1886 / 230 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Se. Königliche Hoheit der Prinz Heinrih, Se. Hoheit der Fürst von Hohenzollern und Se. Hoheit der Prinz Ludwig Wilhelm von Baden sind gestern in Baden-Baden eingetroffen.

Anläßlih des V Geburtstages Jhrer Ma- jestät der Kaiserin und Königin haben sämmtliche

ie Gebäude sowie eine große Zahl von Privathäusern fe lichen Shmu> angelegt. Jn den Theatern werden die Vor- ellungen durch einen Prolog eingeleitet werden.

Nach kurzem Krankenlager verstarb heute früh der General-Jntendant der Königlichen Schauspiele, Kammerherr Botho von Hülsen. i

Des Kaisers und Königs Majestät verlieren in ihm einen langjährigen, treuen Diener, der in rastloser, bis in seine leßten Lebenstage fortgeseßter Thätigkeit die umfangreichen und {weren Pflichten seines Amts während eines Zeitraums von länger als 35 Jahren wahrgenommen hat. Am 1. Sep- tember 1833 in das Kaiser Alexander Garde-Grenadier- Regiment Nr. 1 eingetreten, wurde vom 1. Juni 1851 ab der damalige Premier-Lieutenant von Hülsen unter Verleihung des Charakters als Hauptmann und Ernennung zum König- lihen Kammerherrn mit der Leitung der JFntendantur der Königlichen Schauspiele beauftragt und bereits im März 1852 zum General-Jntendanten der Königlihen Schauspiele ernannt. Als im Jahre 1867 die Theater in Hannover, Kassel und Wiesbaden in die Königlihe Verwaltung über- nommen wurden, wurde ihm die Oberleitung auch dieser Bühnen übertragen. Was er in dieser Stellung an der Spiße von fünf großen Theatern für die dramatische Kunst geleistet, was er au<h über die nähsten Obliegen- han seines Amts hinaus für einen engeren Zu- ammenshluß der deutshen Bühnen und für die Sicherstellung des Looses der an denselben thätig gewesenen Künstler und ihrer Hinterbliebenen gethan hat, kann heute hier nit eingehend gewürdigt werden, sondern wird an andern Srellen eine ausführlichere Darstellung finden müssen. Zahl- reihe Anerkennungen sind dem Verewigten zu Theil geworden , insbesondere die bei Gelegenheit seines fünfzig- jährigen Dienstjubiläuums mittelst eines überaus huld- vollen Allerhöchsten Handschreibens erfolgte Verleihung des Rothen Adler-Ordens erster Klasse mit dem Emaille- band des Königlichen Kronen - Ordens. Von der her- vorragenden Stellung, die er sih in der deutschen Bühnen- welt durch seine Verdienste erworben, gab der Verlauf jener Feier ein beredtes Zeugniß.

Se. Majestät der König haben ‘auf den Vortrag des Ministers des Jnnern, des Justiz-Ministers und des Ministers für Landwirthschaft 2c. zu genehmigen geruht, daß im Jnteresse der Förderung der heimischen Pferdezucht und zur Verhinderung des heimlihen Wettens mit sogenannten Buch- machern die Aufstellung und Benußung von Totalisatoren auf den Rennpläßen auf jedesmaligen besonderen Antrag der Unternehmer, und zwar auf Grund einer von den be- treffenden Regierungs-Präsidenten, bezw. Regierungen und dem Polizei-Präsidenten hierselbst unter Vorbehalt des Wider- un im Falle der Nichtinnehaltung der na<hstehend aufge- führten Bedingungen zu ertheilenden polizeilihen Erlaubniß gestattet werde.

Die bei Ertheilung dieser Erlaubniß zu stellenden Bedin- gungen sind, folgende :

1) Die Veranstalter des Totalisators dürfen sih bei dem an demselben stattfindenden Glüksspiele in keinem Falle be- theiligen, sie haben sih vielmehr lediglih auf die Erhebung einer je nah den örtlichen Verhältnissen von der die Erlaub- niß ertheilenden Behörde festzuseßenden, ausshließli<h zu Renn- zwe>en zu verwendenden Tantième, welche von allen Einsäßgen ohne Unterschied zu zahlen ist, als Vergütung für die frag- liche Veranstaltung zu beschränken.

2 Die Wetteinzahlungen dürfen nur in ein für alle doe estimmten, nicht zu niedrig festzusezenden Einheitssäßen estehen.

3) Der Totalisator ist in einem von den übrigen Theilen des Rennplaßes abgeschlossenen Raume aufzustellen, auch der Zutritt zu demselben nur den JFnhabern des ersten Plages gegen ein besonderes, entsprechend hoch zu bemessendes Eintritts- geld zu gestatten.

4) Die Kontrole über die Ausführung dieser Bedingungen, welche sih eventuell au<h auf eine Einsicht der betreffenden Bücher und Listen des Unternehmers zu erstre>en hat, ist von der Ortspolizeibehörde auszuüben.

Die betreffenden Regierungs-Präsidenten 2c. sind von den Ressort-Ministern unterm 30. August cr. veranlaßt worden, danach in künstigen Fällen zu verfahren, im Falle der Er- laubnißertheilung den Betrieb der Totalisatoren streng über- wachen und namentlich darauf achten zu lassen, daß der Zutritt zu denselben nur dem bd anna ania begrenzten Perjonen- kreise gestattet und die Tantième ausschließli<h zu Rennzweken verwendet werde.

Die Buchmacher sind wie bisher mit allen zu Gebote stehenden Mitteln von den Rennpläßen fern zu halten und geeigneten Falls zur Bestrafung zu ziehen.

Die von dem Minister des Fnnern erlassenen Verfügungen vom 4. Januar und 14. April 1881 sind, soweit sie das Verbot der Totalisatoren betreffen, aufgehoben.

Der Chef der Admiralität, General-Lieutenant von Caprivi, ist von den Fnspicirungen des Manövergeschwaders hierher zurücfgekehrt.

Der Dampfer „Roma“, mit der abgelösten Be- sagung S. M. Ae egale „Bismarl{“/ und S. M. Kreuzer „Nautilus“, ist am 29. September cr. in Wilhelmshaven ein- getroffen.

Vayern. Würzburg, 29. September. (W. T. B.) Der Prinz-Regent ist heute Vormittag 91, Uhr au dem hiesigen Bahnhofe eingetroffen und von dem Bischo Dr. von Stein, dem Regierungs - Präsidenten Grafen von Luxburg und dem Bürgermeister empfangen worden. Jn den reih bekrärgzten und beflaggten Straßen, dur< welche der Zug si<h nach der Königlihen Residenz bewegte, bildeten die E Den Lob und die Jnnungen Spalier; Gesangvereine begrüßten den hohen Gast durh eine Hymne. Von 11 Uhr an fand Empfang statt. Für den Nachmittag ist eine Fahrt nach der Universität und der Neuen Kaserne, und Abends eine Festvorstellung im Theater in Aussiht genommen. Hieran

soll si< eine Rundfahrt dur die prächtig erleuhtete Stadt schließen.

Sachsen. Dresden, 29. September. (Dr. J.) Die Herzogin -Mutter von Genua ist gestern Abend um 10 Uhr aus Jtalien hier eingetroffen und auf dem böhmischen Bahnhof von dem König und der Königin, dem Prinzen Georg, den Prinzen Friedrih August, Johann Georg und Max, sowie den Prinzessinnen Mathilde und Maria Josepha auf das herzlihste begrüßt worden. Der außerordentliche Botschafter des Kaisers von Oesterreih, Graf Ferdinand Trauttmannsdorff , Geheim-Rath und Oberst - Kämmerer, wird mit 4 Hofkavalieren heute 7 Uhr Abends über Prag erwartet, während der Großherzog von Toskana nebst Ge- mahlin, sowie der Herzog Thomas von Genua um 10 Uhr eintreffen werden.

30. September. (W. T. B.) Erzherzog Otto, der Bräutigam der Prinzessin Maria Josepha, traf 5 früh 8/, Uhr hier ein und wurde am Bahn- ofe, woselbst eine Éhren-Compagnie aufgestellt war, von dem König, den Prinzen Georg, Friedrih August, Fohann Georg und Max und der gesammten Generalität begrüßt. Die Mitglieder der hiesigen österreichishen Gesandtschaft, sowie die zum Ehrendienst des Erzherzogs kommandirten Offiziere waren demselben bis Tetschen entgegengefahren. Der Herzog von Genua und der Großherzog und die Groß- herzogin von Toskana sind gestern Abend hier eingetroffen.

Leipzig, 29. September. (W. T. B.) Die Ein- weihung der neu erbauten Börse fand heute in Anwesenheit des Königs, der Minister der Finanzen und des Jnnern, des General-Direktors der sächsischen Staats- bahnen, sowie der Spißen der Behörden statt. Nachdem der König mit einem dreifahen Hoch begrüßt worden war, hielten Konsul Direktor Wachsmuth, Ober-Bürgermeister Dr. Georgi und der Börsenvorstand, Banquier Beer, Ansprachen. Bei dem hierauf folgenden Déjeuner drückte der König seine große Befriedigung über den Bau und die Einrichtungen der Börse aus.

Sachsen-Weimar-Eisena<h. Weimar, 29. September

(Th. Corr.) Der Großherzog, der sih gestern nah Ba den- Baden zur Feier des Geburtstages der Kaiserin begeben hat, wird gegen Ende der Woche von dort zurückerwartet. Am Sonnabend treffen au<h die Großherzogin von Hein- rihau in Schlesien und der Erbgroßherzog von einer nah Schluß der Kaisermanöver na<h England unternommenen Reise hier ein. Am 3. Oktober wird der Besuch des Herzogs Johann Albre<ht von Me>lenburg- Schwerin am Großherzoglichen Hofe erwartet. _ Der Landtag ist zur Wiederaufnahme und Beendigung seiner Berathungen auf den 11. Oktober einberufen worden. Es handelt si< in erster Linie um Fertigstellung des Etats für die nächste, am 1. Januar 1887 beginnende dreijährige Finanzperiode.

Oesterreih-Ungarn. Wien, 29. September. (W. T. B.) Der Reich srath hat seine Sißungen heute wieder begonnen. Im Abgeordnetenhause richtete der Abg. Heilsberg die Anfrage an den Minister-Präsidenten Grafen Taaffe, ob er geneigt sei, dur<h eine unzweideutige Erklärung die bezüglich des österreihis<h-deuts<hen Bündnisses aufgetauch- ten Gerüchte als eine müßige Erfindung zu bezeichnen.

Pest, 29. September. (W. T. B.) Das Unterhaus begann heute mit der Generaldebatte über die Vorlage, be- treffend die Verlängerung des Zoll- und Handels- bündnisses. Vor Schluß der Sigung interpellirte Szilagyi den Minister-Präsidenten Tisza: ob er ein Protektorat Rußlands über Bulgarien mit dem Ber- liner Vertrage für vereinbar halte und ob die von einem Theile der deutshen Presse verbreitete Darlegung, wo- nah Bulgarien und Rumelien nicht in die Jnteressensphäre der österreichishen Monarchie falle und das Hauptgewicht der äußeren Politik Desterreih-Ungarns in der Gewinnung einer großen zum Aegäischen Meere führenden Verkehrsstraße liege, mit den Prinzipien der Orientpolitik der Regierung über- einstimme.

Jn einer Konferenz der liberalen Partei des Reichstages theilte der Minister-Präsident Tisza mit, daß er die Antwort auf die Fnterpellationen in Betreff der bulgarishen Frage morgen im Plenum des Unter- hauses ertheilen werde. Jn Anbetracht der Wichtigkeit des Gegenstandes und um etwaigen Mißverständnissen, welche durch Verbreitung einzelner Details seiner Antwort entstehen könnten, vorzubeugen, werde er von der gebräuchlichen vor- hen Skizzirung der Beantwortung vor der liberalen Partei absehen.

Großbritannien und Jrland. London, 28. Sep- tember. (A. C.) Jn Folge einer Einladung des Lord- mayors fand gestern im Mansion House ein vorläufiges Meeting von Bankiers und Kausleuten statt, um den Brief des Prinzen von Wales zu erwägen, worin Se. König- lihe Hoheit zur Cooperation behufs Gründung eines Rei < s- Jnstituts der Kolonien und Jndiens, als des passendsten Andenkens an das Jubiläum Fhrer Majestät Regie- rung, einladet. Nah Ansprachen des Lordmayors, des Gouver- neurs der Bank von England und Anderer wurde beschlossen, einen kleinen berathenden Ausschuß zu ernennen, der die besten Schritte zur Aufbringung der nothwendigen Geldmittel in Er- wägung ziehen soll.

_ Sydney (Australien), 28. September. (R. B.) Die Eisenbahn nah Tenterfield innerhalb 10 Meilen von der Queensland-Grenze wird von dem Gouverneur und den Mitgliedern des Minikieriums am 19. Oktober eröffnet werden. Wenn die Eisenbahn auf der Queensland-Seite der Grenze fertiggestellt ist, werden Adelaide, Melbourne, Sydney und Brisbane dur einen Schienenweg in Verbindung geseßt sein.

Mane, Paris, 29. September. (W. T. B.) Der Minister-Präsident de Freycinet ist heute Mitta von Toulouse na< Montpellier weitergereist. Alle republikanischen Blätter äußern si beifällig über die Rede des 0 de Freycinet in Toulouse. Der „Temps“ sagt bezüglich der äußeren und kolonialen Politik: die Rede bringe die Meinung des ganzen Landes getreu und klar zum Ausdru.

Rußland und Polen. St. Petersburg, 30. Sep- tember. es T. B.) Der Kaiser und die Kaiserin sind gestern Abend von Szala nah Peterhof übergesiedelt.

Moskau, 29. September. (W. T. B.) Die Mos: fauer Zeitung“ sagt bezüglih der von dem General Kaul: bars in Sofia abgegebenen Erklärung: der von dem Vertreter Rußlands angeschlagene feste Ton bekunde daß wie die Diplomatie si<h au< gebahren möchte, der Wille des Lenkers der Geschi>e Rußlands unbeugsam in seinen Ye- s{lüssen sei und über jeder Täuschung stehe, Europa werde zu der Einsicht gelangt sein, daß man Rußland die ihm gebührende Stellung in Bulgarien lassen müsse.

Zeitungsf}timmen.

Die „Neue Reichs-Correspondenz“ schreibt über die Vortheile der Schußzollpolitik:

In der freisinnigen Presse wird der von dem Staatssekretär von Boetticher in der Berathung des spanischen Handelsvertrageg für die Besserung der Ausfuhrverbältnifse Deutschlands angeführte Umstand, daß der angeshriebene Werth der Ausfuhr Deutschlands in dem Jahre 1885 nur um einen Minimalbetrag geringer gewesen sei, als derjenige des besten 1879 unmittelbar vorhergehenden Jahres, als ein Beweis für das Gegentheil ausgegeben Dabei is} aber dreierlei überschen. Zunächst ist, wie dies gerade von freisinniger Seite so stark betont ist, als @ galt, die Konsequenzen aus den aus den amtli<en Daten für die Handelsbilanz hervortretenden Zahlen zu bekämpfen, zu be achten, daß die Ausfuhrzahlen der Zeit vor 1880 einen erbeblihen Theil der Durchfuhr in si< \{ließen, alfo nur mit dieser Maßgabe mit den jeßigen Daten vergleihbar sind. Wenn daher zwischen 1878 und 1885 nach den offiziellen Daten eine geringfügige Veränderun des Zollwerths der Ausfuhr zu konstatiren ist, so bedeutet das gu für den oberflählih Unterrichteten in Wahrheit eine erheblihe Steigerung des Werthes der Ausfuhr.

._… ._. Berner ist für die Beurtheilung der Frage, ob die Ausfuhr gewachsen ist oder nicht, selbstverständlih au< der Preis der expor- tirten Waaren von Bedeutung In den meisten Zweigen der deutschen Ausfuhr sind aber seit 1878 die Preise sehr erheblih gesunken. Selbst unter der Voraussetzung eines gleichen Geldwerthes würde daher die Ausfuhr für 1885 immer noch quantitativ si erhebli<h höher stellen, als die für 1878, Endlih kommt hinzu, daß die Bedingungen des eigenen Verbrau<hs in Verbindung mit den Preisverhältnis}en des Weltmarktes zu einer erheblihen Verschiebung in Bezug auf den Charakter der Ausfuhr geführt haben. Die Erzeugnisse der Land- wirthschaft, Zu>ker und Spiritus, und insbesondere das Getreide, \<winden unter der kombinirten Einwirkung beider Momente mehr und mehr in der Reihe der Exportwaaren ; die entstandene Lücke wird durch Erzeugnisse der Industrie ausgefüllt.

Für die leßtere und die in derselben beschäftigten Arbeiter ergiebt sih hiernah aus dem amtlichen Zahlenmaterial, daß die Ausfuhr seit 1878 sowohl na< ihrem Gesammtwerth, als insbesondere nach der Masse der Ausfuhrwaaren erheblich gestiegen is, und daß an dieser Vermehrung in verhältnißmäßig hohem Grade die Erzeugnisse der Industrie Theil genommen haben. Erhöhte Thätigkeit der leßteren bedeutet Vermehrung der Arbeit, Vermehrung der Arbeit eine Besserung in der Lage der Arbeiter. Gerade diese haben daher von der jeßigen Wirthschaftspolitik entshiedenen Vortheil.

Jn der „Staatsbürger - Zeitung“ lesen wir:

Die polnische Presse in Galizien und Russisch-Polen beschäftigt si< gegenwärtig schr viel mit dem Polenthum in der Provinz Posen, ertheilt Rathschläge, was hier dem andringenden Deutschthum gegen- über das Polenthum zu thun habe und wie ihm zu helfen sei, und stellt dabei die Aussichten des hiesigen Polenthums în durchaus nit rosigem Lichte dar. Eine in Lemberg seit 18 Jahren erscheinende Zeitung, die „Gazeta Wiecjska“, geht ee soweit, die Provinz Posen geradezu als einen verlorencn Posten zu bezeihnen. Sie weist darauf hin, daß das Polenthum hier niht allein andauernd an Grundbesitz einbüße, sondern daß auch in neuerer Zeit, wo die Regierung zur Ansiedelung für deutsche Kolonisten Grundstü>ke ankauft, polnishe Grundbesitzer der Regierung ihre Grundstücke zum Kauf anbieten. Es wird dann weiter bemerkt: „Der gegenwärtige Stand des Großherzogthums würde sih uns nit in so düsteren Farben darstellen, wenn wir sähen, daß die Polen in Preußen mit dem fur<tbaren Gegner auf den Ge- bieten der Wissenschaft, der {<önen Künste, des Handels und des Gewerbes kämpfen. Jedoh macht auch hier eine fur<tbare Unthätig- keit fih bemerkbar. Das Posener Landhat in den leßten Jahrzehnten auch niht einen einzigen großen Künstler und Gelehrten geliefert, der ganze Handel und das größere Gewerbe befindet si<h in deutschen Händen, und das durch religiösen Mysticismus beeinflußte Volk er- wartet ein Wunder. Die ganze Thätigkeit des Großherzogthums Posen ershöpft sih nah einer Richtung einer unpraktischen und völlig fruchtlosen im Parlamentarismus. Die Provinz hat polnishe Abgeordnete, welhe meinen, daß sie durch das Aus- \sprehen einer s{<önen Tirade über das Thema der NReht- mäßigkeit oder Nichtre<htmäßigkeit des Verfahrens der WRegie- rung mit den Polen diese Regierung zur Anerkennung der nationalen Rechte zwingen und allen genügt das! Fürwahr, es ist dies ein verzweiflungsvolles und trauriges, aber wahres Bild, und keine Aenderung zum Bessern verkündet, keine Hoffnung gewährt uns das Großherzogthum Posen.“ Der in Posen erscheinende „Oren- downik*, welcher si<h mit diesem Artikel beshäftigt, widerstreitet den in demselben gema<hten Angaben und weist darauf hin, daß das polnishe Element neuerdings in seinen mittleren Schichten sowohl zu Nationalgefühl, wie im Wohlstande wahse und zu Kräften omme.

_ Die „Magdeburgische Zeitung“ weist auf die in dem offiziellen Organ der deutschen Sozialdemokratie sür die amerikanishen Anarchisten laut werdenden 1Þarmen Sympathien folgendermaßen hin : :

__ „Schon einigemale hat der „Sozialdemokrat“, der bekanntlich în Zürich gedru>t und von dort aus nah Deutschland unv Oesterreich verschi>kt wird, Veranlassung genommen, die in Chicago verurtheilten Anarchisten unter feine besondere Obhut zu nehmen und sie sciner Sympathie und Liebe zu versihern. In der jüngsten Nummer be zeichnet das Blatt den Anarchistenprozeß cls eine „Angelegenheit von allgemeirstem politishen und mens<hli<hen Interesse“. Die verurtheilten Anarchisten werden als die „Opfer eines von der Parteileidenschaft diktirten Tendenzurtheils“ hingestellt, und um das Maß seiner Güte voll zu machen, sendet der „Sozialdemokrat" baare 500 4 na Chicago zur Unterstüßung der Anarchisten, welhe bekanntlich eint Revision des Prozesses anstrengen.

Die „Berliner Börsen-Zeitung“ theilt ein Rundschreiben des Grubenvorstandes der Zeche „Consolidation“ bei Schalke über das auf einem der dortigen Schachte vo!- getmmene Grubenunglü> mit, in welhem Schreiben s U. A. heißt:

. _. . Eine ausreichende Unterstüßung der Hinterbliebenen der Verunglü>kten und hülfreiher Beistand werden durch die segensreichen u Je Bestimmungen des Unfall-Versicherungsgeseßes gewähr- etter.

__— Jn den „Me>lenburgishen Anzeigen“ finden wir folgende Notiz: er N zwischen Deutschland und Frankreich hat im leßten Jahrzehnt eine vollständig veränderte Gestalt angenommen. Im Jahre 1875 {stellte sih die Einfuhr von Deutschland na Frankrei auf 349 N d die Ausfuhr von Frankreih na<h Deuts(h- land auf 426,9 Millionen Francs, fo daß die Handelsbilanz in Frank rei eine Mchrausfuhr von 77,9 Millionen ergab. Nach Einführung des neuen Zolltarifs stieg im Jahre 1882 die Einfuhr von DeutsŸ* land nah Frankreih auf 476,5 Millionen Francs und die Ausfuhr

von Frankrei<h na Deutschland ging auf 338,8 Millionen zurü>, so daß der UVebershuß der deuts<hen Einfuhr über die französische Ausfubr 137,7 Millionen Francs betrug. Seitdem hat freilih die \<le<hte Konjunktur, unter der die Industrie in der ganzen Welt zu leiden hat, au hier ihre Wirkung ausgeübt, denn im Jahre 1884 betrug die Einfuhr von Deutschland nah Frankreih nur no<h 416,9 Millionen und die Ausfuhr von Frankrei nah Deutschland nur no<h 327,9 Millionen, so daß in diefem Jahre der Ueberschuß der deutschen

andelsbilanz nur 89 Millionen ausmachte. Es is aber ein fehr günstiges Zeichen für den deutschen Export, daß die Ausfuhr von Manufakturen aus Deutschland im Allgemeinen seit dem Jahre 1874 si< mehr als verdoppelt hat. Während die gesammte Ausfuhr in diesem Artikel in jenem Jahre 841,8 Millionen Mark betrug, ift sie im Jahre 1884 bereits auf 1730 Millionen Mark angewachsen.

E

Armee - Verordnungs - Blatt. Nr. 23. Inhalt: Verordnung, betreffend nähere Festseßungen über die Gewährung von Tagegeldern und Fuhrkosten an die Beamten der Militär- und Marineverwaltung. Vom 27. Juli 1886. Ausgabe neuer Aus- rüstungs-Nachweisungen. Anwendung des Militärtarifs beim Eisen- bahntransport von Militärgut. Garnison-Ver pflegungs-Zuschüfsse für das 4. Quartal 1886.

Statistis<he Nachrichten.

Neber die Lebens-, Unfall- und Nentenversicherung in Preußen in den Jahren 1883 und 1884 entnehmen wir einer Ab- handlung von H. Brämer im 1. und 2. Heft Jahrgangs 1886 der „Zeitschrift des Königlib Preußischen Statistishen Bureaus“ folgende Angaben und Ziffern: Mit der eigentlichen Kapitalversicherung auf den Todesfall befaßten \si< zu Ende 1884 in Preußen (ebenso wie Ende 1882) 22 preußische Gesellshaften und Anstalten (davon 7 auf Gegenseitigkeit und 15 auf Aktien), 11 andere deutsche (6 auf Gegen- seitigkeit und 5 auf Aktien) und 17 außerdeutsche (3 auf Gegenseitig- feit und 14 auf Aktien), im Ganzen also 50 Gesell- \<aften und Anstalten (davon 16 auf Gegenseitigkeit und 34 auf Aktien). Läßt man die hierunter befindliche Pariser V e haft „Crédit viager“, wel<he ebensowenig wie in den Verjahren über ihr preußishes Geschäft berichtet hat, außer Betracht, so betrieben von den übrigen 49 Gesellshaften in Preußen außerdem 15 die Begräbnißgeld- (Sterbekassen-) Versicherung, 40 die Kapital- versiherung auf den Erlebensfall in verschiedenen Formen, 7 die Unfallversiherung und 33 die Rentenversiherung. Außer den 49 Ge- sellshaften waren ferner in Preußen thätig: 1 für Begräbnißgeld- und Rentenversicherung, 2 für Kapitalversicherung auf den Erlebens- fall und Rentenversiherung, 1 für Kapitalversiherung auf den Erlebensfall, 8 für Unfallversiherung und 4 für Rentenversicherung, sodaß, einschließli<h des „Crédit viager“, in den beiden Jahren sich 66 Gesellshaften in Preußen mit einem oder mehreren Zweigen der &bens-, Unfall- und Rentenversicherung befaßten. Was die Be- stände der cigentlihen Kapitalversiherung auf den ToLesfall betrifft, so ist die Zunahme derselben in den beiden Jahren 1883 und 84 er- heblih größer gewesen als in irgend einem früheren seit 1867. Es waren nämli<h versichert 1883 465 792 Personen (Zahl der Policen) für im Ganzen 1433 160 889 4, also durhsc<nittli< für die Person 3077 #4; die Zunahme gegen 1882 (43% 961 Personen bezw. Policen, für 1353 138737 Æ, also dur<sc<hnittli}h 3083 M) betrug mithin 26 831 Personen und 80022152 X Versicherungs- summe, wogegen die durchs<nittlihe Summe für die Person um 6 # abnabm. Im Jahre 1884 waren versichert 497 636 Personen (Zahl der Policen) für die Gesammtsumme von 1531790259 A, also dur<hschnittli<h 3078 4 für die Person; die Zunahme gegen 1883 betrug mithin 31844 Personen, 98 629370 F Ver- siherungssumme und 1 F mehr durc<hschnittlih für die Person. Für 1867 waren die entsprehenden Ziffern: 188009 Personen (Policen), 520 897 929 f Versicherungssumme. 2771 4 im Durch- \hnitt für die Person. Für 1868 bezifferte si< die Zunahme an Personen auf 28 933, an Versicherungsfumme auf 62 403 780 Die nähsthöchsten Ziffern der Zunahme an Versicherungssumme nah 1883 (80022152 A), 1884 (98629370 A) zeigen 1873 (78 980 808 6), 1874 (74 319 168 6) und 1875 (74 227 451 M); die höchsten Ziffern der Personenzunahme na<h 1884 (31 844) die Jahre 1869 (29 475 Personen), 1868 (29 933 Personen), 1883 (26 831 Personen) und 1873 (26 608 Personen). Troy dieser be- trähtlihen Zunahme steht jeto< die Ausbreitung der Lebensversiche- rung in Preußen im Verhältniß zur Bevölkerungszahl no< immer sehr bedeutend hinter denjenigen anderer Kulturländer, namentlich Englands und Nord-Amcrikas, zurü>. Worin die Ursachen hierfür zu suchen seien, ist, wie Brämer sagt, {wer zu entscheiden. Unsere Lebensversicherungs-Anstalten ständen in ihren Bemühungen zur Werbung neuer Versicherungen wohl kaum hinter den englischen und amerikanishen Gesellschaften zurü, in Bezug auf Solidität und finanzielle Lage im Allgemeinen gewiß no< weniger, so daß cin irgend verbreitetes Mißtrauen des Publikums in dieser Hinsicht kaum anzu- nehmen sei. Vielleicht stehe aber gerade umgekehrt eine zu große Soli- dität, d. h. cine allzu große Aengstlichkeit in der Auswahl der Risiken einer \<nelleren Ausbreitung der Lebensversiherung bei uns im Wege. Das regelmäßige Zurükbleiben der wirklichen Sterblichkeit hinter der rehnungsmäßigen Erwartung gebe dieser Vermuthung wenigstens eine gewisse Berechtigung. Die große Zahl der alljährlihen Ablehnungen von Versicherung8anträgen hae den Gesellschaften viele Gegner und beeinflusse au weitere Kreise der Bevölkerung. Es müsse dahingestellt

leiben, ob eine vorwiegende Rücksihtnahme auf möglichst große finan- zielle Erträgnisse und auf hohe Dividenden für die Versicherten, worin die großen, soliden Gesellschaften mit einander wetteifern, volkswirth\<haftli<h den Vorzug verdiene vor ciner, durch etwas weniger Aengstlihkeit der Aufnahme zu erreihenden wesentli größeren Zu- nahme der Versicherungen. Als einen weiteren Grund für die ver- hältnißmäßig geringere Ausbreitung der Lebensversicherung könnte man auch die geringere Wohlhabenheit unserer Bevölkerung anführen; allein dieselbe finde bereits ihren vollen Auëdru> in den weit niedrigeren Durhschnittsbeträgen unserer Versicherungen im Vergleich zu denen in ngland und Nord-Amerika. Der \{<on oben verzeichnete Rückgang der dur<schnittlihen Versicherungssumme (1879 37 M, 1880 4 M, 1881 10 M, 1882 59 6, 1883 -— 6 6, 1884 1 ) in den Teßten beiden Jahren hat jedo seinen Grund lediglich in der erheblichen Zunahme der Arbeiterversicherung mit kleinen Beträgen. So befanden sh unter den rund 69000 Versicherungen der Gesellschaft »Friedrih Wilhelm“ in ihrem Gesammtgeshäft zu Ende 1884 nahezu 52 000 Sterbekassen- und Arbeiter-Versicherungen im Durchschnitts- betrage von 203 # gegen 18568 zum Durchschnittöbetrage von 239 4 zu Ende 18892. Die Zunahme an versicherten Perfonen von Ende 1867 bis Ende 1884 betrug bei den deutschen gegenseitigen Gesellschaften 107 759, bei den Gefellshaften auf Aktien 190 768, bei den außerdeutshen Gesellshaften 11 100 Personen. Der Bestand zu

Ende 1884 bezifferte si< somit bei den deutschen gegenseitigen Gesell- }

haften (1867 Bestand 36 559 Personen) auf 144 318 Personen, her den deutschen Aktien-Gesellshaften (1867 Bestand 139 681 Personen) auf 330449 Personen, bei den außerdeutschen Gesellschaften (1867 Bestand 11769 Personen) auf 22869 Personen. Die versicherten Gesammtsummen bezifferten si< Ende 1884 bei den deutschen gegenseitigen Gesellshafken auf 566 671 245 4, seit Ende 1867 (137 241 054 M), also um 429430191 M mehr, bei den deutshen Aktien-Gesellshaften Ende 1884 auf 873 094 934 f, seit 1867 (339 890 085 c) also um 533 204 849 „# mehr, bei den außer- deutschen Gesellschaften auf 92 024 080 M, seit 1867 (43 766 790 M6) also um 48257290 mehr. Der Prozentsay der Bethei- ligung an dem Gesammtbestande hat ih seit 1867 wesentli zu Gunsten der deutshen Gegenseitigkeits - Gesellschaften ver- hoben (versicherte Personen 1867 19,4 9%, 1884 29,0 °/o, versicherte Summen 1867 26,3 9/0, 1884 37,0 9/0; bei den Aktiengesellschaften 1867: versicherte Personen 74,3 9/0, 1884 66,4 °/o, versicherte Summen:

1867 65,3 9%, 1884 57,0 9/0), jedo< war das absolute Anwa@&sen in den meisten Jahren bei den deutschen Aktiengesellshaften ein stärkeres ; zu berü>sihtigen ist dabei aber, daß die Zahl der deutschen Aktien- gesellshaften erheblih größer ist als diejenige der gegenseitigen. Für die ausländishen Gesellschaften bere<nen {ih die Prozentantheile an dein ganzen Bestande, wie folgt: versicherte Personen 1867 6,3 9/o, 1884 4,696, versiherte Summen 1867 84%, 1884 6,09%%o. Was die einzelnen Gesellschaften betrifft, fo haben unter den deutschen gegenseitigen in den beiden Bericjiëjabren die Lebensver- sicherungsbank für Deutshland in Gotha mit 23,7, die Leipziger Lebensversicherungs-Gesellschaft ‘mit 10,8, die Allgemeine Versorgungs- anstalt in Karlsruhe mit 10,1, die Stuttgarter Lebensversicherungs- und O mit 8,0, der Preußische Beamtenverein mit 7,9, die Hannoversche Lebensversicherungs-Anstalt mit 5,2, die Iduna in Halle a. S. mit 4,6 Millionen Mark den größten reinen Zugang in Preußen gehabt; bei den deutshen Aktiengefcllshaften desgleichen die Germania in Stettin mit 14,6, die Magdeburger mit 9,0, die Ber- linishe mit 7,3, die Lebens- u. \. w. Versicherungsgefellshaft Friedrich Wilhelm in Berlin mit 5,9, die Concordia in Köln mit 5,2 und die Teutonia in Leipzig mit 4,5 Millionen Mark; unter den außer- deutshen Gesellschaften hingegen die Equitable in New - York mit 5,7, die New - Vork Lebensversicherungs - Gesellshaft mit 53 und die Germania in New - York mit 40 ê Das Verhältniß der Prämien-Einnahmen und der Schäden- zahlungen zu den Kapital-Versicherungen auf den Todesfall (ein- \chließli<h der Begräbnißgeld-Versicherungen) stellte si<h 1883 wie folgt dar: Gesammt-Versicherungssumme am Schluß des Jahres 1 448 446 545 MÆ, Prämien-Einnahmen 48 452 899 4, also pro Mille der Versicherungssumme 33,45, Schädenzahlungen 22 027486 H, also pro Mille der Versicherungsfumme 15,21, und 45,5 9/o der Prämien; für 1884: Versicherungssumme 1 547 446 845 4, Prämien- Einnahmen 52 288 560 #4, also pro Mille der Versicherungssumme 33,79, Schädenzahlungen 22 819 211 4, pro Mille der Versicherungs- summe 14,75 und 43,6 9% der Prämien. (1867 betrug die Versiche- rungssumme 535 169 580 4, die Prämien-Cinnahmen 16 633 602 M, alfo yro Mille 31,08, dic Schädenzahlungen 8 282 574 4, also pro Mille der Versiherungssumme 15,48 und 49,8 9/5 der C Daß die Promille-Beträge der Prämien von 30,87 (im Jahre 1876) bis (1883) 33,45 und 33,79 (1884) gestiegen sind, erklärt si<h aus der vermehrten Einführung der Versicherungen mit Gewinnantheil auch bei den Aktien- gesellschaften, welche ae Prämiensäße bedingt. Die Promille- Beträge der Schädenzahlungen sind für beide Berichtsjahre niedrig (1884 14,75, 1883 15,21, gegen 18,34 im Jahre 1871, 16,54 in 1870, 15,78 in 1879, 15,73 in 1878), jedoch ift dabei die größere Zunahme der Versicherungssummen in beiden Jahren in Betracht zu ziehen. Die gleichfalls für die leßten Jahre be)onders günstigen Prozentsäße der Schädenzahlungen im Vergleih zu den Prämien (1878 49,8, 1879 49,2, 1880 46,5, 1881 45,6, 1882 45,4, 1883 45,5, 1884 43,6) werden außerdem dur< die Erhöhung der durchschnittlichen Prämien- sätze becinflußt. | : L

Was die Unfallversicherung betrifft, so waren die Ergebnisse der- selben in den Berichtsjahren folgende: 1883 605 631 versicherte Per- sonen, 5 700 837 6 Prämien-Cinnahmen; 3329405 #6 Schäden- zahlu. gen (58,49% der Prämien); 1884 575 581 Personen, 6 813 922 A Prämien-Einnahmen, 3983 442 46 Schädenzahlungen (58,5 9% der Prämien). Im Jahr 1873 war die Zahl der Personen 260116, während die Prämien - Einnahmen 944 448 K, die Schädenzahlungen 241 803 46 (25,6% der Prämien) betrugen. Für 1881 und 1882 bezifferten sich die entsprehenden Rubriken wie folgt: 562806 bezw. 9572773 Personen, 4 201 162 bezw. 4860592 A Prämien-Einnahmen, 2 382 632 bezw. 92 828 457 M. Schädenzahlungen (56,7 bezw. 58,2 0% der Prämien). Die Angaben für die Jahre 1883 und 1884 laffen mithin ein aber- maliges Steigen der Prämien-ECinnahmen und Schädenzahlungen er- kennen; jedo< ist diesem Umstande keine große wirthshaftlihe Be- deutung zuzuschreiben, denn die für die Unfallversicherung mit in Be- trat kommenden Fabrikarbeiter- und Handwerker-Unterstützungskassen, die Knappschäftskassen, die Gewerkvereine“ und die besonderen Unfall- versicherungs-Genossenschaften für einzelne Industriezweige und Bezirke weisen jedenfalls weit höhere Zahlen auf; dur<h die 1885 ins Leben getretenen obligatorishen Berufsgenossenschaften aber ist den eigent- lihen Unfallversiherungs-Gesellshaften bekanntlih vollends der Boden für eine umfangreichere Wirksamkeit entzogen worden. i

In die Renten-Versicherung lassen die wenigen, in den amtlichen Nachweisen enthaltenen Daten eingehendere Einblicke nicht zu, auch setzt die große Verschiedenartigkeit der Einrichtung der einzelnen Renten-Anstalten einer zusammenfassenden statistishen Uebersicht ihrer Ergebnisse große Schwierigkeiten entgegen. Brämer berechnet in Preußen für Ende 1883 71449 und für Ende 1884 71 359 bei deut- schen Gegenseitigkeits-Anstalten versicherte Personen, wogegen die ent- sprechenden Ziffern bei den deutschen Aktiengesellshaften für 1883 2167, für 1884 aber 2521 (bei außerdeutshen 192 bezw. 171) be- trugen. Wie es s<eint, haben demnach die Rentenversicherungen der Lebensversicherungs-Gefellshaften auf Gegenseitigkeit in Preußen im Ganzen einen kleinen Rückgang, diejenigen der Aktiengesellshaften einen ni<t unerheblichen Zuwachs erfahren.

Kunst, Wissenschaft und Literatur.

„Geh. Rath Dr. L. Wiese's Sammlung der Verord- nungen undGesete für die höherenSchulen in Preußen“. Dritte Ausgabe, bearbeitet und bis zum Anfang des Jahres 1886 fortgeführt von Prof. Dr. Otto Kübler, Direktor des Königlichen Wilhelms-Gymnasiums zu Berlin. Erste Abtheilung. Die Schule. Berlin, Verlag von Wiegandt u. Grieben, 1886. Preis 8 4 20 s. Inhaltsangabe: I. Die gesetzlihe Grundlage des höheren Schul- wesens. 11. Die verschiedenen Arten der höheren Schulen. Ihre Aufsichtsbehörden und deren Obliegenheiten. 11. Errichtung und Er- haltung der höheren Schulen. IV. Der Unterricht. V. Zeit- ordnung der Schule, häuslihe Beschäftigung. Pädagogische und disziplinarishe Einrichtungen. V1. Verschiedene Bestim- mungen über die höheren Schulen. YVIT. Prüfungen und Prüfungszeugnisse. VII1. Geltung der Schulzeugnisse in _öffent- lichen Verhältnissen. A. Im Civilgebiet. B. Im militärischen Gebiet. Nachträge. Chronologishes Register. Sachregister. Auf Wunsch des Geheimen Ober - Regierungs - Raths a. D. Dr. Wiese hat si< Professor Dr. Kübler der Bear- beitung der vorliegenden dritten Ausgabe unterzogen. Derselbe hat die Anordnung in wesentlihec Uebereinstimmung mit den früheren Ausgaben (erste 1867, zweite 1875) gehalten, Weggelassen sind am Schluß der ersten Abtheilung die Abschnitte IX und X der zweiten Ausgabe wegen ihrer Beschränkung auf einzelne Anstalten und be- sondere Verhältnisse. Die eingreifendste Veränderung liegt in Ab- schnitt IV, in wel<hem na<h Erlaß der revidirten Lehrpläne vom 31. März 1882 nothwendig geworden und überhaupt zwe>- mäßig erschienen is, die normativen Grundlagen des Cirkularreskripts vom 24. Oktober 1837 und ihre erste Modifizirung dur die Cirkular- verfügung vom 7. Januar 1856, sowie die Unterrichts- und Prüfungs8- Ordnung der Realschulen und der höheren Bürgershulen vom 6. Ok- tober 1859 in ihrem eigenthümlichen Zusammenhange herzustellen, während sie vorher na< einzelnen Abschnitten an diejenigen Stellen vertheilt waren, auf welche sih ihre Bestimmungen bezogen. Auf- gehobene Verordnungen sind nicht wieder aufgenommen; von einigen jedo sind noch diejenigen Theile, auf wel<he no< Bezug genommen werden kann, soweit als erforderlih, wieder abgedru>t. Sehr an- genehm ist es, daß bereits dieser ersten Abtheilung zwei besondere Register, ein <ronologishes und ein Sachregister, der leihtern Be- nußung halber beigegeben ind. Die zweite Abtheilung („Das Lehramt und die Lehrer“) hofft Professor Dr. Kübler noch im Laufe dieses Jahres bearbeiten zu können. Das vorliegende Buch dürfte in seiner jeßigen bedeutend vervollklommneten Gestalt nicht nur den Lehrern an den höheren Lehranstalten, den Mitgliedern der städtishen Schuldeputationen, Schulkuratorien und Schul- fommissionen, sondern au< Allen, welchen an einer authentischen Auskunft über die Geltung der Schulzeugnisse in den öffentlichen

Verhältnissen, deren Berechtigungen und die Bedingungen der Zu- lassung zu Prüfungen, Bildungéinstituten und verschtedenen Berufs- arten gelegen ist, ein schr erwüns<hter Rathgeber sein. =

„Studien über Entwi>elung, Ergebnisse und Gestaltung des Vollzugs der Freiheitsstrafe in Deutschland“. Von Adolf Streng, Gefängniß-Direktor, Stutt- art. Verlag von Ferdinand Enke. 1886 Inhalt: 1. Geschicht- ihes: Ein Kriminalprozeß aus dem 16. Jahrhundert. Die Straf- re<tswissens<haft im 18. Jahrhundert. Die Zustände auf dem Gebiete der öffentlihen Sicherheit in Deutschland. Ende des vorigen und Anfang dieses Jahrhunderts. Das Zuchthaus im 18. Jahrhundert. Die Nürnberger Gefängnisse im Anfang dieses Sahrhunderts. The State Penitentiary at Philadelphia. II. Statistik : Bayerische Kriminalstatistik, Nachtrag zur bayerischen Kriminalstatistik. Die hamburgishe Gefängnißstatistik im Verglei<h mit der deutshen Kriminalstatistik. TII. Straf- vollzug: Rückblik auf die Entwickelung des Gefängnißwesens und Strafvollzuges im Deutschen Reih. Gewohnheits- verbreher sind dur< ausgiebige Kriminalstrafen, niht dur Verwahrung in Arbeitshäusern uns<hädli<h zu machen. Ueber Verlegung der Altersgrenze strafre<tli<her Verfolgbarkeit vom voll- endeten 12. auf das vollendete 14. Lebensjahr. IV. Kritiken: Gegen die Freiheitsstrafe. Ein Beitrag zur Kritik des heutigen Strafsystems von Dr. Otto Mittelstädt. Beiträge zur Lehre von der Strafe. Von Professor Dr. Richard Sontag. Der Gesetzentwurf über Bestrafung der Trunkenheit. Der Verfasser, gegen- wärtig Direktor des Zellengefängnisfes bei Hamburg, über- giebt in dem vorliegenden Buche, wel<hes das Motto: „Vitia erunt donec homines“ trägt, cine Reihe zum Theil vereinzelt er- \hienener Aufsätze als Fortseßung früher veröffentlihter Studien über das Zellengefängniß in Nürnberg, dessen Direktion er früher geführt hat, und die Aufgaben des Strafvollzuges gesammelt der Oeffentlich- keit. Er bezwe>t, dur dieselben einen Beitrag zur Klärung des Verständnisses der Leistungen und Aufgaben der Kriminal- justiz in einer ni<t weit hinter uns liegenden Beit, zur Befestigung des Vertrauens zur Strafrechtspflege unserer Zeit und zur Förderung der weiteren Entwi>kelung des Straf- vollzugs im Geiste verständiger Humanität zu liefern. Die Lektüre dieser interessanten, sehr lehrreihen Studien sind niht nur den Kriminalisten und Strafvollzugsbeamten, sondern auch allen den- jenigen, welche Antheil an den auf dem weiten strafre<htli<en Gebiet ih überall zeigenden neuen Gesichtépunkten, neuen Zielen, neuen Auf- gaben nehmen, aufs wärmste zu empfehlen.

Veterinärwesen.

Nachrichten über Verbreitung von Thierkrankheiten im Auslande. Oesterreich. 28 2 a Gr Land infizirten Orte: Laut der am 7. September 1886 vorliegenden Meldungen : Lungenseuhe. C N 1 M 14 S E 13 Niedet Dee N 3 c 4 Sb Dra C A 11 Schafräude. B 1 Laut der am 14. September 1886 vorliegenden Meldungen: Lungenseuche. C S 1 M E 13 S 12 Ne Deter E 3 C 5 D A 20 Schafräude. Sa E 1 Laut der am 21. September 1886 vorliegenden Meldungen : Mähren . C N 11 S C S 16 N S 2 C S 7 D 17 Scafräude. Böhmen . S 1 Ungarn. Vom 17. bis 24. August 1886. Milzbrand . E . in 33 Komitaten 74 Gemeinden Une E Ï 18 Z Maul- und Klauenseue . „8 N Vom 24. bis 31. August 1886. Milzbrand . N . in 26 Komitaten 75 Gemeinden E O 5 D Maul- und Klauenseule 83 j 7 é Schweiz. Vom 16. bis 31. August 1886. Maul- und Klauenseuche. Kantone: Infizirt: : Vern . . . in 2 Gemeinden 2 Weiden mit 70 Rindern, Graubünden . 1 Gemeinde 1 Weide 958 u Neuenburg . „1 d 1 Stall , 4 SqMweinen,

Gewerbe und Handel.

Im Juni d. J. waren 25 Jahre verflossen, Gas der Oberschlesische Berg- und Hüttenmännische Verein be- gründet worden ist. Der leßtere hat einen Rükbli> auf seine 2% jährige Thätigkeit als Interessenvcrtretung der oberschlesischen Montan-Industrie veröffentliht, wel<her aufs Neue zeigt, wie erfreulid der Aufschwung gewesen ist, den die industriellen Verhältnisse in Oberschlesien genommen haben. Im Jahre 1861 belief fih die Förderung der Steinkohle in Obere \hlesien auf 2 658 333 tz; dieselbe stieg bis zum Jahre 1885 auf 12 733531 t. Die Zahl der im Steinkohlenbergbau beschäftigten Arbeiter bezifferte si< im Jahre 1861 auf 12812, im Jahre 1885 auf 40214. Die Roheisenproduktion, welche im Jahre 1861 97471 t ausmachte, stieg im _Jahre 1885 auf 413638 t. Im Sahre 1861 wurden an Schmiedeeisen und Stahl her- gestellt 62058 t, im Jahre 1885 253467 t, so A die Produktion eixe Steigerung um mehr als das Vierfache erfahren hat. Zinkerz wurden gefördert 283 487 t im Jahre 1861 und 606606 t im Jahre 1885. Die bei der Erzförderung beschäftigte Arbeiterzahl wuchs von 5903 im Jahre 1861 auf 10194 Köpfe im Jahre 1885. Die Arbeitslöhne zeigen von 1861 ab eine ununterbrochen steigende Tendenz. Während früher die englishe Steinkohle den Berliner Markt fast vollständig beherrschte, ist sie bis auf einen geringen Prozentsatz von der deuts<hen Kohle verdrängt." Im Jahre 1862 wurden in Berlin verbrau<ht: 180339 t englishe und 168 628 t deutshe Steinkohlen, im Jahre 1885 109858 t englishe und 1029 533 t deutshe Steinkohlen. ;

Breslau, 29. September. (W. T. B.) Ein Telegramm der Bresl. Ztg.“ aus e vom heutigen Tage meldet: Auf dem obers<lesis<en Roheisenmarkt haben in den leßten Tagen

| sehr umfangreihe Abs<hlüsse in Puddelroheisen stattgefunden,

durh welche die Produktion der bedeutenderen Hochofenwerke bis zum Ende des nächsten März verkauft ist. Die Marktlage hat hierdur< einen völligen Umschwung erfahren. Für einen beträchtlihen Posten wurde der Preis von 2,20 A pro Centner ab Hochofenwerke bereits

gern angelegt.

C d en Ar ae:

Cte R E

E