1908 / 227 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Parlament protestieren. Die Autonomie des Libanon sei durch einen Vertrag mit sechs Großmächten garantiert, und diese Autonomie dürfe keine Schmälerung erfabren wes- halb der Likanon es ablehne, Deputierte in das Parlament zu entsenden.

Die Antwort des Schahs von Persien auf die english-russische Note is in London eingetroffen. Wie da€ „Reutershe Bureau“ erfährt, stimmt die Note der Aufforderung, neue Wahlen auszuschreiben und ein neues Parlament zusammenzuberufen, zu, deutet aber an, daß der Schah angesichts . der zerrütteten Verhältnisse in einer seiner Provinzen hierfür den geeigneten Zeitpunkt aus- wählen müsse. erselben Quelle zufolge glaubt man in gut unterrichteten* Kreisen, daß dieser Vorbehalt dem Wunsche der persishen Regierung zuzuschreiben sei, nicht den Anschein zu erwecken, als ob sie einem fremden

wange weiche, und man ist niht der Ansicht, daß darin ein ersuh des Schahs zu erblicken sei, der Erfüllung seiner Versprehungen auszuweichen. jals auf seiten Rußlands und Englands

Ebensoweni n anderer-

die Absicht, einen olchen Zwang auszuüben, vielmehr will man lediglih Rat- chláge erteilen zur Wiederherstellung der Ordnung und einer geregelten Verwaltung.

Die von den Anhängern der Schahpartei für gestern angekündigte Bestrafung von Täbris bestand, einem Londoner Blatte zufolge, darin, daß aus einer Entfernung, die für eine wirksame Beschießung zu groß war, sechs Geschüß- alven auf die Stadt abgefeuert wurden. Die Nationalisten E Maßregeln getroffen, um einem Angriffe entgegenzu- treten. Die Barrikaden waren von Männern mit Gewehren, Schaufeln und Sensen beseßt.

Statistik und Volkswirtschaft. Gin-und Ausfuhr vonZuckler vom11.bis820.September 1908. “Einfuhr | Ausfuhr im i

m Spezial- | Spezialk- handel handel

dz rein

Gattung des Zuckers

Verbrauchszucker Gassmexier und dem raffi- nierten gleihgestelter Zucker) (176 asi) .. 475 Rohbrzucker (176 a 352 Davon Veredelungsverkehr 53 Rübenzucker: Kristallzucker (granulierter) (176 b) T 27 417 Rübenzucker : Platten-, Stangen- und Würfel- ;

zucker (176 c) 2 7 028 Nübenzucker: gemahlener Melis 176d) -— 2 390 Rübenzucker: Stücken- und ümelzucker :

176 e) S 3 324 Rübenzucker.: gemahlene Raffinade (176) .. 70 4728 Rübenzucker : Sieottutae (176 g) 1221 NRübenzucker : Farin (176 h) 1 328 NRübenzucker: Kandis (176i) 44 1635 Anderer Zucker (176 K/n) i 8 470 Rohrzucker, roher, fester und flüssiger (176 k) ; 11 x j sim

49 071

zucker, roher, fester und flüssiger (1761) Anderer fester und flüssiger Zucker (flüssige Raffinade einschlie des Invertzucker- s usw.) (176m) . .. Füllmafsen und Zuckerabläufe (Sirup, Me- ale) Melassekraftfutter; Nübensaft, Ahorn- * faft (176 n) Zuckerhbaltige Aufsicht : GSesamtgewicht Menge des darin enthaltenen Zuckers . ,

Berlin, den 24. September 1908. Kaiserliches Statistishes Amt, van der Borght.

Waren unier steueramtliher

Stand und Entwicklung der bayerischen Montan- industrie.

Unter diesem Titel veröffentlicht soeben das Königlich bayerische Statistische Bureau in Heft 70 der „Beiträge zur Statistik des Königreihs Bayern“ cine Arbeit, in der an der Hand der Statistik die Eatwicklung und der gegenwärtige Stand der bayerishen Montan- industrie eingehend textlich und tabellarisch sowte durch etne Karte dargestellt werden.

Gegenstand der Untersuhung sind die vier Hauptzweige der Montanindustrie: Bergbau (Mineralkohlen und Bitumen, Erze, Steinsalz, Steine und Erden), Salzgewinnung (Siedesalz, Slaubersalz, \{chwefelsaure Tonerde 2c.), Hüttenwesen (Roheisen, Schwefelsäure, Vitriol und Pctóe) und Verarbeitung des Roh- eisens (Guß-, Shweiß- und Flußeisen). industriezweige werden in vorliegender der geographishen Verbreitung in Größe der einshlägigen Betriebe unter Berücksichtigung der D sowie insbesondere nah dem Umfang der Pro- duktion. Soweit es tunlich war, sind die entsprehenden Zahlen bis zum Jahre 1870 zurück wiedergegeben. Auf diese Weise ist niht- nur der Stand, sondern zugleich die während der leßten Jabrzehnte erfolgte Entwicklung der bayerischen Montanindustrie beransauliht

In einem zweiten Abschnitt wird die Belegschaft der vier Hauptzweige der Montanindustrie noch besonders behandelt, wobei auf die Arbeitêverhältnifse in den Bergwerken sowte auf das Knappschafts- wesen weiter eingegangen wird.

Im ganzen kommen für die bayerishe Montanindustrie 1778 Werke mit einer Belegschaft von über 40000 Arbeitern in Betracht. Die Produktion der bayerisGen Montanindusirie bezifferte sih im Jahre 1907 auf rund 6,7 Millionen Tonnen mit einem Wert von - 409 Millionen Mark. An diesea Zahlen sind von den vier Haupitgruppen der Montanindustrie am meisten die Eisenhütten - indusirie (Verarbeitung des Roheisens) und der Bergbau be- teiligt, wie die folgende Uebersicht zetgt:

Produktion

Werke 4 Menge Wos Bergbau . L VDI

V, 26898 6022606 36921 719 hiervon Steine und Erden 1597 16801 4148029 16 806319 Salzgewinnung aus

wässeriger Lösung . .. 9 592 80543 4310867 A S j ls 9 879 241 918 13230 161 erarbeitung des Roheisens 109 11 983 349 679 54 880 720 Summe. . .1778 403522 6694746 109 343 4657

hiervon Staatsbetrieb .. 21 4147 643 835 12 278 571 Privatbetrieb 36205 6050911 97 064896.

Was die geographische Verbreitung der Montanindustrie in Bayern betrifft, jo steht unter den Regiecungsbezirken án erster Stelle die Pfalz mit einer Produktion im Werte von 443 Millionen Mark

Die genannten Montan- Arbeit geschildert nach Bayern, nach - der

j Madckintos

Produktioss8wert 1000 Æ 9% 4682 4,3 O 879 52800 26;

Prozulliguiwert

000 A 9% 23166 212 Schwaben . . 14478 13,2 Oberfranken . Mittelfranken . 10291 9,4 Niederbayern Unterfranken . 5 367 4,9

Für den bayerischen Kohlenbergbau kommen 20 Werks in Frage mit einer Belegschaft von faft 9000 Mann und einer Produktion von 1,8 Million Tonnen im Werte von 18,6 Millionen Mark. Von

diesen Zahlen entfallen Produktion auf Werke schast Enge e Stein-

und Pechkohlen- bergbau 8184 1495396 17768 085 Braunkohlenbergbau . 683 286 256 852 260. Die wichtigsten Stein- und Pechkohlenbergwerke liegen in Ober- bayern und in der Pfalz: Produktion

{haft Menge B

Oberbayern 4 042 780739 8757 946 falz 3 881 681967 8 674508

berpfalz * E 5 erpfalz *) 257 33190 336 631

Oberfranken 8 Königrei G N 8184 1495896 17768 085 2 661 499189 6292 120

hiervon Staatsbetrieb .. 3 Privatbetrieb 1 5 523 996 707 11 475 965. irog des

Die Braunkohlen pröoduktion, die immer noch

raschen Aufschwungs in den leßten vier Jahren von geringer Be-

deutung ist, verteilt sich im wesentlihen auf Unterfranken (66 9/0

p I oe nach) und die Oberpfalz (33 9/0); auf Oberbayern ent- 0.

Rechnet man von der Gesamtproduktion den Haldenverlust und Selbstverbrauh der Werke ab, so ergibt sich für die Steinkohlen- bergwerke eine absaßfähige an von 1327405 t und für die Braunkohlenbergwetke eine folche von 256 755 t, im ganzen also eine absayfähige Kohlenproduktion von 1 584 160 t.

Im Gegensaß zu der Braunkohlenproduktion hat die Stein- kohlen produktion Bayerns eine erheblihe Steigerung erfahren, wie die folgende Uebersiht erkennen läßt.

Steinkohlenbergbau seit 1848:

Absaßfähige P- oduktion

Werke Belegschaft Menge E

1935 110 596 826 002 2142 205 648 1831 578 2735 361 254 3321519 3351 529 079 4 639 863 4 338 740 753 7 970 028 1900. . 6 757 1 078 837 12 609 218 1907 S 8184 1 327 405 16 877 231.

Allerdings reiht die Kohlenproduktion des Landes bei roeitem nicht hin, um den gesamten heimishen Kohlenbe darf von Ge- werbe, Industrie, Eisenbahnen, Privathaushaltungen 2c. selbft zu befriedigen. Es ist“ hierfür noch eine sehr beträhtlihe Zufuhr er- forderlih; vier Fünftel des Steinkohlenbedarfs und nicht weniger als 19/2, des Braunkoblenbedarfs aja von auswärts bezogen werden. Infolge dieser Kohlenarmut befindet sich Bayern in seiner volfswirtshafilizen Entwicklung sehr im Nachteil gegenüber anderen Gebieten des Reichs, deren Kohlenproduktion zum Teil das 5 fahe (Sachsen) und das 100 fache (Preußen) der bayerishen beträgt.

Bedeutender als Bayerns Koblenproduktion ist seine Eisen- hüttenindustrie. Freilih ist auch fie im Vergleih mit der übrigen deutshen Eisenhütt duktion nur geringfügig; sie mahte im Jahre 1907 2,5 9% der uktion des Deutshen Reichs aus. Im Jahre 1907 gehörten der bayerischen Eisenhütteninduftrie 109 Werke mit einer Belegshaft von fast 12000 Arbeitern an; sie produ- zierten aus Roheisen rund 3500090 t Gußeisen zweiter Schmel- zung, Schweiß- und Flußeisen im Werte von 54,9 Millionen Mark. Den bedeuteadsten Anteil an dièsen Summen hat die Rheinpfalz, wo die für die Eisenindustrie so wichtige Vorbedingung der billigen Kohle (Produktion im eigenen Lande und im nahegelegenen Saarrevier sowie billiger Tranêport durch Sgiffe aus dem Ruührrevter) gegeben ist. Auf die 8 Regierungs» bezirke verteilt sich die Produktion der Eisenhütteninduftrie, wte folgt:

Produktionswert Produktionswert Mh 9% M 9/0 Pfalz 22662816 413 Oberbayern . . 3605980 6,4 Oberpfalz. . . 12176788 222 Oberfranken. . 2432563 4,4 Mittelfranken. 7 696625 140 Unterfranken . 2092044 3,8 Schwaben... 4151232 7,6 Niederbayern . 162672 0,3.

Die Fortschritte, welhe die bayerishe Hüttenindustrie in den leßten Jahrzehnten gemacht hat, siad an sich erfreulich. Es betrug die cinschlägige Produktioa Bayerns

im Jahre Tonnen

1870 69 717 1880 100 224 1890 178 663 1900 276 501 44 895 231 Ee, 54 880 720.

Weitere Einzelheiten, namentlich auch bezüglich der anderen Montanindustriezweige, mögen aus der eingangs erwähnten Schrift selbst entnommen werden, die im Verlage der Lindauershen Buch- handlung zu München erschienen ift (Preis 3 46).

Le alz. Oberbayern .

Beleg-

Jahr

1848/49 „E 1859/60: “T Es 1870 L 1880 . «28 1890 .

im Werte von M

15 026 806 17 045 687 28 020 715

Zur Arbeiterbewegung.

Eine Lohnbeweguna der Möbelträger in Gießen hat, wie die „Köln, Ztg mitteilt, ohne Ausstand zum Abschluß eines neuen Lohnvertrages mit Lohnerhöhungen geführt. |

In Wien waren, demselben Blatte zufolge, am Mittwoch die Bühnenarbeiter des Theaters an der Wien und des Raimundtheaters in den Ausstand getreten, nahdem ihre Forde- rungen von den Direktoren abgelehat worden waren. Der Ausftand wurde jedoch noch vor Beginn der Abendvorstellung durch die Zusage der Direktion, neue Arbeitsverträge zu \{ließen, beigelegt.

Kunst und Wissenschaft.

Neue Forschungen auf Neuseeland.

Fm Augusiheft des ,Geographical Journal“ berihtet James

h Bell, Direktor der Geologishen Landesaufnahme von Neuseeland, über seine Forschungsreise in ein bisher fast unbetretenes Gebiet der Südinsel von Neuseeland im Sommer des Jahres 1907. Es handelt sich im wesentlihen um das Flußgebiet des Karangarua, das auf Blatt 81 deg Stielershen Handatlafses südwestlich vom Mount Sefton im Distrikt Westland zu suhen wäre. Der Karcngaruafluß bildet sch unter etwa 439° 45‘ | Br. und 170° d, L aus den Abflüssen mehrerer Hänge- gletscher, fließt im Tale eines alten Gletschers, der eins bis zur Küste reite, an 15 km unter Bildung von Schwellen und Wafserfällen

nach weiteren 20 ko in die Tasmansee. seines Laufes nimmt ex zwet rechte Nebenflüsse auf, den Twain und

oder ?/; (40,5 9%) der gesamten Montanprozuktion Bayern3; es folgen rann der Reihe nah:

westwärts, wendet sh dann {arf nördlich und behält diese Nichtung etwa 20 km lang bei; zuleßt biegt er nah Nordwesten um und fällt In der zweiten Hälfte

*) Der Betrieb in der Oberpfalz wurde bereits anfangs 1907

Copland, die fast ganz parallel zum Oberlauf des Karangarua flicßen und mit diesem eine Gebirgswelt mit zahlreichen unerstiegenen Berggipfeln, unerforschten Flüssen und Gletschern einschließen, Obwohl die über vizr Wochen lang dauernde Expedition Bellg unter der Üngunst der Witterung sehr zu leiden hatte, hat sie doch viel zur Kenntnis dieser Gebirgswildnis beigetragen. Das größte Interesse bot den Reisenden der Douglasgletscher, der im Quell, gebiet der Grie Twain und Copland liegt. Glei allen neusee- ländishen Glets{ern ist er nur noch der zusammengeschrumpfte Rest eines früher fast bis aus Meer reihenden Gletshers. Er besteht aus dem Firnfeld und der Gletischerzunge, die beide durch eine jähe Fel8wand voneinander getrennt werden. Das Firn- feld liegt am Euße des 2854 m (nach Stieler 3340 m) Hohen Mount efton und erstrelt s{ch längs des die Täler des Twain und Copland trennenden Coplandrüdens an 5 km weit westwärts in nahezu gleicher Breite. Fast in seiner ganzen Länge briht das Firnfeld dann plöglich über eine 1200 m hohe Wand ab: in ihrem oberen Teile weist diese prähtige Gisfälle mit Sörac3 auf, im unteren fast senkrechte Felsabstürze, über die nicht weniger als 37 Wasserfälle und unaufhörlih Gletscherlawinen (gegen 25 in einer Stunde ¡zählte Bell) hinabbrausen, deren durch Echo und Gegen- eho verstärktes Getöse noch in 2 km Entfernung die mensch- lie Stimme übert!önt. In einem großen Felsenzikus am Oft, ende dieses gigantishen Absturz-s seßt sich dann aus den herab. stürzenden Eislawinen die Gletsherzunge zusammen und zwängt ih zwischen steilen Wänden 10 km lang abwärts. Der obere Teil des esamten Douglasgletschers ist ein typisher Hängegletscher in großem Maßstabe, der untere Typus eines regenerterten Gletshers. le die kIleineren Gletsher der Nachbarschast, so if auch der Douglas, gletsher von mähtigen Moränenwällen aus Phylliten und Grauwate bedeckt. Am Ende des Gletshers wird ein kleiner Ste dur die Endmoräâne aufgestaut; diese burGbricht der Abfluß, der Twain, in starken Schnellen. Das Tal des Twain zeigt, wie das des Karangarua, nach Bell die chcarakieriftishen Formen glazialer Aushöhlung, Größeres Interesse bietet auch der einige Kilometer \üdöstlich vom Douglasgletscher gelegene MacKerrowgletsher auf der Ostseite der Südalpen, den im Südosten hohe Berge, wie The Dwarf (2753 m) und Mount Burns (2740 m), flankierea. Er ist ein echter Tal- gletsher, 10 km lang, durchs{hnittlich fast 1 km breit, im oberen Teile von ebener Oberfläche, im unteren von Spalten dur{hseßt, von Felstrümmern übersät, und trägt zwei Seitenmoränen; er endet mit einer etwa 30 m hoben Eisklippe, aus der die Wasser des Lands- boroughflufses geysirartig hervorbrehen, um parallel zur Hauptwasser- scheide der Insel südwärts zu fließen.

Es mag wohl mit der Psycholozie des Menschen zusammen- hängen, daß er sein ola farbig auszuschmüdcken strebt. Und solange eine Kunst bestand, hat sih auch neben thr ein Handwerk etablieri, das ihre Werke na&bildete, und was der Geist des Künstlers ersann, in vielfahen Nachbildungen an die Minderbemittelten verteilte. Die Kunft ist ewig und unveränderlich. Von Santi bis zu Adolf Menzel ist sie dieselbe wunderbare Wiedergabe des Lebens dur ein künstlerisch enpfindendes Temperament geblieben. Aber das Handwerk, die Wege der Vervielfältigungen, sind andere geworden. Mit dem feinen Spür- sinn, der unserer Technik eigen ist, hat man die grbuen Probleme studiert, und die Photographie, die eine mehanishe Kopie der Details ermöglicht, ist der Reprodukiion eine mahtvolle Helferin geworden. Sie Pat im farbigen Lichtdruck einen Triumph gefeiert, und so konnte die Vereinigung der Kunstfreunde in Berlin, Markgrafen- straße 57, an die große Aufgabe herantreten, 10 der ausgezeih- netsten Bilder von Arnold Böcklin farbig nachzubilden.

Ia einer abgelegencn Seitenstraße Schönebergs, in eivem großen, roten Hause, dessen hohe Fenster sh auf einen breiten, viereckigen Hof ¿fffnen, sind die unzähligen Arbeitskräfte untergebracht, die gebraucht werden, um ein einzigés Bild mit all den seltsamen Reizen, den ge- heimnisvollen, märhenhaften Wirkungen, dem hinreißenden Farben- zauber des Böckiünschen Genies darzustellen. Zuerst wird das Original im grellen Sonnenlicht photographiert und, da man nicht immer Sonnenliht hat, so ist ein elektrisch:r Scheinwerfer erfunden worden, der auf dem kleinen Raum die Helligkeit der Sonne erzeugt. Drei Aufnahmen werden gemacht, und von der Gelatineshicht der nah ihnen hergestellten Positive werden die ersten Abdrucke in drei Farben v, ggr 4 Für das Auge des Künstlers haben diese farbigen Lichtdruke eine eigenartige An- ziehungskraft. Sie kommen natürlich dem Original an Leuchtkraft und Tiefe des Valeurs keineswegs gleich, sie machen eher den Eindruck einer individuell veränderten Kopie, die ein ebenbürtiger Künstler nah dem Original angefertigt hat. Sind di-:se Lichtdrucke gewonnen, so ua die Sap en ein, aber nicht Lithographen im landläufigen Sinne,

ondecn Künstler, die zum großen Teil seit 20 Jahren in der Anstalt der Vereinigung der Kunstfreunde tätig sind, und wägen mit prüfen- dem Auge ab, welhe Farben und welche Nuancen noch fehlen, um die Wirkung des Originals zu erzeugen. Zwanzig, fünf- undzwanzig und mehr Steine werden angefertigt, die dann unter Anwendung der vollendetsten Drucktechnik Ton für Ton, Farbe für Farbe und jede kleine Nuance der Zeichnung auf das täushendste wiedergeben. Es ist ein mühevolles Verfahren, und Hunderte von Intelligenzen und kunstfertigen Händen müssen zusammen- wirken, um endlich in voller Pracht den Reihtum des Originals bervorzubringèn. Tatsächlih gibt es gegenwärtig weder in Deutsh- land, noch sonst auf dem europäischen Kontinent, noch jenseits des großen Wassers eine derartige Musteranstalt und derartig vertraut? Gehilfen des Kursthandwerks wie in dem großen roten Hause in der abgelegenen Straße von Schöneberg.

Die Wiedergabe der zehn Bödlins ist etwas bisher Unerreichte?. Gewiß haben die Klingershen Radierungen und die Schwarz-weilß- Darstellungen Böcklinscher Kunst große Erfolge errungen, aber es ift doch nun einmal eine unleugbare Tatsahe, daß Bôöcklint Größe in der unvergleihlihen Farbe seiner Gemälde besteht.

opulär aber kann nur eine farbige Darstellung den großen

chweizer Meister mahen. Ins Volk dringen können nur preis werte Nachbildungen, und diese Aufaabe ist von der Vereinigung der Kunstfreunde vort-efflich gelöst. Nimmt man noch hinzu, daß die Vereinigung der Kunstfreunde in einer eigenen Werkitatt die Nahmen der Originale, wie sie sih in dec Shack-Galerie in München finden, herstellt, so fehlt nihts mehr, Arnold Bödlin in den weitesten Kreisen heimish zu machen.

Ueber den Eid im Volk8glauben bringt der „Globus“, Zeit- {rift für Erd- und Völkerkunde, einen Aufsatz, der gerade jeßt bei der bevorstehenden Prozeßreform von doppeltem Interesse sein dürste. In den weitesten Volkskreisen besteht noch heute eine echt religiöst Scheu vor Ableistung eines Eides, der von Alters her als ein sehr efährlihes Beteuerungsmittel galt und früher nur in den seltensten ällen angewendet wurde; von diesem Gesihtspunkte erklärt auch die Stellungnahme des mosaishen -Rehts gegen das viele Schwören. Der Eid bedeutete ursprüncklich eine Selbstverfluchung für den Fall der Unwahrheit, und die Strafe für den Meinetd sollte jeden treffen, der objektiv die Unwahrheit gesagt hatte, ganz gleick, ob dies vorsäßlich oder niht vorsäßlih gesehen war, denn d feine Unterscheidung zwishen fahrlässigem und Üüberhavypt nicht ver \huldetem Falsheid gehört einer viel späteren Zeit an. Auch in unserm modernen Volksglauben lassen sich noch Jahrtausende alie Anschauungen über Meineid und Eid, beides Ueberbleibsel einer längst vergangenen Periode mystishen Rechts, nahweisen. Erf fürzlih weigerte fh in Caffel eine Frau, die wegen Sittlichkeits- verbrehens angeklagt war, den thr auferlegten Eid zu leisten, inden sie als Grund dafür angab, daß fie Mutterfreuden entgegen Gerade der Volksglaube, daß eine in gesegneten Umstänten befindlit Frau niht \{chwören solle, ist sowobl in Deutschland als auch ander wärts noch weit verbreitet. Strackerjan berihtet in seinem Bud: Aberglaube und Sagen aus dem Großherzogtum Oldenbul(/

| wieder eingestellt.

daß dort der Aberglaube herrsche, daß sonst das erwartete Kind

„viel auf dem Gericht liegen“ müsse. Auch in Et NTA foll ih eine s{chwangere Frau hüten, vor Gerit zu gehen oder zu \chwören, „sonst hat das zu erwartende Kind viel gerihtliche Händel im Leben“. Bei den jüdischen Fraven und in Galizien gilt das Schwören in gesegneten Umständen als eine große Sünde, und in Dänemark soll nach dänishem Prozeßrecht einer s{wangeren Frau kein Eid abverlangt werden; au in Rumänien und in der Bukowina ist der gleihe Glaube bekannt. Daß er auch in den verschiedensten Gegenden Deutschlands noch heute verbreitet ist, beweisen die ab und U Eidesverweigerungen vor Gericht bis in die neueste eit hinein.

Die Wiederherstellungs8arbeiten am Erehtheion auf der Akropolis von Athen werden nächstens abges{lofsen sein. Wie G. Caro im legten Hefte des Jahrbuchs des Deutschen Archäolo- gishen Instituts berichtet, sind {hon die Nordhalle, die ein- gestürzte Westwand und die Korenhalle aufgebaut und fast ganz aus den ursprünglihen Werkstücken ergänzt, die Süd- wand i} neu erstanden, die noch vorhandenen s{warzen Marmor- platten des Frieses sind an ihre Stelle gelegt. Nah Voll- endung dieser Arbeiten wird \sich der Arwbitekt Boalanos den EOS zuwer.den, an denen Hill und Wood wichtige neue Beobachtungen gemacht haben. Dur neugefundene Stücke läßt ih jeßt das Dach der Pinakothek als ein dreifahes Pultdach wieder- herstellen. Ueberrashende Ergebnisse hatte eine kleine, von Brückner und Sktas ausgeführte Grabung am Friedhof vor dem Dipylon. Die Grabbezirke einzelner vornehmer Familien wurden festgestellt, und dabei ergab si, daß sie säwtlih auf sehr viel höherem Unterbau aufs ragten, als man bisher annahm. Was bis jeßt hier als antiker Boden galt, ist später aufgetragen.

In der Galerie Eduard Schulte wird nächsten endes die Spitßweg-Ausstellung geschlossen. Ste erhielt in den leßten Tagen durch einige hêrvorragende Arbeiten weitere Ausdehnung. Gleichzeitig endigt auch die Ausstellung von August Seidel f, Eugòöne Burnand, G. A. Fijaestadt, Otto Hettner, Ch. W. Bartletl usw.

Land- und Forstwirtschaft.

Konferenz der deutschen landwirtschaftlichen Berufs- genossenschaften zu Parma ne vom19.bis22. September

Die Verhandlungen der Konferenz der deuishen landwirtscaft- lien Berufsgenossenshaften wurden am 19. September im Kaisersaal zu Darmstadt eröffnet. Zum Vorsitenden wurde der Großherzogliche Geheime Regierungsrat Bichmann gewählt, der die zahlrei ershienenen Teilnehmer sowie die Vertreter der Großherzoglihen Ministerien und der übrigen Behörden im Namen der land- und forstwirtschaftlihen Berufsgenossenschaft für das Großherzogtum Hessen willkommen hieß. Namens des Großherzoglichen inisteriums des Innern begrüßte der Ministerialrat Dr. Usinger die Konferenz in längerer Ansprache, ebenso namens der städtishen Körperschaften der Beigeordnete Etkezrt. Alsdann wurde in die Tagesordnung eingetreten.

Zu dem 1. Punft: „Stellungnahme zu den bekannt ge- wordenen Grundzügen für die Abänderung der Organi- sation, des Verfahrens und des JInstanzenweges in Arbeiterversiherungssahen" erstattete der Landesrat Nötel- Posen einen Bericht, der mit dem Antrage \{loß:

Die in Darmstadt versammelten Vertreter der deutschen land- wirts{haftlihen Berufsgenossenschaften erklären :

„Die in den Nummern 20, 24 und 36 des „Zentralblattes für das deutsche Baugewerbe“ veröffentlihten Grundzüge für die Ab- änderung der Arbeiterversiherung8geseßze bieten in zahlreichen grundlegenden und besonders wichtigen Bestimmungen keine serianete Grundlage für die Umgestaltung des Unfallver-

cherungsrechts. Das Reichsamt des Innern is entsprechend dem in der vorjährigen Konferenz der deutschen landwirts(aftlichen Berufsgenossen\shaften gefaßten Beschluß wiederholt zu bitten, Ver- treter der Kranken-, Unfall- und Invalidenversiherungsorganisationen mit beratender Stimme zur Abfassung des Entrourfs eines neuen Arbeiterversiherungsgesezes, also vor Abgabe an die geseßgebenden Körperschaften, zuzuziehen und ven Entwurf möglichst frühzeitig zu veröffentlichen.“

Die sih an den Bericht ankaüpfende Erörterung ergab allseitige Nimiaung zu dem Standpunkte des Berichterstaiters, der von der

ersammlung ersucht wurde, scinen Vortrag in ungekürztem Wortlaut möglichst bald und noch vor der Drucklegung des Protokolls zu ver- öffentlihen. Bei der Abstimmung wurde der gestellte Antrag ein- stimmig angenommen. ;

Punkt 2: „Zusammenschluß der landwirtschaftlihen Berufsgenossenshaften und der in demselben Bezirk ansässigen Organe der gewerblihen Beruf3genossen-

chaften zu einer freien Vereinigung bebufs Wahr- nehmung gemeinsamer Interessen“ wurde von dem Geheimen Regierungs- und Landesrat Kehl-Düsseldorf behandelt. Gr teile im wesentlihen mit, daß im Rheinlande die berufsgenofsenshaftlien Verwaltungen damit vorgegangen seien, sich zwecks Wahrnehmung gemeinsamer ör1lliher Interessen zu einer freien Vereinigung zusammenzuschließen. Die Vereinigung bezweckt den Austausch von Erfahrungen über das Heilver- fahren, besonders auch in der Wartezeit, über die Ent- \chädigungsfeststellung, über die Ueberwahung der“ Rentenempfänger und die dabei hervorgetretenen Uebelstände, über ärztliche Behandlung, Begutachtung, Honorarhöhe, künftige Ausbildung der Aerzte in der Unfallheilkunde und sozialen Medizin, Einrichtung der Heil- anstalten usw., über Fragen der Unfallverhütung und Betriebsüber- wachung, den Abschluß von Verträgen und Abmachungen, insbesondere mit Aerzten, Krankenhäusern, Bandagisten, Krankenkassen usw., bezüg- lich der gemeinschaftliGen Vertretung vor den Schiedsgerichten, sowie über die Schaffung von Einrichtungen für die Aus - und Fortbildung der für die Berufsgenofsenshaften tätigen Personen. Die ih anshließende Bespreßung erstreckte sti nomentlich auf die Erweiterung der von einer folchen freien Vereinigung anzu- strebenden Ziele, ferner auf die Einbeziehung anderer Versicherungs- träger (Krankenkassen, Landesversiherungsanstalten) und auf den Kosten- punkt. Im Anschlusse daran wurde die ständige Kommission der deutschen landwirtshaftlihen Becufsgenofsenshaften ersucht, mit dem ges{chäftsführenden Aus\ch2ß der gewerblihen Berufsgenofsenshaften nähere Fühlung zu nehmen behufs gemeinsamen Vorgehens der land- wirtschaftlihen und der gewerblihen Berufsgenofsenschaften in der Frage der Reform der Arbeiterversiherung8gesetze.

Punkt 3 der Tagesordnung betraf die Gründe für die Zu- nahme der Rentenlast bei den landwirtschaftlihen Wes rufsgenossenshaften und die neuere Entwicklung der Rentenlast. Berichterstatter waren der Oberregterungsrat Stamer-Reutlingen und der Landesrat Dr. Schröder - Cassel. Man war sich datin einig, daß der sogenannte Beharrungs- zustand in der Entschädigungsleiftung noch lange nicht zu erwarten sei, wenngleich in den leßten Jahren gewisse Schwankungen in der Steigeruná der Lasten hervorgetreten seten. Diese Erscheinung sei im Stein wohl auf die in derselben Zeit allgemein tinsezende stärkere Anwendung der Mittel zurückzuführen, die sih als geeignet erwiesen haben, die Zunahme der Rentenlasten in den engsten Grenzen zu halten. Als jolhe Mittel kämen neben der Dur@fährung der Unfallverhütung vorzugsweise in Betracht ein intensives Eingreifen in die Heilbehandlung der Unfallverleßten wäh- rend der exsten 13 Wochen nah dem Unfall und späterhin die um- fafsende Kontrollrevision der Unfallrentenempfänger.

Punkt 4 der Tagesordnung betraf das Thema: „Begriff und Umfang des Heilverfahrens nah dem E lihen:Unfallversiherungsgeseß, insbesondere die Nach- behandlung und die erneute ärztli*he Behandlung Unfallverleßter nach Abschluß der Hauptbehandlung“.

Berichterstatter waren der Geheime Regierungs- und Landesrat Kehl, Düsseldorf, und Dr. Lossen, Befiger und Leiter der Darmstädter Ernst Ludwigs-Heilanstalt. Es wurde für zweckmäßig erklärt, dem Heilverfahren bet seiner Beendigung einen gewissen formellen Abschluß durch Benachrichtigung der Verletßzten zu geben; im übrigen wurde die besondere Bedeutung dargelegt, welche die sofortige und in geektgneter Art einseßende Heilbehandlung der Unfallverleßten nah den Er- fahrungen der Praxis erlangt hat.

Der 5, Punkt der Tagesordnung, die Frage: „J die Auf- fassung des Reihsversiherungsamts, daß der Verlegtzte nicht verpflichtet ist, eine Operation an sich vornehmen zu lassen, vom rechtlichen und ärztlihen Standpunkte aus gegenüber der abweichenden Anshauung des Reichs-

erichts haltbar?“ wurde von dem Geheimen Oberregierungsrat

ung- Karlsruhe in verneinendem Sinne erörtert; Geheimer Res gierungsrat Radtke vom Reichsversiherungsamt verteidigte die Stellungnahme des Reichsversiherungsamts in dieser Frage.

Der nächste 6. Punkt der Tagesordnung wurde von dem Landesrat Nôöôtel- Posen behandelt, der die vershledenen Mittel und Wege erörterte, wie im einzelnen den in der Praxis vielfah hervortretenden Schwierigkeiten in der vollständigen und richtigen Erfassung der Beitragspflichtigen abzuhelfen set.

Zu Punkt 7 erörterte Landesrat Dr. Schr öder - Cassel die Be - deutung des bankmäßigen Ueberweisungs- und Sche ck- As für die landwirtschaftlichen Berufsgenossen-

aften.

Dann folgte ein Referat des Geheimen Oberregierungsrats Jung - Karlsruhe über die Stellungnahme der landwirtschaft- lihen Berufsgenossenschaften zur Aufhebung des $ 25 des Statuts der Schmiede eren efser\alk die eine NRüccküberweisung der bisher bei leßterer Genofsenschaft versichert gewesenen landwirt schaft- lihen Kleinbetriebe an die landwirtshaftlihe Berufs- genossenschaft bezweckt. Ueber die Gründe für diesen Beschluß gaben der Vorsißende des Vorstands der Schmiedeberufsgenossenschaft Cyrus ¡und der Geschäftsführer Dr. Grundmann Auskunft. Die Konferenz beschloß, die Negelung der aus dem Beschlufse ter Genossenschaftsver- fammlung der Schmiedeberufsgenofsenshaft voth 27. Mai 1908 #ch ergebenden Fragen, insbesondere auch die Festsezung des Zeitpunkts, zu dem der Uebergang der Betriebe und der darauf ruhenden Unfall- [lasten stattfinden joll, der ständigen Kommission der deutshen land- wirtschaftlihen Berufsgenossenshaften zur Vereinbarung mit der Schmiedeberufsgenossenshaft zu überweisen.

Ueber „Maßnahmen zur Durchführung der land- und forstwirtshaftlihen Unfallverhütun g“ berihtete der Landesrat tel-Posen. Das Reichsversicherungsamt wird die landwirischaft- lihen Berufegenofsenschaften, die tehnishe Auffihtsbeamte haben, voraussihtlich im Dezember d. J. zu einer besonderen Besprechung der einschlägigen Fragen einladen.

Die von Landesrat Dr. Schröter-Breslau behandelte Frage : „Ist das Honorar des Arztes, welcher von der Berufs- genossenshaft unmittelbar mit der Behandlung eines Unfallverleßten betraut worden ist, als Entschädigung im n e des $ 103 L.-U.-V.-G. anzusehen?" wurde verneint. «

Ueber „die Beschlüsse der landwirtshaftlihen und gewerblichen Berufsgenofssenschaften zu den Vorschlägen des Reichsversiche- rungs8amts betreffs der Abgabe von Unfallasten bei der Ueberweisung von Nebenbetrieben®“ berihtete Landesrat Nötel-Posen. Diesen Vorschlägen sind nunmehr sämtliche landwirt- [ae erufsgenofsenshaften beigetreten. ;

Ueber die „Anhörung des behandelnden Arztes nach S 75 Absatz 3 L.-U.-V.-G., wenn der behandelnde Arzt zu der Berufegenossenschaft in einem Vertragsverhältnisse steht“, verbreitete sich Landesrat Dr. Schröder -Cafsel unter be- fonderer Behandlung der dieser Bestimmung in neuerer Zeit vom Reichsversicherung2amt gegebenen Autlegung.

Nach einer Reihe ges{häftliher Mitteilungen seitens des Vor- fißenden der ständigen Kommission, Landesrats Nötel-Posen, und Ab- stattung des Dankes an die landwirtshaftlihe Berufsgenossenschaft ras Großherzogtum Hessen als Gastgeberin wurde die Tagung geschlossen.

Gesundheitswesen, Tierkrankheiten und Absperrungs- maßregeln.

In Berlin wurden gestern S wie „W. T. B." be- richtet, durch den Kreisarzt Dr. Hüttig in der im 4. Stockwerk des Vorderhauses Kniprodestraße 116 belegenen Wohnung des Architekten Nobert Otto bei einem fünf Monate alten Kinde Hans Mund echte Pocken festgestelt und das Kind mit ter Mutter, Frau Martha Mund, geborenen Otto, dem Virchow - Krankens- hause überwiesen. Mutter und Kind find, von Brasilten kommend, am 3. d. M. zugereist und haben bis zum 15. d. M. im Arbeiterinnen- heim in der Verfsöhnungs-Privatstraße gewohnt. Alle Vorsichts- maßnahmen sind getroffen, und die Familie Otto ist in ihrer Woh- nung vorläufig isoliert worden. Eine Zwangsimpfung ist heute vor- mittag bereits erfolgt.

St. Petersburg, 24. September. (W. T. B.) Die Cholera- statistik weist heute 354 Neuerkrankungen und 172 Todesfälle auf. Die Gesamtzahl der Erkrankten beträgt 1705.

Port Said, 24. September. (W. T. B.) Hier ist ein Pest- fall festgestellt worden.

Verkehrsanfstalten.

In Waterberg (Deutsh-Südwestafrika) is eine Postanstalt wieder eingerihtet worden, deren Tätigkeit sih auf die Annahme und Ausgabe von gewöhnlichen und eingeshriebenen Briefsendungen sowie im Verkehr innerhalb des Schutzgebiets und mit Deutschland auf den Postanweisungs- und den Nachnahmedtenst erstreckt.

__ Vom 1. Oltober ab werden im Postanweisungsverkehr mit British-Indien, Canada, Hongkong, der portus- giesischen Kolonie Macao und Tianätaal auf Verlangen E Meer Auszahlungsscheine gegen eine Gebühr von 20 4 aus- gestellt.

Im Vakehr mit Britisch-Somaliland (Segetiei) find von jeßt av Briefe mit Wertangabe bis zum Höchstbetrage von 2400 6 zulässig.

Laut Telegramm aus Saßniy is die Post aus Schweden, die heute voimittag 11 Uhr in Berlin fällig war, infolge von Zug- verspätung in S@weden ausgeblieben.

Theater und Musik,

Königlihes Opernl/haus.

Mozarts komische Oper , Figaros Hochzeit" erlebte gestern ihre 500. Aufführung auf der Königlihen Bühne. Zum Teil neu und stimmungsvoll in Szene geseßt und auch im übrigen \orgfältig vorbereitet, mahte die Aufführung, die als Lodbuntiifonmene Hauptneuerung die von. Levi wiederhergestellten Seccorezitative an Stelle des früher gesprochenen Dialogs brachte, als Ganzes einen ubert vorteilhasten Eindruck. Eine feine Abtönurg der Gesamtwirkung, ein verständnisvolles Eingehen auf den Stil Mozartscher Kunst und die ebenso lebendige wie präzise und musikalisch feinfühlige Handhabung des Orchesters durch Herrn Kapellmeister Blech waren die Hauptvorzüge. Man hatte mit Recht auf manche allgemein üblich O antertertheiten in Gesang und Darstellung verzihtet. So erlebte man denn gestern ein echtes

künstlerishes Ereignis, troß manher Einwéndungen, die man gegen den Darsteller des Figaro, Herrn Griéwo!d, mahen muß. Die \{öône Stimme allein reiht doch hier niht aus; für diese lebersprühende igur bedarf es eines beweglihen Temperaments und eines gewandten piels. Auch ört bei Herrn Griswold die mangelhafte Aussprache des Deutschen hier ganz besonders. Die Gräfin sang für das erkrankte räulein Destinn etn bekannter Gaft, s Johanna Gadski vom etropolitan Operahouse in New York, mit besonders im Piano wohlklingender Stimme und kluger Unterordnung unter den Geist der Gesamtaufführung. ee Hoffmann als Almaviva, Fräulein Wur als Susanne, Fräulein Rothauser als Cherubin, Frau von Scheele-Müller als Marzelline, Herr Bahmann als Bartolo, Herr Lieban als Basilio, Herr Philipp als Richter, Herr Krasa als Gärtner und Fräulein Lindemann als. Lärbchen boten alle im erwähnten Sinne vorzügliche, zum Teil ja bereits vorteilhaft bekannte Fu e sodaß der reie Beifall des Hauses im vollsten Maße gerechtfertigt war.

Neues Theater.

Das Neue Theater erzielte mit dex gestrigen Erstaufführung eines aus Amerika bezogenen Stückes einen Erfol , der pon einiger Dauer- zu sein verspriht. „Wahrheit“ nennt sich dieses vieraktige Lustspiel von Clyde Fitch, das Berta Pogson für die deutsche Bühne bearbeitet hat. Unwillkürlih wird man dabei ein wenig an Ibse:8 „Nora“ erinnert; ein Puppenheim ist es, in dem Becky, Tom Warders niedlihes Frauchen, auf ihre Art shaltet und waltet. Aber zum Unter- \{chied von Nora will sie von ihrem Mann gar nicht ernft genommen werden, und ihre Neigung zu kleinen Flunkereien soll er verstehen, vergeben und sich mit der Sao tas begnügen, daß sie ihn wahrhaft liebt. Aber diese Flunkereten bringen sie in eine böse Lage. Eine verhetratete De ist auf sie eifersüchtig R weil sie in Erfahrung ge- rat hat, daß ihr Gatte mit Becky allzuhäufig zusammentrifft. Sie macht Tom Warder darauf aufmerksam, und Becky verstrickt fh, von ihm zur Rede gestellt, mutwilllg in ein Lügengewebe, das mit Ret den Verdaht des gutmütigen Tom stark erregt. Man trennt sich, und Becky reist zu Mie Vater. Dieser, ein alter Tagedieb, der von einer von Tom ihm ausgesezten Leibrente lebt, ist von der Ankunft der Tochter wenig erbaut und beschließt, da er den Verlust der Rente befürhtet, das junge Paar wieder zusammen- zubringen. Er telegraphiert an Tom, daß Becky ein Unfall zugestoßen sel. Becky aber weigert s\ch, in der von threm Vater in Szene geseßten Komödie die ihr zugedahte Rolle zu über- nehmen, fie gesteht vielmehr ihrem inzwishen voll Besorgnis herbeigeeilten Gatten reumütig ihr Unreht ein, und dieser nimmt sie denn auch verzeihend in seine Arme. Auf tiefere Wirkungen geht das Stück nicht aus, aber es ist in der Charakterzeihnung nicht übel geraten und von harmloser Unterhaltsamkeit. Seine Wirkung be- ruht hauptsählich auf dem Spiel der Darstellerin der Bey. Meta Jäger, die Jnhaberin der Rolle, war ihrer Aufgabe vollauf gewachsen. Das spielerische Wesen der jungen Frau traf É meisterlih, ließ aber auch stets die bessere und tiefere Seite des Charakters durhblicken. Ihr Mann wurde von Herrn Christians, das andere Ehepaar von Herrn Schroth und Fräulein Reimann angemessen verkörpert. Eine köstlihe Charge bot Herr Schmidthäßler als Vater Beckys, und Rosa Valetti zeichnete eine verliebte Zimmervermieterin mit vollsaftigem oe, hd geschmackvoll hatte William Wauer das Lustspiel in zene geseßt. á

Morgen, Sonnabend, findet im Königlichen Opernhause eine Aufführung der großen historishen Pantomime „Sardanapal“ in der bekannten Beseßung statt. Musikalische Leitung: Dr. Begsl.

Im Königlihen Schauspielhause wird morgen Shake- speares „Hamlet“ aufgeführt. Die Titelrolle spielt zum ersten Male Herr Lindner, in den anderen a rouen sind die Herren Vollmer,

ohl, Geisendörfer, Boetther, Kraußneck, Mannstädt, Müller, Eich- holz und die Damen Meyer und Refsel, als Gast, beschäftigt.

Bei der am Dienstag, Mittags 1 Uhr, im Deutschen Theater stattfindenden Ged ächtnisfeier für Adolph L’Arronge wird der Intendant des Stuttgarter Hoftheaters Freiherr zu Putliß die Gedähtnisansprahe halten und Professor Siegs wart Friedmann, der Mitbegründer und ehemalige Sozietär des eutsGen Theaters, einen von Ludwig Fulda ver- tajien Prolog sprehen. Im musikalischen Teil der eter wirken mit: die Königlihe Sängerin Frau Thila Plaichinger, Pro- fessor Heinrich Grünfeld, Professor Oskar Bie und der Pianist Curt Bake. Eintrittskarten zu dieser Feier sind im Bureau des Deutschen Theaters unentgeltlih zu haben.

Mannigfaltiges.

Berlin, 2. September 1908.

In den reich und geschmackvoll geschmüdckten Festsälen des Zoo- logishen Gartens fand gestern abend das Festbankett der Presse für die Teilnehmer am 12. Internationalen Pressekongreß statt. Nachdem der Vorsißende des Berliner Arbeitsaus\husses Shweitzer das Hoh auf Seine Majestät den Kaiser und König und die Souveräne und Staatsoberhäupter der anderen auf dem Kongresse ver- tretenen Länder ausgebracht hatte, nahm der Staat?- und Finanzminister Freiherr von Rheinbaben das Wort zu etner Ansprache, in der er etwa folgendes ausführte: „Wenn der Finanzminister das Wort ergreift, findet er immer eine gewisse Aufmerksamkeit, aber die Auf- merksamkeit [öst sich meist in die mit stillem Grauen gestellte Frage auf: was kostet das? Deshalb i} es begreiflich, daß in den Be- ziehungen zwischen Bresse und Finanzminister der Finanzminister mehr das leidende Objekt als das beglückte Subjekt bildet. Aber heute will ich die Gemüter beruhigen und sagen: es kostet nichts. Ih habe Jhnen dann zunähst im Namen meiner Minifsterkollegen für die freundlihe Einladung zu Ihrem Kongresse und Ihren Festen zu danken. Eine der hervorragendsten Tätigkeiten des Finanzministers besteht in dem Abtragen von Schulden, und es drängt mich, die Dankeéshuld abzutragen, die wir bei Ihnen für Ihre Einladung haben. Ich habe Ihnen weiter die Grüße des Neichskanzlers zu übermitteln, der es sich nicht versagen kann, namentlich den ausländishen Journalisten, ehe sie wieder in ihre Heimat zurückehren, noch einmal seine Sympathien auszudrücken. Und dann lassen Sie mich meiner Bewunderung Ausdruck geben für Ihren Präsidenten Singer, der mit unermüdlichem Eifer und unvergleichlicher Unparteilichkeit Ihre Verhandlungen leitet, und für den Vorsitzenden Ihres Arbeitsausshufses Herrn Schweißer, der seit Monaten tälig gewesen ist, um diese \chöne Ver- anstaltung in würdiger Weise zustande zu bringen. Die Geschichte der enen Jahrzehnte ift eine Geschichte der regsten Verkehrsentwicklung. Obwohl aber der Verkehr die Völker einander ständig näher bringt, sehen wir den ansheinenden Widerspruch, daß die Nationalitäten stärker wie früher ihre Eigenart betonen und auf deren Wahrung bedacht find. Deshalb werden auch die Ausländer es hoffentlich verstehen, wenn die deutshe Nation auf ihre Eigenart stolz is. Die Presie hat die {chône Aufgabe, was an Fortschritten der Kultur und Menschs lichkeit geleistet wird, dem Volke zu vermitteln, alles was in der Studierstube in Literatur und in Kunst Großes erzeugt wird, in täg- lihe Münze umzuseßen. Bet dieser hohen Aufgabe sollte ihr die alte Negel, bei dem Mitmenshen nur Gutes, niht Schhlehtes voraus- zusetzen, zur Nichtshnur dienen, auch in dem Verkehr von Nation zu Nation.“ Der Redner {loß mit dem Wunsche, daß die ausländischen Gäste, von der Aufnahme in Berlin befriedigt, niht sagen mölhten : zum ersten und zum leßten Male, sondern zum ersten Male und auf Mais us! und brachte ein Hoh auf den 12. Internationalen Presse- ongrey aus. :

Im weiteren Verlauf des Festmahles toasteten der Chefredakteur Vollrath - Berlin auf die Association de la presse inter- nationale, ber Kongreßpräfident Singer auf sämtliche an dem Kongreß beteiligten Journalistenvereinigungen. Im Namen der aus9- ländishen Gäste dankte der Direktor des „Temps“ M. Höbrard; end- lih dankte der Redakteur Schütze - Berlin dem Finanzaus\{huß.