1848 / 61 p. 2 (Preußischer Staats-Anzeiger) scan diff

Heute früh wurde hier nahstehende Bekanntmachun angeschlagen :

„Die am gestrigen Abend von mehreren Reitern verübten groben Ex- zesse verdienen die höchste Mißbilligung, Sie werden auf das genaueste untersucht und nah der Strenge der Geseßze bestraft werden. Dagegen dür- fen wir gewiß erwarten, daß die Betheiligten und die übrigen Einwohner die richterliche Entscheidung ruhig abwarten. Selbsthülfe darf in geordne- ten Staaten nicht vorkommen; ste würde eben so ungerecht und strafbar sein, wie die berührte Handlung selbs. Wir wenden uns diesfalls mit vollem Vertrauen an das Rechtsgefühl aller Einwohner; sie wissen, was sie dem Geseße schuldig snd. Nuhe, Ordnung und Achtung vor dem Rechte sind dringend nothwendig, soll niht dem Gemeinwesen der größte Schaden er- wachsen. Darum fordern wir Bürger und Soldaten auf, sie ni<t zu ver- legen und der Obrigkeit treu zur Seite zu stehen, Wir wünschen aber au< von Herzen, daß das bisherige friedliche Verhältniß zwischen Bürgern und Soldaten nicht gestört und daß dem Militair im Ganzen nicht angerehnet werde, was nur Einzelne verschuldet haben. An Alle er- geht endlih die Ermahnung, nicht allen Gerüchten Glauben zu schenken, die in Menge umhergehen , wie dieses in solchen Fällen immer vorkommt. Ein Gerücht z. B., daß selbst Behörden Theil an dem beklagenswerthen Vorfalle haben, sollte gar nicht widerlegt werden dürfen; da es aber ein- mal von übelwollenden Menschen ausgesprengt is , so erklären die Staats- und Militair-Behörden es hiermit für grundfals<h. Die Behörden, Militair- und Civil-Behörden, werden den Weg des Gesezes nie verlassen, Den 28. Juni 1848,

Der Vice-Gouverneur der Bundesfestung: von Meisrimmel, Der Regierungs-Direktor: Shmalzigaug. Der Ober-Amtmann: Friz. Der Stadtschultheiß: Schuster.“

„Soldaten! Es wird Euch bekannt geworden sein, daß gestern eine Versammlung ruhiger Bürgec im Schiffsaale ohne alle Veranlassung oder Privathändel von einer Anzahl Reiter mit bewaffneter Hand überfal- len, auf dieselben eingehauen und theilweise lebensgefährlih verwundet wurden, Mit Abscheu werdet Jhr diese unwiderlegbare Wahrheit vernom- men haben und vielleicht einige unter Euch glauben, daß wegen dieser ver- ruchten ehrlosen Handlung einzelner Wenigen das seit Fahren unter uns bestehende gute Cinvernehmen beeinträchtigt werden könnte. Jndem wir der angestellten Unterfuchung und Bestrafung dieser ehrlosen Soldaten ruhig entgegensehen, erwarten wir, im Vertrauen auf Eure Ehre und gesunden Sinn, daß Jhr das Fortbestehen unseres sreundschastlichen Verhältnisses bei freundlichem Entgegenkommen erwiedern werdet und Euch unter allen Ver- hältnissen als biedere Soldaten und Söhne des Vaterlandes erweiset.

Ulm, 28, Juni 1848, Die Bürger und Einwohner Ulms,“

Baden. Donaueschingen, 27. Juni. (Shwäb. Merk.) Jn der abgewichenen Nacht, wenige Minuten vor 9; Uhr, fand in hiesiger Gegend, namentli<h in Hüfingen, eine leihte Erd-Erschütte- rung mit donnerähnlihem Getöse statt, welches si<h in der Richtung vou Nordwest nah Südost zu erstre>en schien. Das Thermometer zeigte 4+ 10, und das Barometer stazd auf 26. 25‘, der Himmel nur leiht bewölft,

Oldenburg. Oldenburg, 29. Junt. (Wes. Ztg.) Fol- e sind die hauptsächlihsten Paragraphen des neuen Wahl= gesebes :

„Für den Landtag , welchem die Befugniß beiwohut, „,„ die künftige Staats-Verfassung des Großherzogthums mit dem Großherzog zu vereinba- ren‘“‘“’ und „, zur De>ung etwaiger außerordentlicher Staats - Bedürfnisse außerordentliche Mittel zu bewilligen“, werven 35 Abgeordnete durch freie Wahl berufen. Wählbar is jeder Staats - Angehörige nach zurückgelegtem dreißigsten Lebensjahre, der nicht unter Kuratel steht, niht im Konkurse be- fangen, nicht wezen eines Verbrechens oder eines nach der Ansicht des Land- tags entehrenden Vergehens verurtheilt is. Beamte, Milítairpersonen, Geist- liche und Lehrer bedürfen des Urlaubs, der jedoch nur aus erheblichen und angegebenen Dienstrücksichten versagt werden soll, Nimmt ein Abgeordneter ein Amt oder eine Beförderung an, so muß er sih einer no<maligen Wahl unterwerfen. Jeder der sieben Kreise des Herzogthums und der Fürsten- thümer Lübe> und Birkenfld bildet einen Wahl - Bezirk. Jeder Bezirk

wählt vier Abgeordnete, uur der Kreis Oldenburg fünf, Jever drei und Lübe drei, außerdem eben so viel Stellvertreter, Die Wahl geschieht durch die von den Urwählern ernannten Wahlmänner, Urwähler is jeder großjährige Staats- Angehörige in dem Wahlbezirke, in welchem er zur Zeit der Vornahme der Wahl seinen Wohnsiß hat, ausgenommen wenn er ohne eigenen Haushalt bei einem Anderen in Kost und Lohn steht oder von öfentliden Mitteln Armen - Unterstüßung erhält, Für 250 Urwähler eines Wahlbezirks wird Ein Wahlmann gewählt, Wahlmann kann jedes volljährige Gemeindemitglied im Wahlbezirke werden, welches fähig ist, zum Abgeordneten ernannt zu werden und im Großherzogthum unbetwegliches Eigenthum oder (na< Maßgabc des Armenbeitrags) ein Brutto - Eiukom- men von mindestens 150 Nthlr. hat, Die Function eines Wahlmannes fann nux derjenige ablehnen, welcher über 70 Jahre alt is, Den Land- tags - Direktor und Vice- Direktor ernennt der Großherzog aus se<s ihm vom Landtage vorgeschlagenen Personen. Die Sizungen sind öffentlich z die Protokolle werden gedruc>t,“

Schleswig-Holstein. Apenrade, 30, Juni. (Vör s. H.) Bei Hadersleben hat ein Rencontre zwischen dem von der Tamschen Corps und dänischen Truppen stattgehabt, worin leßtere geschlagen worden sind. Das von der Tannsche Corps is am 30. Morgens in Hadersleben eingerüd>t, die Dänen sind auf dem Marsch nah Fühnen.

E

BNusland.

Desterreich. Pesth, 14. Juni. (Wien, Ztg.) Das Di hat nachstehende Zuschrift an die Stände Siebenbürgens erlassen :

„Die Vereinigung Siebenbürgens mit Ungarn hat unsere Brust mit enden Freude erfüllt. Von keinem glücklicheren und zugleich wichtigeren

reigniß kounte die Botschaft zu uns gelangen,

„Wir waren überrascht, nicht dur< das Unverhoffte der Freude, denn mit voller Zuversicht hatten wir das Aneinanderschlicßen der beiden Schwe- ster-Nationen erwartet; sondern überrascht durch die Größe des stolzen Be- wußtseins, das vereinigt hinfort dies Vaterland keiner Kabale und keinem Gewaltstreich mehr erliegen wird,

„Wir säumten nt, Alles anzuwenden, damit das Unionsgesez auch von dem Monarchen sanctionirt werde, Der Minister-Präsident reiste un- verzüglich mit der Reichs-Deputation zu unserem gekrönten König, um dringend das Königliche Wort und den Segen sür den Bruderbund zu er- bitten, Und nicht früher fehrte er zurü>, als bis er in der konsummirten Wiedereinverleibung die unvergänglihen Grundfeiler unserer künftigen Größe e entli 5

„So lange vordem diese beiden Länder ei b uns Alle Größe, Glanz und Nätionalruhm. An vem Tini E v ins dit Vi ander losrissen, begann unsere Schwäche, unsere Erniedrigung geriethen wir in Knechtschaft, An unsêren vereinten Kräften brach sich die Macht der Erobererz getrennt wurden wix Jeder einzeln Stlaven und vershwanden aus der Reibe (nue ger Fon. ü /

„Gott, gemeinsame Bande des Blutes, unsere Nationgl- ; gebieten uns, Brüder zu sein, nicht blos Nachbarn, e m ea Sine waren, Der Nachbar kümmert sich wenig um das Loos des Nachbars Wir, Alle Bewohner Siebenbürgens und Ungarns, sind einander nahe. Wir sind Brüder, die einander lieben, unser gemeinsames Heil wollen und einer für des Anderen Wohl zu leben wünschen, zu sterben gehalten sind.

* „Die Union is eine neue offenkundige Anerkennung dieser nationalen Vérbrüderung vor den Augen Europa's, Was das Blut vereinigt, was die Freuden und Leiden einer tausendjährigen Geschichte geheiligt, das ex flären wir heute offen vor ter Welt als ewig dauernd, „Dies sei die erste und s{önste Frucht unserer brüderlichen Vereini- gung uach dreihundertjähriger Trennung, ; A : „Auth geschieden waren wir eins, Die faktishe Vereinigung hat jeyt das Fürstentvort unseres gekrönten Königs sanctionirt, Nichts fehlt uns mehr, als daß Gottes Segen noch diesen Bund kröne, der für die Völker jeder Zunge und aller Glaubens-Bekeuntnisse die heiligen Grundsäße der

Freiheit, Gleihheit und Brüderlihkeit ewig annehmen, bekennen und aus- üben wird,

Pesth-Ofen, den 14, Juni 1848.

Gr. Ludw. Batthyáni. Franz Deák. Kossuth. B, Jos. Eötoös. Bart. Szemere, G, Stephan Széchenvi.““

Aus Temeswar sind gestern hier neue beunruhigende Nachrichten eingegangen. Unter Anführung von Georg Stanimirovih und No= vakovih rü>ten 700 Aufständishe am 23. Juni gegen die Stadt Weißkirchen und forderten den dortigen Oberst-Lieutenant Dreihahn zur Unterwerfung auf. Dieser übergab ihnen ohne allen Widerstand die Stadt mit 3 Kanonen, 215 Schießgewehren, 30 Ctr. Pulver und einer Compagnie Soldaten. Der Oberst-Lieutenant Dreihahn wird des Verraths beschuldigt, indem er au< 1200 National-Gardi= sten hätte aufbieten fönnen. Von Weißkirchen rü>tèn die Aufständi= schen am 24. Zuni gegen Werscheß bei Temeswar, wo am 25. Juni ein Treffen erwartet wurde. Georg Stanimirovich is aus Serbien und in seinem Trupp waren auch die meisten aus Belgrad herübergekom- menen Aufwiegler. Schon früher plünderte ein solher Haufe in Titel im Csaikfisten - Bezirke. Dagegen lauten die Nachrichten aus Karlowib und Neusaß erfreuliher. Ein sehr großer Theil der csaikistischen, froatishen und slavonishen Gränzer und Bauern haben in Folge der Königl. Proclamationen die Lager bei Karlowihz und in den sogenann= ten römishen Schanzen verlassen und sind nah Hause gegangen. Der König hat neuerdings eine Proclamation an die Csaikisten ge- richtet, in welcher er icnen streng befiehlt, die in Titel weggenomme- nen Kanonen und Waffen zurücfzustellen und ruhig nah Hause zu gehen. Jn Neusah soll die ungarische Fahne wehen. Der Banus von Croatien, Baron Joseph Jellahih, wel<zer am 20. Juni Jnnsbru> verlassen, soll in Agram eingetroffen sein, der Agitator Dr, L. Gaj dagegen die Flucht ergriffen haben.

Der Közlöny theilt in seinem heutigen Blatte ein Königliches Dekret aus Junsbru> mit, wonach die Jnhaber ungarischer Reg:- menter von nun an hinsichtlich der Stabs =- Offiziere wcder Ernen- nungs- no< Vorschlagsreht haben sollen. Für die Stellen bis zum Capitain infl, sollen sie jedo< dem ungarischen Kriegs-Minister Kan- didaten vorschlagen dürfen. Die Stabs-Offiziere \{lägt der unga- rishe Kriegs-Minister dem Köuige vor, welcher nah Anhörung des österreichischen Kriegs-Ministers neben Gegenzeihnung des ungarischen Ministers des Auswärtigen die Ernenuungen trifft. Der Palatin und Königliche Statthalter wird als Jnhaber der Palatinal = Husaren- Regimenter von diesen Verfügungen, welhe übrigens nur bis zur definitiven Beschließung der Geseßgebung gelten sollen, ausge- nommen.

Der türkische Gesandte, welher hier aus Juusbru> am 2Asten ankam, reiste am 26sten weiter nah Konstantinopel. Er soll in Juns- bru> den dringenden Auftrag erhalten haben, bei seiner Regierung die strenge Verwarnung des Fürsten von Serbien gegen jeden feind- seligen Schritt zu befürworten, welcher das friedliche Verhältniß der Pforte mit Ungarn resp. Oesterreich stören könnte.

Aus Junsbru>k hat das Ministerium günstige Nachrichten erhal- ten. Die serbische und die crogtishe Deputation wurde als solche bei dem König nicht vorgelassen. Den einzelnen Mitgliedern dersel- ben aber erflärte der König in einer Privataudienz , daß die Be- schlüsse der agramer Landes - Congregation und des farlowißer Kon- gresses gescbwidrig gesaßt worden , daß sie ihm ihre Wünsche uur mittelst des allgemeinen ungarishen Reichstags und des ungarischen Ministeriums vortragen köunten. Uebrigens werde er ihre Rechte stets unverleßt aufre<t erhalten, Der Erzherzog Johann ist be- fanntlih zum Vermittler zwischen Ungarn und den Jllyriern ernannt. Eine Landes-Congregation in Agram und eine griechishe Synode in Temeswar sollen die Wünsche und Forderungen der Jllyrier formu- liren, Die Königliche Pröclamation an die Serbianer hat eine gute Wirkung gemacht. Ein größer Theil vou ihuen hat die Wassen niedergelegt, ohne jedo<h die Ansprüche einer nationalen Selbststän- digkeit aufzugeben.

Fraufkfreih, National-Versammlung. Sißung vom 29. Juni, Jn der heutigen Sißung {lug der Präsident die Annahme eines Dekrets vor, nah welhem das Herz des gefallenen General=Lieutenants Negrier im Dom des Juvalidenhauses beigeseßt, seine Leiche der Stadt Lille auf ihr Begehren verabfolgt, sein Sohn, der als Freiwilliger dient und hon die Prüfungen für St. Cyr be- standen hat, zum Unter =- Lieutenant ernaunt, und seiner Wittwe, da sie kein Vermögen hat, eine Pension von 3000 Fr. bewilligt werden soll, die zur Hälfte auf ihre beiden Kinder fallen fann. Außerdem bleibt sie zum Genusse der Pension von 1500 Fr. berechtigt, die ihr als Wittwe eines General = Lieutenants zusteht. Das Dekret wurde ohue Berathung einmüthig genehmigt. General Cavaignac kün- digte an, daß in Folge der Nichtannahme des Admirals Leblanc Herr Bastide das Marine-Ministerium und General Be- deau das Ministerium des Auswärtigen übernehme. (Lauter Beifall. ) Man schritt nun zum Skrutinium für die Präsidenten- wahl, Herr Marie (Mitglied der ehemaligen Vollziehungs -= Kom- mission ), der unter 790 Stimmenden (also absolute Majorität 396) 414 Stimmen erhalten hatte (Dufaure hatte 297), wurde als Prä- sident der National-Versammlung proklamirt. Der abtre- tende Präsident Senard (jeßt Minister des Junern ) nahm sodann das Wort und sagte: „Der Chef der vollziehenden Gewalt und der Präsident ter National-Versammlung hatten während der Krisis ein- ander nicht verlassen. General Cavaigrac wünschte, daß wir ferner beisammen blieben, und bot mir einen wichtigen Plaß in der Verwaltung an, deren Zusammenseßung Sie ihm au- vertraut haben. Meine erste Antwort war eine entschiedene Weigerung, die Sie leicht begreifen werden. x

Gabriel Klauzál. Ludw, Laz. Méßáros,

Derjenige, den Jhre Stimmen zur Präsidentschaft dieser Versammlung berufen haben und der, stets als so!her dur<h Jhre Sympathieen unterstüßt, gestern erst das in Jhrem Defiet ausgedrückte Zeugniß empfing, kann fortan nur hinabsteigen. Aber i habe eïkannt, daß es Stunden giebt, wo alle persönlihen Rücksichten {weigen müssen, und wo der Bürger sich als ergebener Soldat auf den Posten begeben muß, den man ihm anweist, und auf dem er, wie ehrenwerthe Beispicle ihm sagen, dem Lande noch einige Dienste leisten kann. Jndem ich Sie verlasse, nehme ih 11 die schwierige Laufbahn, die ih zu betreten habe, als Regel des Verhal- tens die eigene Gesinnung dieser Versammlung und die Hoffnung mit, daß dieselbe mir ihr:n Beistand gewähren wird. Der Verwaltung einen entschiedenen und kräftigen Jmpuls zu geben und zu bewirken, daß sie dur<h ihr Personal und ihr Handeln überall die Republik geachtet uud geliebt mache, dies is das Ziel, dem alle meine An- strengungen si< zuwenden werden. Jh versprehe Jhnen, zur Er= reichung desselben Alles aufzubieten, was au Cifer, au Wiens - und Thatkraft in mir ist. Der Präsident lud nun Herrn Marie ein, ihn auf dem Präsidentenstuhle zu erseßen. Herr Marie war abwesend, und Herr Corbon ( Vice-Präsident ) nahm vorläufig seinen Plaß ein. Herr Senard schlug dann, als Minister des Junern, ein Dekret vor, welches ihm einen Kredit von 3 Mil- lionen zur Unterstühung verwundeter und den Familien gebliebener National = Gardisten und zur Bestreitung der Aufenthaltékosten unbe- mittelter National-Gardisten der Departements bewilligt, Als dring- li wurde das Dekret sofort einmüthig genehmigt. Gleiches geschah mit einem anderen Dekret, welches eine Million für die Mobilgarde

bewilligt. An der Tagesordnung war die Berathung des Gesebß- Entwurfs wegen der National - Werkstätten; diesclbe wurde aber auf Cavaignac's Antrag bis Montag vertagt, an welhem Tage derselbe Mittheilungen über die Maßregeln versprah, weiche seit dem 24. Juni hinsihtli< der National-Werkstätten getroffen worden, und die auf eine sol<he Lösung dieser Frage abzwe>ten, „wie wir Alle“, sagte General Cavaignac, „sie wünschen.“ Die Sißung wurde demnächst aufgehoben,

__ Paris, 30, Juni. Es herrs{ht nun wieder vollkommene Ruhe in der Hauptstadt. Ungeachtet der außerordentlihen Anstrengungen, welche der Belagerungszustand für die Nationalgarde verursacht, ver- bleibt dieselbe fortwährend vollständig auf ihren Posten und liefert in der Naht noch die Zahl der Patrouillen und das Neß von Schild- wacheu, welhe über alle Viertel und Straßen der Stadt verbreitet sind. „Geru“/, sagt das heutige Journal des Débats, „loben wir diesen patriotischen Eifer, und wir hoffen, daß er nicht ngchlassen wird, che die Früchte eines so fur<tbar erfauften Sieges dauerhaft der Gesellschaft gesichert sind. Es wäre noch nihts für die Recht- lichen, blos gesiegt zu haben, wenn sie niht der Regierungsgewalt durch ihre Ausdauer die Mittel zu gewähren wüßten, die Feinde der gesellschaftlihen Ordnung zu entwaffnen und die Wiederkehr \o \chre>liher Ereignisse, wie die, welhe Paris und ganz Frankrei<h betroffen haben, unmögli<h zu machen.“ Von Bordeaux erwartete man gestern Abend tausend Mann Nationalgarde, die si< na< Nantes eingeschi}t hatten und gestern früh zu Tours angelangt waren. Die Entwaffnung der Kten, 9ten und 12ten Le- gion der Nationalgarde dauert fort. Es werden auch noqh viele Ver- haftungen vorgenommen. Daß Kersausie verhaftet sei, bestätigt sich niht. Der hier angelangte Befehlshaber der Alyenarmee, General Oudinot, hat in seinem Hotel den Ankauf aller Lebensmittel befohlen, deren man im Viertel habhaft werden kann; alle Nationalgard.sten und Soldaten, die vorbeigeben, werden eingeladen, si< an einer Ta- fel niederzulassen, die fortwährend mit Speisen und Wein reiclih beseßt ist. Man berechnet, daß cs am Sonntage 4000 Jusurgenten am Pantheon, 6900 am Stadthause, 20,000 in der Vorstadt Sk. Antoine gab; im Ganzen zählten sie 45—50,000 Mann. Fast alle Mode- waaren-Magazine und Luxusläden in der eben genannten Vorstadt sind von deu Jusurgenten verwüstet worden. Bei cincm der gefangenen Jusurgenten hat man folgenden geschriebenen Dekret-Entwurfgesunden : „Art, 1, Alle Bürger, die über 200 Fr. Steuern zahlen, sind ihrer bürgerlichen und politischen Rechte auf 10 Jahre beraubt. Art. 2. Alles Modbiliar- und Jmmobiliar-Vermögen sämmtlicher Bürger, die seit 1845 öffent. lihe Aemter, gleichviel welche, bekleidet haben, ift fonfiszirt. Ar! 3. Die Verfassung Fraukreichs ist die von 1793, Art. 4. Die Armee ist aufgelöst. Heute findet der Trauergottesdienst für die Gefalle- nen nun Da Die Magdalenen-Kirche viel zu klein ist, so wird auf dem Eintrachtsplaßze ein provisorischer Altar errichtet. Vie Reprä- sentanten, die Behörden und die Nationalgarde werden anwesend sein, Einer der {wer verwundeten Jusurgenten weigerte sih lange, seinen Namen anzugeben; dem Tode nahe, schrieb er auf emen Zettel : von Polignac. Auf Lamoricière’s Befehl is der V berst-Licutenant der Zten Legion verhaftet worden. Man meldet auch die Verhaftung des politischen Schriftstellers Esquiros, Dienstag Nachts wurde eine

Schilowache auf- ihrem Posten verwundet, und gestern ward am bellen Tage auf dem Eintrachtplaße ein ZZagerofsizter durch einen ) Der sofort ergriffsecne Mörder erklärte, er

Pistolenshuß getödtet. | j ; fabe A Offiziere zu tödten geschworen. Man s{<oß ihn nieder. Gestern Vormittag wurden Truppen tun die Gegend zwischen Neuilly und St. Cloud entsandt, wohin si< cine Bande Jusurgenten geflüch= tet hat. Um Mittag hörte man auf dieser Seite Gewehrfeuer. Auch um Versailles soll si< eine Jusurgenten = Bande gezeigt haben und zum Generalmarsh geschlagen worden sein. Jn einer Vorstadt von St. Versailles hat man angeblich Barrikaden zu errihten versucht. Schon sind 300 der 1500 in den Tuilerieen eingesperrten Gefange- nen verhört worden. Sie sind in drei Kategorieen getheilt : in die, welche idre Betheiligung an dem Kampfe eingestehen, und gegen welche \<were Anklagen vorliegen, in die, welhe nur gezwungen auf Seite der Jusurgenten gekämpft zu haben vorgeben, und endlich in die, welde aus Versehen festgenommen wurden und dur<h Volksver- treter, Maire’'s oder seitens ihrer Familien rekflamirt wer- denz 43 der leßteren Klasse hat man schon in Freiheit ge= seßt. Gleich nah beendigtem Verhöre bringt man die_ Ge- fangenen unter starker Bede>ung in die verschiedenen Gefängnisse der Hauptstadt und in die Forts. Fast alle Gefangene hatten Gold bei si, und viele trugen unter ihren Blousen bedeutende Summen. Bei don Verwundeten im Spital de la Pitié fand man allein 159,000 Frs, in Gold und Silber. Mehrere antworteten im Verhör auf die an ste gerichteten Fragen : „Wir mußten für das Geld, das man uns gegeben, doch etwas thun.“ Noch hat feiner der Verhörteu die Na- uen der Anstifter des Aufstandes angeben wollen, Einige, die ge fragt wurden, wofür sie denn gekämpft: hätten, antworteten : „Fur die demokratische und soziale Republik !‘“‘ Weiter befragt, was sie darunter verständen, entgegneten sie: „Die Regierung der Arbeiter.“ Mehrere Gefangene sollen geäußert haben, daß sie der Justiz wichtige Aufschlüsse zu geben bereit seien. Aufgefallen ist es, daß man bei den Jusurgenten eine Masse von Zwanzigsranken-Stücken der Republik fand, obgleich davon nur cine verhältnißmäßig kleine Zahl ins Pu- blifum gelangt is. Unter den verwundeten Jnsurgenten 1m Spital St. Louis is ein Capitain der Nationalgarde, der kämpfend ge- fangen genommen wurde, An dem Kampse gegeu die Insurgenten haben 50,000 Mann Nationalgarden von Paris und den Departe- ments, so wie 30,000 Mann Linien =- Trupyen, Theil genommen, Außerdem handhabten 50,000 bewaffnete Bürger die nta de Polizei in den ruhig gebliebenen Stadttheilen, um die dort zur Theil nahme am Ausstande geneigten Arbeiter 2c. in Ordnung A Ratten. Fast die Hälfte von Paris war der Schauplaß des Aufstandes. Die 8te, Dte 12te Legi x National-Garde haben dem Aufstande Ste, 9te und 12te Legion der National . ber wesentlichen Vorschub geleistet, Jnsbesondere hielt R v 12ten Legion zu den Jusurgenten. Die Minorität, welche, als Rap- pel geschlagen ward, zu deu Sammelpläßen cilte, um die Mybnung zu vertheidigen, wurde {uell umringt, bedroht und gezwungen, [e fort nah Hause zu gehen. Lex Oberst - Lieutenant , welcher seit Barbès’ Verhaftung die Legion befehligte, mußte zusehen, wie seine Leute Barrikaden errichteten, die sodanu von Offizieren und Muttee offizieren der Legion befehligt wurden. Zwei dieser e aro einen Unteroffizier nahm die Mobil-Garde gefangen. Muf E us rifade zu la Chapell fochten ein Capitain und ein Lieutenant der aa C ; Garde. Als General Lebreton dieselbe nahm, zogen sie fich burg e suchten ihn zu überreden, daß sie nicht für die Insurgenten ge np hätten. Der Bataillons-Chef der Gemeinde sagte jedoch gegen sie At g sie sind jeßt unter den Gefangenen. Um die Mwaluunsa der Na= tionalgarde von Montmartre zu bewerkstelligen, erief man sie zur Revue, und beim Defiliren wurde sie aufgefordert, ihre Flinten ab= zugeben. Auf den Höhen waren mehrere Kanonen aufgepflanzt, um nöthigenfalls dieser Forderung Nachdru> zu geben. Son hat nan viele Wagen mit etwa dreißigtausend Flinten als Ergebniß der Entwaffnung nach Vinceunes gesandt. Gestern frlib fan man längs der ganzen Straße Neuve - des - Petits - Champs3

Zündkugeln, die unter den Füßen der Vorübergehenden zey=

sprangen, Das Haus Victor Hugo's war eine Zeit lang im Be- siße der Insurgenten; sie waren durch die Hinterthür, wo sie Feuer anlegten, eingedrungen und schossen aus den Fenstern auf die Trup- pen. Madame Hugo, die allein zu Hause war und die sie als Geisel festnehinen wollten, entkam mit Mühe. Die beiden Söhne V. Hugo's hatten sih aus freien Stücken bewaffnet und zu den Truppen begeben; Beide sollen si< lobenswerth benommen haben. Herr Ledru - Rollin, den man seit vorigem Freitag nicht gesehen hatte, erschien vorgestern wieder in der National - Versammlung. Viele Frauen haben si< zur Hülfeleistung in den Spitälern angeboten. Als die Truppen in der Vorstadt Saint = Antoine eindrangen , fauden sie rothe Plakate angeschlagen, worauf zu lesen war: „Der Sieg wird den e<ten Demokraten Reichthümer bringen ; die Niederlage wird die Niederbrennung und Zerstörung der Vorstadt St. Antoine zur Folge haben.“ In dem Keller eines Hauses diejer Vorstadt fand die Nationalgarde 37 bewaffnete Männer mit 167 ge= ladenen Flinten und Werkzeugen zum Kugelgießen. Sie ergaben si ohne Widerstand. Eines der verhafteten Weiber gestand freimüthig, daß sie drei Mobilgardisten die Köpfe abgeschnitten habe. Auf mehreren Barrikaden waren Köpfe aufgeste>t. Einem hatte man den Mund mit Theer gefüllt, einen angezündeten Docht hineingeshoben und den Kopf auf eine Pike gespießt, welhe von den Jusurgenten unter dem Rufe : Lampen! umfkanzt wurde. Mehreren Gefangenen stachen die Jusmgenten neben anderen Martern die Augen aus, Der Schuß, welcher den Erzbischof Affre tödtete, fiel aus cinem Hause, wo die Jusurgenten einen Posten aufgestellt hatten. Sämmtiiche Arbeiter der Vorstadt St. Antoine haben beschlossen, dem Leichenbegängnisse des Prälaten beizuwohnen. Eine Kanonenkugel hat den einzigen Freiheitsbaum zerschmettert, der noh von 41791 hèr in Paris stand. Bei einer Haussu- <ung in der Vorstadt St. Antoine wurden vier Soldaten mit Dol- hen und Messern ermordet. Die Thäter entfamen über die Dächer. Tas ournal des Débats berichtet: „Die Zahl der Opfer ist A beiden Seiten ungeheuer groß. Einige schätzen dieselbe auf 10,000 Mann, sowohl Todte als Berwundete. Die meisten Wunden sind gräßlich. _Zur Würdigung der Verluste im Allgemeinen genügt es, 1e gefrossenenen Generale aufzuzählen. Von zehn Kommandiren- den sind fünf „verwundet worden: Bedeau, Duvivier, Damesme, Korte, Lafontaine, Fouhé, und zwei getödtet: Negrier und Brea. Vie Generale Lebreton, Perrot und Lamoricière sind verschont ge- blieben ; Lebterem sind zwei Pferde unter dem Leibe “getödtet worden, Vie ältesten Soldaten versichern, daß niemals in den Schlachten des Kalserreihes das Verhältniß der getödteten und verwundeten Generale so beträhtli<h gewesen war, und daß man bei feiner Erstürmuug von Festungen oder Redouten so viele Leute verloren hatte, als bei den pariser Barrikaden in den furcht- baren Juni Ereignissen, Die Zeitungen der Departements, welche uns von allen Punkten Frankreichs zukommen, können ein Bild von den Oefühlen geben, welche das ganze Land beseclen. Mit Schmerz und Besorgniß wurden die ersten telegraphischen Depeschen in den Provinzon aufgenommen; daun folgte auf diese este Bewegung des Schre>ens, wohl gerechtfertigt dur< den unsicheren Ton derselben eine begeisterte Regung, welche die National-Garden von ganz Frank- reih zur Hülfe des mit Verbrehen und Barbarei bedrohten París treibt, na< Paris, welches einen Kampf bestand, dessen Resultate er- shre>lid< werden konuten. Jnmitten des Schmerzes, welchen uns die gräßlihen Ereignisse der verflossenen Tage verur= sachen, muß diese so energische, \o freiwillige Einstimmigkeit ezranfrei<s8 die Bitterkeit der Gegenwart versüßen und Hoffnung slr die Zukunft des Vaterlandes geben, Ein Land, welches sich \v lebendig vom wahren Justiukt der Ordnung beseelt zeigt, welches \v energisch entschlossen ist, sich selbst zu retten, muß wohl gerettet wer= den!“ Dasselbe Blatt berichtet, daß die Regierung vorgestern 40 bis 50,000 Nationalgardisten, welche aus den Departemeuts herbeigeeilt waren, na< ihrer Heimat entlassen habe. Bei der über die Natio- nalgarden der Provinzen abgehaltenen Heerschau waren nicht weniger als 41 Stadte durch bedeutende Kontingeute vertreten. i z

Ver Moniteur theilt mit, daß bis jebt in Folge des Dekrets vom 28. März 2500 Personen naturalisirt seïenz; der Justiz-Minister habe aber nun beschlossen, kein Gesuch um Naturalísirung zut gewäh=- ren, so lange die Geseßgebung über diesen wichtigen Punkt nicht de- sinitiv festgestellt sei, |

Dasselbe Blatt enthält heute folgende Widerlegung eines Gerüchts: „Die Verleumdungen, welhe mehrere Organe der Presse tägli vorbringen, sind gar nicht zu zählen, So habeu einige Blät- ter gemeldet , Herr Lalanne sei verhaftet. Die Hinoebung dieses ehrenwerthen Bürgers hatte ihn vermocht, seine wissenschaftlichen Arbeiten zu unterbrehen, um die Leitung der Nationalwerkstätten zu übernehmen, und es is unbegreiflich, woher jenes fals<he Gerücht hat ge\{öp|t werden können.“

Straßburg, 28. Juni. (Köln. Z.) Seit gestern sind wir wieder in unmittelbarer telegraphischer Verbindung mit Paris, und alle Depeschen lauten beruhigend, Die Bestürzung war hier während der lebten Tage gränzenlos, Sechs Compagnieen der National= Garde wollten diesen Morgen nah Paris aufbrechen, allein ihr Ab- marsch ist glücklicherweise unnöthig geworden. Folgende Bekauntma ung war bereits von dem Kommissar der Regierung gestern erlassen : „Die Bürger, welche unseren Brüdern von Paris zur Vertheidigung der Republik zu Hülfe eilen wollen, werden morgen den 28. Juni abreisen. Da Jedermann an der Aufrechthaltung der Freiheit und der Gesebe betheiligt i, so werden auch alle Bewohner \o viel als möglih zu den Kosten beitragen, welhe die Reise unserer National - Gardisten verursaht. Subscriptions- Listen sind auf der Präfektur und der Mairie, so wie in den Zeitungs-Büreaus, er- öffnet.‘ Kaum war dieses bekannt, als man si von allen Seiten anschickte, reie Gaben darzubringen, Dank der Vorsehung, der Zug is un- nöthig geworden. Es werden bereits Trauer = Feierlichkeiten für bie bei dem Aufstande in Paris Gebliebenen veranstaltet. Fräu- lein Rachel wollte gestern Abend im Theater als „Phädra ‘““ ausftre= ten. Die Munizipal - Behörde hat die Vorstellung untersagt. Ju dem Augenbli>e, wo no< Trauer in allen Herzen is, das Blut iu Paris no< rau<t uud so viele Familien uo< in banger Unge- wißheit über das Loos der Jhrigen sind, soll das Theater nicht geöffnet werden, Fräulein Rachel wird heute auftreten, nachdem die Trauer - Feierlichkeiten vorüber sind. Paris wird in deu nächsten Tagen no< größere Truppenverstärkungen erhalten, Bei uns, wie im ganzen Elsaß, herrscht die erwünschteste Ordnung, Alles ist für die Republik mit Ltebe beseelt, und man hofft, daß die leßten anarchischen Versuche mächtig zur Befestigung dcr Ruhe beigetragen habeu. Die östlichen Militair - Divisionen haben Befehl erhalten, 10 Bataillone Infanterie nah Paris zu schi>en, |

E Ly on, 26. Juni, (Köln. Z.) Die Aufregung, welche die Ereignisse in Paris und in Marseille bei uns hervorgebracht, läßt ernste Unruhen befürchten. Die Verkäufer von Zeitungen lassen sich sogar so weit aus, daß sie ausrufen: „Achelez ce journal, vous y VETNOZ les troubles graves qui doivent arriver cetle nuit à Lyon! _Dazu fam noch der verhängnißvolle Umstand, daß es dem General-Cinnegmer án den nöthigen Weisungen fehlte, den Fabrikan- ten Vorschüsse zu leisten. Der Kommissar ließ \{<on gestern in der Frühe folgende Bekanntmachung ergehen: „Arbeiter in den

339

Seiden - Fabriken! Eine bedauernswerthe Verzögerung für die Kredit- Eröffnung in der General-Eiñnehmerei macht es den Fabrikanten welche mit Anfertigung der Fahnen und Schärpen beauftragt sind unmög- lih, Euch Eure Löhne unmittelbar zu entrichten. Jh (ofe noch heute Abend durch den Telegraphen aus Paris Anzeige für die nö- thigen Kredit-Ermächtigungen zu erhalten. Habet Vertrauen in mein Wort, und seid ruhig!“ Es war eine verzweiflungsvolle Lage; die Arbeiter fügteu si< indessen und hörten nit auf die von mehreren Seiten in Gang gebrachten Aufreizungen. Abends fam die Weisung wirklich aus Paris an, und der Schaß ist heute in den Staud ge- sebt, die Zahlungen zu leisten. Militair und Nationalgarde sind be= ständig im Dienste. Das eïstere wird {on seit einigen Tagen in seinen Kasernen zurü>gehalten. Die heute von Paris ‘eingetroffenen beruhigenden Nachrichten erfüllen die Aufstaudsüchtigen , die beretts auf Umsturz der bestehenden Ordnung gezählt hatten, mit einem va- nischen Schre>en. Eine telegraphishe Meldung aus Marseille be-= richtet, daß auch dort die Ruhe wieder zurücgekehrt sei, Man hofft daß hier kein Ausbruch stattfinde, obwohl Hunger und Elend größer sind, als in den bedrängtesten Tagen der lebten Zeit. Fabrifanten und Arbeiter sind gleihmäßig zu bedauern.

Großbritanien und Jrland. London, 29, Juni. Ihre Majestät die Königin gab gestern an ibrem Krönungstage ein ‘aro- ßes Konzert, welchem auch die verwittwete Königin beiwolnte.

Das Unterhaus hielt gestern, wie gewöhnlich, nur eine kurze Mittags= Sißzung und verhandelte im Comité die Bill, welche die Beschränkungen und Strafen aufhebt, tie geseßlich noch gegen Ka- tholifen bestehen. Die hochkirhlihe Partei erneuerte ihren Wider- stand gegen die Bill, unter Leitung tes Mitgliedes für Oxford, Sir R. Jnglis, mit solchem Nachdru>, daß bei der Abstimmung die Stim- men gleih getheilt waren, Als der Vorsißende des Comité's seine Stimme zur Entscheidung für -die Bill abgab, protestirte Six R, FInglis dagegen, weil der Vorsißende eines Comités uicht die Rechte des Sprechers des Unterhauses habe, welcher allein bei Stim mengleichheit die Frage entsheide. . Gegen Sir R. Juglis, Mei- nung wurde nichts vorgebracht, und der Vorsißende selbt erklärte ihm sei kein Präcedenzfall bekanut, der hierin zur Norm dienen könnte. Unter diesen Debatten wurde die Sißung um 6 Uhr aufgehoben ohne daß man ein bestimmtes Resultat erreicht hatte. j

Am nächsten Dienstag wird die aus freien Beiträgen im Stadt- theile Lambeth am rechten Themse- Ufer erbaute katholische Kirche eingeweiht und dem Gottesdienste übergeben werden, Das Schif der Kirche ist größer als das der Westminster Abbey und steht die= ser an Pracht nicht nah, Nur der Thurm fehlt der Kirche. Von allen Theilen des Königreichs und auh vom Festlande werden zur Einweihungs=- Feier Prälaten und Geistliche erwartet.

Der Globe bemerkt in seinem Börsen - Berichte: „Die Divi denden der französischen Staats-Papiere wurden vorige Woche, troß aller Unruhen, richtig ausbezahlt, ein Unstand,, welcher Cn Re- gierung zu großer Ehre gerei<ht, Allerdings sind die französischen Finanzen in sehr bedrängter Lage, aber es is wahrscheinlich, daß die neue Regierung unter der kräftigen Leitung des Generals Cavaignac Bertraueu einflößen und nicht bloß den Haudel beleben, sondern auch ein regelmäßigeres Eingehen der Steuern herbeiführen wird. Die Hau- dels-Briefe aus Paris sind in der That schon etwas muthiger. Die Dinge lassen si<h auf dem Festlande überhaupt besser an, uud manu hot, daß Vermittelung in Jtalien und Deutschland Alles zuwege bringen wird, was durch Kriege erreicht werden fönnte.“

_ Nußland und Poleu. St. Petersbur a, 22, Unt Die Stk, Petersburgische Zeitung meldet: „Se. Majestät der Kaiser hat mit Vergnügen das an den rigashen General-Kriegs-Gouverneur von Lis-, Kur- und Esthland gerihtete Schreiben des oeselshen Adels- Marschalls, General - Major Dittmar, worin der dortige Adel die Gefühle aufrihtiger Ergebenheit ausspricht, von denen er bescelt ist, gelesen und Allerhöchst geruht, dem General-Major Dittmar erwie- deru zu lassen: daß Se. Kaiserlihe Majestät dem veselsen Adel

von Herzen dankt und nie an der Ergebenheit desselben gezweifelt hat, allergnädigst hinzufügend: der Adel könue wië bisher dadurch ein Zeugniß seines Eifers ablegen, daß er seine Kater anleitet, eben so treu und eifrig zu dienen, wie ihre Väter und Großoäter gedient haben und no<h dienen,“ :

_Die Polizei=Zeitung enthält Folgendes: „Seit dem 15ten d, M. sind in Neu-=Ladoga und in Schlilsselburg mehrere Personen m:t Symptomen der sporadishen Cholera erkrankt. Dergleichen Jâlle sind bald darauf auch hier in der Hauptstadt bemerkt worden,“ Zwischen dem 20. uud 24, Juni sind hierselbst 100 Per- sonen mit der Cholera ähnliheu Symptomen erfrankt ; davon sind 33 gestorben und demnach bis zum 24, Juni 67 Kranke verblieben. . (Gouv. Ztg.) Am 7, Juni, um 3 Uhr Nachmittags, i die Stadt Wladimir von einem \{<re>lihen Unglück heimgesucht worden. Der bevölkertste, gewerbthätigste und beste Theil derselben is ein Raub der Flammen geworden. Ungeachtet der Anstrengungen des Militairs und der Lösch- Anstalten, und tro der kräftigen Anordnun gen des Gouvernements=Chefs, verbreitete sich das Feuer mit großer Stnelligkeit von einem Dach zum andereu uud bildete endlich ein etuziges Flammenmeer. Die ganze furchtbare Gewalt des Feuers war gegen den Kaufhof gerichtet, wodur<h au< dem Kreml Gefahr drohte. Aber die auf diesen gefährlichen Punkt konzentrirten Anu- skrengungen des Militairs und der Lösch-Unstalten retteten den Kauf hof und bewahrten so den ohnehin von bedeutenden Verlusten heim- gesuhten Handel vor gänzlicher Veruichtung. Die Feuersbrunst daverte bis 7 Uhr Abends. Es sind 32 Häuser niedergebrannt, Uner 19 setuertte und, 14 hölzerne, in denen sich Herbergen, Buden, Bäkerläden, Scäuken und dergleichen befanden. Bei der raschen Ausbreitung des Feuers verbrannten in den Herbergen große Vorräthe vou Korn, Hafer, Heu u. #. 1. Iu der großen Haupt= straße, wo sonst die s{önen Gebäude stauden, und auf der einen Seite der Nikolskischen Straße sieht man jeßt nur von Rauch ge= färbte Mauern und Ruinen. Auch die Nikolskishe Kirche war in Gefahr, wurde jedoch durch die vereinten Anstrengungen der Löschen= den gerettet, Ueber die Eutstehungsart des Brandes i} die Unter- suchung eingeleitet.

Velgien. Brüssel, 30. Juni, Der Senat hat Herrn Du- mon = Dumortier zu seinem Präsidenten und die Herren von Baillet und Dindal zu Vice-Präsidenten, die Nepräsentanten-Kammer Herrn Verhaegen zu ihrem Präsidenten und die Herren Delfosse und von Broukere zu Vice-Präsidenten gewählt. Beide Kammern laben auch sofort ihre Adreß - Kommissionen ernannt, und im Senat wurde ge- stern bereits der Adreß = Entwurf vorgelegt und die Eröffnung der Diskussion desselben auf heute festgeseßt. Ju der Repräsentauten= Kammer ist die Vorlegung des Entwurfs zu heute angekündigt. Un= ter den Mitgliedern des jeßigen Senats befinden si< nur no< drei, die im Jahre 1831, bei Bildung dieses gesezgebenden Körpers, dem- selben angehörten, uämli<h Graf Vilain X[111,, Marquis von Rodes und Baron vo Pelichy van Huernez diese drei waren auch Mitglie= der des Kongresses, der die Unabhängigkeit Belgiens proklamirte. Bei der Präsidentenwahl in der Nepräsentanten-Kammer batte Herr Verhaegen 73 Stimmen unter 90. Bevor der Alters-Präsident dem neuen das Präsidium überließ, sprah er unter Anderem folgende

Worte: „Wir leben în s{wierigen Zeiten, allein die Schwierigkeiten slud in unserer Mitte geringer, als bei den Völfern, die uns um- geben. Wenn die Stürme uns nicht treffen, so geben sie uns do< Erfahrung. Die Abgrüude, welche ofen sind, zeigen uns die Noth= wendigkeit des Strebens, zu erkennen, wohin wir schreiten. Wir werden Alle unsere Aufmerksamkeit auf die Bedürfnisse der Nation, auf ihre moralischen, materiellen und finanziellen Bedürfnisse richten. Wir werden Alle die Hülfsmittel, die sie uns zur Verfügung ftellt, gebrauchen, aber nie mißbrauhen! Also fühlen wir, wie Eintracht Kraft giebt, Jn demselben Jnteresse vereint, Alle in derselben Liebe zum Vaterlande verbunden, Alle in demselben festen Willeu verbun- den, die Freiheiten, die wir erobert, unveränderli< zu erhalten, und dieser Moment ist dafür Bürge. Wenn in Umständen, die man nicht voraussehen fann und in einer ohne Zweifel sehr fern liegenden Zeit man dieselben angreifen müßte, so müßte dies nur mit Zittern ge= \hehen, wie man die heilige Are berührt, weil man es als die hei- E wiserte politishen Existenz, unserer Freiheiten und des Glüde unseres Vaterlandes betrachten müßte. (Beifall.) Der neue Präsident nahm darauf den Präsidentenstuhl ein, sprach seinen Dank für das ihm gewordene Vertrauen aus und legte die Grundsäße dar, nah welchen er sein Amt mit Unparteilichkeit und Festigkeit verwal= ten würde. Schließlich wurde noch die Adreß - Kommission erwählt. pie verlautet, wird die jeßige Session nicht von langer Dauer sein. __ Derr Vumon - Duwortier hat seine Eutlassung als Gouverneur des Hennegau angedbotenz dieselbe is angenommen und einstweilen Derr Vemoriamé, Mitglied der permanenten Deputation, mit den Zunctionen dieses Postens beauftragt worden, : L Mittelst Königlicher Verordnung vom 28sten d. wird der Termin für die sreie Einfuhr von Vieh, Megl und Gries bis zum 1. Okto- ber d. J. verlängert; ausgenommen sind bei der Vieh - Einfuhr die Gränzen der Provinz Luxemburg.

Borgestern fand hier die Vermählung des sardinischen Botschaf= ters am hiesigen Hofe, Grafen von Montalto, mit der Marquise Olle, de Trazeguies, Grundbesißerin in Brüssel, statt.

Dpufsel, L Ut Gestern hat der Senat die von der Kom- mijsion vorgelegte Antworts-Adresse auf die Thronrede mit unbedeu= tenden Modificationen einstimmig angenommen, es waren 39 Senato- ren bei der Abstimmung anwesend. Jn der Repräsentanten-Kammer wurde der Adreß-Entwurf der Kommission verlesen.

pr , 4 Spanien. Madrid, 25. Juni. Das hier seit der Abreise des Sir Henry zurü>gebliebene Personal der englischen Gesandtschaft hat vorgestern aus Loudon Befehl erhalten, gleichfalls nah England zurückzukehren, Nur cin mi Unterzeichnung der Pässe beauftragter RKauzlist wird hier verbleiben. Die diesseitige Regierung legt keine besoudere Bedeutung auf diese formelle Erweiterung der eingetretenen Unterbre<ung der diplomatischen Beziehungen mit England und stübt sich dabei nit weniger auf die ihr beiwohnende Ueberzeugung von ihrem guten Recht, als auf den Nachdru>k, mit welchem die engli= chen Minister die kriegerischen Gerüchte, welhe in Folge der Ab= reise des Herrn Isturib an der londoner Börse in Umlauf waren, ein Ziel zu seben, Der Heraldo sagt: „Indessen scheint Lord Palmerston, während er den fkriegerishen Gerüchten- in London wi= verspricht, diesen in Madrid Glauben verschaffen zu wollen. Keine andere Bedeutung tönnen wir der Abreise beilegen, welche, wie man uns versicert, alle Mitglieder der hiesigen englischen Gesandtschaft bowerfstellizen sollen. Wenn man uns dadur Angst einflößen will, jo \<lâgt man nicht den re<hten Weg ein, denn wir haben hinläng- liche Erfahrung, um fest überzeugt zu sein, daß dadur die Frage unverändert bleibt, uud bei der Höhe, auf welcher diese s{webt, ha- ben wir zu vielen Patriotismus, um uns einschüchtern zu lassen, er- folge, was da wolie.‘“ ___ Der französische Geschäftsträger, Herr Lesseps, hat häufige Zu- jammenkünufte mit dem Minister der auswärtigen Angelegenheiten.

Der Heraldo theilt einen Brief aus Melilla (Afrika) vom l5ten mit, demzufolge die dortige spanishe Besaßung einen Ausfall machte und den den Plab bedrängenden marokkanischen Horden ein blutiges Gefecht lieferte. „Am meisten“, so heißt es in dem Be-= richte, „zecicbneten unsere Truppen sh auf dem Rückzuge aus, deun sie wichen feinen Schritt, ohne den Feind, der ihnen folgte, zu ver= nichten. Da die 125 gefangenen Mauren erklärten, den Tod der Gefangenschaft vorzuziehen, so ließ unser General sie mit Lanzen ntederstoßen.“‘ s

D E dara ois Blätter geben ausführliche Berichte über ein S u di „_vorgefa ees Treffen, in welchem 16()0 (nad) Anderen 00) Rarlisten ein 500 Mann starkes Truppen = Corps vollstän= dig aufrieben, Hundert Soldaten blieben todt auf dem Plate die übrigen geriethen in Gefangenschaft, Von Barcelona rü>ten am lten in aller Eil zwei Bataillone nach Berga aus, um ein ande- res Detaschement, das von Karlisten eingeschlossen war zu retten.

_Ju Mauresa wurde eine Verschwörung in republifanishem Sinne entded>t. Elf Personen, der Klasse der Proletarier angehörig, wur= den verhaftct. (Herald o.) id

S s __ Ver /ahrige Schriftsteller Seijas Prado, der nah dem Auf= stande vom 26, März hier verhaftet wurde, is im Gefängnisse am eteber gestorben. j

Am 2lsten wurde in Saragossa der Hauptmann Guilluma weicher seine Compagnie zum Aufstande zu verleiten gesucht hatte, nach erfolgtem Ausspruche des Kriegs aerichts erschossen. (Popular.)

Gesellschaft naturforschender Freunde.

Zn der Versammlung der Gesellschaft naturforschender Freunde am 20. Zuni theilte Herr Ant, Troschel seine Beobachtungen über die Fort- saße der konkaven Seite der Kiemeubogen bei den Knochenfischen mit, die dazu bestimmt scheinen, das Vordrängen verschluckter Gegenstände zu den Kiemen zu verhindern, Es scheint, als ob die verschiedeue Bildung dieser Bewaffnung als Charakter für die Systematik brauchbar werden fönute, Verr Link redete über die Warzen, womit die Flachsseide (Cuscuta) in andere nahestehende Pflanzen eindringt, um sich von ihuen zu nähren, auch legte er Zeichnungen von dem inneren Bau derselben vor. Sobald Cus- cuta eine andere Pflanze berührt, wenden sich die äußeren Zelleureihen der Ninde nach außen und bilden eine kegelförmige stumpfe Warze, Die Höhe lung, welche dadurh im Junern derselben entsteht, wird durch Querzellen ausgefüllt, welche senkrecht auf der Axe stehen z Gefäße sieht man noch uicht in thnen. Lokere Zellen, wie Papillen, bede>en die äußere Oberfläche. Diese Warzen senken sich nun in die Rinde der Nährpflanze und dringen bis auf das Holz derselben ein, so daß man die Querzellen der Warzen mit den nachgewachsenen Spiralgefäßen in ihrex Mitte von der Rinde der Nähr- pflanze ganz umgeben sieht, Es gleichen also diese Warzen völlig den Wurzelspißen, womit die Pflanzen die Erde durchdringen, ‘um daraus die Nahrung zu ziehen, Herr Münter zeigte daumstarke Wurzeln aus Ueber- wallungsmassen hohler Linden, Weiden und Pappelu, die im Junern des hohlen Stammes von oben herab in die auf dem Boden liegende Holzerde herabgetrieben waren und bei einer Linde die Dicke vou 3—4 Zoll Quex- durchmesser erlangt hatten, Desgleichen zeigte derselbe freie, unter dex Niude von Sabuus aucuparia liegende runde und ovale Holzmajsen, die nicht so- wohl als Concretionen, sondern als unausgebildet gebliebene Zweige zu be- trachten sein dürften, Ï

————D