1849 / 153 p. 1 (Preußischer Staats-Anzeiger) scan diff

- Prásidenten Rettenmair auf, den Prási=

tenstuhl E hen Ae Mac elwa einer halben Stunde trat derselbe wieder ein und verkündete der Berta ung daf de in Reutlingen gewählte Deputation wünsche, persönlih in der . am- mer der Abgeordneten vor elassen zu werden, um sich der ihr in Reutlingen gewordenen Aufträge zu entledigen. Der Präsident theilte zuglei mit, daß er die Deputation vorläufig abschlägig be- schieden habe, indem ihr Verlangén gegen $. 70 der Verfassung verstoße, nach welchem die Stände Deputationen weder empfangen noch absenden dürfen. Becher beantragt, den betreffenden Ver= fassunge-Paragraphen im Drange der Umstände dur einfache Ab= stimmung abzuändern. StaatsrathGo ppelt protestirt hiergegen, indem der Regierung, nicht der Kammer das Recht derJnitiative zuBVerfassungs= änderungen zustehe. Seeger bemerkt, eine Verfassungsänderung föme blos im Wege der Petition beantragt werden; die Kammer könne für sich nicht selbstständig über die Verfassung hinweggehen. SGnizer ermahnt, wie dringend die Sache sei. „Dem Volke ist““, sagt er, „die Geduld ausgegangen. Wären Sie gestern in Reut= lingen gewesen, so hätten Sie sich selbst überzeugen können. Jn dieser außerordentlichen Zeit und in diesem außerordentlichen Falle sollte von der Regel abgegangen werden. Vor wenigen Wochen wurden ja ebenfalls Deputationen in diesem Saale zugelassen,“ (Stimmen: Nein!) Hölder: Das waren nur reservirte Pläze.) räsident: „Die Deputirten wurden allerdings, aber als Zuhörer zugelassen. Ucbrigens war es auch damals eine Aus= nahme, und es wird in Zukunft niht mehr geschehen.“ (Meh= rere Stimmen: Bravo!) Schnizer: „Allerdings wurden da=- mals die Deputirten als Deputirte zugelassen. Sie Üübergaben \hriftlich ihre Forderungen.“ Holzinger: „Das wird nicht mehr geschehen.“ MRettenmair: „Wie oft wurde die Ver- fassung von der anderen Seite verleßt! Hier liegt ein E Grie Fall vorz es bedarf eines außerordentlichen Be= \{chlu}ses.“ Prälat Gerock spricht von einer „sogenannten‘“ Depu= tation und hält deren Zulassung für ganz unconstitutionell und rechtswidrig. Der Präsident ermahnt den Prälaten, es möchte Niemand belcidigt werden. Rey scher erklärt sich ebenfalls gegen eine einseitige Verfassungs-Aenderung. Die Junitiative 'gebühre der Regierung. Derjenige begreife die Zeit {lecht, welcher diese Ver- sammlung gleichsam în einen unfreien Zustand verseßen wolle. Jeder= mann erinnere sih doh der Folgen, welche in der französischen Re- volution die Dulasung solcher Deputationen hatte. Duvernog9: ,„Das Erste von Allem is die Festhaltung am Grundgescße. Die Freiheit der Kammer verlangt, jedes derartige Ansinnen fest und entschlossen zurückzuweisen. Jch fordere Sie auf, meine Herren, das Recht treu und redlich zu wahren.“ (Bravo-Rufe.) Becher zieht hierauf seinen Antrag zurück, Sofort beschließt die Kammer, die Anordnung ihres Präsidenten zu genchmigen, d. h. die Deputation nicht in die Kammer zuzulassen und zur Tagesordnung überzu=

gehen. ; E : BMusllaud.

Defterreich. Debreczin, 14. Mai. (Oesterr. Corr.) Gemischte Sißung der National-Versammlung in der großen refor=- mirten Kirche. Vormitiags 11 Uhr. Präsidenten: Sigm. Perényi und Paul Almäsy.

Präsident Paul Almäásy+ „Verehrte National-Versammlung! Von jenen Unglücksschlägen, womit der meineidige Verrath unser armes Vater- land heimsuchte, blieb ein Gefühl übrig, ungebrochen, ja neuerweckt, das Freiheitsgefühl der Nation. Die Nation hat gewollt; eine Nation braucht nur zu wollen, um frei zu scin, und _ist dieser Wille durch jene tapfere Armee bethätigti worden, deren Banner für den Triumph, die Freiheit und den Ruhm des ungarishen Namens sich entfalten. Die Nation hat ge- wollt, daß an die Stelle der Usurpation fremder Juntcressen sie selbst die Macht und Gewalt repräsentire, vor der Jedermann im Vaterlande sich büde, daß die heilige Herrschaft der Volks - Souverainetät jeae Kuppel sei, unter deren Bogen die Freiheit wohne. Und ihr Wille wurde zur That durch jencs Manifest vom 19. April, womit eine neue Epoche des europäischen Lebens unseres unabhängigen Vaterlandes beginnt. Die National-Versammlung hat von der Nation die ihr verlichenen Souverainetätsrehte übernommen und zum Gouverneur-Präsidenten an die Spiße der ungarischen Angelegenheiten jenen Mann gestellt, dessen Name Eius is mit der heiligen Empfindung unseres Freiheitskampfes, Ludwig Kossuth, (Lange anhaltendes, begeistertes Eljen- rufen.) Und er, gemäß dem Willen der Nation, wird heute als erster Be- amter Ungarns den Schwur der Treue für Freiheit, Nationali: ät und Ge- seß in die Hände der Nation ablegen. Mir, als einem der beiden Präsi- denten der souverainen National-Versammlung, is das Glück zu Theil ge- worden, daß ich den Herrn Gouveneur Ludwig Kossuth zu dieser feierlichen

Handlung auffordere.““ Ludwig Kossuth, Gouverneur von Ungarn, legt den von Paul Almásy vorgesprochenen Eid in folgenden Worten ab: „Jch Ludwig Kossulh, durch die National-Versammlung erwählter Gouverneur- Präsident, beshwöre die Aufrechthaltung der Unabhängigkeits-Erklärung der Nation in alley ihren Konsequenzen und den Gehorsam für die Geseße und Beschlüsse der National - Versammlung, So wahr mir Gott helfe.“ Hierauf fährt der Gouverneur - Präsident fort: -„, Meine Herren! Der Eid, den ih abgelegt habe, hat das Prinzip der Souverainität der Nation feierlich sanctionirt. Sie haben durch den Eid, den Sie mir vorgeschrieben haben, Gott zum Zeugen gerufen, daß in unserem Vaterlande jede Gewalt nur von der Nation Mita eina fann, und daß es feine Gewalt giebt oder geben kann, die der Nation nicht Verantwortlichkeit schuldig wäre. Seien wir für ewige Zeiten einig und einverstanden in der Aufrechthaltung dieses Prinzips, Bleibe sür ewige Zeiten das Unglück von der Nation fern, daß sie entweder aus Furcht, aus Liebe oder Anhänglich-

schel fordert

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Feit jemals auch nur im Allergeringsten dieses Prinzip aufopfere. Nicht der

sterblihe Mensch, aber selbst der allmächtige Gott nicht kann einer Nation ein Geschenk verleihen, um deswillen es sich verlohnte, die Freiheit als Preis hinzugeben. . Auße1halb der Grundlage der Volkssouverainetät giebt es aber keine Freiheit. “Jch , meine Herren! Jch shwöre Jhnen den Gehorsam für jene Gescye und Beschlüsse, die Sie kraft Jhrer von der Nation ersaltenen Gewalt bringen werden, Doch diesen Gehorsam haben Sie selbst Zhrer- seits vor Gott gemäß dem ersten Punkte meines Eides an die Pflicht ge- fnüpft, daß Jhre zu bringenden Geseße und Beschlüsse nur auf: die Siche- rung der Unabhängigkeit und Freiheit der Nation hinzielen werden, Jhr Patriotismus dient als Unterpfand, daß die beiden Punkte métnes Eides nicht gegen einander in Zusammenstoß gerathen werden, was für Tage. der Gefahr und der Versuchung Gott immer über uns verhängen möge. Zhr Patriotismus dient als Unterpfand, daß ih, Jhre Geseye befolgend, die Unabhängigkeit der Nation aufrecht erhalten und verwirklichen werde. Wenn jemals dieje meine beiden Pflichten gegen einander in Widerspruch gera- then sollten, gte ih Jhnen, mcine Herren, daß ih freiwillig jene Ge- walt in Jhre Hände niederlegen werde, womit Sie mich bekleidet haben, um als bloßer Privatbür „er an dem Gebäude der Unabhängigkeit der Nation mich mit zu bethätigen, Auf Zhren unerschütterlichen Patriotismus mich stüßend, gelobe ih, daß, wenn ih bald, eniweder weil das Werk der Rettung ‘des Va- terlandes beendigt sein wird, oder weil Sie früher es befehlen werden, in die einfache Stille des Privatlebens, wona ih mich warm sehne, zurückehren werde, ich ohne den Leidenschaftsr:iz des Mißbrauchs oder der Gewaltgier, in Jhre Hände jene Macht niederlegen werde, deren Verantwortlichkeit Sie auf meine s{hwachen , aber treuen Schultern gelegt haben, (Eljenruf.) Meine Herren Minister! Gemäß dem Befehle der Nation legen Sie nun in meine Hände den Eid ab, den der Notar der National- Versammlung vorsprehen wird,“ Barthol, Szemere, Präsident des Minister- rathes und Minister des Jnnern ; Graf Kas. Batthyany, Mi- nister der auswärtigen Angelegenheitenz Sabb. Vukovics, Justiz- minister; Bischof Mich, Horvath, Kultusministerz Franz Du- \hek, Finanzminister, legten den vom Notar des Repräsentanten- hauses, St, Gorove, ihnen vorgesprohenen Eid mit folgen- den Worten zugleich ab: „Jch (jeder Minister spricht hier seinen Namen und den Titel seines Amtes aus) beschwöre die Aufrechthaltung der Unab- hängigkeits - Erklärung der Nation in allen ihren Konsequenzen und den Gehorsam für die Geseße und Beschlüsse der National-Versammlung, und daß ih denselben Erfo'g verschaffen werde, So wahr mir Gott helfe.“ (Aahaltendes Eljenrufen,) Gouverneur Ludwig Kossuth: „Es lebe das Vaterland!“ (Eljenruf.) Präsident: „Die Sizung is aufgelöst,“

, Großbritanien und Jrland. London, 31. Mai. Die diesjährigen Ausgaben für die Civil - Departements der englishen Staats=Verwaltung betragen 3,925,731 Pfd. St. Da- von kommen auf öffeutliche Gebäude 461,905, auf Gehalte für Be- amte 1,083,231, auf die Rechtspflege 1,196,814, auf Unterricht, Wissenschaft und Künste 386,189, e Kolonialvcrwaltung und Kon=- sulate 421,703, Pensionen und Gnadengaben 200,652, zufällige und vermischte Ausgaben 175,237 Pfd. St.; das Ministerium des In- nern kostet 25,400, das Schaßamt 53,200, das auswärtige Amt 76,000, das Kolonialamt 36,900, das geheime und das Handelsamt 43,000; die Armenbehörde in England 35,136, in Irland 47,314, und 15,908 Pfd. St. außerordentliche Ausgaben.

Veber die traurigen Vorfälle zu New=York hat man nunmehr nähere Aufschlüsse erhalten. Der E. Schauspieler Forrest, der in Naturrollen und in derben Charakterrollen ausgezeichnet ist, dem aber das feinere Publikum wenig Geschmack abgewinnen konnte, fand bei seinem Gastspiele in England {wachen Beifall und bil= dete sich ein, daß der englische Schauspieler Macready, der sein Rival in Shakekspeareschen Rollen ist, dies durch scinen Anhang be= wirkt hätte. Da nun Mäcready- seit einiger Zeit in den Haupt= städten Nord-Amerika's mit glänzendem Erfolge gastirte, so erwachte Forrest's Eifersucht, und er suchte durch seine Freunde und gewisse Orgaue der Presse sich an seinem Nebenbuhker zu rächen, Uchri= gens floß die Erbitterung gegen die Vorstellung im Astor - Theater auch aus Klassenunterschieden, da man nur im \{chwarzen Frack und mit weißen Glacé - Handschuhen im Parterre erscheinen durfte. Man schimpfte weidlich auf die Vorliebe der Geld - Aristókra- ten für den englischen Tragöóden, dazu kam- noch ultrademokralische Aufreizung gegen den verhaßten Engländer, und so gingen deun die Volkshaufen zu offenen Gewaltthätigkeiten über, welche mit Blut= vergießen endeten und noch“ s{hlimmere Folgen hätten haben können, wäre man nicht gleih mit Energie eingeschritten. Die Sache sah so bedenklich aus, daß ein paar Geschüße, mit Kartätschen geladen, vor dem Astor-Theater aufgefahren werden mußten, und es wurden mehrere Salven gegeben, ehe sich die Massen entfernten. Macready gelang es, als Seldat verkleidet, zu eutkommen, um nie wieder nah New-York zurückzukehren. Der Mayor von New-York erließ eine Proclamation, worin er vor Zusammenrottungen warnte, indem die Ruhe der Stadt mit aller Macht aufrechterhalten werden müsse. Man glaubt übrigens nicht, daß die Sache weitere Folgen haben werde. Macready befindet sich jeßt zu Boston und will, mit der Hibernia“ nach England zurüdckehren.

Vereinigte Staaten von Nord- Amerika. New- Yorf, 15. Mai. Das hiesige Journal of Commerce enthält folgende Bemerkungen über die finanzielle Lage, den Kredit und die Schuldverschreibungen der Union. „Seitdem sich zu Anfang unseres jeßigen Gouvernements in Folge der obwaltenden Ungewißheit Über die Pläne des Taylorschen Kabinets ein Sinken unserer sämmt-= lichen Staatspapiere zeigte, haben sich dieselben wieder bedeutend erholt und fester gestellt. Man is zur Einsicht gelangt, daß unser öffentlicher Kredit zu fest und wohlbegründet ist, um unter dem Ein-

fue eines Wechsels unserer Kabinetspolitik mehr als vorübergehend eiden zu können. Kaum drei Jahre zurück hatten wir in Europa beinahe keine Abnehmer für unsere Gouvernements - und Staats= scheine, und dennoch war \{chon damals vor dem mexikanischen Kriege der Werth der Vereinigten Staaten-Anleihe für 1862 (gegenwärtig 4 pCt. unter derjenigen für 1868) 1419 bis 120 pCt, Vor der bedauernswerthen Katastrophe der Zinsweigerftng standen die 5proz. Stoks des Staates Pensylvanien 117 yCt., Jndiana 5proz. ursprünglich 110 pCt., Maryland 5proz. 116 bis 117 pCt., Ohio 6proz. 127pCt. Wir befinden uns seitdem in merklich günstigerer Lage. Neue Quellen des Réichthums haben sich uns aufgethanz unser Land hat an Ausdehnung und Macht gewonnen. Während die Ereignisse in Europa die dortigen Werthpapiere herabdrückten, hoben \ich die unserigen. - Man dürfte sich nicht wundern, wenn bei den ver= mehrten Hülfsquellen unseres Landes und der fortgeseßten Nach=- frage für unsere Papiere in Europa die 6proz. Vereinigte Staa- ten - Anleihe binnen Jahresfrist auf 130 bis 140 pCt. steigen wür=- den. Bis jeht sind {on gegen 18 Millionen Dollars dieser Va- lute in Europa untergebraht, sämmtlich während der leßten 18 Monate. Berüsichtigen wir, daß 4proz. Massachusetts 102 pCt. stehen, und daß der Kredit eines Einzelstaates doch nicht größer ist, als derjenige 'unserer Gesammt=Union, so wäre ein Cours von 118 bis 120 pCt. für die 6proz. Vereinigte Staaten-Anleihe nicht mehr als verhältnißmäßig. Es mögen hier augenblicklichdavon nur 2 Mill. Dollars am Markte disponibel sein. Wir brauchen nicht daran zu erinnern, daß, dem leßten Beschlusse des Kongresses zufolge, die ganze Aus- beute des Verkaufs öffentlicher Ländereien in bprogentla? Vereinigte Staaten-Anleihe zum Marktpreise anzulegen ist, welcher Beschluß ehestens in Kraft tritt, und wird dann die Union selber jährlich für etwa vier Millionen als Käufer erscheinen. Sie besißt ferner einen Belauf von sechs Millionen Dollars indianischer Stocks, deren ganze Ausbeute ebenfalls in 6prozentiger Vereinigter Staaten-

nleihe verwerthet werden muß. Aus diesen Umständen geht zur Genüge hervor, daß der Kredit der Union immer nur befestigt und erhöht werden kann. Bots hae wird die Schuld {on vor dem wirklichen Verfall der Bonds thatsächlich erloschen sein, es sei denn, daß die Inhaber sich weigerten, zu verkaufen. Würde indessen aus unvorhergesehenen Ursachen ein neues Anlehen in ein paar Jahren nöthig sein, so ist es wohl kaum übertrieben, anzunehmen, daß ein 4prozentiges Vereinigte Staaten-Anlehen mit Leichtigkeit zum Pari- Course zu placiren in würde.

Wissenschaft und Kunst.

Königliches Schauspielhaus.

Tartüffe, nach Molière. Herr Wohlbrück aus Leipzig: Titelrolle. Hierauf (neu einstudirt): Der Lügner und sein Sohn. Herr Wohlbrück: Cra.

(2. Juni.) A ave

“Jm Tartüffe denkt man sich, obgleich die muthwillige Dorine in ihrem Haß si nicht eben schmeichelhaft über seine Person äußert, einen äußerlich woblgebildeten jugendlihen Mann von feinem Benehmen , der es in der Kunst, Frömmigkeit und Demuth zu heucheln, zur Virtuosität gebracht hat, da es ihm an Borbildern ächter Frömmigfeit in jener Zeit gewiß nicht ge- fehlt hat, ' Den Rath, den eine kritische Autorität dem Schauspieler giebt, gleich von vorn herein die Absichtlichfcit zu zeigen, erscheint deshalb et- was mißlih und eher geeignet, den Darsteller auf Abwege zu leitenz die Gefahr, den Zuschauer in die vollständige Zllusion zu seyen, is in der That Dank dem Autor im Tartüffe nicht so groß. Die religiöse Heuchelei, durch welche die Jesuiten, um die cs sich hier handelt, nicht Einzelne, sondern Generationen, Jahrhunderte täuschten, muß unzweifelhaft in der Regel mit aller der Meisterschaft ausgeübt wordem sein , deren ein guter Sckauspieler nur fähig ist, und derselbe wird in diesem Stücke gerade den richtigen Ein- druck bewirken, wenn er bis hart an die Gränze der Wahrheit zu gehen sucht, Tartüffe's Worte und Handlungen euthüllen seine Bosheit und Verschlagenheit genugsam, so daß es von jener Seite nicht noch der Zu- thaten bedarf. Der Dichter, von dem man sonst die feinste Zeichnung ge- wohnt, mag seinem Tartüffe absichtlih in zum Theil groben Zügen die Heuchelei aufgeprägt haben, um von seinem bigotten Zeitalter nicht der lebensgefährlichen Mißdeutung ausgeseßt zu sein, als wolle er die gläubig Frommen verspotten; um so mehr is es daher Aufgabe des Darstellers, dabin zu wirken, daß man die hartnäckige Verblendung Orgon's und seiner Mutter für möglich hält. Selbst in den ersten Momenten, wo die Lüstern- heit Tartüffe übermannt, wird er noch immer einige Herrschaft über seine Ge= berden, selbst über seine Blicke, behaupten und seine Frechheit nur sehr all- málig wachsen, Erst später, als er sih entlarvt sieht, travestirt und farikirt er scine’eigene Scheinheiligkeit, um den getäuschten Orgon ob seiner Leicht- gläubigkeit noch zu verhöhnen.

Herrn Wohlbrück sowohl als Herrn Rott (Orgon) beschäftigte díe komische Seite der Rollen fast ausscließlich, und das Spiel Beider ließ deutlich erkennen , daß sie selbs Figuren, wie diesen Orgon und die- sen Tartüffe niht für mögli hielten, wodurch das Ganze noch mehr den Anstrich eines Schwankes erhielt. Molière'’s Werk is in der deutschen Bearbeitnng ohnehin schon fast gänzlich ins Gebiet des Komischen gezogen und der Urtext überall palimpsestirt, unter Hinzufügung einiger Randverzie- rungen, die allerdings ein lautes Lachen erregen, vor dem Tribunal der Aesthetik aber shwerlich und vor dem der Sittlichkeit gewiß nicht mit Ehren bestehen können. Daß unser Gast vieles Einzelne gut zur Wirkung brachte, erwarb ihm Beifall, seinen Zügen und seinen Gliedmaßen mangelte es je- doch an geschmeidiger Beweglichkeit. Nicht einen Augenblick ahnete man den unheimlichen Schleicher , vielmehr sprach sih meistens «in seinem Habi- tus eine hausväterlihe Bon hommie aus, welche die Rolle ganz und gar verschob, so vortrefflich viese Bonhommie auch in der Posse: „Der Lüg- ner und sein Sohn“, als Herr von Crack angebracht war,

Bekanntmachungen. [276] Bekanntmachung.

Jn unserem Depositorium befindet sich ein unterm 24. November 1792 vom Husaren Rutter errichtetes Testament, von dessen Leben oder Tode bisher hierselbst nichts befannt geworden. Es werden deshalb in Ge- mäßheit des $. 218, Allg. Landrecht I. 12,, die etwanigen unbekannten Erb-Juteressenten hiermit aufgefordert, die Publication des Testaments nachzusuchen.

Bütow, den 24, Mai 1849.

Königl, Kreisgericht, 11. Abtheilung.

innerhalb

[4] P wendiger Verkauf. , Fainimonialgericht Egoldshayn.

Das im Dorfe Sta\schwiy belegene Bauergut mit allem Zubehör und den dabei besessenen, in dasiger Flur belegenen Wandel - Acckern des Johann Friedrich Kühling, abgeschägt auf 11,199 Thlr, 18 Sgr. 4 Pf, zufolge der nebst Hypothekenschein und Bedingungen in der Registratur zu Zeig H levenden Taxe, soll

am 6, Juli 1849, ormittags 141 Uhr an ordentlicher Gerichtsstelle subhastirt /

[145b] P

Nachlässe :

[144 b] Pro cla m a Mittelst dieses von Einem Wohledlen Rathe der Kai- serlichen Stadt Riga nachgegebenen Proclamatis wer- den von dem- Waisengerichte dieser Stadi Alle und A welche an den Nachlaß des verstorbenen Schiffs- apitains Wilhelm Alexander Olwieg, welcher bei der Strandung des von ihm geführten Schiffes „Carl“ am 12. Oktober a. p. bei der Jnsel Tislern an der shwe- dischen Küste, im Kattegat, mit verunglückt und seinen

Tod in den Wellen gefunden, imgleichen dessen allhier vor ihm in unbeerbter Ehe verstorbenen Ehefrau Marie und Olwieg, geb. Thom'on, irgend Anforderungen oder Erb- Ansprüche Ù! haben vermeineu, hiermit aufgefordert, sich Sechs Monaten a dato dieses affigirten Pro- flams, und spätestens den 7, November 1849 sub poena praecclusi bei dem Waisengerichte oder dessen Kanzlei entweder persönlich oder durch geseglich legiti- mirte Bevollmächtigte zu melden und daselbst ihre fan- damenta crediti zu exhibiren, so wie ihre etwanigen Erb-Ansprüche zu dociren, widrigenfalls selbige, nach Exspirirung sothanen termini praeßixi mit ihren Anga- ben und Erb-Ansprüchen nicht weiter gehört noch ad- mittirt, sondern ipso facto práfludirt sein sollen. Niga, den 7, Mai 1849.

Imp. Civ. Rig. Jud. pupill. Secrs.

Von dem Waisengerichte der Kaiserlichen Stadt Riga werden hiermit Alle und Jede, welche an nachstehende, mit Angabe ihres gegenwärtizen Bestandes benannte

werden, 1) des verstorbenen Privatlehrers, Ausländers Johann Heinrih Schramm, SR. 111, 553

2) der unverehelicht verstorbenen Dienstmagd Catha-

,__rina Hofak alias Hokaf oder Hokow, SR. 94, 34,

irgend welche Ansprüche als Erben oder Gläubiger zu

machen gesonnen sein solltenz imgleichen |

3) die Erben der im Jahre 1804 verstorbenen Lum- | berg- alias Lundbergschen Eheleute, nämlich des weiland hiesigen Einwohners Wilhelm Lumberg óder Lundberg und dessen gleichfalls vor ihm ver- storbenen Ehefrau Maria

569. 27%,

testens den. 7. November 1849 sub

C.A Tres, dirt sein sollen.

Riga, den 7, Mai 1849.

o c Tam a [146 b] deposito asservirt befinden, nämlich :

weiland Sop

herese, verwittwet ge-

wesenen Adachowsky, geb. Siegmund, SR. 1379,

4) die Erben des im Jahre 1806 verstorbencn Hand- lungsgesellen George Friedrich Hummel,

a:ifgefordert, im Laufe der peremtorischen Frist von Sechs Monaten a dato dieses affigirten Proklams , und spä- poena bei dem Waisengerichte oder dessen Kanzlei eniweder persönlich oder dur geseplih legitimirte Bevollmäch- tigte sich zua melben und daselbst ihre sundamenta ere- diti zu exhibiren, so wie ihre etwanigen Erb-Ansprüche zu dofumentiren, widrigenfalls selbige nah Exspirirung sothanen termini praehixi mit ihren Angaben nit ei- ter gehört, noch admittirt, sondern ipso facto präklu-

C. A. Trey, Imp. Civ. Rig. Jud. pupill. Secrs.

Ediktal-Citation. Demnach bei dem Waisengerihte der Kaiserlichen Stadt Riga seit längerer Zeit ih folgende Gelder in

1) in Nachlaßsachen der weiland Anna Sophia Voß, geb. Weber, zum Besten nachbenannter Kinder der il bia Helena Hellewadt, verwittwet ge- wesenen Wulff, geb. Hastbeck, nämlich: a) des Nicolaus Johann Hellewadt SR. 292, 15, b) des Cárl Friedrih Hellewadt SR. 292, 15, c) des Christian Gottfried alias Christian Frie- drich Hellewadt SR. 26. 90, - d) des Johann Ludwig Hellewadt SR, 292, 153

2) zum Besten des seit länger als 40 Jahren verschol- lenen Benjamin Johann Hemsing SR. 1156. 375; 3) zum Besten“ des seit: dem Jahre 1759 verschollenen Johann Hermann Malm SR. 307. 65z 4) zum Besten des seit dem Jahre 1804 verschollenen Hermann Johann Malm SR. 40003 5) zum Besten der bereits vor dem Jahre 1793 ver- - \hollenen Gebrüder Christian Heinrich und George Friedrich Schulz, von denen Erster angeblich in Hannöverschen Diensten gestanden, Leßter aber als Matrose Riga verlassen abt soll, SR. 735, 80, ohae daß die resp. Juteressenten ihre desfallsigen Ge- rehtsame wahrgenommen oder sih zum Empfange ge- meldet haben als werden von dem Waisengerichte , der Kaiserlihen Stadt Riga vorbenannte Verschollene oder, im Falle des etwanigen Ablebens derselben, deren eheliche Descendenten oder anderweitige Erben und Erb- nehmer, hiermit aufgefordert, in Zeit von achtzehn Mo- naien a dato, und spätestens den 7. November 1850 entweder in Person oder durch geseglih legitimirte Be- vollmächtigte vor besagtem Waisengerichte zu erscheinen und sih ad causam gehörig zu legitimiren, unter der Verwarnung, daß im Nichterscheinungsfalle benannte Verschollene für todt erklärt und das hierselbst zu ihrem Besten asservirte Vermögen ihren Erben, sofern dieselben als solhe sich zu legitimiren im Stande sein werden, ausgeantwortet werden solle, Leßtere aber, wenn sie in der anberaumien peremtorischen Frist sich niht gemeldet haben würden, mit allen Ansprüchen an sothanes Ver- mögen für präkludirt erachtet werden sollen, worauf so- dann mit selbigem den Geseßen gemäß versahren wer- den wird, Riga, den 7. Mai 1849, C: Ul Grey, Imp. Civ. Rig. Jud. pupill. Secrs.

SR,

praeclusi

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H

M! 153. -

Inhalt.

Deut \ chland.

Prenßen, Berlin, Die Geseye wegen Regulirung der gutsherrlich- bäuerlichen Verhä tnisse, Virordüungen des Genera!-Post-Amts. Oesterreich, Wien. Die Anklage gegen Pazmandy, Sturz des

polizei-Ministers Madaraß. Muünisterialrah von Geringer zum citer der Civil - Administration in Ungarn ernannt. Die komman- direnden Generale der Provinzen nah Wien berufen, Brünn, Mehrere Kreise in Kiiegszustand erklärt, Triest, Vermischtes. Junsbruck. Ankunft Kaiser Ferdinands nebst Gemahlin, Bayern. Kaiserslautern. Tagesbefehle, Herabsepung des Salz- preises, Zweibrüccken. Ausstand gegen die provisorishe Regierung. Sachsen. Dresden,- Die Besatzung. Berichtigung. Württem“ erg. Stuttgart, Kammer - Verhandlungen, Mecklenburg - Schwerin. Schwerin, Verbot der eigenmächtigen Voltsbewaffnung, Sachsen - Koburg - Gotha. Gotha. Die Konferenz der thüringi-

\cben Staaten. Altona, Das englische Kriegsdampfschif

Schleswig - Holstein. „Hecate‘’ nach Edckernföórde.

Frankfurt. Frankfurt a. M. Die Operationen an der Bergstraße, Beschluß der Minoritäts-Mehrzahl des Parlaments.

Hamburg. Hamburg. Verhandlungen der konstituirenden Versammlung.

YUnslaud.

Desterreich. Brescia. Ee, Mestre, Oesterrei- ische Besaßung in Malghera, Fortsezung der Beschießung. Krakau. Truppenbewegungen. L R

Frankreich. Geseypgebende Versammlung, Uebergabe des Prä- sidiums an Dupin, Mittheilung der Zusammensezung des nenen Mi- viste iums, Vollmachtenprüfung, Paris, Das neue Ministe- rium und die Watlen für das Kammer-Vüreav,— Die römischen Ängelegen- heiten, Petition aus dem obeten Elsaß, Die Wahlen für Algier.

Veimiscbtes. S Eroßbritanien und Jrland. London. Parlaments - Verhand- ßbritani I Der spanische Tarif -Entiwu f}, ==

luagen, Graf Montemolin, Konsulat am Niger. Vermischtes. tf

Belgien. Brüssel, Vertretung und Wechsel in der Gesandtschaft, Professor Arny.

Dânemark. Kopenhagen. Reicbstags-Botschaft,

Schweiz, Luzern. Revision des Leuen- Prozesses. /

talien, Florenz. Einmarsch der Ocsterrcicher, Vermischtes,

- Börjen- und Haudels - Nachrichteu.

Amtlicher Theil,

Veilage.

0 ' * s + Amtlicher Theil. Berlin, den 5. Juni 1849. Se, Majestät der König haben Allergnädigst geruht:

Den bisherigen Geschäftsträger zu Paris, Legations -Rath Grafen von 0 f A Allerböchslhrem 1 A Ge- sandten: und bevollmächtigten Minister bei der sranzösischen Repu= blik ; und ; ; O

Den bisherigen Postmeister Windmüller in Mühlheim a. d, Ruhr zum Ober - Post - Direktor in Koblenz zu ernennen.

Abgereist: Der Unter-Staats=-Secretair im Ministerium für Handel, Gewerbe und bfentlihe Arbeiten, von Pommer=-Esch e, nach Vad Kissingen.

Uichtamtlicher Theil. Deutschland.

reußen. Berlin, s, Juni. Ein lebhaftes Verlangen nadh Cn und Vercinfahung der Geseße wegen Regulirung der gutsherrlich - bäuerlichen Verhältnisse und wegen Abls ung der auf dem Grundeigenthum ruhenden Reallasten sprach sih gleich nach dem Zusammentritt der preußischen National - Versammlung sowohl in als außerhalb derselben laut aus. Die Revision einer ganzen Reihenfolge wichtiger Geseße, jener Geseße, welche man mit dem Namen ver agrarischen bezeichnet hat, konnte aber nicht sofort beendet werden. Diese Lage der Sache rief zwei vorbereitende Maßregeln hervor. Die National-Versammlung verlangte die Si- stinung aller Sireitigkeiten Uber die Rechtsverhältnisse, welche durch das vorbereitete neue Geseß geordnet werden sellten. Die Sisti- rung ward durch das Geseh vom 9. Okteber v. J. ausgesprochen und dauert noch - jeßt fort, Die Regierung dagegen trennte einen Theil der beabsichtigten neuen Bestimmungen von dem Ganzen - und legte -ihn als cincn Geseß - Entwurf wegen unentgeltliher Aufhebung verschicdener Lasten und Abgaben der National - Versammlung schon im Juli v. J. vor. Die Bera= thung über dicsen Geseß-Entwurf blieb unvollendet. ; Der zwischen der Auflösung der National = Versammlung im November v. J. und den Zusammentritt der Kammern im Februar d. J. liegende Zeitraum ist zur Aufstellung eines vellständigen, das Ganze jener zu regulirenden Rechtsverhältnisse umfassenden Geseb-

Entwurfs benuyt, welcher den Kammern vorgelegt worden.

Die Auflösung der zweiten Kammer hat die Berathung aber= mals hinausgeschoben, eine Berathung , welche unter dem Treiben einer leidenschaftlihen Partei allerdings nit gediehen sein und nicht zum Ziel geführt haben würde. Aber deshalb wird doch nit minder s{merzlich die Lüdke in der Geseßgebung gefühlt, deren baldige Ausfullung ein unabweisbares Bedürfniß gewor= den ist. i Möcten die Kammern , sobald sie wieder zusammengetreten ein werden, die vermeintliche Dringlichkeit s Partei= Liten heiseit segen und die wahrhafte. Dringlichkeit dieses ihnen

Preußischer

Staats-Anzeiger.

Verlin, Mittwoch den 6. Juni

vorliegenden Geseßes anerkennen, seiner Berathung bald und eifrig obliegen und dabei von der Ueberzeugung durchdrungen sein, daß es sich um die Heilung einer inneren Wunde handelt, von welcher Preußen gesunden d auf daß Fs gegen seine und gegen Deutsch- lands Feinde stark sei.

Ein wichtiges in jenen neuen Wéseß-Entwurf aus den bisheri= gen Ablösungs-Ordnungen für die westlihen Provinzen aufgenom-= menes Prinzip is das der Anwendung von Normal-Preisen, durch welche in den meisten Fällen die spezielle Abshäßung des Werths der abzulösenden Leistungen vermieden, das Ablösungsgeschäft sehr ver=- cinfaht und den Betheiligten eine Norm an die Hand gegeben werden soll, nach der sie selbs sicy die Berechnungen zulegen und Vergleichs-Vorschläge bilden können. Es ist zu erwarten, daß die- ses Prinzip in den weiteren legiólativen Stadien beibehalten werden wird, wenn auch der Entwurf vielleicht manche andere Abänderun. gen erleiden sollte. Die Ermittelung und Feststellung der Normal= preise, welche distriktêweise und unter Zuziehung von erwählten Vertretern der “berechtigten sowohl als der verpflichteten Grund- besißer geschehen soll; erfordert aber mannigfache und zeitraubende Vorbereitungen, bevor zu ihrer Ausführung geschritten werden kaun. Die Regierung hat sih deshalb, wie aus zuverlässiger Quelle be- kannt ist, für verpflichtet erachtet, diese Vorbereitungen schon jebt anzuordnen, so weit sie vor geseplicher Sanctionirung jenes Prin= zips zulässig und möglich sind. Sie hat die Auseinander- sebungs = Behörden mit einer Instruction zu dicsen Vorarbeiten, namentlich zur Sammlung der erforderlichen Nachrichten versehen und hofft auf diese Weise in den Stand zu kommen, die zur Be-

üutachtung der: Normalpreise ‘zu berufenden Distrifkts-Kommissionen,

sobald solche von den Betheiligten auf Grund des Geseßes gewählt sein werden, sogleich in Thätigkeit seßen zu können. Da aber voraus- sich!lich auch hon Monate dazu: erforderlich scin werden, diese Wahlen zu bewirken und die Kommissionen zu vernehmen , so beabsichtigt die Regicrung, wie wir gleichfalls versichern zu dürfen glauben, denje= nigen Theil. des den Kammern bereits“ vorgelegten Ablösungsge- sebes, welcher die Wahl der Distrikts-Kommissionen betrifft , zum Gegenstand einer besonderen Vorlage zu machen und den Kam= mern deren vorzugsweis schleunige Annahme zu empfchlen, damit, während das Geseß in seinen übrigen Bestimmungen von den Kam= mern geprüft wird, mit der Bildung und Vernehniung der Distrikts= Kommissionen sogleich vorgegangeit zzerden könne.

Mehr kann bei der jezigen Sächlage die Regierung zur Be-= shleunigung dieser Angelegenheit niht thun, ohne über Eigenthums= und Besiß = Verhältnisse ihrerseits eine Entscheidung zu treffen, bei welcher die Mitwirkung der -Landes=-Vertretung eben so heilsam, als unerläßlich ist. Zu dieser Nothwendigkeit aber darf die Regierung nicht hingedrängt werden z; die Kammern, so hoffen wir, werden dies und ihre Pflicht erkennen , bereitwillig die Hand dazu zu reichen, daß dem Lande möglichst bald ein währhaft versöhnendes Gesetz über diese wichtigen Verhältnisse zu Theil werde,

Berlin, s. Juni. Das Amtsblatt des König- lihen Post.- Departements enthält die. Allerhöchste Ka- binets- Ordre vom 21. Oktober 1848 über die den Kombattanten der Feldzüge von 1806 bis 1815 zu gewährenden Jnvaliden-Wohl= thaten; die Verordnung, betreffend das Erlöschen der Portofreiheit in Angelegenheiten des Comité's für Erfrischung der berliner Gar= nisonz desgleichen betreffend die Portosäße für die Korrespondenz nach Malta; desgleichen betreffend die Portofreiheit für Sendun- gen von Waffentheilen zwischen der Gewehr=-Revisions-Kommission in Suhl und den Truppentheilen.

Oesterreich. Wien, 2. Juni. Der Lloyd entnimmt einer Mittheilung des Oesterreichishen Correspondenten aus Pesth die Auklagepunkte gegen den früheren Präsidenten des Re= präsentantenhauses, Pázmándy. Der Erste beschuldigte denselben, daß er, von dem Repräsentantenhause zu der Leitha - Armee abge= sendet, damit der Uebergang über die Leitha- aus politischen Rü= sichten kein Hinderniß leide, seine Pflicht und Stellung vergessend, gegen den Uebergang agitirte und den Muth des Heeres herabzu- stimmen suchte. Jm zweiten wurde er angeklagt, nach seiner Rück= funft aus dem Lager Vieles in prophezeiendem Tone von den Plä- nen des Feindes gesprochen zu haben, und daß es sich später her= ausstellte, als hätte er hon fruher ‘rinige Kenntniß oder gar Data über das Thun und Wollen des Feindes gehabt. Der dritte und vierte Punkt béstanden darin, daß Pázmándy, als der Landiag von Pesth! nah Debreczin verlegt wurde, obwohl er Präses des Repräsentantenhauscs war, nicht erschien und dadurch das Repräsentantenhaus der Gefahr ausseßte, sich aufzu- lösen; ferner daß er in Ketschkemet mit einigen Repräsentanten heimliche Berathungen gehalten habe, daß er von Ketschkemet nach Pesth, welches schon damals von der Kaiserlichen Macht beseßt war, ging und dort dem Windischgräß huldigte. Im fünften Punkte wurde ihm vorgehalten, mit den feindlichen Offizieren fra= ternisirt zu haben; im sechsten, von Windischgräg mit der Ausar- beitung einer Provinzial-Verfassung beauftragt worden zu sein, und im siebenten endlih wurde er aufgefordert, den ganzen Inhalt sei- nes vor Windischgräß freiwillig abgelegten Geständnisses darzulegen. Die Vertheidigung Pázmándy's enthält manche interessante Angaben. So lautet im Wescntlihen die Antwort auf den ersten Punkt der Anklage folgendermaßen: „Der Lan- desvertheidigungs=Aus\{uß beorderte mich zur Leitha, um auf die Bestimmung der Kricgs-Operationen einzuwirken. Als ih zu dem Heere nach Nikolsvorf gelangte, wurde in einem kleinen Kriegs= Rathe die Frage verhandelt, ob es rathsam, gegen Wien eine Ope= ration zu versuchen. Die Heerführer und der ganze Generalstab sprachen sich gegen jede Bewegung gegen Wien ausz; da aber die Regierungs-Kommissäre darauf drangen , rückten die Vorposten bis an die Leitha vor. Jn Pahrendorf erhielten wir Nachrichten von der mißlichen Lage Wiens und der großen Macht des Feindes. Ich sah also cin, daß wir das Heer mit diesen Auführern nicht offensiv über die Leitha gehen lassen können, Diese Ansicht theilte ich

Alle Post-Anstalten des Jn- und Auslandes nehmen Bestellung auf dieses Blatt an, für. Berlin die Expedition des Preuß. Staats- Anzeigers :

Behren-Straße Ur. 57.

dem Landesvertheidigungs - Ausschusse mit. Indessen kam uns der Beschluß des Landtages zu, um jeden Preis nah Wien zu gehen, und ih gehorhte nicht nur ohne Widerrede, fore dern trachtete die Heerführer zur möglichst \{chnellen Ausfuh- rung dieses Befehles anzueifern. J schrieb abermals dem Landes- Vertheidigunge-Aus\huß von der Nethwendigkeit, die Leitha-Armee von einigen Offizieren ¿u reinigen, nas derselbe auch in Ausfül- rung brachte. Während die Armee gegen-Wien vorrückte, bekamen wir nähere Verordnungen über den Beschluß des Lanttages, und die Verantwortlichkeit der vielleiht zu e1leitenden Niederlage der Armee wurde auf mich gewälzt. Unter solhen Umständen wurde das Lager wieder nach Pahrendorf zurückgeführt. So viel is ge- wiß, daß es nicht rathsam war, die Armee unter dieser Leitung nah Wien zu führen. Aber bei der Armee habe ih nicht agitirt; ih habe kein definitives Votum im Kriegsrathe gehabt, und konnte also als ein Mensch, der die Kriegskunst nicht versteht, gar keine Verant- wortlihkeit auf mich nehmen. Jn dem Kriegsrathe sprach ih meine Meinung nur selten und mit Vorsicht, aber dem Laudesvertheidigungs- Ausschusse sprach ih diese ofen aus, und sie wurde auch von dem- selben größtentheils gebilligt. Den Beschlússen- des Landtages und den Befehlen des Landesvertheidigungs - Ausschusses habe ih mich immer gefügt.“ “_ Dassselbe Blatt meldet: „Madaräß, der gewesene Polizri« Minister, ist gestürzt, und allenthalben wird er jeyt verkegert. Bar= tholomäus Szemere erliéß eine neue Verordnung in Betreff der Re- organisation der Polizei, oder des „Ordnungs-Amtes“‘, wie sich der Közlöny geheimnißvell ausdrückt. Um die Massen nicht zu sta- cheln, sind die Grundzüge dicses Provisoriums #o, daß die Handha- bung der Polizeigewalt nicht sehr s{hwer, aber auch nichts weniger, als zügelnd scin dürfte.“

Wien, 2. Juni. * (Lloyd.) Der Ministerial-Rath Freiherr von Geringer ist zum Leiter der Civil = Administration in Ungarn ernannt worden. Von Geburt ein Siebenbürger, war er früher Ge- neral-Konsul in Konstantinopel und später mit einer diplomatischen Function in Frankfurt betraut.

Der Kaiser hat sämmilice kommandirende Generale der Pro- vinzen zu einer Konferenz nah Wien einberufen.

Brünn, 31. Mai. (Prag. Ztg.) Wegen der zahlreichen ungarischen Emissäre, welche die an Ungarn gränzenden Bezirke Mâährens und Schlesiens zum Aufstande reizen, so wie aus strate- gischen Rücksichten, wurden die Kreise Prerau, Teschen und Hradisch in Kriegszustand versest. Bei Brünn selbst soll ein Reserve-Corps im Herbst ein Lager beziehen; für jeßt werden hier nur starke Truppen=Cantonnements- stattfinden.

Triest, 30. Mai. (Oesterr. Bl.) Der Fürst von Hohen" zollern = Sigmaringen (Vater des regierenden Fürsten) ist gestern Abend sammt Prinzessin Tochter von hier nah Graz abgerei t.

Es geht hier die Nachricht ein, daß es in Venedig bereits an zwei Punkten bienne.

- Die Kompromittirten in Livorno haben sich großentheils 613 Individuen nach der Insel Korsika geflüchtet, und seitdem herrscht in ersterer Stadt Ruhe und Orvnung. Es unterliegt kei- nem Zweifel, daß dort maßloje Exzesse vorgekommen wären, wenn die österreichishen Truppen nicht zu rechter Zeit eingerückt wären. Dieser Tage wird das Wappen Sr. Majestät des Kaisers und Kö- nigs am General = Konsulatsgebäude in Livorno unter den úblichcn Ehrenbezeugungen wieder ausgerichtet. In Sinigaglia ist dies be- reits geschehen.

Innsbruck, 30. Mai. Gestern um halb 6 Uhr Abends sind Ihre Mdjestäten der Kaiser Ferdinand und die Kaiserin Maria Anna hier eingetroffen.

Bayern. Kaiserslautern, 31. Mai. (D. A. Z.) Das Amts- und Intelligenzblatt der provisorischen Regüicrung der Rheinpfalz enthält heute ein Dekret, wodurch unterm 26: Mai im Namen des pfälzischen Volks der Pürger General Franz Sznayde mit der Organisation der pfälzischen Volkswehr beauftragt und vorläufig zum Ober-Kommandanten der gesammten Streitmacht -in der Rhcin=- pfalz au wird. Er hat diese Stelle mit folgendem Tagesbefehl angetreten:

„Hauptquartier Kaiserslautern, den 29. Mai. An die Volks - Armee der Rheinpfalz! Bürger, Soldaten! Von der aus eurcr freien Wabl hervorgegangenen provisorischen Regierung herbeigerufen, um an eurer Spiye zur Erkämpfung von Freiheit und Recht das Meinige beizu- tragen, habe ih diesem ebreavollen Ruf mit Freuden Folge geleistet, Unterm 28. Mai zum Organisateur und vorläufigen Obcr - Kommandanten der Volkswehr in dcr Pfalz ernannt, habe ich diese schwierige Stelle angenommen , darauf bauend, daß eure Vaterlandslicbe und die vielfach erprobte deutsche Tapferkeit, gepaart mit militairischem Gehor- sam und Achtung des Eigenthums, mich in den Stand seyen wird, euch zum Siege gegen die überlegenen Streitkräfte eurer Feinde, der meineidi- gen Volksbcdrücker zu führen. Von heute an habt ihr also nur solchen

cfehlen Folge zu leisten, die von mir gezeihnet und vom vorläufigen Chef des Generalstabs, Oberst-Lieutenant Techow, gegengezeichnet sindz in meiner Abwesenheit aber vom Hauptquartier wird Leßterer sür mich zeich- nen und der General -Stabsmajor Beust gegenzeihnen. Voran denn! Für Freiheit, Recht und Vaterland! Muthig voran, und der Sieg is unser! Dieser wie alle folgenden Tagesbefeble werden beim täglichen Vor- lesen den Compagnieen bekannt gemacht. Der Ober - Kommandart der ge- sammten Streitmacht in der Rheinpfalz, General Sznayde., Der Chef des Generalstabs, T ech o w.“

Ein Tagesbefehl vem 30. Mai befiehlt :

__¿\Um die möglichste Gleicmäßigkeit in die Kleidung der Offiziere zur nöthigen Erfennung sofort zu bringen , bestimme ih vorerst als- Kleidung für dieselben blaue Blousen, im Fall denselben nicht bercits eine andere regelmäßige Uniform zugetheilt is. Zur Bezeichnung ihrer Grade haben sie sämmtlich, abgesehen von 1hren bieherigen Abzeichen, folgende anzunch- men: Lieutenant und Unier - Lieutenant eine {warz - roth - gelbe Binde um den reten Arm z Capitaine und Compagnieführer eine dergleichen um den linken Armz Bataillons - Chefs und Kommandanten mehrerer Compagnieen

eine deôgleichen um die Huften ; Brigadiers und Kommandauten mehrectr