1882 / 108 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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Jem Kreise war gering. Von den Kir<er is nur die zu Gangloff- söômmern dur Gpenmaß der Verhältnisse und eine - volle, beide Thürme verbindende Arkadengalerie bemerkenswerth. Was Profanbauten betrifft, so ist die Landgrafenburg zu Weißensee Leider zerstört, was um so bedauerlicher ift, als die no< vorhandenen, auf das 12. Jahrhundert deutenden romaniscen Ueberreste am S{loß- thore und Slosse selbst cine ziemlich reiche Anlage vorausseten lassen und au die Befestigungen, militärish betra<tet, wegen ihrer Kreie- form interessant sind. Die gothisben Stadtkirben von Kindelbrü> umd Sömmerda gehören der späteren Zeit an und find stark verän- dert ; die Weißensee’er Hauptkirhe gebört zwar zum Theil no< dem 14. Jahrbundert an, ist jedo auch vielfach entstellt. Aus dem Innern der Kirchen sind die spätgothisden Sakramentsbäuser in Gangloff- fömmern und in St Nicolai zu Weißensee erwähnenswerth. Gut erhaltene Schnißzaltäre finden sich in Sömmerda und Weißensee; die Teßteren sowie der Schrein in Ottenhausen zeigen au< Oelmalereien aus dem 15. JIahrhundezt. Aus der Zeit der Früb-Renaissance ift das Rathhaus von Sömmerda wegen der (abbildlih mitge- theilten) Skulpturen am Eingange zum Rathéskeller interessant. Das erst im 18. Jahrhundert erbaute Schloß der Commende Grief- ftedt gehört eigentli< {hon nihti mehr in den Rahmen des Werks, ift aber deshalb mit hincingezogen worden, weil es im Renaissance- \tyl ausgeführt ift und besonders der efektvoll dekorirte und mit vielen Wappen ausges{müd>te {<öne Kirchensaal zur Vergleichung mit anderen Kirchen des Johanniter-Ordens Anlaß bietet; zahl- reiche Abbildungen: der architektonishen Einzelheiten, Skulpturen, Wappen 2c. veranschaulichen die Beschreibung. Aub die Artikel Weißensee und Sömmerda sind besonders rei< mit Illustrationen bedacht, deren das Heft im Ganzen 46 bringt. In dem die Bau- denkmäler der Kreisstadt betreffenden Abschnitt sind auch die wichtig- sten politischen Ereignisse erwähnt, welhe den Kreis während der thüringisch-säcbsis<hen Zeit berührt haben. Das Heft {ließt wie die früheren mit der kunststatistishen Uebersicht und einer Glo>enschau. Von der Sammlung deutscher Reihs- und Preußischer Landesgesetße, (besonderer Abdru>k aus dem Deutschen Reichs- und Königlich Preußischen Staats-Anzeiger), zweiter Jahrgang 1882, (Berlin, Carl Heymanns Verlag) sind erschienen: Nr. I, enthaltend: 1) Verordnuna, betreffend die Berechtigung fremder Flaggen zur Ausübung der deutshen Küstenfrachtfahrt, vom 29, Dezember 1881; 2) Bekanntmachung, betreffend die dur< das Gescß vom 22. Mat 1881 über die Küstenfrachtfahrt nit berührten vertragsmäßigen Be- stimmungen, vom 29. Dezember 1881; 3) Bekanntmachung, betreffend die Uebercinkunft mit den Niederlanden wegen gegenseitigen Schutzes der Waarenzeichen, vom 19. Ianuar 1882; 4) Bekanntmachung, be- treffend die Uebereinkunft mit Rumänien wegen gegenseitigen Marken- schutes, vom 27. Ian:arx 1882; 5) Gesetz, betreffend die Erhebung ciner BVerussstatistik im Jahre 1882, vom 13. Februar 1882; 6) Bekanntmachung, betreffend eine Abänderung des Verzeichnisses der gewerblichen Anlagen, welche einer besonderen Genehmigung bedürfen, vom 31, Januar 1882; 7) Geseß, betreffend die Ausführung des Anschlusses der freien und Hansestadt Hamburg an das deutsche Zoll- gebiet, vom 16. Februar 1882; 8) Verordnung über das gewerbs- mäßige Verkaufen und Feilhalten von Petroleum, vom 24. Februar 1882, (Preis 25 4.) Nr. 1I.: Entwurf cines Innungéstatuts auf Grund des Reichégeseßes vom 18 Juli 1881, mit Sacbregister

reis 60 g.) ;

E j &Wand- und Forstwirthschaft. e

Vom westli<hen Taunus, 2. Mai, wird der „Deutschen Reichs-Post“ gemeldet: Trotz des seitherigen e<ten Aprilwetters : kalte Regenschauer, warme Sonnenblike, heftige Stürme, zur Ab- wechslung leihte Schneefälle im Gebirge, shauen heute Wiesen und Felder, Weinberge, Gärten und Wälder denno fris< und grün in die Welt hinein. Das Korn schießt in der Mainebene bereits in Aehren, der Weizen steht lü>enlos und wohlbesto>kt da, und der Raps in voller Blüthe. An den Feldgewächsen haben die Froftnähte vorigen Monat keinen Schaden an- gerihtet, dagegen haben die Blüthen der Kirschen-, Birn-, Aprikosen-, NReineclauden- und Mirabellenbäume, namentli< in den Niederungen bedeutend Noth gelitten. Die bisherige Wit- terung war, wie man BA zu Überzeugen öfters im Gebirge eben Ge- legenheit hat, für die Jagd nicht ungünstig. Denn abgesehen davon, daß bereits junge Hasen in Menge bemerkt werden, giebt es auch <on junge Rebhühner. Da im Juni eine zweite Brut tifinden wird, e dürfte die nächste Hühnerjagd ohne weifel ertragreih werden. i i 3 Wien, g. Mai. (W. T. B,) Nach dem offiziellen Bericht

, über den Saatenstand Ende April ist der Stand der Winter-

saaten theils gut, theils sogar vortrefflich, ebenso im Allgemeinen derjenige der Sommersaaten. : GewÄ-*-Le und Handel. A Nach Mittheilungen aus Rom und Florenz sollen von Königlich italienis<hen Behörden E folgende Lieferun gen tîm issionswege vergeben werden: i Dg E Mai d. F eiriags L Uhr, fog Der Eon r itärkommission der Division von Turin, via San Franceêco du Paolo Nr ps Lieferung von 12 000 Sä>en aus Segeltuch im twerth von 30 000 L. ; E E r 12 Mai d. I., Mittags 12 Uhr, von der Bau-Direktion des 2. Secdepartements in Neapel, Strada Santa Lucia a Mare, eine Lieferung von Lärchentannenholz im Gesammtwerth von 116 380 L, ; 3) am 15. Mai d. I., Vormittags 10 Uhr, von der General- direktion der Eisenbahnen im Ministerium der öffentlihen Arbeiten in Rom: eine Lieferung von Eisenbahnmaterial (einfache Weicben, fomplette Signalscheiben, Wasserbehälter, Luftdru>pumpen, Krähne, gußeiserne Röhren, Drehscheiben und Puffer) im Gesammtbetrage von A n A) am 22. Mai d. I., Mittags 12 Uhr, von der Artillerie- Direktion in Rom, via San Cotimato (Trastevere) eine Lieferung von Hölzern zu Rädern, von Bohlen, Balken, Brettern und Stämmen, in Ulmen-, Eichen-, Eschen- und Fichtenholz im Gesammtbetrage von L S “eber die speziellen EERÇen dieser Submission ist das ä an Ort und Stelle einzusehen. i: E L Ceschästécrgebyniß der Deutschen Lebens-, Pen- sions- und Renten-Versiherungs-Gesellshaft auf Gegenseitigkeit zu Potsdam für das Geschäftsjahr 1881 ift no< günstiger als das des Jahres 1880. (Es „waren zu erledigen 5054 Anträge mit 10 702 160 & Kapital und 1033,70 Æ Jahreêrente. Davon wurden angenommen 4413 Anträge über 8 699 560 M, abge- lehnt oder zurückgezogen 533 Anträge über 1743 900 A und auf 1882 äbertragen 88 mit einer Antragssumme von 258 700 # Der erzielte Ueberschuß beläuft \si<h auf 90754 #4; der statutenmäßige Antheil wird na< Ablauf von 3 Jahren zur Auêtheilung an die mit Gewinnantheil Versicherten gelangen. Die Prämieneinnahme ift auf 1694 910 Æ, die Zinseneinnahme auf 155 953,81 #4 und die esammteinnabme auf 1887086 Æ gestiegen. Das Gesammt- vermögen des Instituts hat sich von 5 036 211 M auf 5 661 550 M gehoben. Die Prämienreserve wurde im Jahre 1881 um 555 874,79 A vermehrt und beträgt Ende 1881 4 834 347,39 A ür Sterbe- fälle wurden im verflossenen Geschäftsjahr 511 330,79 F und im Ganzen von 1869 bis 1881 3920 489,27 M Versicherungssumme E : E „Dresd. Journ.“ entnehmen wir folgenden vom 5. d. M. datirten Bericht von der Leipziger Messe: Die Fabrikanten baumwollener Ro>k- und Hosenstoffe hatten diesmal nur wenig Waare mit zur Messe gebracht, da sie wegen des in diesem Jahre bei Zeiten dngctreiraen Frühjahrêwetters {on vor der Messe von Haus aus bedeutende Aufträge zu efffektuiren hatten. Es gingen viele dieser Stoffe nah Rumänien und Südamerika. Das Meß- ges<äft war daher von geringer Bedeutung, zumal au die deutschen Konsumenten während des ganzen verflossenen lauen Winters wenig u feiern genöthigt waren und ih soviel verdienen konnten, mit den L liltiger dabei re<t ges{ma>vollen Kleidungsstoffen bei Zeiten \sih versehen zu können. edachte baumwollene Ro>- und Hosenstoffe scheinen immer mehr und mehr von dem Meßplay zu vershwinden,

weil die Reisenden der Fabrikanten die Kundschaft außer den Messen besu<ht und deshalb nur no wenig Einkäufer für ge- dachte Artikel zur Messe kommen. Größere Fabrikanten wollen nur no< mit Musterlagern kommen, wodur ihnen große Spesen erspart bleiben, Von wollenen Strumpfwaaren läßt si diesmal nits beribten, da die Ostermessen diesen Artikeln nie günstig sind und selbst die fo beliebten und leiten Phantasiesachen keine Nehmer finden. Die Fabrikanten hielten si daher au gar nit lange auf. Von den thüringishen Perlenfabrikanten waren mehrere diesmal gar nit zur Messe gekommen, weil sie keine Vorräthe der so beliebten Besaßperlen für Puy und Damenkleidung sammeln und na hier bringen fonnten. Diejenigen Fabrikanten, welcbe aber die Messe besuchten, wurden ihre Besatzperlen {nell los und es konnte der Nachfrage danach ni<t vollkommen genügt werden.

Der Her ingsfang bei Island hat nach einem in der „Osts.- Ztg.“ mitgetheilten Ausweise im Jahre 1881 wieder erheblich zu- genommen. Es sind von Norwegen dazu ausgezogen: von Mandal 5, von Stavanger 35, von Haugesund 160, von Bergen 41, von Aale- sund 3, von Molde 1, von Namsos 2 Siffe, zusammen 187 Schiffe von 16 827 Reg.-Tons, welche 167 705 t Hering fishten. Der Netto- verdienst, welchen die Fahrzeuge erzielten, war cin sehr großer, näm- [ih durscnittli< 1500 Kronen per Scwiff oder 16 Kronen per Register-Ton. Zur Ausbeutung dieser günstigen Chancen bilden fich augenbli>li< in Kopenhagen zwei Aktiengesellschaften mit erheblicbem Kapital, welche den Heringsfang bei Jsland im Großen betreiben wollen. Der bei Island gefangene Hering wird als größtentheils groß und fett, dem norwegischen ähnlich, geschildert. :

St. Petersburg, 9. Mai, (W. T. B.) Das Börsfencomité macht bekannt, daß der Eröffnungstag der diesjährigen Schiffahrt in kommerziel'er Beziehung auf den 2. Mai (20. April) angenommen ift.

Verkehrs-Anstalten.

Plymouth, 8. Mai. (W. T. B.) Der Hamburger Post- dampfer „Gellert“ ist hier eingetroffen.

New-York, 8, Mai. (W. T. B.) Der Hamburger Postdampfer „Bohemia“" ist hier eingetroffen.

Berlín, 9. Mai 1882.

Das Königliche Botanische Museum is gestern in dem imposanten Neubau des Botanischen Gartens eröffnet worden. Das Museum, das vor Allem diejenigen Gegenstände aus dem Pflanzen- reich umfaßt, die, wie Früchte und Samen, Hölzer, Wurzeln, Rinden, Fasern und sonstige Rohprodukte, dur< ihre praktis<e Anwendung ein allgemeineres Interesse gewähren, nimmt die ganze zweite Etage des Prachtbaues ein, während im ersten Sto> das Herbarium unter- gebracht is. Die Objekte sind in se<s Säle vertheilt, von denen die beiden im Mittelbau des Gebäudes liegenden mit Galerien versehen sind, welche gleizeitig Aubstellungssahen bergen. Das Meiste ist in großen, die Wandflächen bede>enden Schränken aufgestellt, deren wir 107 gezählt haben, andere Objekte befinden sich in Tourniquets. Zwei große LTafelkästen im Mittelsaal enthalten eine Sammlung von Abbildungen der verschiedensten Pflanzen, \ystematis< geordnet. Auch das Museum selbst ist so eingerichtet, daß man im Allgemeinen von den niedrigsten Pflanzen in einer Stufenreihe aufwärts zu den höchst entwickelten gelangt. Saal I, rets vom Treppenhaus, ent- bâlt somit die Kryptogamen, Saal II, die Gymnospermae und Monocotyleae (unter ihnen den größten Theil der Sil Schweinfurts und Hildebrandts), Saal 111. im Anschluß an dem 1. Saal die Gefäß-Kryptogamen, außerdem aber eine Sammlung abnormer Holzstrukturen, wie Ueberwallungen, Ver- wachsungen, Verbänderungen, Drehungen u. dgl., und die nah dem Wilmersdorfer Weg zu belegenen Säle in drei Abtheilungen die große Klasse der Dicotyleae. Wo die Natur die Darstellung nicht gestattet, P Abbildungen und Modelle zu Hülfe gezogen worden. Die Korridore enthalten Hölzersammlungen aus allen Theilen der Erde; der Vorplaß, zu dem man von der Treppe aus zunächst gelangt, birgt Stü>e von Baumfaxrnen, Cykadeen, Palmen, größere Früchte wie Maledivennüsse, Affenbrodfrüchte, Riesenhülsen, Frucht- stände von Sangopalmen , BVlüthenstände vom Pampasgras und dgl. Ein Katalog, der für 50 -Z käuflich ist, enthält etwa 1000 der wichtigsten Dbjekte und giebt namentli< über die praktische Ver- wendung des Ausgestellten die erforderlihen Mittheilungen.

In Angelegenheiten der H ygienishen Ausstellung find der K. K. österreichische Major Fischer von See, Kommandant des Feld- Sanitätë-Depots des Deukschen Ritter-Ordens, und der K. K. österreihishe Regimentsarzt Dr, Myrdacz aus Wien hier ein- getroffen,

Wie man der „Polit. Corr.“ aus Athen meldet, hat am 4. d. M.,, um 2 Uhr Nachmittags, in feierlicher Weise zu Kala- mafi auf dem Isthmus von Korinth die Eröffnung der Arbeiten zum Zwe>ke des Durchstichs stattgefunden. Drei- zehn Fahrzeuge, theils Kriegsschiffe der griechischen und russischen Marine, theils Privatgesellshaften gehörige Dampfer, beförderten die Königliche Familie, den Großfürsten Constantin und mehr als 3000 zu der Feierlichkeit geladene Bewohner Atbens an den Schauplaß der leßteren. König Georg that mit einer silber- nen Schaufel den ersten Spatenstiß und füllte eigenhändig mit der ausgehobenen Erde einen silbernen Schiebkarren, welchen der Ministerpräsident Trikupis ins Meer auslcerte. Es folgte unter Führung des Ingenieurs Bela Gerster die Besichtigung der {on vollendeten und no< zu vollendenden Arbeiten, wobei die Königin cine Dynamit- und Pulvermine entzündete, durh wel<e ein mächtiger Felsvorsprung abgesprengt wurde. Das Fest, bei dem General Türr und Gemahlin die Honneurs machten, endete mit einem Banket in einem eigens hergestellten und mit großer Pracht ausgestatteten Kiosk.

Die Brieftauben-Gesellsc<haft „Berolina“ beginnt am 13, Mai ihre diesjährigen Wett- und Preisflüge für Tauben. Für alte Tauben sind 10 Touren, von Friedenau, Zehlendorf, Wannsee,Groß-Kreutz, Groß-Wusterwitz, Burg, Eilsleben, Seesen, Altenbeken und von Cöln aus projektirt ; für junge Tauben, deren Wettflüge am 5. August be- ginnen, hat man 9 Touren, von Friedenau, Steglitz, Zehlendorf, Wannsee, Werder, Groß-Kreuß, Groß-Wusterwiß, Burg und Eils- leben in Aussicht genommen. Zur Vertheilung sollen gelangen außer Vereinspreisen eine goldene Staatêmedaille, welhe von Sr. Majestät dem Kaiser erbeten is, und 7 silberne sowie 7 bronzene Staats- medaillen, die man vom Kriegs-Minister sowie von dem Minister für Landwirthschaft erhofft. E Im Krollschen Etablissement wurde am Sonnabend die Sommeroper mit der Aufführung des „Troubadour“ eröffnet. Die neu gebildete Gesellschaft besißt mehrere dur< ihre Gesangékunst wie dur< darstellerishe Begabung bervorragende Kräfte. An diesem ersten Abende zeichneten si namentli Frl. de Lido (Leonore), Frau Desta (Azucena), Hr. Oberländer und Hr. Schütte-Harmsen aus und errangen \si< reiben und wohlverdienten Beifall. Gestern Abend wohnten wir der dritten Vorstellung bei, die, wohl des ungünstigen Wetters wegen, leider nur {wa< besucht war. Zur Aufführung kam „Das Nachtlager von Granada“ von Conradin Kreutzer. Die weiblihe Hauptrolle der „Gabriele“ wurde von Frl. Kauer gegeben, die über ein klangvolles, {<önes Organ verfügt. Ihre Stimme ist zwar nit besonders kräfti , reiht aber für das Krollshe Theater vollkommen aus; mit gefälligem Spiel genügte die Künstlerin allen Anforderungen, die man zu stellen berechtigt st, und brachte ihre lyris<h angehaute Partie eindru>svoll zu Gehör, B dem Baryton der Gesellshaft, Hrn. Schütte - Harmsen, hat Hr. irektor Engel, der bewährte Leiter des Etablissements und der Opernvorstellungen, cine sehr tücbtige Kraft gewonnen, Ec entfaltete angenehme, woblklingende und au sehr kräftige Stimmwittel, Sein eindru>svolles Organ würde aber no< gewinnen, wenn er das immer wiederkehrende Tremolo ablegen möchte. Besonders gelang dem

Künstler die Arie beim Beginn des dritten Akts, die das Publikum zu reihem Beifall veranlaßte. Der Tenor Hr. Marion fand wen Gelegenheit zur Entfaltung seiner Begabung, so daß wir das Urt über ihn no< ausseßen. Jm Ganzen fand die Aufführung bei dem anwesenden Publikum eine wohlwollende Aufnahme, die \si< dur anerkennenden Beifall kunt gab.

Morgen tritt Mlle. Maria de Lido als „Nachtwandlerin“ auf. Das Ensemble wird diesmal ein völlig einbeitlihes sein, da die Künstlerin ihre Partie ebenfalls deuts{ singt. Nur ihre Antritts- rolle im „Troubadour“ hatte sie ausnahmsweise, da sie diese Partie überhaupt zum ersten Male vorführte, talienis< gesungen.

Die Münchener Gesellsbaft vom Königlichen Theater am Gärtnerplaß, brahte am Sonnabend als erste Novität während ihres dieëjährigen Gaftspiels im Wallner- Theater ein Volksstü>k von Arthur Müller: „Johannisfeuer oder der Gamsfkönig*“ und erzielte damit vor ausverkauftem Hause wiederum einen Erfolg, der um \o \{werer wiegt, als das Stü>k mit feinen stark auf pathetische Rührung berechneten Scenen vielfah im geraden Gegensaß zu dem steht, was man sonst an dieser Stätte des lachenden Humors zu hören gewöhnt ist. Es ist eine re<t aufregende und blutig verlaufende Wildererge\s<i<te, welche demselben zu Grunde liegt, und die uns in den einander feindlihen Hauptcarakteren, einem braven Förster, den Hr. Albert ganz vorzüglih spielt, und dem Jochbauern, gen. der Gamtê- könig, den Hr. Neuert dlei<hfalls ergreifend darstellt, äußerst spannend vor Augen geführt wird. Noch intricater wird die Verwi>elung dur< ein Liebesverhältniß zwischen dem Sohne des JIochbauern, Vincenz (Hr. O. Be>) und der Tochter des eFörsters, Leni (Frl. Bach). Daß es neben den hochernsten Scenen nit an tomischen Figuren und Episoden fehlt, ist selbstver- ständlih. Zwei der ergößlihsten sind der Sternwirth Anderl, vors-- züglich gespielt von Hrn. Hofpauer, dem Leiter der Gesellschaft, und Urschl, sein“ Weib und zugleih in Worten und Werken energischere Chehälfte, aus welcher Frl. Schönchen wieder ein wahres Kabi:etsftüd> komisher Darftellungskunst geschaffen hat; dann aber „auch der Heigerdamerl des Hrn. Seelus, eine an Ostade'she Figuren erinnernde, höchst realistishe Leistung. Auch für Gesangs- und Tanzeinlagen ist Sorge getragen; namentlich muß der urwüchsige „Schuhplattler“ allabendlih da capo getanzt werden. Bei der Begleitung des Gesanges vermißt man jedo< ungern die Cither, welche das lokale Kolorit erst vervollständigen würde. Ausstattung und scenishes Arrangement sind zwar wieder außer- ordentlih wirkungsvoll, im Ganzen genommen aber ist das Verdienst auch bei diesem Erfolge ein aus\{ließli< fünstlerishes, auf welches die Gâste stolz sein können.

S Central-Skating-Rink. Die italienis<{e Oper bereitet Donizetti's „Lucia“ mit Sgra. Malvezzi und Sar. Aramburo in den: Hauptrollen vor. Die erste Aufführung des „Maskenball findet bestimmt am nächsten Sonntag statt und werden Billetbestellungen zu dieser Oper schon jeßt im Direktionsbureau des Skating-Rink entgegen genommen.

London, 9. Mai. (W. T. B.) Die gesirige Vorstellung von Wagners „Siegfried“ in Her Majestys Theatre war abermals sehr zahlreih besucht; von Fürstlihen Personen wohn- ten derselben der Prinz und die Prinzessin von Wales und der Herzog und die Herzogin von Edinburgh bei. Unter den Darstellern wurden Vogl als Loge und Frau Vogl als Brunhilde dur< fast ununter- brochene Beifallsspenden ausgezeichnet.

Wetterbericht vom 9, Mai 1882, 8 Uhr Morgens.

Barometer auf j Temperatur Stationen, °@r.. dene Wind. | Wetter, in ° Voliing Millimeter. | | [99 C,=40R, Mullaghmore 764 SW 6 [Regen L Aberdeen .. 767 8 6 bedeckt!) 7 Christiansund 768 S0 1 \heitér 3 Kopenhagen 764 NNO 6 [wolkig 7 Stockholm . 767 NO 6 heiter 5 Haparanda . | 765 still |balb bed. 2 St. Petersbrg. 767 [NO 2 |wolkenlos 4 Moskau . ,.| 762 \|W 1 halb bed. 8 Cork, Queens-| | town... 770 WSW 4 (bedeckt?) 12 BIORE ¿es 7TT3 | still [halb bed. 10 Helder. . ., 769 NNW 3 bedeckt 8 S 6 767 |NNO 1 wolkig 10 Hamburg .. 765 N 4 bedeckt 8 Swinemünde 780 N 9 Regen?) 5 Neufahrwass. 753 |NNO 3 [bedecktt1) 8 Memel... 755 0 7 \bedeckt*) 9 E es 772 N 2 |bedeckt 9 Münter , . 766 |NNW 3 [Regen 7 Karlsruhe , , 766 SW 2 \bedeckt 6) 9 Wiesbaden 765 NW 3 bedeckt 7 München . 765 |W 5 wolkig 9 Leipzig ., 762 NNW 4 Regen 5 Berlin . .. 760 NNW 5 bedeckt?) 6 A 760 NW 3 |\Regen 12 Breslan .. | 757 WNW 6 wolkig) | 9 I A 771 |NNO 4 [wolkenlos | 10 E] 761 [W 1 heiter | 18 AEIORE 4 v9 760 [80 l Regen | 16

1) Seegang leicht. 2?) Seegang mässig 3) Nachm., Nachts Sturm und Regen. 4) Nachts Regen, *) Nachm., Nachts Regen, 6) Nac bmittogs Gewitter, 7?) Gestern viel Regen. 8) Abends Ge- witter,

Anmerkung. Die Stationen sind in 4 Gruppen geordtet : 1) Nordeuropa, 2) Küstenzone von Irland bis Ostpreussen, 3) Mittel- europa südlich dieser Zone, 4) Südenropa. Inuerhalb jedtr Gruppe ist die Richtung von West nach Ost eingehalten.

Skala für die Windstärke: 1 = leiser Zug, 2 = leicht, 3 = schwach, 4 = mässig, 5 = frisch, 6 = stark, 7 = st.if, 8 = stürmisch, 9 = Sturm, 10 = starker Sturm, 11 = heftiger Sturm, 12 = Orkan.

Uebersicht der Witterung.

Eine Depression, die gestern Morgen über Mitteldentschland, am Nachmittage über Oesterreich lag, ist mit zunehmender Tiefe nordwärts nach Ostpreussen fortgeschritten, s80 dass im sfidlichen Ustseegebiete die Gradienten erheblich zugenommen haben und auf Rügen und an der Ostmündnng stürmische Winde aus nörd- licher Richtung stattgefunden haben. Ueber Centraleuropa, welches an der Westseite der Depression liegt, ist bei meist schwachen bis frischen nördlichen Winden das Wetter kühl, vorwiegend trübe, vielfach regnerisch, Nur im Nordw sten ist die Bewölkung in Abnahme begriffen beim Herannahén eines tiefen Minimums west- lich von den Hebriden, welches auf der Nordwesthülfte der britischen InselIn starke südliche und südwestliche Winde heryor- rutt, während der hohe Druck südwüärts nach Südwesteuropa zu- rückweicht, Kaiserslantern, Karleruhe und Breslau hatten gestern Nachmittag Gewitter.

Deutsche Seewarte,

Redacteur: Riedel.

Verlag der Expedition (Kessel), Dru>: W. Elsner.

Sieben Beilagen (eins{hließli< Börsen-Beilage).

Berlin:

Erfte Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staats-Anzeiger.

M2 10S.

“Frma

Nic<tamfliges.

Preußer. Berlin, 9. Mai. Jm weiteren Ver- Taufe der gestrigen (5.) Sigurg seßte der Reichstag die erste Berathung. des Entwurfs eines Gesehes, betreffend die Abänderung der Gewerbeordnung fort. Der Abg. “Mun>el erklärte, die Vorlage kündige si< an al3 hervorge- rufen durch allerlei Mißbräuche, au dur solche, die noh nit einmal hervorgetreten seien, sondern erst _gefürchtet® würden ; denn in den Motiven zu $8. 35 werde gesagt, daß man mit den Turn- und Schwimmlehrern zwar bis jeßt \{le<te Erfahrungen no< ni<ht gemacht habe, wenigstens keine bedeutenderen, aber dieselben könnten do<h no<h kommen und deshalb werde gegen diese Möglichkeit glei< vorgegangen. “Aber es sei zu erwägen, ob die Heilmittel niht s{limmer seien, als das Uebel, d. h. der üble Gebrauch der übermäßigen Freiheiten, es gebe ja angebliÞ so furchtbar viel Freiheiten! Mißbrauch sei vom Gebrauch bekanntlich unzer- trennlih und an die Stelle des ersteren solle nun das Er- messen und eine Machtvollkommenheit der Polizei treten, die,

wie man wisse, unter Umständen auch recht stark gemißbrauht

werden könne. Nun sage man: warum dieser Gegensaß von Polizei und Justiz; es seien do<h beides Behörden und beide verdienten Zutrauen. Wer diesen Gegensaß no<h nicht be- greife, der verstehe eben den Gegensaß von Rechts- und “‘Polizeisiaat nicht, die sih nicht blos dur< die Persönlichkeiten unterschieden, die zu urtheilen hätten im einzelnen Fall könne ja vielleicht der Landrath \{öner urtheilen als der Richter sondern wesentlih dur<h die Formen, in denen geurtheilt werden solle: der Nichter nah Geseßen, wobei jede Willkür aus- geschlossen sei, der Verwaltungsbeamte nah Rücksichten, die demselben als erheblih ersheinen mögen, Rücksichten des all- gemeinen Wohlbefindens,. wobei Wohl- oder Uebelwollen ein- treten und die Gerechtigkeit s{le<t wegkommen könne. Die ‘Einführung polizeiliher Machtvollkommenheit sei die Tendenz der Vorlage, unpolitisher Natur seien nur einige Seiten- bestimmungen, z. B. betreffs der Gewerbe der Hufschmiede, das wohl nur aus alphabetischen, niht aus ästhetishen Gründen mit dem der Hebeammen zusammengestellt sei. Auch auf die Möglichkeit, daß man Aerzten, die Ver- brehen begangen hätten, ihre Approbation solle absprechen dürfen, solle hier kein Gewicht gelegt werden, obwohl die Molive sih über das Vorhandensein solcher Aerzte wohl etwas deutlicher hätten aussprechen sollen. Der ärztliche Stand werde das an und für sih nicht zugeben wollen. Einer der Herren O gesagt, die Negierung habe ganz offenbar bei dieser Vor- age an politishe Motive nicht gedaht. Das sei sehr un- schuldig und darum wolle er es glauben. Wenn die Vorlage aber niht daran gedacht habe, so sei das ein Grund mehr, daß das Haus sehr lebhaft daran denken müsse, denn inzwischen sei es sicherlih der Re- gierung eingefallen; die Kommissarien hätten ja Alles mit angehört. Und daß man die Vorlage politis<h brauchen könne, und daß der politische Hintergrund die Hauptsache sei, das finde man deutlih, wenn man den ganzen Kreis ühber- shaue, der von dieser Vorlage in Mitleidenschast gezogen werde. Zunächst die Tanzlustbarkeiten, die Schaustellungen oder sonstigen Lustbarkeiten, bei denen ein höheres künstlerisches oder wissenschaftlihes Jnteresse ni<ht obwalte. Beiläufig bemerke er einem der Vorredner, beim Ballet walte ja immer ein höheres Jnteresse der Kunst vor; das falle also nicht unter diese Bestimmung. Sonst aber sei jede Lustbarkeit darunter verstanden, die man in größeren Lokalen ausüben [assen wolle, dazu solle die Genehmigung der Polizeibehörde erforderli sein. Nun seien solche Lustbarkeiten mit erheb- lichen Geldkosten verknüpft, und das Interesse an der polizeilihen Erlaubniß fei für den Lokalbesiger von großer Wichtigkeit, Das werde aber ganz und gar dem Er- messen der Polizei untergeordnet, mit Aus\{hluß des Verwal- tungsstreitweges, den sonst die Gewerbeordnung zulasse. Der Regierungskommissar habe vorhin zwar von dem Kreisaus- {uß als von einer zweiten Jnstanz gesprochen ; derselbe befinde si< aber hierin im Jrrthum. Jn diesem Falle sei auch dieser bescheidene Nehtsweg ausgeschlossen. Wo sollten z. B. E Versammlungen stattfinden, wenn es, wie es zur

eshränkung des Schankgewerbes gefordert werde, die Polizei jedem Gastwirthe das Hergeben seiner Lokalität verbieten könne? Durch die Novelle werde das politische Ermessen sogar über das richterliche gestellt, ein Umstand, der das Ansehen des Richterstandes entschieden s{hädigen müsse. Die Nothwen- digkeit einer größeren Einschränkung des Hausirgewerbes ver- kenne seine Partei nicht, aber die höheren Behörden könnten hierbei besser einwirken, als die Polizeiorgane, zumal in kleinen Provinzialstädten oder auf dem platten Lande. Sei vielleicht unter den Mitgliedern der Rechten Jemand, der seinen Stand so unter polizeiliche Vormundschaft zu stellen wünsche, wie man es mit den Hausirern thun wolle? Glaube man nur nit, daß man auf diesem Wege den Klagen, die man jeßt im Volke so vielfah höre, den Boden entziehen werde; im Gegentheil, die Unzufriedenheit werde man auf der einen Seite vergrößern, ohne auf der anderen Seite sich Freunde zu erwerben. Wie ferner untergeordnete Polizeiorgane sollten unterscheiden können, welhe Bücher pa- triotish seien, und welche nicht, sei ihm unverständlich ; ver- stehe man hier auf der Linken do< unter Patriotismus ganz etwas Anderes als auf der Rehten, Welcher Patriotismus solle denn nun gelten ; der der Linken oder der Rechten ? der sächsische oder der preußische? oder etwa der des Regierungsvertreters ? Hinter dieser Vorlage ste>e ein politischer Hintergrund, und wenn derselbe nicht beabsichtigt sein sollte, was er kaum lauben könne, werde derselbe jedenfalls benußt werden, wenn iese Vorlage erst Gese sein werde. Sympathish sei ihm Art. 14, und einigermaßen erfreut sei er au< über Art. 13, denn er glaube, daß die Gültigkeit dieses Gesezes no< in diesem Sommer kommen solle wegen der bevorstehenden Landtagswahlen. Es liege cine gewisse Genügsamkeit in diesem Artikel ; es werde fich ad manches Andere finden lassen, was man dann, wenn man die Einzelheiten besprehe, ganz gut werde annehmen können, aber den Glauben an das Wohl- wollen und die Allmaht der Polizeibehörde werde man auf

Berlin, Dienstag, den 9. Mai

der linken Seite des Hauses wahrscheinli vergebli uchen, und nah dieser Richtung hin werde, seine Partei die Vorla niemals gut heißen. Ob dann in einer Kömmissionsberathung, wenn die Jdeen der Linken die herrschenden sein sollten, viel von dieser Vorlage bleiben werde bezweifle er. Aber jeden- falls könne Art. 14 bleiben. Die Annahme dieser Vorlage würde für die Entwi>klung des deutshen Vaterlandes die traurigsten Folgen haben; er und seine politishen Freunde würden daher gegen die Vorlage stimmen.

Der Abg. von Köller freute sich, daß heute schon einige Punkte des Gesetzes den Herren von links annehmbar erschienen seien. Nehme man auf der Linken die Parteibrille einmal voll- ständig ab, und betrahte man die Vorlage von rein praktischem Gesichtspunkte aus, dann wecde man auf der Linken noch viel an- deres Wünschenswerthe darin finden, was gute Sitte, Ord- nung und Gesundheit fördere. Der Abg. Lasker habe es ver- standen, gerade das Material von zweifelhastem Werthe aus dem Geseg herauszugreifen, habe es aber vermieden, das allgemein als gut Anerkannte zu erwähnen. Er wolle nun die Punkte berühren, in welchen das Prinzip der Gewerbefreiheit nah der Meinung der Linken geschädigt werden solle. In Bezug auf das Hausirgewerbe sei im Geseß fast nihts gegen die bisherigen Bestimmungen geändert, wie könne man da sagen, daß damit der polizeilichen Willkür Thür und Thor geöffnet werde. Ob die Polizeiver- walturig überall so wenig Ansehen genieße, wie beim Abg. Munc>el, lasse er dahingestellt. Jedenfalls sei die Polizei für gewisse Maßregeln nothwendig, nämlih überall da, wo die Justiz nit eingreifen könne. Die Bestimmungen über Handel mit Arzneimitteln sollten einem lebhaften Bedürfnisse abhelfen, einem Arzte oder Apotheker müsse bei konstatirter Unzuver- lässigkeit die Konzession entzogen werden können. Die Auf- rehterhaltung der Sitte und Ordnung, Beschränkung der jhädlihen Gewerbe, des Auktionirens seien die Hauptzwe>e dieser Novelle. Ueber die Zuverlässigkeit der richterlichen und administrativen Entscheidungen lasse \i<h streiten. Auf ihrem Felde hätten Beide ihren Vorzug. Wollte man in so praktishen Fragen die Gerichte allein entscheiden lassen, so würde dies dem Gewerbe nicht dienlich sein, und man würde s{ließli<h zu dem Grundsaze kommen, fiat justitia, pereat mundus, Uebrigens beruhten die Entscheidungen der Verwaltungsbezirksgerihte auf denselben gerichtlichen Bestim- mungen, wie die der ordentlihen Geuichte. Ueber eine Polizei- verfügung des Amtsvorstehers stehe dem Benachtheiligten das Recht der Beschwerde beim Landrath, oder die Klage an den Kreisaus\{huß zu. Das Hausirgewerbe wolle seine Partei keineswegs feindli<h oder geringshäßig behandeln. Fm Norden Deutschlands könne man es auch am wenigsten entbehren. Seine Partei wolle nur die arbeitsshèuen Elemente aus diesein Stande entfernen. Jn diesem Streben werde seine Partei durch die öffent- lihe Meinung unterstüßt. Der Jahresbericht der Handels- kammer in Frankfurt a. M. verurtheile die Mißstände des Hausirerthums in shärfster Weise, beklage, daß es den Charakter der Bettelei angenommen habe, und \ih als eine wahre Land- plage erweise. Dem Stande der Handlungsreisenden glaube seine Partei gerade einen Dienst zu erweisen, wenn sie eine scharfe Grenze zwischen Reisenden und Hausirern ziehe. Eine Definition des Begriffs „Patriotismus“ sei allerdings schr schwierig. Dann möge man doch diese ganze Bestimmung aus dem Gesetze streihen. Jhm wäre es am Liebsten, wenn die Kolportage mit solchen Schriften überhaupt verboten würde. Bringe das Haus das Geseg zu Stande, dann würden dem- selben alle Parteien danken.

Die Diskussion wurde geschlossen.

Persönlich bemerkte der Abg. Pr. Lasker, wollte er alle Jrr- thümer des Abg. Günther über seine Nede und die Vorlage, die er sih notirt habe, korrigiren, so würde er eine halbe Stunde sprehen müssen. Mit sächfisher Höflichkeit habe derselbe jeine Rede getadelt. Er nehme für seine Reden in Anspruch, daß sie ni<ht leere Phrasen, sondern Jdeen und thatsächliches Material enthielten, dadur< sei ihre Länge bedingt. Nach diesem Grundsag würde au< der Abg. Günther längere Reden halten können, wenn derselbe nicht glaube, daß der Vorrath seiner Jdeen {hon ershöpft sei. Selbst an des

Abg. Günther kurzen Reden würde er eine Kritik üben können,

er sci aber zu höflih. Dann habe der Abg. Günther mit sächsischer Höflichkeit ihm vorgeworfen, er wüßte nit viel von Praxis. Es sei Sache des Volksvertreters, die legis- lativen Aufgaben nicht unter dem beschränkten Gesichtswinkel eines bestimmten Kreises zu betrahten, sondern die Theorie mit der Praxis zu verbinden.

Der Abg. Sonnemann erklärte, der Bericht, von dem der Abg. von Köller gesprochen habe, enthalte nur die Ansichten und Wünsche einzelner Kaufleute, niht aber der Handels- kammer in Franffurt a. M. Auf Seite 2 stehe ausdrü>lich, daß die Handelskammer Fragebogen herausgegeben habe, und e el die Ansichten und Wünsche der Kaufleute objektiv mittheile. *

Der Abg. Günther bemerkte, er habe nur den Wunsch ausgesprochen, die langen Reden des Abg. Lasker möchten mehr mit dem praktishen Leben im Zusammenhang stehen; eue Kränkung für den Abg. Lasker habe darin nicht liegen ollen.

Auf Antrag des Abg. Dr. Hartmann wurde die Vorlage an eine Kommission von 21 Mitgliedern verwiesen.

Es folgte die erste Berathung des Konsularver- trages zwishen dem Deutshen Reih und Bra- silien vom 10. Januar d. J.

Der Abg. Dr. Kapp begrüßte den Vertrag als die Be: friedigung eines {on seit langer Beit bestandenen Bedürf- nisses, Besonders erfreulih sei die Bestimmung, welche die Rechtsverhältnisse der Deutschen in Brasilien in wirksamerer Weise als bisher regulire. Troh verschiedener Einzelmängel bitte er, nihts an dem Vertrage zu ändern. Seine Aus- stellungen be ege sich im Wesentlichen auf die Ausdehnung der den Konsu n zustehenden rihterlihen Befugnisse, An der

Form des Vertrages tadele er den deutschen Stil, mit welchem man bei den Fremden keine Ehre einlegen würde

Das Haus beschloß, die zweite Lesung im Plenum vor- zunehmen.

____ JSs8S82.

Jn der zweiten Berathung wurden nah kurzer Debatte, an welher si< die Bundeskommissare Geh. Legations-Rath von Buddenbro> und Wirkliche Legations: Rath Dr. Frhr. von Richthofen, sowie die Abgg. Dr. Kapp, Dr. Percot und Dr. Virchow betheitigten, die sämmtlichen Paragraphen und \<licß- lih das ganze Geseÿ in zweiter Lesung angenommen.

maten vertagte sih um 3/4 Uhr das Haus auf Dienstag

r.

Jm weiteren Verlaufe der gestrigen (20.) Sigzung des Herrenhaus es folgte als zweiter Gegenstand der Tages- ordnung der mündliche Bericht der Eisenbahnkommission über den Geseßentwurf, betreffend die Erweiterung, Vervoll- ständigung und bessere Ausrüstung des Staatseisen- bahnneßes und die dazu eingegangenen Petitionen. Der Referent Fürst zu Putbus beantragte Namens der Kommission, dem Geseßentwurf in der vom Abgeordnetenhause beschlossenen Fassung die verfassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen und übec die Petition des Ober:Bürgermeisters Dr. Beer in Cöln Namens der Stadt Cöln wegen Um- bezw. Neubau der dortigen Bahnhofs- anlagen mit Rücksicht darauf, daß nach den Erklärungen der Königlichen Staatsregierung im Abgeordnetenhause dieselbe geneigt sei, in weitere Erwägungen des Gegenstandes ein- zutreten und demnächst eine neue Vorlage zu machen, zur Tagesordnung überzugehen.-

Jn der Generaldiskussion bat Graf von Dönhoff-Friedrich- stein um den Bau einer Sekundärbahn von Königsberg nah Cranz in Anschluß an die Sekundärbahn na< Labiau.

Der Minister der öffentlichen Arbeiten Maybach legte die Prinzipien dar, nah welchen die Regierung bei der Anlage von Sekundärbahnen verfahre. Einen Bau von Königsberg na< Cranz könne er nicht in Aussicht stellen. Für den Zwe> des Besuches des Seebades würde eine Pferdebahn genügen. Seit Januar 1880 sei dex Bau von 1956 km Sekundärbahnen in Angriff genommen resp. beschlossen, und mit einer Aus- nahme hätten die Kreise und Privatinteressenten die dazu er- forderlichen Terrains unentgeltlich hergegeben.

In der Spezialdiskussion wurden die einzelnen Para- graphen der Vorlage ohne erheblihe Diskussion genehmigt. An der Debatte betheiligten si die Herren Brüning, Adams, Beer bei denjenigen Positionen, welche si auf die betreffenden Städte (Hildesheim, Coblenz und Düsseldorf) bezogen, und gaben hierbei der Staatsregierung ihre Wünsche zu erkennen, ohne definitive Anträge zu stellen. Scließlih wurde das ganze Geseß nach den Beschlüssen des Abgeordnetenhauses ge= nehmigt und auch der Antrag der Kommission in Bezug auf die Petition der Stadt Cöln angenommen, nachdem Herr Mevissen diese letztere befürwortet hatte.

Es folgte der mündliche Bericht derselben Kommission über den Gesetzentwurf, betreffend den Erwerb des Berlin-Anhaltishen Eisenbahnunternehmens für den Staat.

Der Berichterstatter Herr Brüning beantragte, dem Ge- seßentwurf in der vom Abgeordnetenhause beschlossenen Fassung die verfassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen und das Haus trat diefem Antrage ohne Debatte bei.

___ Letter Gegenstand der Tagesordnung war der münd- lihe Bericht der Budgetkommission über den Nachtrags-Etat pro 1882/83.

Der Referent Graf von Zieten-Shwerin beantragte un- veränderte Genehmigung der Vorlage; das Haus acceptirte diesen Antrag ohne Diskussion. (Schluß der Sißzung 4 Uhr 20 Minuten.)

(— ABIL tragen heute die Nede nah, mit welcher der Minister für Landwirthschaft, Domänen und Forsten, Lucius, in der 18. Sizung des Herrenhauses am 6. d. M. folgende von dem Grafen von Schlieben an die Königlihe Staats- regierung gerichtete Frage beantwortet hat :

1) Ist es der Königlichen Staatsregierung bekannt, daß in den östlichen Provinzen des Staates die Parzellirungen soge- nannte Aussc{la<tungen von Bauerngrundstücken in einer, die Gristenz des Bauernstandes gefährdenden Ausdehnung in den leßten Jahren zugenommen haben? und 2) gedenkt die Königliche Staats- regierung hiergegen einzuschreiten ?

Die Rede hat folgenden Wortlaut:

Meine Herren! Der Herr Graf von Stliecben hat der Be- gründung feiner Interpellation einen so weiten Rahmen gegeben, daß es in der That \{hwierig sein würde, auf alle von ihm erörterten Punkte speziell einzugehen. J glaube aber do< behaupten zu kön- nen, daß das Bild, welches er im Allgemeinen von den landwirth- \caftlihen Verhältnissen in Preußen entworfen hat, in vielen Punkten zu {warz gemalt ist.

Ich glaube, daß wir im eigentliGen Sinne von einer forts{rei- tenden Verarmung in den landwirthschaftlichen Kreisen in keiner Weise reden können. E

Wir haben vielleiht nicht so viele und so {nelle Fortschritte gemacht, wie wir sie wünschen können, aber direkte Rü>kschritte, glaube i<, kann man vielleiht in ganz vercinzelten beschränkten Landestheilen nur konstatiren, wofür aber die Bedivgungen sehr wahrscheinli< in den veränderten Verkehrsverhältnissen in erster Linie liegen. Ich möchte dagegen behaupten, daß uns die letzten Jahre weniger Rü>kschritte in dem einen oder anderen Gebiete ge- braht haben, als im Gegentheil sehr wesentlihe und große Fortschritte. Jh deute einfah auf die Entwi>elung bin, die unser Kommunikationswesen genommen, die es mit jedem Jahre in weiterem Maße nimmt, und in wel{em in allererster Linie ein befruhtendes Element au< für den landwirtbscaftlihen Wohbl- stand liegt. Ich habe in meiner dreijährigen Amtszeit gerade Veran- lassung gehabt, Nothftandsgegenden, Gegenden, die in erster Linie als Nothstand8gegenden bezeichnet werden, zu bereisen, und da kann ih doch konstatiren, daß mir, wenn ih in den Unterredungen mit den Oriskundigen und Ortsangehörigen fragte: ist es denn s<le<ter ge- worden, wie es vor zwanzig Jahren war? dies nit in einem Falle bejahend beantwortet ist, eiveat daß in jedem Falle gesagt wurde, daß man allerdings vor zwanzig Jahren “einen \ehr viel geringeren Viehstand qualitativ und quantitativ gehabt hat, und daß die Er- trägnisse nit höher, sondern meist niedriger gewesen seien. Jch könnte das aus den verschiedenen Provinzen spezialisfiren. J< kann also nah meinen amtlichen Erfahrungen nit zugeben, daß in einem größeren Maße in landwirthschaftliden Kreisen ein Rückgang des landwirthschaftlichen Wohlstandes stattgefunden bätte.

Ferner glaube ih aub darauf hinweisen zu können, daß in den leßten Jahren für die A Y aller landwirthshaftlihen Betriebs- zweige Seitens der Königlichen Staatsregierung sehr viel und Wesent-

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