1881 / 106 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

san mengefaßten Beschlüsse, betreffend die Regelung der griehish-türkishen Grenze von der Pforte einfah an- genommen worden sind. Die vermittelnden Mächte erkennen an, daß die Angelegenheit somit im Prinzip definitiv geregelt ist, und haben die Unterzeichneten be- auftragt, Sr. Exzellenz dem Präsidenten des Conseils mitzu- theilen, daß die Botschafter der vermittelnden Mächte in Türzester Frist eine Konvention abschließen werden, durch welche die Details der Ausführung der Grenzregulirung genau festgestellt werde. Die Unterzeichneten benußen diese Ge- legenheit, um Sr. Exzellenz von Neuem Versicherungen ihrer größten Hochachtung zu geben.

Türkei. Konstantinopel, 4. Mai. Der Wortlaut der Antwortsnote der Pforte ist nah der W. „Pr.“ folgender: „Der Minister der auswärtigen Angelegenheiten hat die Ehre, den Botschaftern mitzutheilen, daß die Pforte die Konklujionen der Note, die Jvre Excellenzen im Auftrage ihrer Regierungen ihr am 19. April bezüglih der Delimita- tion der griechishen Grenze überreiht haben, Konklusionen, welche formell an Stelle jener der Berliner Konferenz gesetzt werden, annimmt. Die Hohe Pforte hat ihre Delegirten (folgen die Namen) beauftragt, sich mit den Herren Reprä- sentanten der Großmächte behufs Abschlusses einer Konven- tion über die nöthigen Bedingungen in Verbindung zu seten.“

Aus Paris, 6. Mai, meldet „W. T. B.“: Die „Agence -Havas“ meldet aus Ragusa: Ali Bey von Gusinje hat sih dem türkishen Oberkommandirenden, Derwish Pascha, unterworfen; Derwisch Pascha beabsichtigt, sich demnächst nah Skutari zu begeben.

Serbien. Belgrad, 5. Mai. (W. T. B.) Die mit Bontoux abgeschlossene und von der Regierung sanktionirte

Eisenbahnfonvention ist heute von dem amtlichen Blatte veröffentliht worden.

Nußland und Polen. St. Petersburg, 5. Mai. (W. T. B.) Es is}, wie verlautet, an maßgebender Stelle die Frage erwogen worden, der Thätigkeit des gesammten Ministeriums einen mehr einheitlichen, kollegialen Charakter zu verleihen. Als bestimmter Beschluß wird bezeichnet, daß eventuelle Hinrihtungen künftighin niht mehr öffentlich geschehen sollen.

6. Mai. (W. T. B.) Gestern wurde der außer- ordentliche persishe Botschafter Sipeh Salar Azem Mirza Hussein Khan vom Kaiser in feierliher Audienz empfangen und alsdann der Kaiserin vorgestellt. Der Botschafter überreichte dem Kaiser ein eigenhändiges Schreiben des Schahs nebst einem prachtvollen Ehrensäbel. Nach der Ueberreichung desselben stellte Hussein Khan auch sein Gefolge dem Kaiser vor. Für die Mitglieder der Botschaft fand später ein Dejeuner statt. s

Amerika. Washington, 3. Mai. (Allg. Corr.) Ein Ausschuß republikanisher Senatoren wird heute dem republikanishen Caucus einen Plan zur Erledigung der Exekutivgeschäfte des Senats unterbreiten. Sollte der Vor- chlag angenommen werden, dann wird der Senat unver- züglih die Ernennungen des Präsidenten Garfield sowie die projektirten Verträge in Berathung ziehen.

Aus dem Wolffschen Telegraphen-Bureau.

Dresden, Freitag, 6. Mai. Jhre Königlichen Hoheiten der Prinz und die Prinzessin Wilhelm von Preußen sind heute hier Ten und von Sr. Hoheit dem Prinzen Günther von Schleswig-Holstein und dem preußischen Ge- sandten am Bahnhofe empfangen worden.

Statistische Nachrichten.

Nach der in dem Märzhefte der Monatshbefte der Sta- tistik des Deutschen Reichs für das Jahr 1881 veröffentlichten Uebersicht der definitiven Hauptergebnisse der Statistik der Waaren- cinfuhr u. st.w. im Jahre 1880 entfallen von dem berechneten Zoll- ertrag auf die Einfuhr von: Baumwollengarn 3 193 599 K, baumwollenen Spißen und Stickereien 500748 A, Roheisen 2 321 813 K, Getreide und Malz 14454708 #, Bau- und Nut-

bolz, Korbweiden und Reifenstäben 2585978 K, Maschinen mit |

Aus\{luß der Lokomotiven, Lokomobilen und Dampfkessel 783 784 M, | Kleidern, fertiger Leibwäsche und Putzwaaren 720 800 X, Leinengarn 780 180 Æ, roher Leinwand, Zwillich und Drillih 809 961 Æ, Arrak, Rum und Franzbranntwein 1 608 324 (, Wein 9 883 233 M, Butter 968540 M, Fleisch 2863884 K, frischen Südfrüchten 888 672 K, Korinthen und Rosinen 3 065 712 , Mandeln 940 230 M, Pfeffer 938 693 M, gesalzenen Heringen 2211411 M, Kaffee 37 660 925 Æ, Kakao 786 310 K, Käse 822060 K, Gegenständen des feineren Tafelgenusses 736560 Æ, getrocknetem 2c. Obst 820272 M, Mehl 1071334 #, Reis 2782319 M, Salz 3 845 874 Æ, Syrup 517 980 4, Rohtabak 8 722 503 Æ, Cigarren 1019910 Æ, Raudtabak 2c. 666 180 Æ, Thee 911 024 M, Zucker 1 176516 MÆ, Leinöl 1184941 M, Rüböl, Rapsöl und anderem Oel in Fäfsern, mit Auënahme der Speiseöle 610 367 A4, Schmalz 5 459 660 M, Petroleum 15 995 196 Æ, Seidenwaaren 1 168 440 M, Zeugwaaren aus Seide und Baumwolle 510720 Æ, Eiern 944 920 M, Pferden 596 920 A, Schweinen 2 760502 4A, Wollen- garn 1712531 Æ, unbedruckten wollenen Tuh- und Zeugwaaren 2506230 A Von allen andern hier nit genannten zolUlpflihtigen Waarenartikeln erreichte keiner cinen Zollertrag von einer balben

| gelegt; es arbeitete so heftig und nahm so viel Wasser über Dedck, daß die Mannschaft sich nicht bei den Pumpen halten konnte.

Gülg, der Chrenpreis des Klubs der Landwirthe (eine silberne Zucker- dose) Hrn. Weinschenck auf Lulkau (Westpreußen) und das silberne Schaf der Marinezüchter Hrn. von Nathusius-Hundisburg zuerkannt,

Gewerbe und Handel.

„Salings Börsenpapiere“, die sich feit cinem Jahr- zehnt der unbedingtesten Anerkennung sowohl der Bankier- wie der Kapitalistenkreise erfreuen, werden von jeßt ab in Gestalt eines Fahr- buchs bearbeitet wie schon die leßten Bände der „Börsenpapiere“ von dem bekannten S tatistiker W. L. Hertslet, fortgesetzt werden.

„Salings Börsen-Jahrbuch“ erscheint, wie seither die „Börsenpapiere“, im Verlage der Haude- und Spenerschen Buchhandlung (F. Weidling). Der erste Jahrgang wird

ausnahmêweise in 5 Lieferungen ausgegeben, während das Buch zukünftig im Laufe des Sommers in der Regel auf einmal und in einem Bande _ erscheinen wird. Daß die Verlagsbuchhandlung und der Verfasser sich zu dieser Umwandlung ents{lossen haben, ent- spricht in der That einem Bedürfniß. So sehr man auch die Sorg- falt anerkennen muß, welche auf Beschaffung und Verarbeitung des reichen Materials zu dem „Börsenpapiere“ verwandt wurde, fo blieb doch zu beklagen, daß eine so umfangreiche Arbeit immer erst nach einigen Jahren einer neuen Bearbeitung unterzogen werden konnte. In der Zwischenzeit hatte fih vielfah das über die einzel- nen Papiere Wissenswerthe total umgestaltet, so daß bedeutende Lücken entstanden. Ein Nachshlagebuh für Werthpapiere muß aber, soweit das überhaupt möglich ist, die neuesten Vorgänge, welche auf den Werth der Cffekten von wesentlihem Einfluß sind, schon ent- halten. Aus diesem Grunde halten wir es für einen Vorzug des ersten Jahrgangs, daß er in Lieferungen erscheint, von denen die fünste und leßte, wie der Prospekt mittheilt, neben dem normalen Inhalt auch noch Nachträge zu den vorbergehenden Lieferungen ent- halten wird. Die vorliegende erste Lieferung bringt die Daten über Gold- und Silbermünzen, Banknoten und Papiergeld, Wechsel, deutsche und ausländische Fonds, deutsche und fremde Pfandbriefe und Lotterieanleihen. Die Anordnung des Stoffes ist im Wesentlichen diejenige der „BVörsenpapiere“ geblieben, und die Bearbeitung giebt Zeugniß von derselben Gewissenhaftigkeit und demselben Fleiße, welhe die früheren Schriften des Verfassers kennzeichnen.

enn die weiteren Lieferungen der vorliegenden ersten entsprechen, was wohl nicht bezweifelt werden darf, so wird das Jahrbuch ein allen Anforderungen genügendes Nachschlagebuch werden, das alles Wissenswerthe über die in Berlin und an den deutschen Hauptbörsen r Cffekten in gedrängter aber übersichtliher Darstellung mittheilt.

Dem Geschäftsberiht der Erdmannsdorfer Aktien- gefellshaft für Flachsgarn - Mascbinen - Spinnerei und Weberei entnehmen wir S M Mittheilungen: Die Umsäße bei der Spinnerei und Weberei sind denen im Jahre 1879 fast glei. Es betrug die Gesammteinnahme bei der Spinnerei 1 480 000 Æ, Weberei 1 377000 Æ Nach der Bilanz ergiebt sich ein Nettogewinn von 70977 4, wodurch die Unterbilanz der frü- heren Jahre nunmehr auf 247 453 M. vermindert worden ist, Auch diefer Betrag wird nach der dur die Generalversammlung angeord- neten und im Laufe dieses Jahres vorzunehmenden Reduktion des Stammaktien-Kapitals um 750 000 4 in näcster Bilanz gedeckt scin. Der Bestand auf Spinnereilager betrug: am 1. Januar 1880 95271 Schock, die Gesammtproduktion von 1880 23 973 Schock, in Summa 29 244 Schock. Der Gesammt-Ausgang betrug 19299 Schock ; es blieb Bestand ult. Dezember 9945 Scho.

Die „Effener Zeitung“ veröffentlicht eine für weite Kreise von Industriellen und Gewerbetreibenden interessante „Vergleichende Zusammenstellung des neuen französischen und des Ne Een Zolltarifs“, auf welbe wir hierdurch hinweisen wollen,

Verkehrs-Anstalten.

New-York, 5. Mai. (W. T. W): Der Dampfer „Greece“ von der „National-Dampfschiffs-Compagnie (E. Messingsche Linie) ist hier eingetroffen.

Berlin, 6, Mai 1881.

Am 3. Mai verhandelte das Kaiserliche Ober-Seeamt über den Secunfall der Brigg „Leopoldine“ von Hamburg. Die- selbe, geführt von dem Schiffer Haesloop, verließ am 17. Januar 1881 den Hafen von Liverpool mit einer nach dem Kongostrom be- stimmten Salzladung. Bereits in der folgenden Nacht, nachdem sich ein heftiger Sturm erhoben hatte, fing das Schiff an, Wasser zu machen, welches am folgenden Tage in dem Maße zunabm, daß die Pumpen beständig im Gange gehalten werden mußten. Am 19. Ja- nuar wurde bei dem anhaltend {weren Sturm das Schiff bei-

Am 20. Januar war das Wasser im Raum auf 5 Fuß gestiegen und man beschloß, mit Rücksicht hierauf und auf den völlig ershöpften Zustand der Mannschaft, das Schiff aufzugeben. Ein vorübersegeln- des britisbes Fahrzeug nahm Scbiffer und Mannschaft an Bord. Das en! in Hamburg hat seinen Spruch dahin abgegeben, daß

erlust

der st der „Leopoldine“ im Wesentlichen auf die stür- mische Witterung zurückzuführen sei, und daß kein Grund vorliege, dem Schiffer Haesloop die Konzession zu entziehen.

Auf die Beschwerde des Reichskommissars beschloß das Ober-Seeamt, dem Schiffer Hacsloop die Befugniß zur Ausübung des Schiffer- gewerbes zu entziehen. Zur Begründung dieser E IGeans führte der Vorsitzende aus, daß es geboten gewesen sei, alsbald nach dem Leckwerden des Schiffes beizudrehen und günstigeres Wetter abzuwarten, um dann einem Notbbafen anzulaufen. Der Schiffer habe aber seine Reise fortgeseßt und dabei nicht cinmal sein Besteck berichtigt, so daß er über seinen Standort völlig im Unklaren geblieben sei, sonst würde es ibm vorausichtli möglich gewesen sein, den Hafen von Waterford zu erreiben. Er habe also durch grobe Vernacblässigung der nothwendigsten Sorgfalt den Seeunfall versculdet.

Deutschen Patent-

Million Mark. |

Nach Mittheilung des statistishen Bureaus der Stadt Berlin | sind bei den hiesigen Standes ämteru in der Woche vom 24, April | bis infl. 30, April cr. zur Anmeldung gekommen: 280 Ehbeschließungen, | 782 Lebendgeborene, 38 Todtgeborene, 578 Sterbefälle. |

Kunst, Wissenschaft und Literatur.

Der Monatsberi{t der Königlich Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin für Dezember 1880 (Berlin, Verlag der Königlichen Akademie der Wissenschaften. In Kommission in Ferd. Dümmlers Verlagsbubhandlung Harrwitz und Goßmann), hat folgenden Jnhalt: Virchow, Ueber die Saka- laven. Peters, Ueber eine Sammlung von Fiscben, welche e: Dr. Gerlach in Hongkong gesandt hat. Schrader, Mittheilung über eine angebli antike Dariusstele, Du Bois-Reymond, Festrede, gehalten im der öffentlichen Sitzung zur Feier des Leibnizishen Jahrestages. Namenregister. Sachregister.

Land: und Forstwirthschaft.

Von der Jury auf der Mastviehausstellung wurde für die von Sr. Majestät dem Kaiser und König zurWerfügung gestellte Goldene Staatsmedaille Hr. Rebfeld-Golzow in Vorschlag gebracht; die Ent- {eidung trifft der Staats-Minister Dr, Lucius, Die fechs Ehren- Fete der Stadt Berlin erhielten die Herren Christian Witte-

rauns{chweig für Nr. 76, Richard Naumann-Mikuszewo für Nr. 85, Rud. Rebfeld-Golzow für Nr. 270, R. Cattien-Sobotka für Nr. 213, Beilcke-Jüdenhagen für Nr. 541 und Brauer-Hohenhausen. Der Nathusiuêpreis (eine goldene Medaille) wurde Hrn. von Maltzan *.

| finden. In

| Tagen viele Auésteller mit dem Gesuch um Anweisung eines Platzes

Die Eröffnung der SIRSSRELKER und Mustersbuß-Ausftell1

D hu ing in Frankfurt a. M. wird definitiv am Dienstag,

den 10. Mai d.-J., Vormittags, statt- Folge der Großartigkeit der Anlagen der Patent- und Mustersduß-Auéstellung, verbunden mit Lokal-, Balneologiscben-, Kunst- und Gartenbau-Auéstellungen, haben sich noch in den letzten

gemeldet. Cs foll deshalb über alle Pläße im Hauptpalast, welche nicht bis Sonnabend, den 6. Mai c., Abends 6 Uhr, mit Schränken oder Auéstellungsgegenftänden beseßt sind, zu Gunsten anderer Auésteller verfügt werden.

Im Victoria - Theater hat gestern Abend die aub von uns mehrfach angekündigte Aufführung des großen musikalishen Dramas „der Ring des Nibelungen“ von Rihard Wagner mit der Darstellung des Vorspiels „das Rheingold“ ihren Anfang ge- nommen. Bekanntlich gliedert sid das auf vier Abende berechnete Nibelungendrama in das genannte Vorspiel und in die Trilogie: „die Walküre“, „Siegfried“ und „Götterdämmerung*. Wie erinnerlich hat der Dichter-Komponist dieses Werk zuerst im Sommer 1876 in einem eigens für die Darstellung des Nibelungendramas nab den

nordnungen und unter persönlicher Leitung des Meisters erbauten Theater wiederholt zur Aufführung gebraht. Auch Se. Majestät der Kaiser und mehrere deutshe Fürsten beehrten damals diese Musterdarstellung mit ihrem Besucbe und die Anhänger und Freunde der Wagner's{en Muse versammelten \si{ch in jenem Sommer in Bayreuth, um sich den vielbegehrten Genuß des: na

Lobes des großartigen Werkes. Dieser bedeutende künsilerische Erfolg veranlaßte dann bald mebrere hervorragende deuts{e Bühnen, dem in Bayreuth gegebenen Vorbilde zu folgen und das Werk gleichfalls zur Darstellung zu bringen, fo die Hoftheater in Wien, Münbey Hannover und Schwerin und die Stadttheater zu Leipzig, Hamburg und Cöln. Berlin hatte bisher die Bekanntschaft des Werkes nod nit machen fönnen und erst jeßt ist es dem Opern. direktor des Leipziger Stadttheaters Hrn. Angelo Neumann gelungen, die mannigfahen Schwierigkeiten, die si der würdigen Darstellung eines solhen Kunstwerkes entgegen, seßen, zu überwinden und das Nibelungendrama mit Künstlern welche sich mit Wagners Stil und Kunstweise dur jahrelange Studien vollständig vertraut gemat haben, aufzuführen. Das ganze Werk foll mit kurzen Pausen im Laufe des Monats Mai vier Mal dargestellt werden. Wir müssen es uns versagen, auf das großartig angelegte und dur{geführte Werk mit dem der Dichter-Komponist eine neue Bahn für das musikalishe Drama eröffnet hat, und über welches bereits eine ganze Literatur eristirt, hier des Näheren einzugehen und bescränken uns daher auf ein einfaches Re- ferat über die gestrige Aufführung. Das Vorspiel „Rheingold“ ist in zwei Abtheilungen ge- gliedert und besteht aus vier Scenen, von denen die erste in der Tiefe des Rheins, die zweite in einer „freien Gegend auf Bergeshöhen am Rhein gelegen" und die dritte und vierte in den „unterirdischen Klüften Nibelheims“ spielt. Um den Gang der Hand- lung wenigstens anzudeuten, möge hier eine kurze Skizze des Inhalts nach dem bereits angezeigten Wolzogen'\chen , Führer folgen; „Von keinem Begehren berührt ruhte einst das Gold in reiner Schönheit auf dem Grunde des Rheines. Ringsher treibt das flühtige Volk der Rheintöchter sein tändelndes Spiel, unbesorgte Wächterinnen des sicher {lummernden Schaßes. Aber aus der Tiefe briht ein lüfterner Nibelung aus dem Nebelgeschlechte der Zwerge der tükishe Alberich, sich Bahn in die Fluth. Da fällt ibm im Glanze der aufgehenden Sonne das Rheingold strablend ins Auge. Lachend verplaudern ihm die spottenden Nixen die flubs{chwere Be- deutung des Metalls, das die Welt zu gewinnen vermöchte, wenn sein Besißer der Liebe entsagt; denn wo das Gold zur A ommt, muß die Liebe weichen. Der Nibelung vergißt die Reize der \pielenden Wogenkinder über dem machtverheißenden Glanze des Goldes: und so flut er der Liebe, die ihm nur finnlihe Lust bedeutet, und mit gewaltigem Griffe entreißt er dem Felsen den Schak. Ewige Nat bricht über die {uldlose Tiefe herein. Indessen erstrahlt auf Bergesgipfel im Lichte der Sonne die neu erbaute Burg des Götter- königs Wotan. Auch sein Sinn, da junger Liebe Lust ihm verbli, stand nach Besiß und Macht. Darum band er durch Vertrag das troßige Riesenvolk; sie mußten die Burg ihm bauen, wofür auch sie si bedangen, was der Wunsch aller Wesen begehrt: \onnige warme Liebe für ihr faltes Reih in Gestalt der Göttin der Jugend und Schönheit der holden Freia. Jett fordern sie ihren Lohn, diese Riesenbrüder: Fasolt und Fafnerz; aber mit {lauer Rede weiß auch ihnen der vers{lagene Gesell Wotans der flunkernde Flammengeist Loge, durch Erzählung des Alberich- Abenteuers die Gier nah dem heillosen Golde zu erregen. Sie ver- langen es nun zur Lösung Freia's. Niedersteigen Wotan und Loge in Alberichs Nebelklüfte, wo der Näuber kraft des aus dem Rhein- golde gescmiedeten Ringes das Zwergenvolk zum Häufen des riesigsten Hortes zwingt. Sein Bruder Mime mußte ihm den Saenbela schaffen, der die Gestalt verwandelt und verschwinden läßt. Dies be- nußten die Götter zur Mi die den überstolzen Besitzer fängt: Hort, Tarnhelm, ja auch den Ring muß er hingeben. Keine Macht bleibt ihm als der Fluch. Der fällt mit dem Ringe nun au auf der Götter Haupt. Aber no fordern die Riesen ihren Lohn. Den Ring allein weigert ihnen Wotan, im Bewußtsein der ihm innewob- nenden Zauberkraft, und {hon dünkt Freia den Riesen verfallen, als aus dem Boden die warnende Gestalt der urweisen Sebherin, der göttlichen Erda, emporsteigt und mit der Drohung des Fluches, der am Ringe haftet, und des ewigen Endes, das er den Göttern cinst bereiten werde, Wotan nun aber zu spät bewegt auch ihn den Riesen zu lassen. Zu bald erkennt er die Wahrheit der Drobung, Beim hasftigen Einfacken des Hortes erslägt . Fafner den Fasolt um den Besiß des Ringes und s{leppt den ganzen Reichthum mit sih fort um ihn fürder als Wurm zu hüten. Im Innersten er- bebend wendet Wotan sich mit den Göttern der Burg zu, und wie er über die Brücke des Regenbogens hinan s{chreitet, ertagt ihm ein neuer s{öpferischer Gedanke, doch nicht aus Schöpferluft, aus heiliger Götternoth: und Walhall beißt er den himmlishen Bau.“ Was nun die gestrige Darstellung felbst betrifft, so fand dieselbe

in dem auf allen Plätzen beseßten Hause den lebhaftesten Beifall, Hr. Direktor Neumann hatte es \sih angelegen sein lassen, neben den Künstlern der Leipziger Oper, welche bei der Darstellung des Nibe- lungendramas s{chon in Leipzig wiederholt mit dem besten Erfolge mitgewirkt haben, noch einige hervorragende Sänger von - anderen Bühnen zu gewinnen, wie die Herren Scaria und Schwarz aus Wien, Hrn. Bogl aus München und Hrn. von Reichenberg aus Hanno- ver, so daß die gestrige Besetzung der Rollen folgende war‘ Wotan, Donner und Froh : die Herrer Scaria, Schwarz und Siegmundt, Loge: Hr. Vogl, Alberich und Mime: die Herren Scbelper und Liban, Fasoldt und Fafner die Herren Reß und von Reichenberg; Fricka, Freia und Erda: die Damen Reicber-Kindermann, Schreiber und Riegler; die Rheintochter : Woglinde, Wellgrunde und Floßhilde: die Damen Mon- haupt, Klafsky und Löwy. Ohne auf die Leistungen der einzelnen Künstler hier näher einzugehen, beschränken wir uns darauf, hervor- zuheben, daß die Aufführung im Ganzen wie in allen Einzelnheiten volles Lob verdiente und die wärmste Anerkennung von Seiten der zahlreihen Versammlung fand, welche die Darsteller nach jeder Ab- theilung wiederholt hervorrief. Das kompetenteste Urtheil über das Gelingen des Werkes hat der Dichter-Komponist selbs abgegeben, welcher, nachdem er \chon vor der Vorstellung bei feinem Erscheinen im Hause stürmisch begrüßt worden war, am Schlusse mit den Darstellern vor dem Vorhange crsbeinen mußte, und in einer Ansprache äußerte, daß er einen Dank für das Gelingen deé Werkes nicht für sich annehme, sondern für die Künstler, die fich von nah und fern zusammengefunden bäâtten, um sein Werk zu verkörpern, Dieselben hätten sich in die Auffassung und in den besonderen Stil

dieses Werkes so bineingefunden, daß auch er ihnen nur seinen Dank ausdrücken könne und das geschehe mit dem Wunsche, daß das Werk, das gestern so glüdlih

begonnen, einen ‘gleich glücklidhen Fortgang nehmen möge. Das Orcester, welches aus der Berliner Sinfonie-Kapelle und aus Mit- gliedern der Kapelle des Leipziger Stadttheaters zusammengeseßt ift, führte unter der Leitung des Hrn. Anton Seidl seine \{wierige Auf- gabe mit anerkennenswerther Hingabe und bestem Erfolge aus. Hr. Dircktor Neumann aber, welchem das Verdienst der ersten Darstel- lung des Nibelungen-Dramas in Berlin zuzuschreiben i}, darf de Dankes aller Freunde der Wagnersen Muse sier sein.

In den Räumen des Flora-Etablissements wird am Sonntag, den 8. Mai, die Eröffnung der Blumen- und Pflanze Ausstellung des Gartenbauvereins Charlottenburg statthaben. Der von dem Hof-Musikdirektor Bilse'schen Orchester her wohl bekannte Piston-Virtuose, Hr. Tbeodor Hob, welcher in einigen Tagen seine Kunstreise nah Amerika antritt, wird noch in zwei Concerten in dem Flora-Etablissement mitwirken, von denen daë erste am Sonntag Nachmittag stattfindet.

Redacteur: Riedel. Berlin:

Verlag der Expedition (Kessel). Druck: W. Elsner. Fünf Beilagen

dem Urtheile der Kenner vollendetsten Werkes von Wagner, zu verschaffen. Der Eindruck, den diese Aufführungen in Bayreuth her- vorbrachten, war ein überaus günstiger und die Kritik war voll des |

(eins{licßlich Börsen-Beilage),

außerdem ein Fahrplan der Königlichen Eisenbahn-Direktion Hannover,

|

ESvrste Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Skaals-Anzeiger.

M 106.

Berlin, Freitag, den 6. Mai

Sf.

Nichkamitliches.

Preußen. Berlin, 6. Mai. Jm weiteren Ver- laufe der gestrigen (28.) Sißung des Reichstages, welher der Reichskanzler Fürst von Bismarck, fowie mehrere Bevollmächtigte zum Bundesrath und Kommissarien desselben beiwohnten, trat das Haus in die zweite Berathung des Entwurfs eines Gesehes ein, bctresfend die Abände- rung der Artikel 13, 24, 69, 72 der Reichs ver- fassung, in Verbindung mit dem Antrag Rickert, auf Grund des mündlichen Berichts der X. Kommission. i

Dieser Geseßentwurf lautet nah der Regierungsvorlage :

Wir Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser, König von reußen 2c. i O im Namen des Reichs, nac- erfolgter Zustimmung des Bundesraths und des Reichstags, was folgt : : - An die Stelle der Artikel 13, 24, 69, 72 der Reichsverfassung treten die folgenden Bestimmungen : Artikel 13. !

Die Berufung des Bundesraths und des Reichstags findet mindestens alle zwei Jahre statt, und kann der Bundesrath zur Norbereitung der Arbeiten ohne den Reichstag, leßterer aber nicht obne den Bundesrath berufen werden.

Artikel 24. i

Die Legislaturperiode des Reichstags dauert vier Jahre. Zur Auflösung des Reichstags während derselben ift ein Beschluß des Bundesraths unter tan A erforderlich.

Artikel 69.

Alle Einnahmen und Ausgaben des Reichs müssen für jedes dbr vatltilagt und auf den Reichshaushalts-Ctat gebracht werden. Der leßtere wird für einen Zeitraum von zwei Jahren, jedo für jedes Jahr besonders, vor Beginn der Etatsperiode nach folgenden Grundsäten E L ges feftgestellt.

Artikel 72, ;

Ueber die Verwendung aller Einnahmen des Reichs ist durch den Reichskanzler dem Bundesrath und dem Reichstag zur Ent- lastung für jedes Jahr Nechnung zu legen.

G 4c

egeben 2c.

Die Kommission beantragte dagegen folgende Fassung des HBeschentwur]fs : : f Gelegen Wilhelm, von Gottes Gnaden Deutscher Kaiser,

on Preußen 2c. : G Li n Namen des Reichs, nach erfolgter Zustimmung des Bundesraths und des Reichstags, was folgt: 2 A

An die Stelle des Artikel 13 der Reichsverfassung tritt die

[gende Bestimmung:

C 1s.

Die Berufung des Bundesraths und des Reichstags findet alljährlich im Monat Oktober statt, und kann der Bundesrath zur Norbereitung der Arbeiten ohne den Reichstag, lebterer aber nicht ohne den Bundesrath berufen werden.

(Artikel 24, 69 und 72 fallen weg.) L : Zu diesem Geseßentwurf hatten die Abgg. von Seydewiß, von Helldorf-Bedra, Acktermann und Graf von Kleisi-Schmen- zin [0e Os gene: L R er Reichstag wolle beschließen :

1) in der Ueberschrift und ‘im Eingange an Stelle der Worte:

„des Artikel 13“ zu seßen: _ oven en 2 e“ t

2 Artikel 13 zu streichen ; :

3) dir Artikel 24, 69 und 72 nach der Regierungsvorlage an- zunehmen. L

Der Referent Abg. Dr. Marquardsen befürwortete den Antrag der Kommission. Der Vorschlag, den Artikel 13 ab- zuändern, habe auf keiner Seite Anklang gefunden und \hließlih habe auch die Regierung selbst erklärt, daß sie auf diesem Theil der Vorlage nicht bestehen wolle. Für die Mit- glieder der Kommission sei die Erwägung maßgebend gewesen, daß der jährlihe Zusammentritt einer Körperschast, wie der Reichstag sei, von erheblihem politischen Einfluß sei, und daß es zur Beruhigung der Nation beitragen müsse, wenn sie die Gewißheit habe, daß jede Frage, welhe ihre Jnteressen berühre, der beständigen Kon- trole und der öffentlihen Erörterung des Parla- ments unterliege. Jndem die Regierung diese Motive anerkannt habe und von einer Beseitigung des Zwanges zur jährlihen Einberufung des Reichstages Abstand genommen hebe, have sie aber auch das Hauptargument sür die Ein- führung zweijähriger Budgetperioden aufgegeben. Denn wenn der Reichstag doch unter allen Umständen jährlih zusammen- treten solle, so könne derselbe auch die Etatberathung erledigen, da diese niht wesentlich zur Verlängerung der Session bei- trage. Wenn die Regierung dagegen behaupte, daß eine solche Verlängerung Angesichts der erheblihen Dauer der Einzel- landtage doch ins Gewicht falle und die Kollision der parla- mentarischen Körperschaften vermchre, so sei von der Majorität der Kommission darauf hingewiesen worden, daß die große Aus- dchnung der Landtagssessionen in den vorangegangenen Jahren nit als Regel gelten könne, weil gerade die Einführung der Justizgesche den Einzelstaaten ein ungewöhnlih "hohes Maß legislatorisher Arbeiten auferlegt habe. Auch die angeblichen inneren Vorzüge einer längeren Etatéperiode seien von der Kommission nit anerkannt. Der Behauptung, daß eine mehrjährige Periode eine sorgsältigere Vorbereitung und dem- gemäß eine größere Sparsamkeit in der Aufstellung Ee EUNO ermögliche, stehe die Erfahrung gegenüber, daß die Voran- {läge für eine längere Zeitdauer unsicherer würden und daß man deshalb, um Defizits zu vermeiden, die Etats lieber reihlicher ausstatten würde, als es sonst geshehen wäre. Auch die Erfahrungen, die man in Sachsen und Bayern mit mehr- jährigen Etats gemalt habe, sprächen niht zu Gunsten des Regierungsvorschlages, weil die sächsishen Verhältnisse für das Neich keincêwegs nachahmenswerth erschienen und die zweijährigen Budgets in Bayern nur deshalb relativ be- sriedigt hätten, weil sie gegen die früheren sehsjährigen Etats einen erheblichen Fortschritt darstellten. Das Bedürfniß, die Kollision des Reichstages mit den Einzellandtagen zu vermei- den, sei in der Kommission allseitig anerkannt, und dem emäß zunächst der Antrag gestellt, daß der Neichs!ag regelmäßig am 15. Oktober cinberufen werden sollte, und daß während der Dauer der Reichstagssession keine parlamentarische Körper- schaft der Einzelstaaten, deren itglieder zum Theil auch dem

König

halten dürfe. Dieser Antrag sei jedo der Majorität zu weit gehend erschienen; sie habe denselben ebenso wie die Einfüh- rung der von der Negierung vorgeschlagenen zweijährigen Etats- perioden abgelehnt und sich mit der Forderung, daß der Reichs- tag regelmäßig im Monat Oktober einberufen werden sollte, begnügt, weil sie hierdurch einer Kollision der parlamen- tarishen Versammlungen genügend vorzubeugen geglaubt habe. Die Verlängerung der Legislaturperioden sei von der Majorität der Kommission nur als eine Konsequenz der zwei- jährigen Etatsperioden betrachtet; troßdem hätten einzelne Mitglieder geglaubt, jenen Vorschlag der Regierung auch ganz unabhängig von der leßteren Frage aufre{t erhalten zu dürfen. Der Gedanke einer Verlängerung der Legislaturperiode sei in der Kommission an sich nicht unsympatish aufgenommen, aber weder der jeßige Zeitpunkt noch die von der Regierung vorgeschlagene Zahl, welche lediglih als eine Vorbedingung längerer Etatsperioden erschienen sei, seien von der Mehrzab[ als geeignet anerkannt und demgemäß die Vorlage auch in diesem Punkte vollständig obgelehnit. : h Der Abg. Freiherr von Malyahn-Gült erklärte, er gehe von dem Grundsagze aus, daß man bestehende Geseze Und namentlich Verfassungsgeseße niht abändern sollte, wenn man nicht sicher sei, daß dur diese Abänderung vorhandene Miß- stände beseitigt würden. Von diesem Gesichtzpunkte aus habe au die Regierung die vorliegenden Verfassungsänderungen vorgeshlagen und wenn die Kommission aus überwiegend po- litishen Bedenken diesem Antrage nicht beitreten zu können geglaubt habe, so sei ihm ein folhes Vethalten vollklommen begreiflih. Was er aber nicht verstehe, daß sei der Umstand, daß die Kommission sich niht auf die Ablehnung der Regie- rungsvorlage beschränkt, sondern ihrerseits selbst den Gegen- vorschlag gemacht habe, die Einberufung des Reichstags regel- mäßig im Monat Oktober erfolgen zu lassen. Durch diesen An- trag werde den vorhandenen Uebelständen sicher nicht abgeholfen und er müsse sich entschieden gegen denselben erklären. Die Zeit nah Weihnachten sei für v:ele Mitglieder insofern gün- stiger, weil sie dann von ihren Geschäften leider abkommen könnten, als dies vor Weihnachten der Fall sei. Troßdem er- kenne er gern an, daß diese Rücksicht allein nicht maßgebend sein könne, wenn auch die Miiglieder des Reichstags, owohl wegen der hervorragenden Stelluna, wie wegen der Diäten- losigkeit dieser Körperschaft sicher bei der Wahl der Zeit eine größere Berücksichtigung beanspruh:.n dürsten, als die irgend eines Einzellandtages. Der Vorschlag der Kommission sei aber au aus andern Gründen für seine Partei niht an- nehmbar. Der Kommissionsvorschlag beschränke die Befugniß der Exekutive in der Wahl des Berufungstermins weit über das Maß der bestehenden Reichsverfassung und der preußischen Ver- fassung und. sei keineswegs geeignet, dett¿Hauptübelstand, um dessen Besoitigung es \sich handele,-aus dem. Wege zu räumen. Die Feststellung des Neichsetats vor den Landesetats Habe allerdings den Vorzug, daß man bei der Beschlußfassung über die leyteren genau die Höhe der Matrikularbeiträge übersehen könne, welhe der Reichshaushalts-Etat beanspruche, dieser Vorzug verliere aber an Werth, wenn es dem Reichstage ge- linge, dem allseitig getheilten Wunsche gemäß die Matrikular- beiträge auf eine dauernd gleichmäßige Höhe zu bringen. Die Nauplia, worauf es bei dieser Vorlage anfomme, sei die Vermeidung der Kollision der parlamentarischen Sessionen, und dieser Zweck werde durch den Antrag der Kommission niht erreiht, weil die Zeit vom Herbst bis zum Anfang April überhaupt zu kurz sei, um zwei Budgets dur zwei verschiedene parlamentarische Körperschaften festzustellen und nebenbei noch das Durctschnittêmaß der jährlichen legislatorishen Arbeiten zu erledigen. Die gegenwärtige Er- fahrung beweise dies, denn regelmäßig müsse der preußische Landtag, da der Reichstag, um sein Budget bis zum 1. April zu erledigen, spätestens Mitte Februar zutammenzutreten ge- nöthigt sei, cntweder einen Theil seiner Arbeiten unerledigt lassen oder dieselben übers Knie brechen oder im Sommer zu einer Nachsession zusammentreten. Wenn hier geltend gemacht worden sei, daß die Feststellung des Budgets im Neichstage einen verhältnißmäßig nur kleinen Zeitauswand in Anspruch nehme, so erkenne er dies an; die Budgetdebatte beschränke sich im Wesentlichen auf vielleiht ein Dußend Positionen, an denen die Abgg. Richter, Rickert oder andere Mit- glieder ihre Kritik übten, Die Etats bedürsten aber in den Ministerialressorts einer sehr sorgfältigen Vor- bereituig; man könne hier die Prüfung und Er- örterung niht auf einzelne Punkte beschränken , jDern müsse jede einzelne Position genau erwägen, um jener Kriti keine Blöße zu bieten. Diese Arbeit dur Einführung zwei- jähriger Etatsperioden zu vermindern, würde ein großer Ge- winn sein, welcher der Vorbereitung anderer Gesehvorlagen zu Gute kommen fönnte. Von einer Vertauschung der Reichstags- session mit der Landtagssession hätten die Ministerien der Einzelstaaten vielleict einen Vortheil, indem hie an Zeit ge- wönnen, die Neichsregierung aber würde dadur um o s{hwe- rer belastet, weil es si hier nicht allein um die Aufstellung des Etats handele, sondern weil derse.be auch noch, bevor der- selbe dem Reichstage vorgelegt werde, den Bundes- rath passiren müsse. Nicht eine Verschiebung der Sessionen, sondern allein eine Verminderung des _Ve- rathungsmaterials könne Abhülfe afen. Ein wísent- licher Vortheil würde hon erreicht sein, wenn nah dem früher angeregten Gedanken des Abg. Reichensperger das Ordinarium des Etats für mehrere Jahre festgestellt und nur das Extra- ordinarium alljährlih berathen würde, die eigentliche Lösung der Frage aber sehe er in der Einflihrung p Tor Etatsperioden. Er verkenne nicht, daß die Zahl der Nach- trags-Etats dadurch sich vermehren würde, die Erledigung dieser Vorlagen werde aber nicht so erheblihe Zeit in An- spruch nehmen, um den errungenen Vortheil wieder in Frage u stellen. Gewiß habe der jährlihe Zusammentritt des eihôstags eine nicht zu untershägende politishe Bedeutung, obwohl nach seiner Üeberzeugung der nationale Einheits- gedanke doch noch mehr in der Person des Kaisers, als in dem Parlamente si verkörpere; aber er wolle dur seine

auf zwei Jahre fei vielleiht technisch etwas s{chwieriger, und namentlih werde sich der Voranschlag für das zweite Fr nicht so sicher aufstellen laffen wie für das erste, der Nach- theil, der hieraus erwahse, fönne sich aber höchstens darauf beshränken, daß man jenen Voranschlag zur Sicherheit etwas reichlicher ausstatten würde, als man es jeßt zu thun gewöhnt sei. Auf der andern Seite erspare der Reichstag aber dadurch eine Menge nußloser Arbeit, die jezgt zum Schaden des Reiches eine kostbare Zeit in Anspruch nehme, und dieser Gewinn sei fo groß, daß derselbe alle Nachtheile bei Weitem überwiege. Er empfehle deshalb die Annahme des Antrages von Seydewiß. E Der Abg. Dr. Reichensperger (Olpe) bemerkte, er müsse dem Vorredner zunächst erwidern, daß nah der preußischen Verfassung in der Zeit vom November bis Mitte Fanuar zwar die regelmäßigen Berufungen des Landtags erfolgen müßten, dadurch seien aber außerordentliche Sessionen nicht ausgeschlossen. Die Kommissionsvorschläge könne er als genügend nit anschen, weil fie sich nur gegen das cine der geltend gemachten Bedenken wendeten, gegen dasjenige, welches sich auf die Matrikularbeiträge erstrecke. Der andere Uebelstand, das Zusammentagen von Reichstag und Einzel-

landtagen, werde dur die Beschlüsse nicht beseitigt. Es sei eine bekannte Thatsache, daß die hervorragendsten Mitglieder der Einzellandtage auch im Reichstage Sig

und Stimme hätten. Dadurh würden aber hier die Majo-

ritätsverhältnisse alterirt und Beschlußunfähigfkeiten herbei- geführt. Dürfe nun eine derartige relative Lahmlegung des Reichstages in das Belieben aller einzelnen Landtage gelegt

werden? Die Natur der Sache bringe es mit sih, daß die Mitglieder, die in beiden parlamentarischen Körperschasten

Siß und Stimme häiten, in dubio im Landtage verblieben.

Jedem sei doh das Hemd näher als der Rock. Diese Mit- glieder dächten, die Neichsinteressen könnten auch ohne sie durch Andere vertreten werden, während ihre Landesinteressen nah ihren Anschauungen nur durch sie selbst zur Geliung gerracht werden könnten. Das seien Thatsachen, an denen man un- möglich mit verbundenen Augen vorübergehen könne. Vergegen- wärtige man sih doch nur den Fall, daß auch die preußische Regierung einmal dieselben Wege ginge, welche die bayerische, württembergische und hessishe noch in dieser Session gegangen seien. Was würde man sagen, wenn auch die preußische Re- ierung gleichzeitig neben dem Reichstage den Landtag tagen ließe ? Mit dieser sehr nahe liegenden Eventualität würde der Reichstag indirekt zum Aschenbrödel der Einzelstaaten herab- gedrückt werden. Etwas Erhebliches könne aber in dieser Richtung nicht zu Stande kommen, wenn nit gleichzeitig auf der anderen Seite das Verfassungsrecht ins “Auge gefaßt werde. Wie stehe es mit der thatsählichen Möglichkeit, daß einmal eine renitente Majorität der Regierung keine Einnah- men bewilligte? Man habe in der Reichsverfassung keine Garantien dagegen; die preußische bestimme für diesen Fall bekanntli, daß die bestehenden Steuern und Abgaben fort- erhoben würden. Dieses Moment sei für ihn ein fehr ernstes und verdiene bei Behandlung der vorliegenden Frage sorg- ältige Berücksichtigung. E T

| ‘Der le, Stuten erklärte, der Abg. Ricdert habe die Liebenswürdigkeit gebabt, sein Bedauern darüber auszusprechen, daß er (Redner) nicht bei der reulihen Debatte im Saale an- wesend gewesen sei, um auf die Angriffe des Abg. Rickert zu ant- worten. Er sei damals gänzlih außer Stande gewesen, dem Abg. Rickert zu antworten, und zwar aus dem Grunde, weil der Abg. Rickert die Gewohnheit habe, im Schlußworte Abwesende zu haranguiren, Wolle der Abg. Riert, daß seine eigenen Worte auch von den Angegriffenen gehört würden, dann bitte er venselben, diese Gewohnheit abzulegen. Er wisse ja, daß das blos harmlose Scherze seien, aber im Lande lese man, daß der Abg. Rickert ihn (den Redaer) aufgefordert habe, seine Zahlen zu widerlegen, und daß er das nicht gethan habe. Der Abg. Rickert habe ihm die Worte in den Mund gelegt: er (Redner) sei in kalkulatorishen Dingen sein (des Abg. Nicert) und des Hauses Herr und Meister. Das fei ihm nicht eingefallen, sondern als er (Redner) von der Tribüne seine Zahlen vorgetragen habe, und einige Herren von der Linken gelacht hätten, habe er gesagt: Lache man, fo viel man wolle, in falkulatorischen Dingen sei er (Redner) den Herren doh über. Der Abg. Rickert habe nicht zu den Lachern ge- hört, und er gebe ganz besonders zu, daß der Abg. NRickert im geschickten Gruppiren der Zahlen ihm (dem Redner) über sei, im objektiven Angeben von Zahlen allerdings nicht. Die Zahl der Sigungen, die der Etat erfordere, gebe kein richtiges Bild, sondern eher die Zeit, die man dazu verwendet habe. Der Abg. Ridert hätte außerdem noch als Beispiel die beim Etat verbrauchte Tinte anführen können, oder auf die Seitenzahl der Etatsvorlagen im Vergleich zu

der der anderen Vorlagen, welche erstere _allerdingé- sehr groß sci. Am meisten fei aber auf die Zeit zu geben, welhe die Etatsberathungen in Anspruch genommen

ätten und welhe im Allgemeinen sich auf vier bis fünf Baitin belaufe. Ei diesem Jahre hätten die Etatéberathungen vom 15. Februar bis zum 24. März gedauert, wenn er die Zeit zwischen der Thronrede und der definitiven Annahme des Etats als den Budgetberathungen gehörend ansehe. Aller- dings habe der Reichstag während dieser Zeit au Anderes erledigt, aber die Hauptmasse der Zeit habe der Etat erfor- dert. Der Abg. Niert habe bei seinen Auseinanderseßungen über die zweijährige Etatéperiode, die derselbe im preußischen Landtage habe hören lassen, die Existenz des Deutschen Neiches unberücksihtigt gelassen. Derselbe sei also damit von einer falschen Prämisse ausgegangen, denn er wisse niht, ob der Reichskanzler, wenn das Deutsche Reich nicht existirte, für Preußen zweijährige Etatsperioden einführen würde. Aber die Gründe für die zweijährige Etatsperiode scien so vollstän- dig vorgetragen und so wenig widerlegt worden, daß an ihrer Tragweite nicht gezweifelt werden fönne. Wenn die Dinge so weiter gingen, wie jeßt, so müsse der Reichstag immer Vorlagen {hou aus physishem Unvermögen unerledigt lassen, und dieser Zustand werde \{ließlich der

orderung zweijähriger Budgetperioden auch keineswegs die

Reichstag angehörten, irgend eine Plenar- oder Kommissions- fitung obne usdrüdliche Genehmigung des Reichstages ab-

Ein Etat

Fortdauer der jährlichen Sessionen auss{ließen,

ermanente werden. Dies werde selbstverständlih dem An- eden des Reichstages nichts nühen, und er wundere sich, für