1908 / 239 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

. verfassungsgesezes, einer Strafprozeßordnung und eines zu

beiden een gehörenden Sin BIeur ee tes sowie der Ueberweisung der Vorlage wegen des Erlasses von Bestim- mungen über den Betrieb der Anlagen der Großindustrie und einiger anderer Vorlagen an die zuständigen L erklärte die Versammlung sich einverstanden. Demnächst wurde über die Besezung von Ratsstellen beim Reichsgerichte, die Besezung von Mitgliedstellen beim Reichsversicherungsamt, die A eines Mitgliedes des Beirats für Arbeiterstatistik, die Wahl eines Mitgliedes der Disziplinarkammer für elsaß- lothringishe Landesbeamte in Straßburg, über die Festsegung des Ruhegehalts von Reichsbeamten und über verschiedene Ein-

gaben Beschluß gefaßt.

Das Königliche Staatsministerium trat heute zu einer Sißung zusammen.

Laut Meldung des „W. T. B.“ ist S. M. S. „Niobe“ vorgestern in Amoy eingetroffen. : ;

S. M. S. „Charlotte“ ist am 6. Oktober in Prince Ruperts-Bay auf Dominica (Kleine Antillen) eingetroffen und geht übermorgen von dort nah Santiago de Cuba in See.

Jn der Ersten Beilage zur heutigen Nummer des „Reichs- und Staatsanzeigers“ wird eine Zusammenstellung der Berichte von deutschen Fruhtmärften für den Monat September 1908 veröffentlicht.

Oesterreich-Ungarn.

Gestern sind die Delegationen in Budapest zusammen- getreten und Nachmittags in der Ofener Hofburg durch den Kaiser und König feierlih empfangen worden. Der Prâä- sident der österreichishen Delegation Madeyski hob, „W.T.B.“ zufolge, in seiner Ansprache an den Kaiser hervor, daß die Delegation mit patriotisher Genugtuung den Aller- höchsten Willensentschluß begrüße, die monarqhischen Souveränitätsrehte auf Bosnien und die Herzegowina auszudehnen. Sie erblicke darin die Bürgschaft dafür, daß die dreißigjährige, mit {weren Opfern in diesen Gebieten geleistete Kulturarbeit diese Länder einer gedeih- lihen Entwicklung zuführen und dadurch auch zur Kräftigung der Monarchie beitragen werde. Der Präsident gedachte alsdann des von der ganzen Kulturwelt gefeierten Jubiläums der glor- reichen Regierung des Monarchen und betonte die Notwendig- keit der Ausgestaltung der Armee, um der Monarchie im System der Staatenbündnisse diejenige achtunggebietende Stellung zu sichern, auf der eine der wesentlihsten Bürg- schaften des Friedens beruhe. Er {loß mit dem Ausdruck der Huldigung und heißer Segenswünsche für den Monarchen.

n E mitarung auf die Rede Madeyskis, die mit ‘brausenden Hochrufen aufgenommen wurde, sagte der Kaiser:

Die Versicherungen treuer Ergebenheit an meine Person, die Sie eben zum Ausdruck gebracht haben, erfüllen mich mit lebhafter Befriedigung und warmem Darke. Der Zusammentritt der Dele- gationen erfolgt diesmal gleichzeitig mit einem Ereignisse, das die Sicherung des gegenwärtigen Besißstandes der Monarchie bedeutet, indem das Band, das Bosnien und die Herzegowina seit dreißig Jahren mit ihr verbindet, zu einem unauflöslihen geworden ist. Die rastlosen und erfolgreichen Bemühungen meiner Regierung haben in di-sen Ländern einen so erfreulichen kulturellen Fortschritt gezeitigt, daß die Bevölkerung nunmehr mit Nußen zur Mitwirkung an den Landesangelegenheiten herangezogen und die Schaffung von ihren Bedücfnifsen entsprechenden verfassungsmäßigen Einrichtungen in Angriff genommen werden kann. Dies ist jedoch nur möglich, wenn, entsprechend dem faktishen Zustande, eine klare und un¡weideutige Rechtsstellung für beide Länder geschaffen wird. Nur so kann daselbst unter den gegenwärtigen Verhältnissen eine Stabilität

ewährleistet werden, die als ein europäisches Interesse anerkannt ist. Durch die Zurückziehung meiner Truppen aus dem Sandschak Novyi- bazar wird zugleich der unumstößlihe Beweis erbraht, daß unsere Politik kcine territorialen Erwerbungen über den jeßigen Besiy hinaus anstrebt. Es ist zu hoffen, daß dieser zugunsten der Lürkei erfolgende Verzicht in Konstantinopel in freundschaftliGer Weise gewürdigt werden und unseren künftigen Beziehungen zustatten kommen wird. Die weitere Gntwicklung im Ottomanishen Reihe nach dem durhgreifenden Umschwung, der daselbst vor sich gegangen ist, ver- folgen wir mit den besten Wünschen für die Konfolidierung und Kräftigung dieses Staates fowie für die dauernde Befriedung jener Gebiete, die in den lezten Jahren von Unruhen heimgesucht waren. Die Mächte, durhweg von friedlihen Absichten erfüllt, bestreben sich, die SHhwierigkeiten, von denen die allgemeine europäishe Situation no nit frei ist, im gegenseitigen Ginvernehmen zu mildern und zu beheben. Dank unseren Bündnifsen mit Deutschland und Jtalien und unseren freundschaftlihen Beziehungen zu den übrigen Mächten vermag Oesterreih-Ungarn hervorragend an der Aufrehterbaltung des Friedens mitzuwirken. Diese Aufgabe, die der Lage der Monarchie in Europa und ihren Traditicnen entspricht, kann sie nur dann wirksam er- füllen, wenn sie mältig und gerüstet ist. Vertrauend, daß Sie die Anforderungen meiner Wehrmaht zu Lande und zur See in diesem Geisie prüfen und von patriotisher Einsicht und Opferwilligkeit ge- [eitet seiæ werden, heiße ich Sie herzlih willkommen.

Graf Theodor Zichy rihtete als Präsident der unga- rishen Delegation bei dem Empfang in der Hofburg an den König eine Ansprache, in der er bezüglih Bosniens jagte:

Indem Bosnien und der Herzegowina die verfassungsmäßige Autonomie gewährt wird, haben Eure Maj-stät aus Allerhöhstem Entschlusse mit Rücksicht auf die alten Bande, die Eurer Majestät glorreihe Vorfahren auf dem ungarischen Throne an diese Länder knüpften, Ihre Souveränität ausgedehnt. Wir fühlen und wissen, welhe Verantwortung bei Feststellung der gemeinsamen Ausgaben unter den obwaltenden Umständen unfere Delegation trifft.

In dem Ausshuß für die auswärtigen Angelegenheiten der österreihishen Delegation, der gestern nahmittag usammengetreten ist, nahm der Minister . des Auswärtigen Freiherr von Aehrenthal das Wort wu einem Exposó, in dessen Eingang er an die im Sommer d. J. in der Türkei ausgebrochene Bewegung zum Zweck der Wiedereinführung der Verfassung erinnerte, wodurh die Reformbestre- bungen der ächte im ottomanishen Reih zu einem vorläufigen Abschluß gebraht worden seien. Der Minister führte dann, nah dem Bericht des „W. T. B.“, weiter aus:

In dieser Pri@t fonnte alsbald eine vollftändige Ueberein- timmung aller MäSte in zwei Richtungen konstatiert werden : Erstens, daß vorläufig alle weiteren Reformvorshläge zurückzustellen seien, zweitens, daß gegenüber der künftigen Entwicklung der Dinge in der Türkei die Haltung wohlwollenden Abwartens einzunehmen sei. Man fkönnte in puncto Reformen von einer Ruhepause

sprehen. Es muß beobachtet werden, wie sich die Wieder- Mibéuna der Wers ung im allgemeinen bewähren und auf die speziellen Verhältnisse der drei Wilajets zurückwirken wird. Bis dahin hielten. wir es für ¡weckmäßig, unsere Reform- offiziere zu beurlauben, und wir haben die Türkei hiervon unter Be- tonung des Umstandes in Kenntnis gesetzt, daß diese Verfügung aus-

\chließlih von denselben Gesinnungen eingegeben worden ist, die uns -

im allgemeinen dazu bestimmt haben, uns den neuen Verhältnifsen gegenüber sympathisch zu verhalten. Dieses unser Verhalten gründet [uy auf die mmte Hoffnung, daß die neue Aera in der Türkei eine

erjüngung und Kräftigung dieses Staatswesens herbeiführen wird. Oesterreih-Ungarn als angrenzende und demnach in ihren Interessen am meisten berührte Macht wünscht dieses aufrichtig aus egoistishen Gründen. Eine Türkei mit einer besseren Verwaltung und stabileren Verhält- nissen, als dies noch vor kurzem der Fall war, wäre für uns ein be- quemerer Nachbar als die Türkei von gestern, wo ein jahrelanger Bürgerkrieg die Mächte zur Intervention genötigt hatte. Der bis- berige Verlauf der Umwälzung berehtigt zu einer zuversihtlichen Beurteilung. Die führenden Elemente der neuen politischen Aera beweisen eine anerkennenswerte Mäßigung und Klugheit. Diese wird dem verjüngten Reiche umsomehr zugute kommen, als auch die neue Türkei auf das Wohlwollen und die freundschaftlihe Unterstüßung der Mächte angewiesen ift. Einer solhen wird sie sch auch unserer- seits um so siherer zu erfreuen haben, je mehr fie eine freundschaft- lihe Haltung uns gegenüber an den Tag legen und unseren berehtigten Interessen Nehnung tragen wird.

Wir befinden uns im Einvernehmen nicht nur mit unseren Verbündeten, Deutsland und Italien, sondern auch mit anderen Mächten, in erster nie mit Rußland, mit dem wir seit 1897 in fort- geseßter enger Verbindung bezügli der Balkanangelegenhbeiten standen und au heuie noch stehen. Die in der öffentlihen Meinung Nuß- lands durch die Ankündigung unseres Schrittes in Konstantinopel behufs Anschlusses des bosnischen Eisenbahnnezes an das türkische entstandene Erregung hat sich gelegt. Irrtümlicher- weise war dort der Glaube verbreitet und dieser Glaube wurde von denjenigen Stellen, denen das Zusammengehen Oester- reih-Ungarns und Rußlands ein Dorn im Auge ist, genährt —, daß wir unszum Erlangung eines verkehrspolitishen und allgemein wirkt- \haftliGen Monopols in der westlichen Hälfte der Balkanhalbinsel bewerben und diesbezüglih von der Regierung des Sultans Garantien verlangen. Das ift ürs nie im Traum eingefallen. Tatsächlih sind wir die nächsten Nachbarn dieser Länder. Wir werden dort von felbft den uns gebührenden Play einnehmen. Eine Einschränkung der natürlichen Kon- kurrenz durch ein Monopol herbeiführen zu wollen, wäre eine kurz- sihtige Politik. Wir haben baber erklärt, daß wir jeder neuen Eisenbahn- linie in jenen Gebieten sympathisch gegenüberstehen, weil jede einen

orishritt in der Pacifizierung und Konsolidierung dieser wichtigen

rovinzen des ottomanishen Neihes bedeuten wird. Wir sind der Meinung, daß die Frage neuer Eisenbahnen und neuer Arschlüfse an Linien der Nachbarländer eine Angelegenheit sei, die aus\{ließlich die Türkei und eben ihre Nahbarländer angeht. Die Tracierung der Sandschakbahn ist abgeshlofsen und bedarf nun der Ueber- prüfung, damit der Finanzierung nahegetreten werden kann. Wir renen auf das Entgegenkommen auch des neuen Regimes in Konstantinopel. Bezüglich dieses Eisenbahnbaues werden wir ihm unser volles Vertrauen zuwenden und sind überzeugt, daß die Durch- führung der Bahn, welhe gleiGmäßig im Interesse Desterreich- Ungarns und der Türkei gelegen ist, nur eine Frage der Zeit sein kann. Auf ein gleiches freundshaftlihes Uebereinkommen mit Monte- negro rechnen wir bezüglich des Baues einer Anshlußlinie von Dal- matien durch montenegrinishes Litorale in der Richtung auf die Türkei.

Der Beiliner Vertrag hat der Monarchie gegenüber der Türkei zwei Spezialinteressen, eigentlich Spezialsituationen, zuerkannt: Das Mandat der unbe#Sete1t Verwaltung Bosniens und der Rtgpoina und das Mecht, im Sandschak von Novibazar

arnisonen zu halten, gewisse administrative Befugnisse aus- zuüben und in jenem Gebiete militärishèé und kommerzielle Straßen zu beseßen. Jn dreißigjähriger, raftloser Arbeit ist unsere Verwaltung der ihr gestellten Aufgabe gerecht geworden und hat in diesem gefährlihen Wetterwinkel Ruhe und Ordnung erhalten, das kulturelle und wirt- schaftliche Niveau der Bevölkerung gehoben und ein modern denkendes Geshlecht herangezogen. Nun if der Moment gekommen, aus diesen Ergebnissen unserer administrativen Tätigkeit die Konsequenzen zu ziehen, die Einwohnershaft an der Verwaltung teilnehmen zu lassen und die Gewährung von entsprehenden, verfaffungsmäßigen Einrichtungen für die beiden Provinzen ins Auge zu fassen. Diese würden für Bosnien und die Herzegowina einen Landtag vorsehen, der das Landesbudget zu bestimmen und die Ver- waltung des Landes zu kontrollieren hätte. Die mit bezug auf die staatsrechtlihen Verhältnisse der beiden Provinzen herrschende und von außen genährte Verwirrung in den Köpfen müßte aber höchst bedenklih erfletitei lafsen, eine solhe Neuerung einzuführen, bevor wir jeden Zweifel an der vollen Souveränität über das okkupierte Gebiet beseitigten. Wir haben uns daher entschlossen, in Konstantinopel zu erklären, M die Voraussetzungen der Konvention vom Jahre 1874, betreffend das Sandshak von Novibazar, niht mehr in allen Stücken zu Recht bestehen, und wir uns veranlaßt sehen, diese zu fündigen. Wir haben mit dieser Kündigung zum Ausdruck gebracht, daß wir angesiHts der neuen Verhältnifse in der Türkei gesonnen sind, unsere Earnisons- und sonftigen Rehte im Sandschak- gebiete fallen zu lafsen, indem wir uns der Aer gus hingeben, daß das verjüngte ottomanishe Reich die Siherung von Ruhe und Ord- nung im Sandschak nunmehr aus eigener Kraft zu verbürgen imstande sei. Gleichzeitig aber hat uns die unerläßlih gewordene Einführung verfassungémäßiger Einrichtungen in Bosnien in die Zwangslage ver- sett, die definitive Klärung der Frage der Zugehörigkeit Bos- niens und der Herzegowina in Angriff zu nehmen und das endgültige Aufgeben unserer aus Artikel 25 des Berliner Vertrages fließenden Rechte im Sandschak mit der formellen Annexion der beiden Provinzen auszugleichen. :

Indem wir dem Diktate eines durch die Ereignisse der lehten Monate hervorgerufenen kategorischen Imperativs folgen, verlassen wir jedo keineswegs den Boden des Berliner Vertrages. In den leßten O Jahren sind wiederholte und einshneidendere Aenderungen an den Bestimmungen dieses Vertrages sowohl ausdrücklih als still- \{chweigend vorgenommen worden. Der wesentlihe Zweck des Artikels 25 dieses Vertrages war, kurz gesagt, der, ftabile Zuftände in Bosnien und der Herzegowina zu schaffen, und zwar mit Hilfe einer Macht, die stark genug ift, um jede Auf- lehnung im Keime zu ersticken. Dies waren die Beweggründe, welche die englishen Staatsmänner Beaconéfield und Salisbury leiteten, als sie in Berlin das Okkupationsmandat für eere nan bean- tragten. Durch dieses Mandat ist ein Endpunkt des österreichis{- ungarischen Verwaltungsrechts weder direkt noch indirekt bezeichnet und konnte auch logischerweise deshalb nicht bezeihnet werden, weil mit dem Mandate eben etwas QDauerhaftes geschaffen werden sollte, Die Okkupation war bloß das Mittel, auf die Verwaltung durh den okkupierenden Staat wurde das Hauptgewicht gelegt. Gewiß lag eine weise Mäßigung darin, daß wir die natür- lihe Ausgestaltung dieses durch den Berliner Vertrag geschaffenen NVerhältnifses erst jeßt dreißig Jahre nah seinem Abschlusse und bloß unter dem Druck zwingender Umstände in die Hand ge- nommen baben. Nunmehr ift es aber nachgerade unerläßlih geworden, endlich Klarheit zu hafen, um die positive kulturelle und wirtshaft- lihe Arbeit unter der Teilnahme der Bevölkerung fruhtbringend fort- zusezen. Es war aber auch as pa geboten, Klarheit zu schaffen in unserem Verhältnisse zur Türkei sowohl was die Okkupationsländer als was den Sandschak betrifft. Clara pacta boni amici! Die gemeinsamen Garnisonen im Sandshak hatten ihre Aufgabe erfüllt, und wir hatten der Türkei durch dreißig Jahre geholfen, ihre terri- toriale Integrität in jenen Gegenden zu erhalten. Da wir aber, wie gesagt, nunmehr überzeugt find, daß die Türkei diefe Sorge allein zu tragen im Stande ist, mußte \sich die Frage auf- drängen, was für einen anderen Zweck unsere Garni- sonen am Lim sont haben könnten? Höchstens den,

der Legende von unserem Vormarshe nach dem Aegäishen Meere immer wieder neue Nahrung zuzuführen. Wenn aber jeßt die öfter. reihisch ungaris{en Truppen den Sandschak endgültig verlassen, ift dieg eine Tatsache, die auch Klarheit darüber verbreitet, wie wenig egoiftisch die Ziele unserer Orientpolitik sind. Sie führt den Balkanstaaten neuerdings drastisch vor Augen, daß die öôsterreihish-ungarishe Dana über das hinaus, was sie besitzt, keinen Territorialerwerb anstrebt.

Das Zurückziehen unserer Truppen aus dem Sandschak saft endlih die wünshenswerte Klarheit in den Verhältnissen Oesterreichs Ungarns zu den anderen Mächten. Die der Monarchie übertragene Spezialkommission, Wache zu stehen in Gegenden, wo nationale und religiôse Gegensäte eine gewittershwangere Atmosphäre schaffen, war keine leihte und keine angenehme. Wir sind ihr jedoch gerecht geworden, weil wir fie mit äußerster Diskretion aufgefaßt und durchgeführt haben. Troydem hat diese der Monarchie eingeräumte besondere Situation uns viel Neid und Miß- trauen eingetragen, denen wir uns künftighin nicht mehr aussetzen wollten. Wir haben das ungeklärte staatsrechtlichße Verhältnis der beiden Provinzen zur Türkei und unsere Sonderstellung im Szndschak durch dreißig Jahre wie zwei Gewichte an unserer orientalischen Politik mitgeshleppt. Nun wollen wir nah deren Entfernung dem ottomanishen Reiche gegenüber in die gleihe Linie wie die anderen Mächte einrücken, im Vereine mit diesen die Entwicklung der Türkei wohlwollend und freundshaftlih beobahten und uns an dem allmählichen Erstarken des neuen Regimes erfreuen. Wir werden mit einem Worte in unserer Orientpolitik weiterhin den europäishen Standpunkt einnehmen und jur Echaltung des Einvernehmens zwischen dcn Mächten mit allen Kräften beizutragen suchen. Falls dieses aber wider Erwarten auf die Dauer nicht erzielt werden könnte, würde es uns nunmehr möglich fein, uns, wenn auch not- gedrungen, auf unseren s\pezifisch österreihis(-ungarishen Stand- punkt zurückzuziehen. Wir hegen die Zuversicht, daß unseren Entschließungen in der Türkei der von uns beabsichtigte Sinn beigelegt werden wird, daß wir die Ursachen möglicher Neibungen rechtzeitig besetiigen, und daß die Kabinette die zwingenden Umstände, die unser Vorgehen bestimmt haben, ebenso werig verkennen werden wie die weise Mäßigung, von der sch unser Mona: hat leiten laffen, als er seine braven Truppen aus den Gegenden zurückderief, in denen

e auf Grund eines guten Rechtes eine für die Erhaltung der Nuhe m Orient so wichtige und erfolgreihe Rolle gespielt haben. Die Monarchie, die seit Jahren anerkanntermaßen als einer der Gruryrdpfeiler der europäischen Friedenspolitik gilt, hat Anspruch darauf, daß die von thr ergriffene Jnitiative keine Mißdeutung erfahre. Mit der Annexion und mit der Näumung des Sandschaks verfolgen wir lediglich ¡wei sehr naheliegente Ziele, nämlich Schuß unserer Inters efffsen und Abwendung der Gefahr, in die türkishen Angelegenheiten hineingezogen und von unserer Politik freundlißen Wohlwollens und der Beobachtung striktester Nichtintervention abgedrängt zu werden.

ch fann mit Befriedigung konstatieren, daß unsere Be- ziehungen zu allen Mächten die besten sind. Indem wir fest zu unseren, Verbündeten, Deutschland und Jtalien, stehen, tragen wir unentwegt zur Erhaltung des so notwendigen Friedens und des Gleihgewihts in Europa bei. Was insbesondere unser Verbältnis zu Italien betrifft, so seße ih, von meinem italienishen Kollegen loyal unterstüßt, mit Erfolg meine Bemühungen fort, die Juntimität unserer Beziehungen zu pflegen, die sih erfreuliherweise stets wärmer gestalten. Jh batte auch in diesem Jahre Gelegenheit, mih mit dem Minister Tittoni freunds@aftlich auszusprehen, wobei wir in der Lage waren, festzustellen, daß wir mit Genugtuung auf das bereits Grreichte zurüd- blicken und daraus Ermutigung {öpfen können, bei unserer Methode vertrauensvollen Zusammengehens.zu beharren. Das bereits bestehende Einvernehmen mit Italien ift in bezug auf den Balkan in ähnliter Weise auszestaltet worden, wie das Einvernehmen mit Rußland, sodaß man wohl von einer gleichen Auffaffung der drei Mächte über die dortize Lage zu sprechen berehtigt ist. Gleichzeitig unterhalten wir freundsaftlihe Beziehungen zu den andern Mächten. Ih habe bereits hervorgehoben, daß wir die im Vereine mit Nußland seit mehreren Jahren glücklih inaugurierte Politik fortsegen, in bezug auf Fragen des nabei Orients eine übereinftimmende Weise des Vor- gebens einzuhalten. Wir sind mit Rußland insbesondere au darüber einig, daß wir das lebhafteste Interesse daran haben, das europäische Konzert zu erbalten und zu befestigen. Auch mit England und Frankreich unterhalten wir die freundshaftlihsten Be- ziehungen und find aufrichtig bestrebt, mit beiden Mächten im mögli@sten Einvernehmen vorzugehen. Die Behandlung der marokkanischen PARE E D ELLEN fann als Prüfftein für di: friedlihen Gesinnungen der Kabinette betrahtet werden. Die Mächte dürften demnächst zu einer vollständigen Einigung bezügli der An- erkennung des neuen Sultans gelangen und durch Regelung der mit dem Negierung8wechsel in Marokko z!-sammenhängenden Fragen die Grundlage für fs\tabile Verhältnisse im \chcherifishen Reiche \{haffen. Aich hier erblicken wir unsere vornehmste Aufgabe darin, allenfalls noch auftauchende Differenzen, die jedoch keineswegs erbeblih sein dürften, auszugleihen und so das Konzert der Signatar- mächte der Algecira8akte ungestört zu erhalten. Vor wenigen Tagen erfolgte“ die Unabhängigkeitserklärung Bulgariens; fie war bekanntlich unmittelbar veranlaßt durch den vielbesprochenen diplo- matishen Zwischenfall in Konstantinopel. Man kann nicht anders sagen, als daß diese Modifikation tatsächlih der Stellung entspricht, die sch Bulgarien, unterstüßt von dem Wohlwollen aller

Großmächte, seit langem zu verschaffen gewußt hat. Die Monarchie hat diese aufsteigende Entwickiuag Bulgariens immer mit ympathischem Interesse verfolgi und ihm zablreize Beweise des

ohswollens gegeben. Ich bin bereits mit einigen Kabinetten in Fühlung getreten bezüglih der Anerkennung des veuen Zustandes und der Wiederherstellung normalec freundschaftliher Beziehungen zwischen

Bulgarien und der Türkei, was mir im Jrteresse der Grhaltung des Friedens auf dem Balkan, ein Interesse, das ich immer im Auge habe, dringend erwünsht erscheint.

Nach dieser mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Rede erklärte der Berichterstatter Graf Bacquehem, die in dem Exposé ausgeführten zwingenden Gründe für die Annexion Bosniens und der Herzegowina hätten die Wirkung, den Um- trieben der arofserbiscen Elemente den Boden zu entziehen, welche die formelle Souverênität des Sultans zum Anlaß nähmen, die Beständigkeit der Okkupation in Zweifel zu ziehen.

Der gestern den Delegationen unterbreitete Voranschlag der gemeinsamen Ausgaben und Einnahmen für 1909 weist, „W. T. B.“ zufolge, ein Gesamterfordernis von 406 840 098 Kronen auf. Hiervon entfallen auf das Minijtertuum des Aeußern 13 666 584 Kronen (400 037 Kronen mehr als im Vorjahre). Das ordentliche Ecfordernis für das Heer beträg! 312478415 Kronen (14 046762 Kronen mehr als im Vorjahre), das außerordentlihe Erfordernis 12266 730 Kronen (1 011 999 Kronen weniger als im Vorjahre); das Gesamterfordernis des Heeres beträgt demnach 324 845 145 Kronen (13 034 763 Kronen mehr als im Vorjahre). Für die Kriegsmarine beträgt das ordentlihe Erfordernis 58 987 310 Kronen (5 464 200 Kronen mehr als im Vorjabre), das außerordentliche Erfordernis 4450550 Kronen (973 660 Kronen mehr als im Vorjahre), mithin das Gesamterfordernis 63 437 860 Kronen (6 437 860 Krone! mehr als im Vorjahre). Der Ofkkupationskredit beträgt 8 047 000 Kronen (259 000 Kronen mehr als im Vorjahre): Der reine Uebershuß der Zollgefälle ift veran auf 151 338 520 Kronen. Von dem Gesamtnettoerfordernis ent- fallen nah Abzug des Zollübershusses 162498 948 Kronen auf Oesterreih und 93 002571 Kronen auf Ungarn. O

Das Armeeverordnungsblatt veröffentlicht ein Kaiser lihes Befehls\hreiben, in dem angeordnet wird, daß di

Rekruten aus Bosnien und der Herzegowina von nun an den im Dienstreglement für das öfterreichish-ungarische Heer vorgeschriebenen Eid zu leisten und die bosnisch-herzego- winishen Truppen wie die sonstigen militärishen Organisationen dieser Länder fortan die Bezeichnung Kaiserlih und Königlich zu führen haben.

Frankreich.

Gestern vormittag hatte der Minister des Aeußern Pichon mit dem russishen Minister Fswo lski eine Unterredung, in der, nach einer Meldung der „Agence Havas“, die Fragen erórtert wurden, die Gegenstand einer internationalen Kon- ferenz über die ODrientangelegenheiten bilden könnten. Eine Entscheidung wird erst nah der demnächstigen Zusammen- funft Jslowskis mit dem englishen Ministerpräsidenten Asquith und dem Minister des Aeußern Grey getroffen werden.

Darauf empfing der Minister Pichon den spanischen Botschafter Del Muni und konferierte mit ihm über die Marokko betreffende französisch-spanische Note. Am Sonnabend wird Pichon in einer Unterredung mit dem spanishen Minister des Aeußern Allendesalazar die Um: cisse dieser Note endgültig festseßzen. Der „Agence Havas“ zufolge besteht zwishen beiden Mächten vollkommene Ueber- einstimmung. j

Der Ministerpräsident Clémenceau hat gestern im De- partement Var eine Rede gehalten, in der er, „W. T. B.“ gufolge, ausführte:

ie Militärgewalt Frankreihs habe einzig und allein das Ziel, dem Lande ia shwierigen Zeiten einen wirksamen Schuß zu gewähren. Die Notwendigkeit cines folhen zeige fich augenfällig in eirer Stunde; die offenbare, eine wie {wache Earantie internationale Verträge gegen die Wiederkehr unvermuteter Angriffe bilden, Völker und Re- ierungen wichen zuweilen einem auf die Spige getriebenen Egoismus, der iroß des allgemeinen Wunshes nah Wahrung des Fricdens die Welt nur allzu häufig vor blutize Konflikte zu stellen \heine. Frankreih werde daher in den gegenwärtigen Gefahren aus allen Kräften dazu beitragen, mit Hilfe seiner Verbündeten und Freunde \o viele einander widerstrebende Interessen zu vereinigen, und werde fortfahren, dem für feine freiheitlihen Einrichtungen fämpferden Volke energische Sympathie zu bekunden.

_ Jtalien.

Einer Meldung der „Agenzia Stefani“ zufolge machte der türkishe Botschafter dem Minister des Aeußern Tittoni Mit- teilung davon, daß feine Regierung gegen die Un abhängi g- feitserklärung Bulgariens Einspruhch erhebe und die Signatarmächte des Berliner Vertrages auffordere, eine Kon- ferenz einzuberufen, um den die türkishen Jnteressen garan- tierenden Verträgen Achtung zu verschaffen.

Türkei.

Der gestern unter dem Vorsiß des Großwesirs abgehaltene Ministerrat galt der Abfassung einer Note zur Beantwortung der vom österreichishen Botschafter überreichten Note, betreffend die Angliederung Bosniens. i

Der Großwesir hat, dem „K. K. Telegraphen-Korrespon- denzbureau“ zufolge an alle Wilajets telegraphiert, daß die Pforte alle nötigen Maßregeln gegen die ungesezmäßige Pro- flamierung Bulgariens zum Königreich ergriffen habe. Die Bevölkerung brauche sih nicht zu beunruhigen ; die Behörden möchten eine Erregung verhindern.

_— Nach Meldungen des „W. T. B.“ hat das kretische Srékutivkomitee dem augenblicklihdie Regentschaft führenden Kronprinzen Konstantin von Griechenland von dem Anshluß Kretas an Griechenland Mitteilung gemacht, ebenso dem Konig Georg, der zur Zeit in Kopenhagen weilt und von dem Komitee gebeten wurde, seine Souveränität auf die Jnsel auszudehnen. Die kretishe Regierung hat vor dem Metropo- liten Kretas den Treueid für den König Georg abgelegt.

Serbien.

Jn Belgrad haben gestern vor dem Ministerium des Aeußern Kundgebungen stattgefunden, weil der Protest gegen die Annexion Bosniens für zu shwah befunden wird. Gegen Abend zogen, wie das „K. K. Telegraphen-Kor- respondenzbureau“ meldet, größere Gruppen von Manifestanten unter Hochrufen auf den König, den Kronprinzen und die Armee und unter Abzugsrufen gegen Oesterreich-Ungarn durch die Stadt. Vor dem Königlihen Palais sammelte jih eine große Volksmenge, die das Erscheinen des Königs verlangte. Der König und der Kronpripz erschienen auf dem Balkon und wurden lebhaft begrüßt. Der König hielt folgende Ansprache :

Brüder! Jh bin tief erariffen von den Ovationen, die mir bereitet worden sind. Seid überzeugt, daß ih mit der Regierung m Tus voll erfüllen werde. Jett bitte ih, ruhig auseinander zu geben.

Die Menge brach in langanhaltende Ziviorufe aus. Nachdem der König sich zurückgezogen hatte, zerstreuten sich die Manifeftanten ruhig.

Bulgarien.

Nach einer Meldung des „K. K. Telegraphen-Korrespondenz- buraus“ ist die Zahlung der vorgestern fälligen, an die Dette x ue zu entrihtenden Septemberrate des Tributs ür Vstrumelien auf Verfügung des Finanzministeriums sistiert worden.

Montenegro.

Ein fürstliher Ukas verfügt die Einberufung der Sup \htina zu einer außerordentlichen Session für nächsten

ontag.

Vorgestern hat in Cetinje eine große Pr'otestversamm- lung gegen die Angliederung Bosniens und der Herzegowina stattgefunden, in der, dem „K. K. Telegraphen- Korrespondenzbureau“ zufolge, eine Resolution angenommen wurde, welche die Regierung auffordert, Beleidigungen zu ver- gessen und sich mit Serbien zur Verteidigung der Jnter- essen des Serbentums zu verbinden. Nach der Versamm- lung veranstaltete die Menge vor dem Palais des Fürsten Und vor der russishen Gejandtshaft Sympathiekundgebungen.

Amerika.

Die chilenishen Kammern sind, einer Meldung des T. B.“ zufolge, für den 14. Oktober einberufen worden.

Koloniales.

Die vor einigen Monaten gemeldete naten enbewegung

in den zentral-ostafrikanis{en Landschaften Turu und

Iraku ist, wie ,W. T. B.* berichtet, nah soeben an amtlicher Stelle

n Berlin eingetroffenen Nachrichten ohne weitere Störungen zum

Abs{luß gelangt. Die Ruhe is überall wiederhergestellt. Der De- nionfstrationszug des Hauptmanns Charisius durch Turu ist bis auf wenige Schüfse einer Patrouille vollftändig friedlih. „verlaufen. Die Anftifter der Bewegung sind sämtlich verhaftet, der Akide Mausa ift zum Tode verurteilt. Der genannte Truppenführer if nah Aruséha zurückgekehrt, wo die Expedition aufgelöt wurde. Eine Abteilung Aekari unter Oberleutnant von Trotha wird noch kurze Zeit in den beruhigten Landschaften verbleiben. Es ift dann beabsichtigt, da- selbst einen ständigen Militärposten einzurichten.

Statistik und Volkswirtschaft,

Der Anteil der deutshen Bevölkerung am Besuch der deutschen Universitäten.

Der neueste Band der preußischen Universitätsstatistik (Heft 204 der FTeeubilqm Statistik“) bringt über die Beteiligung der deutschen Bevölkerung am Besu der deutschen Universitäten unter anderen folgende Zahlenreihen und Ausführungen :

Es entfielen auf je 10 000 männlihe Einwohner Studierende

I. in Preußen: 1892/93 1895/96 1899/1900 1905/06 1) Provinz Ostpreußen . . „. 8,24 8,13 9,18 9,86 2 oi WBellpreußen „. 020 6,92 7,10 7,38 3) Stadikreis Berlin. . .. 1994 2042 20,95 22,66 4) Provinz Brandenburg .. 7,38 7,22 868 10,46 5) «Pommern 9,58 9,23 9,28 Posen E 4 731 838 8,44 8,45 9,21 9,88 Sadhsen .. . . 10,36 1000 1098 11/90 Schleswig-Holstein 7,53 6,94 6,87 8,30 Hannover .. « 1049 1037 11,64 13,55 Weitsalen O 9,63 9,82 11,51 Heffen-Naffau . . 11,65 13,14 1451 16,05 ) ¿ Müeinländ: . „A 8,96 9,97 12,56 14) Hohenzollern 6,99 10,23 14,38 11,01 in Preußen zusammen 9,61 9,65 10,47 12,04,

IT. in den übrigen deutschen Staaten:

1) Bayern 1299 11,82 12,43 14,43 2) Sachsen I 1119 1100. 1240 3) Württemberg 12,32 11,84 12,34 12,62 4) Baden 1006 1382. 13,75 15,83 5) Hessen . 4 1493 15,69 18,84 6) Mecklenburg-Schwerin . . 13,12 13,13 12,72 15,98 7) SaGsen-Weimar . ... Ble 13/85 14,66 14,73 8) Mecklenburg-Streliy . . 12,09 11,75 15,92 10,59 9) Oldenburg 8,58 8,43 11,47 10,38 10) Braunschweig 1B 1168 13,37 13,76 11) Sachsen-Meiningen . . . 10,10 S DOL 10,15 12) Sathsen-Altenburg . . . 11,32 10,71 9,64 11,78 13) Salsen-Coburg-Gotha . 11,33 10,51 10,55 10,66 14) Anhalt 11,86 10,54 13,92 12,91 15) Shwarzb.-Sondershausen 12,54 10,27 8,63 [1:34 16) Schwarzburg-Rudolstadt . 8,18 8,83 9,76 10,58 17) Waldeck 6,93 9,31 15,03 4112 18) Reuß älterer. Linie ... 7,54 7,92 9,53 8,91 19) Reuß jüngerer Linie... 7,78 8,43 7,66 9,22 20) S{haumburg-Lippe . . . 10,29 6,77 9,32 12,03 21) Lippe : 6,83 4,68 7,15 TL:CD 2 Lübe 1301 1266 «--:13,18 16,18 23) Bremen 1020 11,74 13,05 14,12 24) Hamburg 10,24 8,66 8,78 9,36 25) Elsaß-Lothringen .. .. 6,07 8,17 9,49 11,04 in den übrigen deutschen Staaten zusammen. . 12,00 11,43 11,98 13,67, im Deutschen Neich 10,55 10,34 11,06 1267:

Die starke Zunahme des Zudranges zu den Universitäten in der Zeit von 1892/93 bis 1905/06 zeigt fich hiernah an der Be- völkerung gemessen bei 12 preußischen Provinzen und bei 20 andern deutshen Staaten, In Westpreußen und Pommern tritt eine Abnahme kervor, desgleihen in Mecklenburg- Streliz, Sachsen- Coburg-Gotha, Schwarzburg-Sonderthausen, Bremen und Hamburg. Der Dur(schnitt ist für Preußen um 2,43 und für die übrigen Staaten um 1,67 gestiegen. Für das Deutshe Reih hat die Be- teiligung der Bevölkerung am Universitätsstudium von 10,55 auf 12,67 für je 10 000 männliche Bewohner von 1892/93 bis 1905/06 ¿ugenommen. |

Sieht man von der politischen Einteilung ab und faßt man die einzelnen deutschen Gebiete in drei größere Zonen zusammen, die in gewisser Weise auch dem besonderen Charakter der Bevölkerung nah Stammesart und Lebensweise entsprehen, fo ändern si die oben mit- geteilten Verhältniszahlen folgendermaßen :

Es entfielen auf je 10 009 männliche Einwohner

1892/93 1895/96 1899/1900 1905/06 in der I. Zone:

1) Provinz Ostpreußen . . . . 8,24 8,13 9,18 9,86 2) 2 RREITOTEAA . « 6,92 7,10 7,38 3) ; 6,74 7,31 8,38 4) S 8,45 9,21 9,88 5) ¿O s es 9,58 9,23 9,28 6) beide Mecklenburg 12,93 13,18 15,20 7) Provinz Schleswig - Holstein j und Lüb: ck 7,88 E E 8,80 8) Hamburg 10,24 8,66 8,78 9,36 9) Provirz Brandenburg und Berlin 12,12 1203 13,24 14,89 zusammen .. 9,44 9,18 9,86 10,90,

in der IT. Zone: 1) Provinz Hannover und beide

Lippe 1027 A008 11,38 13,44 2) Oltenburg i 8,43 11,47 10,28 3) Bremen 11,74 13,05 14,12 4) Provinz Sachsen,

\chweig, Anhalt 10,26 11,55 12,23 5) Königreih Sachsen . . .. 2/9 11,00 12,40 6) 8 thüringisWe Staaten . . . 2 1050 10,80 11,59 7) Provinz Heffen-Naffau und

d 13,02 14,52 15,91

aldeck 8) Provinz Westfalen . 9,63 9,82 11,51 9) O e i 8,96 9,97 12,56 Emen, 104 10,22 1100 A083,

in der IIL Zone: :

1) Hefsen 14,93 15,69 18,84 2) Elsaß-Lothringen 8,17 9,49 11,04 3) Baden 13,82 13,75 15,83 4) Württemberg u. Hohenzollern 12,16 11,79 12,40 1007 5) B 12,95 11/82 12,43 14,43

zusammen . . 1230 11,86 1200 149% im Deutschen Neich s 10,55 10,34 11,06 12,67.

Diese Ergebnifse sind im ganzen wie im einzelnen recht bemerkens- wert. Geht man vom Jahre 1892/93 aus, so zeigt sih in der Mitte und im Westen und in noch weit höherem Grade im Süden eine stärkere Beteiligung der EErus am Universitätsstudium als im Nordosten. Es entfielen damals auf 10 000 männlite Bewohner im Nordosten 9,44, in der Mitte und im Westen 10,26 und im Süden 12,30 Studierende. Drei Jahre darauf machte si in allen drei Zonen im Verglei mit der Zunahme der Bevölkerung eine geringe Abnahme bemerkbar, die im Süden am stärksten und im mittleren und westlichen Deutschland am geringsten hervortritt. Bis zur Wende des Jahr- hunderts erhöhen fich dann wieder die entsprehenden Anteilsziffern.

ayern

und zwar ziemlich sarime bia für alle drei Zonen. Diese Bewegung nah oben seßt sich auch in den folgenden Jahren b!s zum Jahre

d

1905/06 fort, aber wiederum stärker in den südlien und mit

bezw. wesilihen Gebietsteilen als in den nordöftlihee Bon 1898/94 bis 1905/06 hat fi der Anteil der Bevölkerung am Universitäts- ftudium auf 10 000 männlihe Bewohner bere§net im mittleren und westlihen Deutschland um 2,37 bis auf 12,63, im südlichen um 1,95 bis auf 14,25 und im nordöstlihen um 1,46 bis auf 10,90 ge- hoben. Die Verhbältniszahlen für den eigentlihen Nordosten ohne S Brandenburgs mit Berlin würden noch erheblich geringer

n. Faßt man die Zahlen ins Auge, die fich für die ein Staaten und Provinzen im legten der hier berüdcksihtigten Stier jahre ergeben, ó entsenden unter den Landesteilen der ö lichen Zone die beiden Mecklenburg im Verbältnis zur Einwohnerzahl die meiften Studierenden auf die Universitäten. Erst auf Mecklenburg folgt Brandenburg und Berlin mit 1489 Studierenden auf je eine Million männliher Einwohner, während Berlin für si allein genommen. æit 2266 Studierenden auf 1 Million ‘männliher Einwohner dem ‘gürzen „übrigen Reich beträhtlich voransteh-n würde. Die wenigsten Studie- renden kommen aus den Provinzen Westpreußen (738), Posen (838) und Schleswig-Holstein mit Lübeck (880). Von den Gebieten des westlichen und mittleren Deutshland zeigt Hefsen-Nafsau mit Waldeck (1591) die ftärkste Beteiligung, die zweitstärkste die freie Hansestadt Bremen (1412). Die übrigen Länder und Länderver- bindungen halten sich dem Durchschnitt der zweiten Zone (1263) nahe; nur Oldenburg fteht ibm erhebliher nah. In der \üdlichen Zone nimmt Hessen eine Sonderstellung ein, indem es mit 1884 Studierenden auf 1 Million männliGße Bewohner s\äfntlihe Gebiete nit nur des Südens, sondern aller drei Zonen ein gut Teil hinter fih läßt. Der nächstfolgende Staat Baden (1583) weist zwar 300 weniger, aber damit ungefähr immer noh ebensoviel Studierende auf, wie die beiden am stärkiten beteiligten Länder der ersten und zweiten Bone. Auch Bayern mit 1443 Studierendèn überschreitet noch den ohen Dur@schnitt der dritten südlichen Zone (1425). Württem- berg mit Hohenzollern (1257) und Elsaß-Lothringen (1104) erreichen ihn zwar niht mehr, übertreffen aber immer noch den Dur(hschnitt der ersten Zone und bleiben niht weit hinter dem der zweiten zurück.

Zur Arbeiterbewegung.

Aus London wird der „Köln. Ztg.“ gemeldet: Die Korresponden des „Reutershen Bureaus“ behauptet, daß augenblicklich Hoffnung E Beilegung des Baumwollweberstreites in Lancashire vor- handen sei. Herr Churcill, der Präsident des Handelsamts, hat die Führer der beiden Parteien aufgefordert, ihn bei einem Be- suche zu treffen, den er demnähst Manchester abstatte. Einer der Vorschläge geht dahin, das Brooklands-Abkommen, das den Streit veranlaßt hat, wieder durch die gleitende Lohnskala zu ersetzen. Das Brooklands-Abkomnien, dem Unternehmer und Arbeiter zuge- stimmt hatten, schreibt für den Betrag, um den Löhne steigen oder sinken dürfen, gewisse Grenzen vor und bestimmt ferner eine Zeit- grenze nah jeder eingetretenen Aenderung, während der keine weitere Aenderung getroffen werden darf. Dieses Abkommen hat sich für die Arbeiter als ungünstig erwiesen, und Nachfraaen bei Arbeitgebern und Arbeitern haben gezeigt, daß beide Teile geneigt sind, der gleitenden Lohnskala wiederum den Vorzug zu geben. Wird sie angenommen, so würde damit der Ausftand sofort aufhören und die Angestellten könnten zu den alten Bedingungen die Arbeit wieder aufs nehmen, bis die Lohnskala in Kraft getreten ist, während die Unter- nehmer, die ihren Ueberschuß an Vorräten los8werden wollten, dazu nahezu drei Wochen Zeit gehabt haben. Die Bergwerke und Eisen- bahnen leiden unterdessen gewaltig unter dem Aus\chl:ß. Von den Webern werden täglih etwa tausen® arbeitslos.

In Neapel haben, demselben Blatte zufolge, die Metall- arbeiter den allgemeinen Ausftand erklärt.

Kunft und Wissenschaft.

Der Ursprung des Shieß pulvers. Man stößt häufig auf die Annahme, daß das Schießpulver zu Kriegszwecken zuerst 1164 von dem chinesishen Feldherrn Weisching eingeführt und 1232 von den Chinesen gegen die mongolishen Belagerer der Stadt Pienking oder Kaifungfu angewandt worden set. Solche Ueberlieferungen sind, wie Professor Dr. Edm. von Lippmann in einem Aufsaß „Chemisches bei Marco Polo“ in der „Zeitschrift für angewandte Chemie“ ausführt, mit Vorsiht aufzunehmen, {hon weil der ein- {lägige Fachausdruck „Pao*“ nach chinesishen Quellen urs sprünglich niht „Feuerwaffen“ bezeihnet, sondern „Maschinen ¡um Stein schleudern“, die allerdings dur die Reibung ihrer Holiteile einen Lärm, „gewaltig wie Donner, hervorbrahten“. Des weiteren berihteten jene Quellen, daß man zu Beginn der Yuen-Dynastie Kriegs-Paos kommen ließ und deren Feuer zum ersten Male bei der Belagerung von Tsai. Tschau benußte, doch habe fich die Kunst, fie anzufertigen, nicht erhalten und ihr Gebrauß sei daher auch später selten geblieben, sodaß man sie noch bei der Eroberung Cochinhinas (1403) „donnernde Paos von über- natürliher Kraft“ nannte. Der Schriftfteller Niusun sowie das Bu „Verzeichnis der Jahrhunderte“ versichern, zur Zeit ter mongolishen Dynaftie hätten einige Leute solhe Paos auch gelegentlich der Be- lagerung von Siang- Yang hergestellt, „und die Gestalt dieser Paos war die nämliche wie noch jeßt, nämlih die von Nöhren aus Eisen oder Kupfer, deren Inneres mit einem Pulver und runden Steinchen efüllt und deren Deffnung vershlossen war, die an einer Seite eine Zündung besaßen und mittels Feuers abgeshofsen wurden“. Aber auch diese Erzählungen sind keineswegs ohne weiteres wörtlih zu nehmen, denn fie stammen zum Teil aus sehr späten, ja erst im 18, Jahrhundert gedruckten Werken und bringen offenbar An- gaben dureinander, die ganz verschiedene Zeitalter betreffen. Be- züglich der Belagerung der sehr wichtigen Feltung Siang- Yang (1268—73) meldet aber Polo ausdrüdlich, sein Vater und sein Oheim hätten für Kublai-Khan ganz neuartige Wurfmaschinen für Steine von drei Zentner Gewiht erbaut, welhe die endlihe Vebergabe der Stadt herbeiführten. Aub die „Kriegs. Paos aus estasien* scheinen nur zündende Geschosse ges{leudert zu haben, denn die chinesishen Annalen führen ausdrücklih an, daß Hulaga-Khan im Jahre 1253 von dort nah Turkestan und China tausend Leute kommen ließ, geübt in der Bedienung der Maschinen zum Schleudern von Steinen, Wurfgeshofsen und brennender Naphtha, und daß man \ich 1273 durch Belegen der Dächer mit Reisstrohmatten, auf die Ton gestrihen war, gegen die Feuer- pfeile und Feuerpaos der Mongolen schügßte. Selbst 50 Jahre nach Polo bedienten sich die chinesishen Schiffe noch aus- Greas brennender Naphtha gegen indishe und arabishe Seeräuber. Diesen negativen Nachrichten stehen aber auch einige merkwürdige positive gegenüber. Als z. B. Kuklai-Khan 1287 wider seinen rebellischen Vetter zu Felde zog, bewirkten, wie die hinesischen Reichsannalen erzäblen, zehn Soldaten die Entscheidung: „sie {lichen sih Nathts in das Lager Nayaus, unershrocken und entschlofsen Feuer- waffen (pao ho phao) tragend, deren Detonationen die Feinde in so furchtbaren Schrecken seßten, daß sie sofort nah allen Seiten auseinander- [iefen*. Diese Angaben beweisen, daß betreffs der Urgeschichte des Schieß pulvers noch vieles aufzuklären ist. Sicher bleibt aber jeden- falls, daß Polo das Schießpulver weder kennt noch nennt und daß dessen Gebrauch, insoweit man ihn überhaupt annehmen darf, zu seiner Zeit noch sehr neu, in Chixa nit verbreitet, und vermutlichß Zunft- geheimnis war.

Literatur.

__ Von der in Breslau monailich zweimal ersheinenden Zeitschrift für allgemeine Rehtskunde ,Geseyz und Recht“, die dem Falh- mann wie dem gen Staatsbürger überhaupt ein anschauliches Bild deutsher Nechtsentwicklung in der Gegenwart bietet (Preis vierteljährlih 2 46), liegt jeßt das erste Heft ibres ¿thnten Jahrgangs

vor, dessen vielseitiger Inhalt zeigt, wie die SHriftleitung und ihre Mit- arbeiter es verstehen, den Betürfnissen des praktishen Wirtshaftslebens

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