1883 / 114 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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burtstag (24. d.) wieder einmal in Windsor feiern. Die Abreise nah Scho ttland soll am 25. d. erfolgen.

Aus der Kapstadt wird den „Daily News“ gemeldet : Ganz Südafrika und namentlih diese Kolonie haben unter der s{hwersten Handelskrise zu leiden, die jemals hier empfunden wurde. Man erwartet, daß die Staats- einnahmen gegen den Voranshlag um 500000 Pfd. Sterl. zurü>bleiben werden ein Ausfall, wie wir ihn seit 13 Jahren ni<ht zu verzeihnen hatten. Im Basutolande haben am 11. ds. neue Kämpfe stattgefunden. Die Loyalen scheinen siegreich gewesen zu sein. Masupha soll seine Mannschaften aus dera Distrikt zurü>- gezogen haben, wo Jonathan seine Uebermacht erwiesen hat.

18. Mai. (W. T. B.) Der Herzog und die Her- zogin von Edinburg und Lord Wolfeley haben gestern Abend über Calais die Reise nah Rußland angetreten.

Dublin, 17. April. (W. T. B.) James Mullett, Edward McCaffrey, Daniel Delaney, Edward O'Brien und William Mooney, wel{he si< der Mordvershwörung gegen Forster, Lord Spencer u. st. w. shuldig bekannten, wur- den zu zehnjähriger, Thomas Doyle zu fünfjähriger Zwangsarbeit verurtheilt. Die Verhandlungen der für die Staatsprozesse eingeseßten Kommission sind damit beendet und die Jury entlassen worden.

18. Mai. (W. T. B.) Der wegen seiner Betheili- gung am Phönixpark-Morde am 18. April zum Tode verurtheilte Curley ist heute früh 8 Uhr hingerichtet worden. Die Ruhe wurde nicht gestört.

Frankreich. Paris, 17. Mai. (W. T. B.) Von dem Deputirten Jules Roche wurde in der heutigen Sizung der Deputirtenkammer der Bericht über die Vor- lage, betreffend die Ermächtigung zur Abgabe von Eewehren für die Mission Brazzas, vorgelegt. —Saint-Aignan rihtete eine Anfrage an die Regierung über ein bezüg- lih der Sparkassen erlassenes Rundschreiben, das An- griffe gegen die unabhängige Presse enthalte, und wünschte zu wissen, welhe Mittel die Präfekten anwenden würden, um den Zurü>forderungen aus deu Sparkassen ent- gegenzutreten. Der Minister des Jnnern erwiderte: das erlassene Rundschreiben habe ledigli< beruhigen sollen ; die Präfekten seien aufgefordert worden, die Bevölkerung aufzuklären. Saint-Aianan konstatirte, daß in gewissen Departements Pressionsversuche gemaŸt worden seien ; der Minister stellte jedoh alle Handlungen dieser Art in Ab- rede. Der Finanz-Minister Tirard führte aus, daß die Intervention der Regierung weit mehr im Jnteres}se der S parkasseneinleger, als im Fhnterese des Staats- schaßes erfolgt sei. Der Staat würde einen weit größeren Vortheil davon haben, wenn si< die bei den Sparkassen eingezahlten Beträge verringerten ; der Staat würde leiht Geld zu 2 Proz. erhalten können, während er den Sparkasseneinlegern 4 Proz. bezahle. Die Regierung oermende die Sparkassenfonds, weil sie Gelder, für welche sie 4 Proz. zahle, nicht todt liegen lassen könne. Schließlich erklärte der Minister: die eingezahlten Gelder würden Jedem, der sie kei offener Kasse fordere, ausbezahlt werden ; für die- jenigen, die ihre Einlagen zurü>gezahlt haben wollten, ständen, ungerechnet eine Reserve von 32 Millionen, bereits 123 Mil- lionen zur Verfügung. Der von Saint-Aignan angeregte Zwischenfall fand damit feine Erledigung.

Italien. Nom, 17, Mas. (W. T. B) Die Depu?* tirtenktammer seßte heute die Berathung der von Nico- tera beantragten Tagesordnung fort. Der Minister des Auswärtigen, Mancini, legte dar, daß die wider das Kabinet erhobene Beschuldigung, daß dasselbe ncmentli<h in den leßten zwei Jahren die liberalen Jdeen seiner eigenen Partei ver- lassen und nah den Grundsäßen der Gegenpartei regiert habe, unbegründet sei. Der Minister wies ferrier den Vorwurf zurü, daß er, indem er sich dieser Politik des Kabinets

angeschlossen, si< mit seiner Vergangenheit in Widerspruch |

gejeßt und die Prinzipien preisgegeben habe, welche ihn sonst geleitet hätten. Nachdem die revolutionäre Aera in Italien abgeschlossen sei, könnten Agitationen, welhe gegen die von dem neuen Staate angenomniene Staatsform gerichtet seien, nicht weiter geduldet werden. Kein anderes Land sei fo frei und so glü>lih in seiner Freiheit als Jtalien. Die Handlungen des Kabinets auf Grund deren man die Regierung beschuldige, daß sie in freiheitswidriger, ja sogar ungeseßliher Weise vor- gegangen sei, entsprähen durchaus den Landesgeseßen, Der Minister versicherte, daß au<h nicht der Schatten einer Pression von Seiten des Auslandes auf die innere Politik aztaliens ausgeübt worden sei. Wenn die Rechte das Kabinet unterstüßen wolle, wel<hes unverändert an den Prinzipien der vorhergehenden Jahre festholte, so möge sie erklären, daß sie ihre patriotischen Befürchtungen betreffs der von der Recterung beobachteten Haltung aufgegeben habe und die Handlungen des Ministeriums tillize. Zu seinen Freunden auf der Lin- ken gewendet sagte der Minister: die Linke erkenne, indem sie die Politik des Ministeriums billige, an, daß die Regie- rung dadur<h, daß sie den Geseßzen und den inter- nationalen Pflichten Achtung verschafft, das Vertrauen und die Autorität der Partei und des Landes vermehrt habe. Dem italienishen Volke endli< empfahl Maneini an: es möge dur das Stimmrecht die Ansicht des Ministers bestätigen, daß bei dieser Politik die Jnstitutionen und Freiheiten des Landes wohl gewahrt worden seien ; das italienishe Volk möge den Verlo>ungen eines gewissen Sentimentalismus Widerstand leisten, welher den wahren Interessen der Nation keine Nehnung tragen roürde. Auf die Rede Mancinis folgten no< einige persönlihe Bemerkvagen Bonghis und Portis ; sodann wurde die Berathung auf morgen vertagt.

Türkei, Konstantinopel, 18. Mai. (W. T. B.) Server Pascha ist als Vectreter des Sultans zur Krönung nah Moskau abgereist,

Montenegro. Cettinje. Der „Polit. Corr.“ wird unter dem 10. d. M. von hier geschrieben :

„Daß Se. Hoheit Fürs Nikolaus auf der Reise zu den Krönungsfeierlihkeiten in Moskau den Weg über Wien nimmt, geschieht in Ausführung eines seit Langem gehegten Wunsches des Fürsten, wieder einmal die Hauptstadt der be- nachbarten Monarchie aufzusuhen, um Se. Majestät den Kaiser zu begrüßen und dur eine persönliche Begegnung mit den maß- gebenden ¿Faktoren der Monarchie Gelegenheit zu finden, das Verhältniß zwischen Desterreih-Ungarn und Montenegro, auf das man in Cettinje im wohblverstandenen eigenen Jnteresse hohen Werth legt, zu befestigen. An die österreichish-unga- rishe Monarchie knüpfen uns reale Jnteressen und die aus unmittelbarer Nachbarschaft “ih ergebenden hunderterlei

Wechselbeziehungen. Die Betheuerung, daß es den Monte- negrinern um warme Beziehungen zu Desterreih-Ungarn so- Tos Sympathie als aus Klugheit zu thun ijt, ist eine ehrliche.

Nusßland und Polen. St. Petersburg, 17. Mai. (W. T. B.) Gutem Vernehmen nach is für die Krönungs- feierlihkeiten folgendes Programm festgestellt: Am 20. Mai Ankunst des Kaisers und der Kaiserin im Petrowski Palais, am 22. Mai Einzug der Majestäten in Moskau, am 23. Weihe des Reichsbanners, am 24., 25. und 26. Mai Fasten des Kaisers und der Kaiserin, öffentlißhe Ver- kündigung der Krönung und Ueberführung der Regalien in den Thronsaal; am 27. Krönung und Diner in der Granowitaja Palata, am 28. Mai Gratulationen und Ball in der Granowitaja Palata, am 29. Mai Entgegennahme weiterer Gratulationen , ebenso au<h am 30. Mai, wo zu- gleih eine Festvorstelung im Theater stattfindet; am 31. Mai Ueberführung der Regalien na< der Granowitaja Palata und Diner daselbst, am 1. Juni Ueberführung der Regalien in die Orusheinaja Palata (Schaßkammer) und Diner daselbst, am 2. Juni Volksfest und Mittagstafel sür die Dorfältesten im Petrowski-:Palais, am 3. Juni Fahrt nah der Troiza:Szergiewékaja Lawra (Dreisaltigkeitskloster des heiligen Sergius). Am 4. Zuni wird das 200 jährige Jubiläum des Preobraschenski- und Semenoffschen Leibgarde- Regiments gefeiert, Abends Ball; am 5. Juni Diner, am 7. Einweihung der Erlöserkirhe, am 8. Juni Diner, am 9. Zruppenparade, am 10. Juni Nü>keyx der Majestäten nach St. Petersburg.

18. Mai. (W. T. B.) Der Großfürst Michael Nikolajewit\< is mit seinen beiden Söhnen gestern nad Moskau abgereist. Von den beiden von der Regierung für das diplomatische Corps zur Verfügung gestellten Extrazügen ist der eine gestern abgelassen worden, der andere wird morgen abgehen. Die österreichishe Botschaft ist gestern abgereist, die deutshe Botschaft wird si<h morgen nah Moskau begeben.

M oStau, 17, Mai (W. D. B) Heute sind déx Großfürst und die Großfürstin Wladimir und die Großfürstin Katharina Michailowna hier eingetroffen.

Schweden und Norwegen. Stockhclm, 18. Mai. (W. T. B) Die Zweite Kammer des Reichstages nahm in der vergangenen Nacht mit 135 gegen 62 Stimmen die Paragraphen des Armee-Organisationsgeseßzes an, durch welche bestimmt wird, daß die Stammsoldaten der Armee fortan dur< Anwerbung beschafffl werden sollen, an Stelle der jeßigen „eingetheilten (indelta) Armee“.

Amerika. Washington, 17. Mai. (W. T. B.) Uebex die aus Valparaiso gemeldete Unterzeihnung des Friedensvertrags zwischen Chile und Peru is dem hiesigen Auswärtigen Amte cine bestätigende Nachricht bis jeßt nicht zugegangen.

Philadelphia, 15, Mai, (Allg. Corr.) Durch die Wirbelstürme am Sonntag wurden in Missouri 17 Personen getödtet und 77 verlctt.

Süd - Amerika. Brasilien. Rio de Janeiro, 16. Mai. (W. T. B.) Die Kammern sind gestern mit einer Botschaft des Kaisers eröffnet worden, Jn leßterer werden die Beziegungen Brasiliens zu dent auswärti- gen Mächten als durchaus freundschaftliche bezeichnet.

Afrika. Sgypten, Kairo, 17. Mai. Dem „Neuter- schen Bureau“ wird von hier gemeldet, daß vie Nachricht des „Temps“, die englische Regierung habe das Aufgeben der Provinzen Darfour und Kordofan gebilligt und dem Mahdi ihre Vermittlung angeboten, jeder Begründung ent- behre.

Zeitungsftimmen.

Die „Staatsbürger Zeitung“ sagt in einem „Ueber den Parteien“ überschriebenen Artike! :

Die Wünsche aller Staats8angehörigen zu befricdigen, ist keiner Regierung mögli ; der Unzufriedenen im Lande wird es immer heute weniger, morgen mehr geben, je nachdem die Tendenz der Regierung fih mit den Wünschen der Majorität im Einklangz befindet oder nicht.

In diesera Grundsay if das Fundament der parlamentarischen Regierung zu suchen, der Regierung, welche aus der Majorität im Parlament, die als der Ausdru>k der Majorität des Volkes angesehen wird, herorgegangen ift, wie si< das in England und Belgien in \ärfster Weise ausprägt. i

Wir i<wärm-?n für diese Art der Regierung, die während der einen Wahlperiode den Liberalismus und während der anderen das konservative Prinzip an die Oberfläche bringt, durchaus nit; unserer Änßcht na muß eine Regierung über den Parteien itchen und unter Wahrung der verfassungsmäßigen Rechte des Volkes die Gesetzgebung des Landes die Richtschnur ihrer Handlungen sein lassen. Wir halten des- halb au< den Fundamentalsaß für fals<; eine Negierung hat nicht zu fragen, ob sie in diesem oder jenem Falle den Wünschen der Majorität entsprebe oder nicht, sondern danah, »b diese Wünsche mit Recht und Gesetz im Einklange stehen. .

„Nun ja“, so heißt es dann noch bei einigen zutmüthigen Partei- gängern der Dpposition, „in der äußeren Politik erkennen wir die Größe Bismar>ks an, aber in dec îtnneren . . .“ Den Leuten ist dergleihen um so weniger zu verdenken, als es ja sogar Zeiturgen giebt, die auf der einen Seite spaltenlançe, aus statistischen Quellen gesböpfte Artikel über den Aufschwung de: deuts{<2en Industrie bringen und auf der anderen Seite die Wirthschastspolitik des Fürsten Bismar>k als den Ruin des Landes hinstellen. Bei solchen Verkehrtheiten von alten weltstädtishen Qrganen der öffentlichen Meinung darf man sih<h über das „Kreuzige“ einer denkfaulen oder denkunfähigen Masse niht mehr wundern. i: :

In der „Schlesischen Zeitung“ lesen wir:

Daß der Entwurf des Unfallversicherungsgesetzes einen Staats- zushuß in Aussiht nimmt, hat von vornherein weit über die Kreise des mancesterlihen Liberaliêmus hinaus eine prinzipielle Opposition hervorgerufen. Sürst Bismar> rechtfertigte diesen Staats- zushuß s\<on bei der früheren Vorlage einestheils damit, daß der Industrie keine Opfer auferlegt werdzn dürfen, dur< welche sie lebens- oder *onfurrcnzunfähig werden könnte, anderntheils damit, daß diz Armenpflege, soweit sie aus öffentlichen Mitteln bestritten würde, dur< das Gele entlastet wecde. Eine Entlastung der Kommunen aber werde ja allseité als erstre- benöwerthes Ziel erachtet. Im Grunde war indey wohl der Ge- danke, den Staat direkt an der Fürsorge für die Arbeiter zu be- theiligen, für den Reichskanzler der maßgebende. Neuerdings be- ginnt man si< auc liberalerseits mit diesem Gedanken vertraut zu machen. So Plaidirte jüngst der sonst re<ht oppositionelle „Ham- burgische Correspondent“ für cinen eventuellen Staatszushuß unter Hinweis darauf, doß das Recht des Staates, die ganze Organisation zu leiten und zu überwachen, in dem Staatszuschusse seine natürliche Begründung finden würde. Neuerdings tritt au< cin großes Organ

der nationalliberalen gr die „Kölnische Zeitung“, für den

Staatszuschuß ein. ie {reibt :

„Die von Betriebsunfällen betroffenen Arbeiter sind sehr lange, auégenommen beim Bergbau und seinen Knappschaften, überwiegend dem Gnadenbrot der Arbeitgeber oder der öffentlihen Armenpflege anbeimgefallen. Daß der heutige Arbeitslohn die erforderliche Ver- sicberungéprämie hergebrahtermaßen {on enthbielte, davon kann bier no< gar niht die Rede sein. Die Prämien der Unfall- versicberung müssen gezahlt werden aus den Betriebskosten, und zwar hauptsäbli<h unmittelbar durh den Arbeite geber als den Betriebsleite. Ob man diese Zatlung sicherstellen will in der Form einer Ausdehnung der „Haftpflicht“, wie die liberale Seite des Reichstags im vorigen Jahre vorschlug, over in der Form einer Zwangsversicherung der Betriebe, wie die gegenwärtige Regierungsvorlage will dünkt uns ziemli gleibgültig; auf diese Organisationsfrage wird ein audermal zurü>zukommen sein. Hier ift einstweilen die Hauptsacbe : einestheils, daß die Prämienzahlung den Betrieben, und zwar nach individualisirten Gefahrenklassen, auferlegt werde, daß aber anderntheils au die Arbeiter, wenn au< nur mit sehr mäßigen Säßen, unmittelbar mit herangezogen werden aus dem- selben Grunde, den De. Hammawher gegen Dr. Hirs für eine mäßige Heranziehung der Arbeitgeber zu den Krankenkassen geltend machte, d. h. im Interesse ciner gesunden Selbstverwaltung der Unfallkassen. Abzuwehren ist hier ganz besonders der Bersuch, den Arbeitern als den Hauptträgern der Krankenkassenlast durch die künstlicbe Manipulation einer langen „Karenzzeit“ den Löwenantheil an der Prämienzahlung verde>ter und heimliwer Weise aufzuwälzen ; was die Arbeiter beitragen sollen, müssen sie jedenfalls offen und allen Theilen ersichtlich beitragen. Den anderen Hauptstreitpunkt aber bildet seit lange die Frage der Heranziehung von Zuschüssen aus öffentlihen Mitteln. Wir haben oben {on ausgesprochen, daß und weshalb wir dieselben nah Möglichkeit gänzlih beseitigt sehen möchten. Allein wir müssen andererseits do<h au be- denken, daß es cbensowohl für die Höhe der Beiträge der Arbeitgeber wic der Arbeiter praktis< unüberschreitbare Grenzen giebt, deren Ueberschreitung die betreffenden Betriebe selbst un- rentbar machen und also zum Stillstande bringen würde. An dieser Grenze ist nothwendig Halt zu machen und das etwa noc vor- handene Defizit ift dann allerdings nur ausnahmsweise und vorübergehend aus öffentlichen Mitteln zu de>ken. Diese Zu'cbüsse sind dann zu vertheidigen ebenso wie vorübergehende Scbußzölle aus der Nothlage bestehender Industrien und unter der Verpflichtung für den Staat, an der Beseitigung solcher Nothlage und damit auch der nur durch sie gereWßtfertigten Zuschüsse unablässig anderweitig zu arbeiten. Die Kommission ves Reichs- tages hat vor einigen Tagen jeden Reichszushuß wit großer Mehr- heit abgelehrt; wir hoffen indeß, daß damit nicht das leßte Wort gesprochen sein soll, da an solchem Beschlusse leiht das ganze Gesetz scheitern könnte.“

_ Vom Thüringer Walde, 13, Mai, wird der „Ma gde- burger Zeitung“ gemeldet:

Im Scbleusinger Kreise hebt sih die Porzellanfabrikation in er- freulichster Weise. Sämmt!iche Fabriken sind reichlich mit Aufträgen versehen, die meisten mit Actikeln für den nordamerikanischen Export, Die neuerdings beschlossene Erhöhung des Eingangszolles von 50 auf 65 9% des Werthes erregt indeß die Besorgniß mancher Fabrikanten.

_— Die „Norddeutsche Allgemeine Zeitung“ berichtet:

__ Die Crefelder Seidenindustrie hat? im Jahre 1882 cin sehr günstiges Geschänt gehabt. Der Gesammtumsayz dieser Jndusftrie, über welche seit cine Reihe von Jahren eine Produktionsstatistik aufge- nommen wird, hat si<h im Jahre 1882 auf niht weniger als 83927136 F beziffert, während er 1881 nur 76528590 4, 1880 74481748 und 1879 70370522 m betrug. Der Hauptantkbeil an dieser heträhtlihen Zunahme ?ommt auf den Absatz in Deuishland, der von 28387940 A in 1881 auf 31898965 M in 1882, und auf den Absatz in außer- europüischen Ländern, der von 17 743 610 4 in 1881 auf 20 973 477 4 in 1832 gestiegen ist; daneben isl besonders bemerkenswerth die Er- höhung des Exports na< Frankreich von 4 800450 M in 1881 auf 6 730 206 in 1882. Sm Gegensaß hierzu ist der Cxport na England seit Jahren im Rückzange begriffen; von 26 433 820 4 im Jahre 1872 ist er allmähli<h auf 20960920 A in 1881 und 19 384 501 6 in 1882 gesunken. Die durschnittlihe Zahl der im Laufe des Iahres beschäftigten Webstühle (Meister, Gesellen und Lehrlinge) die im Jahre 1881 mit 32 126 einen Rückgang gegen die vorhergehenden Jahre aufwies, hat si< mit einem Schlage, der Ausdeznung der Produktion entsprecbend, auf 35 692 gehoben, wobei der Lowenantheil der Sammetfabrikation zugefallen ist; der Betrag v Löhne hat sich von 25 432 676 M auf 27 874 929 M erhégt.

Statistische Nachrichten.

Die Ergebnisse der Berufszählung in Preußen. (Stat. Corr.) Wie bereits in unserem ersten Artikel nahgewiesen wurde, waren am 5. Juni 1882 in der preußischen Monarchie in der gesammten berufsftatistishen Gruppe A. (Landwirthschaft, Gärt- n'rei, Thierzucht, Forsiwirth\<aft, Jagd und Fischerei) 3 462 268 wännliche und 1230 089 weiblihe Personen thätig.

Hierzu gesellen si< no< 12 376 männliche und 323 898 weib- e Dienstboten, welche häuslichen oder persönlichen Diensten oblie- gzn und also, wenn auch indirekt, in der genannten Gruppe erwerbs- chätig sind, so daß die Zahl der in dieser Gruppe erwerbsthätigen Personen auf 5028622 oder 43% der gesammten erwerbs- thätigen Bevölkerung ansteigt. Der in den Haushaltungen der Gruppe A. lebeaden, gar nicht oder nur nebensächli< erwerbsthätigen Personen wurden 2744000 unter 14 und 4131785 über 14 Jahr gezählt, fo daß die Gesammtzahl aller Personen der Gruppe A. si auf 11 904407 oder 43,6 9/9 der Staatsbevölkerung bezifferte.

Von den 4 692 348 in der nachgenannten Gruppe A. erwerhs- châtigen Personen waren 375834 davon 10520 in mehre als U Erwerbszweige in nachstehender Weise nebenerwerblich ihätig und zwar:

A. in der Land- und Forstwirth- m. w.

schaft, Gärtnerei, Thierzucht,

Jagd und Fischerei .. , . 100501 22 789 123 290 B. im Bergbau, Hüttenwesen, In-

dustrie und Bauwesen . . . 149586 8 940 158 526 C. îim Handel und Verkehr. . . 75467 7 627 83 094 D, in persönlichen. Diensten und

Lohnarbeit we<selnder Art . 1 577 927 2 504 E. in Militär, Hofe, bürger-

lichen, kirhli<hen Diensten und

in freren Beru 10011 429 18 940

zusammen (Recnungszahl) 345 642 40 712 386 354

Daß tie Landwirthschaft treibende Bevölkerung zum großen Theil in den übrizen Berufsarten der Gruppe A. und umgekehrt die in diesen Thätigen in der Landwirthschaft cinen Nebenerwerb zu er- zielen bemüht sind, ist theils dur< den gleicartigen Charakter, theils durch die meist enge wirthschaftliche Verbindung dieser Zweige der Urproduktion hinreichend erklärlih. Die starke Betheiligung der landwirthscaftliden Bevölkerung in der zweiten der obigen Gruppen

zusammen

| wird genügend dur< den Umstand motivirt, daß von den selbständigen

Betreibern der Landwirthschaft ein großer Theil sowohl auf dem Lande wie in den kleinen Städten Handwerke, als Ziegelei, Schmiede- arbeit, Stellmacherei, Malerei, Tischlerei, Müllerei, Bäckerei, Shläch- terei, Scbneiderei, Schuhmacherei u. dergl , selbständig als Neben- erwerb treiben. i

Die Vertheilung der in der Berufsgrupye A. thätigen Personen auf die cinzelnen Berufsarten ergicbt die nachfolgende Uebersicht. Ge gehörten Personen an:

der Gruppe m. w. zusammen 1) Landwirthschaft. . . . . 3364177 1224342 4588519 2) Kunst- und Handelsgärtnerei 32 869 3379 36 248 E, 1 109 17 1126 4) Forstwirthschaft und Jagd . 44 992 1 589 46 581 5) See- und Küstenfisherei . 9 002 461 9 463 6) Fischerei in Binnengewäfssern 10 119 292 10 411 zusammen . . 3462268 1230080 4692 348

Dienstboten für häusliche und

persönliche Bedienung . 12376 323898 336 274 Summe 3474644 1553978 5028 622

Von den unter Nr. 1 bis 6 aufgeführten Personen waren nah

ihrer Berufsstellung

Arbeiter bezw.

Selbständige Verwaltungë- im Gewerbe und un thätige

Geschäfts- Aufsfihts- Familienan-

leiter perfonal gehörige und

Dienende s 1 806 140 41 666 2740 713 2) Kunst- und Handels- E 10 255 1 954 24 039 N E 567 49 510 4) Fotrstwirthshaft und Jagd 1 795 11 120 33 666

5) See- und Küstenfischerei 6 257 39 3167 6) Fischerei in Binnen-

4 4 E 5 948 101 4 362

zusammen 1 830 962 54 929 2806 457

Ein großer Theil der selbständigen kleineren Landwirthe betreibt neben der Bewirthschaftung des eigenen Grundes und Bodens noch landwirthschaftlibde Tagelöhnerei als Nebenerwerb. Auch umgekehrt sind viele Tagelöhner, welche vorstehend bei Nr. 1 in der Zahl der Selbständigen mitenthalten sind, Inhaber kleiner landwirthschaftlicher Flächen, welche sie neben ihrem Hauptberufe bewirthshaften. Da diese kombinirte Thätigkeit sehr häufig vorkommt und für die wirth- \caftlihe Gruppirung der Landwirthschaft treibenden Bevölkerung wichtig ist, so mögen die entsprehenden zifernmäßigen Angaben in Ergänzung der obigen Uebersicht hier no< folgen.

Es wurden in Preußen am 5. Juni 1882 gezählt : selbständige Landwirthe, welche m. w. zuf,

zuglei<h landwirthschaftliche

Tagelöhner waren . . .. 40610 3 459 44 (069 landwirthschaftliche Tagelöhner,

wel<he im Nebenberufe zu-

zugleich selbständig Landwirth-

schaft trieben E

1) Landwirthschaft .

499 335 71 638 570 973 zusammen . ., 039 945 75 097 615 042

Nach Mitiheilung des Statistishen Amts der Stc.dt Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 6. Mai bis inkl, 12, Mai cr. zur Anmeldung gekommen: 354 Ehe- \licßungen, 848 Lebendgeborene, 30 Todtgeborene, 666 Sterbefälle.

Kunst, Wissenschaft und Literatur.

Von seiner schr vortheilhaft bekannten „Politischen Ge- \<i<te der Gegenwart" hat Professor Wilhelm Müller in Tübingen im Verlage von Julius Springer hierselbst jeut den XV1. Band, welcher die Geschichte des Jahres 1882 darstellt, er- scheinen ‘assen. Wir haben die Vorzüge dieses Werkes bereits bei dem Erscheinen der früheren Bände wiederholt hervorgehoben. Auch haben diese Arbriten des um die deutsche Geschichtschreibung wohlverdienten Verfassers in den sachverständigen Kreisen der Historiker wie in der Presse eine so anerkennende Aufnahme gefunden, daß es nur dieser wenigen Zeilen bedürfen wird, um unsere Leser auf diesen neuen Band des Müllershen Werkes aufmerksam zu machen.

Der Preis für den vorliegenden Band, dem wie seinen Vorgängern cine Chronik der Ereignisse des Jahres 1882 und cin alphabetishes Verzeichniß der hervorragenden Personen beigefügt ist, beträgt nur 4,20 M

Land- und Forftwirthschaft.

D?em „Jahresbericht des Großherzoglich badishen Ministeriums des Innern über seinen Geschäftskreis für die Jahre 1880 und 1881“ entnehmen wir über das landwirthsc<aftlihe Kreditwesen im Breßherzogthum Baden folgende Mittheilungen :

Der Befriedigung des Realkredits dienen die im Lande vor- handenen Hypothekenbanken, Vorschußkassen und Sparkassen ; nament- lib die leßteren, deren im Jahr 1879 110 gezählt wurden, sind es, welche bei hypothefarishen Anleihen der Landwirthe vielfah in An- spruch genommen werden. Neben diesen Banken und Kassen fänden fich dann in allen Landestheilen eine Anzahl gewerbêmäßiger Geld- verleiher, zu welchen nicht immer zu ihrem Vortheil nament- lich die kleineren Leute mit Vorliebe ihre Zuflucht nähmen, sei es aus Scheu, ihr momentanes Geldbedürfniß offenkundig werden zu lassen, sei es aus Bequem!ichkeit oder weil sie dur anderweite Geschäfte mit jenen Verleihern bereits in nähere Beziehung getreten seien. Die Ursachen der Inanspruchnahme des Realkredits lägen im Allgemeinen eben so offen zu Lage, als deren Ermittelung im Einzelnen \{hwierig sei. Wo bei Erbauseinanderseßungen nicht eine reale Vertheilung des elterlichen Liegenschaftsvermögens unter die Geschwister stattfinde, werde in den meisten Fällen der das bäuerliße Gut übernehmende Erbe von vornherein zur Avfnahwe einer Hypothek zur Übfindung seiner Geschwister si genöthigt sehen; die Annahme sei berechtigt, daß die Belastung des Besitzes mit solhen „Erbgleichstellungs- Geldern“ einen erhebliden Prozentsaß dec Gesammtbe- lastung darstelle. E fomme als zweiter Hauptfaktor bei der JInanspruhnahme des Realkredits der Zukauf von Liegenschaften hinzu, der, soweit er zur Arrondirung des vor- handenen Besißes diene, sicherli< zwe>mäßig sei, aber doch nicht selten die Erwerber, falls fie ni<t die neu erworbenen Liegenschaften mit paraten Mitteln baar zu bezahlen vermögen, hinterher in große Verlegenheiten seße. Habe man es bei Erbfällen der erstbesprochenen Art mit cinem wirklihen Versuldungs8zwang zu thun, der in der Bleicbere<htigung der Geschwister seinen Grund habe, so sei in leßterem Falle die Belastung eine freiwillige und sollte mit um so größerer Vorsiht gehandhabt werden, als sehr häufig der Ertrag der neuerworbenen Liegenschaften ni<ht hinreichen werde, um für Zins und Amortisation der {huldigen Kaufsumme Deckung zu bieten, zumal! wenn durch das starke Mitbietci der fauslustigen Bevölkerung die Kaufpreise auf eine den wahren Werth übersteigende Höhe hinaufgetrieben würden, wie vielfa wahrzunehmen sci. Nicht selten habe an und für si< wohlsituirte Klein- und Mittelbauern diese Kauf- und Vergrößerungslust, welche ohne richtige Abwägung der eigenen finanziellen Lage und des wirthscaftlihen Werths des Zukaufs sich Befriedigung zu oerschaffen suche, in starke ökonomische Bedrängniß versezt. Neben dem in der doppelten Weise zur Er- scheinung gelangenden Besißkredit spiele der Meliorationskredit unter der badishen Bevölkerung nur eine unerheblihe Nolle. Namentlih unter den klein- und mittelbäuerlihen Landwirthen pflegten die dur< landwirthschaftlihe Meliorationen verursachten Aufwendungen, da es si hierbei selten um erheblihe Summen han- dele, enlweder aus baaren Mitteln bestritten oder im Wege des Per- fonalkredits gede>kt zu werden. Wohl aber habe in den letzten Jahren zu einer weitern Jaanspruchnahme des Realkredits auch die ungürstige ökonomische Lage der Landwirthscaft geführt (Noth-Realkredit), sei

es, daß Schulden des Personalkredits, weil die Befriedigung der |

Gläubiger in der ausbedungenen Zeit nicht erfolgt sei oder die persôn- liche Sicherheit des Schuldners in den Augen der letzteren eine Min- derung erlitten hatte, hinterher mit hypothekarisher Sicherheit hâtte versehen werden müssen, sei es, daß in Folge des gesunkenen Kredits „Überhaupt von vornherein au<h für kurzfristige Darleihen reale Sicherheit dur Liegenschaftsverpfändung zu geben gewesen sei. Der Umfang der liegenschaftlichen Verschuldung der Landwirthe Ba-

dens handle es si nun hierbei um Inanspruchnahme des Besitz- und Meliorationskredits oder um sog. Nothshulden laffe sid aus den seither veröffentlichten statistis ben Nahweisen niht entnehmen, da in denselben ununterschieden der landwirthschaftliche, der gewerb- lie und ftädtishe Realitätenbesitß aufgeführt erscheine. Man könne daber aus den bisher ftatistis< ermittelten Daten, wonach z. B. die Belastung mit Pfandurkunden im Jahre 1879 einen Kapitalbetrag von rund 42000009 Æ# darstellte, gegenüber einem Betrage von 33 000000 A im Durchschnitt der Jahre 1868/77, nicht ohne Weiteres auf eine bedenklihe Zunahme gerade der Verschuldung des landwirthscaftlihen Besitzes schließen, wenn {on manche Anzeichen dafür sprächen, daß eine sol<e Zunahme in den leßte 10 Jahren eingetreten sei. Erhebungen darüber, ob und in welcher Weise eine \pezialisirtere Behandlung dieses Theils der Statistik ausführbar er- seine, seien am Schluß der Berichtsperiode eingeleitet worden, bätten aber bei den großen Schwierigkeiten, die dieser Materie sich entgegenstellten, ihren Abschluß ro< ni<t finden können.

Wenn eine Befriedigung des Realkredits in allen Theilen des Landes bei dem Vorhandensein der Eingangs aufgeführten Geld- institute uns{wer ermöglicht sei, so verhalte es sih nicht ganz fo günstig hinsichtlid des Personalkredits, und die Bemühungen des Ministeriums seien daher au< in*den letzten Jahren darauf gerichtet gewesen, unter Zuhülfnahme der landwirths<aftlihen Vereinsthätig- keit, in der Organisation des landwirthschaftlihen Personalkredits eine größere Vervollkommnung berbeizuführen. Eingehende Erhebungen darüber, ob und in wel<hem Umfange die badischen Landwirthe im Besiße der Betriebskapitalien , d. h. der für eine gute und erfolgreidbe Bewirthshaftung des Bodens néêthigen Summen (zur Anschaffung des Vichs, der A>erwerkzeuge, der Sämereien, der Düngmittel, der Vorräthe 2c.) ih befinden, habe er- geben, daß der weitaus die Mehrzahl der Grundbesitzer repräsentirende Kleinbesiß wohl zur Hälfte nur ganz ungenügend mit Betriebskapitalien ausgestattet und daher zu einer ständigen FIn- anspruchnahme seines Personalkredits genöthigt sei. Eine unbefangene Beurtheilung der Verhältnisse könne nun darüber nicht wohl in Zweifel laffen, daß die für den kleinen Handwerker- und Handelsstand geschaffenen Vorschußkassen, deren eiwas über 100 im Großherzogthum ih befänden, nibt ohne Weit:res auch den Bedürfnissen des land- wirthschaftlichen Gewerbes zu entsprechen vermöchten, da dem letzteren mit einem fkurzfristigen Kredite in der Regel nicht gedient sei und auch der übliche Zinsfuß der Vorschußkassen (6—79/9), der dur dic bei Prolongation beanspruchte P-ovision sih noch crhöhe, in der Negel die Darlehen für die Landwirth? viel zu theuer gestalte. Da ferner die Sparkassen, die früher von er bäuerliden Bevölkerung bei Auf- nahme von Schulden der genannten Art besonders stark in Anspruch genommen seien, in Folge des Gesetzes vom 9. April 1880 künftig- hin zu Darlehen gegen faustyfandlihe Siberung oder gegen Bürg- haft nur den kleineren Theil der Gesammtsumme ihrer Aktiv- aus\tände verwenden dürften, so sei in der That eine Lücke in der Organisation des Personalkredits vorhanden, welche baldthunlichst auszufüllen gesu<t werden müsse, da sonst die Gefahr vorhanden wäre, daß die bâuerlihe Bevölkerung mehr noch, als jeßt {hon der Fall, zu unreellen Geldvermittlern ihre Zuflubt nehme und damit dem Wucher verfiele. Diese Lü>ke würde sich no< fühlbarer machen, als thatfähli< der Fall sei, wenn richt in den leßten Jahren eine Anzahl Vorschußkassen in Bezirken mit vorwiegend ländlicher Bevölkerung in ihrer geschäftlihzn Orga- nisation dea konkreten Verhältnissen des landwirthschaftlichen (Ge- werbes mehr als fcühezr sih angepaßt hätte und in Bezug auf Dauer der Leihfrist, Höhe des Zinéfußes, Rückzahlungsmodus zu er- heblichen Einräumungen gescritten wäre; wenn ferner niht das Netz der Sparkassen ein sehr dihtes wäre, so daß troß der eingetretenen geseßlichen Beschränkungen das von denselben betriebene Darleihens8- ge[{üft thatsächlich in starken Dimensionen sich bewegen könne.

Das Ministerium sei be: Prüfurg der vorliegenden Verhältnisse zu der Ansicht gekommen, daß den spezifisden Bedürfnissen der Land- wirthschaft angepaßte Darlehenskassen mit örtlicher Begrenzung ihres Wirkungskreises, wie folhe in ander-n Ländern und namentlich in Rheinland und Hessen {on längere Zeit cine gedeihlihe Wirksamkeit entfalteten, au in Baden becufen sein möchten, auf dem beregten Gebiet Abhülfe zu schaffen, und es seien daher mit Erlaß vom 12. Januar 1880 die Landwirthschaftslehrer des Landes auf die Be- deutung solcher Kassen eindringli<h aufmerksam gemacht und ihnen anempfohlen worden, dur Rath und uaterstützendes Eingreifen das Zustandekommen fol<her Kassen in jeder Weise zu fördern.

Während die Darlehnskassen bekanntli<h mit den Vorschußkassen gemeinsam hätten, daß sie auf Solidarhajt der Mitglieder beruhende genossenschaftlide Vereinigungen s\eien, deren re<htli<e Verhältnisse das Reichsgeseß vom 4. Juli 1868 geordnet habe, unterschieden sich die ersteren von den lezteren ganz wesentli dadur, daß sie,

a. ihren Wirkungêkreis auf die politishe Gemeinde zu beshrän- ken pflegten, was den Vorzuz abe, daß der Kasse die ökonomischen Verhältnisse der Darleihsu®enden meist ganz genau bekannt seien, ïo daß der wirklih Kreditwürdige ras< und sicher auf Gewährung jeines Darleihbegehrens re<nen könne, während Kreditunwürdige un- berücksichtigt blieben, also Verluste niht wohl entstehen könnten;

b. daß keine Dividenden vertheilt, sondern die Geschäftsantheile der Mitglieder nur verzinst würden ;

c. daß eben deshalb Zinsen und Provisionen mögli} niedrig bemessen zu werden pflegten, der rein gemeinnüßige Charakter der Institution überhaupt nie aus dem Auge verloz-en werde;

d. daß Darlehen au< auf längere Zeit und mit im Voraus bestimmten Ratenzahlungêterminen gegeben würden; endlich

@, daß eine Vertheilung des Reservefonds bei Aufiösung der Kasje nicht zuçelassen, derselbe vielmehr von vornherein für gemein-

nützige Zwecke bestimmt werde.

Nicht selten seien Sparkassen mit diesen Darlehnskassen verbun- den und da fich ohnedies durh decen Bestehen Gelegenheit zur siche- ren Anlage parater Geldmittel gebe, ohne daß damit besondere Kosten und Umständlichkeiten verknüpft wären, so wirkten nabweis- lib die fraglichen Kassen au< dadur{< günstig, daß die unvortheil- hafte Gewohnheit der Landleute, baare Geldbestände zinslos aufzu- bewahren, in der Regel sehr bald der Neigung Plaß mache, auch die P Summe den Kassen als verzinslihes Depositum anzuver- rauen.

Im Laufe der Jahre 1880 und 1881 feien nun unter Mit- wirkung theils der Landwirthschaftslehrer, theils der landwirth- schaftlichen Vereinsdirektionen eine Anzahl solcher Darlehnskassen errichtet worden, wobei in Betreff der Statuten und der Rehnungs- führung im Wesentlichen diejenigen Einrichtungen Nachahmung ge- funden, welche bei den im Kreis Karlsruhe {hon seit einer längeren Reihe von Jahren bestehenden Kassen dieser Art eingeführt seien und sich erprobt hätten. Aus einer in einem Anhang gegebenen Statistik der fraglichen Kassen für 1880 ist die erfreuliche Thatsache eines ge- deihlichen Geschäftsganges bei einer niht unerheblichen Anzahl der- selben zu entnehmen.

Ganz erhebliche Vortheile könnten, bemerkt der Bericht weiter, der landwirthschaftlihen Bevölkerung auh dadur< zugeführt werden, wenn das Genossenschaftsprinzip über das Gebiet des Kreditwesens hinaus auch für den Bezug der für den Betrieb der Landwirtbschaft nöthigen Roh- und Hülfs\stoffe (Dünge- und Futtermittel, Saatgut, Kohlen 2c.) zur Anwendung gelangte (landwirthschaftliche Konsum- vereine). Die günstigen Erçebnisse, welhe mit solchen Organisationen in dem Nachbarland Hessen erzielt worden seien, ließen den Wunsch als berechtigt erscheinen, daß dieselben au<h im Großherzogthum Boden Wurzel fassen möchten. Es wird eine darauf bezügliche Auslafsung der Centcalstelle des landwirthschaftlihen Vereins in deren Rechenschafts- beriht von 1881 auszügli<h wiedergegeben :

_ „Wir sind überzeugt“, sagt dieselbe, „daß dur< solche genossen- schaftliche Einrichtungen den Landwirthen viele Tausende erhalten bleiben können, welche ihnen jeßt beim Einkauf von Bedarfsgegen- ständen oder beim Verkauf von Erzeugnissen verloren gehen. Wir erinnern beispielsweise nur an die Futternoth des Winters 1881/82 und die daraus vielfach entstandene Nothwendigkeit des Bezugs von Kraftfuttermitteln; wir hatten uns bemüht, billige und zuver-

lässige Bezugsquellen aufzusuchen. und solhe im „Wochenblatt“ bekannt gema<t, mußten aber wiederholt wahrnehmen, daß der einzelne fkleinere Landwirth beim Bezug des geringen Quantums, dessen er bedarf, auf viele Schwierigkeiten stößt und manches Opfer bringen muß, das ihm beim gerossenschaftlichen Bezug erspart bliebe. So z. B. hat im letzten Halbjahr 1880 der hessisbe Konsumvereinsverhand u. A. 10800 Ctr. Reismehl bester Qualität zu 5 Æ 40 & per Centner bezogen, während der sonstige Preis dafür 6 Æ 50 S bei gleiher Qualität betrug. Es wurden also son allein an diesem Bezug den Mitgliedern 11 800 A erspart ! In manchen Bezirken pflegen zwar die Direktionen der landwirthschaft- lien Bezirksvereine in der dankenswerthesten Weise die Vermittlung gemeinsamer Bezüge in die Hand zu nehmen ; die damit verbundene Mühe würde mehr Erfolg haben, wenn ia den einzelnen größeren Orten solche landwirthscaftlihen Konsumvereine beständen, ganz abgesehen von den vielen Fällen, wo es si<h um den Verkauf von Erzeugnissen handelt, den ja doch der Bezirksverein nit, wohl aber der Konsum- verein mit dem besten Erfolg besorgen kann.

Der Weg energischer Selbsthülfe dur< genossenschaftlihe Ein- rihtungen fann zur Abstellung mancher Mißstände und zur Erreichung verschiedener Vortheile führen, wo die Hülfe des Staates und der Gesetzgebung machtlos ist.“

Gewerbe und Handel.

Das Mai-Heft 17. Jahrgangs 1883 des periodishen Organs, welches das Ba yerishe Gewerbemuseum in Nürnberg unter dem Titel „Kunsi und Gewerbe, Zeitschrift zur Förderung deutscher Kunstindustrie*, publizirt (redigirt von Dr. Otto von Schorn, Dru> und Verlag von G. P. F. Bieling (G. Dietz) in Nürnberg, bringt eine weitere Fortsezung der Schilderung der altdeutscen Gläser in der Mustersammlung des Museums, von Carl Friedrich, worin diesmal die geschnittenen Gläser beschrieben und eine Kollektion solcher sowie ein prachtvoller ge\cnittener Prunkpokal in Abbildungen beigegeben werden. Jn diesem Heft gelangt ferner der interessante Beitrag zur Geschichte der Salzburger Weißgeschirr-Fabrikation, von Camillo Sitte, zum Abschluß, unter Beifügung von 3 Jllustra- tionen, darstellend \{<öne Muster von Riedenburger Majolikageschirr. Unter den Berichten aus Museen, Vereinen, Schulen, Ausstellungen finden wir einen im Arcitekten- und Jngenieurrerein zu München gehaltenen Vortrag von Professor A. Thiersch über die Mzurertechnik der Griehen und Römer, der für Architekten viel Interessantes ent- hält. Dann folgen, wie früher, tehnishe Rathschläge für die Werk- statt, literaris<he Mittheilungen und kleinere Nacbrichten, Was die illustrative Ausstattung des Hefts angeht, so bringt es außer den schon erwähnten und anderen Textabbildungen 3 Kunstbeilagen, dar- unter wieder (in vorzüglihem Farbendru> von F. Herr in Nürnberg) eine Anzahl jener reizenden Schmu>theile aus Gold und Email, nah Originalen der Sammlung des Kaisferlihen Museums in Wien; ferner den Entwurf zu einer Prunkyase, erfunden und ge- zeichnet von Professor C. Mell, sowie endlib eine Kollektion von Buchde>enverzierungen, gezeihnet von F. O. Schulze. Als Beilagen zu dem Maihest werden die Nummern 8 und 9 der „Mittheilungen“ des Bayerisben Gewerbemuseums mitausgege- ben, in welchen u. A. über die Neuerwerbungen des Museums be- ritet wird. Eine ganz besondere Vermehrung der Mittel und des Bestandes der Sammlungen der Anstalt wird derselben aus dem Ertrage der vorjährigen Nürnberger Landesausstellung zufließen. Die Abrechnung ergiebt nämlich einen Uebers{huß von rund 405 000 M Hierbei ist der Kunstpavillon und das Gewächshaus, welche vom Bayerischen Gewerbemuscum übernommen worden sind, der erstere zu 60 000 A und das leßtere zu 3000 G berechnet. Nah dem Pro- gramm der Ausstellung wird der Ueberschuß dem Bayerischen Gewerbe- museum überwiesen. Außerdem haben die Garantiefondszeichner bet Zurückzahlung der von ihnen bereits erlegten 59% der gezeichneten Summe noch 52000 # dem Gewerbemuseum zugewandt.

Nürnberg, 17, Mai. (Hopfenmarktbericht von Leopold Held.) Am Di?nstag, Mittwoch und heute wurden zusammen etwas über 150 Ballen Hopfen am Markte verkauft. Gefragt waren, wie früher, vornehmlic hellfarbige bessere Sorten in der Preiélage von 370 bis 385 #1, do< wurden au< einige kleine Posten gepa>te gelbliche Hopfen um 345 bis 355 A abgeseßt. Prima Polen erzielten bis zu 410 Æ Stimmung und Preisstand sind unverändert fest.

Hamburg, 18. Mai. (W. T. B.) Die hier tageade Ge- neralversammlung des Vereins deutscher Zuterfabri- kanten trat, nahdem der Vorsitzende Graf Hacke Mittheilungen üb:r den Stand der Zu>ersteuerfrage gemacht hatte, in voller Än- erkennung des Auftretens des Direktoriums des Vereins und in Er- wäcung der wohlwollenden Stellung, welche die Regierung zu dieser Frage genommen hat, gar nicht in die Diskussion der Zu>ersteuer- frage ein.

London, 17, Mai. (W. T. B) Bei der heutigen Wollauktion waren Preise für Kapwolle und Scoured Vließ ähnli wie am Schluß der leßten Auktion, Natal, Schweißwollen \<wächer.

Verkehrs-Anstalten.

Riga, 17. Mai. (W. T. B.) Das Handels8amt hat den beutigen Tag für die Eröffnung der Schiffahrt festgeseßt.

Bremen, 18. Mai. (W. T. B.) Der Dampfer des Norddeutschen Lloyd „Graf Bismar>* hat gestern auf der Ausreise St. Vincent passirt.

Hamdurg, 17, Mai. (W, T. B.) Der Postdampfer „Allemannia,* von der Hamburg-Amerikani] <henPa>et- fahrt-Aktien-Gesellschaft ift heute früh in Havre eingetroffen.

Lriest, 17. Mai. (W. L. B.) Der Lloyddampfer T Be ist heute Vormittag aus Konstantinopel hier ange- ommen.

Berlin, 18. Mai 1883.

Konsulatsberichte. Der-Absaz deutscher Jndustrieartik el.

Dunedin (Neu-Seeland), den 10, März 1883.

Es giebt nur wenige deutshe Jmportfirmen in Dunedin. Die Herren P. t s u. Co., Hallenstein u. Co. und Max Mendershausen sind die hauptsählihsten. Dieselben sind be- deutende Jmporteure deutscher Jndustrieartik.l und haben aus- gedehnte Verbindungen in Deutschland.

Mit diesen Ausnahmen sind die deutshen Kaufleute Detaillisten, deren Geschäfte sih darauf beschränken, den Be- darf hrer Kunden zu befriedigen, wobei die Bande der Na- tionalität nicht in Betracht kommen.

Es findet jedo ein größerer indirekter Jmport deutsher Jndustrieartikel statt, w?elher von den bedeutenderen Engros- geshäften dur<h Londoner Häuser vermittelt wird ünd welcher Weg billiger ist, als wenn der Jmport mit direkten Schiffen stattfände. Man kann niht dur die Straßen dieser Stadt gehen, ohne über die Menge deutscher Waaren, welche ihren Weg hierher gefunden haben und wel<he die Jmporte dieser Kolonien bedeutend anshwellen , erstaunt zu scin. Für einen direkten Handel mit Deutschland sehe ih vorläufig keine Aussicht. Jch bin jedo der Ansicht, daß die Dampfer welche von Hamburg segeln, viel dazu beitragen werben, die Nachfrage nah deutschen Jndustrieartikeln zu vergrößern und vielleiht den Weg bahnen für eine größere Konfumtion der- selben, nahdem sie den Konsumenten besser bekannt sind.

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