1908 / 21 p. 6 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

dieses Jahres die Preußenkafse nicht weniger als 95 Millionen an die Genossenschaften hat gelangen lassen, um ihnen über die schwierigen Geldverhältnisse hinwegzuhelfen (Bravo!), und zwar find die Kredite alle in genauester Beachtung der erlassenen Geschäftsbedingungen erfolgt, und die Kredite da noh besonders er- höht worden, wo, wie in einzelnen Landesteilen, infolge ungünstiger

: : nah der Seite des Realkredits rückgängig zu mahen und die mebr dem Personalkredit angehörende Entwicklung auf dieses Gebiet zurück- ¡uführen und die Last in kurzer Frift zu tilgen, fo ift das eine dur&- aus rihtige Entwicklung der Genossenschaften. (Sehr richtig! rechts.) Nun sind aber mit dieser Entwicklung unzweifelhaft erhebliche Risiken vorhanden. Die Genofsenshaften müssen unter allen Um-

weiteres Mittel zur Herabseßung unseres Zinsfußes ist eine iwed, mäßige Reform des Börsengesetzes, da durch das jezige Gefeß eine Menge von Kapitalien îin das Ausland gegangen it Aber q

abgesehen von der jeßigen Ausnahmeposition auf dem Geldmarkt, j auch in normalen Monaten unser Diskontsay sehr hoh gewesen, sowohl im leßten Sommer wie auch im Jahre vorher. Die Not. wendigkeit der Erhöhung des Diskontfazes beruht ledigli auf den

Zweite Beilage

zum Deutschen Reichsanzeiger und Königlih Preußischen Staatsanzeiger. Berlin, Freitag, den 24. Januar 190#®

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, a 6 ästi i anzu . Eine Revision der | Prüfung der Chaufféure ist unzureihend. Eine durhgreifende Besserung

A E E i Bete Brillen über die Saltund dee muller tel Unfällen ift unbedingt | wird nur dann zu erwarten sein, wenn von Staats wegen Schulen notwer dig. Díe Kleinbahnen sind darin T PE Pfer Zes êaliden oder Kurfe für Chauffeure eingerihtet oder wenigjtens beaufsihtigt Se sbetitea veclenat weren M egen die Auiler ohne | werden, wenn ferner ftrenge und einkeitliche ge arri für die solhe Vorschriften mit weit größeren Geschwindigkeiten fahren. Prüfung der Chauffeure erlaffen werten, die eine tenische usdildung Gegen die Gefahren dieser Ausschreitungen müfsen Vorkehrungen ge“ | na jeder Richtung hin sicherstellen. Durch diese Prüfung wird aber troffen werden, ohne daß wir aber dadur die Automobilindustrie nicht nur festzustellen seins daß der Chauffeur die technischen Vors kfenntnifse hat, um ein fo Gefahr bringendes Fahrzeug zu führen, wie

irgendwie {ädigen wollen. Minister der öffentlihen Arbeiten -B reitenba ch: es unter Umständen das Automobil ist, sondern es ist au feste zustellen, daß er das nôtige Seh- und Hörvermögen hat, ferner die

t j ck 2 is e ilverkehr mit U E arat Gg L nôtige Ruhe, Kaltblütigkeit und Geistesgegenwart und endlich gewifse Interpellant ausführte, mit sich stets steigernden Gefahren für die öffent- | moralishe Qualifikationen besigt, die erwarten lasen, daß er E ¡u lihe Sicherheit verknüpft ift. Sie erkennt ihre Verpflichtung an, | Ausshreitungen neigt. Auszuschließen wären z B. as s de durch geseßlihe und polijeilihe Vorschciften und durch deren strenge E: Sie ut eiae ent a

2 e d, o ! e / E a baten, Sue t U E E g eri Le unter den beteiligten preußischen Refsorte. Ebenso befindet fih cine Automobilindustrie, welche, wie ebenfalls der Herr Interpellant durch- | €inheitliche B s P fa s 2 aus zutreffend hervorhob, in allen uns umgebenden Staaten und niht hoffe, daß diese Verhandlungen v p E gel D und daß zum mindesten in Deutshland selbst eine ganz außerordentlihe Be- damit bereits ein nenitènswerter | riolg erzielt sein wir es deutung gewonnen hat, zu fördern, fie vor Ueberflügelung zu be- Der Entwurf eines Haftpflihtgesezes hat bereits, wie bekannt wahren, und dem Kraftwagenverkehr, der gerade für den Lasten- | und von dem Herrn Interpellanten bereits erwähnt, im Jahre 1906 transport, überhaupt für Nußzzwecke, eine ftets steigende und, wie ich | dem Neitage vorgelegen, ist aber nicht verabschiedet worden. Gs meine, noch kaum geahnt: Bedeutung für die Zukunft hat, die Wege | if zu hoffen, daß demnähst ein reuer Entwurf dem Reichstage ju- zu ebnen. gehen wird. E L A

Unter diesen Gesichtspunkten, meine Herren, hat die Staat2- Es ist vom Herrn Interpellanten darauf hingewiesen, es wäre regierung alle Beshwerden über Gefährdung dur den Automobil- | iweckmäßig, die Automobile tunlichst mit tinheitlichen Snelligkcit8- verkehr prüfen und beurteilen müssen. Es wird wohl zugegeben | mefsern auszurüsten, d. h. mit zuverlässigen Schnelligkeitsmefsern. werden können, daß ein Teil diefer Gefährdungen sih auch heute noch | Es ift für die Gewinnung eines folhen Shuelligkeitêmefsers eine immer erklärt aus der Neuheit des Verkehrsmittels, und daß fie sich | Konkurrenz autgeshrieben worden, leider ift es aber bi2her nit ge-

kolofsalen Ansprüchen des inländischen Marktes an die Reichsbank, it alfo eine Folge der gesamten wirtshaftlihen Entwicklung, die so stark war, daß die Bildung neuéc Kapitalien damit nicht Schritt gehalten hat. Daran ist weder einseitig die Landwirtschaft, noch die Industrie * {huld ; wenigstens kann die Großindustrie als folhe nit für die An, \pannung des Geldmarktes verantwortlich gema#t werten, da sie selbft für Reserven gesorgt hatte. Diese Ansparnurg des Geldmarktes auf dem E S der 6esanien O ae ift somit 6 f eine unerfreuliche Be. leitersheinung einer an fich erfre n Sntwitckly j 1 ie Jnanfpruchnabßme für Aber man muß zugeben, daß dieser hohe Zinêssaß für unfer WVire, Aber is Jour fd Vie gge Gg Tagen E Ultimo E fige lVpere Laft 2 Ÿ S FEUateit v e Groß, qn wit e A ch dem Ultimo. Diese Summe stellt für Els siadten ¿. B. vollkommen îin S and getommen, w ie L (s we E ; i r in den legten Tagen unternehmer keine Baugelder mehr bekommen. Zur Abhilfe l L U (g Joiy Fast in levem Quartal t V f K

; - e das dar, M Dagegen muß man aber den Posten in Betracht N sbliche mit Rer Rus fie geno staat edits bor, anfzuzah!cn L A ubenta 2 für E Geldmarkt im September aus-

Zentralgenofsenschaftsf ziehen, den ie K zercde an dem für die durchaus an. Die Erhöhung des Kapitals der Kasse wird cease / haite, und dana hatte die osse ger

lichen o der Börse noch 4 Mill. séin, das System des genofsenschaftlihen Kredits aufrecht zu erbalten, üandwirtschaft (a n E He Geitka rft E L E bát: Die Erhöbung ift notwendig, um den gesteigerten Gehäftéverkehr Mark mebr ge ber 1307 hat die Kasse die Reichsbank und den Geld- zu befriedigen und um die Kasse in die Lage zu setzen, aug in 31, Pezem it 89 Mill. Mark in Anspruch genommen, diese \hwierigen Zeiten den Zinsfuß möglichst niedrig zu halten. Jh uarft wiederum er dieselte; dagegen hatte fie an den Geldmarkt hoffe, daß es dem Finanzminifter mögli sein werde, die erbößten pl ist fast ges eliehen« Im ganzen hat die Zentralgenossen- Fonds, über dern Höhe man fi die weitere Entschließung roh vor, 102 M. Senossenshafièwesen so gestärki, daß große Spar- behalten kann, der Kasse zur Verfügung zu stellen. Seehandlung und haftska}e V Graofenschaften gemaht find. Nach allem ift die Genofsenshaftskafse sollen allerdings niht gegeneinander arbeiten, und einlagen In Ta 8s ländlihe Genofsenshaftswesen und die Zentral- sie können sih über eine Reihe von Punkten verständigen; aber an sih Hôrse durch Ff niht in Anspruch genommen, sondern fogar halle E das sammen ne pt ae e c ZE Se:hand- o hne die Kasse würde im Laufe des Monats der un einen anderen Charakter e Genofsen\shaftékasse, uni el R, A5 elne s , die für das Wirt- die i des geshäftlihen Vorgehens kann daher nicht bei Deite die: Zineuß fúr tägliches Geld eine Basis c Die i

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étsleben nicht zweckmäßig wäre. Die Dispositionen der Zentral- Abg. Dr. Crüger- Hagen (fr. Volksp.): Ih möchte das Wort pecoffenschaftskasse Pn R aufe T soorden. „Mittelziard“ im weitesten Sinne gefaßt sehen, einshließlih auch der Das 1 au its R Börsenpresse gegen uns beruben nur Beamten ; ich kann aber nit glauben, op der Finanzminister wirkli Die Anzapfungen eit fn der fein Anlaß vorliegt. Die Zentral- bin ih näher getreten: ein Gesegentwurf ist im Finanzministerium | der Meinung ift, durch irgend welhe Maßnahmen auf die augen: auf einer ees bat aub für si niemals in Anspruch genommen, ausgearbeitet und unterliegt gegenwärtig der Beratung mit den anderen | (ile Geldkrisis, besonders dieser Kreise, einwirken zu. können, e dem Minister Miquel noch naher, cine eigene Bank- Refsorts. Ich hoffe also im Sinne dec Bestrebungen, die wir bisher S E e zer Meru e R Laie, ven die Schier politi zu treiben. Wir haben vielmehr ftets betont, daß fih die vertreten und in der Preußenkafse betätigt haben, auch in Zukunft | sollte jz angemessene Preise ihufen Wäre es mögli, eine besondere nach meinen Kräften dazu beitragen zu können, den berechtigten | Zinspolitik für den Vittelstand zu schaffen, so müßte man solde

F i , | Wege suchen; aber ih halte es direkt für gefährlid, wenn im La les atn E 15 R Qt Und Haibwerk zu ge der Glaube erweckt wird, daß etwa durch eine Erhöhung des Kapitals M

Preußenkasse Geldkrisen vermieden werden körnten. Aber selbft der Inter-

ständen das oberste Prinzip wahren, ihre L'quidität zu erhalten und allen Anforderungen nach dieser Richtung Rechnurng zu tragen. Ich glaube, bei dieser ganzen Frage der Entshuldungsaktion kann es nicht Sathe des Staatesz sein, seinerseits Träger dieser Aktion zu werden. Er hat {hon auf seinen Schultern so viel, daß er unmögli aud diese Aktion übernehmen kann. Ich halte die Nächstinteressierten, mit genauer Kenntnis der örtlihen und persönlichen. Verhältnisse ausgestattet, wie die Ge- nossenshaften, für wohl geeignet, diese Aktion in ihrem kleineren Kreise vorzunehmen, und halte es andererseits für berehtigt, ftaats- seitig ihnen gewifsermaßen das Rückgrat nah dieser Richtung zu stärken. (Sehr richtig! rechts.)

Ich halte es für angängig, daß man das Kapital der Preußen- kasse erhöht, um innerhalb der bisherigen Grenzen und gegen volle Sigterhbeit der Genoffenschaften ihnen zu Hilfe zu kommen, wenn bei ftarker Kreditanlage ausnahmsweise große Ansprüche an sie gestellt werden. Diese Operationen müssen von den Genossenschaften mit der größten Vorsiht vorgenommen werden, unter steter Wahrung des Gesichtspunktes der Liquidität. Aber ih glaube, die Preußenkasse kann ihrerseits dazu beitragen, unter ftrenger Wahrung ihrer Grundsätze au in der Wahrung der Liquidität den Genossenschaften zu Hilfe ¡u kommen. Um dies zu ermöglihen, würde allerdings eine Erhöhung ihres Kapitals notwendig sein. Ob es gleih notwendig ift, daß dazu eine Verdopplung eintriit, ift meiner Ansicht nah eine Frage von untergeordneter Bedeutung. Dem Gedanken selber

Ernten, ja Mißernten ein besonderes Bedürfnis nah dieser Richtung hin vorlag.

Und, meine Herren was die Hauptsache ist —: zu welchen Zinésäßen sind die Kredite der Preußenkasse gewährt worden? Das Bestreben der Preußenkafse ist stets dahin gegangen, die Zinssäge möglichft gleiGmäßig und möglichft niedrig zu halten. Ih betone beim leßten besonders das „möglihst"; denn es ist selbstverständlich, daß die Preußenkafse vom allgemeinen Geldmarkt abhängig ist und naturgemäß auch ihre Zins\säße einigermaßen nach dem Geldmarkt einriten muß. Aber von diesen 103 Millionen, die die Preußenkafse im leßten Vierteljahr den Genofsenshaften eingeräumt hat, sind 32 Millionen ¡u einem festen Zinsfuß von nicht über 3,5 % gewährt worden (hört! Höôrt!), 26 Millionen zu anderen Vorzugszinsen, und der DurFschnitts\saß der ein- ¡elnen Verbandskafsen für deren Gesamtkredit hat zwischen 3,5 und 6,25 9/ geschwankt. Meine Herren, im leßten Vierteljahr, in dem die Geldknappheit fich besonders geltend mahie und besonders drückend auf den Erwerbskreisen unseres Landes ruhte, hat die Preufen- kasse ihre Autleihungen dur{s{hnittliG zu 5,55 %/ bewirkt, also erheblich unter dem Reichsbanksaß, der 6,78 9/9 betrug, und erheblih unter dem Privaisaßze der Berliner Börse, der 6,15 9% betrug. (Bravo!) Also, meine Herren, es ist der Preußenkafse gelungen, in dieser Zeit den Leihsaß 0,60 9/9 unter dem Privatsaß und 1,2309/69 unter dem Neichsbanksay zu erhalten. Daß das in der {weren Zeit, die binter uns liegt, für die erwerbenden Kreise des Mittelstandes von großem Werte gewesen ist, das brauche ich nicht näher dazulegen. (Sebr richtig !)

Herr Abg. Kreth hat nun den Gedanken einer Erhöhung des Kapitals der Preußenkafse angeregt. Jch glaube, ih habe das auch {hon früher ausgesprochen, daß ih diesem Gedanken für meine Person durchaus geneigt bin. Die außerordentlihe Entwicklung der Preußen- kasse sowie die Aufgaken, die an sie herantreten, und die Ansprüche, die sie befriedigen soll, weisen meiner Ansicht nah darauf hin, diesen

iti ralgenossenshafttekafse der Politik der Reichébank an- E E Eine e Zinspolitif ist allerdings unter ge- wissen Umständen für cinen enger begrenzten Kreis zuläsfig und mög- lih. Gs ift uns gelungen, für die Kreise, für welche die Preußen- fasse da ist, den Zinsfuß niedrig zu halten. Einen vollkommen : fônnen wir allerdings nit erreihen, der Finanj-

Weg zu beschreiten. Der Umsatz der Preußenkafse, der im Jahre 1897 rund 2 Milliarden betrug, ift im Jahre 1906 auf 12 Milliarden ge- ftiegen und wird im laufenden Jahre voraussihtlich den Betrag von 14 Milliarden erreihen. (Hört, hört!) Wie ih {hon erwähnte, sind in diesem Jahre an Krediten 103 Millionen eingeräumt worden, während die Kredite im Jahre 1898, als wir zum leßten Male zu einer Erhöhung des Kapitals der Preußenkafse schritten, 40 Millionen betrugen. Es ist also in zehn Jahren eine Steigerung der eingeräumten Kredite von 40 Millionen auf 103 Millionen erfolgt. Ich habe {hon kurz darauf hingewiesen, in welhem Maße die Ges nofsenschaften, die der Preußenkafse angeschlossen sind, gestiegen sind. Ih will die Zahlen niht wiederholen, sondern nur hervorheben, daß seit dem Jahre 1898, also in zehn Jahren, die Zahl der angeshlofsenen Genofsenschaften um 133% und die Zahl der Einzelmitglieder, die jeßt mit der Prceußenkasse in Verbindung treten, in diesen Genofsen- haften sogar um 1649/9 gewachsen ift. (Hört, hört!) Daß, wie der Herr Abg. Kreth {hon ausgeführt hat, die ständige wirtschaftliche Entwicklung in der Landwirtschaft, die Meliorationen, die auf den verschiedensten Seiten vorgenommen werden, die intensivere Wirtschaft, die erfreuliherweise auch beim Bauern Eingang findet, auch erhöhte Kreditansprüche mit si bringt, liegt auf der Hand. Die Erfahrungen in diesen Zeiten des {chweren Geldftandes werden, wie ich hoffe, die noch abseits ftehenden Elemente der bäuerlihen Bevölkerung und überhaupt des Mittelstandes veranlassen, sich den Genossenschaften anzuschließen. (Bravo! rechts.) Auf diese Weise werden also erhöhte Ansprüche an die Preußenkasse herantreten. Ich glaube, diese kurz von mir sfkizzierte Entwicklung der Zahl der Genofsenschaften, der Zahl der angeslofsenen Mitglieder und des Umsatzes der Preußen- kafse liefert {hon einen Beweis dafür, daß es in der Tat geboten war, an eine Erhöhung des Kapitals der Preußenkasse zu denken.

Der Herr Abgeordnete Kreth erwähnte ferner, daß die Genossen- schaften si jeßt auch vielfach in den Dienst der Entshuldung gestellt haben. In dieser Beziehung möchte ih darauf hinweisen, daß die Einlagen bei den Genossenschaften in der erfreulihsten Entwicklung §egriffen sind. SelbstverständliG if in der letzten Zeit des {weren Geldstandes die gegenteilige Entwicklung hervorgetreten. Im all- gemeinen kann man aber sagen, daß die Einlagen im Laufe der Jahre ständig bei den Genossenshaften gestiegen sind. Die Einlagen in laufender Rehnung haben beispielsweise im Jahre 1904 124 Millionen betragen und im Jahre 1905 136 Millionen. Aber vor allem: die eigentlihen Spareinlagen nit der Kontokorrentverkehr der landwirtschaftlihen Arbeiter und sonstiger ländlicher Elemente haben im Jahre 1904 niht weniger als 812 Millionen und im Jahre 1905 nicht weniger als 983 Millionen betragen. (Hört, hört !) Also eine Steigerung an Spareinlagen bei den Genofsenshaften um nicht weniger als 176 Millionen!

Es find nun die Genossenschaften dazu übergegangen, ihre Mittel nicht nur in dem eigentlihen Kontokorrentverkehr zu verwenden, sondern auch im Wege des festbefristeten Darlehns, und fie sind zum Teil dazu übergegangen, die Hypotheken, namentli die NaGhypotheken dur die Rückkehr zum Personalkredit, durch eine in kurzer Zeit zu tilgende persönlihe Kreditgewährung zu erseßen. Ich halte diese Ent- wicklung für richtig; denn man fann wohl niht ver- kennen, daß bei unserer ganzen Vershuldung des kbäuerlicken Besißes viel zu sehr der Hypothekarkredit im Laufe der Zeit an die Stelle des eigentlißen Personalkredits getreten ist. Wenn man die Schuldverhältnisse des bäuerlihen Be- sißes ansieht, so findet man, daß sih durch 20, 30 und noch mehr Jahre Verpflißtungen fortseßen, die eigentli in viel kürzerer Zeit hâtten getilgt werden müssen. Hatte der Bauer ein Mißjahr, „starb ihm eine Kuh, und war er daher gezwungen, Geld aufzunehmen, so war er früher, weil es an genossenshaftlihen Organisationen fehlte, cinfah genötigt, sich im Wege des Hypothekarkredits das Geld zu beshaffen. Junfolgedessen findet man auf den Grund- bublättern des bäuerlihen Besitzes all zu viele Sculdposten, die längst hätten getilgt werden müssen, die eigentli dem Kapitel Personalkrédit angehören, niht dem Kapitel Realkredit, und wenn die

Auf Antrag des Abg. Dr. von Heydebrand und der Lasa (kons.) tritt das Haus in eine Besprehung der Jnter- pellation ein.

Abg. Dr. Faßbender (Zentr.): An der Schädigung des Mittel- standes dur dea hohen Bankdiskont kann die Shutzollpolitik keire Schuld tragen. Der Reichsbankpräsident hat rihtiz ausgefübrt, daß die Geldteuerung eine Folge des allgemeinen Geseßes von Angebot und Nachfrage ist. Die Ursachen dürften fich aber um \echs Punkte gruppieren lassen: die Hochkonjunktur der Industrie in den ver- gangenen Jaßren, die außerordentliße Jnanspruchnahme des Aus- landes, unsere passive Handelsbilanz, die großen Bedünfnifse von Reich, Bundesftaaten und Kommunen, der mangelnde Ersagz für bare Umlaufsmittel durch Geldsurrogate und endli die Verbindun zweier \fich widersprehender Aufgaben der Reithsbank, nämli einerseits Wächter unserer Währung zu sein, anderseits eine den Ansprüchen des Publikums sich anpafsende Leibtätigkeit auszuüben. Im engsten wirtschaftlihen Zusammenhang ftehen Konzentration des Bankwesens und Akumulation der Industrie und damit weiter die Ausdehnung des Depositenverkehrs. Die Gefahr ist nicht abzuleugnen , dal die Banken infolge der leihten Re- disfontierung ihrer Wechsel bei der Reichsbank der Industrie mehr Mittel zur Verfügung ftellen, als der jeweiligen Kapitalskraft ent- spricht. Von einer Verstaatlichung der Reichsbank versprehe ih

mir feinen besonderen Erfolg, von Withtigkeit aber dürfte eine Reform des Zentralausshusses der Reichsbank in der Richtung eines Beirats sein, in welchen auch Vertreter der Landwirtschaft und des gewerblihen Mittelstandes Aufnahme finden. Bezüglih der Reform unseres Depositenwesens ift außerordentlihe Vorsicht am Plate, unter allen Umständen muß aber in baldiger Zeit durch Gesetzgebung fest- gelegt werden, daß alle Banken, welche Depositenverkehr Nen monatlich ihren Status zu veröffentlihen gezwungen werden. Bes ¡züglih des. Scheckverkehrs werden in den Kreisen der Genossenschaften öfters falshe Bedenken geäußert. Wenn ein Teil der bei der Post- verwaltung durch den Postscheck angesammelten Kapitalien den Ge- gofsensWastokallen gegen mäßige Verzinsung dienstbar gemacht wird, fo sind die Gefahren, welhe dem Mittelstand aus dem Postsheck erwachsen könnten, beseitigt. Es muß das ganze Reih mit einem Ney von Clearinghäusern überzogen werden, das ist das Ziel. Den Wunsch einer Erböhung des Grundkapitais der preußishen Genofssen- shaftskasse auf 100 Millionen kann ih nur befürworten. Mit aller miri: qo iaadt aber trete ih für die Selbftändigkeit des Genofsenschafts- wesens ein.

Abg. Dr. Newoldt (fckons.): Der Finanzminister hat auf die Be- deutung des Scheckoerkehrs in England und Amerika hirgewiesen und auch für uns davon eine Erleichterung des Geldverkehrs erhbofft. Gewiß ist das Schecknesen in diesen beiden Ländecn ungeheuer auf- geblüht, aber es fehlen in Amerika genügende Sicherheitsmaßregeln, und wollen wir nicht zu Zuständen kommen, wie wir sie jetzt in Amerika beobachtet haben, so müssen wir dem gefcßlih vorbeugen. Die Zustände in Amerika haken dahin geführt, taß z. B. Pariser Banken auf amerikanische Banken gezogene Scheck3 nicht honorierten, weil, wie sie erklärten, sie nit wifsen, ob die betreffende: Bank nicht {on zusammengebrochen sei. Soll also auch der kleine und mittlere Mann zum Depositen- und Scheckverkehr herangezogen werden, so muß sein Geld unzweifelhaft sihergestellt sein. Es wäre auch zu wünschen, daß bas Geld niht in die wenigen großen Sammelbecken der Großbanken fließt; wir haben ja dafür die Seehandlung, die Spar- kafsen, besonders die landshaftlihen Sparkassen. Die Erhöhung des Kapitals der Preußenkafse auf 100 Millionen ift siherlih wünschens- wert. Die Großbanktn haben durhweg ihr Kapital erhöht, u d es kommt für die Preußenkasse als neue Aufgabz die Mitwirkung an der Entschuïdung hinzu. Die Kasse scll der Landwirtschaft und dem andwerk vor allem billigen Kredit zur Verfügunz stellen können. lle diese Aufgaben kann fie nur erfüllen, wenn ihr Kapital hoh genug ift. Die Seehandlung und die Zentralgenossenshaftsk se müssen zusammen gehen, was bisher nicht immer der Fall gewesen itt. Es handelt \sich nicht um zwet vollkommen getrennte Institutionen, es mat sich auch immer mehr die Auffassung geltend, daß beide Kassen durchaus nit in einem Gegensatz stehen. Einer übertriebenen Konzentration des Geldes müssen wir allerdings entgegenwirken.

Abg. Dr. Friedberg (nl.): Es fragt sich, ob wir den Miß- stand des hohen Diékonts durch irgend welhe Maßnahmen hätten mildern können, und ob wir etwa das System der Bank von Frank. rei auf unfere Bank übertragen könnten. Die Währungsfrage scheint mir auf den hohen Diskont keinen nahweisbaren Einfluß geübt zu haben. Darin stimmen wohl alle überein, daß wir die Reserven

vellant hat keinen anderen positiven Vors&lag machen können als diesen, Wir können doch nicht Maßnahmen entdecken, dur die Schuster und Schneider in Stadt und Land nicht über 5 9/69 Zinsen hinauszugehen brauen. Wir stehen eigentlich gar nicht in einer Wirtschafts risis, sondern vielmehr in einer Geldkcisis. Da der Finanzminister selbst erflärt hat, daß die Preußenkafse vom Geldmarkt abktängig sei, so kann man dur dieses Institut auch niemals zu dem aewünschten stabilen Zinéfuß kommen. Wenn der Finanzminister von 95 Millionen Kreditgewährung im Dezember 1907 an die Genossenschaften sprach, fo bedeutet das do nur einen Tropfen im Meer der noh bei den Genofsen- schaften vorhandenen Kreditansprühe von 2 Milliarden. Ich bitte au, die Bedeutung des Scheckverkehrs für die Zinsfrage nicht zu übershäßzen. Die geseßlihe Regulierung des Depositenverkehrs könnte die schwersten Schäden für unsexe Kreditgenofsenshoften nah ch ziehen. Bezüglich der Entshuldung wird es doch E nit bloß darauf hinauélaufen, daß der Hypothekarkredit dur einen Perfonalkredit abgelöst wird. Vor allem muß dabei die Liquidität der Genossenshaften gewahrt bleiben. Vielleiht haben die Genofsenschafter bier im Hause eine andere Auffaffung über die Liguidität ter Genossenschaften. Wir müssen alles tun, um die Ge- nofsenschaften liquide zu erbalten; aber die Zentralgenofsenschaftskafse darf sich nit für diese Aufgabe stark mahen. Am besten haben in den leßten s{wierigen Monaten diejenigen Genossenschaften ab- geschnitten, die sich von tem Bankkredit unabhängig gehalten baben, Noch unangenehmer als die Konkurrenz der Depositenkafsen der Groß- banken wirft es, wenn auf engem Kreise mehrere Genossenschaften zu- fammensißzen. Jh wundere mich eigentlih, daß die Vertreter der Landwirtshaft mit Begeisterung für eine Erböhung des Grund- kapitals der Preußenkasse eintreten; denn die Verbandskafsen haben schon heute nah der Pfeife der Preußenkafse zu tanzen. Man sollte es fich also überlegen, ob man den Strick, wit dem die Genofsen- schaften gebunden werden, noch verlängern wil. Ih mache der Zentralgenossenshaftskafse keinen Vorwurf daraus; denn es liegt im System, daß die Genossenschaften durch die Verbindung mit der Fentale ibre Freiheit zum Teil aufgeben müssen. Von der Neichsbark wird verlangt, daß sie dem gewerblichen Mittel- stand mebr entgegenkomme; die Reihébank hat aker ihre bestimmten Normen, es wird niemand von ihr gefragt, ob er Shneider oder sonst etwas ist; wenn der Wechsel gut ist, wird er ditkontiert. Bei dieser SOEREt möhte auh ih dem früheren Reichsbank- präsidenten Dr. Koch Dank und Anerkennung seitens der Genofsen- schaften aussprehzn, und wir haben auch Vertrauen zu dem neuen Leiter der Reichsbank, Herrn Havenstein, der ja kein Neuling auf diesem Gebiete ist. Verstimmt hat es aber in den Kreisen der Genossenschaften, daß fie gezwungen wurden, ihren Zinsfuß tei der Reichsbank zu erhöhen. Man fagt, der Mittelstand sei ein Ziné- sflave des Großkapitals. Wer das behauptet, verkennt die wirtschaft- liche Bedeutung der Genossenshaften. Die Notwenköigkeit der genofsenshaftlihen Organisationen hat sich gerade in den e Monaten gezeigt. Die Genossenschaften, die niht an die Preußen- kasse angeschlossen sind, baben die Schwierigkeiten aus eigener Kraft überwunden, R ein Beweis, daß unser Senossenschaftswesen stark und kräftig ist. In einem Teil der Presse sucht man das Vertrauen in die Genoffenschaften zu ershüttern; damit nügt man aber dem Mittelstand nit, man sollte vielmehr dieses Vertrauen stärken. Präsident der Zentralgenossenshaftskafse Heiligenstadt: Die Zentralgenofsenscaftskafse hat regelmäßig eine Verzinsung ergeben und außerdem eine Reserre von 44 Millionen angesammelt. Sie hat in allen Jahren eine Rente gebraht, die 39%, wenn au nit erheblih, überstieg. Darum fann man von einer Liebesgabe für die Kreise des Mittelftandes niht sprehen. Die Frage der Geld- dièposition der Zentcalgenossenshaftskasse ist ein sehr sck{wieriges Kapitel. Die Kritiker gegen die Zentralgenofsenshafttkafse und damit aegen das landwirtshaftlihe Genossenshaftswesen in dieser Be- ziehung baben eine Grundtendenz, die man flar erkennen muß. Vor 15 bis 20 Jahren wurde ter Landwirischaft der Rat gegeben, ihren Kredit zu organisieren, und fie hat dies in hervor- ragendem Maße sehr {nell getan. Aus den Angriffen darauf habe ich immer ersehen, daß die Kreise des Handels und der Industrie sich an diese neue Konkurrenz auf dem G-ldmarkt nicht ret gewöhnen können ; aber sie werden fich daran gewöhnen müssen. Die Vorwürfe gegen unsere Geldditpositionen find ganz haltlos. 4m 30. September 1907 hatte die Preußerkasse vorübergehend von der Reichsbank 30 Millionen als Lombarddarlehen entnommen und außer dem gegen Hingabe von kurzfristigen Wehseln zum Inkasso weitere 3 Millionen, sie hatte also die Reichsbank mit 33 Millionen in An-

der Reichsbank verstärken müssen. Als Mittel dazu kann die Ver- stärkung des Silberumlaufs in Betracht kommen. Es ist nicht | nôtig, daß im Kleinverkehr alle Zahlungen in Gold erfolgen. In anderen Goldwährungsländern erfolgen die kleinen Zablungen nicht | in Gold, das allerdings vorhanden ift, aber in der Bank liegt. Na- türlich würde über ein gewisses Maß hinaus die Silberausprägung bes | denklich erscheinen. Die kleinen Banknoten haben sich auch gut ein- gebürgert und werden bei Lohnzahlungen vielfach benußt. Ein ferneres Mittel ist die Hebung des Scheck- und des Ueberweisungs-

Genoffenschaften dazu übergehen, diese mißbräuchlihe Entwicklung

verkehrs, wobei au der Postsheck einzuführen sein wird. Ein

| zum 7. Oktober bereits 23 Millionen zurückgezahlt.

s\pruch genommen. Von dieser gesamten Jnanspruchnahme waren

Außerdem hat die Preußenkasse ultimo September 55 Millionen Mark von ves Geldmakt entnommen ; insgesamt hat sie also damals den Geldmarkt m! 89 Millionen in Anspru genommen. Gewiß eine sehr große Summ.

(S&lukringder Zweiten Beilage.)

stabilen ioefußs D ; Finc R: aber nur gesagt, daß es unser Bestreben sei, einen irie: fa stabilen Zinsfuß zu erhalten. Die Schwankungen sind jedenfalls nit so groß, taß si? verderblib wirken könnten. A

Abg. Münfterberg (fr. Vag.): Wir ftehen auf der Linken sämtlich der Entwicklung des Genosjenschaftéwesens sympathisch gegen- iber. Ueber die Erhöhung des Kapitals der Preußenkafse zu \prechen, t beute noch kein Anlaß. In bezug auf das Zusammenwirken Ie Sechandlung und dec Preußenkasse kann ich mich nur dem A g. Friedberg anschließen. Bei Beurteilung der wirtisaftlichen _Krisis f man Ursache und Wirkung verwehfelt ; die Reichsbank schafft doch nit etwa den Zinsfuß, sie konstatiert ihn nur. Erft wenn die wirt- haftlihen Verhältnisse von innen beraus gesundet find, wird auch der Zinsfuß ein anderer werden. Á

Darauf wird die Debatte geschlossen. :

Nachdem noch die Abgg. Dr. Arendt (fr. konf.) und Dr. Crüger (fr. Volksv.) bedauert haben, dur den Schluß der Debatte an weiteren Ausführungen verhindert zu sein, ist die Ee erledigt.| zige

Es folgt die Besprechung der Interpellation der Abag. Graf von Carmer (fons.) u.

Gen. : L „Welche Maßnahmen gedenkt die Regierung zu treffen, um den immer mebr überhand nehmenden

r 7

Ausschreitungen bei dem Betriebe von Kraftfahrzeugen befser als bisher zu begegnen 2" _ E

Auf die Frage des Präsidenten. erklärt sich der |

Minifter der öffentlichen Arbeiten Breitenbach bereit, die Interpellation sofort zu beantworten. fe

Abg. Graf von Carmer (kons.) führt zur Begründung aus : Es ift niht das erste Mal, daß derartige Beschwerden erhoben werden.

Leider ist der Gesegentwurf im Reichstag, der fich mit demselben

Gegenstand befaßte, durch die Auflôsung vers@wunden und in-

iwishen nicht wiedergekommen. Durch alle Tageszeitungen gehen aus

allen Teilen unseres Vaterlandes Klagen, aus -denen eine be- rebtigte Erbitterung über die Entwicklung der Mißstände des Auto- mobilverkehrs \priht. Ich will die Bedeutung des Automobil- verkehrs für unsere deutshe Industrie nicht verker.nen, es wäre au rück/tändig, nit anzuerkennen, daß das Automobil für den Ver- fehr sehr wichtig if. Aber es ist Aufgabe der Geseßzebung, den

Auéschreitungen deéselben entgegenzutreten. Wir haben bei uns 2 625 Kraftfahrzeuge, davon eiwa 25 000 für Personenbeförderung. In einem halten Jahre wurde 1907 gegen 1303 Automobil- führer wegen strafbarer Unfälle, bei denen Personen verunglückt find, verhandelt, außerdem kamen 1617 Sachschäden vor, das sind 2920 Fälle in einem halben Jahre. In demselben Zeitraum 1906 waren nur 2219 Fälle zu verzeichnen. Bemerkenswert dabei ift es, daß auf diejenigen Fahrzeuge, welhe dem Vergnügen dienen, prozentual die doppelte Anzahl der Fälle kommt. Wenn man sieht, wie die Automobilisten tabhinrasen, so muß man glauben, daß sie die Zeit viel zu hoh einshäßen; es ist ihnen ganz glei, ob sie durh Ortschaften fahren, um Ecken oder durch Hoblwege. Man muß fich uur wundern, daß niht noch mebr passiert. Durch meinen Wablkceis bei Breélau geben viele Chausseen nah dem Riesengebirge. Eine Menge Bürgermeister haben hier erklärt, daß es ausgeschlofsen sei, besonders an Sonntagen, die Kinder noch auf die Chaufsce hinauszulafsen, daß au die Erwachsenen weder fahren noch reiten mehr fôöônnen. Es hat sich nämlich noch eine besondere Gilde berausgebildet, die Sonntagsautler, die viel gefährlicher sind, als ihre Kollegen vom heiligen Hubertus, weil ihr Werkzeug viel gefährlicher ist. Wofür haben denn die Kreisinfafsen die Chauffeen ebaut ? Etwa damit ein solher Autler sein Herrenrecht ausübt

8s ist einfa himmelshreiend und muß die ganze Bevölkerung aufs äußerste erbittern. Im benabbarten Sachsen hat der Landwirtschaftliche

Ausschuß festgestellt, daß die Polizei bei Dresden wegen der Ueberlastung der Chausseen durch die Automobile sogar eine Umleitung des Markt- verkehrs herbeiführen mußte. Am beklagenswertesten ist es nun, ae wenn ein rücksihtsloser Autler ein Unglück angerihtet hat, er

der Verantwortung durch die Flucht entzieht. Das passiert natürli weniger in den großen Städten als auf dem Lande, wo die

Geschädigten oft die alleinigen Zeugen find. In Deutshland haben wir während des leßten Jahres 500 solher Fälle zu verzeichnen. In 120 Fällen lag der Versu vor, das sind über 16 °/9 aller Ünfälle dur Automobile. Dagegen hat \sich nun eine Selbst- hilfe der Bevölkerung herausgebildet, unter der allerdings au die vernünftigen Automobilisten zu leiden haben. Gegenüber diesen unhaltbaren Zuständen muß zweifellos etwas gesheben. j bedaure, daß der Minister tes Janern niht anwesend ift, denn auf dem Wege der Polizeiverordnung wäre am allerersten vorzugehen. Von anderen Maßnahmen bedarf - zunähst die Prüfung der auffeure einer gewissen Revision. Ferner sind die Strafen viel

¡u gering. Glauben Sie denn auch, daß der Chauffeur die 60

Marimalftrafe felbst zahlt? Der Automobilbefiger wird si keine grauen Haare wawsen lassen, wenn er sie sogar mehrmals bezahlen muß, und außerdem sind die Besizer meistens versichert. Von Wert wäre auch die Anbringung eines Schnelligkeitsmessers, der

vermindern werden, je mehr das Publikum ih an das Verkehr8mittel

gewöhnt hat. (Widerspruh.) Meine Herren, wir haben gleichartige Erfahrungen gemacht bei Einführung der elektrischen Straßenbahnen, die gleichen Erfahrungen bei der Einführung des Radfahrverkehrs. Fh gebe aber ohne weiteres zu, daß der größte Teil der Gefähr- dungen auf Auswüchse im Automobilverkehr zurückzuführen ist. (Sehr rihtig!) Die Eigenart des Automobils, seine Schnelligkeit in ganz außerordentliher Weise steigern zu können, reizt zu sportlihen Ueber- treibungen und gibt unbesonnenen und rückfihtslosen Fahrern Gelegen- beit ju den Ausfchreitungen. ;

Meine Herren, die Staatsregierung ist errstlich bemüht, diesen Aus\chreitungen mit den ihr zu Gebote stehenden Mitteln nahdrüdcklich zu begegner. (Widerspruh.) Sie hat ihren Willen hierzu dadurch betätizt, daß einheitli§e Polizeiverordnungen, betreffend den Verkehr mit Kraftfahrieugen, für den ganzen Staatsbereih erlaffen worden find, welhe eingehende Vorschriften treffen über die Kennzeihnung der Fahrzeuge, die Fahrgeschwindigkeit, Warnungsfignale, Eigenschaften und Pflichten des Führers, Entziehung der Fahrerlaubnis usw. Diese Vorschriften sind überwiegend ftrengér wie diejenigen in den meisten uns umgebenden Staaten. Wenn ihr Erfolg bieher kein befriedigender gewesen ift, so beruht dies ¡um Teil wobl darauf, daß es den Exekutivorganen in vielen Fällen leider nicht möglich ift, die Exze- denten zu fafsen (sehr rihtig!), weil diese fih der Tätigkeit unserer Organe entziehen. Weiter beruht es auch darauf, daß das Publikum aus Stheu vor dem Auftreten als Zeuge vor Gericht geringe Neigung zeigt, die Polizeibehörden in ter Erfüllung ihrer Aufgaben ju unter- stüßen. (Unruße )

Fn der Hauptsache allerdings das muß ih ohne weiteres an“ erkennen find die unverkennbar hervorgetretenen Mängel darauf zurückzuführen, daß die am 1. Oktober 1906 in Kraft getretenen Be- stimmungen, wie \i in ter kurzen Zeit ihrer Geltung bereits ergeben hat, niht zur Bekämpfung der Auswüchse autreien. (Sehr richtig !) Die angedeuteten Mängel sind von tem Herrn Interpellanten nah den verschiedensten Richtungen hin durhaus zutreffend gekennzeihnet worden" Es ift zuzugeben, daß die Höchsistrafe, wel@e im Wege der Polizei- verordnung angedroht werden kann, 60 oder 14 Tage Haft unge- nügend ist, um rücksihtélose Fahrer von Uebertretungen abzushrecken. (Sehr richtig !)

Es ift ferner zu berücksihtigen, daß nach der Rehtsprehung der höchsten preußishen Gerihte es nidt durchführbar sein wird, auf Grund von Polizeiverordnungen unzuverläsfigen Führern die Fahr- erlaubnis zu entziehen. Auch wenn es möglich wäre, würde es doh immer nur siattkaft sein, diese Entziehung für ten engeren Polizei- bezirk au8zuspreher, und das wäre duraus unwirksam. (Sehr richtig!)

Dann ist weiter anzue:kennen, daß es an ftrengen und aus- reiœenden Vorschriften für tie Ausbildung und Prüfung der Chauffeure fehlt. (Sehr trichtig!)) Wenn wir erft zu einem besser ausgebildeten Chauffeurmaterial gekommen sein werden wird ein sehr wesentliher Teil der Gefahren, die heute das Automobil bervorruft, beseitigt werden. Ich sage, immer nur

ein wesentlicher Teil. Ich gebe ferner zu, daß die Bestimmungen des & 823 des Bürgerlichen Geseßbuhs in keiner Weise genügen, um den Automobilbesizer zu einer genügenden Haftung für den von ihm an- gerihteten Schaden heranzuziehen. Es wird von Geseßes wegen da- hin vorgegangen werden müssen, daß den Polizeibehörden die Mözlih- keit gegeben wird, höhere Geldstrafen, eventuell böhere Haftstrafen gegen Uebertretungen festzusezen. Ferner wird von Geseßes wegen

Reichsregierung angeregt worden.

auszusprehen sein, daß den Polizeibehörden die Befugnis gegeben wird, Automobilfahrern, und zwar nicht nur Chauffeuren, sondern auch Herrenfahrern (fehr rihtig!), die Fahrerlaubnis zu entziehen, wenn sie si in der Führung von Automobilen unzuverläsfig erwiesen haben. Die Entziehung muß mit Wirkung für das ganze Reichk- gebiet erfolgen können. Ein Erlaß dahingebender Bestimmungen im Wege der Reichzgesetgebung iff von dem Herrn Minister des Innern, der zu seinem lebhaften Bedauern infolge Erkrankung beute verhindert ist, hier zu ersheinen, und mir vorbereitet und bei der

lungen, einen wirkli brauchbaren Typ zu finden. Die Bemgübungen werden aber mit grofem Eifer fortgeseßt, weil man in der Tat in der Einführung von brauchbaren Schnelligkeitsmessern ein sehr wesentlihes Mittel erkennt, um Uebertretungen vorzubeugen. (Sebr richtig!) Was die Wettfahrten von Automobilen auf öffentlihen Straßen betrifft, so haben sie mit Rücksiht auf die Automobilinduftrie und die Erhaltung ihrer Wettbewerbsfähigkeit bisher nicht ausges{loîen werden können. (Lachen.) Die Fraçce wird sih aber erledigen, wenn das Projeki der Einrichtung ciner Automobilrennbahn, das schon weit gediehen ist, wirkliG zur Tat wird. Weniger gefährliGß find die sogenannten Zuverläfsigkeits- und Touren- fahrten. Immerhin sind fie so lästig, daß die beteiligten Minister, der Minister des Innern und ih, die maßgebenden Automobilvereinigungen son im Sommer vorigen Jahres darauf hingewiesen haben, daß diese Zuverlässigkeits- und Tourenfahrten aufs äußerste einzushränken sind und nur höchstens einmal im Jahre für denselben Bereih der Monarchie gestattet werden sollen.

Fch glaube, daß, wenn diese Maßnahmen, die ih kurz skizziert habe, durhgeführt sein werden, ein wesentlicher Teil der Beshwerden

wegfällt.

Auf Antrag“ des Abg. Dr. Freiherrn von Erffa (kons.) wird die Besprehung der Jnterpellation beschlossen.

Abg. Freiherr von Gynatten (Zentr.): Auch der Juftizmirifter sollte 00. s hier vertreten sein, denn eine ganze Reibe von Delikten, die durch Autler verursaht sind, hat noch feine Sühne gefunden. Die Nummern an den Automobilen laffen fh oft gar nicht erkennen, fie find zu klein und werden auch durch eine Staubwolfe verdeckt und des Abends zu scklecht beleuchtet. Wiederholt ift es vorgekommen, daß überfahrene Personen von den Automobilbesigern einfa liegen gelaffen wurden. Als in meiner Heimat ein alter Mann überfahren aufgefunden wurde, kornte die Polizei nur feststellen, daß ein Auto- mobil mit eri Gvgies g eig aa VETgEmer Nummer ‘m Een

\&windiakeit durch das Dorf gefabren war; man konnte ans Saa daß in diesem Automobil der Verbrecher saß, der den Mann überfahren hatte. Dem Automobilwesen felbst bin ich durchaus nicht feindlich gesinnt, ih bekämpfe nur die Auswüchse. Es ist jetzt ein Geshwindigkeitsmefser als vollkommen siher von der Polizei und den Gerichten anerkannt worden, nun müfsen aber auch die

Polizeiorgane mit diesem Instrument autgestattet werden, damit

ie Polizisten die Geschwindigkeit feststellen können. Es müssen n nere viel schärfere Maßregeln ergriffen werden als bisher. Diejenigen Fahrer, die mit getälschten Nummern fahren, follten in Zukunft überhaupt kein Automobil mebr fahren dürfen. Die Poliz i muß vielmehr die Uebertretungen feststellen. Die Regierung sollte uns auch eine autoritative Nachweisung über die Zahl -und die Art der Unglüdcksfälle durch Automobile mitteilen. Ich begrüße die Tier- shußzbestrebungen: és sollte sich aber auch einmal ein Menschensbußg- verein bilden. Wenn der die Uebertretungen in möglichst vielen Fällen anzeigte, so würden \ih diese bald vermindern. In einer terpräsidialveriügung heißt es: Die Geschwindigkeit soll rur 15 Kilometer betragen, dagegen tarf außerhalb geschlofserer Drt- schaften bei übersichtlihen Wegen die Geschwindigkeit erhöht werten, sofern der Fahrer in der Lage ift, seinen Verpfli tungen Genüge zu leisten. Diese kautshukartige Bestimmung sagt \ch{ließlich nicts anderes als: es darf so {nell gefahren werden, wie man will. Der Kaiierlihe Automobilklub hat ein Schriften hberauêgegeben, wie Gefahren vermieden werden können. Ich bekämpfe, wie gesagt, nur die Auswüchse des Automobilunfugs. In dieser Schrift beißt es, das Publikum sei selbst an den Unglücksfällen {uld, die Leute könnten natürlich heute nicht mehr auf ibren Wagen s{hlafen. Der Verfasser hat also das Ei des Kolumbus entdeckt, wie man sck{eu gewordene Pferde zum Stehen bringt. Ferner sagt der Ver- fafser sogar, die Landstraßen seien für die Fuhrwerke da und nit für die Fußgänger. Wir werden weiter kämpfen gegen folche Auswüchse ; tenn Unre(ht darf niht ein Gewohnheitsrecht werden. i Abg. Strosser (kons.): Wir haben niht den Eindruck, daß die Regierung das ernste Bestreben hat, dem Automobilunfug abzuhelfen; sonst müßten wir {on andere Erfolge sehen. Die alljährlichen Sicherhbeitsfahrten sollten niht bloß bes{ränkt, sondern überhaupt niht mehr zugelassen werden, denn diese Herkomer-Fahrten sind bis- her au Rennfahrten gewesen. In einem Buch „Der Krieg gegen das Automobil“ heißt es : die Automobilisten hätten es bei ihren Gegnern niht mit der Intelligenz zu tun, fondern mit den Vorurteilen der- jenigen Menschen, gegen die die Götter selbst vergebens kämpften; unsere Parlamente überböten ih in s{onungstloser Kritik, es seien aber billige Triumphe, die die Herren Parlamentarier feierten, um fich bei ibren Wählern vopulär zu machen. Dieses Buch ist in einer Massenauflage in die Welt und auch an alle Abgeordneten geschickt worden. Wenn die Herren solche Spracde führen, wird man um so

der Einwirkung des Autlers entzogen ist. Auch die großen Rennen auf den Landszraßen fiad, abgesehen von den Unfällen, als eine uner-

so erfolgt diese bis jet autschließlich auf privatem Wege.

Was die Ausbildung der Führer von Kraftfahrzeugen en ie

weniger geneigt sein, den Kampf gegen die Auswüchse und nur