) 103? | 6 | 8 Ido. do. Prior. Obl.| 4 8 Kur-u. Neum, do.|33| 101 L | 100% D die Hld | 4 A 128 61004 (100 R 2 9 A 4 | do.Lt.B. v. eingez.|— -— 1BR.-St.B.Lt. A u. 8] 3% Magd.-Halbst. E.| 1: IBrl. Schw. Frb. E.| - 4 do. do. Prior. Obl. -

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Frankfurt. a. M. WZ.. «oco ooo

Petersburg

Woch.

Auswärtige Börsen.

Amsterdam, 9. Mai. Niederl. wirkl. Sch. 607. 5% Span, 21 s-

Antwerpen, 4. Mai. Zinsl, —. Neue Aul. 21%.

Frankfurt a. M., 6. Mai, 5% Met. 113% G. Bank-Aclien p, ult 2018. Bayr. Bavk-Actien 706 G. Hope 905 G, Stiegl. 907 G. Ia. 605, Poln. 300 Fl. 945 6. do. 599 Fl, 995. do. 200 Fl. 32; 6.

Hamburg, 7. Mai. Bauk-Actieu 1670. Engl, Russ. | 13%.

‘von 1839, denen man ebenfalls ihre Verabschiedung zusagte, warten

F mit Ungeduld auf Bewilligung derselben, und werden sie crhalten, so F bald 35,000 Mann von der so eben verfügten Aushebung gestellt

sein werden. Diese soll einen Monat nah Veröffentlihung des De krets beginnen und während 30 Tagen beendigt sein. Von den 50,000 Mann fallen 36,000 der stehenden Armee und 14,000 der Reserve (Provinzial-Milizen) zu. Die Regierung zeigt dabei an, daß sie die- ses Dekret zu seiner Zeit den Cortes zur Genehmigung vorlegen, je doch ohne Aufschub zur Ausführung desselben schreiten werde.

Am 1, Mai wird hier die Ausloosung des siebenten Zwölftels der auswärtigen passiven Schuld stattfinden, das zufolge des Art, 6 des Gescßes vom 16, November 1834 in die Klasse der aktiven übergeht, Jm Jahre 1838 belief si{< die Summe der differirten Schuld auf 02,191,400 Piaster, Davon gingen iu den sechs bisher stattgefun denen Ausloosungen 31,094,600 Piaster zur aktiven Schuld über, so daß noch 31,096,800 zur Ausloosung stehen. Die Schuldscheine, welche am 1, Mai gezogen werden, treten sogleich in den Genuß der Zinsen ein, und die Regierung wird in London, Paris und hier die Art und Weise, so wie den Zeitpunkt, in und an welchem sle zur Auswechselung eingereiht werden müssen, öffentlich bekannt machen.

Diesen Nachmittag, als am Geburtstage der Königin Marie Christine, war großer Empfang bei Hose, Das diplomatische Corps, die Hofbeamten, Minister und unzählige Generale u, st, w. wohuten demselben bei, Diesen Abend sind viele Häuser festlich erleuchtet.

Niemand vermag heute mit Bestimmtheit auzugeben, in welcher Lage das Ministerium sih befinde. An der Börse hieß es, die Kü- nigin hätte bereits die Ernennungen der neuen Minister unterzeichnet, während andere wohlunterrichtete Personen behaupten, das Ministe- rium Gonzalez Bravo stände fester als je. Die Personen, welche ein neues Kabinet zu bilden wünschen, scheinen vorzüglich durh das Blatt el Heraldo vertreten zu werden, das bis vor kurzem das bestehende Ministerium am eifrigsten unterstüßte. Das Eco del Comercio sucht diese eingetretene Spaltung zum Nußen der Exaltirten auszu- beuten und sagt deshalb dem Heraldo seine Unterstüßung zu, Auch der Espectador, das Blatt Espartero’'s, dessen vormalige Redac- teure den Mord-Anschlag gegen Narvaez leiteten, wird vom 1, Mai an wieder erscheinen. Mau sieht demna, daß das neue Preßgeseb sogar der revolutionairen Partei das Bewußtsein der Sicherheit einflößt.

Bei einer früheren Gelegenheit machte ih auf eine handschrift- liche Geschichte des Lebens und Absterbens Kaiser Karl's V, im Klo- ster Yuste aufmerksam, die von dem verstorbenen Archivar von Si- mancas, Don Tomas Gonzalez, mit Benußung der dort vorhandenen Papiere, verfaßt war. Der bisherige Besißer derselben, Don Ma- nuel Gonzalez, Archivar des Herzogs von Frias, hat die Handschrift

so eben für 4000 Franken an die französishe Regierung verkgusft,

Paris, 4. Mai. 0% Rente fin cour. 122. 3% Reute fin cour. $4, 55, 5% Neapl. au compt. 101. 85. 5% Span. Reaote 32%. Pass. D3.

Meteorologische Beobachtungen.

Nach einmaliges Beobachtung.

Abends

10 Ubr.

15414,

8, Mai.

Morgens

Nachmittags | 6 Ubr.

2 Ubr.

Lustdruck ..., [336 12" Par.|336, 08" Par.|336,03” Par. | Quellwärme T7, G Wi Luftwärme .….|+ 11,0® BR.|+ 17,1° R.|+ 11,3® R.| Flusswärme 13,2 R. Thaupunkt .., -+- 8,4° R. +- 87° R.|+ 81° R.| Bodenwärme 11,5? R. Dunstsättigung 51 pCt. 52 pt. C pt. Ausdüostung 0,012 Rh, Wetter reguig. bewölkt. balbbeiter. | Niederschlag 0,051 Rb. Wind S0. S0. S0, Wärmewechsel 17,5 Wolkenzug. « - - f SO. —— + 8,4° R. Tagesmittel: 336,08 Par... + 13,1°R... +8,39 R... 70 pet S0. Nachmittags 5 Uhr Regen. üönigliche Schauspiele. Freitag, 10, Mai, Zum erstenmale: Richelieu, Schauspiel in 5 Abth. , von Bulwer, überseßt von L. Braunfels, (Herr Döring: Kardinal Richelieu, als Gastrolle.) ; Sonnabend, 11, Mai, Der Zeitgeist. Bilder. ; Jm Konzertsaale: 1) Un péché de jeunesse, vaudeville en l acle. 2) La première représenlalion de: Une jeunesse ora- geuse, vaudeville nouveau en 2 actés, par Mr, Charles Desnoyers. Sountag, 12, Mai. Die Zauberflöte. (Vor 50 Jahren am 12, Mai- 1794 zum erstenmale auf dem Königl, Theater dargestellt.)

Königsstädtisches Theater.

Freitag, 10. Mai. Zum erstenmale: Besser früher wie später. Lustspiel in 3 Aufzügen, nah dem Französischen von F. Heine, Königl. sächsishem Hof - Schauspieler, (Mad, Hellwig, Königl. sächsische Hof-Schauspielerin: Heloise, als vorlehßte Gastrolle.) Hierauf: Mitten in der Naht, Posse in 1 Akt,

Sonnabend, 11, Mai, (Jtalienishe Operu = Vorstellung.) Der erste Aft der Oper: Ul Giuramento. Musik von Mercadante. Hierauf: Elfte und vorleßte Kunst-Vorstellung des Herrn B, Bosco in der ägyptischen Magie. (Anfang 6 Uhr. Die Kasse wird um 5 Uhr geöffnet.)

Sonntag, 12. Mai. Julerl, die Pußmacherin. (Mad, Hellwig, Königl, sächsische Hof-Schauspielerin Julerl, als leßte Gastrolle.)

Verantwortlicher Nedacteur Dr. J. W. Zinkeisen,

Hierauf: Zwei Genre-

Gedrudft in der Deckerschen Geheimen Ober - Hofbuchdruderei. Beilage

C 130.

A U S: 1,

Dstindieu und China. Telegrapische Depesche: Ruhe in Jndien, Vermischtes, 14 f

Neber den Mangel an Kirchen in Berlin,

Eisenbahnen. Karlsruhe. Eröffnung der Bahn nah Nastatt.

B Ausland.

Ostindien und China.

Die Londoner Blätter vom 3, Mai theilen folgende aus Mar- seille vom 1. Mai datirte in Paris eingegangene telegraphische De- pesche mit:

„Der „Great Liverpool“ ist (in Malta) angekommen und bringt Nachrichten aus Bombay vom 1. April und aus China vom 27. Fe- bruar, Vollkommene Ruhe herrschte sowohl in Ostindien als in Chiua und die Post bringt nicht eine einzige Neuigkeit von Bedeutung.“

Der Morning Herald und die Times hatten bereits am 2ten d, M. Nachrichten aus Bombay vom 13, März und aus China vom 14. Februar mitgetheilt, die mit dem Dampsschiffe „Bentind>“ von Kalkutta in Suez angekommen waren, und welche das französf- {he Dampfschiff „Le Caire““ von Alexandrien nah Malta gebracht hatte, Aus diesen Berichten is indeß nichts zu ersehen, als daß Lord Ellenborough am 28, Februar von Gwalior wieder in Kalkutta ein- getroffen, und daß es den Maßnahmen des Ober-Befehlshabers des Heeres gelungen war, die bengalishen Regimenter, welche si<, wie früher erwähnt, geweigert hatten, den Marsh nah Sind anzutreten, zum Theil wieder zum Gehorsam zu bringen, Einzelne Regimenter \heinen indeß no< immer im Widerstand zu beharren; die Ursache der Widerspenstigkeit ist, wie man glaubt, nur der Umstand, daß die in Sind stationirten Truppen jebßt, da das Land pacifizirt scheint, nicht mehr die bisherige volle Feldzulage erhalten sollen. :

Den Nachrichten aus China zufolge, hatte die Fregatte „Dido“ gegen Ende des Monats Januar die Summe von 3 Millionen Dol- lars als den damals fälligen Termin der chinesischen Kriegs -Contri- bution in Whampu an Bord genommen und war damit nah Kal- futta unter Segel gegangen, wo das Schiff, den neuesten Nachrichten zufolge, auch bereits angekommen war, Sir Henry Pottinger hatte sich in einer Bekanntmachung an die englishen Unterthanen sehr scharf über eine Verleßung des Supplementar - Friedens = Traktates ausgesprochen, welche si einige britische Offiziere in Emoy durch Ueberschreitung der den Fremden bei ihren Ausflügen ius Junere ge= ste>ten Gränzen erlaubt hatteu. (General Lord Saltoun, der bis- herige Oberbefehlshaber der britischen Truppen in China, is auf dem Dampsschiffe „Bentin>k““ nah Europa zurückgekehrt.) Î

Die Delhi Gazette schreibt aus Gwalior, daß dort in den leßten Tagen des Februars ganze Schaaren von Knaben si<h versam= melt haben, um mit Waffen und Geschüß allen Ernstes eine Nach- ahmung der Kämpfe zwischen dem britishen Heere und den Mahratten zu liefern. Mehrere Knaben sind getödtet und verwundet worden und erst das Einschreiten der Regierung machte dem ernsten Spiele ein Ende.

Nach Berichten aus Dschellalabad war der bekannte Akbar Chan mit mehreren Haufen Fußvolks und 6000 Reitern dort angekommen und man fürchtete einen Einfall in Peschauer.

Ueber den Mangel an Kirchen in Berlín. Ein Wort zur Beherzigung.

Unter den Kalands- Verbrüderungen, welhe im Laufe des 14ten Jahrhunderts dur<h die Städte und Ortschaften der Mark Brandenburg ein neues Leben erwe>ten und verbreiteten, zeichnete sich besonders der berliner Kaland aus, Lebterer wurde im Jahre 1344 von dem Bischofe Ludwig zu Brandenburg feierlih bestätigt und zu mehrerer Theilnahme öffentlich empfohlen, Die hiesige Ka = lands- Gesellschaft nannte si< au<h Elendsgilde oder die Gilde der Elenden, weil sie den Elenden, d, h. buchstäblich, den Verlassenen gewidmet, dem Elende abzuhelfen bestimmt war, Jhr Zweck wax namentlich, für alle Verlassene, für Alle, welche christlicher Belehrung, geistlihen Trostes, kirhlicher Seelsorge bedürftig waren, Hülfe zu schaffen: darum sorgte sie hauptsächlih für die Geistlichen und Prediger, welche jene Hülfe zu leisten berufen waren, um ihnen wenigstens Obdach und Nahrung zu vermitteln. Seit jener ersten Stiftung und Bestätigung der berliner Elendsgilde is, und zwar in eben diesem no<h igufenden Jahre, ein halbes Jahrtausend abgelau- fen, Die Elends = Gesellschaft litt freilich, gleih der Kirche, an mancherlei Gebrechen: sie kam auch im Laufe der Zeit mehr und mehr mit der Kirche selbs in Verfall; aber sle hat auch heilsam ge- wirkt und zwei volle Jahrhunderte bestanden. Bei ihrem Er=- löschen übergab Kurfürst Joachim Il. im Jahre 1548 ihren Hof und ihre Güter an den gemeinsamen Kirchkasten zur Besoldung der Kir- c<hendiener und zur Unterhaltung der Schulen: ihr Vermögen i} also ihren Zwecken nicht verloren gegangen. Seitdem sind wieder drei= hundert Jahre verlaufen: das gesammelte Vermögen dient noch der ursprünglichen Bestimmung: äußerlih erinnert aber jeßt uur noch eine Straße und eine Gasse anu den Namen jener Verbrüderung, welche Geistlihe und Laien, und zwar Laien beiderlei Geschlehts aus allen Ständen, zu Einem Zwecke verband,

An die Kalands=Gesellschaft {lossen si< später andere Vereine gleicher Art und Richtung, Dahin gehört die von dem Kur- fürsten Friedrich Il. begründete Stistung zweier Ordens-Gesellschaften, der Shwanen - Gesellshaft 1443 und eines ganz ähn= lichen für den Vürgerstand bestimmten Ordens 1452, Dahín ge- hört besonders die Wol fgangs- Gesellschaft, welhe mit der Kalands = Gesellschaft den Zwe> gemein hatte, der verfallenen Kirche und einem christlichen, ehrbaren Leben in den Gemeinden auszuhelfen. Diese Wollfgangs-Ge sélis<à ft wurde im Jahre 1476 von zwei Bürgern in Berlin gestiftet : ihre Namen sind uns aufbehalten geblie- ben: es waren Jakob Reidel, von Dillingen în Schwaben ge- hürtig, und Palme RNeined>e aus Lindenberg; der Name des Leh- teren hat si<h in der berliner Bürgerschaft no<h jebt erhalten. Jm Jahre 1482 hat Kurfürst Albre<t deu Orden bestätigt: in demselben Jahre ließ der damalige Kurprinz Johann, nahmals Kurfürst Johann Cicero, einen ihm neugeborenen Prinzen, der Gesellschaft zu Ehren, Wolfgang nennen. Johann Cicero trat auch selbst nebst seiner Ge- mahlin Margaretha der Gesellschaft bei: Beide gelobten, als Mitglie- der die Zwecke des Ordens zu fördern, Jm Jahre 1483, also in Luther's Geburtêjahre, wurden die Statuten des Ordens auch kirch- licherseits bestätigt von dem Bischofe Arnold zu Brandenburg. Der Wolfgangs-Orden konnte als ein s<hwaches Vorzeichen der Reforma- tion angesehen werden: er ging, wie diese, aus dem immer mehr \{< aufdringenden Gefühle mannigfaher Gebrechen, aus dem Bedürfnisse Sriliches und sittlicher Reform hervor : er hatte namentli den Zwe>, geistlihes und sittliches Leben zu fördern, wozu die Mitglieder mit einem guten Beispiele vorangehen sollten, Sein no< vereinzeltes

Beilage

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| Unternehmen mußte indessen der ihm verwandten, aber umfangreiche- ren und gründlicheren Richtung und Berichtigung weihen, welche der evangelishen Reformation zum Grunde lag,

Aber diese historishen Thatsachen sind bereits bekanut und oft wiederholt worden: sie sollen auh hier niht als Beiträge und Ru- brifen zur Kirchen-Geschichte der Stadt wiederholt werdenz sie fönu=- ten vielleiht zu näheren Erforshungen über die Geschichte jener Ver= eine Veranlassung geben; aber auch darauf is der nächste Zwe> obiger Erinnerungen niht bere<hnet. Die fünfhundert- und dreihun- dertjährige Vergaugenheit könnte uns wohl auch in eine von der Ge- genwart eben so weit entfernte Zukunft hinausführen, um etwa zu fra= gen, was man alsdann von unserer Zeit in obigen Beziehungen zu sagen, zu klagen und zu rühmen haben werde: aber auch das ist nicht die Absicht, die uns leitet. Vielmehr sollen uns sene Erinnerungen aus alter Zeit zu unserer gegenwärtigen vielfah bewegten Zeit zurückführen, wo es si, namentli<h au< in Berlin, nach allen Seiten hin regt und bewegt, um zu rathen und zu helfen, um vielfachen Bedürfnissen zu begegnen, um unverkennbaren Gebrechen in unseren Zuständen Heilung zu verschaffen, Wir gehören ret eigentlih einer Zeit der Bewegung an: es ist die Zeit der Vereine. Es gilt überall , äußeren und innerlichen , leiblihen und geistigen Män- geln und Schäden abzuhelfen: beide stehen in unzertrenulicher Wechselwirkung, in ursahlihem Zusammenhange. Namentlich weisen uns aber die obigen Erinuerungen aus der berliner Chronik auf eben den Mangel in unserer großen Stadt, welhem {hon jene Vereinigun- gen früherer Jahrhunderte nah der Weise ihrer Zeit und nah der Art der damaligen Bedürfnisse abzuhelfen bemüht gewesen sind. Es fehlt uns hier in Berlin mehr als jemals, mehr als irgendwo an Kirchen und an Predigern. Wer könnte diesen Mangel leuguen, wenn er die Zahl der Einwohner mit der Zahl der Kirchen und Geistlichen zusammen und gegen einander hält, und damit andere Städte und Dörfer vergleiht? Hier sei nur daran erinnert, daß seit dem Regierungs - Antritte Friedrih?s des Großeu bis zum Jahre 1835 außer der Juvalidenhauskirhe keine neue evangelis<e Kirche hinzugekommen, vielmehr die Petri-Kirche seit den leßten 35 Jahren noch überdies eingegangen i, und daß seit eben diesen leßten 100 Jahren die Bevölkerung von 70,000 bis zu 350,000 Seelen ge stiegen is. i __ Aus dem Gesagten ergiebt si< zugleih, daß der Mangel an Kirchen wie an Predigern hon alt ist: er i älter, als die Klage darüber, welhe in neuerer Zeit davon gezeugt hat, daß endli der Mangel auch fühlbar geworden is. Und diese Klage, die wir seit den leßten Jahrzehnden hören und theilen, i wieder älter als die Bethätigung derselben. Zulebt is es aber auch zu einiger Bethäti- gung der Klage gekommen; was hülfe auch alles Klagen, wenn wir nicht selbst etwas zu thun wagen.

Mit dieser Bethätigung is König Friedrich Wilhelm Ul. vorangegangen. Cinzig und allein aus öffentlichen Mitteln sind im Jahre 1835 mit einemmale vier neue Kirchen hervorgegangen, die Elisabeth=, Johannes=-, Nazareth- und Pauls=-Kirche; mit den Kirchen haben si< auch die Prediger um vier Personen vermehrt. Aber es liegt offen zu Tage, daß damit dem \chreienden Bedürfnisse noch nicht genügt ist, Die Bevölkerung wächst noch jeßt jährlich so, daß, wenn au<h dur< Erbauung einer beträchtlichen Anzahl neuer Kirchen und

dur gleihmäßige Vermehrung der Prediger ein erträglicheres Ver- hältniß zu der Zahl der Einwohner hergestellt worden wäre, dennoch von Zeit zu Zeit immer wieder Kirchen nöthig werden würden,

Ein zweiter Schritt, dieser geistlichen Noth in der glänzenden Stadt Berlin abzuhelfen, is süngst von Privatpersonen geschehen, Bereits vor mehreren Jahren is die Pa storal-Hülfsgesellshaft zusammengetreten, um nah Kräften für die Vermehrung der Geist- lichen dur<h Anstellung von Hülfspredigern zu sorgen: sie erwartet nur den Antrag der Pfarreien und Parochieen, um, so weit se vermag, die Besoldung mehrerer Geistlicher zu beschaffen. Aber auch damit kann dem Bedürfnisse niht genügt werden, Mit dem Man- gel an Kirchen is es ganz beim Alten geblieben, und die Anstellung einiger Prediger mehr i} segensreih und daukenswerth, aber nicht ausreichend,

Darum hat es deun auch nicht fehlen können, daß gegenwärtig, unter dem seltenen Segen eines langen Friedens, dessen wir uns dankbar erfreuen, in mehreren Stadttheilen gleichzeitig das Verlangen, neue Kirchen und mehrere Prediger zu gewinnen, nicht allein bestimmter hervorgetreten ist, sondern auch kräftiger sich zu bethätigen anfängt,

Allmälig scheint au der hier und da laut gewordene Einwand, als müßte es do<h nicht so sehr an Kirchen und Predigern fehlen, da selbst die gangbaren Kirhen niht immer gefüllt würden, einer besseren Einsicht zu weichen, Wenn wirklich nicht alle Kirchen jedesmal gleihmäßig sih füllen, so sind dafür andere so überfüllt, daß ganze Schaaren wieder abziehen müssen, und dur<h den lebhasten Andrang Störungen unvermeidlich sind. Wenn andere Kirchen nicht so über= füllt sind, so ist der Grund davon hauptsächlih darin zu suchen, daß das firhlihe Bedürfniß in Folge des Mangels an Befriedigung zu einem großen Theile erloschen ist, Die Prediger sind durch die über- große Menge pfarramtlicher Handlungen aus dem näheren Verkehre mit ihren Gemeindegliedern losgerissen. „Bei dem gegenwärtigen Zustande“, so bemerkte {hon vor mehreren Jahren die Pasto=- ral - Hülfs - Gesellschaft, „muß der Geistlihe s< immer mehr auf die äußerlihe Verrichtung der täglih si< mehrenden Amts- handlungen und auf gelegentliche Gespräche mit Einzelnen beschrän- fen, wenn sie eine äußere Veranlassung oder ein besonderes Vertrauen ihm zuführt. Der Mangel an Sezlioras entfremdet die Gemüther der Pfarrkinder von dem Geistlichen, so daß fie seines Beistandes, seines Zuspruchs selbst da nicht begehren, wo ein inneres Bedürsniß sich regt, eine äußere Veranlassung dazu auffordert,“ Daher ge=- schieht es denn auch oft, daß, wo sih ein Bedürfniß regt, welches vergeblich nah Befriedigung sich umsieht, Sektirerei und Separatis= mus entsteht. Andererseits liegt es aber au<h in der Natur der Sache, daß unter solher Entfremdung mit der Seelsorge au der Kirchenbesuh und mit dem Kirchenbefuche das leßte Mittel geist- licher Pflege, cristliher Belehrung mehr und mehr verkommt, Und so dürfen wir uns denn nicht verhehlen, daß es eben der Mangel an Kir- chen und Predigern is, weshaib si< einige Kirchen unter Mitwirkung anderer Ursachen, niht immer und nicht überall in dem Maße füllen, als es sonst zu erwarten wäre. Hätten wir mehrere und nähere Kirchen, hätten wir, was fast noch nöthiger ist, mehr Geistliche und Prediger, so würden die neuen und alten Kirchen immer mehr und immer regelmäßiger besucht und gefüllt werden.

Ein anderes Vorurtheil ist, daß es nicht in der ausschließlichen Verpflichtung der Gemeinden, und no< weniger in der Verpflichtung eines Theiles ihrer Glieder liege, für neue Kirchen und Prediger zu sorgen, Aber auch diese engherzige Ausrede, welche die Last auf Andere zu wälzen sucht und um die Repartition rehtet, wird mehr und mehr verstummen müssen. Es handelt ih hier niht von ju- ristishen Zwangs s Verpflihtungen, sondern von Rechten , vom

freien Willen, Versteht es si< au< von A daß alle solche neue Unternehmungen im ordnungsmäßigen ege, unter dex

zur Allgemeinen Preußischen Zeitung.

Freitag den 10! Mai.

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Aussicht und Mitwirkung der Kirchen- und Staats-Behörden cinge- leitet und ausgeführt werden müssen, so ist es doch hauptsächlich und zunächst die Sache der Gemeinde, dem Mangel, der sie allein trifft und drückt, aus eigenen Kräften abzuhelfen: an Beihülfe und Unter- stüßung wird es nicht fehlen, wenn sie nur erst selbst Hand ans Werk legen, wozu wieder diejenigen den Anfang machen müssen, die sich zuerst dazu innerlih verpflihtet fühlen. Oder wer hat denn ín der Vorzeit die größeren und kleineren Gotteshäuser hauptsächlich gründen, bauen, s{müd>en helfen? Sind es nicht die Scherflein Vieler gewesen, die zu solhen Stiftungen und Bauwerken von allen Seiten zugeströmt sind?

Es ist aber in dieser Beziehung no<h Eins zu erwähnen. Je mehr die Gemeinde selbst an neuen Kirchenbauten in ihrer Mitte Theil nimmt, je mehr ein solches Werk qus den eigenen Kräften und Säften der Gemeinden hervorgeht, um so reiher wird der Segen werden, um so gründliher wird die innere Theil- nahme für die Kirhen-Augelegenheit angeregt, um so gedeihlicher das geistlie Leben gewe>, Auf diesem Wege wird schon das äußerliche Bau-= Unternehmen eine Förderung und eine That der inneren Er= bauung. Daß neue Kirchen den Gemeinden ohne ihr Zuthun, ohne ihre Opfer, ohne ihre thätige Theilnahme fertig überliefert werden, is einem gesunden Kirchen - Zustande so wenig angemessen, daß die Einzelnen darüber eher zu klagen, als darauf anzutragen Ursache ha= ben möchten,

Es is allerdings gegründet, daß in unserer Zeit neben dem er- höhten und vermehrten Wohlstande auch ein größerer Nothstand in den unteren Schichten der bürgerlichen Gesellshaften fühlbar is, zu dessen Milderung und Hebung die Liebe treibt und verpflichtet. Aber guch in dieser Beziehung würden neue Kirhenbauten für viele hab- und arbeits= lose Menschen Arbeit und Nahrung bringen. Noch wichtiger is es, daß dadurch den sittlichen und religiösen Zustande des Volkes, und hier= mit auh dem leiblihen Elende mittelbar die allerbeste und sicherste Wohlthat zu Theil werden würde. Oder wer wollte bei aller Aner= fennung so vieler mitwirkenden Ursachen des leiblihen Verfalls, bei aller Uebe für die in Noth und Elend versunkenen Brüder die That- sache leuguen, daß der moralische und religiöse Verfall mit dem leib=- lichen in Wechselwirkung steht? Mit jenem kann auch dieser mehr und mehr überwunden werden, indem zuglei<h unter den von der Vor- sehung günstiger gestellten Gliedern mit dem fkirhlihen Leben auch die hristlihe Liebe thätiger wird.

Allein is auch, so fragt man, eine Aussicht vorhanden, mit den in der Gemeinde gegebenen Mitteln neben so vielen anderen unab= weislihen Ansprüchen so kostspielige Unternehmungen auszuführen? Darauf antworten die unverkennbaren Zeichen des äußeren Wohl= standes, der Unternehmungslust und der Cuergie für Liebeswerke, welche in unserer Zeit, in unserer großen Stadt überall hervortreten. Die Mittel zu neuen Kirchen sind in den Gemeinden wirklich vor= handen, wie zu so vielem Anderen: es i} nur Lust und Liebe, Muth und Ausdauer erforderlih, Aber auch dafür bürgt der gesunde und muntere Sinn der Einwohner, der namentlich in Berlin nach allen Seiten bethätigte Gemeinsinn, welcher über den engherzigen Egois- mus sih erhebt, und das si< immer mehr regende religiöse Bedürf= niß, Ju diesen Erfahrungen liegt der Grund, worauf jih die Hoff nung erbaut, daß wir in wenigen Jahren an mehr als einer Stelle neue Kirchen werden erstehen, neue Prediger im Segen wirken sehen. Solche Lebens- Fonds sind sicherer, als todte Kassen

In diesem Vertrauen hat sih seßt unter anderen auch ein Verein zur Erbauung einer Kirche ín der Vorstadt vor dem Potsdamer Thor ge=- bildet, welcher bereits zur Gründung einer neuen Kirche unter Beob= achtung der geseßlichen Vorschriften, sowie zur Einsammlung freiwilliger Beiträge die Allerhöchste Genehmigung erhalten, au< durch die Güte eines seiner Mitglieder einen passenden Plaß für Kirche und Pfarr= wohnung unentgeltli<h erworben, und unter si< selbst hon einen Fonds von mehr als 7000 Rthlr. zusammengebracht hat. Jeßt kommt es also darauf an, daß die Einwohner Berlins, aber vor allen die Bewohner der betheiligten Vorstadt, zur Förderung des Unternehmens durch ihre Wohlthätigkeit sih willig finden lassen, ein jeder nah sei- nen Verhältnissen. Sollte sich der Verein in seinem Vertrauen verrechnet haben? So engherzig sind wir nicht, um solchen Besorgnissen Raum zu ge=- ben, Oder sollte etwa die höchst erfreulihe und viel willkommene Konkurrenz ähnlicher Unternehmungen in anderen von hinreichenden Kirchen und Predigern eben so verlassenen Stadttheilen die Kräfte zersplit= tern, die Beiträge verkürzen, die Ausführung lähmen oder gar vereiteln?

Darauf antworten wir wiederum aus der berliner Stadtgeschichte. Jn dem dritten Jahrzehnde des 18ten Jahrhunderts wurden gleich= zeitig drei Kirchen von Grund aus neu gebaut, nämlich die Dreifal= tigkeits -, die Bethlehems= und die Petri-Kirhe; und gleichzeitig wur= den die kaum erbaute Sophien - Kirche, so wie die Gertraudts= und die Jerusalems= Kirche vollendet und mit Thürmen versehen. Dies Alles geschah im Laufe von 10 Jahren; das Jahrzéhend vorher wa- ren die Parocial=, Louisenstädtishe und Jerusalemer Kirche, in-= gleichen die Garnison-Kirhe, das Jahrzehend naher die Jnyaliden- hausfirhe neu erbaut, die Hof- und Domkirche verseßt und umgebaut worden, Seitdem ist bis zum Jahre 1835 ein Stillstand eingetreten : nur die fkatholishe St, Hedwigskirche is in der Mitte des vorigen Jahrhunderts hinzugekommen: sie wurde aus frommen Spen-= den der Glaubensgenossen desJn=- und Auslandes auf= erbaut. Unterdessen i Berlin im Laufe eines Jahrhunderts fünf= mal größer und volkreiher und reiher geworden ; ein dreißigsäh= riger Friede hat nah allen Seiten den Wohlstand vermehrt; es fehlt also an äußeren Mitteln für viele Kirchen uicht; es wird ebensowe= nig an der Willens- und Thatkraft zu mehreren gleichzeitigen Unter= nehmungen fehlen: ein Werk fördert das an c ua: d wird es denn auch niht an dem Gemeingeiste mangeln, welcher in Liebe und Eintracht vorwärts schreitet und, Gottlob! auch in neuester und ganz besonders in neuester Zeit wo es nur gilt, gemeinsam zu hel= fen, dur< alle Reihen der Bevölkerung unserer Stadt energish \i< bewährt hat, zizza ir U L O

Eisenbahnen.

Karlsruhe, 2. Mai, Die Eisenbahn von hier bis Rastatt wurde gestern dem öffentlichen Dienst übergeben, Bei der lebten Probefahrt am Dienstag Abend ließ der Mashinenführer den Convoi mit zu viel Kraft in den hiesigen Bahnhof einfahren, \o daß dur< Anstoß eine Lokomotive und zwei Wagen beschädigt wurden, Von hier aufwärts sind folgende Aufnahmstellen : Ettlingen, Malsch, Muk-= fensturm, Rastatt, dem vom 6, Mai an Dos (Baden) si anreiht, Die Richtung der Verbindungs - Linie mit Württemberg is no< nicht

entschieden, Berlin-Stettiner Eisenbahn. Frequenz in der VWVoche vom 28. April bis incl. 4. Mai 5204 Personen. Im Monat April c. sind befördert: 23,753 Personen, wosür eingenommen wurden... 21,290 Rillr. 14 Sgr. 58,892 Ctr. 87 Pfd. Frachtgut (excl. Equipagen 10883 » 416 »

und Yich), wofür cingenommen wurden

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