1882 / 78 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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. Zwangsarbeit in den Bergwerken auf nicht bestimmte Dauer

Nußland und Polen. St. Petersburg, 30. März. W. T. B.) Der Bouotenenr von Archangel, General Bey ist gestern vom Kaiser in einer Audienz in

Gatschina empfangen worden. Dem Vernehmen nach fan- den seine Vorschläge zur Hebung von Handel und Wandel im Norden des Reichs geneigte Aufnahme. General Baranoff begiebt sih in diesen Tagen nah Archangel zurü>. Der „Golos“ erwähnt das Gerücht, daß zur Theilnahme an der bevorstehenden Krönungs feier aus Es Bauerngemeinde ein Vertreter entsendet wer-

olle. :

M S 31. März. (W. T. B.) Der „Regierungs- Anzeiger“ meldet: Auf eine Vorlage des Justiz Ministers vom 29. März an den Kaiser um Begnadi- gung der zwanzig im Trigonji-Prozesse Verurtheilten erfolgte ein kaiserliher Befehl, welher die Todesstrafen in

umändert. Ausgenommen is Suchanoff, dessen Todesstrafe, da er als Offizier sich eines s<hweren Verbrechens schuldig ge- macht hat, in Kraft bleibt, jedo anstatt dur< den Strang, dur< Erschießen vollstre>t wird. Die Exekution erfolgt heute in Kronstadt.

Dänemark. Kopenhagen, 28, März. (Hamb. Corr.) Das Landsthing nahm heute ohne Debatte das interi- mistishe Budget pro April an.

Zeitungsstimmen.

Die „Wiesbadener Ztg.“ beschästigt sich auf Grund der vom slatistishen Amte aufgestellten Handelsausweise mit dem „deutschen Waarenhandel im Jahre 1881“, indem sie U. A. ausführt: L s

Wenn Lo Gestaltung des Anßenhandels völlig maßgebend wäre für die geschäftliche Lage eines Landes, so könnten wir mit dem Jahre 1881 fehr zufrieden sein. Auf allen Gebieten gewerblicher Thätigkeit zeigt sih eine dur< Steigerung der Einfuhr von Roh- stoffen dokumentirte Erweiterung der Produktion, und die gleichzeitige Vermehrung des Erportes von Fabrikaten läßt erkennen, daß unsere Gewerbe wenigstens auf den ausländischen Märkten im vergangenen Fahre flotten Absatz gefunden haben. Db gleichzeitig au der innere Martkt an Konsumtionskraft gewonnen hat, läßt si< aus den Handelsausweisen allein allerdings nicht beurtheilen, aber der fast durhweg eingetretene Rückgang der Einfuhr in den wichtigsten Erzeugnissen giebt die Gewähr, daß jedenfalls die ausländische Konkurrenz wieder ein gut Stück weiter vom deutschen Markte verdrängt worden ist. Daß wir dies lediglih der Zollreform des Jahres 1879 zu verdanken haben, wird von Niemand bestritten werden können, zumal aus den meislen gewerblichen Kreisen Berichte über eine erfreuliche Steigerung des QUA au<h auf dem inneren Markte vorliegen und unter diesen Verhältnissen die ausländische Konkurrenz von re<te wegen nicht hätte nahlassen, sondern weiter er- starken müssen. Wenden wir uns nun zu den einzelnen Erwerbs- zweigen, so ist es allseitig bekannt, daß die Eisenindustrie im vergan- genen Jahre wesentliche Fortschritte zum Besseren gemacht hat. Die Einfuhr fremder Eisenfabrikate ist gegen das Vorjahr, wenn wir von Noheisen absehen, wieder ein wenig zurü>gegangen und zeigt jeßt nur noch minimale Ziffern, die gegenüber der fortgeseßt steigenden Ausfuhr gar nicht in Betracht kommen können. Jn Roheisen hat diesmal wieder die Ausfuhr den Import um nahe an tausend Tonnen überstiegen. Abgesehen hiervon haben die bedeutendsten Exporte in Schienen, Draht, Schmiedeeisen und groben Eisenwaaren stattgefunden; auch in feinen Eisenwaaren is troy der angeblichen Gefährdung der Kleineisenindustrie dur den Zolltarif eine Vermehrung der Ausfuhr na<hgewiesen. Für die Textilindustrie ist zunächst zu konstatiren, daß die Einfuhr von Rohstoffen gegen das Vorjahr in allen Branchen beträchtlich zugenommen hat und somit auf eine entsprehende Steigerung der Produk» tion zu schließen ist. Bei Baumwolle beträgt der re<nungsmäßige Mehr- verbrauh 5000 t, bei Fla<s und Hanf 8000 t, bei Jute 1100 t, bei Seide 3000 D.-Ctr., bei Wolle 11 000 t... . Eine sehr erfreuliche Entwickelung haben nah den Handelsausweisen die chemischen In- dustrieen genommen. Der Export ihrer werthvollsten Fabrikate ist fortdauernd im Steigen begriffen. Wir erwähnen als die bedeut- jamsten Anilin- und andere Theerfarben, Chlorkalium, Knochen- kohle, Weinsteinsäure, Schwefelsäure, Superphosphate, Bleiweiß,

ündhölzer, Alaun 2c. In allen diesen Produkten beträgt die

rportsteigerung 20 und mehr Proz. Aehnliche Ergebnisse lassen si

von der Glasindustrie, der Papierindustrie und der Thonindustrie be- richten. Ueberall bei wenn au< mäßigem Rückgange der Einfuhr eine entschiedene Steigerung des Exports, die hin und wieder 50 und mehr Proz. erreiht. Auch die anderen Metallindustrien, die Kupfer-, die Blei- und Zinkindustrie zeigen gleiche Resultate. . , . , Was \{ließli<h die Land- und Forstwirthschaft anlangt, so ge- währen die Handelsausweise hierin kein ganz so günstiges Bild. Der Getreide-Import hat si< zwar im Ganzen in den Grenzen des Vorjahres gehalten und ist sogar in Roggen glülicher- weise beträchtlich zurückgegangen , aber gleichzeitig hat auch die Kar- toffelausfuhr R nachgelassen und sehr bedenklich is außerdem der fortgesete Rückgang des Mehlexports, dem man über furz oder lang dur< Rüzölle wird aufhelfen müssen. Bedauernswerth ift auch die Abnahme unserer Holzausfuhr bei steigendem Import euro- päischer Hölzer. Hier dürfte eine Reform der Frachttarife wohl am Plate sein. Ï t e Das „Deutsche Tageblatt“ {reibt hinsihtlih

der Einwendungen gegen das Taba>lmonopol:

Daß das Monopol an si< die Wirkung habe, auf der staats-

sozialistishen Bahn weiter und weiter zu treiben, erscheint einfach aus der Luft gegriffen, da in Oesterreich, Frankreich, Jtalien hiervon ni<ht das Geringste wahrzunehmen is. Fassen wir indessen jene beiden Punkte, auf welhe die Gegner des Tabackmonopols si in ihrer Eigenschaft als Staatsfozialismusgegner stüßen, etwas näher ins Auge. Das Taba>monopol tritt, wie dies {on unzählige Male konstatirt wurde, in erster Linie nicht als eine wirthschafts- politische, sondern als eine finanzpolitishe Maßregel auf; es hat niht den Zwe>, den Uebergang zu einer neuen Staats- und Gesell- \chaftsform vorzubereiten, sondern den, eine Entlastung des Grund- besitzes und der unteren Steuerklassen zu ermöglichen und denno für die wachsenden Staatsauëgaben (insbesondere au<h für diejenigen, welche durch unsere sozialen Verhältnisse erforderli femacht werden) die Mittel zu beschaffen. Beide Seiten dieses Zwe>es sind sehr groß und {wer, derart, daß das Monopol allein zu_ihrer Ueber- nahme s{werli< genügt, daß aber auch alle sonstigen Steuecreform- pläne, wie Erhöhung der Börsensteuer 2c., \{<werli< ausreichen dürften, ohne die mächtige Geldquelle, die man von dem Monopol zu erwarten berechtigt ist. Findet Jemand no< bessere Steuer- quellen, so mag auf das Monopol verzichtet werden, wahrscheinlich ist dies indessen niht. So lange aber solche Quellen nicht nah- gewiesen werden können, ist die Zurückweisung des Monopols identisch mit der Zurückweisung der oben angedeuteten Steuer- und Sozial- reform. Die Grundsteuer wird unverändert bleiben, auf die Erträge der Klassensteuer und der untersten Einkommensteuerstufen kann nicht verzihtet werden, und zur Besserung unserer sozialen Zustände fehlen die Mittel. Trage die Verantwortung hierfür, wer Lust dazu hat.

Der „Nordd. Allg. Ztg.“ wird von ihrem west- En en Correspondenten zur Jlustrirung der Art, „wie man n England die Freihandelsprinzipien praftish ausführe“,

folgender Vorfall mitgetheilt :

Eine indishe Bahn die „Oude and Rohilkund Railway

Lieferung von Stahlschienen in englishen Blättern gutgelheeben, Eines unserer größeren rheinish-westfälishen Walzwerke beauftragte in Folge dessen seinen Londoner Agenten, si<h die Bedirgungen und ge nungen für das erwähnte Lieferungëobjekt zu erbitten. Als der gent der Bahn hörte, daß die betreffenden Schriftstücke für ein deutsches Werk bestimmt seien, erklärte derselbe sofort, daß er dem an ihn gestellten Verlangen nibt nachkommen könne, weil feine Ver- } waltung stets nur bei englis<hen Werken kaufe, und demna eine Offerte für die fragliche oder au<h für spätere Lieferungen keinen Meile N A. Z.“ bemerkt hierzu ie „N. A. Z.“ beme Î Es Ein derartiges Verfahren is nun zwar bei englischen Bestellern durhaus ni<hts Neues und erwiefenermaßen bereits allgemein im Schwunge gewesen, als wir in Deutschland no< în vollem frei- händlerishen Fahrwasser segelten und jeden Ausländer zur mögli unbeshränkten Konkurrenz mit der inländischen Industrie zulassen wollten; es mag jedo nit unberetigt erscheinen, unsere Freihandels- Sdealisten von Zeit zu Zeit auf derartige Beispiele aus dem praf- î Leben hinzuweisen, : L e E dem hier geschilderten gegenüber, und wel- <es wir, aus wel<hen Gründen, wollen wir hier ni<t weiter untere suchen nicht nachahmen können oder wollen, erscheint unser Schuß- zoll nur als eine vollständig gere<tfertigte Kompensation. N Die „Vossishe Zeitung“ veröffentlichte kürzlich eine Correspondenz aus Straßburg, in welcher, anknüpfend an die Abstimmung des dortigen landwirthschaftlichen Bezirks- vereins über das Taba>monopol behauptet wird, daß überhaupt die vielfa verbreitete Ansicht, daß der Entwurf des Taba>monopolgeseßes in Elsaß-Lothringen sehr günstig aufgenommen sei, durhaus unzutreffend ist. Der Behauptung, daß die El- fäfser das Monopol dur< langjährige Gewohnheit lieb gewonnen und daß die Tabackpflanzer große Vortheile dur dasselbe gehabt hätten, kann man mit demselben Rechte entgegensftellen, daß man hier zu Lande dur< Erfahrungen in den leßten Jahren, sowie dur Pergleichungen der Fabrikate der Privatindustrie mit denjenigen der Kaiserlichen Taba>kmanufaktur in Straßburg, zu Ansichten gekommen sei, die durchaus nicht für das Monopol sprechen. Diese Ansichten über das Taba>monopol treten in allerjüngster Zeit mehr und mehr zu Tage; so hat die Handelskammer von Straßburg sich nun auch gegen das Monopol ausgesprochen, getreu ihren früheren, bereits unter dem französischen Regime kundgegebenen Ansichten und im Interesse sowohl der Gewerbefreiheit im Allgemeinen als der Taba>- industrie und des Tabackhandels im Befondern. Ferner darf nicht unvermerkt bleiben, daß der größte Tabackpflanzer im Elsaß, der Baron Zorn 8 N sich sehr entschieden gegen das Monopol ausgesprochen hat u. s. w. \ Hiergegen bemerkt die „Elsaß-Lothr. Zt g.“: L Die vorstehende Correspondenz, welche aus\<{ließli< das Inter- esse der Tabackhändler vertritt, beweist nur, daß sie ohne Fühlung mit den weiteren Kreisen der Bevölkerung geschrieben ist, und daher als ein Ausdru> der allgemeinen Stimmung in Elsaß-Lothringen ni<ht gelten kann. Ehe die Wogen der Aufregung so hoch gingen, wie es gegenwärtig der Fall ist und hier im Lande die Frage noh ganz unbefangen und ohne re<htsrheinishe Einflüsse beurtheilt wurde, haben sich die berufensten Körperschaften, die Bezirkstage und namentli<h auch die Landesvertretung, wiederholt und mit aller Entschiedenheit für das Monopol ausgesprohen. Die Berichte über die Verhandlungen der Bezirkstage in den einzelnen Jahren und namentli die Berichte über die Verhandlungen des Landesaus- schusses geben hierüber reihhaltig Aufschluß Was die Straßburger Handelskammer anbelangt, deren Votum zwar prinzipiell gegen das Monopol ausgefallen ist, die Einführung desselben aber doch in sichere Ausficht nimmt, so dürfte dazu zu bemerken sein, daß dieselbe fd von jeher, auch zur französischen Zeit gegen das Tabal- monopol ausgesprochen hat, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil in der hiesigen Handelékammer das Interesse der Tabackhändler im Gegensaß zu Colmar, früher wie jeßt das maßgebende war. Was Hrn. Freiherrn Zorn v. Bulach (Vater) anbelangt, so hat derselbe als Mitglied des Landesaus\chusses in der 19. Sitzung vom 27. Ja- nuar v. I. erklärt, (welche Verhandlung dargethan hat, daß die Landesvertretung niht nur mit dem Betriebe der Manufaktur zu- frieden ist, sondern in ihrer großen Mehrheit au dem Monopol zu- stimmt) daß die frühere Meinung für das Monopol theilweise, aber nur dur< das Vorgehen der unteren Beamten eine andere geworden sci. Der Schluß der Rede (Seite 422 des stenographischen erichts) lautete : g L Ves war es, was ih dem Herrn Unter-Staatssekretär ant- worten wollte; zuglei erkläre ih, daß ih im Interesse der unter- elsässishen Landwirthschaft denn aus dem Unterelsaß bezog man zu {ranzösischer Zeit den meisten Taba>k, wir produzirten ein Drittel der gesammten Taba>ernte Frankreichs für das Monopol sein würde, jedo< unter der Garantie, daß das deutsche Monopol in gleih großmüthiger Weise betrieben würde, wie das französische, daf die Preise in derselben Höhe, wie zur französischen Zeit bemessen würden, und daß \{ließli< au< die Beamten gerade fo liebens- würdig und wohlwollend gegenüber der Landbevölkerung wären, wie dies die französishen Beamten waren“ Das ist der Zeuge, welchen die „Vossische Zeitung“ gegen das Monopol in das Feld zu führen hat. Jn der folgenden Nummer fügt das genannte Blatt noch hinzu : S ' als ie weitere berufene Stimme aus dem Elsaß in Sachen des Taba>kmonopols darf wohl der landwirthschaftliche Kreisverein zu Erstein gelten, welher am Sonntag über diese Frage verhandelt hat. Das „Elsässer Journal“ berichtet darüber Folgendes: „Am leßten Sonntag, den 26. d. Mts., hat der landwirthschaft- liche Kreisverein in Erstein unter dem Vorsitz des Hrn. Baron Zorn von Bulach, Sohn, eine Sitzung abgehalten. Jn der Versammlung, welche sehr zahlreih besucht war, bemerkte man unter Anderen die Herren Kreisdirektor Hartenstein, Staatsrath, Baron von Türkheim, welcher von Dachstein gekommen war, um der Sitzung beizuwohnen, Baron Zorn von Bulach, Vater, Kreistagsmitglied Freiß, den Bürgermeister von Erstein und andere Persönlichkeiten. Es hatten si<h auch mehrere Tabakhändler eingefunden. Unter den auf der Tagesordnung stehenden Fragen war die wichtigste diejenige des Taba>monopols, welche sehr lebhafte Debatten hervorrief, an denen sich die Herren: Fritz, Bürgermeister von Goxweiler, Kreistagsmitglied Freiß, Bürger- meister Barthelme von Westhausen, Kreisrath Barthelme, Bürger- meister Rohmer von Bolsenheim und Varon Zorn v. Bulach, Vater, betheiligten.“ : i ; l Dem Beispiele der landwirths{haftliden Bezirksvereine des Ober- und Unterelsaß folgend, hat sich der Ersteiner landwirthschaft- liche Kreisverein unter folgenden Beschränkungen für das Tabak- monopol erklärt: 1) daß dasselbe niht aus\{ließli< dem Reich zustehe (que la régie fnture ne soit pas unz institution exclusive de l’Empire); 2) daß der Anbau für die Ausfuhr nie unterbrochen, sondern vielmehr begünstigt werden müsse ; daß die Durchschnitts- preise lohnend für die Landleute seien, und wenigstens denjenigen der französishen Monopolverwaltung im Zeitpunkte der Annexion, also mindestens den Betrag von 35 # erreichen sollen, welcher bereits im Gesetzentwurf, betreffend Einführung des Taba>kmonopols, an- gegeben ift; 4) pas das Elsa wes auf ebenso vielen Hektaren Taba bauen dürfe wie zur französischen Zeit und daß diese Kultur in unserem Lande dur die Einführung des Monopols nicht zu sehr eingesränkt werde; 5) daß das Monopol nicht nur vom rein Pa Standpunkte aus im Hinbli> auf den gröfitmöglichen Ertrag, sondern auch vom Standpunkt der Förderung der landwirthschaftlichen Inter- essen derjenigen Mtgeudén aus, wo der Tabackbau gestattet wird, ins Auge gefaßt werde, 5 Zu diesem Zwe>ke wünsht man, daß die Monopolverwaltung nit beständig große Ankäufe von ausländishem Taback vornehme, und nicht allzugroße Vorräthe zur Erzielung von Ersparnissen anlege, da sonst der deutshe Taba>bau dur ein solhes Verfahren beein-

Diefe verschiedenen PunXe wurden gründli< von Hrn. Baron- Zorn N Bulach,. Vater, davzelegt und fand seine Rede den Beifall: der Versammlung. Unter diejem Vorbehalte spra fich derselbe und» die große Mehrheit der Anwefenden für die Einführung des Tabak--

monopols aus, während einz gewisse Minderheit si< gegen dasz Monopol erklärte.

Aus dem Wolffschen Telegraphen-Bureau.

Odessa, Donnerstag, 30: März, Abends. Heute Abend> 51/4 Uhr wurde auf dem Strandboulevard der Prokureur des

Kiewschen Kriegsgerichtes, General Strelnifoff, während er auf?

einer Bank saß, durch einen Revolvershuß in den Na>en er- mordet. Die Kugel durhdrang den Kopf und kam vorn wieder heraus. Der General starb nah zwei Minuten. Die beiden Mörder flüchteten den Strandboulevard hinunter, wo Mieths- droshken standen. Die von ihnen dort genommene Droschke wurde angehalten, wobei die Berbreher mit Schüssen und Dolchstihen drei Leute verwundeten. Die Mörder sind junge Leute. Beide weigerten sih, ihre Nmen zu nennen. Die Untersuhuug hat begonnen. Tausende umstehen und be- trachten die Mordstätte. Strelnikoff war nah Odessa abkom- mandirt, um die Untersuchungen in den wichtigsten politischen Prozessen zu beaufsichtigen.

Statistische Nachrichten. Na< Mittheilung des Statistishen Bureaus der Stadt: Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 19. März bis inkl. 25. März cr. zur Anmeldung gekommen: 939 Eheschließyngen, 919 Lebendgeborne, 40 Todtgeborene, 512: Sterbefälle. / Amsterdam, 30. März. (W. T. B.) Bei der heute von der niederländischen Handelsgesellschaft abgehaltenen Zinn- aufktion von 21723 Blöô>en Bankazinn wurden 66 à 67, durh- schnittlich 662 Cent, für 1948 Blö>ke Billitonzinn 66} à 67 Cent. bezahlt. | : E 30. März. (W. T. B.) In der gestrigen Woll« auktion waren Preise unverändert.

Verkehrs-Anstalten.

Triest, 30, März, (W. L. B.) Der Lloyddampfer e„Saturno“ ift heute Mittag aus Konstantinopel hier angekommen.

Berlín, 31. März 1882.

Der unter dem Protektorat Jhrer Kaiserlichen und Königlichen Hoheit der Kronprinzessin stehende Lette- verein hielt vorgestern in seinem Vereinshause die 16. Jahresversamm- lung ab. Dem von Frl. Jenny Hirsch erstatteten Jahresbericht ent- nehmen wir, daß die Anstalten des Vereins von insgesammt 1045 Schülerinnen im Vorjahr besuht gewesen sind. Von den 37 Schü- [erinnen der um eine Selekta erweiterten Zeichenshule haben 9 das Examen als Lehrerinnen bestanden; die Handelsshule freguentirten 59, die Kochschule 52, die Gewerbeschule 897 junge Damen. 217 von Letzteren wurden im Schneidern, 142 in Handarbeiten, 108 im Maschinennähen, 93 im Wäschezuschneiden und 71 im Pußmachen un- terrihtet. Die Kasse der Schule {ließt mit einem Defizit von 2513 4, so daß sich der vorhandene Baarbestand auf 389 #6. reduzirt hat, troß eines Zuschusses von 1000 #, den der Kultus-Minister speziell für die Zeichenschule bestimmt hat. Das Stellenvermittelungsbureau konnte 689 von den 1439 Personen, die \si<h an dasselbe wandten, Stellung oder Beschäftigung verschaffen. Das Victoriaftift, das von 106 Pensionärinnen besucht wurde, hatte, troß namhafter Allerhöchster Zuwendungen, glei<falls ein Defizit von 84 #4. aufzuweisen. Das Damenrestaurant prosperirt. Der Victoriabazar konnte dagegen, ob- glei er 13825 Bestellungen erhielt, an deren Ausführung 71 Damen beschäftigt waren, und obglei<h sein Umsay die respektable Höhe von nahezu 15 900 4. erreichte, leider niht einmal sich selbst erhalten: er hatte ein Defizit von 328 4 Der „Frauenanwalt“, das Organ des Vereins, hat, nachdem er no< 909 M1. Zuschuß erfordert, sein Erscheinen eingestellt. Die Darlehnskasse hat 1378 A baar und 11 Nähmaschinen auf Absclagszahlung ausgegeben, die Rückzahlungen erfolgen pünktlih. In der Wasch- und Plättschule sind 235 Schüle- rinnen unterwiesen worden. Die Seterinnenschule beschäftigt zur Zeit 34 Damen. Die Fortbildungs\chule ist von dem Verein abgelöft und selbst- ständig gemacht worden. Für die Dienstmädchenschule und Herberge, die der Verein zu begründen gedenkt, sind bisher 16 137 1 gesammelt; dies ist jedoch no< nicht ausreichend, um die geplante Sache ins Leben zu rufen. Es zeigt \sih somit, daß sich alle Anstalten nur mit Mühe unterhalten können und der thatkräftigsten Unkêrstützung bedürfen. Leider sind jedo<h au<h die Mitgliederbeiträge gegen das Vorjahr zurü>gegangen und {ließt auch die Kasse des Vereins mit cinem Defizit von 912 K, so daß nur cin Bestand von 1517 A verbleibt.

TiDer Preußische Frauen- und Jungfrauen - Verein hielt D Mittag im Beisein der Hohen Protektorin, Jhrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Fricdri<h Carl, seine diesjährige Generalversammlung im Saale des Justiz- Ministeriums ab, Mit dieser Versammlung {loß der Verein das 18. Jahr seiner Thätigkeit, der, wie wir dem vom Major Dunter erstatteten Bericht entnehmen, auf eine segensreiche Wirksam- keit zurüd>bliden kann. Die Gesammteinnahmen beliefen sich, ein- \{ließli<h des Bestandes aus dem Vorjahre in Höhe von 4377 MÆ, auf 13102 A Sie erreihten somit ni<t den Be- trag des Vorjahres, das aber insofern au< ein ganz besonders bevorzugtes war, als der Verein in ihm auf ein ihm ge- \chenktes Loos 3150 Æ gewonnen hatte. Auch die Einnahmen des Bazars mit 3985 #4 sind um etwa 500 #. hinter denen des Vor- jahres zurü>geblieben, wie denn überhaupt der Ertrag ber Bazare seit 1876, wo er mit 9204 4 seinen Höhepunkt erreichte, stetig sich verringert hat. Die Wohlthätigkeit der Bewohner der Residenz wird cben zu sehr und zu oft in Anspru< genommen, als daß man wieder auf höhere Erträge renen könnte. Die Zahl der Mit- glieder beläuft sih gegenwärtig auf 318; die Beiträge derselben brachten dem Verein 2309 #6 ein. Wie in früheren Jahren hatten Se. Majestät der Kaiser und die Hohe Protektorin des Vereins haben demselben ansehnlice Geldgeschenke zu bestimmen geruht. Auch von anderen Seiten flossen dem Verein, namentli au für die Invaliden- speisung, die wie alljährliÞ am 16. Juni stattfand, und an der 120 Veteranen und Jnvaliden theilnahmen, reihe Gaben zu. Fortlaufende Unterstützungen konnten in Gesammthöhe von 1326, einmalige im Betrage von 7396 #4 gewährt werden. Einschließlih von 571 A verschiedener Ausgaben betrugen die Gesammtausgaben 9293 A, so daß ein Baarbestand von 3809 #4 verblieb. Der Verein verfügt ¿}. 8 über ein Vermögen von 31 339 A gegen 31907 #4 im Vor, jahre.

Im Concerthause bringt Hr. Hof-Musikdirektor Bilse mor- gen die C-moll-Symphonie von Beethoven zur Aufführung. Außer- dem stehen u. A. auf dem Programm: „Waldweben“ aus „Sieg- fried“ und „Tannhäuser “-Ouverture von Richard Wagner.

Nedacteur: Riedel,

[i —— E Verlag der Expedition (Kessel). Dru>: W. Elsner.

Fünf Beilagen

Company“ =— hatte vor Kurzem eine öffentlihe Submission über

trächtigt würde.

(eins{ließli< Börsen-Beilage).

M 7B. Nichtamtliches.

Preußen. Berlin, 31. März. Im weiteren Ver- laufe der gestrigen (45.) Sigung seßte das Haus der Ab- eordneten die zweite Berathung des Entwurfs eines Ge- eßes, betreffend Abänderungen der kfirhenpolitis<hen Geseßte, fort. Nach dem Abg. *Götting ergriff der Minister der geistlichen 2c. Angelegenheiten von Goßler das Wort. (Wir werden diese Rede morgen im Wortlaute bringen.) Der Akg. Frhr. von Hammerstein rechtfertigte das Ver- halten d:¿r RKonservatioen in dieser ganzen Angelegenheit. Mit den vorliegenden Anträgen verlasse seine Partei keines- wegs den Boden, den sie bisher inne gehabt habe; vielmehr sei sie die einzige Partei im Hause, welche völlig in Konsequenz ihrer alten Stellung handle. Bei Vorlegung des Sommergeseßzes von 1880 habe seine Partei stets betont, daß der mit dem- selben betretene Weg zur Herbeiführung eines dauernden Friedens nicht geeignet sei, daß derselbe vielmehr nur dur eine organische Revision der Maigesezgebung erreicht werden kföónne. Zur Herstellung eines thatsählichen Friedens- zustandes, zur Heilung der dur< den Kulturkampf ge- J<hlagenen Wunden, zur Wiederherstellung einer geordneten Diözesanverwaltung seien die Konservativen indessen stets be- reit gewesen, die disfretionären Gewalten zu adoptiren. Ohne Rücksicht auf jede Bundesgenossenschaft sei seine Partei damals bemüht gewesen, dieselben der Regierung zur Verfü- gung zu stellen. Da das Centrum si damals ablehnend verhalten habe, so habe seine Partei mit Hülfe der Nationalliberalen ein Geseß zu Stande gebracht, das, wie allseitig anerkannt sei, einen wesentlihen Schritt auf der Bahn des Friedens darstelle. Jn demselben Sinne sei scine Partei an die dies- jährigen Vorschläge der Regierung herangetreten. Auch dies: mal. habe seine Partei gesucht, ohne Rücksiht auf Bundes- genossenschaft, möglichst viel dem Frieden Nüzliches zu Stande zu bringen. Jm Gegensaß zu den Nationalliberalen habe si zu jeiner (des Redners) Ueberraschung und Freude das Centrum als geneigt gezeigt, positiv mitzuwirken. Seine Partei habe einfach erwogen : mit wem würde sie das Meiste erreichen fönnen? und sih entschlossen, den Boden zu betreten, der in dem Antrage vorliege. Seine Partei bedauere, daß sie keine Kombination der Parteien habe finden können, um das Gese auch mit den Artikeln 4 und 5 zu Stande zu bringen. Seine Partei habe aber definitiv darauf verzichtet und stehe nur no<h auf dem Boden der Anträge. Mit Freuden begrüße er die Thatsache, daß das Centrum zum ersten Male an einer Geseßz- gebung mitwirken wolle, die bestimmt sei, die Härten der Kulturkampfgeseßgebung zu mildern. Der Frieden sei nur unter Zustimmung beider streitenden Theile möglih. Das sei die politishe Bedeutung des Kompromisses. Die ganze Geschichte der Kulturkampfgeseßgebung werde keinen so be: deutungsvollen Akt aufweisen, wie die Annahme dieses Ge- seßes mit Hülfe des Centrums. Er schließe mit der Bitte, die konservativen Anträge anzunehmen. Der Abg. Frhr. von Zedliß und Neukir< erklärte, mit dem Kultus-Minister halte au< er die einjährige Frist für niht empfehlenswerth. Jm Uebrigen scheine ihm das harafteristische Merkmal der kirchenpolitishen Situation in einer wefentlihen Verschiebung des Standpunktes ter Parteien zu bestehen. Die Stellung der Herren rets sei bei der ersten Lesung eine wesentlich andere gewesen, als heute. Damals habe der Abg. von Holz sih gegen jede dauernde Bewilligung diskretionärer Vollmachten erklärt; jeßt {lage die konser- vative Partei selber eine solhe im Art. 3 vor. Ebenso seien die Art, 4 Und 5, die man srüher als die Brücke der Verständigung mit Rom angesehen habe, Jeßt durhaus von der Bildflähe ges<hwunden. Von den Herren links habe der Abg. Ri>kert no<h 1880 mit großer Wärme den Standpunkt seiner Freunde dargelegt, während dieselben jeßt in der Kommission ihre Bereitwilligkeit erklärt hätten, auf eine Revision der Maigeseßgebung einzu- gehen. Kaleidoskopish hätten \si< die Ansichten der Fort- \chrittspartei geändert. Zuerst sei der {öne Artikel in der fortschrittlihen Korrespondenz erschienen, daß die freie Kon- kurrenz die Lösung für die Wirren finden müsse. Der Artikel habe auch in der „Nationalzeitung“ gestanden, die denselben als einen harmlosen Vorschlag bezeihnet habe. In der Kom- mission seien die Liberalen unter der Vorausseßung zur Ge- nehmigung dieser Geseßgebung geneigt gewesen, daß dur dieselbe der kirhliche Friede wirklich herbeigeführt werden würde. Dann hätten die Liberalen diese Vorausseßung wieder fallen lassen. Auch den im Reichêtag von der Linken zum Ausdru> gebrachten Standpunkt, man müsse das Verhältniß zwischen Kirche und Staat unter dem Gesichtspunkt einer rdi wo Kulturfrage regeln, habe die Linke aufgegeben, na<hdem der Linken, nah den Aeußerungen ihrer Presse zu s{ließen, im Interesse der Wahlagitation ein Bündniß mit dem Centrum vortheilhafter erschienen sei. Was das Centrum betreffe, so würde er es {hon für einen wesentlichen Vorzug halten, wenn durch die gegenwärtige Vorlage erreicht werde, daß diese Partei auch in rein politishen Fragen \ih niht mehr durch das Gefühl der Zusammengehörigkeit in kirchenpolitishen Dingen leiten ließe. Schon jeßt habe sich jene geschlossene Einheit der Partei wesentlich gelo>dert. Seine Partei müsse es Jedo< ablehnen, dazu durch irgendwelche Modifizirung der firhenpolitischen Geseßgebung die Hand zu bieten. Ein solcher Versuh würde überdies wohl völlig resultatlos sein, selbs wenn er ethish zulässig wäre, Das Centrum wirke, wenn es die konservativen e annehme, einmal an einer positiven Geseßgebung auf dem Boden der Mai eseße mit, andererseits billige es dadur<h das System der diskretionären Vollmachten. Der Abg. Windthorst habe diese Thatsachen vergebens zu ent- kräften gesuht. Ueber die diskretionären Vollma ten habe das Centrum sih diesmal mit dem

:

: inweise darauf hinweg- eseßt, daß dieselben si<h 1880 in einer unangenehmen sah

ihen Kombination befunden hätten, was übrigens damals gar nit einmal der Fall gewesen sei. Au<h beim Centrum ¿eige sih demna<h bedenklihes Schwanken. Seine Partei werde demgegenüber an dem Grundsatze E, daß der Staat der katholischen Kirche gegenüber seine Autorität wahren

Erste Beilage

Berlin, Freitag, den 31. März

_Der Abg. von Rauchhaupt bemerkte, seine Vergangenheit be- weise, daß er an alle Fragen nur mit der äußersten Mäßigung und Nuhe herantrete, er habe daher von liberaler Seite am Allerwenigsten den Vorwurf verdient, mit den Polen preußische Politik zu treiben. Vor Allem müsse der Kulturkampf be- seitigt werden, wenn der preußishe Staat gesunden solle. Wer das nicht einsehe, verstehe die Zeichen der Zeit nicht. Bedauerlich sei, daß die Freikonservativen sih von ihrem bis- herigen Standpunkte nicht losringen könnten. Nach des Abg. von Kardorffs Rede im Reichstage habe die konservative Partei im Lande aufgeathmet. Durch die Haltung der Freikon- servativen hier im Hause sei sie {wer enttäusht worden. Die Freikonservativen hätten seiner Partei ihre Mitwirkung zu $8. 4 versagt, die freikonservative Partei sei nit einmal auf den Boden der Regierung getreten Me habe si< hinter alle möglichen kleinlihen Amende- ments zurüd>gezogen. Der Abg. von Kardorff habe damals gesagt, es hätte nur no<h gefehlt, daß Hr. Dr. Falk gesagt ätte, er sei es au<h niht gewesen. Der Abg. von Kardorff abe offen erklärt, die großen Fragen, die das Land gegen- wärtig bewegten, seien nur zu lösen in Gemeinschaft mit der Partei, gegen die man früher den Kulturkampf geführt habe, die shwere Verantwortung dafür falle auf die Nationallibera- len, welche si< den Wirthschaftsplänen des Fürsten Bismark nit hätten anschließen wollen. Der Abg. von Kardorff habe weiter bekannt, daß die freikonservative Partei von irrigen Voraussezun- gen bei der Maigeseßgebung ausgegangen sei, daß diese Härten und Fehler enthalten hätte, welhe beseitigt werden müßten, wie die Amovirung von Geistlichen, das Kulturexamen, der kirchliche Gerichtshof. Seine Partei thue nihts weiter, als daß jie dies Programm des dereinstigen Führers der Frei- konservativen auf si<h nehme. Die Haltung der freikonserva- tiven Partei sei ihm völlig unerklärlih. Man könne ja für die Zukunft und mit Rücksicht auf die Wahlen gewisse Ziele verfolgen, man könnne ja eine solche Frage \<ließli<h als ezrage der Wahltaktik behandeln, aber die freikonservative Partei täusche si< positiv über die Stimmung des Volkes. Das Volk wolle Frieden mit dem katholishen Volke und den katholischen Unterthanen, in einer Form, die dem Staate nichts vergebe. Dies geschehe in diesem Gesetze auch keines- wegs. Er sei fes davon überzeugt, wenn der Friede wieder hergestellt sei, dann würden auch die katholischen Mitbürger ebenso wie seine Partei an dem Wohlergehen und dem Auf- bau des Staates arbeiten, wie bisher.

Der Abg. von Eynern erklärte, es wäre sehr erwünscht, von der Regierung zu erfahren, wie sie si zu der Streichung der Art. 4 und 5 stellen würde. Er habe 1880 für Art. 1 gestimmt, weil er damit einen Versu zum Frieden habe machen wollen. Nachdem dieser Versu gescheitert und die Kurie in keiner Weise entgegengekommen fei, stimme er gegen denselben. Was den Art. 2 betreffe, so habe er den damaligen Ks!ius-Minister gefragt, ob die Negierung beabsichtige, diesen “Artikel wieder einzubringen ; wenn das der Fall sei, so müßte ein großer Theil seiner Partei gegen die ganze Vorlage stimmen. Der damalige Kultus-Minister habe erklärt, daß er angesichts der Stellung des Centrums sich zehn, zwanzig Mal besinnen würde, diesen Artikel wieder einzubringen. Einer seiner Fraktionsgenossen habe dann erklärt, wenn derselbe troßdem vorgelegt würde, so müßte darin eine grobe Unzuverläsfigkeit gefunden werden. Ec eigne sih diesen Ausdru> nicht an, aber vielleicht theile der Minister mit, was ihn zu seiner Sinnesänderung veranlaßt habe. Die Stellung des Centrums und der Kurie sei dieselbe. Man wisse niht, was Herr von Schlözer in Rom thue. Das Centrum werde immer begehrlicher : katholischer Kultus-Minister, Rüldkehr der Bischöfe. Habe die Rechte nicht an das Dombaufest gedaht, die würdige Zurückhaltung ihrer Freunde aus dem Centrum? Habe die Rechte denselben nicht eine Strafe auferlegt ? Windthorst habe einmal gesagt, der Kulturkampf datire vom Schlachtfelde von Königgräß. Die „Civilta catolica“, das offizielle Organ der Kurie, habe geschrieben, der Kampf werde in Preußen fortdauern, fo lange Preußen bestehe, denn es stehe in direktem Gegensag zur katholischen Kirche, mit Preußen stehe und falle der Kampf gegen die Kirche. Seine Partei wolle in die unveräußerlihen Rechte des Staates durch die Annahme dieses Antrages keine Bresche legen. Vielleicht werde dieser Tag in der preußishen Geschichte eine Bedeutung gewinnen, die no<h na< Jahrhunderten nahwirken werde. Fünfzig Jahre nah dem Tode Luthers sei fast ganz Oesterreih und Böhmen und ein großer Theil Schlesiens protestantisch, gewesen, die Gegenreformation habe sie wieder katholis gemacht ; wenn die konservative Partei heute diese Koalition eingehe, so stehe sie mitten in der Gegenreformation und das Centrum habe alle Ursache, einen großen Triumph zu feiern. Der patriotische Sinn der Rechten follte sie doh abhalten, sih einer aus- wärtigen Macht zu beugen. Er (ließe mit den Worten des großen preußishen Staatsmannes: „Man thue in Preußen seine Pflicht, indem man die Geistesfreiheit der deutschen Nation gegen die Ränke des römischen Jesuitenordens und des Papstes vertrete, das thue man mit Gott für König und Vaterland!“

Hierauf ergriff der Vice-Präsident des Staats-Ministeriums von Puttkamer das Wort:

Meine Herren! Der Hr. Abg. von Eynern hat einen kleinen Theil seiner mit so hohen \taatsmännischen SeBipunkten durch- seßten Rede meiner geringen erson und der Stellung gewidmet, welche ih in meinet Eigenschaft als Kultusminister im Jahre 1880 derjenigen Frage (K eingenommen habe, die eigentli in diesem Augenbli> no< nit zur Diskussion steht, nämli< zur Bischofsfrage, dem Inhalte des Art. 2. Aber da ih gern einem politischen Gegner unmittelbar auf dem Guße antworte, weil die Situation dadur ein- facher und klarer wird, so werden die Herren mir gestatten, von der Geschäftsordnung in diesem Falle abzugehen und denjenigen Theil der Ausführungen des Hrn. Abg. von Eynern, der \i< auf Art. 2 bezog und der sih mit dem von mir im Jahre 1880 dieser Frage gegen- über eingenommenen Standpunkte beschäftigte, einer ganz kurzen Be. leubteng zu unterziehen.

Meine Herren! Der Herr Abgeordnete war so gütig, mi< daran zu erinnern, daß ih im Jahre 1880 auf eine Interpellation, die er am Schlusse der Berathungen über die damalige kirchenpolitische Novelle in der Richtung an mi stellte, ob es denn wahr sei, daß die

müsse. Nah Canossa gehe sie nicht!

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger.

1882,

Partei und der konservativen Partei gegen das Zentrum zu Stande gekommen sein würde, diesen Kompromiß, der ja wesentli< auf der Verwerfung des Bischofsparagraphen beruhte, ob die Regierung etwa dem Gedanken nicht abgeneigt sein würde, denno< in nächster Zeit diese Vorlage des Bischofsparagraphen als einzigen Arti el, alfo als direkte (Unruhe links) aber so hören Sie do< nur erst Gegendemonstration gegen das damals zu Stande Gekommene wieder einzubringen. Nun hatte der err Abgeordnete weiter die Güte zu sagen, ih hätte das in der Form, die ih gleih no< näher erläutern werde, verneint, und darauf habe einer seiner Parteigenossen dann s{ließli< geäußert: „Wenn nach dieser Erklärung die Regierung sih darauf cinlafsen würde, den Bischofs- paragraphen do< wieder einzubringen, dann würde dies ein be- sonderer Grad von Unzuverlässigkeit sein.“ Hr. von Eynern war fo vorsichtig, zu sagen, er wolle sich diesen Ausdru> nicht an- eignen; hätte er das gethan, so würde es ihm an der gebührenden Antwort darauf sicherlih nit gefehlt haben. Aber, wenn man in einer folhen Debatte einen sol<en Relativsaß, so möchte ih es aus- drücken, einem Minister gegenüber einfügt, \c hat das, meine Herren, ganz_ unzweifelhaft den taktis<hen Erfolg, daß cin großer Theil des Hauses und vor allen Dingen ein großer Theil der öffentlichen Meinung und des Publikums direft oder indirekt unter den Eindru> gebracht werden, es sei allerdings eine persönliche Unzuverlässigkeit des früheren Kultus- ministers vorhanden und diese Unzuverlässigkeit habe sih abgelagert in der jeßt uns beschäftigenden Vorlage in Sonderheit in dem von der möglichen Wiedereinsetzung der Bischöfe in ihre Aemter handelnden M2 Das ist doch eine so starke Provokation, daß Sie mir wohl gestatten müssen, wenn ih auch nit die Absicht gehabt habe, mich bei dieser Debatte zu betheiligen denn die Vertretung der Regierung ift in so guten Händen, wie sie nur sein kann mein Stillschweigen zu bre<hen und nun einmal dem Abg. - von Eynern vorzuführen, nicht etwa wie es mit meiner Unzuverlässigkeit, sondern wie es mit feiner Loyalität steht, indem er ganz aus dem Zusammen- hang gerissen, aphoristis< und unvollständig die zwischen uns statt- gehabte Diskussion dem Hause vorgeführt und daran die Konsequenz geknüpft hat, die ih als gänzlich unzutreffend zu bezeichnen mich ge- nöthigt sehe. Wie ist denn unsere Unterhaltung damals verlaufen ? Der A g. von Eynern sagte, in der „Kreuzzeitung“ habe ge- standen: indem die konservative Fraktion prinzipiell an den Gesichtspunkten, welche sie bisher geleitet haben, na< wie vor fest- hält, bleibe als einziger Punkt der Verhandlung für sie die Möglich- reit offen, für jeßt auf die Einfügung des Art. 4, des Bischofsartikels, Verzicht zu leisten. „Fasse ih dies zusammen“ fährt nun Herr von Eynern fort „mit den Gerüchten, die au< in anderen Zei- tungen auftauchen, daß es wahrscheinli< erscheinen müsse: {hon in der nächsten Session „oder vielleicht später werde der Art. 4 als einzige Regierungsvorlage wieder eingebracht worden, wo er dann angenommen werden würde, dur ein Bündniß der konservativen Fraktion mit der Centrumspartei, jo muß i< do< meinerseits erklären, 0 ih nur dann für die Vorlage, wie ih sie eben begrenzt habe, stimmen kann, wenn mir, ih spreche nur persönlich, von Seiten der Königlichen Staats- regierung die Absicht kund gegeben wird, eine solche Absicht, Art. 4 wieder einzubringen, nicht zu hegen.“

Meine Herren! Ih war natürlich genöthigt, da ih mi ja als Vertreter der damaligen Vorlage es war ja in der dritten Be- rathung in höchst fritisher Lage befand, und allerdings den Wunsch hatte, daß cine Majorität für diesen Torfo, denn weiter war es ja nichts, zu Stande kommen möge, dem Abg. von Eynern auf seine so direkt an mi< gerichtete Interpellation eine ganz offene Er- lärung über die von ihm gestellte Frage zu geben, weil er ja offen proklamirt hat, „nur wenn diese Erklärung für ihn eine beruhigende sei, könne er für den übrigen Theil der Vorlage stimmen. Nun, meine Herren, was habe i< damals gesagt? Jch darf wohl wieder meine Worte citiren :

„Weshalb ih mir das Wort erbeten habe, beruht lediglich auf dem Wunsch, auf eine Andeutung des Hrn. von Eynern, der eben gesprochen hat, zu antworten. Wenn er allerdings nur in seinem eigenen Namen seine Zustimmung zu der Vorlage davon obhängig machen zu müssen geglaubt, daß i< hier im Namen der Königlichen Staatsregierung die Erklärung abgeben soll, leßtere beabsichtige nit, nächstens oder überhaupt in Zukunft auf den Artikel zurü>- zukommen, meine Herren , so ist das, glaube ih, ein Verlangen, welches in der parlamentarishen Geschichte sehr außergewöhnlich, vielleicht ganz ohne Vorgang ift.

Und, meine Herren,“ (Ruf von links: Weiter lesen!) Es3 wird Alles kommen, warten Sie nur ab.

„son dieser staatsretlihe Grund, ih betrahte im Augenbli> die Sache nur von diesem Gesichtspunkt, glaube i, überhebt mi einer positiven Antwort auf diese Frage. Aber das will ih hier- mit offen erklären: im Schoße der Königlichen Staatsregierung hat bisher keinerlei Erwägung konfidentieller oder amtlicher Art stattgefunden, ob ein sol<hes Verfahren mögli sei, welches der Hr. Abg. von Eynern eben andeutete. Ih bin auch der Meinung, meine Herren, daß mit Nücksicht auf die kurze Dauer dieses Gesetzes diese Erwägung und die aus ihr ges{öpfte Anfrage des Hrn. Abg. von Eynern vollkommen gegenstandslos ift."

Nun habe ih damals in derselben Sitzung, na<bdem der Abg. Rickert auf die Frage zurü>gekommen war, ausdrückli< no< Folgendes hinzugefügt :

Wenn ih nun no<hmals zurü>kommen soll auf Dasjenige, was Hr. von Eynern hier als Frage vorlegte, und auf die Art, wie der Pr. Abg. Ri>ert das ausbreiten zu müssen geglaubt hat, so habe ih bereits dic Ehre gehabt, zu erklären, daß ich nicht glaube bere- tigt zu sein, hier eine Erklärung abzugeben, die die Staatsregierung in ihrer Entschließung über diesen oder jenen Punkt für alle Zu- kunft bindet.

Aber, meine Herren, wenn Sie mir ferner die Frage vorlegen, ob i< mir denken kann, daß na dem Resultate der hier im „Pause geführten Verhandlungen über diese Frage solche Beschlüsse im Schoße der Staatsregierung in nächster Zeit etwa reifen könnten, wie Hr. von Eynern es für mögli<h hält, o verneine ih das von meinem persönlichen Standpunkt.

Nun, meine Herren, fasse i< das Resultat dieser Reden und Gegenreden einfa< dahin zusammen. Die damalige Situation war folgende. Hr. von Eynern hatte die Vermuthung oder die Möglichkeit ausgesprochen, daß die Regierung entgegen dem direkten, damals ge- \{lofenen Kompromiß es für zulässig halten würde, entweder noh in derselben Session oder in einer späteren den abgelehnten Bischofs- Paragraphen, der ja den Schlüsselpunkt der ganzen Diskussion damals bildete, als einzigen Gegenstand einer neuen Vorlage wieder ein- zubringen, also vs i losgelôst von dem ganzen organischen Zusammen- hang aller der hier in Betracht kommenden Gesichtspunkte und großen Fragen. Jh habe damals vom staatsre<tliden Standpunkte es ab- elehät, eine Erklärung darüber abzugeben, und ih glaube, meine erren, korrekter konnte ih ni<t handeln. Denn es ist in der t eine völlige Unmöglichkeit für einen Minister, die Stellung der Re- gierung über eine bestimmte politische frage für alle Zeit persönli estzunageln. Das kann er weder für si<, no< für seine Kollegen in rgend einer Weise thun. L :

Ich habe dann allerdings erklärt, daß wenn ih mir die kurz hinter uns liegenden Verhandlungen vergegenwärtige, wenn ih mir

Regierung dem Gedanken niht nur zugänglich sein würde, nachdem diese Novelle dur< einen Kompromiß zwishen der nationalliberalen

vergegenwärtige, daß das Centrum was ih ja no< beute bedaure urs die Hand zum Zustandekommen der kirchenpolitishen Novelle