1883 / 149 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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daa Le p TRERL Le E E

erweitert. Wo Notbstände, Epidemien auftraten, find Ritter des Ordens entsendet worden, um wirkend und organisirend Hülfe zu bringen. In den drei Kriegen der beiden i gp Jahrzehnte haben die Ritter des Ordens, ohne Mübe und Gefahr zu abten, manche wir dürfen uns dessen rühmen bis zum Tode getreu auf den Slachtfeldern und in den Lazarethen den Verwundeten und Kranken Hülfe und Pflege gebraht, im Felde und daheim Wunden heilend, Scbmerzen lindernd, unterstüßt in dieser uralten Johanniter- thätigkeit von dem Frauenverein, der dur den hoherzigen Gedan- ken Ihrer Majestät der Kaiserin und Königin in das Leben ge- rufen ift. i

Und troß der mit den Kriegen verbundenen außergewöhnlihen und bedeutenden Anstrengungen und Aufwendungen ist es möglich ge- wesen, cinen Kräftevorrath zu sammeln für das fernere Wirken des Ordens. Aber neue, große Anforderungen stellt die Noth der Zeit jeßt an die Thätigkeit des Ordens und seiner Mitglieder. Na all dem Großen, Unvergleichlien, das wir erlebt in unserem Vater- [lande, fehlt es leider aub nicht an Symptomen, die gezeigt haben, daß die s{wersten Gefahren der Zukunft des deutschen Volkes drohen, die bewiesen haben, wie groß auch bei uns der Ab7all von den heiligen Lehren ist, die allein im Stande sind, die Herzen zu reinigen von der Anschauung, daß der materielle Besiß und der materielle Genuß die höchsten, erstrebenêwerthesten Güter des Lebens sird, von den Lehren, deren Befolgung allein ein friedlihes, neidloses Zusammenleben und Zusammenarbeiten von Hoch und Niedrig, Arm und Reich dauernd auf Erden ermöglicht. e, E i :

Der Unglaube hat sib auf fozialem Gebiete zu einer bedrohlichen Erscheinung gestaltet. Er verkündet offen den Umsturz aller in Staat, Kirche und Gesellschaft bestehenden Zustände, wie fie sich auf Grund des Christenthums, der mens{lichen Kulturcentwickelung und deutscen Volkswesens gebildet haben. Ein internationaler Bund vercinigt jeßt die Verslörer göttliher und mens{licher Ordnungen. Unser Orden kann bei seinem Streben, die Pflichten zu erfüllen, welche sein Gelübde ihm auferlegt, die ZweFe zu verfolgen, welche seine Statuten ihm vorschreiben, diese Thatsachen nicht übecsehen.

Die Zwede des Ordens stellt sein Gelübde fest. Sie haben es alle heute wieder gehört. Eine Anzabl der Herren hat es vor uns soeben abgelegt. D -

„Kampf wider den Unglauben“ ist dana an erster Stelle und demnächst „Krankenpflege“ die Aufgabe des Ordens, „Kampf gegen die Feinde der Kirche Christi und gegen die Verstörer göttlicher und menschlicber Ordnungen“ und „Förderung der ristlichen Krankenpflege“ ib De PfliGten feine N S

Bisher ist die Krankenpflege stets in erster Linie bei der Thä- tigkeit des Ordens in das Auge gefaßt worden. Und da dieselbe mit den Kräften und im Geiste der VDiakonie ausgeübt ift, hat es auch bei ihr an dem friedlichen Kampfe gegen den Unglauben nit gefehlt. Aber gegenwärtig muß der Orden, wenn er den großen Anforderungen der Gegenwart und seinem Gelübde gerecht werden will, mehr als bisher soziale Aufgoben in seiner gesammten Thätigkeit zu lösen suchen. Jn einer auf dem sozialen Gebiete liegenden großen und bahnbrechenden Liebesthätigkeit wird der Orden das seinen Ideen angemessene Sclachtfeld finden, um den Unglauben überwinden, den Umsturz e'twaffnen zu helfen. i

Stellen wir uns deshalb unter das uns gegebene Panier.

Wie die Regimenter der Armee Fahnen und Standarten haben alé Sywbol ihres Fortbestehens über die Vergänglichkeit der einzel-

nen Generationen hinaus: so hat der Orden sein Schwert. Wie der

Soldat unter Berührung der Fahne oder Standarte seinen Eid ab- Tegt, so habe ih heute den Herrenmeistereid unter Berührung deé

Ordensschwertes abgelegt. Bezeichnend ist es, daß das Schwert nit gegürtct wird. Der Orden soll seinen Kamp! ohne sihtbares Schwert

führen. Sein Kampf ist ein Kampf ohne Haß und Feindseligkeit,

ein Kampf mit liebesthätigen Werken, geführt um der Gegner

willen, zu ihrem Westen und Heile.

Und wenn die Krankenpflege bezeihnet werden kann als Arbeit an der allgemeinen Noth aller Zeiten: so ist der Kampf gegen den Unglauken Arbeit an der Noth I I e

Wiederholt hat Se. Majestät unser Allergnädigster Kaiser die Noth unserer Zeit bezeichnet, scin landesväterliches Herz vor der ge- sammten Nation in ihren Vertretern laut davon reden Tassen. Aber von Alterhöckster Stelle ist dabei aud darauf hingewiesen, daß es eine der höchsten Aufgaben jedes Gemeinwesecns, welches auf den sittlichen Fundamenten christliben Volkslebens steht, ist, die Mittel und Wege zu finden, um diese Noth zu lindern, ihr immer mehr abzuhelfen und daß dic Staatsgewalt allein nicht im Stande ist, diese Aufgaben zu lösen. Pflicht der Kirche und der Geselisœaft ist es, mit _ ihren Krästen dabei die Staatsgewalt zu unterstüßen. Dec Orden, der in den Traditionen der Kirche wurzelt und eine gesellsaftliche Korporation ersten Ranges ist, muß in erster Linie hierzu verpflichtet

erscheinen,

Unter dem Eindrucke der Worte, die Se. Majestät unser er- habener Protcktor wiederholt gesprochen, trete ih das Meisterthum der Balley Brandenkurg, die Regierung des Ordens an. Sache des Ordens ist es, an seinem Theile auf den Feldern, welche dur sein Gelübde und seire Statuten für seine Thätigkeit bestimmt, als seine Zwece festgestellt sind, den Kaiserlihen Worten die That folgen zu

lassen. Im Koapitel werde ih meine Vorschläge darüber machen.

Wohl gedenke ih daran, daß wir nur eine kleine Schaar find, Aber Anwärter unseres Ordens ist Cigene ver- mehrte Pflichten werden wir übernehmen und erfüllen, aber auch darauf Bedacht nehmen müssen, eine immer größere Zahl des deutschen, protestantishen Adels dem Orden zu gewinnen, für seine Zwecke und

so großen Aufgaben gegenüber. E : der gesammte deutswe Ad?l evangelischer Konfession.

Aufgæ{en thätig zu machen.

Lassen Sie uns den Beweis in unscrem Orden führen, daß der Adel bereit i}, wie bei der Krankenpflege daheim und im Felde, für die Milderung der allgemeinen Noth aller Zeiten, fo auch an der Bekämpfung der {werten Noth unserer Zeit kräftig mitzuarbeiten

und dafür Opfer zu bringen.

Mit Hoffnung und Zuverfiht können wir herantreten an die Weiterführung unserer alten, an die Erfüllung der uns neu erwa sen- den Aufgaben, denn noch nie hat der deutshe Adel jecine Mithülfe versagt, wo es galt, Pflichten zu erfüllen gegen Thron und Land,

flihten, die auferlegt werden durch die Gebote der Kirche und der

Ce zu seinen leidenden Mitbürgern.

Sr. Majestät dem Kaiser habe ich mir in Unterthänigkeit er- laubt vor Antritt meiner Regierung des Ordens die Anschauungen und Absichten darzulegen, welchen ih eben vor Ihnen Ausdruck ge» geben. Se. Majestät haben die Gnade ge; abt, in huldvollster Weise

daraufhin folgende Ordre an mich zu cclassen :

Ew. Königliche Hoheit habe Mic mittels Zuschrift vom 19. v. M. ein Memoire überreicht, worin die Verwendung der Thätig- keit des Johanniter-Ordens im Dienste und Interesse des Throns Meiner aufrichti- welchem hohen Interesse Ew. Königliche Hoheit Ihre ebenso ehren- als Herrenmeister der Balley Brandenburg auffassen und denselben gerecht zu werden bemüht sind. Zugleich hat der Inhalt der Denkschrift Mein Interesse lebhaft in Ew. Königliche Hoheit haben es danach ver- standen, die statutenmäßige Aufgabe des Johanniter-Ordens bedeutungs- voll zu vertiefen und damit seine Ziele in einer Richtung zu erweitern, welche ein weitcs Feld korvorativer Fürsorge eröffnet, indem seine Thätigkeit: außer der seither {on segensreih geübten Wirksamkeit auf dem Gebiete der Krankenpflege fortan au der dringend erforderlichen Abhülfe der sozialen Nothstände unter der arbeitenden Bevölkerung zugewendet wird, welche ein wesentlicher Gegenstand Meiner landesväterlichen Sorge ist. Dea Bestrebungen, welche nah (Fw. Königlichen Hobeit Intention die Ordens8zwecke mit umfassen werden, zolle Ih wic als Landesherr

und des Vaterlandes dargelegt ist. Zu gen Freude habe Ich daraus ersehen, mit vollen wie s\{chwierigen Pflichten

Anspruch genommen.

V

so insbesondere als Patron der Balley Brandenburg Meine volle Anerkennung; Ich begqleite ihre Ausführung mit Meinen innigen Wünschen zu ihrem Gedeihen und werde dieselbe fortdauernd mit der regsten Theilnahme verfolgen.

li 2 d H. i 1883, Berlin, den 11. Jun Wilhelm.

Nun denn, meine ritterlichen Hecren, ih bin ents{lofsen, in dem

Sinne, wie ich es vor Sr. Majestät und eben vor Ihnen aus- gesprochen habe, die Zwecke unseres Ordens zu verfolgen.

Der Kaifer hat gesprochen, die Noth unserer Zeit gekennzeichnet.

An uns ift es, unsere Arbeit diesen Worten gemäß zu beginnen. Und nun vorwärts in den Kampf wider den Unglauben mit Gott, für den Kaiser, unsere Landesherren, für das Vaterland und unsere lei-

denden Brüder.

Es lebe Se. Majestät der Kaiser und König, der erhabene Pro-

tektor unseres Ordens. Hoch!

Der Bundesrath sowie die vereinigten Ausschüsse

desselben für Handel und Verkehr und für Justizwesen hielten heute Sißungen.

Der Schlußbericht über die gestrige Sißung

des Hauses der Abgeordneten befindet sih in der Ersten Beilage.

Die heutige (16. )Sißung des Herrenhauses,

welcher der Vize-Präsident des Staats-Ministeriums, Minisier ves Fnnern von Puttkamer, die Staats-Minister Dr. Lucius, Dr. Friedberg, von Boetticher und zahlreiche Regierungskom- missare beiwohnten, wurde von dem Präsidenten Herzog von Na-

tibor um 11 Uhr 20 Minuten eröffnet. Nach einigen geschäftlichen Mittheilungen stellte der Präsident, um die Geschäfte mög- lichst bis zum Sonnabend erledigen zu können, für heut

eine Abendsizung in Aussicht.

Der erste Gegenstand der Tagesordnung war der münd- liche Bericht der XT. Kommission über die aus dm Abgeord- netenhause in veränderter Fassung zurückgekommenenr. Geseß- entwürfe, betreffend die allgemeine Lande verwaltung und die Zustöndigkeit der Verwaltungs- und Vex- waltungsgerihts-Behörden. E

Der Referent, Herr von Winterfeld beantragte, den beiden Geseßentwürfen in der vom Abgeordnetenbause beschlossenen Fassung die verfassungsmäßige Zustimmung zu ertheilen, und besürwortete in kurzen Worten diesen Antrag. Zunächst trat das Haus, da zur Generaldisfkussion Niemand das Wort nahm, in die Beratl,ung des Geseßentwurfs betreffend die Allgemeine Landesverwaltung. Eine Spezialdiskus- sion entspann sich nicht, und in der Spezialberathung wurde das Gese ohne Diskussion dem Antrage des Referenten gemäß angenommen. E

Es folgte sodann die Berathung des Gesehentwurfs über die Zuständigkeit der Verwaltungs- und Verwal- tungsgerihtsbehörden.

Die 88. 1 bis 12 des Gesetzes wurden ohre Debatte geneh- migt, Bei §. 13 wies der Referent, Herr von Winterfeld, darauf hin, daß der jet vorliegende §8. 13 in der von dem Ab- geordnetenhause beschlossenen Fassung niht ganz derselbe sei, der früher vom Herrenhause abgelehnt sei. Jn der vorliegen- den Fassung fielen diejenigen Bedenken fort, welche das Haus früher gehegt habe, daß die Rechte der Krone dur denselben ver- legt würden. Er bitte deshalb, den §. 13, dessen Bedeutung man früher auch wohl vielfsach übershäßt habe, in der vor- liegenden Fassung anzunehmen. _

Der Bize:Präsident des Staats-Ministeriums, Minister des Jnnern von Puttkamer bat, hon aus taktishen Gründen dem 8. 13 in der Fassung, wie sie vorliege, zuzustimmen, denn wenn dieselbe vom Hause abgelehnt würde, so würde dadur die ganze Verwaltungsreform, welche nun {on Fahre lang die Landesvertretung beschäftigt habe, wieder auf längere ¿zeit vertagt werden. Seit der Zeit, daß er im öffentlichen Ler- waltungsleben thätig sei, habe er stets die Absicht verfolgt, in die Verwaltung strengere Rehtskontrolen und besseren Rehtsschuß zu schaffen. Um dies Ziel zu erreichen, handle es sih darum, den schiefen Gang aufzugeben, den die Gescßgebung seit dem Zahre 1873 genommen habe, und diejenigen staatsmännischen Grund- säße weiter auszubilden, die der Kreisordnung von 1873 zu Grunde lägen. Allerdings habe der Beschluß des Abgeordneten- hauses von diesem Grundsatz viel abgebröcelt, jo sei namentlich der

wichtige theoretische Unterschied zwischen Verroaltungsstreitsacen |

und Verwaltungsbeschlußsachen leider beseitigt, troßdem dessen faktish:s Vorhandensein nicht geleugnet werden fónne. Man dürfe richt verkennen, daß auc dur die Vorlage, wie sie jeßt zur Berathung stehe, wesentliche Besserungen in oielen Zweig°n der Selbstverwaltung herbeigeführt werden würden, und was die Abänderungen des Abgeordnetenhauses anbetreffe, so seien dieselben doch auch gewissermaßen nur von untergeordnetem Werth. Wenn der §. 13 in der That die Rechte der Krone beeinträhtigen follte, dann würde das Ministerium ganz gewiß darum bitten, denselben einstimmig abzulehnen; dies sei aber niht der Fall, denn die dem Minister des Jnnern garantirte Stellung gleiche im Wesent- lien die Bedenken aus, die in den Bestimmungen des 5. 13 sonst liegen könnten. Die Regierung sei der Meinung, daß die Vor-

theile, welche das Geseg in dieser Form biete, die Nach:heile desselben | einer. Beruf, für die Annahme |

überwögen. Er fühle aber 1f, für | des 8. 13 mit besonderer Leidenschaftlichkeit einzutreten und das Votum des Hauses zu beeinflussen, glaube vielmehr, baß es viel besser sei, wenn sih die Regierung auf den rein objek- tiven Standpunkt stelle, und nur in diesem Sinne empfehle er die Annahme des 8§. 13 in der Fassung des Abgeordneten- auses.

/ 1 Adams betonte, daß das für die Krone unentbehr- lihe Recht, keinen ihr nicht genehmen Beamten anzustellen, dur hie Fassung des §. 13 nicht beseitigt werde. Allerdings werde das Recht des Regierungs-Präsidenten insofern beein- flußt , als derselbe den Beirath eines Kollegiums für den Fall der Nichtbestätigung einholen müsse. Stände man hier vor der Alternative, ein mühsam vorbereitetes Gese, wie das vor- liegende, wegen dieses §. 13 anzunehmen oder abzulehnen , so werde er sih für das leßtere entscheiden , da es sih aber hierbei weniger um eine prinzipiele als um eine mehr formelle Aenderung der früheren Beschlüsse dieses Hauses handle, so bitte er, den §. 13, so wie er vorliege, anzunehmen.

Graf zur Lippe erklärte, ein so s{hneller Meinungswechsel, wie er hier dem Hause zugemuthet werde, müsse das Haus um alle Achtung im Lande bringen, und er glaube nicht zu viel zu sagen, wenn er behaupte, das Haus habe an Ahtung im Lande nichi mehr allzuviel zu verlieren. Habe das Ab:

des Geseßes, dann möge es j 8. 13 verzihten und der Regierungsvorlage zustimmen ; das Ansehen des Hauses leide dur eine solhe Behandlung, wie sie dem Hause von der Regierung zu Theil werde. Nur Vorlagen untergeordneter Natur gingen dem Herrenhause zuerst zu, die wichtigeren lege man dem Abgeordnetenhause zuerst vor, und bei der Meinungsverschiedenheit zwischen beiden Linsen, könnten einzelne Vorlagen nur durch Kompromisse u Stande M in solhen Fällen gar nit nachgeben, das Herrenhaus habe schon troß s{werer Bedenken den Bezirksrath geopfert ; liege dem anderen Hause etwas an dem Zustandekommen des Geseßes, dann könne es den 8, 13 opfern. Das parlamen- tarishe Regiment des Centrums wolle der Krone diesen g. 13 aufdrängen, deshalb bitte er im Jnteresse des Landes, dieses Hauses und der Krone, den 8. 13 abzulehnen.

Abgeordneten, ) und zahlreihe Kommissarien beiwohnten, stand zunächst auf der TageLordnung die dritte Berathung des Entwurfs eines Geseßes, betreffend die Shulversäumnisse.

geordnetenhaus ein Fnteresse

an- dem Zustandekomme

es auf diese Fassung des

Abgeordnetenhaus wolle

fommen. Das

Der Minister des Jnnern von Puttkamer verwahrte die

Regierung gegen den Vorwurf des Vorredners, daß sie das Herrenhaus zurückseße. Bei Beginn der Session werde der legislative Stoff an die beiden Häuser nah sorgsältigsten Er- wägungen vertheilt. Merkwürdigerweise habe die Regierung früher den Grafen zur Lippe mehrfach als Gegner gehabt, der wiederholt darauf hingewiesen habe, daß mehrere Vorlagen im Herrenhause niht genügend hätten erörtert werden können, weil eben die Berathung des anderen Hauses noch nicht stattgefunden

Strömungen existirten, welhe das Bestätigungsrecht anstreben, es sei Aufgabe d°-s Herrenhauses, solchen Strömungen ent- gegenzutreten. Uebrigens liege in dem vom Abgeordnetenhause abgeänderten §8. 13 immerhin ein bedeutendes Zugeständniß. Nachdem noch Frhr. von Pfuel aus Utilitätsgründen die An- nahme des §8.13 empfohlen hatte, dessen Prinzip er zwar nicht billige, von dem er aber glaube, daß mit ihm auszukommen sei, wurde der §,. 13 in namentlicher Abstimmung mit 84 gegen 24 Stimmen und scließlih die ganze Vorlage angenomn:en. (Schluß des Blattes.)

hôtte. Es sei nicht zu leugnen, daß

In der heutigen (86.) Sißuna des Hauses der welcher der Staats-Miniszer von Goßler

Der Abg. Dr. Windthorst, der in der Generaldebatte

zunächst das Wort ergriff, erklärte, daß er und seine Freunde gegen das ganze Gesch stimmen müßten, weil Dasselbe einen weiteren Schritt zur Monopolisirung der Schule durch den Staat : ? der mit den natürlihen Rechten der Eltern unvereinbar sei. Dieser Zwang lasse sih übrigens bereits durch die bestehenden

bedeute und einen Zwang einführe,

Geseße ausüben. Das Gesetz sei somit überflüssig, es sei aber auch finanziell und wirthschaftlich hbedenklich, denn die Geld- strafen könnten leiht die Höhe des Schulgeldes übersteigen.

Der Minister der geistlihen 2c. Angelegenheiten von Goßler trat allen diesen Ausführungen entgegen und erklärte, daß er nie den Standpurkt der Schulgeseßgebung verlassen

werde, wie derselbe sich historish entwickelt habe. Die weitere Aus-

bi.dung und Vollendung der Schulpflicht liege im Jnteresse der Eltern und der Kinder, zumal auf dem Lande, wo dic Loslösung der Kinder von der Schule sittlihe Gefahren für die leßteren mit sich führe. Die Regierung werde an dem Schulzwange nicht rütteln lassen. (

Der Abg. Dr, Wagner erklärte Namens seiner eFreunde das volle Einverständniß der Konservativen mit den Ausfüh- rungen des Ministers. Redner wies darauf hin, daß dem Schulzwange die leßten Siege der Armee zu verdanken seien, und bezeihnete és als höchst bedauerlih, daß ein so hervor- ragender Parlamentarier, wie der Abg. Windthorst, sih gegen den Schulzwang ausgesprochen habe. .

Der Abg. Dr, Windthorsi erwiderte, daß er früher zu den eifcgsten Verehrern des preußischen Volksshulwesens gehört ave, daß aber seit der Aera Falk die Grundlagen gelegt seen, um die Volksschule zu korrumpiren. Wenn es so weiter gehe, würden alle Erfolge wieder verloren gehen. :

Der Abg. Zelle dankte dem Minister für seine Er- flärungen. Die Fortschrittspartei werde nah wie vor an dem Schulzwange festhalten. i ——

Der Abg. von Tiedemann (Labischin) wies darauf hin, daß der Abg. Windthorst in den: Augenublick, .wo die Re- gierung die Hand zum kirhlihen Frieden biete, ein neues Kriegsfanal anzünde. Ein Versuch, an den Säulen des Staates, nämlich an der Wehr- und Schulpflicht zu rütteln, werde stets an dein Widerstande aller Parteien scheitern,

Der Abg. von Eynern {loß sich diesen Ausführungen Namens der Nationalliberalen an. ;

Bei Schluß des Blattes ging das Haus zur Spezialdebatte über §. 1 über.

Der Ankauf ausländisher Prämienpapiere, welche im Deutschen Reih nicht abgestempelt und demnach niht umlaufsfähig sind, Seitens eines Bankiers oder einer anderen Person an der Börse macht, nah einem Urtheil des Reich8gerichts, 11. Strafsenats, vom 27. April d. J., den Käufer gleichwie den Verkäufer strafbar; kauft dagegen ein Bankier solche Papiere in seinem Geschäftslokale, so {it zwar der Verkäufer, niht aber der kaufende Bankier zu bestrafen.

Der Remonte-Jnspecteur, General-Lieutenant von Rauch, ist behufs Vertheilung der Remonten an die Regi- menter nah den Remontedepots Ostpreußens abgereist.

Der Königlich bayerische Gesandte am hiesigen Aller- höchsten Hofe, Graf von Lerchenfeld-Köfering, is nah Berlin zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Gesandt- schaft wieder übernommen.

Sachsen-Coburg:Gotha. Coburg, 27. Juni. (W. T. B.) Der Herzog von Edinburg ist heute früh hier eingetroffen.

Elsaß-Lothringen.

Straßburg, 26. Juni. Lothr. Ztg.) Der Statthalter hat seine Kur in Karlsbad beendet und sih über Berlin nach Topper begeben.

(Els.-

Oesterreich-Ungarn. Wien, 28. Juni. (W. T. B.) Das „Amtsblatt“ veröffentlicht eine Kaiserliche Verord- nung vom 25. d. M.,, nah welcher das Gesey über die Ausnahmegerihte in Dalmatien bis Ende 1883 in Kraft bleiben soll; gleichzeitig werden die Ausführungs- bestimmungen der Ministerien des Jnnern, der Justiz und

der Lan desvertheidigung zu dieser Verordnung veröffentlicht. Das „Amtsblatt“ publizirt ferner die zwishen Deutschland und Vesterreih getroffene Uebereinkunft, betreffend die gogen zeitige Zulassung an der Grenze wohnhafter Medizina [l- personen.

Frankreih. Paris, 25. Juni. (Fr. Corr.) Der Kriegs-Minister Thibaudin hat der Armeekommission mitgetheilt, daß er beabsichtige, bei dem neuen Rekru- tirungs8geseß die Herabseßung des Minimalmaßes der einzustellenden Rekruten auf 154 cm zu beantragen, an- statt der 155 cm, wie der Kommissionsentwurf vorschlägt. Der Minister giebt als Grund ar, daß die in Aussicht ge- nommene Bildung der afrikanishen und der Kolonialarmce solches nöthig mache.

Der schon telegraphish erwähnte Erlaß des Seine- präfekten Oustry unterdrückt die ständigen Seelsorger in den Hospitälern und Armenhäusern. Nur für die Spitäler Bicètre und Salpétrière bleiben dieselben vorläufig no aufrecht erhalten. Hr. Charles Quentin, der Direktor der öffentlihen Armenpflege, hat diesen Erlaß den Direktoren der Hospitäler und Armenhäuser von Paris in einem langen Rund- schreiben zur Kenntniß gebracht. Hiernoh wird vom 1. Zuli ab All es, was die geistliche Pflege anbetrifft, durch die ordentlichen Pfarrer des Sprengels, in denen die Hospitäler liegen, geregelt werden. Gleichzeitig wird jedoch den Pfarrern gestattet, an Sonntagen wie an den Konkordatsfesttagen in den Spitälern, wo si Kapellen befinden, cine kleine Messe lesen zu lassen. Für alles Uebrige haben die Direktoren der Hospitäler si mit den Pfarrern zu verständigen, welche ihrerseits diesbezüg- liche Befehle vom Kardinal-Erzbischof von Paris empfangen.

Italien. Rom, 27. Juni. (W. T. B.) Die Depu- tirtenkammer genehmigte heute die Han dels- und S chiff- fahrtsverträge mit Deutsh!and und Großbritannien. Der Minister des Aeußern, Mancini, cxklärte im Laufe der Berathung des deutsch-italienischen Handelsvertrages, in Erwiderung auf mehrere Bemerkungen des Kommissionsberichts : daß die Herabseßung des Eingangszolls von 15 auf 10 4 für Trauben, nicht blos auf Trauben zum Essen, sondern auf alle Trauben, einshließlich derjenigen für die Wein- fabrikation Bezug habe. Dies gehe aus der diplomatischen Correspondenz hervor. Die italienischen Exporteure müßten sih streng an die Vorschristen bezüglih der Embal:age halten, welche gegeben seien, um der Phylloxeragefahr zu begegnen. Keinenfalls könne die Regierung si verpflihten, neue Unter: handlungen einzuleiten, um ausführliche Erklärungen über diesen Punkt zu erlangen, da die Regierung die Rutifikationen ausge- tauscht habe, wie die Kommission gewünscht habe. Der Vertrag sci von dem deutschen Parlament bereits genehmigt worden ; sobald dies auch Seitens des italienishen Parlamentes ge- schehen sei, werde derselbe rehtskräftig und feine Ausführung könne durch das Belieben der Regierung nicht verzögert werden. Der Vertrag müsse am 1. Juli 1883 in Wirksamkeit treten. Die Natifikationen könnten somit unter keinen Umständen ver- zögert werden. Die Regierung seße volles Vertrauen in die Billigkeit der deutshen Regierung.

Nußland und Polen. St. Petersburg, 27. Juni. (W. T. B.) Der Kaiser und die Kaiserin statteten gestern det Großfürsten Konstantin Nikolajewitsch in Pawlowsk einen Besuch ab und nahmen hei demselben das Diner. Abends begaben sich die Majestäten mittelst eines gewöhnlichen Passagierzuçes nah St. Petersburg.

Ein Communiqué der Regierung besagt: Die im Jahre 1879 mit der Kurie begonnenen U nterhand- lungen sind beendet. Die Unterhand!ungen wurden durch Dubril geführt, zu dessen Verfügung Mossolow abdelegirt war. Es wurden verschiedene Hauptfragen aufgestellt, darunter die Wiederherstellung der regulären hierarchishen Ordnung und die Erzielung eines Einvernehinens zwischen den weltlichen und geistlihen Gewalten in Betreff der Organisation der geistlichen Lehranstalten. Behuss Abschlusses der Unterhandlungen wurden im Jahre 1881 Mossolow und Butenew nach Rom entsandt. Das Wesentliche der erzielten Vereinbarungen, welche niht in die Form eines Vertrages eingekleidet sind, besteht in Folgendem : Betreffs der Organisation der Eparchien wird festgeseßt: Der Papst erläßt eine Bulle über die kanonische Bestäti- gung der Eparczie Kielce; die Verwaltung der aufge- hobenen Eparchie von Minsk wird dem Erzbischof von Mohilew übertragen, die der Kamenctzschen Eparchie dem Bischof von Lußk Schitomir und die der Pooliaskichen Eparchie den Bischof von Liublin. Was die Seminare anlangt, so erklärt die Negierung, daß sie, indem sie die Konventioti annehme, sih das Recht der Beaufsichtigung der Seminare vorbehalte. Diese Vereinbarung ist insofern von Bedeutung, als die Kurie der Regierung das Recht der Kontrole über den Unterricht

in der russishen Sprache, Literatur und Geschichie zu- 1

erkennt, wobei die Lehrer mit vorheriger Genehmigung der Regierung angestellt werden. Was die Leitung des Unter- richts in den kanonijhen Fächern und die innere Disziplin an- betrifft, so bleiben die Rechte des Bischofs unverändert. Hinsichtlich der Akademien wurde vereinbart, daß dem Erzbischof: Metropo- lien die nämlihen Rechte zugestanden werden sollen, wie den Bischöfen bezüglich der Seminare. Wie einfa auch die Grund- prinzipien der Vereinbarung sind, so wurde folche früher doch für unmöglich exklärt. Man muß anerkennen, daß die Aufrichtig- keit und Friedensliebe des gegenwärtigen Papstes hauptsächlich zu der Erreichung des günstigen Resuliates dex Unter- handlungen beigetragen haben. Dieses anerkennend er- klärte sih die Regierung, wie immer, bereit, alles Mögliche für die Erhaltung des Friedens und der Ordnung der katholishen Kirhe Rußlands zu thun, sie bleibe bei dem Entschlusse, bei der ersten Gelegenheit die soge- nannten exceptionellen Maßregeln zu beseitigen, welche in Betresf der katholischen Geistlihkeit vorzugsweise in den 60er Jahren ergriffen seien; sie behalte sich das Recht vor, zu bestimmen, in welcher Reihenfolge dies geschehen solle. Aus eigener Jnitiative habe sie die Wirksamkeit des §. 18 des Ukas vom 14. Dezember 1865 beanstandet, welcher die Bischofsgewalt bezüglich der Amtsentlafsung der Geistlihen beshränkt. Als- dann wird die Regierung zur Durc&sicht des 1866 exlassenen Ergänzungsreglements zu dem genannten Ukas schreiten. Ueber- haupt muß bemerkt werden, daß sowohl während der Unter- handlungen, wie auch bei dem Abschluß der Vereinbarungen die Regierung nihts außer Acht ließ. Der Grundgedanke unserer Politik in der katholishen Frage ift demnach: der Hierarchie völlige Freiheit in Religions- und Glaubenssachen zu überlassen, derselben jedoh keine Einmischung in Fragen zu gestatten, die ausscließlich die weltlihe Gewalt angehen.

Zeitungsftimmen.

Das „Deutsche Tageblatt“ schreibt :

_ Fürst Bismarcks Wirihschaftspolitik findet in den nafolgenden Zeilen des „Soleil“ Anerkennung, cines Blattes, das in derselben Nummer von dem Tage spricht, der den „Cchoc décisif entre la France et son ennemi héréditaire“, den entscheidenden Zusammen- stoß Franfkreichs und seines Erbfeindes bringen wird. Nachdein das Blatt den Import und Export Frankreihs und Deutsch- lands in den Jahren 1880 und 81 verglichen hat, fommt es zu dem Schluß: „In diesen beiden Jahren war der Export aus Deutschland größer als aus Frankrei, das noch vor Kurzem un- mittelbar hinter England rangirte. Wir sind, also doch zu sagen ge- zwungen, daß fich Deutschland unter dem durch Herrn von Bismarck inaugurirten ökonomischen Svstem unendlich viel wohler befindet als wir. Es bequemt sid dem Schutzzollsytem völlig an, ist auf dem vollen Wege der Wohlfalrt, mit Frankreich dagegen ift es in Bezug auf den internationalen Handel ununterbrochen ab- wärts gegangen seit den freihändleris(cen Verträgen von 1860, welhen die 1882 abges{lossenen aufgeimpft sind.“ Es werden dann die von Deutschland 1a Frankreih ge- \chickten Waarengattungen und die einzelnen Zahlen angegeben, und dann resumirt: „Mit einem Wort, die deuts&n Schutzzöllner, die na den Theoretikern der ökonomischen Theorie sih ruiniren müßten, weil sie den Freihandel im Stich gelassen haben, find ganz und gar auf dem Wege des industriellen und kommerziellen Fortschritts, während Frankrei, wel&es den angeblih gesunden Doktrinen zu hul- digen fortfährt, seinen auswärtigen Handel absterzen, abnehmen sieht von Jahr zu Jahr, von Monat zu Monat.“

Die Séezession im Cobdenklub bietet dem „Observer“ Veranlassung zu folgenden Bemerkungen:

Die Prophezeiungen des Propheten, den er feiert, sind nit cin- getroffen. Der Frethandel ist nicht allgemein geworden und er hat sih aub nit als das unfehlbare Heilmittel für alle Schäden im Völkerleben erwiesen; er ist «ine auegezeichnete Sache für England, er paßt aber nicht für Völker, die unter anderen Verhältnissen leben. Diese Wahrheit ist allgemein anerkannt und der Cobdenklub hat sih damit überlebt.

Das „Dresdner Journal“ veröffentliht aus den Zahresberihten der sächsischen Fabrikeninspektoren für 1882 weitere Mittheilungen, denen wir folgende Stellen ent- nehmen:

Die Arbeitslöhne sind inm: Allgemeinen gegen das Vorjahr dic gleichen geblieben, doch scheint nah und na cine geringe Erhöhung derselben, wenigstens in den Städten, Platz zu greifen, Gute Akfkord- arbeiter in der Maschinen-, Steingut- und Porzellanfabrikation sind sehr aesucht und verdienen nicht selten 20—25 M weni... Der Verdienst der Arbeiter im Steinkohlenrevier ist im Allgemeinen ein günstiger zu nennen, im Braunkohlenrevier widmen nich die Ar- beiter meist aub noch anderen Beschäftigungen, besonders der Land- wirthschaft, deshalb ist ihre wirth\caftliche Lage noch besser, als die der Steinkohlenarbeiter, .

-— Die „Deutsche volkswirthshaftlihe Cocre- O z“ konstatirt die „Wandlungen der inneren Politik“, wie folgt:

Als das Mancesterthum in inniger BVerbrüderung mit dem Demokratitsmus im Jahre 1881 in den Wahlkampf zog, da hieß es: Unter der Devise! „Nieder mit dem Staatsfozialismus“ wollen wir den Staats - Beglückungsprojekten des Reichskanzlers cin für alle Mal ein Ende bereiten. Man prahlte: das Volk Vit E a fene STS gewählte Meichstag, der De ee T der Wirthschaftspolitik mit dem Zolltarife von 1879 fanktionirt hat, nur einseitigen Jnteressen gedient hat, und es wird die Majorität hinwegjagen, die das gethan. Unter demselben Wakhlsprucbhe zog 1882 dafselle edle Brüderpaar in den Wahlkampf zum preußischen Landtage. Während aber 1881 no& seine Phrasen einige Zugkraft bewiesen hctten, mährend es nach dem Wahl- ausfalle noch scien, als sei es zu Ene mit der Aera einer wirth- {chaftlid-fozialen Reformpolirik, fo z:igte {hon der Wahlausfall von 1882 in Preußen ein ganz anderes Gesicht. Abscbloß die Wahl- bewegung von 1881 mit jener Kaiserlichen Botschaft vom 17. No- vember, welche als die Houptcufgabe der beginnenden und der folgen- den Legislatur-Perioden vie Inangriffnahme einer kräftigen thatfäcb- lichen Sozialreform hinstellte, welche nit einem Worte sagte: nach- dem in der Tarifreform von 1579 der erste Schritt gesehen und dem deutshen Volke die deutshe Arbeit zurükerobert ist, soll nun der zweite Schritt folgen und sollca dem arbeitenden Volke aud die Früchte seiner Arbei: in großartigen sozialen Reformen gesichert werden. I

Mit welchem Hohn und Spotr wurde dieses Programm cines ge- funden Staatssozialismus vom nackten Manccsterthum ... em- pfangen, mit welchem Eifer zog die gesammte manchesterliche Presse ins Feld gegen sfsolwe Politik des Schroindeis“, .…. mit welher Sicherheit wurde verkündet, von diesen Neichs- tage wird der Kanzler seine Projekte niemals ver- wirklicht schen. Und als neben der Unfalls - Ver- sicherung gleichzeitiz die weit umfassendere Krankenversicherung erschien, wie wurde gespottet, daß, nahdem man die unreifen Ideen der ersteren nicht einmal mit jenem reaktionären Reichstage von 1878 habe durchführen können, man jeßt mit diesem auf die Devise: „Nieder mit dem Staatsfoziali#mus*“ gewählten Reichstage ein viel weiter gehende3 Problem lösen wolle.

Und erft sah es ja so aus, als ob die Spötter Ret behalten sollten. Dcs Tabacckmonopol wurde mit großer Majorität ab- gelehnt, der Reichstag zeigte sih noch nicht reif für die Verwirk- lihung großer, weit umfassender Ideen; bann erlitt die Reichs- regierung noch einige Niederlagen gegen Majoritäten von wenigen Stimmen in handels- und zollpolitischer Beziehung.

Inzwischen aber hatte der große, in dec Botschaft vom 17. No- vember 1881 niedergelegte Gedanke, wie jede wahrhaft große Idee nie verfehlen wird, es zu thun, feine fieghafte Kraft geäußert. Zuerst wurde im preußischen Landtage mit vielen Wenns und Abers, aber doch centshieden und mit großer Mehrheit das System der direkten Steuern für die arbeitenden Klassen ausgegeben, der Fortschritt selbst stimmte für den definitiven Steuer- erlaß, er gab sein Prinzip auf, daß Jeder wissen müsse, was ihn der Staat koste auf Heller und Pfennig. Und jemehr man dann anfing, sih mit den Aufgaben der sozialen Reform thatsächlid zu beschäf- tigen statt sie in Phrasen zu bespötteln, je mehr wuchsen ihre Chancen.

as erft undenkbar \{ien, wurde als mögli ja als heilhrin- gend erkannt, und jener mit der Devise: „Nieder mit dem Staats- sozialismus gewählte Reichstag nahm mit mehr als zwei Drittel Majorität die Krankenversicherungsvorlage an; felbst von den Sezessionisten, vom eigentlihen SInkarnat des Mancbester- thums, stimmten elf, und zwar darunter die geistig bedeu- tendsten Männer jener Partei, für die Vorlage. Und dann nahm derselbe Reichêétag die Gewerbeordnungsnovelle an, und zwar ebenfalls mit 169 gegen 127 Stimmen, wokeci in den leßteren der verneinenten Parteien kaum ein Mann gefehlt hatte. Und ein dritter Akt: der preußische Landtag nahm mit 220 gegen 111 Stimmen die Kanalbauvorlage an. Troßdem die ganze Macht der lokalen und provinzialen Kirchthurmsinteressen aufgeboten worden war, wurde ein neuer Weg staatlicher Fürsorge für die wirthschaft- lichen Interessen betreten, unter der allgemeinen Gutheißung, daß er sehr cnergisch betreten werden folle und daß hier nur ein erster Schritt gemacht sei Nimmt man nun noch hinzu, wie auf dem Gebiete der Kirchen-

politik alle Ausficht vorhanden ist, in den Gemeinden unserer katho- |

lishen Mitbürger den Frieden hergestellt zu sehen. . Betrachtet man den Umschwung im Reichstage, wo die Politik des Individualismus dur diejenige eines gesunden Sozialismus in staatserhaltendem und christlibem Sinne besiegt wurde, betrachtet man die immer weiter vorschreitende Auflösung der alten Parteien, die Abbröelung ihrer Doktrinen und das Walten eines neuen, frischen, aufbauenden

und zujammenfassenden Geistes, dann darf man wahrlich von Wandelungen der inneren Politik sprechen, Wandelungen, welcbe nichts anderes sind als ein Sieg jener weittragenden Idee des Fürsten Bismarck, den Ausbau des von ihm geschaffenen Reiches zu vervoll- ständigen durch Fürsorge für die materiellen und wirthschaftlichen Interessen des gesammten Volkes, und besonders des arbeitenden Theiles desselben.

. An Stelle der Streitigkeiten über todtes Recht, über Verfas- sungéspißfindigkeiten ist eine Periode wirths{aftlicer Organi- sation getreten ; jene Jdec, die si: eingeleitet und hervorgecufen hat, die Idee nationaler Wirthschafts- und Sozialpolitik bat leish und Blut bekommen , fie hat es \sich im {weren Kampfe er- rungen, sie ist siegreid geblieben. Wir haben alle Ursache zu wünschen, daß der Verlauf der Dinge nicht unterbrochen werde. Dann wird gerade dieser Reichstag, dessen Wakhl- programm lautete: „Fort mit der Politik des Schwindels“, nahdem er wiederholt bat anerkennen müssen, daß kein Schwindel von einem hohen oder niedrigen Manne beabsichtigt sei, dieser Reichstag, sagen wir, der einmal sih dem siegreihen Gedankea der fozialen und wirthschaftlichen Reform gebeugt hat, er gerade wicd berufen sein, die p Schritte ebenfalls in sich geistig durchkämpfen und vollenden zu müssen.

Statistische Nachrichten.

Die Ergebnisse der Beruf8zäh lungin Preußen. (Stat. Corr.) Die dritte Berufsgruvpe C., welche das Handels-, Versicherungs- und Verkehrsgewerbe, sowie das Beherbergungs- und SchankgewerBe umfaßt, zählt 766 127 männlibe und 145 579 weibliche, zusammen 911 706 erwerbsthätine Personen. Bei den Angehörigen dieser Be- rufêgruppe standen 188 828 Personen in Diensten, \o daß die Zahl der Erwerbsthätigen dieser Gruppe sch auf 1 100 534 Personen oder 9,4 % der gesammten erwerbsthätigen Bevölkerung der Monarchie beläuft. Da für den Betrieb des Beherbergungs- sswie des Schank- gewerbes zahlreiche Dienstleute erforderli sind, so ist die hohe Ziffer derselben, welche 17,2 %/9 der sämmtlichen in dieser Gruppe Erwerbs- thätigen ausmacht, hinreicend erkfläct. In den Berufsgruppen A. und B. beziffert sie sih auf 6,7 bezw. 4,7 % der in denselben er- werbsthätigen Personen.

In den Haushaltungen der Berufsgruppe C. lebende, theils gar nit, theils nur nebensächlich erwerbsthätige Personen wurden 932 766 unter 14 Jahren und 692044 über 14 Jahren gezählt, so daß die Gesammtzahl aller zu dieser wirthschaftlicben Gruppe gezählten Personen \sich auf 2725 344 und fomit auf 9,9%, der gesammten Staatsbevölkerung stellt.

Von den in Berufsgruppe C. erwerbsthätigen Personen waren nebenerwerblich thätig:

Personen A. in der Land- und Forstwirthschaft, Gärtnerei, Thierzucht, Iagd und Fischerei L COESI B. im Bergbau, Hüttenwesen, in der Industrie und im Baurvoesen 20 907 C. im Handel und Verkehr u. \. w,. S . 87 659 D Ver Hten Diesen o a 769 E. im Militär-, Hof-, bürgerlichen, kir{lichen Dienste und in E 2 656

freien Berufen . ; zusammen „261572

Die Vertheilung der erwerbsthätigen Personen dieser Berufs- gruppe auf die vicr hauptsächlihsten Z-veige derselben ergiebt sid aus folgender Ucbersicht:

männlich weiblich zusammen

Handel8gewerbe 398 597 90 466 489 063 Versibermgoae e 6 607 48 6 655 Verkehrsgewerbe i 261 826 01 268 927 Oerbergs- und Schankgewerbe 99 097 47 984 147 061 zusammen. 768 127 145 579 911 706.

Nach ihrer Beruféstellung waren die in den vorstehenden Er- werbs8grupven thätigen Pcrfonen folgendermaßen gruppirt:

Selbstän- Verwal- Arbeiter bzw. im

dige und tungs-und Gewerbe thätige

Geschäfts- Aufsihts- Familien-Ange-

leiter personal hörige u. Dienende Handels8gewerbe 202/939 34 332 182 192 Bersicherunggewerbe. . . 2285 37832 638 Verkehr8gewerbe 40496 36678 186 758 Lerbergs- u, Scharkgewerbe 83 090 B 62 834 _zufammen 403 410 75 874 432 422

Demnach würden die Selbständigen und Geschäftsleiter 44,2 9%, das Verwaltungs- und Aufsictspersonal 8,3 0/0, die sonstigen Ar- beiter u. \. w. 47,5 9/ sämmtlicher in dieser Gruppe erwerbsthätigen Personen aus\ch{ließlich der persönliche Dienste Leistenden bilden. Au® dem Vergleiche mit den entsprechenden Ziffern der Gruppen A. und B. ergiebt si, daß in Gruppe C. die Zahl der selbständigen Personen und Geschäftsleiter eine außerordentlich hohe ift.

Die Verufssgruppe D. wird aus den häuslice Dienste aller Art leistenden Personen gebildet. Die in dieser Gruppe Erwerbsthätigen beziffern si auf 278 923, von denen 160 640 mäynnlice und 118 283 weibliche Personen waren. Erklärlicher Weise existiren in diefer Grupve weder „Selbständige“ noch „Geschäftsleiter“, ebenso nicht Verwaltungs- und Aufsitspersonal.

Viele dieser Berufsgruppe angehörige Personen hatten noch einen Nebenerwerb, und zwar waren net enerwerblich thätig:

in der Land- und Forstwirthschaft 35 512 im Bergbau und Hüttenwesen . .. ., , 1707 im Ga O S oe in Person Gen De 160 in Mititär-, bürgerlichen, kir{chlichen Diensten . 379

i zusammen 39 054

-— Ueber die Thätigkeit der Schievsmänner in Preußen im Jahre 1882 berichtet das ,„Justiz-Ministerialblatt“ Folgendes : Die Zahl der Schied8männer betrug Ende 1882 im Bezirk des Ober- landesgerihts: Berlin 1425, Breslau 3445, Cassel 1086, Celle 2510, Cöln 2221, Frankfact a. M. 886, Hamm 1525, Kiel 1136, Königs- berg 830, Marienwerder 543, Naumburg 1087, Posen 639, Stettin 607, in Summa 17 940, Die Zaÿl der bürgerlichen Rechts- streitigkeiten betrug im Ganzen .77 831 (und zwar: in Berlin 5966. in Breslau 8899, in (Lassel 8295, in Celle 14 643, in Cöln 12097, in Frankfurt a. M. 7077, in Hamm 1031, in Kiel 2211, in Königsberg 5256, in Marienwerder 1680, in Naumburg 6977, in Posen 1632, in Stettin 2977); die Zahl der Sachen, in welchen beide Theile zur Sühneverhandlung ersienen waren, betrug 59973; von diesen Sachen wurden durch Vergleich erledigt 46 068 (und ¡war in Berlin 3387, in Breslau 8563, in Cassel 4634, in Celle 9158, in Cöln 6665, in Frankfurt a, M. 4000, in Hamm 544, in Kiel 1164, in Königsberg 3210, in Marienwerder 1039, in Naumburg 3819, in Posen 953, in Stettin 1932). Die Zahl der Beleidi- gungen und Körperverleßungen (die im Iahre 1882 ron den Schied8männern verhandelt wurden) betrug überhaupt 205 914 davon in Berlin 29 175, in Breslau 36 712, in Caffel 8347, in

elle 15 279, in Cöln 16 334, in Frankfurt a. M. 7517, in Hamn 11 841, in Kiel 3770, in Königsberg 20 613, in Marienwerder 9738, in Naumburg 20 510, in Posen 16 315, in Stettin 9763); die Zahl der Sachen, in welchen beide Theile zur Sühneverhandlung erschienen waren, betrug 137 917; von diefen Sachen sind dur Sühneversuche mit Erfolg erledigt 81 100 (und zwar in Berlin 10 635, in Breslau 15136, in Cassel 3671, in Lelle 7370, in Cöln 5918, in Frankfurt a. M. 3036, in Hamm 4298, in Kiel 1650, in Königsberg 7581, in Marienwerder 3392, in Naumburg 8569, in Posen 5841, in Stettin 4003).

Kunft, Wissenschaft und Literatur.

Die Verlagsbuhhandiung von J. F, Weber in Leipzig hat das in den interessirten Kreisen wohl angesehene Werk von Carl B. Lorck: „Dié Herstellung von Druckwerken, praktische

Winke für Autoren und Buhhändler® \oeben in ciner neuen, der

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