1887 / 99 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

L L

P s

Aachen, 27. April. (W. T. B.) Der Historiker, Wirkliche Geheime Rath Dr. Alfred von Reumont ist heute gestorben.

Weimar, 28. April. (W. T. B.) Der General-Intendant des Großherzoglihen Hoftheaters, Freiherr von Loën, ift heute Nacht gestorben.

Gewerbe und Handel.

Dem Aufsihtsrath der Nähmaschinen - Fabrik vor- mals Frister und Roßmann, Aktien-Gesells<aft, wurde die Bilanz und das Gewinn- und Verlust-Conto pro 1886 vorgelegt. Die Direktion erstattete Beriht über die Lage des Unternehmens, aus wel<em bervorging, daß der Niedergang der Nähmaschinen- branche der Gesellshaft erheblihe Verluste zugefügt und sie in die Nothwendigkeit verseßt habe, für weitere in Aussicht zu nehmcnde Ausfälle umfassende Abschreibungen avf Ölußenstände zu be: schließen. Außerdem sind fehr umfasscnde Abschreibungen auf halbfertige und fertige Waaren vorgenommen mit Rücksicht darauf, daß die Gesellschaft vor umfassenden Fabrikationtänderungen steht. Unter Berüctsichtigung diefer Umstände werden folgende Abscreibungen und Rüdftellungen der Generalversammlung pro!zonirt : Abschreibungen auf Immobilien 25940 #, auf Betriebsinv:ntar 78 674 4, auf Mobilien 6374 #, weitere Dotirung des Delcredere-Conto 900000 4, Verlust auf Fabrikations-Conto excl. Zinsen 313 928 1; alsdann er- giebt sich eine Unterbilanz in Höbe von 1411 839 M

Dem Bcrickt der Direktion der Meclenburgischen Bank entnehmen wir Folgendes : Das Iabr 1886 war insofern günstig, als es gelang, die Herabsctung des Zinses für Depositengelder um 2 9% resp. 1% durchzuführen. Das Depositenge\s<äft hat ih dennoch weiter entwi>kelt; die Gesammtsumme der Depositen hat s< um über 25 9/0 des vorjährigen Bestandes vermehrt. Daß den Aktionären 3 9/0 weniger Dividende geboten wird, bat seinen Grund hauptiächlich in dem niedrigen Zinsfußee. Nach Abzug aller Unkosten, Abschrei- bungen auf Bankgebäude und Mobilien ergiebt si< cin Neingewinn von 108 628 M (gegen 118 669 Æ im Vorjahre). Nach Abzug der Tantièmen (2758 4c), sowie der Uckerweisung an den Reservefonds (9431 A) verblieben zur Verfügung der Generalvecsammlung 100535 MÆ, aus wel<hen die Vertheilung von 5/9 und die Ueber- tragung von 932 M. auf neue Rechnung beschlossen wurden.

Nach dem Geschäftsbcriht der Weimarischen Bank für 1886 erhöbten si< die Umsäße von 1422 auf 1605 Millionen Mark. Wenn dennoch das Netto-Etrträgniß mit 331 856 4 gegen das Vor- jahr nur 2324 M höher erscheint, so begründet sich dies durch den Ausfall von 50000 Æ an Zinsen. Vom Gewinn mußten no<h 95 738 M abgeschrieben werden, weil ältere Engagements der Filiale Berlin mehr Verlust ergaben als erwartet wurde. Auch wurden weiter 44 046 # Betriebsverlust der verpfär deten oberf<lesis<hen Gruben abgeschrieben. 2 Grundstücke mußten für 195000 M er- worben werden, 2 andere wurde für 41 659 s verkauft. Reingewinn 517 394 J, davon Unfosten 185537 M, ferner die beiden erwähnten Abschreibungen, so daf einshließli< des Vor:rags aus 1885 übrig biciben 199 899 6, dic zu Abschreibungen verwendet werden sollen.

Aachen, 27. April. (W. T. B) In dem Prozeß etnes Aktionärs gegcn den Vorstand und Aufsichtsrath der Aachen- Jülicher Eifenbahngesell\<aft fand heute die Hauptverhand- lung statt. Der Vertreter der beklagten Gesellschaft brachte gegen die Ausführungen des klägeriswen Anwalts die Einrede der unzu- [lôfsigen Klagcänderung und der Klagcerweiterung vor und wies darauf hin, daß die statutenmäßig für die Majorität nothwendigen Er- forvernisse bei dem von dem Kläger angefo<htenen Beschlusse vor- handen scien und daß der Vertrag der Gesellschaft mit der Staatt- regierung unter allen Umständen zu Recht bestehe. Die Verkündung des Urtheils wurde auf den 10, Mai cr. festgeseßt.

London, 28. April. (W. T. B,) Die Bank von England hat beute den Diskont von 22 auf 29% berabgesett.

Antwerpen, 27. April. (W. T. B.) Wollauktion. An- geboten 944 B. Buencs8 Ayres, davon 463 B. verkauft, ferner 1252 B. Montevideo, davon 726 B, verkauft, r.nd 72 B. diverse Wollen, davon 24 B. vertauft. Preise gegen gestern unverändert.

St. Petersburg, 27. April. (W. T. B.) In der heutigen Genralverjammlung der Großen Russischen Eisenbahn- gefellschaft wurde beschlossen, für das abgelaufene Jakßr 1886 keine Dividende zu vertheilen.

Verkehrs - Nnftalten.

Hamburg, 27. April, (W. T. B) _Der Postdampfer „Suevia“ der Hamburg-Amerikanishen Packetfahrt- Aktiengesells<aft ist, von New-York fommend, heute Mittag 12 Uhr auf der Elbe cingetroffen. Der Postdampfer „Rhe- nania“ derselben Gesellschaft ist, von Hamburg kommend, gestern in St. Thomas eingetroffen.

Kronstadt, 27. April. (W. T. B) Die Schiffahrt ist durch zwet heute eingelaufene deuts <e Dampfer eröffnet; dieselben sahen auf der Stre>e Hochland-Kronstadt zwei andere Dampfer und 15 Segelschife."

Sanität8wesen und Quarantänewesen.

Niederlank® e.

Zufolge einer im „Nederlandshe Staats: Courant" veröffentlichten Vcrfügung vom 22, April 1887 hat der Königlich niederländische Minifter des Innern die unter dem 10. März d. I. erlassene Ver- fügung, wonach die Häfen Siziliens für von Cholera verseucht er- Éläârt worden, nunmehr aufgehoben. (Vergl. „Reichs-Anzeiger“ Nr. 64 vom 16. März 1887.)

Malta.

Durch Verfügung der Lokalregierung vom 14. April 1887 ist unter Aufhebung der Verfügung vom 1. März 1887 (¿Reichs-Anzeiger Nr. 66 vom 18. März 1887) Folgendes angeordnet worden :

1) Passagieren, welche aus einem Hafen des Miitelländischen Meeres oder von Konstantinopel kommen, fowie Passagieren, welche sich in Alecrandria, Suez urd Port Saïd einschiffen, ist die Landung in Malta nur dann gestattet, wenn sie durh Zeugnisse britischer Konsular- behörden na<weisen, daß sie innerhalb der dem Tage ihrer Ein- \chiffung unmittelbar vorhergehenden 10 Tage nicht in Sizilien ge- wohnt bezw. sih aufgehalten haben.

2) Schiffen, welche von Sizilien kommen oder innerhalb der leßten 10 Tage in einem \zilianishen Hafen waren, wird, fails Alles an Bord gesund ist und sie keine Passagiere aus Sizilien bringen, gestattet, unter Beobachtung der Quarantäne auszuladen und Ladung einzunehmen.

3) Schiffen, welhe vor längerer Zeit als 10 Tagen vor ihrer Ankunft in Malta Sizilien verlassen babcu, wird, fals Alles an Bo!d gesund ift und sie keine Passagiere aus Sizilien bringen, der freie Verkehr gestattet.

4) Schiffen, welbe von Sizilien koinmen und gemäß Abschnitt 2 dieser Verordnung ausladen oder Ladung einnehmen dürfen, wird nah Ablauf von 10 Tagen na< dem Tage ihrer Abfahrt von Sizilien der freie Verkehr, jedo<h nur nach vorkergegangener ärztlicher Besichti- gung und vollständiger Desinfizirung, gestattet.

A Die Landung anste>ungsfähiger Waaren aus Sizilien ist en.

Verlin, 28. April 1887.

Gestern fand im Herrenhause hie Generalversammlun des unte dem Protektorat Ihrer Kaiserlichen N S Res Hoheiten des Kronprinzen und der Frau Kronprinzessin stehenden Vereins für Kinderheil stätten an den deutschen Seeküsten statt. Der Vorsißende des Vereins, Minister-Nesident Lrüger, gedachte in erster Linie in dem von ihm erstatteten Jahrc5- beriht der hochherzigen Beihülfe Sr. Majestät des Kaisers in Höhe von 250 (000 4 zur Errichtung der Kinderheilstätte auf

Norderney. Im Weiteren konstatirte der Bericht crfreulihe Erfolge des Vereins, Zwei neue Hospize, das eine auf Norderney, das andere in Zoppot, sind im Laufe des vergange- nen Jahres neu eröffuet worden. Das Hospiz auf Norderney vermag 260 Pflezlinge aufzunehmen. Mit $1 Pfleglingen wurde es am 1. Juni 1886 seiner Bestimmung übergeben. Während der 3monatigen Kurperiode fanden im Ganzen 332 Kinder, 151 Kraben, 181 Mädchen Pflege bezw. Heilung in dieser Anstalt. Die der Kur bedürftigen Kleinen stammten aus allen Theilen Deutschlands, ein vollgübtiger Beweis, daß diese Stätte der Barnherzigkeit und Menschenliebe eine deutsh-nationale Institution in des Wortes vollster Bedeutung ift. 21 Kinder hatten Freistellen, 152 zahlten wöchentlih 15 M, die übrigen 10 (A. Am 15. Oktober wurde diese Kinderheilftätte geschlossen, doch sind jetzt die zwe>mäßizen Einrichtungen getroffen, daß dieselbe auh während der Wintermonate benutzt werden kann. Im Hospiz in Zovpot befanden sih 53 Kinder während der ab- gelaufenen Saison in Pflege. Der Magistrat in Danzig zahlt jährlich 2000 e an die Anstalt, wofür er das Recht besitt, derselben eine Anzahl Kinder zu überweisen. Das f<on länger bestehende, jeßt er- weiterte Hospiz in Groß-Müritz wurde von 28 Knaben und 39 Mädchen besu<ht. Das Hospiz auf Wyk bei Föhr hat 123 Kindern Aufnahme gewährt. Daß dicse Heilstätten einem vorhandenen Be- dürfniß entsprehen, davon zeugt die steigende Frequenz derselben. Im Jahre 1883 waren cs 1 7 Kinder, welche die Heilstätten auf- suchten, im Jahre 1886 bereits 565. Durch die an den Vercin ge- stellten hochgesteigerten Ansprüche ist die Finanzlage keine derartige, daß in nennenswerther Weise Freistellen bewilligt werden fkönuten. Auf die Zahlung des Mindestbetrages der Kurkosten (wöchentlich 10 A) fann deshalb weniger als je verzi<tet werden. Dr. Mar Salomon referirte hierauf in cingehender Weise über oie Kurerfolge. An der Hand der statistishen Daten fkonstatirte derselbe, daß die Heilstätten höchst erfreulihe Ergebnisse aufzuweisen haben. Bei Knochen-, Lungen- und Nervenkrankßheiten, bei Blutarmuth und allge- meiner S<hwäche wurden günstige, zum Theil sogar überraschende Erfolge erzielt. Bezüglih der Gewichtszunahme während der Kur- periode konnte in Einzelfällen eine solche bis zu 8 Pfund verzeicbnet werden. Auf Anregung des Hrn. Eisenbahn-Direktors a. D. Schrader sprach sih die Versammlung dahin aus, der Möglichkeit eines ge- wissen Zusammenwirkens mit den Ferienkolonien näher zu treten. Der hierauf erstattete Kassenbcriht pro 1886/87 ergiebt, daß der Kassenbestand \si<h auf 69356 MA 8 beläuft. Nach Ertheilung der Decharge wurde zur Neuwahl eines Kassirers geschritten. Die Wahl fiel einstimmig arf Hrn. Oppenheim, in Firma Warschauer & (To. Nachdem die Becsammlung noch die Wahl zweier Revisoren und ¿weier Stellvertreter, sowie eine fleine Statutenänderung vorgenommen, bewilligte dieselbe etne Unter- stüßung von 1000 4 für das Hospiz Großz-Mürit, Den letzter Punkt der LageLordnung bildete das Budget des Jahres 1/87/88. Dem Voransclag zufolge dürfte bei Schluß diefes Rechnungsjahres nur eix Kassenbestand von 5000 1 vorbanden sein. Nach Entgegen- nahme der Rehnungélegung wurde die Bersamnlung ges{lossen

Am 27. d. M. in der Frühe hat cine Abrutshung des Dammes östli<h der Station Strausberg (Ostbahn) stattgefunden, in Foige deren das II. Hauptgeleife unbefakl,rbar wurde. Die Züge wurden ohne wesentlihe Verspätung auf dem I. Gleise in beiden Nicotungen beförderr. Die Beseitigung der Verkehrs\störung wird im Laufe des heutigen Tages erfolgen. Ein Unfall aus Anlaß der Nutschung ist nit zu beklagen.

Der Berliner Lokalverein zur Pflege im Felde verwun- deter und erkrankter Krieger, dessen Friedensthätigkeit in der Unterhaltung der in der Brüderstraße belegenen Sanitätswache besteht, hielt gestern Abend seine Jahresversammlung ab. Dem Berit zu- folge ist die Wache im Jahre 1886 in 788 Fällen in Anspru ge- nommen, tîn 137 Fällen mehr, wie im Jahre vorher und in 273 Fällen mehr wie im Jahre 1882, dem ersten Jahre der Thätigkeit. 315 Fâlle betrafen innere, 463 äußere Krankheiten, 10mal wurte Ge- burtshülfe beanspru<ht. Im Wachlokal selbst wurden 547, außer dem- selben 241 Hülfesucheude behandelt. Auf den Sonntag Nacmittag entfielen 98 Fälle; 225 wurden gegen sofortige Zahlung erledigt. Ihre Majestät die Kaiserin hat der Wache auch im letzten Jahre dur Uebersendung eines namhaften Beitrags Ihre Huld bewiesen. An Mitgliederbeiträgen gingen 2910 4, an Zuwendungen in Folge eines Aufrufs 1422 #, an außerordentlichen Gaben 457 M ein, während für die Behandlung der Hülfesuchenden 647 4 vereinnahmt wurden : 209 mer als 1885. Die Gesammteinnahme betrug 5512 M, die Gesammtausgabe 5498 4 Die Honorirung ver Nerzte erfor- derte 2398 M, die der Heilgebülfen 1004 #:; an Miethe tvurden 1100 M, für Instrumente, Bandagen u. dergl. 175 4 verausgabt. An Vermögensbestand sind 3893 M vorhanden.

In Erkner, Friedrichstraße 25, wird am 1, Mai cr. Hr. Rein- hold Bredow ein Restaurant eröffnen, welhes den Namen „Der Kaiserhof“ führea wird. Die Lokalitäten sind vollständig neu ein- gerihtet, \{hön und geräumig. Der große Garten, in welchem alte Bäume Schatten verbreiten, bietet Raum für circa 6000 Personen, und eignet sih ganz besonders für Vereinsfestli{keiten.

Stuttgart, 27. April. Der „St.-A. f. W.“ meldet über den dritten Tag der Uhlandfeier: Während gestern Vermittag in den höheren Schulen und den Töchterinstituten der Stadt Festakte statt- fanden mit Reden der Lehrer, Gesängen und Deklanation der Shüler und Scülerinnen, legte der Marktplatz die leßte Hand an sein Feterkleid; säratlihe Häuser desfelben wurden aufs Schönste mit Blumen, Kränzen, Gnirlanden und Fahnen dekorirt. Das Rathhaus war in allen feinen Theilen ges{hmü>t; mächtige Fahnen wehten

herab in deuten, württembergischen und Stuttgorter Farben; die |

Wappenschilder des Deutschen Neichs, Alt- und Neuwürttembergs zierten neben Kränzen ¿nd Guirlanden die Hauptfaçade, vor der si die mächtige Sängertribüne bis zum ersten Sto erhol. Die Kolossal- statue lhland’s shaute vom hohen PVBiedestal aus der Mitte herab. Auch die Kich-, Markt- und Hirschstraße roaren \<ön dekorirt. Gegen die Mittagsstunde begann dena auch ein Wegen nah dem Markt- plaß zu, das troß des RNegenwetters, welches das Fest stören zu wollen schien, immer mehr zunahm, je näher die Stunde der Feter kam. Glücklicherweise legte sh no< re<htzeitig der Megen, und der große Festzug traf bei klarem Himmel cin. 1500 Sänger, 37 Vereine aus Stuttgart, Berg, Heslah, &ablenberg, Cßlingen, Ludwigsburg, Kannftatt und Gaisberg mit evbensoviel prächtigen Fahnen bildeten,

den Zug, dem die Mußk und der Stuttgarter Licderkranz vor- |

anschritten und der mit Jubel auf dem Marktploze empfangen

wurde, wo inzwischen, Kopf an Kopf, über 19 000 Perfonen der Auf-

führung harrten. Inzwischen war der Königliche Hof im Nceeff-

schen Fause angekommen: Ihre Majestit die Königin, Prinz

und Prinzessin Wilhelm, Prinzessin Katharina, Prinz und Prinzessin Weimar mit Tochter, Herzogin Wera mit den beiden Prinzessinnen, Fürst und Fürstin Hohenlohe-Langenburg mit Tochter, sowie die Damen und Herren vom Gefolge. Das Publikum. hatte den Eintritt Ihrer Majestät der Königin in das \{<ön ges{<mü>te Bürgerhaus mit be- geisterten Hochrufen begrüßt; der Herr des Hauscs und seine nächsten Verwandten empfingen die hohen Herrschaften ana Eingange desfelben: Kaufmann und Professor Neeff (Verwandte ÜUbland's), Hofprediger Dr. Braun, Direktor von Winrtterlin und Staatsrath von Köstkin. Ja den oberen Räumen begrüßten die Danien des Hauses die fürstlichen Gäste und die jüngîte Tochter, Frl. Luise Neeff, hatte die Ehre, Ihrer Majestät der Königin ein prächtizzs Bouquet zu überreichen. Während der Produktion wurden einige Erfrishungen argenommen; in der Pause unterhielten nich die Herrschaften huldvoll mit dem Hausherrn und seinen Angehëérigen und vewunderten namentlich eine Marmorbüfte von Danne>er's Künstler- hand, die Mutter der Gattin Uhland's darstellend, die eine Schwester der Mutter des Hrn. Neeff gewesen ist. Nachdem die Sänger sid nun auf der Tribüne aufgestellt und thre Fahnen ¿zum malerifher. Hintergrund zusc.mmengesteilt hatten, trugen sie unter Förstler’s

Leitung das ewig \<ône und crhebende Lied „An tas Vaterland“ vor, dem die Festrede ‘des Vorstands Steidle, kurz und bündig, folgte. Er erinnerte in fräftiger Weise an das, was Ubland dem Volkslied, dem Volkzëgesang gewesen ist, und wie die Sänger vor allem begeistert am heutigen Tage des Dichters gedenken. Die Rede gipfelte in einem Hoh auf Ludwig Uhland, in das die Menge jubelnd einstimmte. Theils mit, theils ohne Musikbegleitung, theils vom ganzen, theils von fleinerem Chor kamen dann „Siegesbotshaft“ „Gesang der Jünglinge“, „Frühblingsglaube“, „Der Wirthin Töchter- lein“, „Der gute Kamerad“ und „Freie Kunst“ zur Aufführung. Diese allgemeine Volksfeier für Groß und Klein, Alt und Iung, Arm und Reich muß als ein überaus glü>liher Gedanke angesehen werden. Nach der Feier fuhr Ihre Majeîtät, abermals mit Hoch begrüßt, zum Residenzs{loß zurü>. Die Sänger zogen zur Liederhalle zurü>, wo- felbst im Concertsaal eine gesellige Unterhaltung stattfand, bei der Rechtsanwalt Georgii I]. und Zizmann (Ludwigsburg) Ansprachen hielten, das Verdienst Ubland's um den Vaolksgesang urd den Gedanken des Vaterlandes preisend. Abends 8 Uhr war der Liederhallen- Festsaal überfüllt, in der Hofloge hatten die Herzogin Wera, die Familie des Prinzen Weimar und des Fürsten Hohenlohe, die Ge- sandten von Preußen, Oesterreih und Nußland mit ihcen Damen und das Gefolge Plat genommen. In der reservirten Naum im Saal bemerfte man u. A. den Prälaten von Gerok, Fr. von BVischer, I. G. Fischer, Jul. Klaiber, Leins, Donndorf, Grimminger und viele andere Herren aus den Kreisen der Künstler, der Ge- [chrten, der Geistlichkeit, der Beamten, der Industriellen, hervorragende Perfönlicbkeiten aller Berufsftellungen, ferner die Angehcrigen der Ubland'shen Familie Nach dem Programm dieses Festbanketts wechselten lebende Bilder und Reden miteinander ab. Die erste Rede hielt Prof. Th. Schott auf das Vaterland. Er hob hervor, daß Uhland selbft am meisten dazu beigetragen, in Süddeutschland den Gedanken cines grofen cinigen deutschen Vaterlands zu wecken, daß er durch seine patriotischen Lieder den Norden und Süden mit einander verknüpft habe und daß er der crste gewesen, des neuerstanden:n Neichs sih zu freuen. Die gediegene Rede fand großen Widerhall in der Versammlung. Der Vorh-ng hob sih, und man sah als lebendes Vild den „guten Kameraden": Eine Schaar Krieger in der Uniform der Zeit des siebenjährigen Kriegcs stürmt eine feindlide Stellung; im Vordergrunde liegt der Getroffene und stre>t dem Kameraden die Hand entgegen. Das \<öne von lauter frischen jungen Männern dargestelte Bild wurde mit großem Jubel aufgenommen und immer wieder begehrt. Noch höher stiegen die Wogen der Begeisterung, als der Dichter Karl Gerok auf die Tribüne trat und einen poetischen Festgruß sprah, der an die Verse des Dichters:

„Zwar werd ichs nicht erleben,

Doch an der Sehnsucht Hand

Als Schatten no< dur{<s\{weben

: Mein freies Vaterland !*“

anknüpfte und mit den Worten \{loß:

„So sollt Du heute {weben

Ob Deiver Heimath Au'n,

So sollst Du immer leben

In allen deutschen GBau'n;

Wer fo in deutsche Saiten

Und Herzen greift wie Du,

Gehört für ew'ge Zeiten

Dem deutschen Volke zu !“

Der Juhalt des Gedicbts, der cinfache, \{li<te, aber ausdru>s- volle Vortrag und die edle Persönlichteit des Dichters wirkten zu- sammen, diese Huldigung für die Manen Uhland's als den weihevollsten Moment dieser so ergreifenden Festfeier erscheinen zu lassen und sie allen, die ihr beigewohnt, unauslöfhli< ins Gedächtniß einzuprägen. -—— Dos nächste lebende Bild stellte die „drei Könige von Heimsen“ vor, das bekannte Bild von Gegenbaur mit der brennenden Burg im Hintergrund. Sodann feierte Prof. Hermann Fischer die Kom- poniften Ußland'scher Dichtungen: Schubert, Mendelssohn, Silcer, vor allem Kreußer. Er führte in s{öner Sprale den Ge- da1ken aus, daß kein Dichter so wie Uhland die Musiker zur Kom- position angeregt habe, und erinnerte darau, wie gerade durch die musikalische Weise seine Dichtungen in die breitesten Schichten des Vo.kes gedrungen sind. Ein prächtiges Bild war das nun folgende: „Ne rmännisher Brauch.“ Darauf folgte die Deklamation des „Bertrand de Born“ dur<h Hrn. Dr. Bassermann und das lebende Bild: „des Sängers Fluch“, mit einer großen Anzahl von Personen in prächtigen Gewändern. Hr. Ober-Studienrath Dr. von Dorn danke dem Liederkranz, daß er diese Feier so \{<ön durhgeführt habe ; er roastete sodann auf die deutshe Jugend, indem er aus der Biographie, wie aus den Werken Uhland's die vielen Züge heraus- hob welche darin für die Jugend vorbildlih sind. Das letzte lebende Bi.d, „die Huldigung an Uhland“, zeigte cine große Zahl von Per- sonen; alle Stämme Deutschlands, Soldaten und Studenten, Jüng- liage, Mädchen, Kinder und Greise sind um die Büste ver- \fmmelt, welche von zwei Genien mit dem Lorbeer ges{<mÜü>t wird. Ein Doppel: Quartett stimmte dazu folgende Strophe an: „Dir, Schwa- bens freustem Sängermund Gilt unser Dank aus Herzensgrund ; Du schiedst, do<h Deiues Licdes Wort Bleibt Deines Volkes Stolz und Hort.“ Die Musik ging über zu dem „Lied der Deutschen“, und das gesammte Auditorium fiel ein in das „Deutschland, Deutsch- land über Alles“, Hr. Steidle dankte den Majestäten ‘und dem König- lichen Hause für die Betheiligung an dem Feste fowie allen aktiven Theilnehmern für ihre Mühewaltung. Damit war das Programm der Feier zu Ende, aber no< lange blieben die festlih Gestimmten beisammen.

Nachdem si<h am Dienstag Fr. Adolfine Zimaier im Walhal1a- Theater als „Mamsell Angot“ vor gut beseßtem Hause unter reich- lihen Beifallsbezeugungen verabschiedet, ging am gestrigen Abend mit gutem Erfolge Millöc>ker’'s fünfaktige Operette „Das ver- wunschene Schloß“ in Scene und erlebte eine überaus günstige Aufnahme. Das anspruchslose Libretto fand troß seiner Mängel dankbare Zuhörer, welche über der reizenden Musik die Schwächen der Handlung vergaßen und den gefälligen Millöcker'shen Weisen willfährig ihr Ohr ‘liehen. Reih an ansprechenden Melodien, fauber in der Instrumentation und troß manch verwandter Anklänge an Werke anderer Komponisten originell in der Erfindung steht diese Musik derjenigen des „Bettelstudenten“ und des „(Gasparonc“ nicht nah. Einige Nummern, wie beispielsweise das Lied vom „HDimmel- blauen See“, sind längst in das Volk übergegangen. Die treffliche Darstellung ließ einen dur<s{<lagenden Erfolg unzweifelhaft erscheinen, #erl. Seebold wurde in gesanglicher wie schaujpieleris<her Hinsicht ihrer Aufgabe als Coralie vollauf gere<t; troy der hohen Lage der Partie brachte fie diefelbe rein und kräftig zum Ausdru> und zeigte aufs Neue, wel< cine tüchtige Kraft das Walhalla-Theater in ihr besißt. Recht ausprechend gab Frl. Streitmann die derbe NRegerl, in welcher Rolle sie fih als eiae ausgezeichnete Soubrette bewährt. Die komische Figur des Andredl wurde von Hrn. Klein äußerst wir- kungsvoll zur Geltung gebra<t, uad der Humor, über welchen Hr. Herrmann in fo ausgiebigem Maße verfügt, verfehlte au<h am gestrigen Abend seine Wirkung niht. Hr. Dardey führte ih gestern re<t empfehlend ein, au Frl. Korner wurde freundlich aufgenommen. Anhaltender Beifall des Publikums bewies, wie voitrefflih sih das- selbe unterhielt.

Redacteur: Ried el.

De C ——— Verlag der Expedition (Scholz). Dru> de: Norddeutshen Buchdruckerei und Verlags-Anstalt, Berlin 8W., Wilhelmstraße Nr. 32. Fünf Beilagen (einshließli< Börsen-Beilage),

2 99.

Ersie Beilage zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preu

Berlin, Donnerstag, den 28. April

pishen Staats-Anzeiger.

| 1887.

Nichtamtliches.

Preufzen. Berlin, 28. April. Jm weiteren Verlauf der gestrigen (22.) Sißung des Reichstages ergriff bei fortgesegter zweiter Berathung des Gesepßentwurfs, betrefsend die Errichtung eines Seminars für orientalishe Sprachen, der Staats-Minister Dr. von Goßler das Wort zu folgender Rede:

Meine Herren! Wenn man näher auf die vorliegende Angelegenheit eingeht, fo kehrt auch die alte Erfahrung wieder, daß man fich in den gegenseitigen Anschauungen viel näher steht, als man von vornherein glaubt, und wenn der Herr Vorredner die Aeußerungen, welche bis dahin, sei es im preußischen Landtage, sci es bier im Reichstage ab- gegeben worden sind, in Verbindung mit der Denkschrift und den Motiven der Vorlage eingehender geprüft hätte, so würde er gefunden haben, daß die theorejishen, prinzipiellen Bedenken, welchen er hier Auédruck gegeben hat, überhaupt niht bestehen. Es ist niemals vnd in keinem Stadium der Verhandlungen daran gedacht worden, das orientalis<he Seminar zu einer gelehrten Institution zu machen, zu einer Institution, wo die ältesten Erscheinungsformen der orientalischen Sprachen erfors<t und gelehrt wcrden könnten; im Gegentheil, es ift von Anfang an die Prari?, das Bedürfniß des praktishen Lebens allein in den Vordergrund der Erwägungen gestellt worden. Von Anfang an ist darauf bingewiesen, daß der Dolmetscherdienst und die anteren Berufszwoeige dur<h das orieatalisle Seminar ge- fördert werden sollen, und in der Denkschrift ist mit gesperrten Leitern darauf hingewiesen worden , daf die lebenden Hauptsprahen .des Orients im orientalischen Seminar gelehrt werden sollten. Darum haben wix auch niemals daran gedacht, etwa die Professocen der Universität, wel<ze den ge- lehrten Forshungen nachgeben, zu den eigentlichen Trägern des orien- talisen Seminars zu ma@en;z sontern wir haben, wie aus den Etats hervorgeht, den Nachdru>k auf die Lekioren und die Lektorenassistentcn gelegt. Die Lektoren sollen Lehrer sein, welche dem deutschen Stagats- verbande angehören, aber durch ihre Thätigkeit im Auslande mit den lebenden Sprachen des Orients vertraut sind, und ihnen als Lcktorcn- assistenten solche zur Seite gestellt werden, wel<e wir, wie wir hoffen, dur< Vermittelung der answärtigen Regierungen aus den dortigen Eingeborenen erhalten. Ich kaun schon jetzt hinzufügen, wie durch da3 Gntgegenkommen der egyptishen Regicrung sichergestellt ift, daß für eine der wichtigsten orientalis<hen Sprachen. für das Arabische, solcbe im Ausland geborenen Assistenten zu beschaffen, Fürsorge getroffen worden isl. Z

Also alles dasjenige, was uns der Herr Vorredner als guten Rath auf den Weg gab, ist von uns von vornherein beobsihtigt; wir be- finden uns darin in voller Uebercinstimmung.

Nun ift im Eingang des Vortrages des letzten Herrn Vorredners auf die Schwierigkeit aufmerksam gemacht worden, daß es unter den Sammelbezeichnungen der orientalischen Sprachen \{<wer ist diejenigen Dialekte herauszufinden, die vorzugsweise geeignet sind, im praktischen Leben zur Amoendung zu kommen. Wir haben uns fselbst- verständli<h cu diese Frage vorgelegt und uns gesagt, daß, wenn cs richtig i, daß eine große Anzabl von QVeutschen tur< ihren Ausenthalt im Ausland befähigt worden ist, die dortigen Sprachen zu svre<hen, es uns do<h wohl auch gelingen wird, diese Sprachen hier jo zu lehren, daß, wenn junge Leute mit den in der Heimath erworbenen Vorkenntnissen ins Ausland geben, sie ras<h und leiht zum Verständniß, zum Gebrauch der dortigen Sprachen gelangen werden. Auch wic wissen, daß im indischen Sprachgebiet viele Dialekte existiren, aber wir sind der Ansicht, daß diejenigen, welhe mit dem Hindostani]chen wohlausgerüstet sind, die Hauptsprache verstehen und si leiht in die anderen Dialekte hineinarbeiten; wir wissen ferner, daf: diejenigen, welche das sogenannte Hocharabische beherrschen, zwar nicht von vornherein jeden arabischen Dialeët, z. B. nicht den, der im Irnern Arabiens gesprochen wird, verstehen; aber darüber herrs<ht kein Zweifel, daß sie im Stande sind, fich sehr leiht in die anderen arabîis<en Dialekte hineinzuarbeiten. So ift cs auch mit der deutschen Sprache: wem eine gewisse Schulsprache, die Kenntniß des Hochdeutschen gegeben ist, der ist au< nicht von vornherein besähigt, jeden deutschen Dialekt zu verstehen; aber er hat fich einen solchen Schatz von Kenntnissen und Regeln erworben, um, wenn er offenes Ohr und offenen Kopf hat, allmählih in jedes deutshe Idiom sich hineinzuverseßen. So werdea wir uns Mühe geben, diejenigen orientalischen Haupt-Dialektformen unsecen juugen Leute zu lehren, wie sie dieselben im Auslande vorzugsweise gebrauchen.

Weiter ift crneut auf die Bantusprache hingewiesen. Ja, meine Herren, ih bin in der glücklihen Lage wie der Herr Vorredner, daß ih kein Wort Bantu verstehe; ih bin au< ni<ht in Ost-Afrika ge- wesen ; das wissen wir aber auch Beide, das weiß auch die Oft-Afrikanische Gesellsaft, andere Institute und Privatpersonen, die i< mit der Frage bcscâftigt haben, daß auch in dem großen Reichthum der Bantu- sprache eine Form besteht, deren Kenntniß Livingstone und Andere befähigt hat, sich mit den dortigen Eingeborenen zu verständigen und in die inen vou vornherein niht re<t verständlichen Dialekte einzudringen. Und so haben wir nah den bisherigen Erfahrungen den Eindruck gewonnen, daß die Suahelisprache, eine lebende Sprache, eine nicht der Vergangenheit angehörige Sprache, denjenigen, die berufen sind, die deutschen Interessen in einem großen Theile von Afrika, namentlich in Ost-Afrika, zu fördern, der Worischatz mit auf den Weg gegeben wird, den fie dort mit Ausficht auf guten Erfolg gebrauchen.

Meine Herren, ih kann damit {ließen -— in der Hauptsache stimmt das von mir Gesagte mit den Ausfülbrungen des Herrn Vor- reduers Überein —: es sind rein praktische Ziele, die wir uns gesteckt habcn; daß aber aus der Verfolgung diescr rein praktischen Ziele auc die Wissenschaft Vortheil haben wird, dafür wird der tüchtige deutsche Geist sorgen.

Der Abg. Dr. Bamberger bemerke: Jn dieser Sache kämen ihrer Neuheit wegen beinahe so viel Meinungen als Köpfe zum Vorschein; aber da Alle im Punkt der Bewilligung übereinstimmten, jo habe die Divergenz nicht viel auf sih, und man spreche eigentlih nur, um guten Rath mit auf den Weg zu geben und sih vor Mißverständnissen zu bewahren. Er selbst wolle heute nur im Gegensay zu dem Abg. Grad, der durh das Seminar wesentlich einen direkt wirth- schaftlihen Zwe> fördern wolle, die verbündeten Regie- rungen gegen diese Auffassung in Schuß nehmen, damit man ihnen nicht später einen Borwurf daraus mache, daß sie diesen Zweck nicht erreicht hätten. Er möchte darin nicht gouvernemen- taler sein als sie selbst, die ganz rihtig den Hauptnachdru> auf die Ausbildung für den diplomatischen Dienst legten. Es lasse sih vecstehen, daß man einzelne junge Leute durch lange linguistishe Studien vorbereite, sih die Sprache soweit anzu- eignen, daß sie nah längerem Aufenthalt im Lande sich ihrer auch praktisch bedienen könnten. Sich aber einzureden, man werde Kaufleute linguistish wvorschulen, daß sie später hinausgehen und lukrative Geschäste machen könnten, das fei cine doktrinäre Auffassung von der Art, kaufmännische Zwecke zu verfolgen, auf die er, obwohl er der Sache gewiß nicht cbhold sei, si< niht einlasse. Die Citate

G

des Abg. Grad bewiesen für ihn gar nihte, sie bewiesen das Gegentheil. Die Franzosen gäben allerdings für derartige Anstalten mehr aus als irgend eine andere Nation, sie seien aber im Exportgeschäft gegen alle anderen großen Nationen zurü>, und die Deutschen, welche bis jeßt kein Seminar gehabt hätten, s{lügen die anderen Nationen, namentli<h die Fran- zosen, fast überall, sogar in ihren eigenen Kolonien. Jm «Fahre 1797, unter der Berrhan von Theorien, sei man geneigt gewesen, sih praktishen Nuven von jener Anstalt zu versprechen; aber gerade die bedeutendsten abstrakten Gelehrten seien aus ihr hervorgegangen , Leuchten der Wissenschaft, die sh aber mit Wirthschaftszwe>ken niemals abgegeben hätten. Und gerade in Deutschland sei diese Gefahr zu vermeiden, weil alle ein bishen Philologen seien, und gerade in den modernen Sprachen mehr das Alte liebten und suchten, als das Moderne. Der Professor des Französischen an dem hiesi- gen französishen Gymuasium zeige siherlih immer mehr Vor- liebe für das Altfranzösische, als für das neue, sei in der provençalischen Literatur mehr bewandert, als inr: irgend einem modernen französishen Schriftsteller. Dieser Bewegung ent- gegenzutreten werde allerdings eine glü>lihe Maßregel sein ; aber man solle sih nicht bessere Exportgeschäfte zu machen versprechen, wenn man au<h alle Sprachen des Auslandes habe studiren lassen.

Der Abg. Dr. Virchow äußerte: Er möchte sih doch ver- wahren gegen den Vorwurf des Ministers der geistlihen An- gelegenheiten, als sei dat von ihm Gesagte etwas Selbst- verständliches gewesen. Gerad? hier im Reichstage seien Be- denken geäußert worden, daß durch dieses Jnstitut eine Kon- kurrenz für die anderen Universitäten geschaffen würde. Des- halb habe er darauf hingewiesen, daß hier Etwas gemacht werden müsse, was auf keinee anderen Universität existire, also auch keine Konkurrenz machen könne. Deshalb habe er auh besonders gewarnt vor der großen Gefahr, daß das Jnstitut in etwas Anderes überc;eführt werde, als es sein solle, nämlich in eine Art ge!lehetec Akademie. Was die oft betonte Bantusprache betreffe, so werde der Minister ja wissen, daß der Bantustamm in großer Ausdehnung an der Westküste von Afrika \ih finde, er werde aber kaum mit einem Sugahelimann1 die Länder von West-Afrika durchreisen können, um si<h da verständlih zu machen. Er (Redner) habe nichts dagegen, wenn man Sugheli lerne, aber man sollte niht glauben, daß man auch bei allen den verschiedenen Bantustämmen sich werde verstänolih machen können.

Darauf wurde die Vorlage einstimmig genehmigt.

Es folgten Wahlprüfungen. Die Wahl des Abg. Delius (Minden) wurde für gültig erklärt.

Bezüglich der Wahl des Abg. Richter (Hagen) beantragte die Kommission, die Beschlußfassung auszuseßen und den Reichskanzler zu ersuchen, die Akten. betreffend das Verbot eines Arbeiterwahlcomités in Hagen, von der preußischen Re- gierung einzufordern.

Der Abg. Singer äußerte: Es sei eine Folge der anderen Zusammenseßung des Neichstages, daß man jeßt in der Kommission von einem srüher aufgestellten und lange festgehaltenen Grundsaß abweiche und jeßt meine, daß das unre<tmäßige Verbot einer Wahlversammlung no<h kei: Grund sei, die Wahl zu beanstanden. Dieser Beschluß sei niht veranlaßt durch die UVeberzeugung, daß der bisherige Reichstag die Sache falsch behandelt hätte, sondern er sei diktirt aus dem politischen nteresse der jeßigen Majori:ät des Reichstages. Er stelle den Antrag, die Beweiserhebung auch darauf ausdehnen zu lassen, ob die Gründe, mit welchen die Auflösung mehrere Wählerversammlungen verordn:t sei, hinreichende gewesen seien.

Der Abg. Klemm meinte: Das bloße unrehtmäßige Verbot einer Wählerversamm.lung sei seiner Meinung nach no<h kein Grund, eine Wah! zu kassiren; denn man könne aus dem Verbot nicht die Folgerung ziehen, daß die Wahl- freiheit beeinträchtigt sei. Eine Wahlversammlung habe sehr geringen Einfluß cuf den Ausfall der Wahl, da oft sogar viele der Anwesenden garnicht das aktive Wahlrecht besäßen. Durch den Umstand allein, daß ein Sozialdemokrat voraus- sichtlich in einer Versammlung sprechen werde, sei ein Verbot nicht gerechtfertigt. Für den Ausfall der Wahl aber sei ein solches nur dann in Betracht zu ziehen, wenn man eine er- hebliche Differenz der Stimmen mit Sicherheit annehmen lónne, und die absolute Majorität des gewählten Kandidaten eine unerhebliche sei.

Der Abg. Spahn äußerte: Wenn ein Abgeordneter im Reichs- tage scinen Plag solle einnehmen können, so müsse nahgewiesen werden, daß alle Wahlbeeinflussungen für den Ausfall der Wahl irreleoant gewesen. Dies sei der frühere Standpunkt des Reichstages, deir er festzuhalten bitte. Verbotene Wahl- versammlungen hätten auf das Wahlergebniß sehr wohl Ein- fluß. Zahlreihe Wahlverfammlungen wirkten zweifellos auf die Zahl der abgegebenen Stimmen ein. Außerdem müsse die Uebertretung der Verfassung, die in den Verboien der Wahl- versammlung liege, gerügt werden. Nur dadur<h könne man d die Regierung einwirken und künftigen Mißbräuchen vor-

eugen.

Der Abg. Miquel bemerkte: Das Verbot der Bildung eines sozialdemokratischezn Wahlcomités halte erx für gesetz: widrig und ebenso das Verbot einer sozialdemokratischen Ver- sammlung, ledigli, weil darin ein Sozialdemokrat sprechen Und für seinen Kandidaten wirken wolle. Das Sozialisten- gesey müßte namentli<h bei den Wahlen strenge interpretirt werden. Ja sogar alle Handlungen von Sozialdemokraten, die si< auf die Wahlen bezögen, legten von vorn- herein die Vermuthung nahe, daß sie niht den Umsturz der bestehenden Rechtsordnung bezwe>ten. Er glaube auh nicht, daß die jeßige Mehrheit des Reichstages eine andere Meinung in dieser Beziehung aufstellen werde. Er sei au< vollkommen damit einverstanden, daß der Reichs- tag alle Mittel geltend mache, damit die Behörden angehalten würden, mit strenger Unparteilichkeit ihrerseits die Wahl zu handhaben und auch nur den Schein zu vermeiden, als ob sie das Sozialistengeseß benußen wollten, um auf die Wahlen ein- zuwirken. Aber er könne daraus niht \{ließen, daß, wenn irgend ein geseßwidciges Wahlversammlungs- verbot vorgekommen, nun die Wahl von felbst hin-

fällig sei. Es müsse geprüft werden, ob das Verbot von der Beschaffenheit gewesen, daß es na< vernünsfcigem Ermessen auf das Wahlresultat hätte einwirken können. Er könne sih allerdings sehr wohl denken, daß durchgreifende Verbote von Wahlversammlungen derartig auf das Wahl- resultat einwirkten, und daß, wenn das Haus diese Ueber- zeugung gewinne, es die Wahl kassiren müßte. Sei das aber nicht der Fall, so gehe man über das Wahlversammlungs- verbot fort. Jm Uebrigen sei er au<h der Meinung, daß alle Parteien zu allen Zeiten das gleihe Jnteresse hätten, mit voller Entschiedenheit für die Aufrechterhaltung der Wahl- freiheit einzutreten.

Der Abg. Baumbach trat ebenfalls für den Singer'schen Antrag ein. Darin, daß das Verbot einer Versammlung an und für sih genügen sollte, um eine Wahl demnächst zu kassiren, gehe der Abg. Singer zu weit. Es sei stets gefragt worden, ob ein solches Verbot einen erheblihen Einfluß auf das Wahlergebniß ausgeübt habe. Die Abgg. Klemm und Miquel seien der Meinung, daß das Verbot einer Ver- sammlung ledigli<h aus dem Grunde, weil ein be- kannter Sozialdemokrat in derselben sprehen wolle, geseßwidrig sei. Sie befanden s< darin aber in diametralem Gegensay mit Hrn. von Puttkamer, der in der Sozialistenkommission ausdrü>li<h erklärt habe, der Umstand, daß ein bekannter sozialdemokratischer Redner sprechen wolle, reiche vollflommen aus, um auf Grund des Sozialisten- gesetzes die Auflösung der Versammlung berbeizuführen. Ein solches Wahlversammlungsverbot könne {hon deshalb nicht genügen, die Wahl ungültig zu machen, weil sonst jeder unter- geordnete Polizeibeamte es in der Hand hätte, jede Wahl ungültig zu machen. Den Wünschen in Bezug auf die Aufrechterhaltung der Wahlfreiheit {ließe er si<h natürlich vollständig an.

Der Abg. Böckel meinte: Das Verbot einer Versamm- lung reiche durchaus nicht hin, eine Wahl zu fkassiren. Es wirke ja niht immer s{hädli<h, fondern zuweilen au<h nüßlich für die Betroffenen. Verboten würden übrigens nicht blos sozialdemokratische, sondern au<h Antisemitenversammlungen, und das sei in einem Staate, wo Bleichröder regiere, kein Wunder. Er bedauere, daf; so oft sozialdemokratische Ver- sammlungen verboten würden; man verschaffe den Sozial- demokraten dadurh nur Sympathie und nehme anderen Per- sonen die Gelegenheit darzuthun, was für verkehrtes Zeug sie redeten. Er bitte das Haus deshalb, es solle den Grundsaß niht anerkennen, daß das Verbot einer Versammlung zur Annulirung der Wahl führe.

Der Abg. Singer entgegnete, der Vorredner möge nur sleißig für die Aufhebung des Sozialistengeseßes wirken, dann werde erx ja Gelegenheit finden, die Sozialdemokraien todt- zumachen. Verbotene Wahlversammlungen könnten in der That auf das Wahlergebniß von Einfluß sein. Es handele sih niht bloß darum, daß ein paar hundert Stimmen in einem Wahlkreis nicht gewonnen würden, sondern die Ver- bote wirkten einshüchternd auf die Arbeiter im All- gemeinen, und von Wahlsreiheit könne da niht mehr die Rede sein. Es müsse Praxis werden, daß über- haupt keine Versammlungen mehr verboten würden. Sein Antrag verlange nur die Gründe zu hören, weshalb die Versammlungen aufgehoben worden seien und welchen Einfluß die Berbote ausgeübt hätten. Jm FJnteresse der bedrohten Wahl freiheit bitte er, seinen Antrag anzunehmen.

Der Abg. von RNeinbaben bemerkte: Das Verbot einer Wahlversammlung könne niemals zur Kassirung einer Wahl ausreichen, denn es lasse sih garnicht absehen, wer in die Versammlung gekommen wäre und welchen Einfluß sie aus- geübt hätte.

Der Abg. Rickert äußerte, niemals sei der Majorität des Reichstags eingefallen, aus dem bloßen Verbote von Versamm- lungen die Kassation herzuleiten. Wenn ein Abgeordneter mit 2000 Stimmen Majorität gewählt sei und in einem Bezirk von 400 Stimmen ein Verbot stattgefunden, so sei das Verbot natürlich irrelevant. Vereinige man \sih dazu, in diesem Reichstage eine Resolution anzunehmen, daß das bisherige, vom Minister des Fnnern adoptirt: und vertheidigte Verfahren des Versammlungsverbots ein ges:8widriges sei.

Der Abg. Miquel meinte: Wenn die Kommission dem Hause klar gemacht hätte, daß das ganze Faktum der Wahl- verbote unter allen Umständen irrelevant sei, dann könnte man darüber hinweggehen. Sie sei aber der Meinung gewesen, daß Wchlversamnmlunçs - Aufhebungen keinen Einfluß haben könnten, Deshalb müsse das Haus erst eine Prüfung der Sache rerlangen, und dann werde der Reichstag entscheiden, ob die Verbote relevant seien oder nicht.

Der Abg. von Köller bemerkte: Selbst wenn die Wahl- verbote ungereBŸ!tfertigt gewesen seien, so habe die Sache auf die Wahl keinen Einfluß. Der sozialdemokratischze Kandidat wäre bei feiner Stimmenzahl nicht in die engere Wahl ge- kommen und hätte den Abg. Richter niht {lagen können. Die Wahlversammlungsverbot: hätten au auf die Zahl der sozialdemokratishen Stimmen keinen Einfluß gehabt, wie der Umstand beweise, daß im Jahre 1881 600, im Jahre 1884 1100 und jegt 2000 Stimmen für den fsozialdemokra- tischen Kandidaten abgegeben worden seien. Endlich sei in den beiden Orien, wo ein Wahlversammlungsverbot er- lassen worden, die Betheiligung eine außerordentli starke gewesen. Eine Schädigung der sozialdemokratischen Partei jei also aus den Verboten nicht zu ersehen, und der Reichstag habe kein Juteresse, die fraglihen Thatsachen zu eruiren.

Der Antrag des Abg. Singer wurde hierauf abgelehnt, der Kommissionsantrag angenommen. :

Die Wahlen der Abgg. Gottburgsen, Witte, Pfähler, Fürst Radziwill, Feustel und Dr. Delbrück wurden ohne erheb- liche Debatte für gültig erklärt.

Um 59/4 Uhr vertagte si<h das Haus auf Donnerstag, den 5. Mai, 2 Uhr.

Im weiteren Verlauf der gestrigen Sißung des Herrenhauses erklärte bei ver Berathung des mündlichen Berichts der [X, Kommission. über die Seitens des Hauses der Abgeordneten beschlossenen Abänderungen der Beschlüsse

i L