1885 / 53 p. 6 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

dur das Volk selbs ein fris{er Zug na dieser Richtung ging; aber i habe nit gefunden, daß er in der Majorität des Reichs- tages Widerklang gefunden hätte. Wenn wir dahin kämen, daß der Reichstag cine Kolonialpolitik, zu der die Regierung zögernd und vor- fibtia \<reitet , seinerseits ihr empfiehlt, darauf drängt, sie mahnt, ja dann wäre unsere Situation eine ganz andere. Statt dessen \ind wir und damit will i< keinen Vorwurf machen, Sie wissen ja, warum Sie s thun in diesen kolonialen Fragen im Ganzen doch nur einer zögernden, dila- torischen Behandlurg begegnet. Die Majorität in der Kommission hat dur ibre Fragen, die wir wenigstens nit beantworten fonnten, dur die ganze Behandlung der Sache in ihren Sitzungen, und au cie Beschlüsse des Plenums baben uns nit den Eindru> gemacht, als ob in der Majorität des Reichstages ein Enthusiasmus für die foloniale Entwickelung des deutschen Volkes vorhanden wäre. Jh verlange keine „Scüßenhausftimmung“, wie das hier geringshäßig bezeihnet worden ist, gber eine gewisse tiefe Ueberzeugung, die ent-

{lossen ist, die Regierung zu tragen und zu stüßen allen Ansprücben und Schwierigkeiten gegenüber, die ihr vom Auélandeze auf diesem Wege entgegen treien,

die müssen wic haben, meine Herren! Wenn das nit der Fall ist, wenn die Unterstüßung übers Jahr ebenso matt, ebenso lau ift, dann glaube i< muß ic den verbündeten Regierungen rathen, au diesen Versuch als einen verfehlten zu behandeln, ihn wie ih mi son früher ausdrü>te zu den Akten „Samoa* zu legen und abzuwarten, ob vielleiht ein Nachfolger von mir diesen dritten Theil der Sibylliniswen Bücher wiederum der deutschen Nation anzubieten im Stande sein werde. Ih würde nit dazu rathen, einen unfructbaren Weg einzuschlagen, auf dem der passive Widerstand und die Obstruktion, die dilatorisbe Behandlung die Kräfie, die anderweit nothwendig find, ermüdet, und ihn gegen den Willen der Majorität weiter zu verfolgen. Jn einem solben Falle würden die verbündeten Regierungen die Verpflichtung haben, sih zu überzeugen, ob die Stimmung des Volkes bei den Neuwahlen die Zurückhaltung, die die jeßige Reichstagë-Majorität den kolonialen Bestrebungen gegen- über äußert, theilt nun, dann ift das Urtheil über unsere kolo- nialen Bestrebungen wicderum gesprochen, oder ob das deutsche Volk es anders will, ob die Mehrheit unserer Landsleute von dem, was ih ¿inen frishen Zug nannte, sih berührt und getragen fühlt! Ja, meine Herren, da muß es dieser Stimmung dur die Wahlen Ausdru> geben und die Regierungen in tie Lage bringen, daß sie, wenn dieser Stimmung nicht entîprehend hier votirt wird, wieder- bolentlih an die Stimmurg der Wähler, an das Votum der Wähler appelliren. i

_Ich betrachte diese Frage nicht als abzes{<lossen und bin weit entfernt, sie zu beantworten, ih spre<e blos von dem, was i< mit völlig kaltem Blute für die Pflicht der verbündeten Regierungen halte, nämli die Kolontalpolitik fortzuseßen. fo lange sie Hoffnung haben, von der Mehrheit des deutschen Volkes dabet getragen zu werden, sie fallen zu lassen dann, wenn sie diese Hoffnung aufgeben müssen, und nicht unfruchtbaren Utopien im Kampfe mit der Mehr- heit des Reichstages dauernd nachzugehen.

Ich habe mehrfach darauf hingewiesen, daß au<h die Stellung, die das Auéland zu unseren kolonialen Verhältnissen einnimmt, maß- gebend ist. J< darf wohl annehmen, daß die cine andere wäre, wenn der deutshe Reichêtag einheitli<h und mit einem gewissen Enthusiasmus den kolonialen Bestrebungen der verbündeten Regie- rungen zur Seite stände, und daß das Ausland man untersuct ja die Verhältnisse, wie die Majorität entsteht, in einem fremden Lande nit so genau ciae Ermuthigung, den deutschen kolonialen Be- strecungen fest geg-nüber zu treten, daraus \<öpft, daß man in allen Zeitungen lesen kann, den ausländischen, wie den inländiscen, daß die Mehrheit des Reichstages bisher nicht davon überzeugt ist, daß es für das deutshe Volk nüglich sei, Kolonialpolitik zu treiben, Wenn Sie heutzutage die englischen Blätter leser, fo finden Sie das mit derselben Motivirung wie in unseren deutschen Oppositionsblättern, mit einer so übereinstimmenden Motivirung entwi>elt, daß man versucht ist, an einen direkteren Zu- sammenhang und an die Internationalität der Oppositionsprésse gegenüber der deuishen Reichsregierung im Allgemeinen zu glauben ; es finden h die gleiben Artikel ziemli gleichzeitig wieder in der „Times und in anderen Blättern, die zu dem Cobdenschen System gehören, die machen gegen mi, den unglü>lichen Repräsentanten der deutschen nationalen Politik, mit ciner Uebereinstimmung Front, die ih für positive Zwe>e der gesammten Nation wohl wünswen möwte. Sicher ift, daß die Tonart in der Correspondenz, die von englischer Seite mit uns geführt ist, unter dem Cindru>e dieser Parlamentsverhandlungen während derselben post. hoc oder propter hoe lasse i< unentschieden eine \<ärfere und unfreundliebere geworden ist. Man hat dazu gegriffen, Akten- stüde, wie z. B. ein Schreiben eincs australisben Königs an Se. Majestät unjeren Kaiser, in englischen amtlihen Sammlungen früher zu dru>en, als Se. Majestät der Kaiser es erhalten hat. Wie es in eng ische Hände gerathen ist, und in die amtlichen, weiß i nicht. Gs sind Aktenstücke ziemli vertraulicher und ziemli<h einschneidender Natur, die an uns geribtet waren, in England amtlich ge- dru>t worden, ehe wir fie erhalten hatten. Es sind vertrau- liche Besprehungen, die i< hier mit den Vertretern Eng- lands gehabt habe Besprebungen der vertraulihsten Natur, die fi auf sehr langjährige persönliche Bekanntschaften gründeten, die aber natürlich zur Meldung berechnet waren —, in amtlichen Akten- stü>en resümirt und zum Dru>k bestimmt worden. Das Alles sind Zeichen einer Verstimmung, die ib nicht für eine berechtigte halte, und die ih nur lebhaft bedauern kann. Auch hier \pißt si< diese Verstimmung leider gegen meine Person zu in tem Maße, daß bei den jüngsten Verhandlungen des englishen Parlaments Lord Gran- ville fich in einer Weise geäußert hat, als ob unsere dur<h mich ver- tretenen Ansprüche soweit gingen, daß sie England nöthigten, i< muß den englishen Text citiren —: E

„to abdicate all liberty «f action in colonial matters“, daß England alfo in jeder Freiheit der Bewegung auf kolonialem Gebiet dur uns beeinträcbtigt würde. Die Tragweite dieser Rede- wendung geht Über das kescheidene Maß unserer Kolonialpolitik weit hinaus.

Es wird damit unsere Haltung auf anderen politischen, aber au afrikanischen Gebieten in Verbindung gebracht und vorausgesetzt daß ih persönlih eine „unfavourable view“, cine ungünstige Mei- nung über die egyptishe Politik Englands hätte, und als Motiv dieser ungünstigen Meinung wird bei mir eine persönlihe Empfind- lihkeii darüber angenommen, daß von englischer Seite cin Rath, den i früher bezügli< Egyptens gegeben hätte, niht befolgt worden sei. Jch bedaucre, daß mein englischer Kolleae mi in die Lage bringt, seiner Kundgebung widersprehen zu müssen. Jch habe ihm gegenüber nie die englise Politik Egyptens getadelt. Ich erlaube mir Überhaupt über fremde Politik nicht leiht ein Urtheil, und am aller- wenigsten habe ih das gethan wegen einer Nichtbefolgung eines Ra- thes von mir. Jh habe aber au< den Nath, der hier als von mir stammend angcführt ist, niemals gegeben. Lord Granville befindet fh im Irrthum, wenn er annimmt, daß mein Rath in Bezug auf Egypten dahin gelautet habe, „to take it“ Egypten zu nehmen. Das ist ein Irrthum, auf dessen Berichtigung ih halte, und der mich nöthigt, meinerseits in der Offenlegung vertrauiiher Verhand- lungen weitec zu geben, als es sonft in mäner Gewohnheit liegt.

Ich darf als bekannt voraussetzen, daß der diplomatische Verkehr von englisder Seite neuerdings vorwiegend und fast aus\<ließlih in der Sorm sriftliwer Noten betrieben wird, also in der Gestalt von Noten, die in London redigirt werden, deren Text hierhergeschi>t wird, von dem hiesigen englishen Botschafter unterschrieben und mir dann der Form nach vorgelesen, eingehändigt. oder in Abschrift belassen wird, je nâ<hdem der Inhalt der Note ist. Aber im Ganzen if eco eine Correspondenz, der ähnlih, wie eine Privatcorrespondenz vom Schreiber zum Empfänger direkt \<{riftlich geht, fertig abges<lossen, ohne Möglichkeit, etwas zu ändern auf Grund des Eindro>s, den sie etwa macht und bei der der Botschafter

* doß ihre gescäftli<hen Interessen

das au thun können; ja die Post würde die Note mit derselben Sicherheit besorgen, wie die Botschaft, wie die Diplomatie. cen dieses System das zwe>mäßige ist, dann ift unsere ganze kostspielige Diplomatie überflüssig, dann kann der Weltpostverein, mein Herr Kollege Stephan, den sämmtlichen diplomatishen Verkehr in feine T. i abe aber oft gefurden, daß es für das Verständniß unter Kabineten nüßlich is, wenn man Geschäfte machen wil ¡unächst dem eigenen Vertreter den Auftrag zu geben, mündlih zu sondiren, welches die Aufnahme einer Eröffnung sein wird; ist sie ungünstig, kann man unter Umständen die Sache fallen lassen, modifi- tren, oder wenn man glaubt, es muß sein, sagen, wir werden es do< thun in irgend einer Form, ihr müßt eu< dazu stellen in irgend einer Weise. Auf die Art be- reitet man auf die Sache vor, und man kommt ohne Schwierigkeiten über cine Sache hinüber, die, wenn man sie fertig, \{riftli< einer fremden Regierung mit der Post zuschi>t, für dieselbe empfindliche Dornen haben kann, auf die man beim Swreiben gar nicht gere<net hat Gs gehört {on eine ungewöhnli< genaue Kenntniß des fremden Hofes, der Leitung der fremden Politik dazu, wie sie die meisten Staaten wohl ni<t haben, um mit Sicer- heit die Wirkung einer geschriebenen Mittheilung vorher zu bere<hnen. Der Botschafter an Ort und Stelle i} eher in der Lage, anzufühlen und vorzubereiten. J< halte also. den mündlichen Verkehr für zwe>mäßig. Von englisher Seite wird der \chriftliche vorgezogen. Wir haben seit dem vorigen Sommer an Noten i habe die Ziffer feststellen lafsen, weil es mir auffiel daß es so sehr viele waren; i< muß jede folhe Note beantworten, ih überwache die Redaktion felbst und prüfe sie; es hat“ mir viel Arbeit gemaht; wir haben seit dem vorigen Sommer einhundert Und ih alaube a<tundzwanzig s{<riftli<he Noten vom englischen Kabinet vekommen, die zusammen zwischen 7 und 800 Seiten lang und zu beantworten waren. So viel haben wir von allen übrigen Regierungen in den 23 Jahren, daß ih auswärtiger Minister bin, nicht bekommen. Jede Nation und jede Regierung hat ja das Recht, die Geschäfte zu betreiben, wie fie es nüßlich hält, und es ist ja gewiß, daß eine aus- wärtige Politik, wenn fie in gedru>ten und veröffentlihten Noten betrieben wird, unter Umständen auf das eigene Parlament einen tieferen, günstigeren Eindru> machen kann, als der mündliche un- bekannt bleibende Verkehr dur< Diplomaten, aber man läuft dann unwilikürliÞh Gefahr, einigermaßen aub für den Eindru> im Par- lament und nit ausf>ließli< für den Eindru> auf die fremde Re- gierung und für den Frieden, das gute Einvernehmen mit ihr zu schreiben. _ Die Anspkelungen, die in versbiedenen von England veröffent- lichten und zum Tbeil zu meiner Ueberrashung veröffentlichten Aktenftü>en enthalten find, auf frühere Verhandlungen über Egypten und die in der jüngsten Rede des Grafen Granville vorhanden sind, werden sih ri<tig stellen dur< das, was ih zu sagen im Be- zin. Ich habe niemals einen Rath über die Behandlung Egyptens a die englische Regierung ertheilt. Wohl aber bin ich ia solchen l fragt worden zu versbiedenen Malen sowohl von meinem verstorbenen perjönlihen und politishen Freund Lord Ampthill hier im Auftrage seiner Regierung als au< dur< Vermittelung unserer in England an- wesenden Organe, und mündliche Aufträge, die denen zur Bestellung an mi gegeben worden sind, und in allen Fällen lautete die Anfrage an mich dahin, ob ih bereit wäre, der englischen Regierung einen Rath oder einen Wink „an adyise or a hint“ zu geben über das, was sie augen- bli>lih in Egypten thun möchte, und was bei uns Billigung finden würde. Darauf habe ih jedesmal und cinige Male bin ich sogar in der Lage, darüber die \criftli<en Aufzeichnungen der Ocgane zu besitzen, die ich „mit der Beantwortung beauftragt habe die Antwort in dem Sinne gegeben, wie in dem Scrifistü>k aus dem September 1882, welches i hier mitgebra<t habe, daß ib mi in meiner Eigenschaft ‘als auswärtiger Minister des Deutschen Reiches enthalten müsse, der englischen Politik einen Rath zu geben, weil cin folcer Rath, in der amtlihen Eigenschaft ertheilt, do< cine gewisse Ver- antwortlihfeit anderen Kabineten gegenüber und auch für die Folgen, die er haben kann, mit si brähte. Ich müßte es also ablehnen, ihn zu ertheilen. L : Ras, bin dann weiter gefragt worden, ob ih denn nit eine Meinung außern wollte über das, was geschehen könne. Jch habe darauf gesagt: ic könne mi in den Fall hineindenken, daß ih eng- lischer Minister wäre; und als Dilettant in der englischen Politik und als Liebhaber, vielleicht au< Kenner der Sache hätte ih meine Ansichten, und wenn ih englisher Minister wäre, so würde ih in diesem Augenbli>ke n i < t dazu rathen, Egypten zu anncktiren, wohl

aber sähe i ein, daß es für England ein Bedürfniß wäre, cine gewisse sichere Stellung in diesem Bindeglied leines europäisen und seines asiatis<en Etablissements zu

haben, Sie könnten aber diese Stellung meines Erachtens, ohne mit den Verträgen in Kollision zu kommen, nur dur< ten Sultan ge- winnen. Jh würde daher, wenn ih englischer Minister wäre, die Vermittlung des Sultans suchen, um dur< ihn in Egypten eine Stellung zu erlangen, vermöge deren die englishen Interessen sicher- gestellt würden. Ich wäre au< der Meinung, daß diese Form bei anderen Nationen kaum Anstoß erregen würde, einmal wegen ihrer Verträglichkeit mit den Verträgen, dann aber auch, weil sie den Hauptinteressenten an den egyptiswen Finanzen, den französischen \o- wohl wie den englischen Bondholders, und au<h denen der übri- gen Nationen mit Wahrscheinlichkeit eine sichere, geshi>te und geordnete Verwaltung Egyptens durch die englischen Organe voraus- sehen ließen. Damit würden, beispielsweise bei der Bedeutung, die die finanziellen Interessen in Frankrei hätten, wahrscheinlich feine französischen Rivalitäten und Unzufriedenhciten provocirt werden Wenn dagegen England eine direkte Annerion Egyptens vornehmen wolle, so kann si< cin Verhältniß von ziemlicher Spannung mit mehreren europäishen Mächten bilden, die au< Interessen dort hätten, namentli aber mit dem Sultan und zu dem gesammten Muhamedanismus. Diese Spannung de fortfallen, wenn fie doit unter der Firma des Sultans erschienen, und ti< gebrauchte no< den Ausdru> —, vielleiht wird mein englisher Herr Kollege si dessen erinnern —, i< gebraudte in englischer Sprache den Aus- dru eines „lease-holder“ des Sultans in Egypten. Damit würden fle vermeiden, Frankrei und Andere zu verstimmen, und uns sei der gute Vertrag zwischen England und Frankreich dringend wün]<ens- werth, denn ein Bruch zwischen diesen beiden großen Mächten in der Mitte Curopas sei eine Kalamität für ganz Europa, in erster Linie aber für uns Deutsche als die nähsten Nachbarn, und i legte de8- halb cinen großen Werth darauf, daß England mit Frankreich in guten Beziehungen bliebe. Dies wäre der Weg, auf dem ic, wenn ich englischer Minister wäre, versuchen würde, to obtain influence in Egypt. Jh habe dem hinzugefügt: wenn England vorziehen sollte Ggypten zu anneftiren, so würden wir es nicht als unsere Aufgabe betrachten, das zu verhindera. Die Freundschaft mit England wäre für uns wichtiger ih kann nur langsam lesen, weil i übersete wäre für uns witiger als das zukünstige Schi>sal von Egypten. Ich sei ni<ht Willers, ibn:n einen Rath zu geben, aber ich sähe vor- aus, daß dur< eine Annexion Egyptens England si<h Schwierigkeiten bereiten würde, welche es vermeiden könne, ohne auf den Zwe> ge- siherter Verbindung zu verzihten, wenn England si< damit begnügen a türkishec Souverainetät seinen Einfluß in Egypten aus- iben. Dann folgt eben die {hon erwähnte Betrachtung, daß die großen französischen Finanziers damit zufrieden sein würden in der Hoffnung / dur die englische Verwaltung ebenso gut gewohrt werden würden, als früher durch die gemeinsame Leitung, und daß bei dem augenbli>lihen Vorwiegen der finanziellen Interessen die öffentliche Meinung în Frankreich leiht, vielleicht sogar die Annexion Egyptens ertragen würde, daß aber in dem Falle immer

nur die Rolle des Ueberbringers hat. Jeder andere Beamte würde |

bringen könnten. J< babe alfo nit gerathen „to take it“, fonder von der Annexion so dringend abgerathen, wie in meiner M prrecs ligten Stellung thunlih war. Jch habe dann no< hbinzugefügt, die Erledigung dieser Frage liegt ja ohne Zweifel allein der englischen Regierung ob, und ih meine, ihr dieselbe aus\cließlid zu überlaffen. Aber wie au der Entschluß Englands ausfallen möge, wir werden ibm niht im Wege stehen, wir empfehlen nur die Vorsicht und die Achtung vor den Verträgen und vor den Rechten des Sultans.

. Nun, i bin gegen meinen Willen genöthigt gewesen, diese Auf- flärung zu geben, um den Infinuationen endlich cinmal bestimmt zu widersprechen, die oft dahin gemaht worden sind, als hätte ih mir seit Jahren angelegen sein lassen, die englis<he Regierung dur lo>ende Versprebungen von fremdem Besitzthum von dem Psade der

Tugend abzulo>n und dadurh in Europa Verwi

( dadu irrun anzuridten. Das i} vollständig unrihtig, J< habe uts im Vertrauen und nur __auf ausdrü>lihes Befragen nad meinem Rath darüber geäußert, was i< thun

würde, wenn ih augenbli>li< englisher Minister

das widerstrebend und auf miederbaites E E S ; I, Dane habe es {ließli gethan in der Ueberzeugung, daß ih auch auf diesem Wege dem Ziele, wel&em i< na<strebe, der Erhaltung des Friedens in Europa und unter seinen großen Mächten, nüßlih sein könnte, Bete fe ber erng Rathscbläge „der Mäßigung gäbe. F en ) 4 zerwi [ei A S E a , fo wäre manche Verwi>kelung seitdem

Es ist dies eine Episode, die mit dem Gegenstande, der das Haus bef{àäftigt, äußerlih zusammenhängt, und von der ih hoffe, daß sie mit der Verstimmung, die si< in England daran knüpft, bald vorübergehen werde. Ich sucbe ihren Grund in der Erfahrung, daß man, wenn man überhaupt übler Laune ist, den Grund der Ereigniffe, über die man verdricßlich ist, immer lieber bei Anderen als bei sid selbst sucht. Aber ih werde thun, was in meinen Kräften steht, um sine ira et studio in der versöhnlihsten Weise die Sade wieder in das Geleise des ruhigen und freundsctafilichen Verkehrs zu bringen, der zwishen uns und England jederzeit bestanden hat und der natürliche ift, weil keiner von Beiden vitale Interessen hat, die ein- ander widersprä<hen. Denn i kann es do< nuc für einen Jrrthum in der Schätzung halten, wenn England uns unsere bescheidenen Kolonialversucbe mißgönnt. Wenn man auch geneigt ift, auf die Stimmung jedes einzelnen Kolonialrheders und Kaufmanns englischer Nation Rücksicht zu nehmen, so kann ib do< nicht glauben, daß man die Art, unserer Kolonialpolitik entgegenzuwirken, wie sie si in Kamerun sowohl wie in Australien, in Neu- Guinea, in Fidshi und an anderen Orten gezeigt hat, beibehalten werde. Ohne Rücksicht auf die Stimmung zu nehmen, in welche die deutshe Nation dadur< verseßt wird bei den fremden Nationen, machen die Vorgänge in Deutschland ja sehr leiht den Eiadru>, daß bei uns zwar unter Umständen, wie 1870 wie 1813, die gehgrnishten Männer aus der Erde wachsen, wie aus der Saat der Drawenzähne in der grie<is{en Mythe in Kolcis, aber daß sih dann auch stets irgend ein Zaubersteincen der Medea findet, welches man zwischen sie werfen kann, worauf sie über einander her- fallen und sih so raufen, daß der fremde Jason ganz rubig dabei- stehen kann und zusehen, wie die deutschen gcwappneten Re>en {ih unter etnander bekämpfen. Es liegt eine eigenthümliche prophetifche Vorauésict in unserem alten nationalen Mythus, daß sich, so oft es den Deutschen gut gebt, wenn ein deutscher Völkerfrühling wieder, wie der verstorbene Kollege Völk sich ausdrü>te, anbricht, daß dann stets der Loki nicht fehlt, der seinen Höder findet, einen blöden, dämlichen Menschen, den er mit Geschi>k veranlaßt, den deutschen Völkerfrühling zu ers{hlagen resp. niederzustimmen.

Der Abg. &rhr. von Huene erklärte, au< seine Partei auf ihrem dem Reichskanzler niht \ympathishen Standpunkt lege Werth auf einen möglihst einhelligen Beschluß und werde au<h ihre in der Kommission vorgeschlagene Resolution ni<ht wieder einbringen. Aber wie habe der Reichskanzler in den Kommissionsverhandlungen einen Grund finden können, der Majorität des Reichstags Mangel an Patriotismus vorzuwerfen, denn das habe mehr oder weniger in den Worten des Kanzlers gelegen und das habe ihm wehe gethan. Diese Majorität werde niemals fehlen, wo es gelte, die Ehre und das Ansehen des Reiches zu wahren. Aber etwas durchaus Anderes sei es, mit großem Enthusiasmus eine Politik zu unterstüßen, über deren Ziele man noch völlig im Unklaren sei. Die Regierung folle do zufrieden sein, wenn sie die Unterstüßung der Parteien dieses Hauses, wie es ja der Fall sei, überall finde, wo es ernste Fragen zu lösen gelte.

__ Der Abg. Frhr. von Malgahn-Gült bemerkte, seine Partei fühle voll den frishen Zug der Zustimmung, mit der das Land das Vorgehen der Regierung in den Fragen der über- seeishen Politik begrüßt habe und sei mit demselben auch ihrerseits durhaus cinverstanden. Das Reich könne \sih auf die Dauer der Aufgabe nicht entziehen, die Unternehmungen seiner Angehörigen in überseeishen Ländern mit der deutschen Flagge zu de>en; das sei die Meinung der großen Mehr- zahl unserer Landsleute in und außer Deutschland. Er bedauere, daß die ersten Schritte der Regierung in dieser Richtung bei bem dem deutschen stammverwandten eng- lischen Volk anscheinend einer Abneigung begegnet seien, welche wahrlih die Jnteressen beider Länder niht fördern könne. Seine Partei wisse aber, daß die Leitung der deutschen An- gelegenheiten auf diesem Gebiete in bewährten, guten Händen ruhe; das bisherige Vorgehen der Reichsregierung habe gezeigt, daß thre jeßige Leitung dem, was man von ihr nach ihren früheren Thaten habe erwarten können, voll und ganz ent- [prochen habe. Seine Partei stimme daher den Forderungen der Regierung gern zu; und er s\reue \ih besonders, daß voraussichtlih die große Mehrheit. des Hauses dafür sein werde. Seine Partei stimme aber nicht etwa blos des- halb zu, weil die Regierung einmal in Südafrika engagirt sei, sondern dieselbe wolle au<h voll und ganz die Verant- wortung für diefe Politik mit übernehmen. Daß die Kom- missioa die Summe in der Form eines Pauschquantums be- willige, ändere hieran gar nihts. Je größer die Mehrheit für diese Positionen im Hause sein werde, desto mehr werde es der Stimmung des Landes entsprechen und dem Jnlande und Auslande zeigen, daß die Reichsregierung in diesen Fragen den Reichstag und die Meinung des Landes hinter si habe. Der Abg. Dr. Frhr. Schenk von Stauffenberg erklärte, seine politishen Freunde und er würden für den Kommissions- beschluß stimmen ; er glaube deshalb im gegenwärtigen Augens blide seine Anschauungen in dieser Frage, soweit sie ab- weichender Natur seien, ganz außer Augen lassen zu können. Die Frage, um die es si hier handele, sei dur die Ver- handlungen und Abstimmungen über die Dampfbarkasse bereits entschieden, wenn au das Verhältniß das umgekehrie hätte sein sollen, daß man erst den Gouverneur und dann die Barkasse hätte be willigen sollen. Seine Partei habe damals und auch schon jonit zu wiederholten Malen ausdrü>lih zu erkennen gegeben daß sie die Kolonialpolitik des Reichskanzlers in der Form, die derjelbe im vorigen Jahre entwid>elt have, vollständig billige und voll- sländig bereit sei, die Mittel dazu zu bewilligen. Der Reichs- kanzler habe aber als ‘das erste Prinzip in dieser Politik

do s0ome ill-feeling and uneasiness, eine üble Em

: Lng neasimes8, »mpfindun und es ist {wer zu Üüberseßen und Mißstimmune zurü>bleiben werde, wel<he die Beziehungen dieser beiden

Länder verbittern und Gefahren für den zukünftigen Fcieden mit fich ?

äußerste Vorsicht hingestellt und vor zu weit gehenden Jllu- sionen in den Kolonialbestrebungen gewarnt. Bes Crt

sondern au< ein Gebot für den Reichstag, und wenn der Reichstag au< mit warmem Herzen alle Bestre- unterstüße, die zur Größe des Vaterlandes

der Vorsicht sei nun nicht bloß ein Gebot für die Regierung,

bungen i L G L dienen würden, so sei doch in jedem einzelnen Falle zu erwägen,

ob die Vorlage geeignet sei, diesen Zwe> zu erreihen; und es sei do fraglih, ob alle Punkte, die der Reichskanzler und Niemand schärfer ais dieser heute wiederholt habe, in dem Rahmen jener Politik lägen. Auf die hohen politischen Mit- theilung en des Reichskanzlers gehe er heute niht ein. Jeder im Reichstage fühle das s<hwere Gewicht derselben, und dieses Gewicht lege gerade dem Reichstage eine größere Zurühal- tung auf. Diesem Gesichtspunkte gegenüber kämen ein paar Aeußerungen niht in Betracht, an welche si< Bemerkungen anknüpfen lassen würden. Aber eine Bemerkung müsse er do<h no< machen. Der Reichskanzler habe darüber nie im Zweifel sein können, «daß, wo es si< um die Vertheidigung der Würde und der legitimen Ansprüche der deutshen Nation und die Wahrung ihrer Größe handele, der Kanzler nicht blos die ganze Nation, sondern au den ganzen Reichstag hinter sich habe. Das habe die Geschichte dieser langen Jahre aufs Deutlichste bewiesen. Wenn der Reichskanzler fürchte, daß darüber im Ausland aus den inneren Parteistreitigkeiten Zweifel erhoben werden könnten, so müsse er do< darauf aufmerksam machen, daß es viel weniger diese Parteistreitigkeiten seien, welche jene Zweifel hervorgerufen hätten, als die Art und Weise, wie die Partei- streitigkeiten in einem großen Theil der Presse nah außen dargestellt seien. Wenn ein großer Theil der deuk- hen Presse die Majorität dieses Haufes als eine Rotte vaterlandsloser Bösewichter behandele, so könne man si niht wundern, daß diese Behauptung, besonders wenn sie oft und nachdrü>li<h wiederholt werde, im Ausland s{ließli< einen gewissen Glauben finde. Er habe auch die bescheidene Vermuthung, daß gerade die Zeitungen, die si<h in dieser Weise mit den deutschen Verhältnissen beschäftigten, im Aus- lande stärker gelesen würden als die Verhandlungen dieses Hauses und dort für die Beurtheilung der inneren Verhält- nisse Deutschlands eine größere Rolle spielten, als die Ver- | handlungen hier im Hause. Diesem Standpunkte, daß alle Parteien in der Vertheidigung der Würde des Vaterlandes zusammenstehen, bei jeder Gelegenheit Ausdru> zu geben, dazu sei nicht die Veranlassung. Jn dem Bewußtsein der Stärke Deutschlands könne man das wohl unterlassen. Aber in gewissen Momenten sei es erhobenen Anzweifelungen gegen- über absolut nothwendig. A Der Abg. Dr. Hammacher bemerkte, er habe den Eindru>, als ob der heutige Tag ein glü>licher für den Reichstag und die deutshe Nation sei. Das auszusprechen veranlasse ihn niht sowohl der Gegenstand, der das Haus materiell beschäf- tige, über den ja eine Differenz hier 1m Hause nicht vorhanden zu sein scheine, als der Ausdru patriotischer Hin- gabe an die Aufgaben des deutschen Volkes, der von allen Seiten wiedertöne. Seine politishen Freunde und er seien, wie die Mitglieder der konservativen Partei, dazu entschlossen gewesen, die von der Regierung geforderten Mittel im Ordi- narium zu bewilligen. Er hätte diese Bewilligung für besser und angemessener gefunden, als die in Form einer pauschalen Summe. Bei den Verhandlungen über die Dampfbarkasse sei deutlich ausgesprochen worden, daß mit Bewilligung derselben au die Bewilligun7 des Gehalts für den Gouverneur erfolgt sei. Es sei das namentli<h Seitens des Abg. Richter aus- gesprochen worden. Wenn nun die verbündeten Regierungen für den Gouverneur das Gehalt gefordert hätten und Seitens der Kommission vorgeschlagen werde, diese Bewilligung nicht direkt auszusprechen, so sei das nicht die rihtige Konsequenz jener Verhandlungen. Er beschränke sich darauf, zu erklären, daß seine Partci, nahdem auch der Reichskanzler seine Zustimmung dazu gegeben habe, für den Antrag der Budgetkommission stimmen werde und Abstand nehme, die Wiederherstellung der Vorlage der verdündeten Regierungen zu beantragen. : Der Abg. Dr. Windthorst erklärte, der Beifall, den die Regierung heute bei allen Fraktionen gefunden habe, das ein- stimmige Votum derselben für den Nachtragsetat lasse - ge- nügend erkennen, daß hier im Hause Niemand sei, der, wenn es sih um große nationale Dinge handele, auf jeden Fall oppositionell wäre. Eine levis notae macula habe der Reichs- kanzler dem Reichstage aber doch ertheilt; der Kanzler habe gemeint, die Majorität dieses Hauses sei zunächst zu zögernd, zu wenig enthusiafltish den Bestrebungen der, Regierung auf dem Gebiete der Kolonialpolitik gefolgt, und die zögernde Haltung des Reichstages sei auf die Haltung auswärtiger Mächte niht ohne Einfluß geblieben. Bezüglich des ersteren Punktes könne er nur die Ausführungen des Abg. von Stauffenberg vollständig unterschreiben; seine Partei sei voll und ganz dabei, wenn es si< darum handele für Deutschland eine gesunde, niht abenteuerlihe Kolonialpolitik zu machen, seine Partei halte eine solche für höchst bedeutsam für die Interessen des Vaterlandes. Jm Publikum seien unter den Freunden dieser Politik zwei Anschauungen besonders in den Vordergrund getreten; die Einen meinten, daß damit die Gelegenheit zu einer großen Auswanderung gegeben Jei, die Anderen, daß nunmehr außerordentlih große Absaßgebiete eröffnet würden. Nach seiner bescheidenen Ansicht hätten die

bis jeßt errungenen Positionen zur Auswanderung sehr wenig.

Gelegenheit geboten, und au<h die Steigerung des Exports werde nicht fofort eine so enorme sein, wie in vielen Kreisen angenommen werde. Wenigstens möchte er rathen, nicht gar zu viel neue Unternehmungen, Fabriken u. dgl. im Hinbli> auf diese Steigerung ins Leben zu rufen. Die Kosten, die man für die Zukunst der deuts{hen Kolonialpolitik bereits ausgelegt habe, seien niht gering; und die genaue Prüfung der Politik au< nach der Seite dieses Kostenpunktes hin sei ein weises und verständiges Verfahren, das jedem Abgeordneten wohl anstehe. Wenn der Reichskanzler niht undeutlih zu verstehen gegeben habe, derselbe würde event. den verbündeten Regierungen zur Erwägung anheim geben, ob es sih bei der Fortseßung der Verzögerung nicht empfehle, no<hmals an das Volk zu appelliren, so sei doch heute diese Andeutung und die darin liegende Drohung gegen- über der Einstimmigkeit des Hauses nicht nöthig gewesen. Er habe seinerseits nichts dagegen. Wenn übrigens die aus- wärtigen Mächte zu irgendwelcher Zeit glauben sollten, ihr Weizen blühe, wenn hier im Reichstage oder in der deutschen Nation selbst Verschiedenheiten der Ansichten über diesen oder jenen Punkt aufgetreten seien, so würden sie si< irren; die Kämpfe möchten fo groß sein, wie sie wollten, den auswärtigen Mächten gegenüber sei dies Haus si< unter allen Umständen

Freude darüber Ausdru>, daß die verschiedensten Parteien in

partei zu dem Nachtragsetat für Kamerun und gab der

der Billigung der auswärtigen Politik und in der Sym- pathie für die Kolonialpolitik speziell einig seien. Jm Lande schäße man si< in den weitesten Kreisen glülih, daß die- selbe gerade von dem jeßigen Führer der deutschen Politik in- augurirt werde.

Hierauf wurde der Antrag der Kommission auf Bewilli- gung der Pauschalsumme fast einstimmig angenommen, die Entscheidung über die Resolution bleibt der dritten Lesung vork ehalten. Ohne Debatte wurde darauf na< dem Antrage der Budgetkommission der Nachtrag für den Etat des Reichsamts des Jnnern bewilligt, welher zur Erwerbung eines Grund- stü>s für die Erweiterung des Dienstgebäudes des Sta- tistishen Amts und zur Projektbearbeitung 150 000 4 fordert. Die- Regierungsvorlage hatte 295 750 H verlangt.

In Ergänzung des Etats für das Reihsheer pro 1885/86 werden zur Verlegung des Kulmer Kadettenhauses nah Stolp in Pommern und Neubau eines Kadettenhauses daselbst, und zwar zur Proj-ktbearbeitung, 10 000 6 gefordert.

Die Budgetkommission beantragte Bewilligung der For- derung.

Der Abg. Ri>ert bat, die Position abzulehnen. Zwar vinkulire si< das Haus nicht in Bezug auf seine zukünftigen Beschlüsse, aber es werde do< s{hwerer sein, eine Vorlage des Kriegs-Ministers abzulehnen, wenn si< das Haus heute moralisch engagire. Es werde besser sein, wenn dem Hause im nächsten Jahre ein Projekt vorgelegt werde, das eine

Prüfung nah der finanziellen und materiellen Seite mögli<h mache. In Kulm sei man übrigens von dem Entshlusse s{<merzli< berührt worden, das Kadetten-

haus zu verlegen, das vor 100 Jahren aus nationalen Gründen dorthin verlegt sei Es heiße nun, das Kulmer Kadettenhaus genüge in räumlicher Beziehung niht. Würde nun wegen der s{le<ten Fundamente des Hauses ein Aufbau niht möglich sein, so würden si< Anbauten ausführen lassen, die gewiß die Summe von 850 000 s, zu welcher sie von der Regierung veranschlagt seien, niht erreichen würden. Jn sani- tärer Beziehung würde von Kulmer Bürgern versichert, daß der Gesundheitszustand der Kadetten ein vortreffliher gewesen sei. Wenn zur Begründung der Verlegung angeführt werde, daß das Kulmer Jägerbataillon, für das jeßt nur s{hle<te Bürgerquartiere vorhanden seien, im jeßigen Kadettenhause kasernirt werden könne, so werde des Weiteren von glaub- hafter Seite mitgetheilt, vasp keine Stadt bessere Bürgerquar- tiere besitze als Kulm.

Der Staats-Minister Bronsart von Schellendorff rehtfer- tigte das Vorgehen der Regierung, welches wesentlih im 7Fn- teresse der Reichsfinanzen liege. Wolle man die Anstalt nicht nah Stolp verlegen, so würde in Kulm mitten in der Stadt

vorgenommen werden müssen. Die Militärverwaltung dürfe auh niht die Juteressen einer einzelnen Stadt wie Kulm gegenüber den Reichsinteressen voranstellen. Mit dem Projekt der Regierung würden etwa 300 000 A gespart. Dazu wür- den noh zahlreiche andere praktis<he Gründe kommen, die für die Verlegung des Corps sprähen. Aus Zwe>mäßigkeits- wie aus Sparsamkeitsgründen bitte er, die Regierung in dieser Sache zu unterstüßen. L Der Abg. Ri>ert glaubte, daß das Projekt nicht Erspar- nisse, sondern Mehrkosten verursachen würde. Da es außer- dem berechtigte nteressen verleße, so müsse dem Hause jeden- falls die volle Freiheit gewahrt bleiben, die späteren detaillir- teren Vorschläge der Regierung zur Ausführung des Projekts abzuwarten. : Die Position wurde nah dem Kommissionsantrag be- willigt. Bur De>ung der eben bewilligten Ausgaben wird eine entsprechende Erhöhung der Matrikularbeiträge in Aussicht genommen. Die Kommission beantragte Tit. 1 bis 26 vor- behaltlich der definitiven Feststellung der Ziffern zu bewilligen. Das Haus beshloß demgemäß. Hierauf vertagte si< das Haus um 5 Uhr auf Dienstag 1 Uhr.

Jm weiteren Verlauf der gestrigen (31.) Sißung des Hauses der Abgeordneten erklärte bei Berathung des Kap. 125 (Medizinalwesen) der Abg. Frhr. Dr, von Heereman, nunmehr seien es zehn Jahre, seit die geistlichen Genossenschaften von der Krankenpflege ausgeschlossen worden seien. Jedes Jahr wiederhole er hier sein ceterum censeo auf Restitution dieser Genossenschaften, stets vergeblich; fast sei er versucht, au quousque tandem hinzuzufügen. Revolutionen von oben seien gefährlicher als solche von unten ; das solle sich die Regie- rung merken. Den Abgg. von Minningerode und Thilenius, die im vorigen Jahre seinen Klagen Gehör geschenkt hätten, danke er dafür von Herzen, und an die Regierung, die ja allerdings fatholishen Angelegenheiten gegenüber ein Herz von Stein habe, richte er au dicsmal von Neuem die Bitte, doch end- lih jene Geseße zu beseitigen, die, aller Humanität ins Ge- sicht shlagend, verderbend und vergistend auf das öffentliche Leben einwirkten. Zahlreihe Fälle seien vorgelommen, wo den barmherzigen Schwestern verboten worden sei, Kranke zu pflegen, obgleih andere nur einigermaßen aus- reichende Pflege niht zu beschaffen gewesen sei. Jene Schwestern würden in dieser Weise behandelt, obwohl sie do bei Tag und Nacht thätig seien in Werken der reinsten Nächstenliebe ohne Unterschied der Konfession, ohne Unterschied des Standes Derjenigen, denen sie Wohlthaten erwiesen. Sie thäten dies lediglih in dem Bewußtsein, für ihr Wirken einst ewigen Lohn zu finden, wenn es au auf Erden nicht anerkannt werde, sie verzichteten dabei auf alles, was sonst von Menschen erstrebt werde, auf alle Annehmlichkeiten dieser Welt und böten darin der Menschheit ein Vorbild solher Größe und Erhabenheit des Charakters, daß \<hon deshalb jede gegen sie gerihtete Maßregel aufs Allertiesste zu beklagen sei. Den Liberalen sträube ih stets sofort bei jeder geringsten Freiheitsbeshrän- kung das Gefühl; hier sähen sie ruhig zu und billigten es, daß diese barmherzigen Schwestern unter polizeilihe Ausnahme- geseße gestellt würden. Das katholische Volk natürlich denke, man beschränke und bedränge die Krankenpflegeorden nur deshalb, weil sie katholisch seien. Würden do auch die evangelischen Ge- nossenschasten für Krankenpflege auf alle Weise staatlicherseits gefördert, und dasselbe würde sogar bei ganz konfessionslosen Korporationen dieser Art geshehen. Das komme allein von den bei der protestantishen Majorität gegen die Katholiken nun einmal vorhandenen Vorurtheilen. Das Centrum ver- lange aber, daß der Staat, den auch die Katholilen mit Gut

ein Umbau und Erweiterungsbau mit äußerst hohen Kosten |

tuellen Kräfte widmeten, seine Macht nicht gegen dieselben richte. Er erreiche damit au< nur das Gegentheil feiner Zw«c>e. entstehe speziell dur< die Beschränkung der Orden eine Schä- digung der Krankenpflege, eine große Belastung der Ge- meinden, allgemeiner Unwilien, s{harfe Erbitterung bei allen Katholiken und eine grobe Verlegung des öffentlichen Rechts- bewußtseins. Könne das der Wohlfahrt des Staates dienlih sein? Die ganze Maigeseßgebung ruhe auf modernen, un- ristlihen Grundlagen, wonach religiöses Wesen nicht mehr im öffentlihen Leben zur Geltung kommen dürfe. Habe man doch auch bereits die cristlihe Ehe dur< die Staatsehe erseßt. Gehe man auf diesem Wege weiter, so werde der Staat bald ganz ohne Gott sein. Das sei aber der Anfang moderner Barbarei. Welche Aufgaben habe denn der Staat überhaupt, wenn er niht Ethik, Moral und ideale Gedanken fördern wolle? Er- kenne man denn noch heute, zur Zeit der anarcistishen Ver- brechen, die Gefahren ni<t, die das Verbot der Ordens- genossenschaften für den sozialen Frieden habe? Das christliche Wirken, die opferwillige Liebe der barmherzigen Schwestern, fie hätten die Gegensäße zwischen Elend und Glü> gemildert, seien eine Brücke zwishen Arm und Reich gewesen. Er bitte den Minister, diese Brü>ke niht abzubrechen.

Der Abg. Dr. Graf (Elberfeld) bat das Centrum, wenn es die Wünsche des Vorredners erfüllt sehen wolle, dafür zu sorgen, daß der Kulturkampf aufhóöre, das Centrum möge Vorschläge zu einer organischen Revision der Maigeseße machen. Die nationalliberale Partei habe ihre Geneigtheit, darauf einzugehen, längst zu erkennen gegeben. Der dies- jährige Medizinaletat habe im Kreise der Aerzte wieder große Enttäushung hervorgerufen, alle die Wünsche bezüglich der Organisation des Aerztestandes, deren Erfüllung der Minister schon im vorigen Jahre zugesagt habe, seien unerfüllt ge- blieben. Jm Weiteren plaidirte Redner für Ausdehnung der Kompetenz und für bessere Besoldung der Kreisphysiker.

Der Staats-Minister Dr. von Goßler erklärte:

Meine Herren! Wenn ich zunächst dem ersten Herrn Vorredner antworte, so kann ih damit beginnen, daß ih bekenne, daß i< mit vielen seiner allgeweinen Ausführungen, namentli<, was die Hoch- \chäßung der katholischen krankenpflegenden Orden in ihrem religiösen und sozialen Werth betrifft, übereinstimmen. Es wird daher nit überraschen, wenn ih Ihnen über die Handhabung

des Gescßes und die Wirkungen desselben die Mittheilung mache, daß, soweit es in der Centralinslanz bekannt

geworden ist, niemals im Laufe des leßten Jahres ein Fall vorge- kommen ift, in dem irgend eine Differenz bestanden hat. Es ist kein Fall vorgekommen, in dem irgend einem Antrag der Krankenpflege genossen\schaften entgegen getreten ist, und wenn der Fall in Cleve, von dem ich zum ersten Mal hier Kunde erhalte, darthun sollte, daß Seitens der unteren Behörde in einer über die Bestimmungen unserer Verordnung vom Jahre 1882 hinausgehenden Weise die Bedürfnißfrage gedrü>t ist, so kann ih das nur bedauern. Jh bin sehr gern bereit, in eine Erörterung des Falles einzutreten, wenn ih in der Lage bin, selbst Einsicht in die Schriftstü>ke zu nehmen bekannt ift in der Centralinstanz nihts.

Als Wirkung der Novelle vom Jahre 1880 tritt hervor, daß die frankenpflegenden Orden, in den letzten 4 Jahren denn erst seit dem Jahre 1881 sind Vermehrungen derselben eingetreten einen ganz bedeutenden Aufs<wung genommen haben. Es sind die Auf- nahmegenehmigungen, wie den Herren aus meinen früheren Ausführungen bekannt ist, nicht nur in nachträglicher Weise ertheilt, sondern einer sehr großen Zahl, wie ih beinahe annehmen möchte, wohl fast allen Genossenschaften ist in blanco eine Vermehrung ihres Bestandes ge- stattet worden, so daß sie nur in den vierteljährlihen Veränderungs- nachweisen unter einer besonderen Ueberschrift mitzutheilen hatten, welche einzelnen Persönlichkeiten auf Grund der generellen Erlaubniß aufgenommen sind. Es sind in den leßten 4 Jahren die Aufnahmen von 3977 Ordenspersonen genehmigt worden, und zwar in der Zeit vom 29. Januar vorigen Jahres bis zum 29. Januar dieses Jahres von 1042. Die Zahl der Genossenschaften, welchen in dieser be- quemen Weise entgegengekommen ist, beträgt 37.

Fch glaube auc nit, wie der Hr. Abg. Frhr. von Heereman annimmt, daß ein Theil der inländischen Frauen, welche si< den Be- strebungen der Genossenschaften widmen wollen, ins Ausland geht, denn es haben umgekehrt 9 Genossenshaften den Wunsch ausge-

\prohen und die Erlaubniß erhalten, aus ihren außerhalb Preußens befindlihen Niederlassungen Genofsenschaftsmitglieder ohne Weiteres unter der Bedingung der naträglihen An-

zeige zu Übernehmen, vorausgeseßt, daß die betreffenden Mitglieder die deutsche Reichsangehörigkeit besitzen und früber einer preußischen Niederlassung angehört haben. :

Die Zahl der Neuaufnahmen, welche wirklich stattgefunden haben, fönnen die Centralbehörden {wer kontroliren, aber aus den Ver- änderungsnahweisen, soweit sie den Centralbehörden zugegangen find, ist zu ersehen, daß erhebli< über 2000 Ordenspersonen neu Aufnahme gefunden haben.

Die Zahl der krankenpflegenden Niederlassungen beträgt gegen- wärtig, soweit es sih um neue Niederlassungen handelt, 85, allein im leßten Jahre find 30 neu genehmigt worden. Jch kann hierbei daran erinnern, daß diese krankenpflegenden Niederlassungen zwar aufgelöst werden können, daß das aber ni<ht dur< den Minister geschehen darf, sondern daß dazu eine Allerhöchste Verordnung erforderlich ift.

Auch was die Ausdehnung dêér Ordensthätigkeit auf die Forsorge für Kinder, wel(e in nit schulpflihtigem Alter sind, betrifft, so ift ein sehr starker Gebrau von den entgegenkom- menden Bestimmungen der Novelle von 1880 gemaht worden, indem in 109 Fällen die Orden ihre Thätigkeit hierauf ausgedehnt haben, allein im abgelaufenen Jahre in 32 Fällen. Soweit unsere Nach- rihten gehen, hat nie zu einer Zeit die Ordensthätigkeit einen gleichen Aufs{wung genommen. Ich würde den Evangelischen nur wünschen, daß sie annähernd gleiche Ziffern auf dem Gebiet der christlichen Krankenpflege zu verzeichnen hätten. / ;

Fch beschränke mich auf diese Mittheilungen, dur< welche i< i< will nicht sagen, dem Volke, aber do< Ihnen hier die Ueberzeugung zu geben hoffe, daß, soweit es irgend wie in dem freien Willen der Gentralbehörden liegt, die Bedeutung dieser krankenpflegenden Ge- nossenschaften anerkannt wird, und daß deshalb, soweit es mögli ift, den Genossenschaften die Wege geebnet werden für eine gedeihliche Entfaltung ihrer Thätigkeit.

Jch wende mich zu den Ausführungen des leßten Herrn Vor- redners über die Organisation des Medizinalwe]jens. "Jh kann dem Herrn Vorredner nur dankbar sein für die große organisa- torishe und anregende Thätigkeit, welche er in seiner Stellung außer- halb dieses Hauses auf diesem Gebiet entfaltet und ih verstehe au, daß es ihn beunruhigt, wenn die Bestrebungen, von denen er weiß, daß ih mi zu ihrem Träger gemacht habe, nit so raschen Erfolg haben, wie er wünscht. Ih habe keinGeheimniß daraus gemacht, daß ih einen Entwurf fertig gestellt habe, dur< welchen die beiden Richtungen, welche der Herr Vorredner angedeutet hat, zum Gegenstande einer legislatorischen Dur(arbeitung gemacht sind, also einmal die Organisation des ärzt- lichen Standes und sodann die Organisation des ärztlichen Beamten- thums, bei gleichzeitiger allgemeiner Einführung von örtlichen Gesund- beitsorganen. Man kann hier vielleiht au< sagen: gut Ds will Weile haben. Es ist ihm vielleicht bekannt, daß mein Entwurf inner- halb der Staatsregierung circulirt J< würde mich sehr freuen, wenn die warme Befürwortung, welche der Hr. Abg. Graf meinen Bestrebungen hat zu Theil werden lassen, au< in Erfüllung gehen möchte und ih im nä<hsten Etat in der Lage wäre, allerdings unter Erforderung neuer und nit ganz unerheblicher Mittel, einen Gesetze entwurf vorzulegen, der alle die Wünsche erfüllt, die der Hr. Abg.

zu jeder Zeit einig.

Der Abg. Nobbe erklärte die Zustimmung der Reichs-

und Blut \stütten, dem sie ihre materiellen und intellek-

Graf und seine Standesgenofsen hegen.

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