1887 / 36 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Jn der am 10. d. M. unter dem Vorsit des Staats- Ministers, Staatssekretärs des Jnnern von Boetticher, abge- haltenen Plenarsißung ertheilte der Bundesrath dem Entwurf eines Geseßes zur Ausführung des internationalen Vertrages zum Schuß der unterseeishen Telegraphenkabel und dem Entwurf einer Deklaration der Artikel 2 und 4 dieses Vertrages sowie den Geseßentwürfen für Elsaß-Lothringen über die Be- strafung von Zuwiderhandlungen gegen die Vorschriften der Feld- und der Fährpolizei und über die Verseßung erkrankter Richter in den Ruhestand die Zustimmung. Hierauf wurde über Eingaben verhandelt. Einer Eingabe, betreffend die Stempelsteuer-Revision der Schriftstü>ke von

Aktien-Gesellschaften, bes<hloß die Versammlung keine Folge zu geben. Dagegen wurde beschlossen, aus Billig-

keitsrücsihten si<h damit einverstanden zu erklären, daß die Stempelabgabe für niht abgeseßte Loose aus der Lotterie eines Kunstvereins zurücvergütet werde. Die bisher von der Fürstlih s{hwarzburgischen Regierung beseßte Hauptamts-Assistentenstelle bei dem vereinsländischen Haupt- Zollamt in Hamburg soll, na< Verzichtleistung der genannten Regierung auf die Beseßung derselben, künftig von der Kömglich preußishen Regierung beseßt werden. Mehrere Geseßentwürfe für Elsaß-Lothringen: über die Errich- tung öffentlicher Darlehnskassen, über die geseßlichen Feiertage, ferner: über die Feststellung der Entschädigungen im Falle der Zwangsenteignung wurden den Ausschüssen für Justizwesen und für Elsaß-Lothringen zur Vorberathung übergeben. Die allgemeine Rechnung über den Landeshaushalt von Elsaß- Lothringen wurde den Ausschüssen für Rehnungswesen und für Elsaß-Lothringen überwiesen. Zum Schluß legte der Vor- sißende die Uebersicht der Geschäfte des RNeichsgerichts im Jahre 1886 vor.

Die vereinigten Ausschüsse des Bundesraths für Handel und Verkehr und für Justizwesen, der Ausschuß des- selben für Handel und Verkehr sowie die vereinigten Ausschüsse für Justizwesen und für Elsaß-Lothringen hielten heute Sitzungen.

Jn der heutigen (17) Sißung des Hauses der Abgeordneten, welher der Minister der öffentlichen Arbeiten, Maybach, und der Justiz-Minister Dr. Friedberg nebst mehreren Kommissarien beiwohnten, stand auf der Tages- ordnung die Fortseßung der zweiten Berathung des Ent- wurfs des Staatshaushalts-Etats für 1887/88, und zwar a, Berg-, Hütten- und Salinen-Verwaltung, Einnahme Kap. 9. -

Der Abg. Dr. Natorp hob hervor, daß der Etat kein

ünstiger sei. Der Minderertrag von 11/5 Millionen Mark ei immerhin beträchtlih. Die Produktion von Eisenstein sei erheblih eingeshränkt und für denselben auch ein weiterer Preis- rü>gang in Anschlag gebracht worden. Der Konsum an Steinkohlen sei in Deutschland nicht zurückgegangen, dagegen habe die Kohlenausfuhr eine Verminderung erfahren. Die Steinkohlenbergwerke hätten sich dur< Kartelle helfen wollen, aber der Erfolg derselben sei bisher ein zweifelhafter gewesen. Man habe jeßt ver[ucht, ein solches Kartell im Anschluß an eine Bergwerkschafstskasse herbeizuführen. Er bitte den Minister, diesen Bestrebungen wohlwollend sih gegenüber zu stellen.

Der Abg. Letocha konstatirte, daß im Ober-Bergamts- bezirk Breslau sih die Lage des Bergwerkbetriebes gehoben habe. Die Arbeiterentlassungen hätten ein Ende gefunden, ja im Steinkohlenbergbau seien sogar 1400 Arbeiter mehr an- gestellt worden, weil die Steinkohlenproduktion gesteigert sei. Redner bemängelte zum Schluß die Schiffahrtsverhältnisse auf der Oder fowie die Hafenanlagen in Breslau.

Der Abg. Schmieding meinte, daß es zweifelhaft sei, ob die Versuche mit Kartellen dazu führen würden, den Nothstand der Steinkohlen-Fndustrie zum Stillstand zu bringen. Die Bestrebungen, den deutschen Absaßzmarkt zu erweitern, seien gescheitert, weil man an den hohen Tarifen festgehalten habe, während das Ausland seine Tarife fortwährend herabsete. Er bedauere sehr, daß der Minister seiner Beschwerde beim Eisenbahn-Etat über diesen Zustand nur Schweigen ent- gegengeseßt habe.

Der Minister der öffentlihen Arbeiten, Maybach, er- widerte, daß er schon neulich hervorgehoben habe, wie Tarif- fragen behandelt werden müßten. Heute aber sei diese An- gelegenheit nicht zu verhandeln. Jhm scheine, als ob dieselben in gewissen Kreisen etwas zu einseitig und au<h nicht ganz uneigennüßig beurtheilt werde. Alle die, welche jeßt gegen ihn Vorwürfe erhöben, sollten sich doch fragen, ob sie nicht selbst mit an der vorhandenen Kalamität Schuld wären. Eine solche Kalamität sei übrigens auch in anderen Ländern vorhanden. Die Regierung werde derselben ihre Aufmerksamkeit schenken, aber man solle do<h nicht vergessen, daß eine Beseitigung der- selben niht auf Kosten der Gesammtheit der Steuerzahler erfolgen könne.

Der Abg. Dr. Hammacher meinte, daß die in der Denk- schrift mitgetheilten Lohntabellen zu einer vergleichenden Statistik nicht benußt werden könnten, weil die Methode der Aufstellung eine verschiedene sei und die Angaben über die beschäftigten Frauen und Mädchen fehlten. Redner wies so- dann die Behauptung zurück, als ob die Kalamität der Stein- fohlen-Jndustrie dur<h die mangelnde Fntelligenz der Produ- zenten hervorgerufen sei; auch sei es unrichtig, daß dieselben jemals Staatshülfe für sich begehrt hätten.

Der Abg. Dr. Seelig trat der Forderung entgegen, die Steinkohlen-Jndustrie auf Kosten der Eisenbahnen zu unter- stüßen; die Kalamität derselben sei wesentlich dur<h die Ueber- produfktion hervorgerufen.

Der Abg. Dr. Achenbach empfahl die Wünsche der Siegener Jndustrie dem Minister zur Berücksichtigung.

Bei Schluß des Blattes sprah der Minister der öffent- lichen Arbeiten, Maybach.

Die General-Lieutenants von Spangenberg, Commandeur der 12. Division, und von Melchior, Com- mandeur der 1. Division, sind na< Abstattung persönlicher Meldungen wieder abgereist.

Limburg, 9. Februar. Der bereits seinem Hauptinhalt nach telegraphis<h mitgetheilte, im Amtsblatt Nr. 4 des Bis- thums Limburg veröffentlichte, das Verhalten des Klerus bei den bevorstehenden Reichstagswahlen betreffende Erlaß des Bischofs Dr. Klein hat, nah der „Köln. Ztg. “, folgenden Wortlaut :

Es ift zu meiner Kenntniß gelangt, daß bei einer in diefen Tagen stattgehabten Antiseptennats-Wahlversammlung ein Diöszesan-Geist- liher den Vorsitz geführt habe. Ich halte das sowie überhaupt jedes agitatorisbe Auftreten gegen eine eventuelle Bewilligung des Septennats dur< den neu zu wählenden Reichstag für unverträglich mit der Rücksicht, die namentli< der Geistlihe dem bekannten

Schreiben \{<uldet, wel<hes der Kardinal - Staatssekretär an den apostolishen Nuntius zu München unterm 21. Januar d. J. gerihtet hat, um den früher verlautbarten Wunsch des heiligen Vaters zu motiviren, daß die katholischen Mitglieder des Reichstages für das Septennat votiren möchten. Demgemäß spreche ih hierdur< die bestimmte Erwartung aus, daß si< mein geliebter Diöszesanklerus im fkfindlih treuen Ans<hluß an die fo wohlmeinende Intention des heiligen Vaters vun jeder, wie immer gearteten, namentli jeder agi- tatorishen Förderung der Opposition gegen das Septennat fernhalte und namentlih ni<t dazu beitrage, es den gewählt werdenden Mit- gliedern der Centrumspartei von vornberein zu erschweren oder gar unmögli<h zu machen, demnächst den Wünschen des heiligen Vaters eine no< weitergehende Rü>ksiht zu \<enken, als die biéher durch das Votiren für das Triennat in erfreuliher Weise bethätiate. Ich füge dem die ernsten Worte des beiligen Vaters in seinem Schreiben an die Bi’<öfe Spaniens vom 8. Dezember 1882 bei: „Es ift c<ristwidrig, wenn die Priester sich fo tief in Parteibestrebungen cin- lassen, daß sie mehr das Menschliche als das Göttliche zu beforgen seinen.“ Limburg, 3. Februar 1887. gez.: + Dr. Bischof Karl.

Bayern. München, 11. Februar. (W. T. B.» Von Seiten des Ministers des Aeußern, Freiherrn von Crails- heim, und des württembergishen Gesandten, Frei- herrn von Soden, is} gestern der Staatsvertrag wegen des Baues der Eisenbahnlinien Memmingen—Leut- kir< und Hergaß —Wangen unterzeihnet worden.

Sachsen. Dresden, 10. Februar. Am gestrigen Abend ging dem „Dresdener Journal“ von dem Kommando des Königlich sächsishen 1. Husaren-Regiments Nr. 18 aus Großenhain über den Unfall, welher den Prinzen Friedrih-August betroffen, folgende Mittheilung zu:

„Bei einer am 7. d. M. stattgefundenen Felddienstübung des 1. Husaren-Regiments Nr. 18 stieß Sr. Königlichen Hobeit dem Prinzen Friedri August, Herzog zu Sachsen, in der Nähe des Dorfes Roda ein leichter Unfall zu. Derselbe kam als Fübrer einer Offiziers- Patrouille beim Reiten über einen hart gefrorenen Sturzacker dur einen Febltrirt des Pferdes zu Fall und war, obgleih er leßteres sofort wieder bestica, do<h in Folge stehender Schmerzen in der rechten Schulter nicht im Stande, den Heimritt nach der Garnifon auszuführen. Durch einen von dem Gutsbesitzer Kittel in Roda in bereitwilligster Weise gestellten Wagen wurde er in letztere zurückgebraht, und es ergab die dur< den Regiments-Arzt, Ober-Stabsarzt Dr Hirsch, sofort vorgenommene Untersuchung cine Kontusion der re<hten Schulter, welche Se. Königliche Hoheit zwingen wird, voraussihtli< $—10 Tage dem Dienste fern zu bleiben.“

Elsaß-Lothringen. Straßburg, 10. Februar. (Lds.-Ztg. f. Els.-Lothr.) Bei dem Kaiserlihen Statthalter fand gestern um 71/5 Uhr zu Ehren des Landesausschusses ein größeres Diner statt, zu welchem außer den Mitgliedern des Staatsraths und des Landesausschusses die Spitzen der Civil- und Militärbehörden geladen waren. Während der Tafel brachte Fürst von Hohenlohe einen Toast auf Se. Majestät den Kaiser aus, und {loß daran die folgende Ansprache:

Meine Herren! Wenn ih im vergangenen Sommer durch die Fluren des Landes wanderte, oder von den Höhen der Vogesen auf die lahenden Thâälec herabsah, da fielen mir oft die Worte unseres großen deutschen Dichters ein, mit welchen er den Eindru>k schildert, den er gewann, als er zum ersten Mal von der Plattform des Muünsters auf die Stæ@t Straßburg und ihre Umgebung herab-

shaute, jene Stelle èn den Jugend - Erinnerungen des Dich- ers, O œ& M Lebenden Sarben die LandsUast malt, die bewaldeten Ufer des Rheins, die grünen Wiesen, die

reiche Ebene, die er als ganz geeignet zu einem Paradiese bezeichnet, und wo er h dann glücklich s<äßt, daß er eine Zeit lang in diesem \{önen Lande wohnen dürfe. Wenn s<on die Ausnicht auf einen vor- übergehenden Aufenthalt den jungen Dichter zu fo begeisterten Worten bewegen konnte, so darf ih wohl mit größerem Rechte mi glücklich preisen, dem es vergönnt ist, an der Spitze des nun wieder deutsch gewordenen Landes zu ftehen, und der die Forderung der Wohlfahrt des- jelben als seine Lebensaufgabe betrachten darf. Je mehr nun in mir das Zefühl der Anhänglichkeit an dieses Land erstarkt, um fo inniger durch- dringt mi<h der Wunsch, daß Gott dasselbe bewahren möge vor jeglicher Trübsal, daß er es insbesondere behüten möge vor den Sc(rc>knissen eines neuen blutigen Krieges. Und wenn ih beute das verhängnißvolle Wort ausspreche. so geschieht es ni<ht, weil ih den Krieg für nahe bevorstehend ansche; aber darüber dürfen wir uns feiner Täuschung hingeben, die Gefahr besteht, und sie wird so lange bestehen, als unsere westlihen Nachbarn sih nicht an den Ge- danken gewöhnen können, daß der dur<h den Fricdensvertrag geshaffene Nechtszustand cin dauernder set.

Diese Gefahr wird dann s\ofort uns gegenübertreten, wenn es einer unrubioen Minderheit gelingen sollte, das sonst fo friedliche und arbeitíame Volk Frankreihs zu Entschlüssen fortzureißen, die uns nöthigen würden, für unser gutes Recht mit aller Energie und mit der ganzea Macht des Reichs in die Schranken zu treten. Ist dem aber so, dann gewinnt jede öffentlihe Kundgebung dies- seits der Vogesen, dann gewinnen insbesondcre die Wahlen er- bhöhte Bedeutung, zumal da dieselben der Bevölkerung von Elsaß- Lothringen die Gelegenheit bieten, ihre friedliße Gesinnung zu bethätigen und mitzuarbeiten an dem Werke der Erhaltung des Friedens. In der That wäre nihts mehr geeignet, den Frieden zu gefährden und die Kampflust jener erwähnten Minderheit an- zufachen, als die Wahl von Männern, welche die Zweifel an der Dauer unseres Nechtszustandes tbeilen, oder solher Männer, welche ni< weigern, dem Deutschen Reich die Mittel zur dauernden Er- haltung eines starken Heeres zu gewähren; während im Gegentheil die Wahl ruhiger, versöhnlicher Männer zur Klärung der Lage, zur Beruhigung der Gemüther und damit zur Sicherung des Friedens beitragen würde.

Es ift aber no< ein anderer Grund, der es mi< im Interesse des Landes wünschen läßt, daß das versöbnliche Element bei den be- vorstehenden Wahlen die Oberhand gewinne Meine Herren, in jeder Session des Landesausschusses tritt das Verlangen hervor, es möchte Elsaß-Lothringen in staatsre<tli<her Beziehung den übrigen deutschen Staaten gleichgestellt werden. Noch în der jüngsten Zeit hat diefer Wunsch im Landeszaus\{uß Ausdru> gefunden. Jch begreife diesen Wunsh und ich theile ibn. Jch glaube auc, daß die Zeit kommen wird, wo derselbe in Erfüllung gehen kann; dann nämnli<h, wenn das Deutsche Reih und ih meine damit nit nur die verbündeten Regierungen, sondern auch die deutshe Nation die Ueberzeugung gewinnen wird, daß Elsaß-Lothringen den be- stehenden Rechtszustand rü>haltlos anerkennt, und wenn der Protest verschwindet.

In diesem Falle würde das Reih keinen Grund mehr baben, Elfaß-Lothringen die Gleichberehtigung vorzuenthalten.

Die Mitwirkung des Landes i} dabei nöôthig, und die bevor- stehenden Wablen werden Ihnen Gelegenheit geben, die Hindernisse, welche der Erreichung des “gewünschten Zieles entgegenstehen, zu beseitigen.

Meine Herren. i< habe Ihnen heute {on Gesagtes und Ge- höôrtes wiederbolt Jch glaubte aber, daß es in dieser ernsten Zeit Pflicht des Statthalters ift, selbst mit seiner Meinung hervorzutreten. Ich gebe Ihnen diese Meinung. Nehmen Sie dieselbe auf als den Rath eines treuen Freundes.

Als treuer Freund dieses Landes trinke ih auf Elsaß-Lothringen und seine Vertreter!

Der Landesausschuß berieth in seiner geftrigen 3. Plenarsißung über Petitionen, dann über den Gesebß- entwurf, betreffend die Rechtsverhältnisse der Beamten und

Lehrer, der einer Kommission überwiesen wurde, und endlich über den Etat des Statthalters und seines Bureaus, der ohne Diskussion unverändert angenommen wurde.

Oesterreich - Ungarn. Wien, 9. Februar. (Wien. Abdp.) Im Abgeordnetenhause des Reichsraths tagte heute das von dem Ausgleihs-Ausschu ß eingeseßte Sub-Comité für die Bankvorlage. Der Finanz- Minister Dr. Ritter von Dunajewski wohnte der Berathung bei. Für heute Abend ist eine Sitzung des Sub-Comités für die Zucdersteuer-Vorlage anberaumt. Außerdem findet heute Abend eine Sizung des Sparkassen - Aus- schusses statt.

11. Februar. (W. T. B.) Das „Fremdenblatt“ fündigt die demnächstige Einbringung der bereits signalisirten Kreditforderung bei den beiderseitigen Parlamenten für die {hon im Frieden nöthige Ergänzung der Reserve-

vorräthe beider Landwehren an, namentlih hinsihtlih der Bekleidung und Beschuhung fowie für die militärishe Ausrüstung der Landsturm-Aus-

zugs-Bataillone exklusive der Bewaffnung, für welche durh die verfügbar werdenden Werndl-Gewehre hinreichend vorgesorgt ist. Das Blatt bezeihnet den Kredit als eine nur einmalige, aber unabweisbare Forderung.

Pest, 9. Februar. Auf der heutigen Tagesordnung des Abgeordnetenhauses stand die Spezialberathung des Kommunitations-Budgets. Der Referent beleuchtete den Voranschlag. Orban (äußerste Linke) würdigte vollklommen die Energie und den guten Willen des neuen Ministers, bekämpfte aber die ftostspielige Verwaltung, namentlih die für Neise- fosten, Unterstüßungen und Remunerationen eingestellten Beträge. Der Minister Baross bemerkte: er habe bereits auf die Zufammenstellung des Voranschlags Einfluß genomm?n, über- nehme somit für denselben die volle Verantwortung und könne auch jeden einzelnen Posten rechtfertigen. Er nehme das Ber- sprechen der Regierung vollkommen ernst, daß insbesondere die shweren und wichtigen Aufgaben dieses Ressorts im Ein- flange mit der Finanzlage des Landes durchgeführt, somit alle aufschicbbaren oder überflüssigen Ausgaben, welch leßteren er niht kenne, vermieden würden. Redner betonte sodann die vielseitigen Agenden des Kommunikations - Nesforts, und wies den Vorwurf des Protektions-Systems ent- schieden zurü>; denn eben die von der Regierung für die Wasserregulirungs-Gesellschaften ernannten Kommijsäre seien den angesehensten Männern des Landes entnommen worden, die ihrer Aufgabe zur Zufriedenheit des Landes entsprächen. Der Titel „Centralleitung““ wurde hierauf einhellig votirt.

Großbritanuien und Frland. London, 9. Februar. (A. C.) Die aus Lord Salisbury, Sir M. Hi>s-Beach und den Herren Matthews und Goschen bestehende Kom - mission des Ministeriums, welche die Kriminal- novelle für Frland vorbereitet, hielt gestern eine Sißung. Diese ist wahrscheinlich die leßte gewesen, indem das Kabinet in pleno Ende dieser Woche über diese Maßregel be- rathen wird.

10, Februar. (W. T. B.) Jn der heutigen Sißung des Unterhauses fragte Tyler an: ob die Gerüchte über die von Sir Drumond Wolff bezüglih Egyptens in Kon- stantinopel gemachten Bors chläge als richtig anzusehen seien. Der Unter-Staatssekretär Fergusson erwiderte: die Negierung halte an ihren früheren Erklärungen über ihre Politik in Egypten fest; über die s<hwebenden Unterhandlungen könne sie keine Mittheilung machen, indeß gäben die von den Zeitungen gebrachten, darauf bezüglichen Meldungen keine genaue Darstellung der ins Auge gefaßten Ziele. Fergusson fügte darauf no<h hinzu: Frankreich sei jeßt unter gewissen Bedingungen bereit, zu dem Dekret des Khedive, betreffend die Aufhebung des Frohndienstes, seine Zusttmmung zu ertheilen. Wenn der Abschluß des be- treffenden Arrangements in den nächsten Tagen erfolgen sollte, werde cs no< möglich sein, dem thatsächlihen Beginn der Frohnarbeit Einhalt zu thun. Der General-Fnspektor des Kriegsmaterials, Northcote, erwiderte auf eine bezügliche Anfrage: der Kontrakt über !/, Million Patronen für Queensland sei im Wege des Zuschlags mit einer Firma abgeschlossen worden, deren Gebot erheblich niedriger als dasjenige anderer Offerenten gewesen sei. Die Firma sei, obschon die Patronen nach einem deutschen Patent anzufertigen seien, eine englische, welche die Hülsen in Bir- mingham und die Füllung in ihrer Fabrik in Millwall an- fertigen lasse. Hanbury fragte: ob die fragliche Firma nicht etwa blos als Agent des Fabrikhauses Lorenz in Karlsruhe anzusehen sei und ob dieselbe keine Arbeiter in London be- schäftige. Northcote erwiderte: er fei darüber nicht informirt und werde sich erkundigen.

Ottawa (Canada), 7. Februar. (N. B.) Die Gesammt- einnahme Canadas vom 1. Juli bis zum 31. Fanuar betrug 19 735 303,73 Doll., d. h. 2395276,26 Doll. mehr als in dem entsprehenden Zeitraum von 1885—86. Die Zoll- einnahmen beliefen si<h in demjelben Zeitabschnitt auf 12 563 963,49 Doll. gegen 10625 391,78 Doll. Die Accise brachte 5 190 998,99 Doll., d. h. 377 591,87 Doll. mehr ein. Die Gesammtausgaben, abzüglih der Kosten des Aufstandes im Nordwesten, waren 20639 17818 Doll. gegenüber 20 292 979/80 Doll. in derselben Periode der Fahre 1885—86. Das zeitweilige Defizit ist durch die Zahlung der halbjähr- lihen Subsidien an die Provinzen verursacht.

(A. C.) Aus Birma meldet das Reuter'she Bureau :

Mandalay, 8. Februar. Um Mitternaht machten gestern 300 Insurgenten plöulich einen Ueberfall auf cine Schwadron Hyderabad- Kavallerie, welche unter dem Befehl des Kapitäns Gubbins stand und bei Woonthb o lagerte. Nach einstündigem Ge- feht wurde der Feind zurückgeshlagen. Der Verlust der Engländer betrug 2 Todte und 1 Verwundeten, der des Feindes ift unbekannt. Zwei andere Schwadronen - verfolgen jetzt zusammen mit der obigen die Insurgenten. :

Aus Australien wird berichtet :

Melbourne, 8. Februar. Von den Freundschafts-Inseln kommt die Nachricht, daß der Missionar Shirley Baker, fein Sobn und seine Tochter auf einer Fahrt auf der Tonga- Insel von Eingeborenen, welche in einem Hinterhalt verste>t waren, überfallen wurden. Der Sohn und die Tochter erhielten gefährliche Schußwunden. Man glaubt, daß der Ueberfall nur der Vorbote eines Auf- standes der Eingeborenen sei. Es sind deshalb 700 Mann Sol- daten nah der Tonga-Insel gesandt worden, während die Wesley- anishen Missionen unter britischen Schuß gestellt wurden. Unter den Eingeborenea hberrsht große Aufregung; denno< fürchtet man keine weiteren Nusschreitungen. Man sagt, daß Sträflinge die Ein- geborenen gegen den Missionar Baker aufgestachelt haben.

Frankrei<h. Paris, 10. Februar. (W. T. B.) Der Ministerrath beshloß heute, si< dahin zu erklären, daß, falls nah Beendigung der Budget-Berathung der Antrag gestellt werde, der Berathung der Militärvorlage die Priorität einzuräumen, die Berathung der Getreidezölle die Priorität haben solle. . :

Die Deputirtenkammer seßte die Berathung des außerordentlihen Budgets fort. Der Antrag des radikalen Deputirten Perin auf Annahme einer Re- solution, welhe die Regierung auffordert, einen Geseß- entwurf, betreffend die Einführung einer alleinigen progressiven Einkommensteuer vorzulegen, wurde von dem Finanz-Minister bekämpft, von der Kammer indeß, unter Streihung der Worte „alleinigen progre})\tven“ mit 286 gegen 238 Stimmen angenommen. Die Kammer faßte schließlih den Beschluß, die Berathung der Militärvorlage erst na<h der Berathung der Ge- treidezölle vorzunehmen. i

Ftalien. Rom, 10. Februar. (W. T. B.) Der König konferirte gestern Abend mit Spaventa und Bonghi und im Laufe des heutigen Tages mit Nicotera, Luzzati und Mancini. | i

Die Kammer hat si bis zur Lösung der Ministerkrisis vertagt.

Türkei. Konstantinopel, 10. Februar. (W. T. B.) Ein Telegramm der „Agence Havas“ meldet: Bezüglich Egyptens soll England folgende Vorschläge gemacht

haben: „Autonomie Egyptens, das außerdem neutrales Land werden soll; Freiheit des Verkehrs auf dem Suezkanal. Fm Fall von Ruhestörungen in Egypten steht es der englischen Regierung zu, das Land wieder zu beseßen. Englische Truppen sollen ferner das Recht des Durchzugs dur<h Egypten haben und zwar sowohl zu Lande wie auf dem Kanal. Die Mehr- heit der Offiziere in der egyptishen Armee muß aus Engländern bestehen.“

Amerika. Washington, 8. Februar. (A. C.) Der Senat hat die Bill des Repräsentantenhauses, welche die Landung von Ausländern verbietet, die im Auslande Arbeitskontrakte geschlossen haben, genehmigt. Die Bill geht jeßt an den Präsidenten. Jn derselben finden sih auch Vorschriften über die Untersuchung aller Einwanderer, und Be- stimmungen darüber, welche zurückgeschi>t werden müsen. Die Kosten der Nübeförderung haben danach die Eigenthümer der Schiffe zu tragen. Weigern sich die Leßteren, Zahlung zu leisten, so darf das Schiff keine Passagiere landen, in. keinem amerikanischen Hafen löschen und haftet pfandrechtlih sür den huldigen Betrag. Das Gesetz tritt 30 Tage nach erfolgter Genehmigung in Kraft.

Das Nepräsentantenhaus genehmigte heute Vor- lagen, welche die Chinesen, die vor etlihen Monaten in Wyoming von amerikanischen Unterthanen angegriffen wurden, entshädigen uad die Einfuhr von Opium durch die Chinesen verbieten. Gleichzeitig wurde ein Entwurf genehmigt, welcher die internationale Konvention für den Schuß unterseei]cher Kabel ratifizirt.

Afrika. Egypten. Kairo, 9. Februar. (R. B.) Die französishe Regierung hat eingewilligt, die Ber- weigerung ihrer Zustimmung dazu, daß die egyptische Regierung 250000 e. Pfd. Sterl. zur Abschaffung der corvée (des Frohndienstes) verwende, fallen zu lassen. Ueber die näheren Bedingungen wird jeyt berathschlagt.

Zeitungsstimmen.

Der „Norddeutschen Allgemeinen entnehmen wir Folgendes:

In Suhl erklärten in ciner von allen politischen Parteien be- fu<hten Wählerversammlung verschiedene, ihre _Zugehörigkeit zur „deutshfreisinnigen® Partei betonende Männer, daß gegenwärtig jeder Parteizwe> zurücktreten müsse und sie daher für den von den ver- einigten rei<hstreuen Parteien aufgestellten Kandidaten Herrn Oekfonomie-Nath Nobbe stimmen würden. Es bröckelt also auch in SPUNioen, ; :

Aus Hamburg wird gemeldet, daß aus einzelnen Bezirken zur Unterstützung der Kandidaturen Dr Braband-Woermann Ach ganze Personengemein|schaften erbicten, welche bei früheren Wablen als Bezirksvorstand der „deuts<freisinnigen“ Partei fungirt haben.

Die „Süddeutsche Presse“ sagt: „Was speztell unjere Verhältnisse in Bayern betrifft, fo gilt für dieselben ganz das Bleiche, was für jene in den übrigen Theilen des Deutschen Reichs maßgebend ist. Unsere Centrumspartei, deren Führer sich in jüngster Zeit fo oft und so s<wer kompromittirt hat, wird sih von dem reichbsfeindlien Welfenthum nicht länger mehr ins Schlepptau nehmen laffen dürfen und endlich entscbeiden müssen, ob sie au künftighin noch der „fleinen Excellenz“ oder dem „großen Pountifer“ Heerfolge leisten will."

Der „National-Zeitung“ wird aus Paris unter dem 8. Februar geschrieben :

Die Kammer, welche in ihrer heutigen Sitzung die Budgetdebatte fortseute, gelangte gegen drei Uhr zu dem Artikel 11 der Vorlage, wotur< dem Kriegs - Ministerium für 1887 ein außerordentlicher Kredit von 191 Millionen bewilligt wird, worin sih die vielbesprohenen &6 Millionen befinden, wel<he General Boulanger in diesem Jahre für die neue Bewaffnung verwenden will, für die er bekanntli im Ganzen 3880 Millionen beanspru<t. Niemand, ih wiederhole Niemand, meldete sib zum Worte, worauf Präsident Floquet zur Ab- timmung \<ritt. Alle Hände erhoben si< für die Annahme, und bei der Gegenprobe erhebt si feine einzige Hand. In gleicher Weise werden einstimmig der außerordentlibe Kredit von 30 Millionen für die Marine und 54 Millionen für öffentlihe Bauten bewilligt. So wird in der französishen Kammer, von Radikalen, gemäßigten Republikanern und Monarcisten trotz des traurigen Zustandes der Finanzen, trotz des enormen Defizits einstimmig bewilligt, was ein Kriegs-Minister, dem die Hälfte der Kammer gar keines oder do nur ein sehr bes<ränftes Vertrauen schenkt, als nothwendig erachtet, um die französische Armee kriegstüchtig zu machen. Was sih inzwischen in Deutschland ereignet, brauhe ih ni<ht hervorzuheben. Aber der Kontrast ist wirklich drastisch!

In der „Magdeburgischen Zeitung“ lesen wir:

Als Führer der Septennats-Minderheit im Centrum erscheint Graf Konrad von Preysing, dessen schöne, kurze Ansprahe an seine Wähler in der „Donau-Zeitung“ vorliegt. Wie sehr unterscheidet sie sich do< von den kalten Witeleien, Verdrehungen, Verdächtigungen, Umgehungen, die uns die Reden der Hauptführer des Centrums im Norden so widerwärtig machen. Graf Preysing stellte fest, daß nicht die sämmtlichen Mitglieder der Fraktion von dem päpstlihen Wunsche bezüglih des Septennats unterrichtet waren, und gab dann eine treff- liche Darstellung der Lage. . …..

Die „Kölnische Una bemerkt zu dem jeßt veröffentlichten ersten Schreiben des Kardinals Jacobini:

Wie angesichts des Wortlauts dieser ersten päpstlichen Kund- gebung alle unbefangenen und einsihtigen Männer von dem Verhalten der Herren Windthorst und von Fran>enstein denken darüber ver-

Zeitung“

lieren wir fein Wort. Herr Windthorst verfolgt ledigli< seine welfiscen Ziele, zu ihrer Erreichung hat er das Centrum mißbrauÿt ….

Hr. von Fran>enstein hat in theilweisem (Begenfatz zu feinem welfischen Freunde seine Stellung bisher auf die Behauptungen zu gründen gewußt, daß er ein ergebener Anhänger des päpfstlihen Stuhles sei und im Reich außerdem die besonderen Interessen Bayerns vertrete. Die Thatsachen haben nunmehr ergeben, daß weder die erste noch die zweite B hauptung zutreffend ist. Was den bayerischen Patrioti2mus des Freiherrn von Frankenstein anbetrifft, so steht derselbe jedenfalls im offenen Widerspru<h mit dem seines Landesherrn, den er doh für einen s{le<ten ni<ht halten wird. Es ist geshibtlih, daß der Prinz-Regent bei seiner jüngsten An- wesenheit in Berlin \si< mit aller Entschiedenheit im bayeris<en Interesse zu Guniten des Septennats ausgespro<en und den baveriscben Vertretern im Reichstage ans Herz gelegt hat, für die Militär- vorlage zu stimmen. Herr von Fran>enstein hat gegen das Septennat gearbeitet und gestimmt. Nunmehr stellt s< heraus, daß er das bewußtermaßen im Widerspruch mit dem Wunsche des Papstes gethan hat. Und mehr als das. Der Papst hatte Herrn von Fran>enstein deutlich ersubt, den Centrums8mitgliedern seine Wünsche bezüglich der Abstimmung in der Militärfrage mitzutheilen. Herr von Frand>enstein hat diesen Brief denen, für die er bestimmt war, vor- Cntbalien., s .

Wir steben vor den neuesten Vorkomnmnissen wahrhaft verblüfft ; sie sind das Stärkite, was jemals versönlihe Selbstüberhebung im politishen und varlamentaris<hen Leben gewagt hat. Wir brauchen gewiß nicht zu sagen, daß wir mit den Bestrebungen des Centrums nie barmonirct haben; aber das fann man von jedem politishen und sittlihen Standpunkte aussprehen: cs ist undenkbar, daß ein um- fihtiger gläubiger Katholik Kandidaten feine Stimme geben werde, die ih dem Mahhtgebot soller Ehrenmänner, wie es Hr. Windthorst und Freiherr von Frar>enstein sind, auch ferner fügen wollen.

Möge das Bei!piel des Bischofs Klein von Limburg Nachahmung finden, damit auch der gemeine Mann in der katholis<en Welt er- kenne, daß cs sh dieómal darum handle, zwischen der Kirche und ciner politischen Clique zu unterscheiden, der die persönliche Eitelkeit alles, der Papst nichts ift. E,

Mukñte man na< Bekanntwerden des leßten päpstlichen Schreibens über die Haltung der Centrumsführer ftaunen, so ift der Eindruc, den die vorstehende erste päpstlihe Kundgebung macht, cin verblüffen- der. Die „Fübrer des Centrums“ sind in dem Briefe aufgefordert, „ihren ganzen Einfluß bei ihren Kollegen anzuwenden und den]elven zu versichern, daß sie dur Unterstüßung des Septennats dem_hei- ligen Vater eine große Freude bereiten und daß das für die Sache der Katholiken sehr vortheilhaft sein wird®. Wie können ehrliche Menschen, wie können Leute in der verantworctungsreihen Stellung, wie Hr. Windtherft und Frhr. von Fran>enstein als Führer der Centrums-

partei, es mit ihrer Ehre und ihrem Gewissen vereinbaren, etne Kundgebung, die ausdrü>klih zur Mittheilung an die ge]ammke É r f+; 6 tf c on | Rail: of Centruméfraftion best. mmt war, einfa<h zu unters<lagen! Sollte es

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wirkli<h Männer im Deutschen Reicbe geben, welche die hôchste Ver- trauensstellung, die Stellung von Reichstags-Abgeordneten einnehmen und ih von ihren Parteivorständen so s<nöde bebandeln lahen ? Das wären keine freien Männer, sondern verächtlihe Trabanten. Bis jetzt haben wir angenommen, die Centruméführer hätten für ibr Verhalten den Umstand zur Seite gehabt, daß die erte päpstliche Ermahnung si<h selber als cine streng geheim zu haltende gefenn- zeihnet habe. So etwas sagte ja au< Hr. Windthorst in Köln. Gerade das Gegentbeil aber entspri<ht der Wahrheit. Das Schreiben erfiärt auêsdrücklih, daß e8 bei allen Centrums8-Abgeordneten zu wirken bestimmt sei, Es widerlegt die von Hrn. Windthorst gezen eine no< frübere Kundgebung des Papstes erhobenen Bedenken und was fehr wichtig ist es erklärt in gar niht mißzuverstehender Bestimmtheit, daß es ih hier niht um eine rein volitishe und weltlihe Frage, sondern um religiöse und fkirhli<he Interessen von der allergrößten Tragweite handle. Der „Schwäbische Merkur“ jagt: : Die Heftigkeit in der Sprache der klerikalen Presse hat ficher zum Theil ihren Grund in der inneren Unsicherheit, welche man damit für die Massen so lange wie mögli<h zu verde>en wünscht. Denn das ist do< faum denkbar, daß -die Wandelung hervorragender fatholisher Kreise, die hon den Charafter von Thatsachen ange- nommen hat, in der Leitung der badischen Centrumépartei völlig unbekannt sein sollte. Wäre dies wirkli<h der Fall, so würde dies ja nur beweisen, daß ihr das Heft aus den Händen genommen 11. Demselben Blatt wird aus Konstanz unter dem 9, Februar berichtet : L Der ultramontane Reichstagskandidat für den hiesigen Wahl- kreis, Pfarrer Dr. Wehrle, it ungemein rührig. Jeden Tag bält er mindestens eine, oft zwei, man<mal sogar dret Wahlver!’ammlungen ; bis zum 21. Februar wird er fich fast in allen Orten des Wahlbezirks persönlich gezeigt haben. Trotdem werden seine Aussichten von Tag zu Tag s<le<ter. Selbst auf der mit drei Kirchen und einer vor- wiegend ultramontanen Bevölkerung gesegneten Insel Reichenau bat man ihn nicht gern sprehen hören. Der Bürgermeister weigerte si, den Vorsitz in der Wahlversammlung zu übernehmen. Statt desen

trat er den » Ausführungen dcs geistlihen Redners freimüthig

ino mt GUola entgcoen Dis f Uunerbot ur die , “r , . a L s

Reichenau und carakterisirt die Lage im Wahlkreis bester,

als irgend eine lange Schilderung es thun könnte Die

päpstliche Kundgebung ist Hrn. Wehrle fehr ungelegen ge- fommen. Als Geistlicher kann er dem Papst ni<ht wohl direkt

ungeborsam sein, als Politiker hat er sich gegen das Septennat ge- bunden. Noch zu Beginn seiner Agitationsreise war er mit den heftigsten Ausdrücken gegen dasselbe losgezogen. Jett versucht er es mit einer halben Wendung und sagt: Er behalte sich binsihtlih des Septennats völlig freie Hand vor. Es wirkt diese Schwenkung au? das Publikum recht erheiternd. Bei den Liberalen herrsht große Zuversicht hinsihtlih der Wiederwahl Noppel's. Die Betheiligung an der Abstimmung wird vorauésihtli<h eine große fein; man darf dies aus dem Umstande s{<licßen, daß der liberale Wahlaufruf in der „Konstanzer Zeitung* ca. 1500 Unterschriften gefunden hat.

Landtags - Angelegenheiten.

Der Etat der Berg-, Hütten- und Salinenverwal- tuna ergiebt an Einnahmen 108 641 928 # (— 1874 332 M). Es entfallen davon auf die Bergwerke 69 994488 M (— 19582 125 wegen geringeren Absazes an Steinkohlen und Eisenerzen fowie ge- sunkener Preise), Hüttenwerke 24 080 604 #4. (+ 254573 # dur böbere Bleipreise und größeren Absaß ven Blei), Salzwerke 6 247 975 A (— 616 720 MÆ, weil Siedesalz in Folge der Konkurrenz im Preise ermäßigt werden mußte und der Abfay von Carnallitfalz geringer anzuschlagen war), Badeanstalten 188 150 46. (+ 5870 44), Gemeinschaftswerke 3 793 828 A (171 830 M), andere Einnahmen 4 336 883 M (— 105 760 Æ, wovon auf die Bergwerksabgabe 84 700 6 entfallen).

Die dauernden Ausgaben stellen sh auf 93 481 732 (— 621 495 M), und zwar Bergwerke 58 969 863 4 (— 9422412 Æ,

obwohl die Baukosten einen Mehraufwand von 297 205 Æ erforder:1), Hüttenwerke 23 183209 # (+ 578 003 1, hauptsächli<, weil überseeishe Silbererze in größeren Mengen verarbeitet werden follen), Salzwerke 4 859 995 A (— 448510 Æ, namentli< in Folge von Ersparnissen bei den Baukosten), Badeanstalten 156 590 (+ 10070 4), Gemeinschaftéwerke 3 285 328 M (+ 156 530 in Folge \tärkerer Produktion). Die Ausgaben der anderen Kapitel find nit wesentlich geändert. i i

Zu einmaligen und außerordentlihen Ausgaben find 750 000 4 (400 000 A zur Fortseßung des Abteufens in Schönebe> und 350 000 Æ. zur Herstellung einer Auflöfungsstation für Carnallitsalz in Staßfurth) eingestellt (—277 009 4), sodaß ein Ueberschuß von 14 410 196 M6 (—1 529 837 A) verbleibt.

Statistische Nachrichten.

Das Dezemberheft zur Statistik des DeutschenRe bringt über Produftion und Besteuerung des inländi! Rübenzud>ers, Eirfuhr und Ausfubr von Zud>e deutschen Zollgebiet für das Campagnejahr 1 Nachweisungen, welchen Zusammenftellungen der ent'pre<hend nisse der Vorcampaagnen bis 1871/72 rü>wärts ( Ic Hiernach waren 1885/86 399 Rübenzu>erfabriken im Betrieb gegen 408 in der Vorcampagne, und wurden 70703 163 Doppel- Centner Rüben verarbeitet, 33 323 715 D.-Ctr. weniger als 1384/55 und auch beträhtli<h weniger als in den vorangegangenen Campagnen 1883/84 und 1882/83, Dieser Rückgang ift veranlaßt worden durch das Sinken der Zuckerpreise im Laufe des Camvagnejahres 1334/89,

da bierdurh die Mehrzahl der Fabrifkverwaltungen zu dem Entschlusse der Betriebseinshränkung 1gte {ub wurde dur< das Herabsetzen der Kaufpreise n eine Be- \<hränkung des Rübenbaues herbeigeführt. Doch hat der Zu>er- reihthum der Rüben im Verein mit sehr umfanareiher Melaß}e- Entzuckerung eine im Verhältniß zur verarbeiteten Nübenmezenge sehr starke Zu>kerproduktion hervorgerufen, da 380381043 V.-Ctr. Rohzu>ter aller Produkte erzeugt wurden (11230 393 V.-Qtr. in der Vorcampagne), und auf 1 D.-Ctr. Robzu>ker ein verarbeitetes Rüben- quantum von nur 8,75 D.-Ctr. sih berehnet (9,26 D -Ctr. in der Vorcampagne und 19,46 D -Ctr. im Darchs{aitt der 15 (Caunpagnen 1871/72 bis 1885/86). Hierbei muß aber bemerkt werden, daß auer den verarbeiteten Rüben und einem Theil der bieraus erzeugten Melane zur Darstellung der angegebenen Rohzu>ermenge twa 748 000 D.-Ctr. solcher Melasse mit verwendet worden find, wel@e entweder aus Vorcampagnen stammte, oder angekaust den war. Aus dem Auslande eingeführt wurden im Campagnejahr 1835/56

Y r ) 96 203 D.-Ctr. Rohzucker unter Ne. 19 des holländischen _Standards 4

und 12309 D.-Ctr. anderer Zu>ker (20 6683 bezw. 12 643 Ctr. im 4 : Sey Ç o f. Mw 1 127 % 1 D N y Vorjahr) und ausgeführt gegen Ausfuhrvergütung 669 195 V.-Gtr Kandis- und Brodzucker, 205689 D.-Ctr. anderer harter Zud>er und

E. S O S E 4040 715 D -Ctr. Nobzu>er (760 154. 318 852 bezw. 553/ 931 V.-Gkx. im Vorjahr). j Í :

52 - M 7 "n +5 p Rot orto T Der Bruttoertrag der Rübensiteuer dveztsferke ) a

113,1 Millionen Mark (im Vorjahr 166,4 Millionen Ertrag des Eingangszolls auf 1,4 Millionen Mark, ertrag der Zuckerabgaben, na<h Abzug der auf 909,1 si< belaufenden während des Cambvagnejahres be vergütungen, auf 24,5 Millionen Mark (3 053 M auf den Kopf der Bevölkerung. Der Ber zu>der im deutschen Zollgebiet ist

ha berechnet

: Ge s ror Ml:11 »y M T b s ohn Produktion und der Einfuhr und unter Abzug der Ausfuhr, also ohne c 7 n

Inn

N10 alf die Differenz zwischen den am Beginn

ino Sli der belresenden Periode vorhandenen Zu>ervorräthen (weil es darüber an Nachweisen fehlt) für den Durch <nitt der 5 Campagnejahre 1871/72 bis 1375/76 zu 6,7 kg, 1876/77 bis 1880/81 zu 4,6 kg und 1881/82 bis 1835/86 zu (,8 Eg, für den Durchschnitt der 15 Campagnejahre 1871/72 bis 1555/36 zu

7,0 kg auf den Kopf der Bevölkerung. E E I, Al A Nach Mittheilung des Statistishen Amts der Stadt Berlin 4 ; S S 15 ge Z 4

find be den Pieligen Ano eSantert U Der 5

y C E A e S li 4s M - ) Sand S Cl 0, Set 1887 zur Anmeld )3 Eheschließungen, 976 Lebendgeborene, 23 Dodtged!

Sterbefälle.

(S

Kunft, Wissenschaft und Literatur.

München, 11. Februar, Der bekannte Erzgießer Professor von Miller d. Aelt. ist heute Naht infolge eines S anfalls gestorben.

Quirovatti tab mner KeiftsGe Nbl aus den RussisH-Türkischen Krieg von 1877/78, Nach Auffäyen von Kurovatkin (damals Chef des Stabes bei General Sfkobelew, jeßt General im Kaiserlih russishen Generalstabe), bearbeitet von Krabmer (Major im Königlich preußischen Großen Generalstabe mit dem Range eines Abtheilungs-Chefs). Neue Folge. I. Heft (des ganzen Werkes 5. Heft), Die Blo>ade Plewnas. (E. S. Mittler u. Sobn, Königliche Hofbuchhandlung, Berlin S8W. 12, Kochstraße | 9,80 A) Der russishe General Kuropatkin seßt seine mit allge- meinem Beifall aufgenommene kritishe Geschichte des russis&-türkischen Krieges von 1877/78 fort, deren deutshe Bearbeitung Major Krahmer vom Großen Generalstabe übernommen hat. Das neueite (5.) Helt behandelt die Blokade Plewnas. Je wichtiger und entscheidender

Lid, ger > A T4 p SASZ onoR 16 _ gerade diese Epoche des Krieges 1st,

(N S B} t A. Air J

6s t L

desio mehre tri der v ge? rühmte Vorzug der Darstellung: die rückhaltlose Offenheit in d Schilderung der militärischen Lage und in der Beurtheilu"g alle Ereignisse hervor, die zu üben die hervorragende Stellung faßsers als Gencralstab8<hef des Generals Sfobelew i befähigte. - - Sdeen über ZeihenunterriWt uno tunlblert e Berufsbildung. Von Georg Hirth. München und Leipzig, G. Hirth's Kunstverlag, 1887, (Preis 75 s.) Der dur seinen „Formenshatz“, „Das deutshe Zimmer“, das „Kulturgeschihtliche Bilderbu)*“, die „Uebhaber-Bibliothek alter Jllustratoren“ und andere Publifationen in den Kreisen der Künstler, der Kunstgewerb- treibenden und Kunstliebhaber woblbekannte Verfasser hat in der vor- liegenden kleinen Schrift seine Ansichten über den Unterricht in Zeichnen

co G, C3

dargelegt. Diese gipfeln in dem Sage, daß der elementare Unterricht die Aufgabe habe, niht sowohl zum Schönzeichnen als vielmehr

zum Richtigsehen und zum Snellsfizziren und namentlich zur Uebung des Formengedächtnisses 2 B Jewö3hn<

Anlettina 1 geben Bie be l liGen Unterriht beobachtete Methode

werde aber weder dem Zwed> gere<t, no< entsprächen die erzielten Resultate der Begabung der Schüler. Der vernünftige Zwe> des elementaren Zeichenunterrihts aber müsse sein: den begabten Schüler dahin zu führen, daß er mit einer gewissen Leibtigkcit die Gegenstände der Natur, auch die Bewegungen lebender We'en richtig \kizziren und die Einfälle der eigenen Phantasie klar darstellen könne. Nur so habe das Zeichnen einen wirklich praktischen Werth für das Leben, nur ein folches Können gewähre dem jungen Menschen zugleih innere Befriedigung und die Möglichkeit einer nußbringenden Berwendung. Statt denen werde beim ersten Unterricht der Schwerpunkt auf die Schönheit der Aus- führung gelegt, auf die Glätte der Linien und auf die _Rein- heit der Swhattirungen. Man ziehe es vor, den Schüler irgend eine gezeihnete oder gedru>re Vorlage genau fkopiren oder einen Gipskovf abzei<nen zu lassen, anstatt ihn dirckt an die wirkliche, lebendize und farbenreihe Natur hinzuführen. Wie der Verfasser si die Handhabung des Unterrichts in aufsteigender Stufen- folge für die einzelnen Lebensalter und je nah den ver|<iedenen Gnt- wickelungsstadien denkt, hat er in eingehender Ausführung dargelegt, deren Prüfung den Lehrern und Fachleuten überlassen bleibe. Un- bestreitbar enthalten scine Ideen viel praktisch Richtiges und Be- herzigenswerthes. Dasselbe ailt au<h von den fi< an- \hließenden „Ideen über künstlerische Berufsbildung.“ Der Verfasser beklagt darin, gewiß niht mit Unrecht, die dur die gleich- mäßig reglementirten höheren Bildungsanitalten herbeigeführte Drillung und Nivellirung der Geister und den Berluit der tndivi- duellen Begabung der Schüler: ein Thema, das bekanntlich für die literarishe Produktion {hon Ernest Renan in drastisher Weise be- handelt bat. Andererseits geißelt er aber au mit Grund die (in neuerer Zeit übrigens zum Glück nit mehr 1o |freng aus- re<t erhaltene) Scheidung zwischen hoher Kunst und Kunstgewerbe. Nach Hirth's Ansicht müßte die künstlerische Berufsbildung \<on im 14., spätestens im 15. Lebensjahre beginnen. In diesem Alter müße der genügend im Zeichnen vorgebildete Jüngling son in irgend einem Atelier, einer Werkstatt dem Ernst des Berufslebens näher treten, fei es als Maler oder Bildhauer, als Golds{hmied oder Ciseleur, Ver- golder oder Elfenbeinshnitzer. Die Akademie aber ollte nur folche Schüler aufnehmen, die neben dem Nachweise ungewöhnlicher Begabung au das Zeugniß der vraktishen Einführung in irgend ein Kunstgewerbe

mitbringen. Zu diesem rein berufstehnischen Können und Wissen müsse