1886 / 95 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

der Einlösestellen für die Zinsscheine und die ausgeloosten Anleihe-

fheine. j ;

Bis zu dem Tage, wo solchergestalt das Kapital zu entrichten ift, wird es in halbiéhrlicen Terminen, am 1. April und am 1. Dfktober, von beute an gerechnet, mit vier Prozent jäkl clih in Reics- münze verzinst. l :

Der Zinsenlauf der ausgeloosten Anleihescheine eudigt an dem für die Einlösuna bestimmten Tage. S

Die Auszahlung der Zinsen und des Kapitals erfolgt gegen bloße Rückgabe der ausgegebenen Zinsscheine bezw. dieses Anleihe- seines in Insterburg bei der Stadtkasse und in Berlin und Königs- berg i. Pr. bei den in den vorbezeihneten Blättern bekannt ge- machten Finlösestellen, und zwar auch in der nah dem Eintritt des Fälligkeitstermins folgenden Zeit. : ; :

Mit dem zur Empfangnahme des Kapitals eingereichten Anleihe- scheine sind auch die dazu gehörigen Zinsscheine der späteren Fällig- kTeitstermine zurückzuliefern. Für die fehlenden ind eine wird der Betrag vom Kapital abgezogen. Die dur Ausloosung zur Rückzahlung bestimmten Kapitalbeträge, welche innerhalb dreißig Jahren nah dem Rückzahlungstermine niht erhoben werden, fowie die innerhalb vier Jahren, vom Ablaufe des Kalenderjahres der Fälligkeit an gerechnet, niht erhobenen Zinsen verjähren zu Gunsten der Stadt Inster- burg. Das Aufgebot und die Kraftloserklärung verlorener und ver- nichteter Anleihescheine erfolgt nah Vorschrift der §8. 838 und ff. der Civilprozeßordnung für das Deutshe Reih vom 30. Januar 1877 R.-G.-Bl. S. 83 bezw. nah §. 20 des Ausführungsgeseßzes zur Deutschen Civilprozeßordnung vom 24. März 1879 —- G.-S. S. 281. Zins\cheine können weder aufgeboten noch kraftlos erklärt werden. Doch foll Demjenigen, welcher den Verlust von Zinsscheinen vor Ablauf der vierjährigen Verjährungsfrist bei der städtishen Ver- waltung anmeldet und den stattgehabten Besiß der Peine dur Vorzeigung des Anleihescheins oder sonst in glaubhafter Weise darthut, nah Ablauf der Verjährungsfrist der Betrag der ange- meldeten und bis dahin nicht vorgekommenen Zinsscheine gegen Quittung ausgezahlt werden. E i :

Mit diesem Anleihescheine sind zehn halbjährlihe Zinsscheine bis zum Schluffe des . ausgegeben; die ferneren Zinsscheine werden für fünfjährige Zeiträume ausgegeben werden. ie Aus-

abe einer neuen Rethe von Zins\cheinen erfolgt bei den mit der insenzahlung betrauten Stellen gegen Ablieferung der der älteren inssheinreihe beigedruckten Anweisung. Beim Verluste der nweisung erfolgt die Aushändigung der neuen Zinsscheinreihe an den Inhaber des Anleißescheins, fofern dessen Vorzeigung rechtzeitig geschehen ist. j :

Zur Sicherheit der hierdurch eingegangenen Verpflichtungen haftet die Stadt Insterburg mit ihrem gesammten gegenwärtigen und zu- künftigen Vermögen und mit ihrer Steuerkraft.

Befsen zu Urkunde haben wir diese Ausfertigung unter unserer Unterschrift ertheilt.

Insterburg, den . . ten :

j Der Magistrat. : (Eigenhändige Unterschrift des Magistrats-Dirigenten und eines anderen Magistrats-Mitgliedes unter Beifügung ihrer Amtstitel.)

Provinz Ostpreußen. Regierungsbezirk Gumbinnen. Erster (bis...) Zinsschein (1te) Serie

zu dem Anleiheschein d é i - . . . Ausgabe, Buchstabe über .. , . Mark Reichs- währung zu . . Prozent Zinsen über . ._. . Mark . . Pfennig. Der Inhaber dieses Zins\cheines empfängt gegen dessen Rückgabe am ten und späterhin die Zinsen des vorbenannten Anleihe- scheines für das Halbjahr vom . . ten... bis mit (in Buchstaben) Mark . . . . Pfennig bei der es und d as ekannt gemachten Einlösestellen in Berlin und Königs- erg i. Pr.

D (Dieser E ist ungültig, wenn dessen Geldbetrag nicht

innerhalb vier Jahren nah der Fälligkeit, vom Schluß des betreffenden Kalenderjahres an gerechnet, erhoben wird.)

Regierungsbezirk Gumbinnen. ung

Provinz Ostpreußen. ( A ai e in L zum Anleiheschein ._…_. , Ausgabe, Bustabe : ._.. . . Mark Reichswährung. /

Der Inhaber dieser Anweisung empfängt gegen deren Rückgabe zu dem Anleiheschein d Buchstabe Nr. .…. über .. . , Mark Reichswährung zu . . Prozent Zinsen

. te Reihe Zinsscheine für die fünf Jahre vom 18, Dis; Ten 18 . , bei der zu und bei den mit der Zinsenzahlung betrauten Stellen in Berlin und Königsberg O./Pr., sofern dagegen Seitens des als solcher legitimirten Inhabers des Anleihesheins kein Wider- spruch erhoben ift.

Ministerium der geistlihen, Unterrihts- und Medizinal-Angelegenheiten.

Die Beförderung des ordentlichen Lehrers Dr. Hir\{ch am Dorotheenstädtishen Realgymnasium zu Berlin ist genehmigt, und den ordentlichen Lehrern derselben Anstalt, Dr. Theel und Dr. Peters, der Titel Oberlehrer beigelegt worden.

Der Kreis-Physikus des Kreises Lüben, Dr. Herya in Lüben, ist in gleicher Eigenschaft in den Kreis Hadeln, mit dem Wohnsiß in Otterndorf, und

der Kreis-Physiklus des Kreises Hadeln, Dr. Staff- horst zu Otterndorf, in gleicher Eigenschaft in den Kreis Oels verseßt worden.

Hauptverwaltung der Staatsschulden.

Bekanntmachung.

Bei der am 3. d. M. öffentlich bewirkten 37. Ver- loosung der für das laufende Jahr zu tilgenden Prioritäts- Aktien der I E Eisenbahn sind diejenigen

573 Stü Ser. T zu 100 Thlr. und

454 II 621/ "” gezogen worden, welche durch unsere in Nr. 86 des Blattes veröffentlihte Bekanntmachung nebst den Rükständen nach ihren Nummern aufgerufen sind. Die Besißer dieser Aktien werden wiederholt aufgefordert, die Kapitalbeträge derselben nach Maßgabe der, Bekanutmohung rechizeitig zu erheben.

Berlin, den 19. April 1886.

Hauptverwaltung der Staatsschulden. Sydow.

Bekanntmachungen auf Grund des Reichsgeseßes vom 21. Oktober 1878.

Unter Bezugnahme auf die a Quia vom 27. Ja- nuar 1886 wird hiermit zur öffentlichen Kenntniß gebraht, daß die Liquidation der zur „Vereinigung der Metall: ne Deutschlands“ gehörigen hiesigen Mitglied-

en :

Berlin I,

Berlin Osten,

Berlin Süden,

Freie Vereinigung der Former,

2) NMitglie® 3) Mitglied 4) Mitglied beendet ift. Berlin, den 14. April 186. Königliches Be Präsidium, von Richthofen.

?) Mitglie)

NieGtamtliches. Dentsches Reich.

Preußen. Berlin, 20. April. Se. Majestät der Kaiser und König nahmen im Laufe des heutigen Vor- mittags militärishe Meldungen entgegen, empfingen den Polizei-Präsidenten Freiherrn von Richthofen zum Vortrage, arbeiteten längere Zeit mit dem Chef des Militärkabinets, General-Lieutenant von Albedyll, und empfingen den aus Paris hier eingetroffenen Kaiserlichen Botschaster, Grafen zu Münster.

ZJhre Majestät die Kaiserin und Königin war gestern bei einer Sißung des Kuratoriums des Magdalenen-Stifts anwesend.

Ueber das Befinden Sr. Kaiserlichen und Königlihen Hoheit des Kronprinzen 1ist heute folgendes Bulletin erschienen :

Die Fortschritte im Befinden Sr. Kaiserlichen Hoheit des Kron-

prinzen dauern an. Dr. Wegner.

Gestern Nachmittag fand im Auswärtigen Amt unter dem Vorsiß des Unter-Staatssekretärs, Grafen von Bismarck, eine Versammlung der hier beglaubigten Vertreter der Signatär-Mächte der Congo-Konferenz statt, um in Gemäßheit des Art. 38 der General-Akte der Berliner Kon- ferenz ein Protokoll über die erfolgte Hinterlegung der ein- gegangenen Ra tifikations-Urkun den aufzunehmen. Nach Mittheilung des Vorsißenden haben sämmtlihe Mächte, welche an der Konferenz Theil genommen haben, mit Ausnahme der Vereinigten Staaten, die General-Akte ratifizirt.

Anstatt des sonst üblichen Des der Natifikations- Urkunden ist die Bestimmung aen, die Ratifikationen C Mäghte in den Archiven der L

eiben.

Nöthigt der Gemeinschuldner durch Bedrohung einen der Gläubiger zur Zustimmung zum Zwangsvergleich im Koakurse, so maht nah einem Urtheil des R ei chs- gerihts, 11. Strafsenats, vom 23. Februar d. J., si da- durch der Gemeinschuldner nur dann der Erpressung schuldig, wenn der von M angestrebte Zwangsvergleich einen Vermögensvortheil für ihn enthält. t

E der Rang- uad Quartierliste der Königlich preußischen Armee für 1886 ist eiu Nachtrag (bei Ernst, Siegfried Mittler #nd», Sohn) erschienen, welcher die aus dem Herzoglih Bra schweigjschen Militärkontingent in das Königlich preußische Heer eingereihten Truppentheile 2c. enthält.

Se. Durchlaucht der Vrinz Aribert von

Anhalt, Second-Lieutenant im 1. Garde-Dragoner-Regiment, hat einen sech8monatlihen Urlaub na Dessau angetreten.

Sachsen - Weimar - Eiscnach. Weimar, 19. April.

0s Cr.) Der Erbgroßherzog und die Erbgroß-

erzogin reisen morgen nah Stuttgart, um dort der Ein-

segnung der Prinzessin Olga, jüngsten Tochter des Prinzen Hermann von Sachsen-Weimar, beizuwohnen.

Oesfterreih-Ungarn. Wien, 19. April. (W. T. B.) Das Herrenhaus genehmigte in seiner heutigen Sißung das Budget. Jm Laufe der Debatte erklärte der Finan z-Mi- nister: es sei Sicherheit vorhanden, daß alle maßgebenden euro- päischen Mächte den Frieden A wollten; auf weiter hinaus könne Niemand eine größere Bürgschaft bieten. Der Minister bemerkte dann weiter: es zweifle Niemand an der voll- ständigen Zahlungsfähigkeit Oesterreihs. Die Benußung des Staatskredits sei nach Möglichkeit zu vermeiden und auf die nothwendigsten Fälle zu beschränken. Die Frage der Steuerreform werde endlih gelöst werden müssen. Aus der Thatsache, daß kein Verwaltungsdefizit bestehe, ergebe sich eine fortschreitende Entwickelung des Finanzwesens. Jn der Spezialdebatte erklärte der Finanz-Minister, daß das gemein- same Budget pro 1885 in Folge von Restitutionen und Zoll- ausfällen den Voranschlag umrund 9935000 Fl. überstiegen habe. Hierfür wurde jedo voller Ersay gefunden dur den Eingang von 12 Millionen Nachtragszahlungen der Zuckerfabrikanten. Die Vilanz verschlechtere sh nur dur einen Zollausfall von 2 Millionen, welche aus den Kassabeständen gezahlt N Der Staatshaushalt pro 1885 sei demnach vollkommen geordnet.

Schweiz. Bern, 16. April. (N. Zürch. Ztg.) Der Bundesrath hat die eidgenössische Staatsrehnung für 1885 genehmigt. Die Zusammenstellung der Einnahmen und Ausgaben in der Betriebsrehnung ergiebt nachstehende Resultate: Der Bundesrath beantragt, in Vollziehung des Postulats vom 17. Juni 1885, den eidg. Räthen folgende Verwendung: Von dem bei einer Gesammt-Einnahmensumme von 48 392697 Fr. und bei Ausgaben im Betrage von 46 278 685 Fr. fich ergebenden Einnahmenüberschuß von 2114011 Fr. fei dem Jnvalidenfonds abermals die Summe von 1 000 000 Fr. zuzuwenden, so daß damit dessen Vermögen auf 3 088 259 Fr. gebracht würde. Ferner sei ein Anleihen- und Amortisationsfonds zu errichten und in demselben erst- mals eine Summe von 1 000 000 Fr. einzustellen.

Großbritannien und Frland. London, 18. April. (Alig Corr.) Durch die Wahl Lord Elcho's und Mr. Dal- rymple's für Jpswich hat die relative Stärke der Parteien im Hause der Gemeinen seit den lezten Wahlen eine Aenderung erfahren. Creditirt man die Liberalen mit den erledigten Sißen für Bradford und Clitheroe, so stellt fich das Verhältniß wie folgt: 333 Liberale, 251 Konservative und 86 Parnelliten, macht zusammen 670 Mitglieder des

eichsregierung aufbewahrt |

Unterhauses. Die Mehrheit der Liberalen und Parneliten über die Konservativen beträgt sonach 168. Wie viele Whigs dem Premier Gladstone untreu werden dürften, wenn zur A stimmung über den Antrag auf zweite Lesung der Bill für die künftige Regierung Jrlands geschritten wird, läßt sih gegenwärtig mit Bestimmtheit noch niht angeben. Es dürfen indeß niht mehr als 70 abfallen, um die Annahme der zweiten Lesung mit einer nur mäßigen Majorität zu ermöglichen.

19. April. (W. T. B.) Jn der heutigen Sigzung des Unterhauses theilte der Staatssekretär Childers mit : er werde am 4. Mai eine Vorlage, betreffend die Ent- shädigungen in Folge von Ruhestörungen, und am 11. Mai eine Bill, betreffend Reglements für Kohlen- bergwerke, einbringen. Auf eine bezügliche Anfrage er: klärte der Unter-Staatssekretär des Auswärtigen, Bryce: alle Gebiete auf dem rechten Ufer des Rio del Rey ständen unter englischem Schußt; alle englischen Handel: treibenden genöfßsen daher dort englischen Schuß.

20. April. (W. T. B.) Jm Fortgange der gestrigen Sizßung erledigte das Unterhaus die Spezialdebatte der shottishen Kleinbauern-Bill und vertagte si darauf bis zum 3. Mai d. J. I

Wie die Morgenblätter melden, wird Lord Hartington die Verwerfung der irishen Homerule- Bill be antragen.

Frankreich. Paris, 17. April. (Köln. Ztg.) Der heutige Ministerrath genehmigte den Antrag des Kriegs- Ministers, daß die vor zwei Jahren abgeschaffte Heer: schau, welche seit 1879 am 14. Juli, dem Tage deg Nationalfestes, auf den Longhamps abgehalten wurde, in diesem Fahre wieder stattfinde, und daß derselben Ah: ordnungen der Truppen, die in Tongkin E haben, anwohnen sollen. Die Deputirten Michelin und Plan- teau waren heute bei dem Conseils-Präsidenten de Freycinet, um ihm über die Lage in Decazeville zu berihten und die Versicherung zu geben, daß die Arbeitseinstellung unter O drei Bedingungen aufhören werde: 1) Entlassung Blazy's, 2) Wiederherstellung der früheren Löhne, 3) allge: meine Amnestie für die Feiernden, d. h. kein Arbeiter kann von der Arbeit in den Gruben ausgeschlossen werden, weil erx sich an der Arbeitseinstellung betheiligte. Die beiden Deputirten verlangten von Hrn. de Freycinet, daß die Regierung ihre Bemühungen fördere, um sofort der schwierigen Lage ein Ende zu machen. Der Minister versprach, im Be- reih des Möglichen die Forderungen der Arbeiter zu unter- stüßen, und forderte die beiden Deputirten auf, den Bauten: Minister aufzusuchen.

18. April. (Köln. Ztg.) Der Kriegs-Minister Boulanger hat den Befehl vom 24. März über die Ver- legung einer größeren Anzahl von Regimentern wieder rückgängig gemaht und dagegen jeßzt angeordnet, daß in Zukunft den Offizieren und wieder angeworbenen Unter offizieren, welhe nah mehrjährigem Aufenthalt in der näzu- lichen Garnison eine Verseßung wünschen, alle Erleichterungen gewährt werden sollen.

19. Apcil. (W. 2. B) Jn der an Sizung des Senats sprach sich bei der VBeratbuna über den An- leihe-Entwurf Chesnelong (von der Rechten) sehr mißbilligend über die übertricbene Steigerung der Aus-

aben aus. Er glaube, die Anleihe würde unzureichend ein und nur dazu dienen, die Politik der Auskunfts- mittel fortzusegen. Der Berichterstatter der Kommission, Dauphin, erklärte: die Anleihe sei niht nothwendig, müsse jedoh als ein Akt einfacher finanzieller Vorsicht angesehen werden. Die Debatte wird mocgen fortgeseßt.

Die Deputirtenkammer nahm heute den Berit der Kommission zur Vorberathung der Vorlage, betreffend die Ausstellung im Jahre 1889, entgegen. Die Berathung des Berichts soll nah der Debatte über die Wahlen im De- partement Tarn et Garonne, wahrscheinlih am Mittwoh stattfinden.

Nach hier eingegangenen Nachrichten macht \ich in Noubaîx, Armentières und Tourcoing eine s\ozia- listishe Bewegung bemerkbar. Es sind Maßregeln zur Aufrechterhaltung der Ordnung ergriffen. Die an der Grenze stehende Gendarmerie-Brigade ist verstärkt, auch sind aus Lille Truppen dorthin gesandt worden.

Griechenland. Athen, 19. April. (W. T. B, Der Kriegs-Minister reist heute zur Jnspizirung der Truppen nah Thessalien ab. Das „Amtsblatt“ ver- öffentliht das Geseg, betreffend die Vergrößerung der Cadres zur Aufnahme neuer Reserven.

Der russische Gesandte, von Bützow, is nah Livadia abgereist, derselbe nimmt den Weg über Konstan- tinopel, von wo der Botschaster Nelidoff gemeinsam mit ihm die Reise fortseßen wird.

Numänien. Bukarest, 19. April. (W. T. B.) Die Deputirtenkammer vertagte die Berathung des Gejeß- entwurfs, betreffend den autonomen Zolltarif, bis nah den Ferien.

Der Kriegs-Minister Angelescu begiebt sih, wahr scheinlich zu Ende dieser Woche, nah Livadia, um den E im Namen des Königs und der Regierung zu be- grüßen.

Serbien. Belgrad, 19. April. (W. T. B.) Der „Polit. Corresp.“ wird gemeldet: Die Nachricht deutsher Blätter, Serbien gedenke wegen der finanziellen Krisis _ein neues Abkommen abzuschließen, wird von authentischer Seite als volllommen fal\ch bezeihnet. Dem König sind anläßlih des Nationalfestes aus allen Theilen des Landes Glückwünsche zugegangen. Die Wahlbewegung beginnt unter günstigen Aufpiaien für die Regierung.

Afrika. Egypten. Kairo, 20. April. (W. T. B.) England hat den Vorschlag der egyptischen Regierung, einen englischen Delegirten nach Wady-Halfa zu entsenden, um im Namen des Khedive mit den Aufständischen zu unterhandeln, angenommeir.

Zeitungsftimmen.

Der „Neuen Zürcher Zeitung“ entnehmen wir fol-

is E über die Steuerfragen in der Schweiz und in eut\chland :

__ Troß der Verschiedenheit der Regierungsformen besitzen Deuts(h-

land und die Schweiz in politischer Beziehung überraschende Aehnlic-

keiten, und gerade in den Steuerfragen, die in beiden Ländern an der

Spitze der politishen Diskussion stehen, stoßen wir überall auf die

geen Verbältniffe, die gleichen Uebelstände und die gleihen Mittel ur AvhU!e. E i B : In der Slweiz sind die Finanzverhältnisie des Bundc3 gut, ja gegenwärtig relis zu nennen, und wenn je die Bcdür*nisse der Fid- genossenschaft sich vermehren sollten, so würde eine kleine Aenderung am Zolltarife die nôthige Vermehrung der Einn1hmen herbeiführen. Mit Wehmuth sehen die einen, mit Neid und Gier die anderen Kantone aus die gefüllte Bundeskaj,.; die Politiker sinnen und sfinnen, wie man dieselbe am siersten und bequemsten zu Gunsten des fantonalen Staatshaushalts ihres Ucber- flusses entledigen könnte. Denn nur wenige Kantone er- freuen sih cines beständigen Gleihgewihts in Ausgaben und Einnahmen und recht eigentlich gesunder inanzverhält- nisse. In der s{limmsten Lage befinden si aber viele Gemeinden, die kaum mehr im Stande sind, den Ansprüchen zu genügen, welche das öffentliche Leben und die Gemeinde-Institute an sie stellen. Die Kantone verlangen Unterstüßung von Seiten des Bundes und die Gemeinden die Unterstüßung von Seiten der Kantone. Und letztere, die dringendere, kann nur geleistet werden, wenn die erstere gegeben wird. Und diese hinwiederum wird der Bund nur dann mit Erfolg, d. h. dauernd leisten können, wenn ihm neue, stetig fließende Ein- nahmequellen geöffnet werden. Mit der eidgenössischen Besteuerung des Alkohols, sei es in Form des Monopols oder einer Fabrikat- und Verkaufssteuer, oder sei es in Form besonders hoher Zölle, will der Bund dem allgemeinen Begehren entgegenkommen und den Kantonen aeue Einnahmen zufließen lassen, walde dieselben in Stand seßen sollen, den bedrängten Gemeinden zu Hülfe zu kommen.

__ Wenn man die innere Politik des Fürsten Bismarck seit etwa aht Jahren aufmerksam und ohne Vorurtheil verfolgt hat, so erkennt man überall das Bestreben, das Reich finanziekl fo zu kräftigen, da

es niht nur ohne Matrikularbeiträge der Einzelstaaten bestehen, dab es vielmehr auch noch von seinen Einnahmen an die Einzelstaaten abgeben kann, damit diese in die Lage kämen, den Gemeinde- haushalt zu entlasten. Wir sehen also ganz die gleiche Entwielung der Finanz- und Steuerverhältnisse in Deutschland wie in der Schweiz. Nur liegen dort die Dinge insofern ungünstiger als hier, als das Reich finanziell nicht auf den nämlichen sichern Grundlagen beruht, wie der Bund der Eidgenossenschaft. Noch immer ist das Reich auf Matrikularbeiträge von Seiten der Einzelstaaten angewiesen, da die Zolleinnahmen, selbst nach den bedeutenden Erhöhungen des Tarifs in den leßten Jahren, noch immer nicht für die gewaltigen Heeres- und Marinebedürfnisse des Reichs genügen. Unsere Bundesverfassun glaubte sih für den Nothfall ebenfalls eine Bundeseinnahme in der Srhebung von Geldkontingenten von Seiten der Kantone vorbehalten zu müssen; glücklicherweise ist die Eidgenossenschaft noch nie in den Fall ge- kommen, solche Kontingente, die mit den Matrikularbeiträgen in Deutschland zu vergleichen wären, fordern zu müssen.

Wie in der Schweiz so suchte man auch in Deutschland die nöthige Vermehrung der Reichseinnahmen in der Besteuerung eines Masffenartikels, nämlich des Alkohols, und glaubte diese Steuer am besten und sichersten in der Form des Monopols zu erheben. Allein der Deutsche Reichstag wies das Alkohol-Monopol noch viel entschiedener zurück als einst das Taba - Monopol, das Fürst Bismarck vor Jahren ebenfalls einzuführen versucht hatte. Die freisinnigen Parteien aller Scattirungen bekämpfen diese Bestrebungen, weil sie fürchten, daß die Monopol-Institute der Regierung eine allzu große Gewalt geben sowohl durch die Ver- mehrung des Beamtenheeres als dadurch, daß die Regierung gegen- über dem steuerbewilligenden Parlament nahezu unabhängig gemacht würde. Materielle Interessen waren bei den Eigen ebenfalls maßgebend und andererseits stimmten die Klerikalen, Polen, Welfen und Elfässer aus systematisher Opposition gegen die Vorlagen der Regierung.

In der Schweiz widerseßen sih die demokratishen Parteien der Einführung eines Taback- und Alkohol-Monopols nicht; ja es giebt Stimmen unter ihnen, welche die Einführung als cinen Schritt weiter auf dem Weg zum Sozialistenstaate begrüßen. Dagegen würde das Schnaps- oder Taback-Monopol im Lager der Föderalisten be- sonders cinem starken Widerstande begegnen, selbst bei der Aussicht, daß die Einnahmen lediglich den Kantonen zu Gute kämen. Wie in Deutschland die freisinnigen Parteien die Monopole aus Furcht vor der Staatsallmacht bekämpfen, so sträuben sih bei uns die Fö- deralisten gegen eine Vermehrung der Bundesbureaukratie und gegen die Tendenz, den Bund zum Spender alles Guten zu machen. Immer-

, hin giebt es in der Schweiz bedeutend mehr Politiker, welche diese

Steuerprojekte rein an sich und mit Rücksicht auf die großen Ziele, die inan damit erreihen will, betraten, als in Deutschland, wo die Parteibestrebungen und Parteigrundsäte zu sehr im Vordergrunde stehen und den Ausschlag geben. e

Wenn nun indessen auch das Projekt der Alkoholbesteuerung in der Schweiz in dieser oder jener Form mehr Aussichten auf Annahme hat als in Deutschland, so stehen wir insofern ungünstiger, als die meisten deutshen Staaten {hon ihrer Größe wegen von ih aus im Stande sind, in dieser Frage selbständig vorzugehen, wenn der Meichs- tag es ablehnt, das Projekt zur Reichs\ache zu machen. Wir in der Schweiz sind an die Eidgenossenschaft gebunden, wenn wir in der Besteuerung solcher Massenartikel, wie Alkohol und Tabak, eine Heilquelle für unsere kantonalen und Gemeindefinanzen finden wollen. Die Kantone können diese Steuern von sih aus kaum durchführen ; jedenfalls ließe ih ihr Ertrag nicht im Entferntesten mit dem einer eidgenössischen Steuer vergleichen. Und diese Erkenntniß wird wesentlich dazu beitragen, dem Alkoholprojekte zum Durchbruch zu verhelfen.

In Deutschland is es aber in höherem Maße dringend noth- wendig, daß Reich und Staaten den finanziell bedrängten Gemeinden beistehen, als in der Schweiz; denn dort find die Gemeindesteuern am drückendsten, viel drückender als die Staatssteuern. Der Reichs- kanzler führte in feiner Reichstagsrede vom 26. März aus, daß im Jahre durchshnittlißh anderthalb Millionen Creku- Uonen allein in Preußen wegen Nichtbezahlung der Gemeinde- steuern vorkommen. Lchtere bestehen in Deutschland, befonders in Preußen, zum größten Theil in Zuschlägen zur Staatssteuer, jedoch in einer folchen Höhe, daß das Zwei-, Dreifache der Staatssteuer als Gemeindesteuer nicht selten ist und daß in westfälishen und rheini- hen Städten sogar das Sechsfahe erhoben wird. Dazu kommen dann noch Schul-, Armen-, Kirhen- und andere Steuern. ;

Unzählige Reformprojekte sind hon entstanden, welche das Ziel der Entlastung der Gemeinden im Auge haben. Dieselben gehen im Wesentlichen darauf hinaus, dem Staate eine vermehrte Fürsorge für die Gémeindeschulen und die Armenpflege zu überbinden und andrer- seits den Gemeinden die Häuser- und eue ganz oder zum Theil zu über{assen. In ersterer Beziehung haben in den leßten Jahren, wenigstens in Preußen, bereits bedeutende Gntlastungen statt- gesunden, indem der Staat zur Verminderung der Gemeindeschullasten ion beträhtlihe Subventionen geleistet hat. Allein eine durch- greifende Reform und eine dauernde Besserung läßt fich in dieser Richtung erst durchführen, wenn die Alkoholsteuerprojekte von Reichs- oder au von Staatswegen ins Leben getreten sind und Geseßeskraft crhalten haben. Dem Reich die großen Konsumsteuern, den Staaten die direkte Steuer, den Gemeinden die Gebäudc- und Gewerbesteuer: das sind die Grundgedanken einer Steuerreform, um die seit Jahren in Deutschland gekämpft wird.

Fn der „National- Zeitung“ lesen wir:

Der Export aus Norddeutschland nach den Vereinigten Staaten von Amerika hat si in dem ersten Vierteljahr dieses Jahres gegen das erste Vierteljahr 1885, nah den uns zugänglichen Ziffern, in ganz bedeutender Weise gehoben. Im 1. Quartal 1885 betrug er aus Norddeutschland d. h. den zu dem General-Konsulai Berlin ressor- tirenden Konsulatsdistrikten 8 878 077 Dollars. In diesem Quar- tal (1886) sticg er auf 11248 318 Doll., hat also um 2570240, d. bh. mehr als 105 Mill. Mark zugenommen. Es ist bemerkenswerth, daß an dieser Zunahme sämmtliche Konsulate par- tizipiren. Die Zunahme beträgt von Annaberg 373 788 Doll., Berlin 177 092 Doll, Bremen 51 776 Doll., Breslau 7803 Doll, Braunschweig 443149 Doll, Chemnit 476 894 Doll., Dresden

772780 Doll., Leipzig 129 629 Doll. und Stettin 25707 Doll. Es unterliegt, wie wir aus zu- verläfssiger Quelle hören, keinem Zweifel, daß die Zunahme in Westdeutshland (Krefeld, Köln u. \. w.) und In dem General-Konsulat Frankfurt a. M., welhes ganz Süddeutschland umfaßt, eine entsprehend gleich große gewesen ist, und es wird hinzu- gefügt, daß as erste Quartal des Zahres stets das {wächste C-port- quartal ist. Demnach sind die Aussichten für dieses Jahr überhaupt günstige, uad dies um so mehr, als die Ursache der größeren Aufträge an Deutschland in dem unvcrhältnißmäßige: Steigen der Arbeitslöhne in den Vereinigten Staaten liegen foll.

111 668 Doll, Hamburg

Statistische Nachrichten.

Gemäß den Veröffentlihungen des Kaiserlihen Gesund- heitsamts sind in der Zeit vom 4. bis 10. April cr. von je 1000 Bewohnern, auf den Jahresdurch\chnitt berechnet, als gestorben gemeldet: in Berlin 28,4, in Breslau 28,7, in Königsberg 24,4, in Köln 24,9, in Frankfurt a. M. 23,2, in Wiesbaden 23,4, in Hannover 20,5, in Kassel 22,7, in Magdeburg 23,2, in Stettin 21,9, in Altona 35,8, in Straßburg 29,7, in Met 22,2, in München 27,0, in Nürnberg 37,7, in Augsburg 31,8, in Dresden 29,9, in Leipzig 26,3, in Stuttgart 25,6, in Karlsruhe 21,3, in Braunschweig 22,0, in Hamburg 30,1, in Wien 32,5, in Pest 38,4, in Prag 42,0, in Triest —, in Krakau 38,4, in Basel 25,0, in Brüssel 27,7, in Amsterdam —, in Paris 29,3, in London 19,9, in Glasgow 24,7, in Liverpool 20,6, in Dublin 33,0; in Edinburg 17,8, in Kopenhagen 28,6, in Stockholm —, in Christiania 17,9, in St. Petersburg 36,9, in Warschau 32,2, in Odessa 35,6, in Rom 34,4, in Turin 23,1, in Venedig 18,2, in Bukarest —, in Alexandria —, Ferner aus der Zeit vom 14. bis 20. März: in New-York 29,8, in Philadelphia 25,1, in Baltimore 21,8, in San Francisco 21,4, in Bombay 23,7, in Kalkutta 24,4, in Madras 35,6. :

Die Sterblichkeit hat in der Berichtswoche in den meisten Groß- städten Europas zugenommen; doch wurden aus den westlichen (eng- lisben) sowie aus den nördlichen und nordwestlichen Orten (Hannover, Kassel, Braunschweig, Stettin, Christiania) vielfah kleinere Sterb- lihkeitsziffern berichtet. Bei meist vorherrschenden westlihen und südwestlichen, von höherer Temperatur begleiteten Windströmungen, die erst zu Ende der Woche nah Nord und Nordost umgingen, haben akute Entzündungen der Athmungsorgane ziemlih allgemein abge- nommen und weniger Sterbefälle hervorgerufen, so namentlich in Berlin, Breslau, Danzig, Dresden, Düsseldorf, Frankfurt a. M., Köln, München, Paris, London; nur in wenigen Städten (Ham- burg, Nürnberg, Magdeburg, Stuttgart, St. Petersburg) war die Zahl der Sterbefälle eine größere. Dagegen famen Darmkatarrhe und Brechdurcfälle der Kinder in erheblih gesteigerter Zahl zum Vor- schein und führten auch in ansehnlich vermehrter Zahl, besonders in Berlin, Dresden, Leipzig, Hamburg, München u. a. O. zum Tode. Die Theilnahme des Säuglingsalters an der Gesammtsterblichkeit war in Folge defsen eine wesentlich größere, fo daß von 10 000 Lebenden, aufs Jahr gerechnet, in Berlin 1106, in München 112 Säuglinge starben. Von den Infektions- kranfheiten haben Masern, Kindbettfieber und Pocken mehr, Scharlah, Diphtherie und Unterleibstyphus weniger Sterbefälle hervorgerufen. So waren Todesfälle an Masern in Elberfeld, Nürnberg, Straßburg, Hamburg, Prag, London gesteigert, während sie in Berlin, Wien, Paris, Lyon, Petersburg seltener wurden. Auch in Nom herrshten im März Masern sehr stark, sowie au im Regierungsbezirk Düsseldorf und in Edinburg Masern noch feinen Nachlaß aufwiesen. Scharlach zeigte sich in Berlin, Köln, Hamburg, Paris, London, St. Petersburg etwas häufiger als T odesursache, auch in Kopenhagen und Christiania waren Scarlacherkrankungen nicht selten. Die Sterblichkeit an Diphtherie und Croup war vielfa, namentlich in Berlin, Danzig, Nürnberg, Wien, Kopenhagen, Christiania, Warschau, St. Petersburg eine verminderte, während sie in Altona, Barmen, Dortmund, Dresden, Hannover, Leipzig, Brüssel, Paris, London, Turin eine größere wurde ; im Regierungsbezirk Schleswig waren Erkrankungen an Diphtherie noch sehr zahlreich. Typhöôse Fieber blieben in deutshen Städten selten, nur in Hamburg war fowohl die Zahl der Todesfälle wie die der Erkrankungen eine größere; auch in Paris und St. Petersburg hat die Zahl der Sterbefälle etwas zu- genommen. Todesfälle an Flecktyphus wurden aus Krakau, Warschau, London je 1, aus Prag und St. Petersburg je 2 gemeldet. Rükfallsfieber veranlaßten in St. Petersburg 11 Todesfälle und zahlreihe Erkrankungen. An epidemischer Genickstarre werden aus St. Petersburg 1 Todesfall, aus Berlin mehrere Erkrankungen mit- getheilt. MRosenartige Entzündungen des Zellgewebes der Haut waren in Berlin, Nürnberg, Paris, London, Kopenhagen, St. Peters- burg nicht selten. Das Kindbettfieber forderte in London und Warschau mehrfah Opfer. Die Sterblichkeit an Keuchhusten war in London, Dublin, Glasgow eine geringere, in Berlin eine etwas größere; aus Hamburg, Nürnberg, Kopenhagen kamen zahlreiche Erkrankungen an Keuchhusten zur Anzeige. Pocken riefen in Brüssel, London, Lyon und Warschau einzelne, in St. Petersburg und Turin je 2, A 3, in Zürich 6, in Wien und Paris je 7, in Nom (bis 20, März) 11, in Budapest 13 Todesfälle hervor. per wurden aus Berlin und aus dem Reg.-Bez. Aachen je 2, aus Breslau, London, St. Petersburg mehrfache, aus Wien und Budapest eine größere Zahl von Erkrankungen gemeldet, In Brindisi find um die Mitte April eine größere Zahl von Cholerafällen, die wahr- sceinlich durch ein Schiff aus Indien einges{chleppt wurden, jedoch in milder Form, konstatirt worden. Bis zum 16. April waren 76 Er- krankungen und 16 Todesfälle bekannt. Die Seuche ist von Brindisi nach Monopoli vershleppt worden. Auch in der Garnison von Padua sind Anfang April 2 Todesfälle an Cholera vorgekommen. Aus Frankreich wird gleichfalls das Wiederauftreten der Cholera in der Bretagne bestätigt; namentlich sind es die von Fischern bewohnten Ortschaften Audierne und Tréboul.

Kunst, Wissenschaft und Literatur.

Das 2. Heft VII. Bandes der Jahrbücher der Königlich Preußischen Kunstsammlungen (Berlin, G. Grote’\che Ver- lagsbuchhandlung) bringt in den (den bereits mitgetheilten amtlichen Nawbrichten über Neuerwerbungen, Personalveränderungen 2c. folgenden) „Studien und Forschungen“ die Forts enaua der „Empirishen Be- trahtungen über die Malereien von Michelangelo am Rande der Deke in der sixtinishen Kapelle" von W. Henke. Der mitgetheilte 9. Abschnitt handelt (unter Beifügung von 6 geäzten Abbildungen) von den „Propheten“ und „Sibyllen.“ Die von dem Verf. entwickelten Ansichten sind das Resultat sehc sorgfältiger Beobachtungen und Einzelstudien;z sie bieten viele neue originelle und anregende Gedanken, denen man die Ueberzeugungskraft und Richtigkeit nichi absprechen kann, wenden sich auch mehrfah in treffender Kritik gegen die Auslegungen Springers und Grimms. Nach Henke’s Meinung sollen „alle diese so natura- listisW wie mehr oder weniger leibhaftig eg oben rings über den Wänden und um die Decke der Kapelle angebrachten Gestalten gewissermaßen eine ideale Gegenwärtigkeit der ganzen Menschheit von der niedersten bis zur höchsten Stufe bei den heiligen Handlungen, denen die Kapelle dient, repräsentiren;“ alle diese Naturmenschen und Geistesheroen verkörpern, nach ihm, „den sehr ungleichen passiven oder aktiven Antheil, mit dem sie doch alle bestimmt sind, in dem Heilsleben der Kirhe mit aufzugeben, die einen, indem fie in dunkelem Drange und ohne viel N E und Gedankeninhalt nur dieselbe Luft mit dem Heiligsten athmen, die anderen, indem sie sih erlauben dürfen, neben der Hingabe und Unter- ordnung an und unter die allgemeine Andacht no® ihren eigenen Ge- danken über die höchsten Fragen des Lebens for{ck&,cnd nazuhängen. In dem „Gefammtcindruck von diesem farbenprächtigen Bilde des menschlichen Lebens im feierlihsten Heiligthum“ findet er „die ccht fkatholishe Idee von der Einbeziehung der verschiedensten Bildungsstufen des Menschen in_ das Mysterium des Kultus“. Dann enthält das Heft den Schluß der sehr eingehenden und

gründlichen „Studien zu Giotto*, von Karl Frey, und ferner ciñen . Beitrag von Hermann Grimm „zu Rafael“. Leßterer bespricht einen gemalten Teller aus dem Museum in Arezzo mit Darstellungen, welche an Rafaels „Schule von Athen“ erinnern, „Disputà dei savi“ benannt find und dem Signorelli zugeschrieben werden. Grimm untersucht im Einzelnen (mit Hülfe mchrerer Abbildungen und des Tellerbildes) die Verwanttshaft beider Kompositionen und gelangt zu der Ansicht, daß Rafael die Shüsfel Signorelli's gesehen und das ihm brauchbar scheinende für sein berühmtes Freskogemälde benutzt habe. Friedrich Lippmann beschreibt einen aus der Stadtbibliothek in Lüne- burg für das Berliner Kabinet erworbenen deutschen Kupferstib des 15. Jabrhunderts und vergleicht denselben mit einem ähnlichen Blatt italienisher Herkunft in der Bayerischen Hof- und Staatsbibliothek in München. Beide Blätter haben einen höchst originellen Kampf von Weibern um cine Männerhose zum Gegenstande, ohne daß man die cigentlihe Bedeutung des Vorwurfs literarisch näher zu erklären vermöchte. Ein (wie jene beiden Blätter in Lichtdruck-Facsimile bei- gefügter) Kupferstih der Gefangennahme Christi aus dem Berliner Kupferstichkabinet beweist die Verwandtschaft mit der Manier des \o- genannten „Meisters von 1664“, Lippmann nimmt an, daß der deutsche Kupferstich nach dem italienishen entstanden f\ci und daß Hartmann Schedel diefen nah Deutschland gebraht habe. Sidney Colvin berichtet über eine Zeichnung von Michael Wol- gemut, welhe das Kupferstibkabinet des Britischen Museums kürzlich erworben hat. Es ist der Originalentwurf zu dem Titelhol;schnitt der Schedel’shen Weltchronik. Ein beigegebener großer Lichtdruck und die Nachbildung des danach hergestellten Hoizshnitts malen die Be- stimmung des Blatts augenscheinlih. Am Schluß des Hefts be- \hreibt H. v. Tshudi ein \{chönes Madonnenrelief von Mino da Fiesole, welches vor Kurzem für das Berliner Museum angekauft wor- den ist. Bisher war Mino da Fiesole im hiesigen Museum nur dur zwei Büsten, eine weibliche und die berühmte des Niccolo Strozzi \o- wie das unvollendete Relief einer allegorischen Figur vertreten. Da- gegen mangelte es an einer jener Reliefarbeiten, welche ihn wegen threr keufch empfundenen Madonnendarstellungen in höchst zarter Marmorbehandlung frühzeitig populär gemaht habe. Eine der reizs vollsten Arbeiten dieser Art aus Mino’s Werkstatt ist nun das neu- erworbene Relief, welches in der Sammlung für mittelalterliche und Renaissanceplasftik zur Aufstellung gelangt ist. Wie die, dem Heft bei- gegebene, vorzüglih gelungene Heliotypie zeigt, ist es ein Rundbild, auf dem wir in dreiviertel Lebensgröße die Halbfigur der Maria mit dem TJesusknaben auf dem Schooß sehen. Im Gegensatz zu der sonst bei ihm \tereotypen, streng religiösen Auf- fassung hat dieses Relief mehr etwas rein Menschliches an sich. Zwar zeigt Maria auch hier eine milde Ruhe, aber die großen Augen, mit denen das Kind zu ihr aufblickt, seine \sprehend geöffneten Lippen scheinen doch auf ihren anmuthvollen Zügen den Ausdruck stillen mütterlichen Glücks zu weden. Das Relief ist in feinstem karrarischen Marmor, der warmtönigen Crestola gearbeitet. Die technische Behandlung zeigt die größte Meisterschaft. Das überaus zarte und flache Nelief des Körpers erhebt si in den Köpfen und Gliedmaßen leiht und ungezwungen zur vollen Rundung. Klar und bestimmt ist die vielfah komplizirte Faltenführung, von größtem Reiz die Be- handlung des Haares der Madonna. Die Mängel, Unsicherheit in den Proportionen, eine gewisse Steifheit und Eckigkeit der Haltung sowie die zu vermissende Stofflichkeit der Gewandung, fallen da- gegen leiht ins Gewicht und liegen in der Eigenart der Kunst Minos. O. von Tschudi zufolge scht das Werk wegen der jungfräulichen A der Maria, der naiven Frische des Kindes, dem pikanten Reiz der Marmortechnik nicht nur unter Mino's Arbeiten obenan : man werde es stets unter jenen Werken nennen müssen, in denen cine bestimmte Richtung der künstlerishen Anschauung der Frührenaifsance ihren höchsten Ausdruck gefunden habe. Gewerbe und Handel.

Die Berliner Land- und Wasser- Transport- Versicherungs-Gesellshaft genehmigte in ihrer gestrigen Generalversammlung den Rechnungsabschluß pro 1885, wonach cine Dividende von 150 # per Aktie zur Vertheilung gelangt, und cr- theilte dem Vorstande wie dem Aufsichtsrathe die Decharge.

Dem in der Generalversammlung der Landschaft der Provinz Westfalen erstatteten Jahresbericht für das Jahr 1889 entnehmen wir folgende Mittheilungen: Das Jahr 1885 brachte einen Zuwahs des Beleihungskapitals von 2521 600 M, dagegen wurden gelöscht 108 909 4; es ergab sih mithin ein reiner Zuwachs von 2412700 #4, so daß am 31. Dezember 1885 das ver- zinsliche Pfandbriefkapital betrug 17 832 100 4 Für dieses Kapital sind verpfändet zu erster Stelle des Grundbuchs Grundstücke mit einem Gesammt-Reinertrag nah der Grundsteuer-Mutterrolle von rund 1010200 4 Mithin ist belichen rund der 17,65fache Nein- ertrag des Katasters, oder es ist ein Uebershuß an Sicherheit vor- handen von rund 4560 000 M über die statutenmäßige Beleihungs- grenze, wobei die bereits amortisirten 408012 M nit berüsichtigt sind. Die Zahl der Mitglieder der Landschaft betrug am 31. De- zember 1884 1204, es traten im Jahre 1885 hinzu 163, dagegen traten Us O O Dag das Jahr \{chlicßt mit einer Mitglieder- zahl von 1362. Die Beschlüsse der Generalversammlung der Landschaft vom 20. Juni 1884, betreffend Aenderungen des Statuts erhielten am 31. August 1885 die landesherrliche Bestätigung. Das darauf vom Verwaltungsrath beschlossene Tax- Reglement wurde am 3, Dezember vom Herrn Minister genehmigt. Die Rechnung für das Jahr 1885 ift revidirt; der Direktion wurde Decharge ertheilt. Der reine Ueberschuß im Betrage von 31582 M ist gemäß Beschluß des Verwaltungsraths als einstweilen eiserner Bestand dem Betriebsfonds zugeführt, welcher dadurch auf 94 432 M steigt. Seit dem 1. Januar 1886 bis 14. Avril fino 117 neue Beleihungsgeshäfte ausgeführt, davon 742800 4A in Pfandbriefen zu 4% und 561700 \s in Pfandbriefen zu 3s °/o, so daß das verzinslibe Pfandbriefkapital am 14. April cr. = 19 136 600 Æ betrug, bei einer Mitgliederzahl von 1447. Aus den Verhandlungen der Generalversammlung und des Verwaltungs- raths heben wir noch Folgendes hervor. Eine Konvertirung der 4°/oigen Pfandbriefe ist dur das Statut ausge\chlossen, da die Land- haft Kündigungen nur zum Zwecke der ntutenmäßigen Tilgung vor- nehmen darf. Eine Umwandlung würde daher nur in der Weise er- folgen können, daß die Schuldner Pfandbriefe zu 49% ankaufen, einliefern, diese verbrannt und darauf nah geschehener Abänderung des Hypothekenbriefes neue 3249/6ige Pfandbriefe ausgegeben würden, fodaß die Coursdifferenz zwischen den 4%oigen und 31%igen Pfandbriefen niemals vom Pfandbrief-Inhaber, sondern vom Grundbesitzer zu tragen sein würde. Was die für die statutenmäßige Tilgung (Verbrennung) erforderlichen Pfandbriefe betrifft, so sollen die 33%/igen au ferner dur freihändigen Ankauf beschafft werden, während vom laufenden Jahre ab für die 4/0 Pfandbriefe die statutenmäßige Ans- loosung eintritt. Dieselbe wird ungefähr § 9% des umlaufenden Kapitals betragen und die erste Kündigung zum 1. Juli 1887 erfolgen.

Die „New-Yorker Hdls.-Ztg.“ schreibt in ihrem vom 9, d. M. datirten Wochenberi cht: Dem Geschäft am Waaren- und Produktenmarkt _fehlt es immer noch an Regsamékeit. Weizen und Mais stellten sich im Werthe niedriger und begegneten nur mäßigem Erportbegehr. Hafec fand dagegen nah dieser Nich- tung wieder recht viel Beachtung und bat sih im § reise behauptet. Weizenmehl war sehr ill und williger. Das Befrachtungsgeschäft ist ziemlich ruhig verlaufen. Baumwolle büßte eine im Laufe der Woche erzielte Avance amz&chluß wieder ein und hat sowobl in Terminen wie dis8ponibler Waare ruhiges Geschäft gehabt. Am Woll- markt herrschte nur mäßige Frage, die zu bisherigen Preisen willige Abgeber fand. Brasil-Kaffees verkehrten in festercr Haltung, rein- s{meckendeSorten sind unverändert. Nohzuer verkehrte troß der immer noch sehr reservirten Haltung hiesiger Raffineur3 in steigender Tendenz. Der Theemarkt war still, aber stetig. Schmalz sowie loung und short clear Middles fanden Anfangs für Export recht viel Beachtung, haben aber später ebenso wie die meisten anderen unter die Kategorie Provisionen fallenden Artikel stilles Geschäft und gegen Schluß in Sympathie mit den Getreidemärkten willigere Tendenz gehabt. Terpentinöl stellte ih bei aufgeregtem Geschäft erheblich höher, Har?