1904 / 94 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Am Frettagna@mitlog wird eine außerordentlihe Sißung behufs Vor- nahme der Delegationswahlen abgehalten werden. :

Vor dem Siu der gestrigen Siyung des ungarischen Unterhauses versammelten h Abgeordnete fümtlicher arteien im Bureau des Präsidenten, um die durh den Eisenbahnstreik ge- [ahe Lage zu besprehen. An der Gema, nahmen teil der

inisterpräsident Graf Tisza, der Finanzminister von Lukacs und der Handelsminister Dr. von Hieronymi. Der Minister- präsident erklärte, die Regierung könne mit den streikenden Elementen nicht verhandeln; fie habe Maßregeln getroffen, um durch Heranziehung von Militär die Ordnung wiederherzu- stellen und durch Verwendung des Eisenbahn- und Telegraphen- regiments die Wiederaufnahme des Verkehrs zu ermöglihen. Es müsse ein Exempel statuiert werden; gegenüber den verleiteten Elementen wolle die Regierung Nachsiht walten lassen.

Bei der Eröffnung der Plenarsitzung des Unterhauses herrschte eine große Erregung. Der Ministerpräsident wurde beim Betreten des Saales von der Rechten mit brausenden Eljenrufen, von der Linken mit stürmischen Protestrufen empfangen. Der Ministerpräsident Graf Tisza erklärte mit bezug auf den Eisenbahnstreik, die Regierung fet hin- sichtlih der Gehaltsaufbesserung der Eisenbahnbeamten bis zur O Grenze gegangen, sodaß die übrigen Staatsbeamten Grund hätten, diese glücklicheren Kollegen zu beneiden. Die Eisenbahnbeamten irrten, wenn fie meinten, durh den Ausstand mehr zu erreihen, als gewährt worden sei; man könne gar niht von einem Ausstande sprehen, da die Eisenbahnbeamten die Dienstpfliht verlegt hätten, die sie mit ihrem Eide gelobt hätten. Man könne eigentlich nur den An- stiftern und Agitatoren grollen, die sich hinter der verleiteten Menge verkröhen und sich auf eine Solidarität beriefen, deren Haupt- elemente die Leichtgläubigkeit der Menge und die Feigheit der An- stifter bildeten. Die Regterung halte den Weg offen für diejenigen, die auf den Weg der Pflicht zurückehren wollten, sie wolle den Schleier des Vergessens über das Geschehene breiten. Falls die Streikenden die Arbeit niht aufnehmen sollten, werde der Betrieb, mit welchen Mitteln auch immer, wenngleich anfänglich im beshränkten Umfang, abgewicfelt werden. Der Handelsminister Dr.von P ieronymierklärte, die erste Pflicht der Regierung sei, den Verkehr aufrechtzuerhalten ; man sei deshalb bereit, die Ausständigen, falls sie unverzüglich zu ihrer Pflicht zurückkehrten, wiederaufzunehmen; follten fie jedo nicht

eneigt sein, den Dienst wiederaufzunehmen, werde die Regierung Mittel finden, den Betrieb nichtsdestoweniger ohne Störung ab- zuwickeln.

Der allgemeine Streik der Eisenbahnangestellten ist durch die Enttäushung hervorgerufen worden, die der vor einigen Tagen dem Unterhause vorgelegte Gesegentwurf über die Gehaltsregulierung der Eisenbahnbeamten bei diesen verursaht hat. Die Ausständigen verlangen eine Gehaltserhöhung in der Höhe, die sie in einer Denkschrift angegeben haben. Falls ihnen dieses Zu- geständnis gemacht und den Führern des Ausstandes General- amnestie erteilt wird, sind sie bereit, den Ausstand zu beenden. Der Bahnverkehr is auf einer ganzen Reihe von Strecken eingestellt. Aus der Provinz trafen Delegierte der Eisenbahnangestellten zu einer Versammlung, die in Budapest abgehalten werden soll, dort ein. Ein Teil von ihnen wurde bei ihrem Eintreffen verhaftet. Die Bahnhöfe werden von Militär und von der Polizei bewacht, um eine etwa be- absichtigte Zerstörung des Bahngeländes zu verhindern.

Die Direktion der Staatsbahnen hat für den Fall der Fortdauer des Ausstands folgende Maßnahmen getroffen :

An sämtliche Truppenkommandos des Landes ist der Befehl er- angen, ih unbedingt auf Weisungen der Betriebsleitung zur Ver- fauna zu stellen. Auf allen Stationen wind demnach Militär zusammèngezogen, dem die Aufgabe zufällt, die Stationsgebäude und Dienstapparate, hauptsählich aber die Telegraphen-— und Telephonverbindungen zu sichern . und die Arbeitswilligen gegen die Ausständigen zu s{chüßzen. Bei der Direktion sind Hunderte von Telegrammen von Bahnbeamten eingetroffen, die ihre

tenste anbieten. Infolgedessen hat die Direktion die Hoffnunz, daß schon heute wenigstens ein teilweiser Verkehr aufgenommen werden kann. Es wird beabsihtigt, auch das Korneuburger Eisenbahn- und Telegraphenregiment zum Eisenbahndienst heranzuziehen. Fn diesem Falle könnte {on am Freitag der Betrieb auch mit Schnellzügen wieder aufgenommen werden. In Ermangelung von Lokomotivführern werden das ganze Ingenieurkorps der Eisen- bahnen, dessen Angehörige sämtlih geprüfte Lokomotivführer sind, sowie zahlreihe andere fachkundige Beamte der Betriebsleitungen und der Direktion zum Dienst als Lokomotivführer herangezogen verden. Mit diesen Lokomotivführern und mit den Mannschaften des Eisen: bahn- und Telegraphenregiments hofft die Direktion der Staatsbahnen den Verkehr auch im Falle der Fortdauer des Ausstandes in kürzester Zeit aänzlih wieder aufnehmen und sicherstellen zu können.

Gestern nahmittag ersuhte der Abg. Vazsonyi den früheren Staatssekretär Abg. Voeroes um seine Vermittelung zur Einleitung von Verhandlungen mit den Ausftändigen. Auf eine Ein- ladung zu einer Zusammenkunft im Demokratenklub erklärte das Streikkomitee, niht früher verhandeln zu wollen, als bis die Verhafteten freigelassen worden seien. Die Abgg. Voeroes und Vazsonyi begaben sich zum Oberstadthauptmann Rudnay und erwirkten die Freilassung der Verhafteten. Die Abgg. Voeroes, Vazsonyi, Lengyel und Hock begaben sih dann ins Streiklager. Der Abg. Voeroes erklärte, daß er als Vertrauensmann, der die Intentionen der Regierung kenne, erschienen sei. Im Laufe der Be- ratungen trugen die Ausständigen ihre Forderungen vor. Der Abg. Voeroes suhte um Mitternaht den Handelsminister Dr. von Hieronymi auf und kehrte dann zur Fortseßung der Beratung zurück. Er teilte mit, daß die Regierung geneigt sei, den Ausständigen völlige Straflosigkeit zu gewähren. Die Abhaltung der zu heute einberufenen Landesversammlung werde gestattet und der Geseßentwurf über die Gehaltsregelung bis nach Abhaltung der zweiten Landesversammlung vershoben werden. Die Regierung sei auch geneigt, die Gründung eines Landesverbandes der Eisenbahnbeamten zu genehmigen, und werde über die Regelung des Dienstes Vorschläge machen. Die Forderung der im Mai auszuzabhlenden Zuschläge folle bewilligt werden. Die Mit- glieder des Streikkomitees erklärten, daß fie von diesen Mit- teilungen Kenntnis nähmen, jedoch keinerlei Garantie für die Be- endigung des Streiks übernehmen könnten. Wie verlautet, war ein Teil des Streikkomitees geneigt, für die Annahme dieser Bedingungen einzutreten. Die Mehrzahl erklärte aber, der heutigen Versammlung diese Bedingungen nicht unterbreiten zu können. Sie ver- [langten die Bewilligung \ämtliher im Memorandum von 1901 aufgestellten Forderungen. Zahlreihe Eisenbahnangestellte, die in den bznachbarten Sälen versammelt waren, bestürmten die zeitweise aus der Konferenz zurückgekehrten Komitee- mitglieder, feinesfalls nahzugeben, da das Komitee sonst durch den Unwillen der Ausftändigen werde hinweggefegt werden. Unter dem Gindrucke dieser Erklärung beshloß auch die Minorität des Komitees, alle Forderungen aufrechtzuerhalten. Die Konferenz dauerte um 34 Uhr früh noch fort.

Großbritannien und JFrland.

In der gestrigen Sißung des Unterhauses fragte, W. T. B.* zufolge, Gibson Bowles (kons.) die Regierung, ob A unterrihtet sei über irgend ein Marokko betreffendes Abkommen,

fürzilih jwischen Franfkreich und Deutschland oder zwishen Spanien und Deutschland oder zwishen Frankreich und Rußland getroffen worden sei; ferner ob die Regierung unterrihtet sei von dem Bestehen eines Uebereinkommens zwishen Frankreich und Spanien, wonach diese Mächte sich verpflichteten, in

fen Fällen ihre militärishen Streitkräfte zu vereinigen und panien die Verpflichtung eingehe, auf Verlangen Deutschlands einen

dem

Hafen an der atlantishen Küste Marokkos zu verpahten. Der nisterpräsident Balfour erwiderte: Wir haben keine Information, die uns dazu führen könnte, an die Existenz irgend eines der erwähnten Abkommen zu glauben. Gib on Bowles fragte darauf, ob die Regierung an Frankreichß oder Spanien eine darauf bezügliche Frage erihtet habe. Der Ministerpräsident Balfour erwiderte:

oviel ich weiß, find keine Anfragen von uns an die be- treffenden Mächte gestellt worden in bezug auf ein Ver- tragsinstrument, von dem wir keinen Grund haben anzunehmen, daß es in Wirklichkeit existiere. Der Staatssekretär des Innern Akers Douglas brachte eine Vorlage, betreffend die Erteilung von Lizenzen für den Verkauf berauschender Getränke, ein. Danach foll in P wo die Erneuerung einer Lizenz infolge Ver- ringerung der Bedürfnisfrage verweigert wird, der Inhaber der Lizenz aus einem Fonds entschädigt werden, der dur eine ab- gestuste Steuer auf die fkonzessionierten Lokale zu bilden ift. Die Entscheidung der Behörden, nah der eine Lizenz als un- nötig verweigert wird, bedarf der Bestätigung durh das Obergericht. Auf eine Anfrage erklärte der Unterstaatssekretär des Aeußern Carl Percy: Eine russishe Zirkularnote an die Mächte ist uns am 15. d. M. zugestellt worden und unterliegt jeßt der Beratung. Die Note behandelt folgenden Gegenstand : Der Generalgouverneur Alexejew hat erklärt, daß, wenn neutrale Dampfschiffe, die auf der Höhe der Küste der Halbinsel Kwantung oder innerhalb der Zone der militä- rishen Operationen der russischen Seestreitkräfte festgenommen werden, Korrespondenten an Bord haben, die dem Feinde Nachrichten mit Hilfe verbesserter Apparate geen lassen, deren Verwendung in der Konyention, die diese Materie behandelt, nit vorgesehen ist, die Fälle solher Korrespondenten als Fälle von Spionage behandelt und Schiffe, die mit Apparaten für drahtlose Telegraphie ausgerüstet sind, als rechtmäßige Prisen angesehen werden sollen. Sodann wurde die erste Lesung der Vorlage, betreffend die Grteilung von Lizenzen für den Verkauf von berauschenden Getränken, mit 314 gegen 147 Stimmen angenommen.

Rußland.

Die Ueberlebenden der Besaßungen des „Warjag“ und des „Korejeß“ sind gestern, wie dem „W. T. B.“ be- rihtet wird, unter 8 des Kapitäns Rudnew in Sebastopol eingetroffen.

Portugal. :

Angesichts der unter der Minorität der Abgeordneten- kammer herrschenden Erregung hat, dem „W. T. B.“ zufolge, der König nah Anhörung des Staatsrates ein Dekret unter- zeichnet, wodurch das Parlament aufgelöst wird. Jn der Abgeordnetenkammer stand das Budget für 1904/05, in der Pairskammer das diesjährige Heereskontingent zur Beratung. Für die Abgeordnetenwahl ist ein naher Zeitpunkt festgeseßt worden. Die neuen Cortes werden am 29. September zusammentreten.

Serbien. Der König ist gestern nahmittag, wie „W. T. B.“ er- fährt, von Semendria wieder in Belgrad eingetroffen.

Schweden und Norwegen.

Zwischen Shweden und Portugal ist, wie „W. T. B.“ meldet, ein Meistbegünstigungsvertrag abgeschlossen worden.

Das Journal „Aftenbla det“ berichtet, die Verhandlungen wegen der gemeinsamen Neutralitätserklärung der drei nordischen Reiche seien zu einem günstigen Abschlusse ge- langt. Die neuen Bestimmungen würden Ende dieses Monats veröffentlicht werden.

Asien,

Ein Telegramm des Generals Kuropatkin Kaiser vom gestrigen Tage lautet:

Wie der General K aschtalinski berihtet, war es am 19. April am Jalu ruhig. Gegenüber G olutsi und weiter oberhalb führen die Japaner Erdbefestigungen auf. Die Zahl der japanischen Truppen nimmt zu, und sie ziehen sich nah Widschu hin zusammen. Gleichzeitig rüdcken fie längs des Jalu nah Norden weiter. Die Lichter von japanischen Kriegs[chiffen wurden von Kosakenposten in der Bucht von Ts\intaissi gegenüber dem Dorfe Potinsa 25 Werst westlich von Tatungkou bemerkt. Die Schiffe stehen in einer Entfernung von ungefähr 50 Werst von der Küste. Wie der General Mischtschenk o meldet, sind japanische Schiffe auch bei Söntschöng gesehen worden.

Aus Söôul wird dem „NReuterschen Bureau“ gemeldet, die japanischen Behörden gäben zu, daß beständig Vorposten- gefehte am Jalu stattfänden, aber sie erklärten auh, daß zur Beit keine entscheidende Aktion erfolgt sei. Nachrichten über einen Zusammenstoß würden jederzeit erwartet; man {äße die Russen am Jalu jeyt auf 50 000 Mann.

Die japanische Flotte hat 3 Kontaktminen, die sie 40 Seemeilen vom Schantung-Vorgebirge entfernt auf See treibend gefunden, zerstört.

Afrika.

Zu der im Bezirk Lydenburg erfolgten Verhaftung von sieben des Hochverrats angeklagten Buren teilt, dem „Neutershen Bureau“ zufolge, die Zeitung „Post“ mit, daß eine lebhafte revolutionäre Bewegung bestehe, deren Leiter drei in Großnamaqualand wohnende frühere Kommandanten seien. Diese sollten eine geheime Gesellschaft gegründet haben, nah deren Satzungen jeder seitens ihrer Mitglieder begangene Verrat mit dem Tode bestraft werde. Die „Post“ bemerkt dazu, daß transvaalishe Freiwillige in großer Zahl rüsteten und Transportmittel mieteten.

an den

Parlamentarische Nachrichten.

Die Schlußberichte über die gestrigen Sißungen des Reichstags und des S der Abgeordneten befinden fich in der Ersten und Zweiten Beilage.

In der heutigen (72.) Sißung des Reichstags, welher der Staatssekretär des Jnnern, Staatsminister ‘Dr. Graf von Posadowsky-Wehner und der Kriegsminister, Generalleutnant von Einem genannt von Rothmaler bei- wohnten, wurde die zweite Beratung des Reihshaushalts- etats für 1904 bei dem Etat für die Expedition nah Osstt- asien fortgeseßt. Die laufenden Kosten für Jntendantur, Militärgeistlihkeit, Militärjustizverwaltung, höhere Truppen- befehlshaber, Adjutanturoffiziere, Generalstab, Jngenieure und Pionierkorps wurden ohne Debatte mit kleinen Abstrichen gemäß den Anträgen der Budgetkommission E

Bei der Geldverpflegung der Truppen, Etappen- sonstigen Formationen hat die Kommission den 8 Bataillonskommandeuren und Stabs-

und 3 Hauptleute von den geforderten 32 Oberleutnants 12 auf nur noch ein

und

2 von offizieren 23, von den

halbes Jahr bewilligt. Ein . Antrag. Spahn (Zentr.): Dr. Paasche G) und ein weitergehender Antrag von Normann-Freiherr von Richthofen-Damsdorf (d. kons.) wollen die Zahl der Oberleutnants unverkürzt für das ganze Etatsjahr 1904 NOOE wissen.

Bis zum Schluß des Blattes nahmen der Kriegsminister, Generalleutnant von Einem genannt von Rothmaler und der Abg. Dr. Südekum (Soz.) das Wort.

Das Haus der Abgeordneten wiederholte in der heutigen (58.) Sißung, welcher der Finanzminister Freiherr von Rheinbaben und der Minister des Jnnern Freiherr von Pen beiwohnten, zunächst die Abstimmung über den Kommissionsantrag zu dem von der Organji- sation der D A O R S bei den größeren Landgerichten handelnden Ausgabetitel des Etats der Justizverwaltung. Der Etatsentwurf wollte ses Staatsanwälte als Abteilungsvorsteher und Vertreter der Ersten Staatsanwälte mit einem Gehalt von 5400 bis 7200 M. aus- statten und den sechs Ersten Staatsanwälten pensionsfähige Gehaltszulagen von je 900 geben.

Die Kommission hat diese Forderungen abgelehnt und beantragt, nur sechs Staatsanwälten mit dem Gehalt von 3000 bis 6600 M als Abteilungsvorstehern und Vertretern der Ersten Staatsanwälte Funktionszulagen von je 600 zu geben.

Das Haus beschließt mit geringer Mehrheit gegen die Stimmen der beiden konservativen Parteien die Annahme des Komtnissionsantrags. :

Es folgt dann der Etat der allgemeinen Finanz- verwaltung.

Abg. Engelbrecht (freikons.) wünscht eine eingehendere Uebersicht über die Nückerstattungen der Grundsteuerentshädigungen, als sie bisher gegeben worden ist. Nötig sei eine Unterscheidung zwischen den ver- [htedenen Klassen der Bevölkerung, namentlichß eine Unterscheidung zwischen Gutsbezirken und Landgemeinden.

Der Etat der allgemeinen Finanzverwaltung wird bewilligt.

Das Haus geht hierauf zur Beratung des Etats des Finanzministeriums über.

Abg. von Arnim (kons): Die Ausgabe der neuesten, 70 Millionen Mark preußischer Konsols betragenden Anleihe erfolgte am 5. Februar zu 91,20; in der Naht vom 8. zum 9. Februar brach der Krieg zwischen Nußland und Japan aus, und der Kurs sank in wenigen Tagen um 39/0. Der Kurs der im April v. J. ausgegebenen Reichs- anleihe von 290 Millionen sank troß einer 47fahen Ueberzeihnung ebenfalls um 3 9/6. Dabei sind die preußischen Konsols das sicherste Papier der Welt, denn den 64 Milliarden Mark Schulden stehen, das doppelt so hoh zu bewertende Eisenbahnnetz und die unvershuldeten Domänen, Forsten, Gruben usw. gegenüber. Der niedrige Kurs wirkt auf die weitesten Kreise in Staat und Reich zurück, deshalb muß ernftli über eine Verbesserung dieser Verhältnisse nahgesonnen werden. Bei uns kümmern sih Staat und Neich nicht weiter um die ausgegebenen Anleihen, wohl aber ist dies in Frankreich der Fall; infolgedessen steht dort der Kurs der 39% igen Rente um 10% böher als der unserer Konsols. Dort sorgt der Staat aber - auch dafür, daß das Vermögen der Sparkassen, das etwa 4 Milliarden Francs beträgt, in Renten angelegt wird. In Preußen betragen die Spareinlagen 7 Milliarden Francs. Davon waren Ende 1902 5739/6 in Hypotheken, 27 9/6 in Effekten und rund 10% in Guthaben angelegt. Aber 200 Sparkassen besaßen Cffekten überhaupt nicht, und 184 Sparkassen hatten nur 59/6 der Einlagen in Effekten bezw. liquiden Werten angelegt. Im Falle eines Krieges würden die Einlagen zu etwa 75 9/0 mit kurzer Rückzahlungsfrist gekündigt werden, und eine große Krisis würde entstehen. Landtag und Re- gerung haben deshalb die ernste Pflicht, nachdrücklich für eine Besserung zu f\orgen.

Abg. Dr. RNewoldt (freikons.): Es ist von der größten Be- deutung, den Gründen der Kurs\{chwankungen der Staatspapiere, von denen der Vorredner gesprochen hat, nachzuspüren und auf Abhilfe zu finnen. Durch künstlihe Mittel kann der Kurs der deutshen Staats- papiere niht gehoben werden. Es muß darauf hingewirkt werden, daß die Wohlhabenheit im ganzen Lande fortschreite. Es kommt aber nicht sowohl darauf an, ob der Kurs höher oder niedriger it, als pielmehr daraus, daß er \tablitlert wird. Deut Vorschlag, die Sparkassen zu zwingen, einen Teil ihrer Bestände in Staatspapieren anzulegen, kann ih nicht unterstüßen. Die Land- schaften haben cin Interesse daran, daß das Geld in Hypotheken an- gelegt wird. Der Staat sollte seine Anleihen nicht nur durch die großen Banken begeben, sondern durch scine Behörden Agenturen er- richten, damit au die Éleinen Kapitalisten fih direkt mit kleineren Kapitalien beteiligen können.

Hierauf nimmt der Finanzminister Freiherr von Nhein- baben das Wort. An der weiteren Debatte beteiligen sih bis zum Schluß des Blattes der Abg. Dr. von Savigny (Zentr.) und der Minister des Innern Freiherr von Hammerstein.

Die Hochfluten von 1813, 1854 und 19083.

In der von der Königlihen Landesanstalt für Gewässerkunde bearbeiteten Denkschrift über das Hochwasser im Oder- und Weichsel- gebiet vom Juli 1903, die dem Hause der Abgeordneten zugegangen ist, werden die Ursachen und der Verlauf der Hohwasserersheinung vom Juli 1903. die in Preußen hauptsächlich das Oderstromgebiet, in geringerem Maße auch das Gebiet der Weichsel betroffen hat, ein- gehend dargestellt und diese Erscheinung mit ähnlichen, in früherer Zeit vorgekommenen Hochfluten verglichen. Wir entnehmen dieser Denkschrift die folgenden Mitteilungen. i

Unter den norddeutschen Strömen ift sonst keiner in gleichem Maße Hochfluten inmitten des Sommers autgeien wie die Oder. Zwar auch an der oberen Weichsel treten zahlreihe Sommerfluten auf, flachen ih jedoch bis zur untersten, preußishen Stromstrecke meist so stark ab, daß fie nur fclten die dortigen Sommerdeiche überströmen und den jeßigen Hauptdeihen wohl kaum je A werden. Die Elbe wird von größeren Sommerfluten weit seltener heimgesucht als die Oder, und an der Weser, der Ems, am Mittel- und Niederrhein beschränken die bedeutenderen Hohwasserersheinungen \sih, ebenso wie andererseits am Memelstrom, nahezu ausscließlich auf die Jahres- häâlfte vom November bis zum April. i

Der bloßen Anzahl nach überflügeln-auch an der Oder die Hoch- fluten dieser winterlihen Jahreshälfte die des Sommers etwas, da eine Anshwellung des Stromes fast alljährlich beim Schmelzen des Schnees erfolgt. Ordnet man aber die seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts eingetretenen Oderhochfluten der Größe nah, o treten an die Spiße diejenigen vom August 1813, vom August 1854 und jeßt vom Juli 1903. Ebenso scheint im 18. Jahrhundert, obschon aus demselben auch von ret verderblihen Eisgängen des Stromes berihtet wird, ganz besonders das Hochwasser vom Juli 1736 unheilvoll gewesen zu sein, das z. B. in Breslau einen der Kirchhöfe aufriß und eine Hungersnot über die Stadt brachte. Wahrscheinlich richtete es auch an der unteren Oder viel Unheil an, da wit ihm eine außergewöhnliche, mit den größten bekannten Winter- fluten etwa gleihwertige Sommerflut der Warthe zusammentraf. Die gewaltigsten Hochfluten des Oderstromes ereignen sich also vor- wiegend in der Jahreszeit, in der die Ueberschwemmungen den größten Schaden verursachen, weil die Erträge der unter Wasser geseßten Wiesen und Felder den Fluten größtenteils zum Opfer fallen.

Die von anderen Strömen entlehnte Unterscheidung zwischen Sommer- und Winterdeichen, unter denen leßtere die größten Hoh- uten abwehren sollen, wogegen die Ausbreitung der fommerlihen lutwellen hon durch die schwächeren und niedrigeren Sommerdeiche perhütet werden soll, wird also der Eigenart der Oder nicht ganz gerecht. Allerdings pflegen so ungewöhnlich große Hochfluten wie die erwähnten glückliherweise doch nur nach langen Zwischenzeiten aufzu- treten, und die nächstgrößten Hochfluten gehören vorwiegend dem Minterhalbjahre an. : :

Obgleich die Entstehung eines Sommerhohwassers im Odergebiet „stets an eine bestimmte Wetterlage gebunden zu sein scheint (nämli an das Erscheinen eines Gebietes tiefen Luftdruckes im Bereiche der

ugstraße, die vom Norden des Adriatischen Meeres über das Festland Ge in die Gegend der russishen Oftseeprovinzen führt), zeigen diese Hochfluten doch verschiedenartigen Verlauf. Meistens geht die hedrohliche Wetterlage wieder vorüber, ohne besonders starke Regenfälle mit ih zu bringen, und in den übrigen Fällen erfolgen diese bald über diesem, bald über jenem Teile des Stromgebietes, ohne daß ih der Niedershlagsherd bei dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft vorhersagen ließe. Wie verschiedenartig aber selbs der Verlauf solcher Hochfluten sein kann, bei denen der größte Teil des Strom- gebietes betcoffen worden ist, auf wie mannigfaltige Vorbedingungen also au bei der Bekämpfung der Hochwassergefahren Nücksiht zu o sein wird, zeigt ein Ueberblick über den Verlauf der Hochfluten von 1813, 1854 und 1903.

Gemeinsam ist diesen drei Hochfluten, daß eine gewaltige Abfluß- masse {hon aus dem österreichischen Quellgebiete des Stromes kam, das außer der (bis zur Olsamündung gerechneten) Quelloder selbst auf der Westseite der Mährischen Pforte hauptsächlich die Oppa, auf der Ostseite aber die Beskidenflüsse Ostrawißa und Olsa umfaßt.

Für 1813 wird die Größe der damaligen Augusthochflut in diesem obersten Gebietsteile nicht nur durch die Ortsgeshihte von Troppau und Mährisch-Dstrau bezeugt, sondern noch zuverlässiger dadur, daß eine Hohwasserma1ke bei Krappiß (an der Mündung der Hotenploß) rd. 0,3 m über den 1854 und 1903 beobadzteten Höchstständen liegt. Leider {eint die Anbringung von Hochwassermarken in den Kriegs- unruhen fonst vielfach unterlassen worden zu sein. Indessen wird aus dem Gebiet der A Neisse berichtet, daß über Frei- waldau infolge reißender Anschwellungen der Biele und Staritz eine Wassersnot s{limmster Art hereinbrah. Ferner is aus der Kriegsgeschihte bekannt, daß in dec Schlacht an der Kaßbach den verbündeten Preußen und Russen das Niederwerfen des Feindes durch den Eintritt von Hochwasser erleihtert wurde und daß danach eine plôößlihe Ueberschwemmung am Bober einer französishen Division den Rückzug über den Fluß abshnitt. Auch die Lausißer Neisse war angcschwollen. Nah Böhmen griff die Hochwassererscheinung indessen aur in geringem Umfange hinüber, da die Elbe in Preußen keine be- deutende Anshwellung erfuhr. In der Weichsel trat ein Hochwasser ein, das zu den größten Sommerfluten dieses Stromes im 19. Jahr- hundert zählt. Dagegen hatte die Warthe nur eine geringfügige An- \{wellung, was in Verbindung mit den von der mittleren und der unteren Dder vorliegenden Wasserstandsbeobahßtungen wahrscheinlich macht, daß auch die übrigen im \{lesis{ch-polnischen Flachlande ent- springenden Wasserläufe zur Verstärkung der Hochflut niht nennens- wert beitrugen. Die Hohwasserersheinung vom August 1813 erstreckte ich_ hiernah im Odergebiet, ebenso wie im Weichselgebiet, wohl fast aus\{ließlich auf die Zuflüsse aus dem Gebirge.

Im August 1854 scheint das Gebiet der Elbe von der Hoch- wasserersheinung nicht einmal gestreift worden zu sein. Die Weichsel {woll zwar in der allerobersten Stromstrecke recht stark an; ihre ene wurde jedoch von den für die Hochwasserführung der Weichsel in erster Linie entscheidenden Gebirgsflüssen so wenig ge|peist, daß sie hon bei Krakau nur noch von mittlerer Höhe und bei Warschau kaum noch als Hochwasser zu renen war. Ganz eigenartig war die Sachlage im Odergebiet. Die mächtige Anshwellung des Stromes stammte wiederum aus den Flüssen des engeren Quellgebiets. Weiterhin aber waren die Gebirgs8zuflüsse der Oder, die mit Necht als die eigentliß hochwafssergefährlichen Nebenflüsse des Stromes gelten, verhältnismäßig nicht in dem Maße beteiligt, auf das man nad dem Grade des Oderhochwassers {ließen würde. So hatte insbesondere die Glager Neisse, dieser gewaltigste unter den Zu- flüfsen der oberen Oder, seit 1820 nahweislih zahlreihe Sommer- fluten, die jene von 1854 übertrafen. Auch der Bober hatte wohl eine ena aber doch eine ungleich kleinere als etwa in seinem \{limmsten Dochwasserjahre neuerer Zeit, also 1897, und ganz mäßig war die Anschwellung der Lausitzer Neisse. Dagegen strömten der Oder von der rechten Seite des Stromgebiets ungemein große Wassermengen zu. Die Klodnitß, Malapane, Weide und Bartsch, also Flüsse des Hügel- und Flachlandes, deren höchste Wasserstände sonst bei Schmelzfluten einzutreten pflegen, sie alle chwollen damals zu einer Höhe an, die in- ¡wischen bei keinem Hochwasser wieder beobahtet ‘wurde. An der Warthe sind zwar nah \{hneereihen Wintern inzwishen \{chon mehr- fah noh beträhtlich höhere Wasserstände eingetreten; unter den Sommerfluten des 19. Jahrhunderts steht jedoch auch hier die von 1854 an erster Stelle.

Im Juli 1903 stieg die Warthe allerdings noch höher. Auch im Gebiet der oberen und mittleren Oder ist die leßte Hochflut der des Jahres 1854 in manqcher Hinsicht vergleichbar; die Art ihrer Ent- wickelung war indessen doch eine erheblich andere. In der Flutwelle, die aus dem Quellgebiet des Stromes, besonders aus der Oppa kam, war diesmal eine noch größere Wassermasse angehäuft als bei der Hochflut von 1854. Außerdem hatten aber die Hoßenploß und vor allem die Glager Neisse fo arge Hochfluten wie seit vielen Jahr- ¡ehnten niht, und erst dieses Zusammentreffen kennzeichnet die Eigenart der diesjährigen Oderhochflut. Sämtlihe Hoh- wassererscheinungen der neueren Zeit waren in dieser Hinsicht günstiger als die diesmalige, da seit 1813 niemals eine besonders große Hoch- flut der Quelloder mit einer besonders großen Hochflut der Glater Neisse und der mit ihr fast stets verbündeten Hotenploß zusammen getroffen ist. Entweder gerieten nur die Quellflüsse des Stromes oder nur die Neisse und Hoßenploß in ungewötnlih starke Erregung, und der weitere Verlauf des Hohwassers bing dann hauptsählich vom Verhalten der übrigen Zuflüsse ab, wie z. B. die Entwickelung des Hochwassers vom Jahre 1854 wesentlich dur die starke Wasser- zuführung aus den rechts\eitigen Nebenflüssen der Oder bedingt war. Auch diesmal hatten außer der Warthe auf der rechten Seite des Stromgebiets die Zuflüsse der oberen Oder (Klodniß, Malapane und Stober) starke Anshwellungen, die indessen für das Hochwasser der Oder nur untergeordnete Bedeutung erlangten. Selbst das gewaltige ftdhwasser der Warthe rief an der unteren Oder keine solche Er- öhung der Wasserstände hervor, wie man zunächst befürchten zu müssen glaubte, da der Scheitel der Warthewelle erst erheblih später als der- fnige der Oder in Küstrin eintraf. Die Einwirkung der Warthe be- tand daher weniger in einer Erhöhung als in einer Verlängerung der

uva, was für das Mündungsbecken der Oder freilich das größere ebel ift,

Eine erhebliche Einwirkung auf die Form der Oderflutwelle übte punacist die Fefenplos aus. Die spißze Flutwelle dieses Neben flusses ob den Wasserspiegel der Oder in kurzer Zeit um mehrere Meter. Daher war das Hochwasserbett des Stromes bereits hoch angefüllt, als das PoMnafser aus den großen Ueberschwemmungsgebieten an den oberen Oderstrecken allmählich nahte und nunmehr die Höhe und Ausdehnung der Ueberschwemmungen unterhalb Krappiß ge- waltig vergrößerte. Eine erheblihe Aenderung erfuhr der Verlauf des Hochwassers alsdann dur den Hinzutritt der Hohflut der Er Rg Neisse. Wenn leßtere ein stärkeres Hohwasser hat, so behauptet fich dies in der Oter fast regelmäßig zunächst als eine selbständige Flut- welle, die dem Hochwasser aus dem Quellgebiete des Stromes um mehrere Tage vorausläust und von dessen Flutscheitel erst allmählih engeholt wird. So geschah es auch diesmal; nur waren beide Flut- wellen (diejenige der Glaßzer Neisse und ejemige der Quelloder) un- imma gros und folgten eren imaGa rasch aufeinander. erner wiederßolte La au darin eine {hon bei früheren Hocfluten vielfa beobachtete Erscheinung, daß die aus der Neisse in den Slrom gebrachte Flutwelle die Hauptmasse des Hochwassers der Hotenploßz

in sih aufnahm. Denn wenn das Hochwasser der Hogtenploß auch bei der geringeren Lauflänge dieses D der weniger umfassen- den Ausbreitung seines Gewässerneßes beträhtlih eher in das Strom- bett der Oder gelangt als das der Neisse, so wird dieser Vorsprung dadur aufgehoben, daß es dafür noch die zwischen Krappitz und der Neissemündung liegende Strecke des Stromes zu durchlaufen hat. Von den Flutwellen, die unterhalb der Mündung der Neisse auf- traten, war die erste, also die von der Glager Neisse im Verein mit der Hoßenploß erzeugte Flutwelle die höhere. Schon diese eine Er- Benn, erweist hinreihend, daß neben den Flüssen des engeren Quellgebiets vorwiegend diese beiden Wasserläufe für den Verlauf der Oderhochflut bestimmend wurden. Bei Betrachtung der Abfluß- mengen kommen wir hierauf zurück. Vor der Hand sei nur erwähnt, daß die Gesamtmasse der aus dem Quellgebiet kommenden Flutwelle, so ausgedehnt au die in den Kreisen Ratibor und Kosel der Ueber- {chwemmung anheimgefallenen Flähen waren, noch nicht die Hälfte von derjenigen bildete, die den Strom unterhalb der Neifsemündung durlies, wobet eine nahträglihe, um den 20 /21. Juli aufgetretene Hohflut der Glazer Neisse nicht mit eingerechnet ist. Hierbei ist in- dessen nicht außer aht zu lassen, daß sich dies nur auf die Gesamt- masse der Flutwelle bezieht, niht aber auf die dem höchsten Tee stande entsprechende sekundliche Größtmenge. Letztere hat unterhalb der Mündung der Glatzer Neisse vermutlich nur wenige hundert

Kubikmeter mehr betragen als unterhalb der Mündung der Olfa.

__ Die unterhalb Breslau noch hinzutretenden Gebirgsflüsse, also die Weistriß, Kaßbach, der Bober und die Lausiger Neisse vermehrten die Gesamtmasse der Flutwelle des Stromes niht mehr erheblich. Die sekundlihe Größtmenge nahm in der mittleren Oder sogar erheb- li ab, da die seitlihe Zufuhr der Flutwelle hier niht mehr so viel Wasser lieferte, wie dem Wellengipfel zur Auffüllung des immer ge- raumiger werdenden Strombettes und zur Ueberschwemmung der Vor- länder entnommen wurde. Innerhalb des Gebietes der Sudeten be- schränkte die Hochwasserersbeinung sich nämlich vorwiegend auf die Flüsse, die im südöstlichen Teile dieses Gebirgszuges entspringen, wo- gegen {hon die Wasserläufe des Eulengebirges und des Waldenburger Berglandes nur noch Hochwasser von mäßiger Ausdehnung hatten. Die Gebirgsbäche im Gebiete des Bobers drohten wohl vorübergehend mit dem Eintritt von Hohwasser, riefen aber doch nur eine wenig bedeutende Anshwellung dieses Nebenflusses hervor. Da der böhmische Teil der Sudeten von der Hochwasserersheinung kaum noch gestreift wurde, blieb der Elbstrom unberührt.

_Im Osten erstreckte sih dagegen das Gebiet starker Niederschläge weit über das Quellgebiet der Oder und das Warthegebiet hinaus. Im oberen Weichselgebiete regnete es bis zum Dunajec hin dermaßen heftig, daß die Weichsel bei Krakau alle in den leßten 70 Jahren beobahteten Wasserstände überschritt. Jn der mittleren Stromstrecke ermäßigte fih die Höhe der Flutwelle wohl, indessen war ihre Speisung au hier infolge der über dem russis{h-polnishen Hügel- und Flachlande niedergegangenen Regen noch immer fo kräftig, daß die Flutwelle bei Thorn nur 0,6 bis 0,7 m niedriger blieb als bei den großen Sommerhochfluten von 1844 und 1884.

Gleichzeitig trat ferner im Donaugebiet Hochwasser auf, sehr stark z. B. an der March, die oft das Schicksal der Oderzuflüsse aus den füdöstlihen Sudeten und aus den Beskiden teilt, weil ihr engeres Queligebiet unmittelbar neben denen der Glager Neisse und der Oppa liegt, während ihr bedeutendster Nebenfluß, die Beczwa, in geringer Entfernung von der Ostrawißa entspringt. Ebenso dehnte fich die Hochwassererscheinung auf das Alpengebiet aus, das in die öster- reihische Donau entwässert, da alle Flüsse auf der Nordseite der Ost- alpen, von der Salzach an bis zu den Gewässern des Wiener Waldes, umfangreihe Ucberschwemmungen hervorriefen.

Nr. 32 des „Zentralblatts der Bauverwaltung“, heraus- gegeben im Ministerium der öffentlihen Arbeiten, vom 20. April, hat folgenden Inhalt: Erster internationaler Kongreß für Schulhygiene in Nürnberg vom 4. bis 9 April 1904. Vermischtes: Erweiterung des preußischen Staatseisenbahnnetes und Beteiligung des Staats an dem Bau von Kleinbahnen. Eisenbahnfahwissenshaftlihe Vorlesungen in Preußen. Der Wettbewerb um Skizzen zu einem Gebäude für das Verkehrsministerium und ein Zentralbriefpostamt in München. Wettbewerb für die Umgestaltung des Plaßes der Dampferanlege- stellen am Ufer des Sees in Tegel. Wettbewerb für einen Monus- mentalbrunnen am Spittlertorgraben in Nürnberg. Wettbewerb um Entwürfe für die Gebäude der bayerischen Jubiläumslandes- aus\stelung Nürnberg 1906. Wettbewerb für ein Plakat der Stadt Aachen. Wettbewerb um Entwürfe für ein Kanalschiffshebewerk. Opernhaus in Berlin. Unterweisungsvorträge für Wasserbaubeamte bei der Versuchs- und Prüfungsanstalt für Wasserversorgung und Ab- wässerbeseitigung in Berlin. 2öjähriges Bestehen der Berliner Gobelinmanufattur W. Ziesch u. Ko. Seuersiderbeit der Theater.

Verkehr auf den Wasserstraßen Berlins im Jahre 1903.

Statiftik und Volkswirtschaft.

Anteil der Unterarten am Gesamtbestande jeder der vier wichtigsten Viehgattungen für den preußischen Staat 1902 und 1900.*)

Schon früher haben wir ausgeführt, paß sich über den Vieh- stand eines Landes aus den nackten Gesamtzahlen allein keine maß- gebende Ansicht bilden läßt, sondern daß hierzu auch eine möalich\t ins einzelne gehende Untersuhung der Unterarten der Hauptviehgattungen nah Alter, Geshlecht und Art der Benutzung erforderlich ist. Hierzu reiht aber die Feststellung ihrer Vermehrung oder Verminderung \{lechthin nit aus; es gehört dazu auch eine genaue Kenntnis der Zusammensetzung jeder Gattung, zu der wir heute übergehen. Von allen Tieren entfielen Hundertteile

bei den

I. Pferden, einshließlich Militärpferde: 1) auf die unter 3 Jahre alten nebst Fohlen . 2) » v3 Jahre alten und älteren . IT. Rindern: 1) auf die Kälber unter F Jahr alt 2) das Jungvieh von F bis 1 Jahr alt

am 1. Dezember 1902 1900

16,35 83,65,

10,39 12,96 15,17

6,32 99,16,

28,03 71,97

48,69

15,15 84,85

10,72 12,11 13,56

6,90 56,71

28,84 71,16

94,90

noch nicht e Jungvieh von 1 bis noch nicht

O E 4 o o E 2 Jahre alte und ältere Rindvieh: a. Bullen, Stiere und Ochsen . b. Kühe, Färsen und Kalbinnen

IIT. Schafen: 1) auf die unter 1 Jahr alten (Lämmer) . 2) » » 1 Jahr alten und älteren

IV. Schweinen: 5 auf die unter } Jahr alten, einshließlih Ferkel 2) v T6 No n L Tae (lten S OLIT 32,71 D) L 24 Sade Gle E Ot «(4 18,98 18,60. Bei den Einhufern und Wiederkäuern behauptet also die oberste Altersklasse das Uebergewicht, welches beim Borstenvieh in der untersten liegt. Es kamen unter den Pferden jan sechs Siebentel e die 3 Jahre alten und älteren sowie nur reihlich ein Siebente auf die unter 3 Jahre alten Tiere nebst Fohlen; bei den Rindern entfiel weit über die Hälfte auf die 2 Jahre alten und älteren Kühe, Färsen und Kalbinnen, aber bloß ein Vierzehntel auf die Bullen, Stiere und Ochsen gleihen Alters und je über ein Zehntel auf die übrigen Unterabteilungen; unter den Schafen trafen gut sieben Zehntel auf die 1 und mehr Jahre alten gegen knapp drei

*) Vergl. Nr. 150 des „Reichs- und Staatsanzeigers" vom

Ds d

29. Juni 1903.

Zehntel auf die jüngeren, unter den Schweinen die größere Hälfte auf die unter # Jahr alten einsließlih der Ferkel, v A s die è bis noch nit 1 Jahr alten sowie ein Siebentel auf die älteren. Die stärkste Aufzuht weisen demnah die Schweine auf, und au bei den Rindern ist sie als eine O zu bezeihnen, nit aber bet den E O am wenigsten bei den Pferden.

,_Veber die in diesen Verhältnissen feit 1900 eingetretenen Ver- schiebungen gibt die zweite Spalte obiger Uebersicht nähere Auskunft. Eine Vergleichung der für beide Jahre berechneten e zeigt bei der jüngsten Altersklasse der Schweine eine auffallende Zu- sowie bei der ältesten eine annähernd ebensolche Abnahme. Bei den Unterarten der N Haustiere sind die Abweichungen ziemlich belanglos ; bei man en herrsht sogar eine gewisse Uebereinstimmung. Die bei den Schweinen gemahte Wahrnehmung hängt mit der bereits anderweitig ermittelten Tatsache zusammen, daß die durh den gen Mißwachs zur Einschränkung zumal ihres Rindvieh- und Schafbestandes genötigten Viehzüchter sofort bemüht waren, durch eine überraschende Züchtungssteigerung der meist bald \{chlachtreifen Schweine dem Eintritt eines fühlbaren Fleischmangels vorzubeugen.

(Stat. Korr.)

D ie zur Grzeugung elektrishen Stromes dienende Dampfkraft Preußens 1903.

Von den am 31. März 1903 in Preußen gezählten 101 813 fest- stehenden und beweglihen Dampfmaschinen mit zusammen 4503 561 Pferdestärken Leistungsfähigkeit *) dienten, nah der „Stat. Korr.*, 3846 Maschinen mit 516 682 Pferdestärken aus\ch{ließlich zum Bes triebe von Dynamomaschinen und 1314 Maschinen mit 106 652 Pferde- stärken gleichzeitig noch einem anderen Zwecke, dem Antriebe von Arbeitsmaschinen, sodaß im ganzen 5160 Dampfmaschinen mit 623 334 Pferdestärken für die Herstellung von elektrishem Strome nußbar gemacht wurden, d. h. 5,1 v. H. aller Dampfmaschinen und 13,8 y. H. ihrer Pferdestärken.

Unter den einzelnen preußischen Landesteilen steht bezügli der Verwendung bon Dampfkraft zu elektrotehnishen Zwecken der Regierungsbezirk Düsseldorf, wo zur Erzeugung elektrishen Stromes 722 Dampfmaschinen mit einer Leistungsfähigkeit von 96 586 Pferdestärken Zun wurden, obenan; es folgen die Stadt Berlin und der Regierungsbezirk Arnsberg mit 321 bezw. 569 Maschinen und einer Leistungsfähigkeit von 76504 bezw. 66 606 Pferdestärken. Die verhältnismäßig geringe Zahl von Maschinen in Berlin erklärt si dadurch, daß dort im allgemeinen größere und leistungsfähigere Dampfmaschinen als in den sonstigen Landesteilen zur Aufstellung gelangt sind. So befinden sch in Berlin 28, in den Res gierungsbezirken Düsseldorf und Arnsberg dagegen nur 11 bezw. 2 Dampfmaschinen mit einer Leistungsfähigkeit von 1000 Pferdes stärken und darüber, die zu elektrotehnishen Zwecken dienen. In den Provinzen wurden am 31. März 1903 zur Erzeugung von elek- trishem Strome benugt, und zwar

aus\{ließlich / Dampf- Pferde- in ma- stär- schinen ken

Dilpreußen 90 10327 Westpreußen . .. 90 9213 24 Stadtkreis Berlin . 255 70519 66

Brandenburg . . . 308 51289 123 9738 431 61027 Pommern . .. . 154 15871 29 1199 183 17070 Posen (0 OO2D 15 611 90 5636 Schlesien 443 54297 121 9945 064 64242 Sachsen 414 51828 101 9475 515: 61303 Schleswig-Holstein ¿L L 000 3c L600 155 15256 Hannover 209 24625 97 112422 306 35867 Westfalen. ., . . 983 68059: 188 16713 771 90779 Hesen-Nafsau 197 23312 110 795 2307 31087 VCUeEI In. ¿O08 1187801 332 25669 1240 144420 OvVenzoUern 2 140 5 126 T 266

im Staate. . 3846 516682 1314 106652 5160 623 334.

Was die Hauptaufgaben des in Preußen dur Dampfkraft hervorgebrachten elektrishen Stromes betrifft, so erzeugten Elektrizität

. für die Zwecke Dampfmaschinen mit Pferdestärken der Lic O 216 973 Des DLOTOTeNVeIt Ie 4 140 34 095 Der Ge N 37 8 922 der Beleuchtung und Kraftübertragung 1229 352 886 der Elektrolyse und Beleuchtung. . . 40 10 458

zusammen“. ¿160 623 334.

Wie in den früheren Jahren wurde auch 1903 der weitaus größte Teil des durch Dampfkraft gewonnenen elektrishen Stromes der Be- leuhtung dienstbar gemacht. Die aus\chließlich hierzu verwendeten Dampfmaschinen bildeten 72 v. H. aller zur Erzeugung von Elektrizität dienenden Dampfmaschinen und 34,8 v. H. ihrer Leistungsfähigkeit in Pferdestärken. Hierzu kommen noch die zur Beleuhtung und Kraft- übertragung bezw. Elektrolyse zugleichß benußten Maschinen d. h. 24,6 v. H. aller Maschinen und 58,3 v. H. ihrer Pferdestärken —, wenn au nit genau festgestellt worden ist, in welhem Umfange sie für jeden einzelnen Zweck tätig waren. Demgemäß übersteigt die Erzeugung von Licht erheblich alle übrigen Verwendungsarten des elektrishen Stromes.

Für den zur Beleuchtung und zugleich zur Kraftübertragung dienenden Strom kommen vor allem die Straßenbahnen, die ihre Fahrzeuge in Bewegung seßen und beleuchten, sowie die großen Elek- trizitätswerke, die Licht und gleichzeitig Kraft zum Motorenbetriebe liefern, in Betracht. Von den verschiedenen Arten der Verwendung des elektrischen Stromes zum Motorenbetriebe in Berlin geben die Berliner Elektrizitätswerke ein anschaulihes Bild. An das Leitungsnet ihrer Werke waren am 31. März 1903 angeschlossen

î Motoren mit Pferdestärken

3 794

Bentilatoren 478 Aufzüge 7 661 MetaUbearbeitung 4 890 Holzbearbeitung 2 429 Fleischereibetrieb 1 224 Schleif- und Poliermaschinen . 1 096 ern 780 Pumpen 610 Nähmaschinen 75 166 Tuchschneidemaschinen . . .. : 97 Spül- und Washmaschinen 510 Spulmaschinen 187 Lederbearbeitung 316 Antrieb von Dynamos. . .. 936 Kaffeemühlen undRöstmaschinen 141 Galvanoplaftik 178 Hutbügelmaschinen i 61 sonstige Zwecke 2586 zusammen. .. 27 739.

__ Unter „sonstige Zwecke* sind hier zu rechnen: Butter-, Eis-, Färberei-, Knet-, Setz-, Stempel-, Tabakshneide- und Zahnbohr-, maschinen, Kühlapparate, Musilwerke, Nührwerke und Motoren für Neklamezwecke.

gleichzeitig zu anderen Zwecken Dampf- Pferde-

zusammen Dampf- Pferde-

ma- stär- ma- stär-

_m schinen fken schinen fken

66 4841 156 15 168 1 503 114 10716 5 985 321 76 504

———

Zur Arbeiterbeweguns6

Die Maurer in Spandau haben nunmehr, der „Deutschen Warte“ zufolge, ebenso wie die Zimmerer das Anerbieten der Meister, 60 Stundenlohn, 9} stündige Arbeitszeit bis 1. April 1905, von

®) S. Nr. 8 des „Reihs- und Staatsanzeigers“ vom 11. Ja-

nuar 1904.