1883 / 125 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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denen der erste in Zugfront, der zweite in Compagniefront ausgeführt wurde. Die Garde-Jäger defilirten das zweite Mal im Laufschritt.

Der Aus\{uß des Bundesraths für Justizwesen, die vereinigten Aus\hüsse desselben für Justizwesen und für die Verfassung, sowie die vereinigten Aueschüsse für Handel und Verkehr und für Justizwesen hielten heute Sißungen.

Der Schlußbericht über die gestrige Sißung des Reichstages befindet sih in der Ersten Beilage.

Jn der heutigen (92.) Sizung des Reichstages, welcher niehrere Bevollmächtigte zum Bundesrath und Kom- missarien desselben beiwohnten, ertheilte der Präsident von Leveßow vor Eintritt in die Tagesordnung dem Abg. Dic (Hamburg) das Wort. Derselbe erklärte im Namen der fozialdemokratishen Partei, daß das Krankenkassen geseß niht den Anforderungen entsprehe, welche die arbeitenden Klassen an ein solches Geseh zu stellen berehtigt seien; dasselbe bedeute sogar in vielen Hinsilten ?ine Verschlehterung der bisherigen Lage der Arbeiter. Zu den unannehmbaren Be- stimmungen gehörten namentlich der Uus\{luß der ländlichen Arbeiter und die Beibehaltung der Fabrikkrankenkassen.

Der Abg. Dr. Reichensperger (Crefeld) wünschte, daß dieser Vorgang niht zu einem Präjudiz werde, so daß es üblich würde, mit solhen Reden auf atgeschlossene Diskussio- nen zurüdzukfommen.

Der Abg. Richter (Hagen) dankte dem Präsidenten dafür, daß er dem Abg. Diet gestattet habe, die gehörte Erklärung abzugeben ; das sei nur dasselbe, was der Minister von Scholz neulich gethan, und was einem Minister recht sei, das müsse einem Abgeordneten billig sein.

Der Abg. von Kardorff machte den Vorredner darauf aufmerksam, daß jowohl nacch der Verfassung wie nach der Geschäftsordnung zwischen einem Mitgliede des Bundesraths und einem Abgeordneten ein großer Unterschied sei.

Der Abg. Dr. Windthorst fand die h-utige Opposition des Aba. Richter sehr unglücklich.

Der Präsident von Leveßow erkiärte, daß er von dem ihm zustehenden Rechte, Abacordneten vor der Tagesordnung das Wort zu ertheilen, inimer Gebrauch gemacht habe, wo er geglaubt habe, daß dem betreffenden Abgeordneten an der Abgabe der Erkiärung viel gelegen sei, und daß dieselbe die Geschäfte des Hauses niht wescutlich aufhalten würde. Er glaube niŸt, daß er heute von der Praxis abgewichen sei, die er biéher unbeanstandet gehandhabt habe. Wie immer habe er ouch heute von dem FJnhalt der Erklärung Kenntniß ge- nommen, und er glauve, daß ohne die daran gefnüpften Bemerkungen die Angelegenheit keinen Aufenthalt verursacht haben würde. Er bitte, ihn in dieser seiner diskretionären Gewalt nicht zu beschränken.

Nach einigen weiteren Bemerkungen der Abzg. Richter (Hagen), Frhr. von Minnigerode und Dr. Reicher sperger (Crefeld) trat das Haus in die Tagesordnung ein. Erster Gegenstand derselben war die Gefsammtabstimmung über den Geseßentwurf, betr. die Krankenversicherung der Arbeiter.

Nach dem Antrage der Abgg. Grillenberger und Frhrn. von Minnigerode war dieselbe cine namentlihe. Das Gesetz wurde mit 216 gegen 99 Stimmen angenommen.

Hierauf setzte bei Schluß bcs Blattes das Haus dic dritte Berothung des Gesetzentwurfs, beir. die Abänderung der Gewerbeordnung, fort.

In der heutigen (73,) Sigung des Haujeë der Abgeordneten, welcher der Vize-Präsident des Staats- Ministeriums und Minister des Fnnern von Puttkamer, die Staats-Minister Dr. Lucius, Dr. Friedberg und von Scholz sowie zahlreiche Kommissarien beiwohnten, war erster Gegen- stand der Tagesordnung: die zweite Berathung des Geseß- entwurfs zur Abänderung des Gesezes, betr, die Landes- bank von Wiesbaden vom 25. Dezember 1869.

Der Referent Abg. Spahn ersuhte um Annah.ne des Geseßentwurfs ; die Kommission habe denselben nicht verändert bs ihm nur etwas hinzugefügt, nämlih zum §. 29 folgenden

aß:

O Ankauf und cessionsweise Uebernahme ausstehender Geld- forderungen für verkaufte oder versteigerte, im kommunalständischen Bezirke belegene Immobilien, sofern diese Forderungen ierminsiweis binnen längstens fünf Jahren fällig werden und hypothekarish oder durch Eigenthumsvorbehali an den veräußerten Jumobilien ge- sichert find, mit der Maßgabe, daß, wenn und so lange das für den Ausstand bestellte Pfand nicht doppelte Sicherheit (Y. 10) ge- währt, zur Ergänzung der leßteren weitere Sicherheit durch aus- reihende Bürgschaft geleistet werden muß. :

Der Abg. Wirth erklärte, daß dieser hinzugesügte Absaß auf einem von ihm gestellten Antrag beruhe, er glaube nicht, daß derselbe einer weiteren Begründung bedürfe.

Der Regierungskommissar Geheime ber - Regie- rungs - Rath Dr. Forch wandte sich gegen diesen Zusaß. Derselbe durhbre{che das Prinzip, welches dem altländishen Sparkassenverkehr und dem Nassauischen Bank- geseß von 1869 zu Grunde liege, daß nämlih ein längerer Kredit nur bei vollständiger realer Sicherheit gewöhrt werde ; ein Personalkredit dagegen nuc auf kurze Fristen. Ein ge- nügender Grund zu einer so gefährlihen Neuerung sei über- haupt nicht gefunden.

Der Abg. Wirth vertheidigte den Zusay zu §. 29, oen die Kommission einstimmig angenommen, und dessen Wir- kungen durchaus keine Gefahr in sich trügen. Die Bedenken des Kommissars schienen ihm mehr formaler Natur zu sein.

Der Vize-Präsident des Stauts-Ministeriuums und Minister des Jnnern von Puttkamer erkiärte, daß der Vorredner irre, wenn er glaube, daß die Bedenken der Regierung gegen den fraglihen Zusay rein formeller oder bureaukratischer Natur seien. Die Vorlage bewcije, daß es sich lediglich um das Jnteresse handele, dem Bezirk Wiesbaden eine Quelle des Kredits wieder zu eröffnen, welche aus bekannten Gründen aufgehört habe. Nichts liege der Regierung, ferner, als etwa ein Mangel an Wohlwollen für die Fnter- ejjen der Landwirthschaft. Das alte preußishe Spar- kassengesep von 1838 sorge in strenger Weise dafür, die Sparkassen gegen die Gefahren zu sihern, welche aus dem Kreditgeben entstehen könnten. Würde der Antrag angenommen, müsse die Negierung cine Exemplifi- zirung auf di? andern preußischen Provinzen fürhten. Sie würde dann dem Andrängen derselben A Relaxationen der strengen Vorschriften des Geseßes von 1838 niht mehr wider- stehen Tönnen;, es würden damit die Schleusen geöffnet, und ein Danmbruch verursaht, der die ernstesten Gefahren für das ganze Sparkassenwesen mit sich führen würde. Die Sicherheiten, welche die Wirthsche Neuerung böten, seien

durchaus unzureichend. Aus allen diesen Gründen müsse er es dem Hause anheim geben, ob es sich dem Vorschlage der Kommission anschließen wolle.

Der Abg. von Rauchhaupt beantragte, hinter dem Worte „Bürgschaft“ auf der vorleßten Zeile die Klammer einzu- schalten : „confer. 1e.“ Dieser Zusaß sei geeignet, sowohl die Bedenken der Regierung zu zerstreuen, als auch die Nafsauishe Sparkasßsenbank zufrieden zu stellen.

Nach einigen weiteren Ausführungen der Abgg. Knebel, Wirth und Dr. Wagncr wurde der Antrag Rauchhaupt ab- gelehnt, der Zusaß zu §. 29 und der Rest des Gesehes sodann ohne Debatte unverändert genehmigt.

Es folgte die zweite Berathung des Gesetzentwurfs, be- treffend das Staatsschuldbuch.

8. 1 lautet:

„Schuldverschreibungen der vierprozentigen konsolidirten An- leihe können in Buchschulder des Staats auf den Namen cines bestimmten Gläubigers umgewandelt werden.“

Nachdem der Reserent Abg. Frande die Kommissions- beschlüsse empfohlen, führte der Abg. Beisert aus, daß er ver- schiedene von ihm in der ersten Lesung geäußerte Bedenken in der Kommission durch Anträge zu beseitigen versucht habe, namentlih wünsche er die Ausgabe von Namenspapieren. Diese Anträge seien leider sämmtlich abgelehnt worden.

Der Abg. von Nauchhaupt sprah mehrere Bedenken gegen den Geseßentwurf aus, namentlich in Bezug auf die Kost- spieligkeit der Eintragung in tas Staatsschuldbuch.

Der Finanz Minister von Scholz erklärte, daß der Ent- wurf nicht von der Regierung in der Absicht eingebracht sei, um etwa den Staatskredit zu heben. Nicht um ein FJnteresse des Staates handele es sich hier, sondern um ein Entgegen- kommen gegen hier im Hause laut gewordenen Wünsche. Das Amendement, welchcs die Kostentragung durch die Fntcressenten beseitigen wolle, verstehe ex nicht. Der Gesetzentwurf bezwecke nur die möglichst große Sicherheit dcrjenigen Staatsgläubiger, welche von der neuen Einrichtung Gebrauh machen wollten. Aber den klcinen Kapitalisten dürfe diese Sicherheit niht auf Kosten der Steuerzahler gewährt werden.

Der Abg. Dr. Wagner führte aus, daß diese Angelegen- heit vom gesammten volkswirthschaftlihen Standpunkt aus betrachtet werden müsse. Der gegenwärtige Staatsschuld- Zinsfuß von 4 Pro:. müsse noch weiter heruntergesezt werden. Dies wäre volkswirthschaftlich ein großer Fortschritt, und “würde die internationale Konkurrenz erleichtern. Die hier in Aussiht genommenen Gebühren seien aber namentlich für die kleinen Kapitale zu hoh, um die Ein- rihtung des Staatsschuldbuchs beliett zu machen.

Der Finanz-Viinister von Scholz entgegnete, daß er dem Vorredner gern die Ermößigung der Gebühren zugestz:hen würde, wenn er die Sicherheit hätt», daß durch die Einrichtung des Staatsschuldbuchs die Verzinsung der Staatsschuld sich um ein Zehntrel, ja auh nur ein Zwanzigstel billiger stellen würve, Es fei eben ein Experiment, aber dies Erxvyeriment dürfe nicht auf Kosten des Fiskus gemacht werden.

Der Abg. Frhr. von Zedliß und Neukirch befiritt die Behauptung des Abg. Wagner bez. des unmittelbaren Zusanmenhanges zwischen den Gebüh:en und der Zinshöhe der Staatsschuld.

Der Abg. Dr, Wagner kam nochmals auf seine Aus- führung. n zurü.

Hierauf {loß die „Debatte. 8. 1 wurde unverändert angenomnien.

Hierauf vertagte siG um 12 Uhr das Haus auf Freitag 9 Uhr.

—— Der Bevollmächtigte zum Bundesrath, Bürgcrmeister der freien Hansestadt Wremen, Dr. Gildemeister, is hier angekommen.

Dér General-Fnspecteur der Artillerie, General-Lieu- tenant von Voigts-Rhet, hat fh behufs der Besidtigung der Fuß-Artillerie-Negimenter Nr. 3, 4 und 8 auf den Schieß- pläßen bei Darmstadt, Wahn und Wesel auf Dienstreisen be- geben.

Bromberg, 30. Mai, (W. T. B.) Heute Abend fand hierselbst in Gegenwart des Ober-Präsidenten von Günter und des Regierungs- Präsidenten von Tiedemann die Ervff- nung des Provinzialvereins der Gustav-Adolf- Stiftung statt. Konsistorial-Nath Taube und Ober-Vürger- meister Bachmann begrüßten die Versammlung, in deren Namen Konsistorial-Präsident von der Gröben dankte.

Elsaß-Lothringen. Stcaßb-irg, 29. Mai. (Elf.-Lothr. Ztg.) Jn seinem, die Schulreform vetreffenden Erlaß vom 11, April 1882 hatte der Statthalter oersfügt, daß der vom Ober-Schulrath auf Grund des ärztlihen Gutachtens aur.8zu- arbeiter.de Entwurf zu neuen Regulativen 2c. einer ad hoc ¿u berusenden, aus hervorragenden Männern des Le.ndes bestehenden Kommission vorgelegt werde, in welher si ir 8besondere befinden sollten

a, die Bischöfe von Straßburg und Mey, þ. Geistliche der beiden protestaritishen Konfessionen, e. ein Mitglied eines der dret isrgelitishen Konsistorien, d. einige Professoren der Kaiser:Wilhelmê-Universität Straßburg, e. eine entsprechende Anzahl weder im unmittelbaren Landesdienste noh im öffent- lihen Lehramte stehender Landesangehöriger.

Diese Kommission ist am 28. d. M, zusammengetreten und hat, unter dem Vorsiß des Kaiserlichen Staatesekretärs, die ihr vorgelegten Entwürfe

eines neuen Regutativs für die höheren Schulen in

Elsaß Lothringen,

ciner „Ordnung der Lehraufgaben der höheren Schulen

und der Vertheilung der Leh: stunven““,

einer „Ordnung der Ferien für die höheren Schulen““,

einer „Ordnung der Reifeprüfung an den Gymnasien“',

einer „Ordnung der Reifeprüsung an ten Realsd;ulen““, der Prüfung namentlich vom allgemein ethishen und prakiischen Slandpunkie aus unterzogen. Die Mitglieder des Ober-Schulraths roohnten den Sißungen behufs Ertheilung von Auskunst bei.

Belgien. Brüssei, 30. Mai. (W. T. B.) Der Finanz-Minister brachte in der Kammer 5 Finanz- geseßentwürfe ein, in welhen Maßregeln zur Befrie- digung der Bedürfnisse des Staats|haßes vorgeschlagen werden. Dec erste Entwurf legt eine Steuer auf die beweglichen Werthe und die Wechsel-Operationen; der zweite enthält Abänderuvngen der Gesebe über die Personalbesteueruüng; in dem dritten wird eine Erhöhung der Abgaven von Branntwein, in derz vierten eine Erhöhung der Taba ck-

steuer, in dem fürften die Erhöhung eines Eingan gs- zolles auf Kaffee, Cacao und Weinessig vorgeshlagen. Die vorgeschlagenen Eingangszölle betragen für ungerösteten Kaffee bis zu 30 Fres. pro 100 kg, für nicht fabrizirte Tabacke bis 100 Frcs. pro 100 kg, für Cigarren und Cigaretten 300 Frcs. und die Eingangszöóle auf fremde Branntweine 100 Frces.

830. Mai. (W. T. B.) Die von dem Finanz-Mi- nister vorgeschlagenen neuen Steuern und Steuer- erhöhungen werden anshlagsmäßig einen dem Budget- Defizit entsprehenden Betrag von 22 300 000 Fr. ergeben. Der Finanz-Ministcr brachte 1n der Kammer noch einen wei- teren Geseßentwurf ein, wonach die Regierung ermächtigt wérden soll, die neuen Steuern sofort proviforisch zur Er- hebung zu bringen, um etwaigen Manövern von Spekulanten vorzubeugen. Der Ceutralauss{huß der Kammer nahm diesen Entwurf mit 5 gegen 2 Stimmen an.

_ Fcankreih. Paris, 30. Mai. (W. T. B.) Die an der heutigen Börse verbreiteten Gerüchte von der Demission des Marine-Minisiers Brun sowie von der Nieder- meyelung der Garnison von Hanoi werden von der „Agence Havas“ als unbegründet bezeihnet. Ebenso unrichtig sei es, daß der Ministerrath gestern über einen neuen Kredit für die Expedition nach Tonkin berathen habe. Nachrichten aus Gorea, vom 19. Mai, welche bei Schiffs- rhedern in Bordeaux eingegangen sind, erwähnen nichts von den alarmizenden Gerüchten über die Lage des Oberiten Desbordes; nach einer Privatdepesche ist der Dberst Anfangs dieses Monats in Kila angekommen. Nach der „France“ sollen Transportdampfer nach Algier gehen, um da- selbst Truppen für Tonkin cinzuschiffen.

Die Kommission der Deputirtenkammer für die Vorberathung der Regierungsvorlage, betreffend das Tonkordat, hielt heute eine Sizung. Entgegen der Ansicht der Negierung hält die Kommission alle Artikel des Bertschen Entwurfs aufreht, nanentlich die vollständige Aufhebung der Seminarstipendien, die Aufhebung der freien Wohnungen der Bischöfe und den Nückfall der gegenwärtig im Besiß der Kon- gregation befindlihen Liegenschaften an den Staat. Aus- genommen sind die von den Ministern des Aeußern und der Marine empfohlenen Kongregationen. Die Kommission spricht sich gleichfalls für das Recht der Regierung aus, die Bezüge der Geistlichen zu suspendiren, und zwar bis zur Dauer cines «Fahres.

Spanien. Madrid, 30, Mai. (W. T. B) Bei der heutigen Eröffnung der mineralogishen Aus- stellung, welcher der König und die Königin von Spanien mit dem König und der Königin von Portugal beiwohnten, hielt König Alphons eine Rede, in welcher er saate: Spanien und Portugal würden stets zusammengehen; der einzig mögliche Kampf unter ihnen sei der friedliche Wettstreit der Fndustrien. Beide Nationen seien Schwestern. Die Rede wurde mit den Rufen: „es lebe Spanien, es lebe Portugal!“ aufgenommen.

31. Mai. (W. T. B.) Die Verhandlungen zwischen Spanien und Portugal über einen Han- delsvertrag haben auf dem Wege gegenseitiger Zugestänt- nisse zur Feslstelung der Grundlagen geführt. Ein Protokoll, welches die Hauptpunkte des abzuschließenden Vertrages regelt, ist festgestellt. Der König von Portugal is in dieser Nacht nah Lissabon abgereist.

Jtalien, Nom, 20 Mai (W L) l oer heutigen Sißzung der Deputirtenkammer zeigte der Minister-Präsident Depretis die Lösung der Minister- krisis an, wobei er hervorhob: die Negierung werde streng an den politischen Grundsäßen festhalten, welche sie vor den allgemeinen Wahlen kundgegeben und im Parlament bekräf- tigt habe. Der Minister des Aeußern, Mancini, legte den mit Deutschland abgeschlossenen Han bels- vertrag vor und verlangte die Dringlichkeit sür dessen Be- rathung.

Die wegen der Ruhestörung auf der Piazza Sciarra Angeklagten sind bis auf Ferrari, Tondi und Passera freigesprochen worden. Ersterer wurde wegen Aufreizung ¡um Aufruhr, die beiden Leßteren wegen Preßvergehen zu je einjährigem Gefängniß und 500 Lire Geldstrafe ver- urtheilt.

KNumcinien. Bukarest, 30. Mai. (W. T. B.) Auf Ersuchen der Kammermajorität behält Rosetti das Präs sidiuim. Der Minister-Präsident Trikupis beantragte bei der Kammer, während der Ausarbeitung der Ver- fassungsre vision einige anderc dringende Vorlagen zu erledigen.

NusSland und Polen. St. Petersburg, 30. Mai, (W. T. B.) Der heutige „Regierungs - Anzeiger“ ver- öffentlicht eine weitere Liste von Auszeihnungen. Jn derselben ist die Verleihung von Orden und Titeln an eine größere Anzahl von Würdenträgern der luthecishen und ka- tholischen Kirche besonders bemerkenswerth. So erhielten: der lutherishe Bischof Richter den Weißen Adler - Orden, der ka- tholishe Metropolit, Erzbishof von Mohilew, Gintowt, und der Warschauer Erzbischof Popiel den Annen-Orden 1. Klasse, der Moskauer lutherishe Oberpastor Dickhoff dviefelbe Klasse des Stanislaus-Ordens; dec Präsident des Warschauer Kon- sistoriuums Augsburger Konfession, Ewert, die Bischosswürde. Der „Regierungs-Anzeiger“ verkündet ferner eine Reihe von Ordensverleihungen an Großindustrielle, wegen ihrer Verdienste um den Handel und die Judustrie Rußlands ; es befinden si darunter viele deutsche, sowie etlihe österreichische, englische und französische Unterthanen.

Moskau, 30. Mai, Nachmittags 3 Uhr 30 Minuten. (W. T. B.) Bei der heute Mittag im Andreassaale des Kremlpalastes fortgeseßten Beglückwünschungscour nahmen der Kaiser und die Kaiserin die Huldigungen der Ehrendamen und Ehrenfräuleins der Kaiserin und der Groß- fürstinnen, der Damen der ersten sechs Rangklassen sowie der Gemahlinnen und Töchter des erblihen Adels entgegen.

| Heute Abend findet eine Gala vorstellung im Theater statt, | bei welcher ein „Nacht und Tag“ betiteltes Ballet und ein } Akt aus der Oper „Das Leben für den Czaren“ zur Auffüh-

cung gelangen.

Der Kaiser stattete heute Nachmittag gegen halb drei Uhr dem Prinzen Albrecht von Preußen anläßlich des Hinscheidens seiner Mutter, der Prinzessin Ma- rianne der Niederlande, cinen längeren Kondolenz- hesuch ab. Jn Begleitung bes Kaisers, der den Weg im offenen Wagen und ohne Eskorte zurückgelegt hatte, befand sich der Großfürst Alexius. Der Kaiser trug die Uniform seines

preußiscen Kaiser Alexander Garde-Grenadier-Regiments Nr. 1. Nach fast halbstündigem Aufenthalt verabschiedete sih der Kaiser in herzlichster Weise von dem Prinzen, der heute Abend 11 Uhr Moskau verläßt. Jm Laufe des heutigen Vormittags hatte Prinz Albrecht den unter Führung des deutschen Konsuls erschienenen Vorstand des hiesigen Vereins deutsher Reichs- angehöriger empfangen.

31. Mai, früh 1 Uhr. ({W. T. B.) Die gestrige Galavorstellung im Theater nahm einen äußerst glän- zenden Verlauf. Der Eindruck, den der aufs Prachtvollste er- leuhtete Saal und die darin versammelte glänzende Gefsell- \chaft machte, war cin wahrhaft großartiger. Jm Parterre hatten die Minister, die Generalität und die hohen Würdenträger Plah ge- nommen. Als der Kaiser und die Kaiserin um 71/5 Uhr in der Kaiserlichen Loge erschienen, erhob sih die Versammlung und begrüßte die Majesiäten mit enthusiastishen und fort- geseßten Hochrufen. Der Kaiser und die Kaiserin, welche das Band des St. Andreas-Ordens angelegt hatten, nahmen im Vordergrunde der Loge Plaß ; denselben zur Seite ließen sih die Königin von Griechenland, die Erzherzogin Karl Ludwig von Oesterreich und die Großfürstinnen Wladimir und Konstantin nieder. Fn der über der Kaiserlichen gele- genen Loge hatte der Herzog von Aofia und die übrigen Großfürsten Plaß genommen. Der Großfürst-Thronfolger befand fich in der einen Seitenloge der Kaiserlihen mit dem Herzog von Edinburg, in russisher Admiralsuniform ; in der anderen Seitenloge saßen die Herzogin von Edinburg, die Großfürstin Michael und die Großherzogin von Mecklenburg-:Strelig. Die an- deren hi-r anwesenden Fürstlichkeiten hatten in den Proszeniums- logen Plaß genommen. Die Mitglieder der Gesandtschasten befanden si in den Logen des ersten Ranges. Der Botschaster von Schweiniß trug den Großkordon des Alexander-Newsky- Ordens. Als der Kaiser und die Kaiserin sich während der Vorstellung auf einige Zeit zurückgezogen hatten und dann wieder erschienen, wurden dieselben abermals mit stürmischen Zurufen begrüßt; die Versammlung stimmte die National- hymne an, welche die Majestäten, an der Brüstunz der Loae stehend, mit anhörten. Der Kaiser und die Kaiserin veziließen den Saal gleichfalls unter den enthusiastishen Hochrufen der Versammlung.

81, Mai. (W. T. B.) Se. Königliche Hoheit der Prinz Albreht von Preußen hat Moskau gestern Ahend 11 Uhc verlassen. Heute findet die Uebertragung der Kaiserlichen Regalien aus dem Thronsaal in die RNüstkammerx und dann in der Granowitaja Palata cin Fest- banket für die Geistlichkeit und die Mitglieder beiderlei Ge- \{chlechis der ersien zwei Rangklassen statt. Am Abend ver- anstaltet der Moskauer Adel einen Ball.

Warschau, 31. Mai. (W. T. B) Der Genexral- aouverneur von Warschau, General Albedinsky, ist heute Morgen 8 Uhr gestorben.

Amerika. New-York, 30 Mai. (W. T. B.) Als heute Nachmittag sih eine große Menschenmenge auf der kürz- lih dem Vertchr übergebenen neuen Brücke zwischen Brooklyn und New-York befand, entsland auf den Nuf: „Die Brüde fällt“ eine panifartige Verwirrung, in welcher mehrere Personen umgekommen und Viele niedergetreten und verleßt worden sind.

-— 31. Mai. (W. T. B.) Bei der durch den falschen Lärm über das Einbrechen der neuen Brücke zwischen hier und Brooklyn entstandenen panikartigen Verwirrung haben, wie weiter verlautet, 12 Personen das Leben eingebüßt und sind 26 andere mehr oder weniger {wer verleßt worden.

Zeitungsstimmen.

Zn Nr. 30 dec Zeitschrift „Politische Gesellschaft s- blätter“ befand sih unter dem Titel „Zölle und Zahlen“ ein Artikel, dessen Fahalt sich, im Gegensaß zu den bisher von ver genannten Zeitschrift vertretenen Prinzipien als „Eine De- duktion der manchesterlihen Grundsäße mit philanthropischen Redensarten“ darstellte. Jn dem 31. Hest der „Politischen Ge- sellschaftsblätter“ veröffentliczt nun die Redbaktion derselben die vorbehaltene Erwiderung auf jenen Artikel, welchem wir fol- gende Stellen entnehmen :

Der angebliche Grund der {lehteren Qualität des deutschen Getreides ist aber auch nicht der einzige, ja nicht einmal der Haupt- grund, r»eshalb die Großhändler den Bezug fremden Getreides oder Mehles dem Einkauf der heimischen Früchte vorziehen. Das Haupt- motiv ist vielmehr, daß sie ungenirter und besser mit den aus dem Auslande bezogenen Produkten spekuliren können, denn 1) sind die erzielten Gewinne weniger kontrolirbar und 2) ist die Spekulation für denjenigen, der über große Kapitalien verfügt, eine viel leichtere. Der Einkauf im Jrlande dagegen ist mit manchen Schwierigieiten, besonders aber mit Bekämpfung leicht entstehender Konkurrcnz verbunden. „…. Die büaudigste Widerlegung der Behauptung, daß die höhercn Ge- treidepreise die Ursache der Vertheuerung des Brodes seien, dürfte nachstehender Auszug aus einer Tabelle geben, welcher ciner klcinen Arbeit entnommen ist, die im Jahre 1879 auch in der „Deutschen Landes-Zeitung" abgedruckt wurde:

Durchschnittspreis Geftiegen Verkaufs- von in Produkt (Einheit. 1842-—1852, 1870—1878. Prozenten. b, P Á. S Korn 1 kg 132/5 16¿ 222 Brod T « 16 O7 682 Differenz 46 °%/0.

Auvs vorstehenden Auszug geht klar hervor, daß die übermäßige Vertheuerung des Brodes nicht in den böheren Getreidepreisen ihren Grund hat, und daß also eine weitere Steigerung der Getreidepreise, wie sie durch eine etwaige Erhöhung der Fornzölle hervorgerufen werden könnte, nichi auc als nothwendige Folge eine Steigerung der Brodpreise haben müsse. Obige Berechnung beweist aber auch ferner, daß der Zwischenhandel in Folge der mit dem Korn- oder Mehl- handel verbundenen Spekulation die Hauptdifferenz zwischen dem NRoh- und veredelten Produkt einsteckt

Der Verfasser des Artikels fährt nun aber, nahdem cer diesen Gegenstauo erschöpfend besprochen zu haben glaubt, mit den Worten fort: „Für die Gewerke ergicbt si cin ähnliches Resultat.“ Wir wollen ihm ausnahmsweise dies glauben und seinen uns un- klaren Ausführungen nit weiter folgen. Dieselben werden wohl ganz ähnli de- jenigen über Kornzölle d. h. unrichtig sein. Nur auf einige Grundirrthümer möchten wir ihn noch aufmerksam machen, deren Widerlegung uns doch zu wichtig erscheint.

1) behauptet der Artikel, daß wic den augenblicklich nicht zu leug- nenden Aufschwung, den die Industrie genommen hat lediglich dem über- ras{enden Aufblühen Amerikas zu verdanken haben, er übersieht aber, daß dicses Aufblühen nicht erst in den letzten Jahren, fondern {on vor der Nücikehr Deutschlands zum Schußzzoll begonnen, wir aber vor der Einführung der Zölle von der segensreihen Wirkung desselben nihts gemerkt hatten. Uebrigens zeigt das Bekenntniß, daß ihn dieses Aufblühen überraschte, von einer ziemliben Unkennt- niß wirthschaftlicher Verhältnisse, da eine Reihe von Männern wohl

nicht dadurch überras{t worden sind. Auch \{eint er die Gründe dieses Aufblühens zu ignoriren, denn sonst würde er nicht gerade in einem Artikel, welder das Schutzollsystem bekämpfen soll, darauf hinweisen. Amerika, verdankt ja seinen großartigen wirth- scaftlicen Aufschwung lediglib dem mit echt amerika- nischer Energie gefaßten Entsck&luß, die heimishe Pro- duktion dur bohe Schutzzölle zu büßen; dabei führte es freilih fo hohe Zölle ein, daß es fast Probibitivzölle wurden, deshalb au der rasche Erfolg. Doch sind wir weit davon entfernt, der deutschen Reichsregierung daraus einen Vorwurf maden zu wollen, daß fie nicht aub so hobe Zollsätze beantragt, da wir recht gut wissen, daß sie dieselben im Reichstage gar nicht durbgeseßt haben würde. Der Grund hiervon liegt in der Natur des Deutschen, welcher stets auf FMOtUR herumreîtet, während der Amerikaner durchaus prak- E 4

Den größten Jrrthum begeht der Herc Verfasser aber darin, daß ec die Interessen der verschiedenen Produktivstände als einander gegen- überstehend betrachtet, während doch das Wohlergehen des einen dur das des andern bedingt ift.

Wie kann man sich z. B. eine blühente Industrie denken, wenn die ackerbautreibende Bevölkerung und die Handwerker si in einer Nothlage befinden, und deshalb nit im Stande sind, die Erzeugnisse der Industrie zu kaufen. Eine lediglih für den Erport arbeitende Industrie ist doch nicht gut denkbar, auch würde sie ja jeder sicheren Grundlage entbehren, da sie bei jeder politishen Komplikation dem Ruin anheimfallen würde. Aehnlich verhält es \sih mit dem Hand- werk. Wenn es dem übrigen Theil der Bevölkerung \{lecht geht, dann kann aub das Handwerk nicht prosperiren, denn es fehlt für seine Erzeugnisse die Nachfrage. In ciner etwas günstigeren Lage be- findet sich freilih die ackerbautreibende Bevölkerung, denn sie erzeugt Gegenstände, die kein Mensch entbehren kann . weil sie zum täglichen Unterhalt nöthig find. Dieser günstigere Standpunkt ift aber auch ein sehr beschränkter, da es auch für die Landwirthschaft einen großen Unterschicd macht, ob die anderen Produktivstände sich nur auf den u des Nothwendigsten beschränken müssen oder ob sie reichlich taufen.

Es ift de8halb vollständig falsch, wenn man die Interessen des einen Produktivstandes denen des anderen gegenüber stellt. Was der eine dringend zu scinem Wohlergehen bedarf, kommt auch dem anderen U aue,

Die „Kaufmännischen Blätter“, Fahshrift für den gesammten Kaufmannsstand und für die Fnteressen, dec Handlungsgehülfen (Herausgeber: Georg Hiller in Leipzig), schreiben in ihrer Wochenschau :

Unsere Leser wissen, taß Freimuth uns nie gefehlt hat und daß wir eher für das Ausschneiten von Eiterbeulen sind, anstatt di-fe mit Scbönheitspflästerhen zu bekleben. Wir nehmen deshalb auch keinen Anstoß und wir wissen, daß alle unsere intelligenten und weiter- blickenden Kollegen hinter uns stehen hier zu erklären, daß wir das Krankenversicherungs-G-set deéhalb um fo freudiger willkommen heißen, weil es einen gewissen Zwang auch auf die Handlungs- achten aub und Dée Dau verantaßr wer, NO einer Krankenkasse anschließen zu müssen. Ferner aber, weil das Gese das Gute hat, daß die Handlunesgehülfen endli einmal insgesammt von Staatswegen darauf auf- merksam gemacht werden, daß sie nit außerhalb der großen sozialen Bewegung stehen, soudern, daß auch sie ein Glied în der Kette bilden, die gemecinhin soziale Frage genannt wird. Alle diejenigen -— und es find ihrer die Mehrzahl in unserem Stande, nur ein kleines Häuflein ist anderer Ansicht, welche sich auf dem Piedestal der Unduldsam- keit in Vezug auf das gemeinsame Interesse, welche alle Kauf- leute, Prinzipale oder Gehülfen, haben, so woßl befinden, alle die, welche meinen, daß ihnen das Bestreben der anderen nichts an- gehe, daß sie, jeder für fich allein, die Welt nach ihrer Idee lenken, alle die find vom Gesetzgeber recht unsanft in die Seite gestoßen worden und ihnen die Nichtigkeit ihrer Anschauung durch einen kleinen Gesetzesparagraphen vor die Augen geführt worden. Jeder, weß Standes er auch sei, hat für das Wohl seines Standes zu arbeiten und die Interessen desselben zu fördern und darf uicht im Gefühl einer erdichteten, eingebildeten Würde sich vom Streben der All- gemeinheit abwenven Und deshalb freuen wir uns, daß es fo mit der Krankenversicherung gekomnien ist und daß die Denen Odd De Ua Werden wel Die Lethargie, diesen Sumpf und Ablagerungsstätte aller Fäulniß alias Faulhcit im D:nken und Handeln, aus dem gesammten Kauf- mannsstande hcrausblasen und uns die frische Luft des gemcinsamen Wirkens, des gemcinfsamen Strebenz und Fortschritts bringen wird. Ieder aber, der dicse Zeilen liest und mit uns einverstanden ist, der helfe mit, nicht nur da3 Saatkorn zur Hebung des ganzen Kauf- mannsstandes auszustreucn, sondern aud den Boden für dasselbe urbar zu maden und vie Schläfer, die im Stande sind, unsere ganze nationale Entwickelung zu verscblafen, aufzurütteln und ihnen alle Tage vorzupredigen, daß Deutschland und seine Kinder nur dann gedeihen können, wenn fic sich selbst für die Interessen ihres Standes und damit ihrcs Voikes erziehen. .

Central-Blatt der Abgaben-Geseßgebung und Ver- waltung in den Königlich preußishen Staaten. Nr. 11. Inhalt : Anzeige der in der Geseßsammlung erschienenen Gesetze und Nerordnunzen. —- Allgemeine Verwaltungsgegenstände: Veränderungen in dem Stande und in den Befugnissen der Zoll- und Steuerstellen.

- Verordnung, betreffend die Kautionsleistung der Beamten des Hauvtstempelmagazins. Beitreibung der Kosten des Strafverfahrens. Annchme von Eisenbahr-Prioritätsobligationen als Ämtskaution. Indcrekte Steuern: Ermittelung des zollpflichtigen Gewichts von in Eisenbahnwagen eingehenden Massengütern. LTarifirung von Röhren aus hartem Glase. Statistik: Abänderung der Vorschriften Über die statistishe Anschreibung des Veredelungsverkehcs. Per- sonalnachritex. Beilage: Abänderung der Vorschriften über die statistische Anschreibung des Veredelung8verkehrs.

Kunst, Wissenschaft und Literatur.

Der durch seine Ueberseßungen ungarisher Volkslieder twohl- berufene Ludwig Aigner veranstaltet gegenwärtig unter Mitwirkung einer Reihe anderer geshickter ÜUebcrsetzer eine Ausgabe der Poesien Petöfi's, welche im Selbstverlage des Herausgebers in Budapest er- scheinen. Der erste Band, „Liebeëperlen", ist bereits seit einiger Zeit abgeschlossen und hat in der sorgfältigen, mit feinem Gefühl dea Originalen nachgedichteten Verdeutschung vielen Beifall und Verbrei- tung gefunden. Nunmehr liegt aud der zweite Band, das „Buch des Lebens* vollendet vor und vermittelt uns in der dankenewerthesten Weise die eigenartigen lyrischen CEingebungen des genialen, unglück- liven Dichters. Weinseliger Frohsinn wechselt mit den düstersten Lebensansichten, und drastischer Humor mit philosophischer Resignation. Da die Gedichte chronologisch geordnet sind, so bilden sie einen lebendigen poetischen Kommentar zu den wecbselvollen Lebens\chicksalen des Dichters, der darait die tiefsten Sympathien des Lesers gewinnt. Kann derselbe scinem Fühlen, Denken und Dichten aach eigentlich nur von den Angehöriçen des Volkes, für das er gelitten hat, ganz verstanden werden, so reicht seine Bedeutung als Dichter doch weit über die nationalen Grenzen hinaus und hat ein Recht auf allgemein menschliche Antheilnahme. Die vortreffliche Interpretation, welche seine Poesien durch Verwandte seiner Zunge und Nation in

den vorliegenden beiden Bändchen gefunden haben, wird deshalb auch |

bei den Deutschen zum Verständniß des wohlberehtigten Enthusiasmus beitragen, mit dem Petsfi bei seinen Landsleuten stets gefeiert worden ift.

Im Verlage von J. J. Weber in Leipzig ist soeben er- schienen: „Katecbismus der Psycbologie“, von Friedrich Kirchner (20 Bogen kl. 8. Preis in Originalband 3 4). Dieser Katechismus versucht, die Psychologie für Gebildete insbesondere Studenten, Eraminanden und Lehrer populär, doch nicht ober- flählih darzustellen. Der Verfaffer hat sih bemüht, die Leser sowohl mit dem jeßigen Stande der Forschung als aub mit den Schwierig- keiten der einzelnen Probleme gründlih bekannt zu machen. Sein Standpunkt ist weder der einseitig empiris%e noch der rein \piritua- listishe; im Gegensaß zu jenem wird ausführlich über das Wesen der Seele, thre Entstehung und Zukunft abgehandelt. Abweichend vom Spiritualismus fut Kirchner die Resultate der Anthropologie und Physiologie zu verwerthen. Auch die Geschichte der Psychologie hat eine siherlichd Vielen willklommene Berücksichtigung erfahren. Der Inhalt des Buches ist folgender: Einleitung. Begriff dec Psychologie. Verkbâltniß derselben zu den anderen Wissenschaften. Geschichte der Psycbologie. Methode der Psychologie. Eintheilung der Pfychologie. I. Das Wesen der Seele. Uebersiht. Vom Be- wußtsein. Gehirn und Seele. Metaphvsisbe Ableitung. II1. Die Seelenvermögen. Uebersiht. Von den Empfindungen. Von den Bewegungen. Vom Vorstellen. Von den Gefühlen. Von den Affekten. Von den Trieben. Das Begehren. Das Wollen. Die Freiheit des Willens. Die Seelenkrank- heiten. Register.

Unter dem Titel: „Gymnasium, Zeitschrift für Lehrer an Gymnasien und verwandten Unterrichtsanstalten“, erscheint seit dem 1. April d. J. im Verlage von Ferdinand Schöningh in Paderborn ein Organ, welches auf dem Gebiet, für welches es wirken will, einen vorwiegend praktischen Zweck verfolgt, so daß der Gymnasiallehrer darin alles vereinigt finden soll, was sonst in den verschiedensten Zeitschriften zerstreut ist. Der Inhalt der uns vorliegenden 4 bisher ausgegebenen Nummern mag die Absicht, welche das Blatt verfolgt, andeuten: sie enthalten Aufsätze: „Zur lateinischen Tempuslehre“, von dem Redac- teur Dr. Wetel in Paderborn, „Praktiswe Vorschläge zur Förderung des höheren Schulwesens“, von O. Josupeit in Insterburg, „Zur rein analytiswen Methode der Auflösung trigonometrischer Aufgaben“, von Luke in Marienburg, und „Zur Ueberbürdungsfrcage, mit Rücksicht auf die Beschlüsse der Darmstädter Kommission“, von Schäffer in Prenzlau. Den weiteren Inhalt jeder Nummer bilden Recensionen, cine Zeit- \chriften- und Bücherschau, welche alle Nova auf dem Gebiete der Pädagogik und aller den Gymnasiallehrer interessirenden Wissen- schaften verzeichnet, Nachrichten, eine Uebersicht der Lehrervakanzen und Anzeigen. Die unter Mitwirkung von A. Luke in Marienburg i. W.-Pr. und Th. Plattnec in Château-Salins i. Lothr., von Dr. M. Wetzel in Paderborn redigirte Zeitschrift erscheint in dem oben genannten Verlage am 1. und 16. jeden Monats zum Preise von nur 3 . für das Halbjahr. Beftellungen nehmen alle Buchhandlungen und Postanstalten an.

Von den „Europäischen Wanderbildern“ (Verlag von Orell Füßli u. Co. in Zürich) erwähnen wir zwei ältere Lieferungen : Nr. 36: Die Vißnau-Rigibahn, von M. A. Feierabend, mit 10 Illuitrationen von I. Weber und ciner Karte (Preis 50 -) und Nr. 38 und 39: Bad Krankenheil-Tölz, von Gustav Schäfer, mit 13 Illustrationen von J. Weber und einer Karte (Preis 1 6), und die neueste (Nr. 55 und 56) Battaglia bei Padua, von Prof. S. Kloo und Gouard Mautner mt 38 SllUiträattonen vou C. E. Petrowits und J. Weber und einer Karte (Preis 1 A). Was insbesondere den an der Route Venedig-Florenz, unweit Padua, be- legenen freundlichßen Marktflecken Battaglia betrifft, so ift derselbe durch das dort befindlihe Bad mit der Dampfgrotte (479 C.) be- rühmt geworden. Es wird Aerzten und Leidenden von beson- derem Interesse sein, aus dieser kleinen Schrift Näheres ber dieses Bad aus seine Umgebung zu erfabren, Das Büchlein is mit 38 trefflihen Bildern ausgestattet. Die „Europäishen Wanderbilder“ orientiren den Reisenden in ebenso sachlicher wie anregender Weise und unter Fernhaltung jeder Reklame über die Naturschönheiten, die Geschichte, die örtlichen, Élimatischen und hygienishen Verhältnisse der Bäder und Kurorte sowie über lohnende Ausflüge in die Umgebung. Auf die Ausftattung, namentlich auf die zahlreiwen Illustrationen, ist, ungeachtet des geringen Preises, große Sorgfalt verwendet, so daß auch die oben erwähnten Lieferungen, von denen zwei besonders beliebte Touren zum Gegenstande haben, eine weite Verbreitung finden werden.

Vom 1. Juni ab erschbeiot in Güstrow eine plattdeutsche Zeit- {rift mit dem Titel: „Husmannskoft“, welche es sih zur Auf- gabe stellt, „unserer alten niederdeutshen Muttersprache wieder zu ihrem guten Recbt zu verhelfen“, indem sie ihr, mit der: besten plattdeutschen Schriftstellern zur Seite, immer mehr neue Freunde und Anhänger erwerben und zuführen will. Der Redacteur und Herausgeber Adolf Hinrichsen wendet sich in der Probenummer, die bereits versandt wird, mit einer launigen poetishen Ansprache an die „Lefers und so'n de't warden wullen“ und läßt dann, ebenfalls aus seiner eigenen Feder, den Anfang eines Romans folgen, der die Ueberschrift „Frömd in de Welt“ führt und, nah der Probe zu urtheilen, den ehrlichen Ernst und naiven Humor de3 plattdeutschen Idioms und seiner Cha- raltere wohl getroffen hat. Verschiedene kleinere Beiträge in gebun- dener und ungebundener Sprache streben mit Glück dem Vorbilde Fritz Reuters nach. Als stehende komische Figuren erscheinen nab bekanntem Muster die Nawers Witt und Swart im Zwiegespräch. In ciner „Pries-Upgawo" wird die Aufgabe gestellt, ein mitgetheiltes hocbdeutschbes Gedicht des Herausgebers in das Plattdeutsche frei zu übertragen ; die beste Uebertragung, welche bis zum 20. Juni eingeht, \foll mir einem plattdeutsden Buch prämiirt und das Gedicht mit der Nretisîrönung sodarn in der „Husmannskost“ veröffentlicht werden. -— Die Zeitschrift erscheint sonntäglich zu dem geringen Abonnementspreise von 1 4. 50 vierteljährli h.

Gewerbe und Handel.

Die „New-Yorker Hd18.-Ztg." {reibt in ihrem Wochen- hericht wtler dem 18, Mci: Ueber das Geschäft am Waaren- und Produktenmarkt läßt sich auch in dieser Woche nichts be- sonders Erfreuliches becihten. Von Brodstoffen blieb Mais für Erport beachtet, während Weizen und Weizenmehl nach dieser Rich- tung vernachlässigt waren, Der Frachienmarkt verharrte in fester Haltung. Baumwolle in disp. Waare hatte an einzelnen Tagen ziemli animirte8 Erport- und Konsumgeschäft, Termine wurden da- gegen nicht so lebhaft gehandelt wie in der Vorwoche. Der Kaffee - markt war fiau, für Rohzucker hat die Frage wieder nachgelasser und der reguläre Verkehr in Thee ift unter dem Einfluß der bedeuten» den Quantitäten, welche in Auktion offerirt worden, still geblieben. Da3 legitime Geschäft am Markt für Provisionen nahm nährend des größeren Theils der Woche einen s{leppenden Berlauf und gewan1 erft ganz am Swluß, durch \stärkercs Auftreten der Erportfrage für Schmalz eiwas an Leben. Terpentinöl und Harz waren ruhig, aber fest. Am Hopfenmarkt dauerte die weicbende Tendenz fort. Raffi- nirtes Petroleum in Fässern höher und fest. ür fremde und ein- heimische Manufakturwaaren ift die Saifon als ges{lofsen zu betrach- ten und das Geschäft ist auf gelegentlide Cinkäufe behufs Reassor- tirung der Läger beschränkt gewesen. Der Import fremder Web- stoffe für die heute beendete Woche beträgt 1 492 949 Doll. gegen 2 121 424 Doll. in der Paralielwoche des Vorjahres.

Glogau, 30. Mai. (W. T. B.) Der heute abgehaltene Wollmarkt war wollständig bedeutungslos. Dominialwollen fehl- ten gänzlich. i : : : -

Nürnberg, 30, Mai. (Hopfenbericht von Leopold Held ) Der Umsaß der ersten Hälfte dieser Wocbe beläuft sich auf ca. 100 Ballen. Gesucht waren grüne Hopfen jeder Qualität, gelbe blieben außer Frage. Man zahlte für Prima 395—415 #, für Gepackte 350 bis if Fe und für bessere Mittelhopfen 366—335 #4 Die Stimmung ift fest.

Wien, 30. Mai. (W. T. B.) Die heutige Generalversamm- lung der östereihishen Nordwestbahn ertheilte dem Ver- waltungsrathe Decharge. Die Rechnung des garaatirten Neßtes \cchließt mit einem Abgange von 289073 Fl. Von dem zur