1885 / 35 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Hüttenwerke beruft eine Generalversammlung ein, auf deren Tagesordnung die Frage der Liquidation des Unternehmens stebt.

Submissionen im Auslaude.

I. Dänemark.

25. Februar, Mittags. Direktion der Seeländisden Staats- bahnen. Lieferung von 66 800 Stück Schwellen. Bedingungen für die Lieferung und Beschreibung für das Imprägnirungsverfahren können im Komtoir des Ober-Ingenieurs auf dem Bahnhofe zu Kopenhagen in Empfang genommen werden.

II. Ftali en.

1) 16. Februar. Schiffsbau-Direktion des Il. Seedepartements zu Neapel. Lieferung von Blei in Scheiben, Klumpen, Röhren. Vor- ans{chlag 40 200 Lire. Kaution 4000 Lire.

2) 18. Februar, 3 Uhr. Artillerie-Direktion der Gießerei zu Genua. 4000 m Segeltuch (je 1500 m zu 805 und 760 mm und 1000 m zu 690 mm Breite). Voransch{lag 12 600 Lire. Kaution 1300 Lire.

3) 19, Februar. Rom. Generaldirektion der Eisenbahnen. Arbeiten und Lieferungen für Bau der Strecke Viareggio-Quiesa, auch der Eisenbabn Lucca— Viareggio. Babhnlänge 8428,86 m. Vor- anschlag 1 630 000 Lire. Kaution prov. 66 000, defin. 132 000 Lire.

4) 19, Februar, 10 Uhr. Artillerie- und Torpedo-Direktion des I. See-Departements zu Spezia. Papier und Kanzleigegenstände. Voranschlag 24 899,60 Lire. Kaution: 2500 Lire.

Die näheren Bedingungen an Ort und Stelle.

M. Desterteich.

23. par, Mittags. Wien. General - Direktion der österr. Staatsbahnen in Wien. Für den Bau der Linie Stryi— Beskid und die Station Strozi Lieferung von 6225 t Schienen, 428 t Winkellaschen, 58 t Laschenschrauben, 291 t Unterlagsplatten, 193 t Hakennägeln. Die näheren Bedingungen bei der Fachabtheilung für Bau- und Bahnerhaltung der General-Direktion,

IV. Spanien.

24, April. Cadiz. Sociedad cooperativa Gaditana de Fabri- cacion de Gas. Aufstellung der Pläne für cine Gasfabrik, welche eiwa 12 000 Flammen speisen kann, deren jede tägli etwa 600 1 Gas verbraucbt, sowie die nöthigen Röhrenleitungen. Die näheren Bedingungen in der Expedition des „Deutschen Reich8-AÄnzcigers“.

Verkehrs-Anstalten.

Bremen, 9. Februar. (W. T. B,) Der Damvfer ded Norddeutschen Lloyd „Fulda ift gestern früh in New-York, und der Dampfer „Amerika“ von derselben Gesellshaft gestern in Baltimore eingetroffen.

Hamburg, 10. Februar. (W. T. B.) Der Postdampfer „Suevia“ der Hamburg-Amerikanischen Pacetfahrt- Aktiengesellschaft bat, von New-York kommend, gestern Nach- miitag 6 Uhr Lizard passirt.

New-York, 9. Februar. (W, L. B) Der Dampfer „Helvetia“ von der National-Dampf\chiffs-Compagnie (G. Messingsche Linie) ist hier angekommen.

Berlin, 10. Februar 1885.

Das Reihs-Postamt hat gestattet, daß Sendungen an die in Reih und Glied stehenden Soldaten bis zum Feldwebel oder Wachtmeister einschließlih aufwärts, soweit diese Sendungen auf Porto- vergünstigungen Anspruch haben, vom Absender mit kleinen Zetteln von weißem oder gelbem Papier beklebt werden dürfen, auf welchen die Bezeichnung: „Soldatenbrief. Eigene Angelegenheit des Em- pfängers.*“ in s{chwarzem Drucke hergestellt ist.

Die Zettel können für alle derartigen an Soldaten 2c. gerichteten Sendungen Verwendung finden ; bei Postanweisungen und Begleit- adressen zu Packeten müssen diejelben in den für die Aufschrift be- stimmten Raum geklebt werden.

Die Briefmarken-Handlung von H. J. Dauth in Frankfurt a. M., Bilbelerstraße 29, hat die Massenanfertigung dieser Soldaten- briefmarken übernommen.

Der Deutsche Landwirthschaftsrath begann gestern die Spezialdebatte über die Tarifvorschlä ge der Referenten. Die Position 1: für Weizen und Roggen (früher 1 4) 3 4 per 109 kg Zoll zu fordern, gelangte einstimmig zur Annahme. Eine lange, lebhafte Debatte veranlaßte die Position 2, laut welcher die Referenten für Gerste, Mais und Buchweizen einen Zoll von 1 #4 50 - per 100 kg fordern, Mit 31 gegen 17 Stimmen wurde jedo bes{lossen : für Gerste und Buchweizen 2 4 und mit 28 gegen 21 Stimmen für Mais 1 M 50 $ pro 100 kg zu fordern. Für Hafer und Hülsenfrüchten sowie niht besonders genannte Getreidearten wurde ein Zoll von 2 Æ, für Anis, Koriander, Fenchel und Kümmel 3 M, für Raps. Rübsen und andere Oelsaaten 3 4, für frishe Wein- beeren 15 M, für neues Gemüse 5 4, für Malz 3 4 70 3, für getrocknete Cichorie, gedörrte Rüben 1 46, für Mühlenfabrikate aus Getreide und Hülsenfrüchten sowie ferner für geshälte Körner, Graupe, Gries, Grüge, Mehl, gewöhnlihes Backwerk und Backwaaren aller Art (früher 3 A6.) 7 M 50 S pro 100 kg zu forbern bes{lossen. Eire längere De- baite entspann sich hierauf über die Vieh- bezw. Fleishzöle, Es wurde beschlossen: für ausgescblachtetes, frisches und zubereitetes Fleisch, für Fleischertrakt und Tafelbouillon einen Zoll von 20 4, für nit lebendes Wild und Geflügel aller Art (bisheriger Satz 12 A) 30 M, für frische Fische 3 M, für gesalzene Fische (mit Aus- nahme der Heringe) 3 #4, für Kaviar und Kaviarsurrogate 150 M, für Austern, Hummern und Schildkröten ( bisher 24 A) 100 M, für Honig (bisher 3 A) 20 M pro 100 kg, für Pferde (bisher 10 4) 30 #, für Stiere und Kühe 9 4, für Ochsen 30 M, für Jungvieh 6 #, für Schafe 2 4, für Lämmer 1 M, für Kälber 3 M, für Scbweine 6 Æ, für Spanferkel 1 A pro Stück, für Butter (auch Kunstbutter) 30 46 und für Käse 20 # Zoll pro 100 kg zu fordern. Endlich wurde noch beshlofsen: für rohen Flachs einen Zoll von 2 4, für gehechelten Flahs 5 M, für Schaf- wolle a, im Shmuy 15 #4, b. Rückenwäshe 30 M, c. Fabrikwäsce 45 #4 pro 100 kg zu fordern. Sodann wurde die Sihung auf beut vertagt. / E

In der heutigen fünften und leßten Sitzung veranlaßten die Holzzölle eine lange, lebhafte Debatte.

Scließlih wurde ein Antrag angenommen, nach welchem Bau- und Nutßholz 1) roh oder bearbeitet, eihene Faßdauben, ungeshälte Korb- weiden und Reifenstäbe 30 H pro 100 kg oder 1 Æ 8 9 pro 1 fm, 2) mit der Art bewaldrehtet 40 „F pro 100 kg oder 2 M. 40 4 pro 1 fm, 3) in der Richtung der Längs8achse beslagen, ge- sägt 2c. 1 G pro 40 kg oder 6 H. pro fm, 4) nicht gehobelte Bretter, beschlagene oder gesägte Kanthölzer und ähnliche Sâge- und Schnittwaaren 2 Æ. pro 100 kg verzollt werben soll. q:

Im Weiteren gelangte der Antrag des Geh. Raths Prosefsors Dr. Stôckhardt und ferner folgender Antrag des Präsidiums: „Der deutshe Landwirthschaftsrath \spriht den verbündeten deutschen Re- gierungen für die Tarifvorlage besten Dank aus“ zur Annahme. Cin Antrag auf Einführung einer Brodtaxe wurde zurückgezogen. L Lans war die Diskussion über die landwirthschaftlichen Zölle

eendet.

Den folgenden Gegenstand der Tagesordnung bildete die Frage der Zuckersteuer Der diesbezüglide Referent, Graf von Lerchenfeld (Häfering) befür- wortete Namens der Kommission die Annahme folgender Resolution :

Der Deutsche Landwirthschaftsrath wolle beschließen:

„1) Wenn sich auch zur Zeit das Vorgehen der geseßgehenden Organe darauf wird beschränken müssen, die Verlängerung des Noth- geseßes vom 7. Juli 1884 für böchstens 2 Jahre herbeizuführen, so liegt do eine weitere dilatorische B:handlung der Zuckerbesteuerung8- frage nicht im landwirthschaftlibea Interesse.

2) Jedes Gesetz, durch welches die Zuckersteuer wesentlihe Aen- derungen erfährt, ift mindestens 1% Jahr vor der Inkrafttretung zu erlaffen.

3) Jede zu wählende Steuerform muß das Ziel verfolgen, den

einheimisben Konsum zu fteigern, weil nur dur stetige Vermehrung des inländischen Verbrauchs eine dauernde Prosperität der landwirth- s{aftlihen Zuckerindustrie zu erwarten ist. __ 4) Die im Jahre 1884 gewählte Zuckersteuerkommission besteht in ihrer jeßigen Zusammenseßung fort, um bei der bevorftehenden Aenderung der Zuckersteuer die landwirthschaftlichen Interessen bei den gesetzgebenden Faktoren zu vertreten.

5) Der Landwirthschaftsrath überweist den Antrag Knauer dieser Kommission als Material für ihre weitere Berathung und eventuelle Beschlußfassung. *

Diese Resolution wurde fast einstimmig angenommen. Die Tagesordnung war damit ers{chöpft, und der Vorsitzende von Wedell- Malchow {loß hierauf mit cinem dreifahen Hoch auf Se. Ma- jestät den Kaiser, die deutshen Bundesfürsten und die freien deutschen Reichsstädte die dreizehnte Sitßzungsperiode des deutschen Landwirthschaftsraths.

Die am Sonntag, den 22., in Berlin (im Arcitektenhause) stattfindende zweite ordentliche Generalversammlung des Deutschen Kolonialvereins hat durch verschiedene Punkte der Tagesordnung (von der wir dur die „Deutsche Kolonialzeitung“ Kenntniß erhalten) für seinen Über ganz Deutschland verbreiteten Mitgliederkreis ein hohes Interesse, ja eine große Tragweite in Bezug auf seine dem- nächstige Thätigkeit. Besonders aus Nord- und Mitteldeutshland ist daher eine anschnlibe Betheiligung zu erwarten, wie auch sämmtliche Zweigvereine und Sektionen (ungefähr 35) durch Delegirte vertreten sein werden. Das außerordentli schnelle Wachsthum des Vereins in zweijährigem Bestehen auf ca. 9500 Mitglieder wie die Bildung der vielen Zweigvereine machen eine Neugestaltung der Satungen nothwendig; bierbei wird aber auch von verschiedenen Seiten beantragt, den Sitz des Deutschen Kolonialvereins von Frank- furt a. M. nach Berlin zu verlegen. Die Motive, die hierfür von dem Zweigverein Chemniß angeführt werden, betonen, daß die Thätigkeit des Vereins die praktishe Lösung der Kolonialfrage in nächster Zeit in Angriff nehmen müsse, daß diese Aufgaben aber angesihts der Ent- wickelung der deutschen Kolonialpolitik den Kolonialverein, als den bedeutendsten Träger tieser Bewegung, dazauf hinweisen, in der Reichs- Hauptstadt selbst seine Bestrebungen zu centralisiren, wo die einfluß- reichen Strömungen fich vereinigen. Von anderer Seite (es ift der Mittelbadiscbe Zwcigverein) wird die Uebersiedelung nach Berlin noth- wendig erachtet, um die Auswanderungsfrage als die zunächst dringlihste unter fortwährender Fühlung mit ten leitenden Faktoren des Reiches lösen zu können. Von ganz besonderem Interesse wird aber die si an den Antrag des Professor Dr. Fisher-Marburg knüpfende Diskussion werden, welcher die Thätigkeit und die Aufgabe des Vereins nach der praktischen Seite hin erweitern will, insbesondere durch „Errichtung einer aus erprobten sih aus\s{ließlich dieser Thätig- keit widmenden Kräften gebildeten Ka nzl ei als ciner allgemeinen, ohne Entgelt Jedermann zugänglichen Vorbereitungs- und Aus8kunfts- stelle für private überseeische Unternehmungen Deutscher“. Wenn nun dieser Antrag schon bei seinem ersten Bekanntwerden auf der Eisenacher Versammlung großen Sympathien begegnete, so wird er es jeßt um so mehr, als derselbe nunmehr eine Erweiterung dahin erfahren hat, daß diese zu bildende Kanzlei als eine Centralstelle für im ganzen Reich zu errichtende Auskunftsstellen zu organisiren sei, wel? letztere besonders der Einwirkung der Auswanderer - Agenten entgegen zu arbeiten berufen sein sollen. Endlich wird die Generalversammlung des Deutschen Kolonialvereins aber noch die für den überseeischen deutschen Handel so Überaus wichtiae Währungsfrage zur Be- sprechung bringen. Wie wir hören, hat Hr. Ober-Bürgermeister Dr. Miquel. Frankfurt (Vize-Präsident des Kolonialvereins) das Referat hierüber übernommen.

Von der Kommission für den Bau des Keftner-Museums in Hannover werden die im Deutschen Reich ansässigen Architekten bur) ein eben veröffentlihtes Preisaus8schreiben zur Betheili- gung an einer öffentlichen Konkurrenz eingeladen, zu welcher die Ent- würfe bis zum 1. Juni d. I. an den Magistrat der Stadt Hannover einzureichen sind. Das 1u errichtende Gebäude, das dazu bestimmt ist, die von dem Hrn. H. Kestner dec Stadt überwiesenen Kunst- sammlungen aufzunehmen, soll seinen Plaß in den Anlagen am Friedrihêwall erhalten, nach den Bestimmungen des Stif- ters in echtem Material unter Verziht auf jede nicht nothwendig erforderlihe Dekoration durch Ornamentik, Malerei oder Plastik im Renaifsancestyl ausgeführt werden und in drei Geschofsen eine in dem Programm nach Bestimmung und Umfang eingehend spezialisirte Reihe von Sammlungs-, Biblio- theks- und Diensträumen umfassen. Diz Baukosten dürfen den Betrag von 236 000 # nicht überschreiten, wobei jedoch die Kosten für die innere Einrichtung zur Unterbringung der Sammlungs8gegen- stände und diejenigen für die Anlage der geforderten Centralheizung ausges{lossen bleiben. Außer Situationsplan, Erläuterungsbericht und Kostenanschlag werden an Zeichnungen die-Grundrisse sämmtlicher Geschosse, die äußeren Ansicßten des Gebäudes und die zur Erläute- rung des Projekts erforderlihen Durchschnitte in vorgeschriebenen Mafßstäben gefordert, während eine perspektivishe Ansicht vom Friedrib8wall aus als erwünscht bezeinet wird. Für den relativ besten Entwurf ift ein Pceis von 2000 4, für den zweitbesten ein Preis von 1000 #4 ausgeseßt und der Ankauf weiterer Entwürfe zu je 500 Æ vorbehalten. Nach erfolgter Entscheidung dur die aus dem Geheimen Regierungs-Rath Hase, dem Ober-Baurath Mithoff, den Malern Kestner und Laves, dem Rechtsanwalt Fischer und dem Stadt-Baurath Bokelberz in Hannover sowie dem Baurath Professor Ende in Berlin bestehenden Jury werden sämmtliche Entwürfe im Rathhaus zu Hannover öffentlich ausgestellt werden. Ausführliche Programme werden auf Verlangen von dem Stadt-Baurath Bokel- berg übersandt. L

Der Lokalaus\{chuß des Vereins zur Besserungentlassener Strafgefangener tagte gestern unter Vorsiß des Geheimen Ober- SFustiz-Raths Starke im Präsfidialsaal des Landgerichts in der Jüden- straße. Die Versammlung erörterte namentlih die Frage, wie man fich zu der evangelischen Vereinigung zu tellen habe, die fi behufs Pflege der Entlassenen gebildet hat. Die Nothwendigkeit einer größeren seelsorgerischen Thätigkeit, namentlich den jugendlihen Straf- entlassenen gegenüber wurde allseitig anerkannt, zuglei aber besonders von Pastor Torfsteher betont, daß die Geistlichen felbst, bei der Uceberhäufung mit Arbeit, der sie in Berlin ausgeseßt scien, wohl kaum \sich noch diesem Zweige der Thätigkeit widmen könnten. Die neue evangelishe Vereinigung, die, wie Ober-Inspektor Homuth mittheilte, für jede Parochie einen Pfleger bestellen wil, könne somit in der That eine große und segensreiche Wirksamkeit entfalten, wenn sie Hand in Hand mit dem Verein gehe; eine Zersplitterung der Kräfte müsse jedoch im Interesse der Sache unter allen Umständen vermieden werden. Gerade dem Ver- brecberthum gegenüber sei, wie der Vorsitzende hervorhob, eine einheitliche Operation nöthig, um ciner Ausbeutung der Wohlthätigkeit vorzubeugen. Es gelte vor Allem, die von den verschiedenen Organen gesammelten Mittel einheitlih zu verwenden, und es empfehle sih das auch aus dem Grunve, weil die armen Gemeinden gerade die meisten, die reichen die wenigsten Strafentlassenen in sih s{lössen, die Strafentlassenen im Allgemeinen au einen stark fluktuirenden Bevölkerungstheil bildeten. Ober- Inspektor Homuth theilte hierauf mit, daß die evangelische Vereinigung ‘in der That beabsichtige, aus den von den Kirengemein- den aufgebrahten Mitteln den Verein zu subventioniren, und daß die Pfleger streng angewiesen werden sollen, außer tin Fällen aller- dringendster Noth keine Unterstüßungen zu bewilligen, ohne sich vor- her mit dem Verein in Verbindung geseßt zu haben. Diese Mit- ibeilung wurde mit größter Befriedigung aufgenommen und der Hoff- nung Ausdruck gegeben, daß das gemeinsame Wirken von immer ge- fegneterem Erfolg begleitet sein möge. Lehrer Brosche regte dann noch an, auch die Waisenräthe für die Beaufsichtigung der Jugend- lichen zu gewinnen. Was die Thätigkeit des Vereins betrifft, so ist namentlich das Arbeits-Nachweise-Bureau wieder fehr in Anspruch

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enommen worden. Zumeist meldeten fich tägli über 100 Arbeit- A nbe. Neu wurden in die Listen des Bureaus 402 Per- sonen eingetragen; Arbeit fonnte [leider nur 206 na- gewiesen werden. Eine neue Arbeitsftätte hat sich dem Verein im Grunewald ershlofsen ; die Leute verdienen dort täglich etwas über 2 Von mehreren Seiten sind dem Verein alte Kleidungsstücke überwiesen worden, die er für seine Pfleglinge gerade jetzt sehr gut verwerthen kann. In die Abtheilung der Jugendlichen wurden 3 Entlassene neu aufgenommen; alle drei waren vateclos und nur in Folge mangelnder Erziehung auf den Weg des Verbrecens geführt worden.

Der Berliner Kindersbußverein hielt gestern Aber unter Vorsitz des Hrn. v. d. Wyngaardt im Bürgersaale des Rath- hauses seine dieéjährige Generalversammlung ab. Der Verein hat, wie der Bericht konstatiren konnte, aud im vergangenen Jahre eine segensreihe Wirksamkeit entfalten können. Leider ift die Zahl der Mitglieder etwas zurückgegangen ; 52 traten aus. nur 38 gewann der Verein neu, sodaß er jeßt nur 1042, gegen 1056 Mitglieder im Vor- jahr, zählt. Am Wedding sowie in der Rosenthaler und Shön- hauser Vorstadt macht sich vor Allem der Mangel an Pflegedamen wie auch von Herren als recherirenden Mitgliedern geltend. Die Einnahmen aus den Mitgliedsbeiträgen betrugen 5397 4 An ein- maligen Beiträgen gingen von 324 Wohlthätern 487 A ein, an Ge- schenken wurden 240 M überwiesen. Die zum Besten des Vereins veranstaltete Matinée brachte 870, der Bazar 4461 #4. Erträge an Pflegegeldern wurden 7962 vereinnahmt, sodaß die Gefammteinnahme, eins{ließlih der 2538 4 Zinsen und einiger kleiner Posten, die Höhe von 23 502,70 M erreihte. Durch diese Mittel wurde der Verein in die Lage versetzt, 154 Kindern (4 mehr als im Vorjahr) seinen Schutz angedeihen zu lassen. Davon verstarben im Laufe des Jahres 34, ein höberer Prozentsaß wie sonst, troßdem sich im Allgemeinen die Sterblichkeitsziffer in Berlin günstiger gestaltet hat; der überaus traurige Zustand, in dem die Kinder zumeist dem Verein übergeben werden, mag wohl die Ursache dieser Er)|cheinung scin. Aus der Pflege entlassen wurden 42, und zwar 6, weil die Verhältnisse der Muttec sich gebessert, eins, weil die Mutter Berlin verließ, 10, weil die Mütter hbeiratheten (und zwar in 3 Fällen den Vater des be- treffenden Kindes), 3 wurden in cin Waisenhaus gebracht, und 13 Kinder wurden entlassen, weil sie das dritte Lebensjahr erreicht hatten; 6 davon verblieben bei ihren bisherigen Pflegeeltern. 4 Kinder fonnten den Vätern zurückgegeben werden, nachdem diese sich wieder verheirathet batten, und der Rest wurde ven den Angebörigen aus sonstigen Gründen, zurückgefordert. Es blieben somit am 1. Januar 78 Kinder in der Pflege des Vereins. Verausgabt wurden für die Kinder 15 840 M an Pfleggeldern, 715 4 an Arznei und Stärkungs- mitteln, 428 4 an Honorar für ärztlihe Bemühungen und 261 M zum Ankauf von Kleidungsstücken; 3066 4. erforderte die Verwaltung, 555 (6 die Veranstaltung des Bazars. Die Gesammtausgabe belief sih auf 22 532,50 4; es blieb somit ein Uebershuß von 970 20 4; in Folge dessen wuchs das Vermögen des Vereins von 57 932 M. 60 S auf 58 902 A 80 4$; 53500 A find davon als eiserner Fonds reservirt. Die bisherigen Mitglieder des Vorstandes wurden wieder gewählt, eine noch vorhandene Lücke auszufüllen dem Vorstande jedo felbst überlaffen.

Im Verlage der Optischen Industrie-Anstalt von Schulze und Bartels in Rathenow erschien eine Schrift, welhe von einer neuen interessanten Erfindung handelt, nämlich einem Avparat zum Unhörbar- machen von Tônen und Geräuschen. Der Erfinder, M. Pleßner, hat demselben den Namen „Antiphon“ gegeben. Der Erfinder, zugleih Verfasser der Schrift, führt in derselben aus, daß sich bei der stetigen Zunahme geräus{vollen Verkehrs in allen größeren Verkehrscentren und der dadurch verursachten Ueberreizung der Gehörnerven das Bedücfniß rah einer Vorrihtung immer dringender fühlbar mache, mittelst deren man in den Stand geseßt werden könne, inmitten dieser Geräusche Stille um sih her zu schaffen. Es müsse daher als eine dringende Aufgabe der Gegen- wart bezeichnet werden, Abhülfe zu {afen gegen eine Vollkommen- heit des akustischen Sinnes, welche sih allmählicþ als unbequem zu erweisen beginne. Ein solcher, allen berechtigten Ansprüchen genügender Nothbehelf fei nun nah Angabe des Verfassers gefunden worden in Gestalt dieses kleinen, den äußeren Gehörgang lustdiht abschließenden Apparats,

welcher in Art eines Wellenbrehers die Brandung heftiger Luftoscillationen briht, ehe sie das Trommelfell erreicen.

Das Instrument, welches mit Leichtigkeit in der Ohr- muschel felbst befestigt und wieder daraus entfernt werden kann, und ährliche Dienste für den Gehördienst zu verrichten bestimmt ist, wie sie die Augenlider dem optishen Sinne leisten, {wäche die Schallwellen, ohne sie absolut unhörbar zu machen, doch in so beträchtlihem Maße ab, daß Töne und Geräushe von mäßiger Intensität thatsählib unhörbar gemacht werden könnten. Jedes direkte Erschüttern des Trommelfells werde durch eine am unteren Ende des Antiphons befindliche, den äußeren Gehöraang luftdicht abschließeude hohle Kugel verhindert, während das obere Ende des Instruments in der etigentlihen Ohrmuschel Aufnahme findet, und, voa der Gegenleiste der Aurikel umfaßt, in einer solchen Lage erhalten wird, daß ein jedes Berühren des Trommelfells ausgeschlossen ist, Was die Form des Antiphon betrifft, so ergab sich als praktisches Resultat einer größeren Anzahl von Konstruktionsversuchen ein Apparat von ankerartiger Gestalt, nur daß an Stelle der Ankerarme eine Kugel, und an Stelle des Ankerstockes eine halbmondförmige Scheibe an dem diese Theile verbindendenShafte befestigt sind. Die Sehne der halb- mondförmigen Scheibe mußte dabei an beiden Enden nah oben zu etwas ausgebauht werden zu dem Zweck, um Naum zu bieten für das vordere Ende der bei vielen Personen in eine \{harfe Spiße aus- laufenden Ohrenkrempe; ein in der Scheibe befindliches Loh dient zum Aufhängen des Apparats an einem kleinen Karabinerhaken, sodaß man denselben zu stetem Gebrauch bereit halten kann. Die An- fertigung und der Engrosvertrieb der Antiphone ist von dem Erfinder der optischen Industrie-Anstalt von Schulze u. Bartels in Rathenow anvertraut worden, Die Antiphon-Erfindung is dur deutsches Neichspatent ges{hütt.

Im Circus Renz üben die „lustigen Heidelberger" immer noch die gleiche Anziehungskraft, Die Galavorstellung am Sonn- abend war wieder besonders glänzend ausgestattet. Das hippologische Potpourri, die staunenswerthen Tremplinsprünge, die Schulpferde und die eleganten Reiterproduktionen waren im Stande, das zahl- reich versammelte Publikum über drei Stunden zu unterhalten.

Der diesjährige Fastnachtsball im Krollsc{en Eta- blissement, am Dienstag, den 17. Februar, wird sich dur eine besonders anziehende Neuerung auszeihnen. Es werden nämli eine Reihe lebender Bilder nah Meisterwerken von Rubens, Thorwaldfen, Canova und Mafkart zur Vorführung gelangen und von der für diesen einen Abend engagirten Damengesellschaft „Excelsior“ aus Wien, unter Lei- tung des Hrn. Joseph Maizenovia gestellt werden. Makarts „Jagd- zug der Diana“ und die allegorishe „Blumenfontaine“ dürften ein hervorragendes Interesse erregen.

Nedacteur: Riedel.

Verlag der Expedition (Scholz). Druck: W, Elsner-

Sieben Beilagen (eins{ließlich Börsen-Beilage).

Berlin:

-

Erste Beilage

zum Deutschen Reihs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staats-Anzeiger.

M 3D

Berlin, Dienstag, den 10. Februar

Deutsches Neich.

Nam. Un g der in der Zeit vom 1. Januar bis 31, Januar 1885 innerhalb des deutschen Zollgebiets mit dem Anspruch auf Zol-

und Steuervergütung abgefertigten Zulkermengen. 1)

——

Le:

Menge des abgefertigten Zuckers.

Kandiszucker und Zucker in weißen vollen harten Broden, (Nr. 697 des ftatistischen Waarenverzeichnisses)

Staaten,

Aller übrige harte Zucker, sowie alle weißen trockenen Zucker in Kryftall- , Krümel- und Mehlform von mindeftens 98 9/9 Polarisation

Rohzucker von mindestens 88 9/9 Polarisation (Nr. 999 des statistischen Waarenverzeichnisses)

bezw. (Nr. 698 des statistischen Verwaltungs- Waarenverzeichnisses) Be prx T6 Mes in in in in N der Zeit | der Zeit | der Zeit | der Zeit der Zeit | der Zeit | l. Jan. bis 16. big | sammen |1 Zan, bis| 16. bis | Wsammen | 1, Fan. bis | 16. bis | sammen 16. Ian. 31. Jan; 15; Jait; | 31, Zan. 10, Ban. | 31, Jan. || f S M kg kg kg kg G e 1 ke Of Mes | | | | rovinz Ostpreußen . S S G } a F L A é n -— | 4 617 321| 5 899 917) 10 517 238 e as f l f —- L at migih 0 316 389 188 N 504 628 10 000 10 000 20000} 2966 582| 2148 A 5 114 678 J G =— } S l = s j Sen iiiaie bu f | |1634800/ 1634800 6 Sachsen etns(tiezUch der N } | j Schwarzb.Unterherrschaften| 1007 036| 1185 376| 2 192412} 464841| 341687| 806528] 3446212| 1549 182) 4 995 394 i Schleswig-Holstein. 330421 8317258) 647679] 1535410| 470175) 2005 585] 18145 124 6 448 243| 24593 367 Gr C 552 3 249} 3801| 625942 538755] 1164697| 8668 70710038 678] 18 707 385 : Wesssalin : A 4 739 4617 9356] 4 S -| _— ¿ essen-Nassau j | L f = P eiu 7238363) 437 957) 1 160 620 64 425) 64 425 569 735|/ 1109 591/1679 326

Sa. Preußen

E 293 005 334 958 627 963 Saiten 4 —- 6 465) 6465 Württemberg 9919 9 711} 19 630 Baden ¿ —_ 69 931) 69 931 Hessen _ f

O E a Thüringen, eins{ließl. d. Großh. sächsischen Aemter Allstedt und U L e Oldenburg N Ua a 01 S Elsaß-Lothringen . Wm bUrE 5

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1266 682| 1473 088| 2739 7701 21 395 042/24 879 534! 46 184 576

1) Die Nachweisung bezieht fi auf diejenigen Zuckermengen, welche zum Export oder zu einer öffentlichen Niederlage abgefertigt und dadur dem inländischen Markte entzogen worden sind, nicht also auf die wirkli zur Ausfuhr über die Zollgrenze gelangten Mengen.

Kaiserliches Statistisches Amt.

Berlin, den 7. Februar 1885.

Be

der.

Nichtamtliches.

Preußen. Berlin, 10, Februar. Jm weiteren Ver- lauf der gestrigen (16.) Sißung des Hauses der Ab- geordneten bemerkte bei fortgeseßter Berathung des Kap, 29 des Etats des Ministeriums für Handel und Gewerbe der Abg. Dr. Enneccerus, die Zusammen- fassung des gesammten technishen Unterrichtswesens in einer Hand sei gewiß von Bedeutung, Aber für die gewerblichen Schulen mittleren Grades und die Fortbildungsschulen ent- shieden doch die technischen, praktishen Gesichtspunkte, wie sie in der Denkschrift dargelegt seien. Mit allen den Dingen, die bei denselben am meisten ins Gewicht fielen, wisse der Handels- Minister am besten Bescheid. Am s{chwersten werde ihm (dem Redner) die Uebertragung der Fortbildungsshulen. Denn er könne den idealen Gesichtspunkt nur theilen, daß dieselben eine Fortseßung der allgemeinen Bildung gewähren sollten. Gegen- wärtig fungirten fie aber thatfählich zum großen Theil als Fahschulen, und gerade deswegen scheine die Uebertragung angezeigt. Lebhafte und tiefgehende cFnteressen sprächen aber gegen eine Trennung der tehnishen Hochschule von dem Kultus-Ministerium, und er begrüße es mit Freuden, daß von Seiten des Handels-Ministeriums diesem Vorschlage widersprochen worden sei. Die tehnischen Hochshulen sollten an ihre Aufgabe von dem höchsten wissenschastlihen und künst- lerishen Standpunkt herantreten, und deshalb müsse der Zusammenhang mit demjenigen Ministerium aufrecht erhalten werden, welches die Pflege der wissenschastlihen und künst- lerishen QJnteressen zur Aufgabe habe. Er fürchte, tine Verflahung des Gewerbebetriebes wäre sonst die Folge. Wer die Fülle seines künstlerischen Könnens in den Dienst der kleinen Handwerks- arbeit stelle, werde kaum Abnehmer finden und auch mit seinem Geiste das nicht erreichen, was ihm sonst für die Kunst selbst und das Kunsthandwerk zu leisten ermöglicht sei. Einer Zurückbrängung des klassishen Alterthums aus den

ymnasien widersprehe er ganz entshieden. Das Gewerbe- museum habe nicht die Aufgabe, Muster aufzustellen, welche Unmittelbar nacgebildet werden könnten, sondern Vorbilder ¿u sammeln, wobei in erstem Maße die künstlerishen und at die praktishen Gesichtspunkte maßgebend seien. Daß araus, daß der künstlerishe Geschmack gehoben werde, au Fwerbliche Vortheile erwüchsen, sei ja rihtig. Aus -diesen künden befürworte seine Partei das Festhalten an der deroindung des Kunstgewerbe-Museums mit der Kunst und êmjenigen Ministerium, dem die Pflege der Kunst obliege.

Der Titel wurde bewilligt. :

A Bei Titel 1 der Ausgaben, Minister ohne Gehalt, be- erfte der Abg, Büchtemann, er möchte die Aufmerksamkeit 6 Hauses auf die von der Regierung beabsichtigte Bildung

von Gewerbekammern lenken, welche, nachdem Reichstag und Landtag den Volkswirthschaftsrath abgelehnt, jegt als Schatten des Volkswirthschaftsraths in jedem Regierungsbezirk wieder auftauchen sollten. Die Motive in den Vorlagen an die Provinzial-Landtage nähmen darauf Bezug, daß es ih darum handle, dem preußischen Volkswirthschastsrathe lokale Organi- sationen zur Seite zu stellen. Die schon bestehenden derartigen Organisationen seien ihres einseitigen Gesichtspunktes wegen für diesen Zwoeck nicht geeignet, da es wesentlich auf einen Aus- gleich unter den verschiedenen Jnteressengruppen ankomme. Ob die Organisation aber, sowie sie gedacht sei, mit Erfolg ins Leben treten könne, sei zweifelhaft. Eine dauernde Bestimmung über das Verhältniß dex Vertretung derjenigen Branchen, welche zu einer Gewerbekammer zusammentreten sollten, also der Land- wirthschast, der Jndustrie, des Handels u. #. w., sei in dem Entwurfe nicht gegeben, diese Bestimmung vielmehr dem Sei- tens des Ministers zu erlassenden Reglement vorbehalten. Es sollten die Mitglieder niht aus dem Fateressentenkreise felbst gewählt werden, sondern zur Wahl sei der Provinzial-Landtag berufen. Daß dieser die beste Jnstanz dasür sei, sei shon in den einzelnen Provinzial-Landtagen vielfach bestritten worden. Am eigenthümlichsten aber sei es, daß die Zusammenseßung der Gewerbekammern nah Regierungsbezirken erfolgen folle, obwohl sich doch diese mit denjenigen Distrikten, deren zweck- mäßige Vertretung herbeigesührt werden solle, durhaus nicht deckten. Diese ganze Organisation mache auf scine Partei den Eindruck, daß hier lediglih wieder eine Fnstitution auf andere bereits bestehende gepropft werden solle. Man habe aber deren {hon genug. Geseßlich beständen bereits die Handelskammern. Eine wirkliche Ausgleihung der Jnteressen finde aber doch nicht statt. Wenn solche Korporationen zujammenträten, wenn sie zur Ausgleichung aller Jnteressen eine für alle Branchen gemeinschaftliche Abstimmung vornehmen sollten, dann würden jedesmal von den vier vertretenen Branchen drei als Nicht- fjahverständige mitstimmen. Der sogenannte Ausgleih der Interessen werde also zum Theil auf Kosten der Wahrheit stattfinden. Die Wahrheit selbs könne nur durch Rae enqueten oder dadurch vermittelt werden, daß die einzelnen Zweige sih freiwillig organisirten. Nun habe man ja für die andwirthshaft den Landwirthschastsrath, man habe die Handelskammern , die Jnnungen mit ihren Ausschüssen und Jnnungsverbänden, man habe die freiwilligen Ver- bände vieler und bedeutender industrieller Branchen, w0- her wolle man denn eine bessere Organisation als von diesen nehmen? Das von ihnen gelieferte Material sei ja das Material der Jnteressenten, das wisse man und solle man wissen, es sei nur bis ju einer gewissen Grenze zuverlässig, aber die Grenze dieser Zuverlässigkeit werde durch viele neue Art der Majoritäts- bildungen verwisht. Die Majorität sei in diesem Falle nur ein formelles Mittel, um die Wahrheit festzustellen, Ein

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innerer Zusammenhang dieser Kammern mit den Provinzial- verbänden bestehe auch nicht, werde vielmehr in den Motiven als wünschenswerth hingestellt, nur bezüglich der Wahl und der Aufbringung der Kosten werde dieser Zusammenhang konstruirt. Ja der That sei denn auch die neue Einrichtung eine rein staatliche, die den Provinzialbehörden nur zum Zweck der Kostentragung zugewiesen werde. Aber auch die Géseß- mäßigkeit dieses Verfahrens sei ihm zweifelhaft. Die Pro- vinzial-Landtage seien gar nicht berehtiat, Beschlüsse über die Wahlen und über die Uebernahme der Kosten auf die Pro- vinzen zu fassen. Jn Bezug auf das Dotationsgeseß sei das völlig unzulässig, wie auch der Provinzial-Landtag von West- preußen fast allseitig anerkannt habe, und auch die Provinzial- ordnung enthalte durhaus nichts, was die Provinzial- verbände dazu berechtigte. Der nafssauishe und der Caffeler Kommunal - Landtag dagegen hätten die Vor- lage abgelehnt, die Landtage von Westpreußen, Pommern und Hannover hätten zugestimmt. Nach diesen divergirenden Ent- scheidungen s{chwebten die neuen Kawmern ers recht in der Luft. Der Staat habe offenbar eine Aufgabe, welche durh- zuseßzen im Reichs: und Landtage ihm nicht gelungen sei, den Provinzen zuschieben wollen, um auf diese Weise die Kosten aufbringen zu lassen. Diesen Standpunkt halte er dem preußischen Landtage gegenüber nicht für den richtigen, und bedauere, daß auf dem Wege treg der zu befürchtenden Kollision weitergegangen sei. Es würden Behörden auf Behörden auf- gebaut, ohne daß man den Zweck sehe. Sei denn die wirth- \chaftlihe Regierungspolitik so s{wach, daß sie solhe Zu- sammenkoppelungen brauche, um sich Zuftimmung zu ver- schaffen? Der richtige Weg wäre gewesen, dem Landtage eine umfassende Vorlage zu machen.

Hierauf entgegnete der Staatssekretär Dr. von Möller: Die Regierung verhandele über den vom Vorredner be- rührten Gegenstand gegenwärtig niht mit dem Landtage, sondern mit den Provinzial-Landtagen; die Verhand- lungen seien noch nicht abgeschlossen, und er würde besorgen müssen, durch ein Eingehen auf die Ausführungen des Vorredners präjudizirend in die Entschließungen derjenigen Landtage einzugreifen, welche sich noch nicht s{lüssig gemacht hätten. Solches wünsche er durchaus zu vermeiden, da die Beschlußfassung der Landtage eine durchaus freiwillige sei. Es werde ihnen keine Verpflichtung auferlegt oder angesonnen, sondern es hänge von ihrer freien Entschließung ab, ob sie dazu beitragen wollten, daß die Gewerbekammern ins Leben träten. Nur auf die juristishen Einwände gehe er etwas näher ein. Es sei keineswegs die Absicht, den Handels- kammern den Boden ihrer Wirksamkeit zu entziehen; ihre Stellung werde sich vielleicht etwas modifiziren, sie würden in Zu- kunft wieder mehr sein, was sie ursprünglich sein sollten : Spez1al- vertretungen der Handelsinteressen; einen wesentlihen Abbruch an ihren Befugnissen würden sie aber nicht erleiden. Die erste Anregung zu der Schaffung von Gewerbekammern sei gerade von einer Handelskammer ausgegangen, welche die Unzulänglichkeit der bisherigen Einrichtungen erkannt hätte. Auch bezüglih der Bestimmungen der Provinzialordnung set die Nechtsauffassung des Vorredners irrig; sie enthalte nichts, was die Provinzial-Landtage hindern könnte, die vorgeshlagenen Beschlüsse zu fassen. Die Provinzialordnung spreche in ihren verschiedenen Paragraphen von Angelegenheiten, besonderen Einrichtungen und von Jntexessen des Provinzialverbandes, und zwar ganz algemein; eine ershöpfende Definition sei mrgend gegeben, sie fehle und müsse fehlen, wenn man der Selbstverwaltung nicht ganz unmotivirte Schranken seten wolle. Nur aus der Natur der Sache heraus könne also beurtheilt werden, was eine An- gelegenheit des Provinzialverbandes sei und was nicht. Zwischen den Angelegenheiten rein lokaler und rein allgemei- ner Natur liege ein weites Gebiet solher Dinge, welche \ih sowohl zur provinziellen als zur staatlihen Behandlung eigneten, und zu diesen zähle die Fnstitution der Gewerbe- kammern. Bei ihnen handele es sih keineêwegs um Ange- legenheiten allgemeiner Art eine solche sei der Volkswirth- schaftsrath gewesen —, sondern um die Schaffung von Fn- stitutionen mit lokal begrenzter Wirksamkeit, um die wirth- \chastlihen Junteressen dieser beshränkten Gebiete zu vertreten und der Regierung gegenüber zur Geltung zu bringen. Es stehe z. B. auch in keiner Städteordnung etwas von der Befugniß der Städte, Gymnasien zu errichten; fände sih keine Stadtgemeinde, die die Kosten dafür tragen wollte, so würde das eine reine Staatsangelegenheit sein. Nun würden aber doch seit fünf Dezennien immerfort neue städtische Gymnasien errihtet. Man dürfe also ebenso wenig, wie es hinsih!lih der Städteordnungen geschehe, die Pro- vinzialordnung zu eng interpretiren. Der Ober- wie der Negierungs-Präsident brauchten einen sachverständigen Beirath in wirthschaftlihen Angelegenheiten, namentlih in solhen Be- zirken, wo die verschiedenen Erwerb2gruppen mit einander in Konflikt träten; durch Spezialenqueten fei die Herbeiführung einer Ausgleihung der Jnteressen niht möglih. Von der Wahl der Mitglieder durch die Jnteressenten selbst habe die Regierung Abstand nehmen müssen; welche Unsummen von direkten und indirekten Wahlen würden entstehen, wenn die sämmtlihen großen und kleinen Fndustriellen, sämmtliche Handwerker, sämmtlihe Kaufleute, sämnit- lihe Landwirthe zu folhen Wahlen aufgeboten wür- den? Zur Erlangung unabhängiger Wahlen hätten \ich die Provinzial-Landtage als das einfachste Mittel dargeboten ; an der Möglichkeit, daß es diesen Vertretungen gelingen werde, die richtigen Persönlichkeiten auszusuchen, könne nicht mit Grund gezweifelt werden.

Der Abg. Dr. Wehr spra sich dahin aus, wolle man die Provinzialordnung so eng interpretiren, wie der Abg. Büchtemann empfehle, dann würde man in den Provinzial- Landtagen bei jedem zehnten Gegenstande sih nah der Berechs tigung, sich mit ihm zu befassen, zu fragen haben. Er müsse sich wundern, daß gerade von der linken Seite, welche fih immer darüber beklage, daß. das Maß der Selbstverwaltung viel zu gering sei, jeßt der Vorwurf erhoben werde, daß man den Prooinzialverbänden zu viel Freiheit geben werde. Diese

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