1909 / 10 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Königreich Preußen. Seine Majestät der König haben Allergnädigst geruht:

den bisherigen Professor

Dr. Alexander Supan zu

Gotha zum ordentlihen Professor in der philosophischen Fakultät der Universität zu Breslau,

den bisherigen ordentlihen Professor Dr. Felix Rach- fahl zu Gießen zum ordentlihen Professor in der philo- sophischen Fakultät der Universität zu Kiel und

den bisherigen

ordentlihen Professor Dr. Heinri ch

Triepel zu Tübingen zum ordentlichen Professor in der zuristishen Fakultät der Universität zu Kiel sowie : den bisherigen Konsistorialassessor Dr. Martin Büren

in Königsberg zum Konsistorialrat zu ernennen.

e „ib Á fh Ministerium für Handel und Gew ewe “lia! e Der Regierungsrat von Bergen in Cas Misburg ./20 ln

vertretenden Vorsißenden des

F;

leben „1 Schiedsgerichts: Eis.St-P.| 0 |- A

und des Schiedsgerichts für Arbeiterversiherung im- Eisen- bahndirektionsbezirk Cassel ernannt und der Regierungsrat

von Gostkowski daselbst von Dem Baugewerkschullehrer

diesem Amt entbunden worden. Schmidt in Posen ist von

dem Herrn Minister für Handel und Gewerbe die Staats- medaille für Verdienst um die Gewerbe in Silber verliehen

worden.

Evangelischer Oberkirchenrat. Dem Konsistorialrat Dr. Büren in Königsberg ist eine

etatsmäßige juristishe Ratsstelle bei dem Konsistorium der |

Provinz Ostpreußen verliehen worden.

Nichkamlliches.

Deutsche Preußen.

s Reich.

Berlin, 13. Januar.

Am 27. Januar, dem Geburtstage Seiner Mazestät

des Kaisers, werden bei sämtlichen

Postanstalten im hiesigen

Oberpostdirektionsbezirk die Schalter von 8 bis 9 Uhr

Vormittags, von 12 bis D DIS c Publikum geöffnet

1 Uhr Mittags und von

Uhr Nachmittags ‘für den Verkehr mit dem A Die Briefbestellung findet am

27. nur zweimal (Vormittags) statt, die Gel d- und Paket-

bestellun g einmal.

Dem Archivhilfsarbeiter Dr. phil. Ferdinand Schult in Magdeburg ist der Amtstitel Archivassistent beigelegt worden.

Der französishe Botschafter Cambon hat Berlin ver- | lassen. Während seiner Abwesenheit führt der Botschaftsrat |

Baron de Berchheim die Geschäfte der Botschaft.

Der norwegische Gesandte von Ditten ist nah Berlin zurückgekehrt und hat die Leitung der Gesandtschaft wieder

Übernommen.

-_

Laut Meldung des „W. T. B.“ ist S. M. S. „Char- lotte“ gestern von St. Thomas nah Vigo in See gegangen. S. M.S. „Bremen“ ist vorgestern in Bahia (Brasilien)

eingetroffen und geht heute von

dort nah Pernambuco in See.

S. M. S. „Niobe“ is gestern in Schanghai eingetroffen.

Frankreich.

Der Senat und die Deputiertenkammer sind gestern usammengetreten. Die Kammer wählte, „W. T. B“ zu- Dae mit 314 von 360 abgegebenen Stimmen Brisson zum

Präsidenten wieder und Clémentel zu Vizepräsidenten.

Ftalien. Der Senat hat in seiner gestrigen Sigung, laut Meldung des „W. T. B.“, nach kurzer Beratung einen Gesetzentwurf,

betreffend Maßnahmen zur auf Sizilien und in Calabr

von der Kammer gebilligten Geseßzentwurfs einstimmig ange-

nommen.

Schweiz.

Der Bundesrat hat die treffend den Mehl zollkonflik Meldung des „W. L Punkte der Note zu antworten Vertretern der s{weizerischen

nehmigt.

Nach einer Meldung des „K. K. Telegraphen - Kor- respondenz-Bureaus“ ist dur die gemeldete offizielle Mitteilung des Großwesiers, betreffend Annahme des osterreichisch- ungarischen Angebots durch das Kabinett, zipielle Basis für die weiteren Verhandlungen, die nun folgen Der Großwesier Kiamil Pascha Tewfik Pasha haben si die vorgestern nahmittag auf befriedigt über das ungarishe Angebot von 21/4 Mi

werden, festgelegt worden. und der Minisler des Aeußern allen Botschaftern gegenüber, der Pforte vorsprachen,

über die Haltung

Senatoren und der Aufhebung Sultans abgeändert werden soll, revisfion im Prinzip angenommen.

Berteaux, Etienne und

B.“, beschlossen, auf die verschiedenen

und der deutschen Müller eine neue und leßte Konferenz stattfinden.

Türkei, Der M inisterrat hat geste Exposés, das der’ Großwesier der Kammer vorlegen wird, ge-

und das Entgegenkommen Oossterreich- Ungarns sowie über dis Wirksamkeit Botschafters Pallavicini ausgesprochen. Die Deputiertenkammer hat gestern, „W. T. B.“ zufolge, auf Antrag des Konstantinopler israelitishen Ab- eordneten Faraggi, wonach die Verfassung im Sinne der inisterverantwortlihkeit, der Wählbarkeit eines Teils der

Linderung des Unglücks ten, in dem Wortlaute des

leßte Note Deutschlands, be- t, geprüft und, nah einer

Jnzwischen soll zwischen den

rn den endgültigen Text des

eine prin-

/ österreichish- ionen Pfund und lobend

und den Erfolg des

des Verbannungsrechts des einstimmig die Verfassungs-

Fit

9 Ie tp ad die

Norwegen.

eröffnet, in der, „W. T. B.“ zufolge, den fremden Mächten befriedigend genannt

die Spitbergenkonferenz erwähnt.

einen bedeutenden Uebershuß aufweisen.

| Afien.

: » Regierungstruppen chlel“par

Dorfes Deroud durch die

Die übrigen kehrten nach Täbris zurück. wurden,

Der Prinz

Täbris, den Bachtiarenführer Semsam

Das Storthing is gestern mit einer Thronrede die Beziehungen zu l Weiter sind in der Thronrede der Besuch des Königs und der Königin von England, des Präsidenten der französischen Republik, die Ratifikation des Jntegritätsvertrags, das Uebereinkommen mit Schweden, betreffend Einseßung eines Schiedsgerichts zur Fest- seßung der Seegrenze zwischen Schweden und Norwegen, und Die Thronrede sodann, daß die Staatseinnahmen des laufenden Finanzjahres Ein Gesehentwurf, r. S 12000k den Ausbau der Flotte und des Verteidigungs- L és Lcka‘zgjefinde sih in der Ausarbeitung. e

werden,

die „St. Petersburger Telegraphen-Agentur“ meldet, das Dorf RNavasan \.St-P.| t ie in der Nähe von Täbris besetzt. versicherung im Regierungsbezirk Cassel und Füdo. V.-Aft.| ideck“| sl Fen verloren bei der fürzlih erfolgten Einnahme des Regierungstruppen zwanzig Tote und Verwundete, 114 Mann wurden gefangen genommen. Die Gefangenen nachdem ihnen die Waffen abgenommen waren, mit der Warnung freigelassen, sih niht wieder ergreifen zu lassen. Ferman Ferma hat sich an die russische und die englishe Gesandtschaft mit der Bitte gewand möchten, damit Jspahan nicht das gleihe Schicksal ereile wie es Saltaneh wissen lassen, daß sie den Aufruhr in Jspahan mißbilligten.

Das diplomatische Korps in Peking hat, dem | „Reutershen Bureau“ zufolge, der chinesishen j energische Vorstellungen darüber gemacht, daß das Verkehrs- | ministerium si die volle Kontrolle über das Telegraphenamt ¡ in Peking anmaße. Laut Vertrag vom Jahre 1901 müßte das

| Telegraphenamt unter ausländische Aufsicht gestellt werden.

Die Natifikationen des neuen chinesisch-japanischen | Telegraphenabkommens sind gestern in P

Quelle zufolge, ausgetauscht worden. der japanishen Eisenbahnen

nußung des Kabels Tschifu—Dalny. Afrika.

landes im Hinblick auf die griffs durch den Mullah verstärkt. truppen aus British-Ostafrila und 400 Truppen sind in Berbera bereits eingetroffen.

Leuten des Mullah getötet worden sein.

nicht beabsichtigt, senden.

Mann

__ Nah einer Meldung des „Neutershen Bureaus“ werden die Truppen im englischen Schußgebiet des Somali- Möglichkeit 300 Mann Eingeborenen- indischer Zahlreiche Ein- geborene, die unter britishem Schuße standen, sollen von den n Die Lage in Somali- land ist, obiger Quelle zufolge, unzweifelhaft ernst, jedoch wird eine Expedition gegen den Mullah zu ent-

eines

besagt

Die Auf-

Le

Regierung

eking, obiger Das Abkommen regelt die Uebermittlung von Telegrammen nah China im Gebiet in der Mandschurei und außer- halb der Eisenbahnzone und trifft Bestimmungen über die Be-

An-

der Ersten und Zweiten Beilage.

des Reichstags, welcher der Staatssekretär amts Sydow beiwohnte, standen zunächst vorlagen. vir v

den geschlihen Vorschriften genügt ist.

| Es folgte die erste und eventuell | Geseßentwurfs,

halts,

Abg. Dr. Mugdan (fr. Volïksp.): Bisher ha bei solchen Beratungen die tdyllische Nuhe, die unterbrochen; troßdem wäre es ganz daß das Provisorium, das wir wahrscheinli wieder Jahr verlängern werden, ein Es ift kaum zu begreifen, daß das Deutsche Netch seinem Bestehen einer geordneten Instanz zur Rechnungen noch entbehrt. Man bat früber eing ein Véißstand besteht; 1872, 1875 und 1876 wurde verbündeten Regierungen etn Gesetzentwurf

wurde, und ein Gefeß, das die Einnahmen und sollte. Aber all’ diese Gesetzentwürfe find gescheitett,

Nechnungehofes zu richten. Prinzipierstreit, und es ist nit gleihgültig,

einen eigenen Rechnungshof baben, oder ob eine

Aber diese beiden Gesetze si-d nihts weiter als einer Kabinettsorder vom Jüahre 1824. absolutistisher Zeit paßt doch nit für das De 20. Jahrhunderts. Es spielt dabei auch die Frage Kabinettsorders eine Rolle, die Frage, ob das Sta Recht hat, ntederzus{lagen. Keine Zeit ift langen, daß

Frnstanz

geeigneter gewesen als die j auch das Deutsche Reich endli zur Kontrolle der Rechnungen bekommt.

verlangt werden und

bewundernswert, aber troß fleißiger

lich gar nichts urd kann nichte leisten, weil es

die Einnahmen und Ausgaben vollständig gefehlt Mahnung des Reichskanzlers zur Sparsamkeit kann

hoffe deshalb, daß die verbündeten Regterungen noch

sie dazu zwingen wird. (Schluß des Blattes.) |

on der Abgeordneten, Gewerbe Delbrück und der Minister des Moltke beiwohnten,

Jnterpellation des Abg. Trimborn (Ze

Die Denkschrift über die Ausführung der \ erlassenen Anleihegeseße wurde in einmali erledigt; der Reichstag erkannte an, daß durch

l : j vorgelegt, die Errichtung eines deutschen Rechnungshofs in Ausficht genommen

Nechnungélegung if tin einer Zeit, in der immer

Parlamentarische Nachrichten.

Die Berichte über die gestrigen Sißungen des Neichs- tags und des Hauses der Abgeordneten befinden sih in

Auf der Tagesordnung der heutigen (183.) Sißung des Reichs\schaß- RNechnungs-

E

P e rar

zweite Heratung des betreffend die Kontrolle des Reichs haus- des Landeshaushalts von Elsaß-Lothringen und des Haushalts der Schußgebiete für 1908.

t man nur selten dabet herrschte,

falsch, hieraus zu \chließen,

für das nächste

zufriedenstellender Zustand ift.

38 Jahre nah Kontrolle seiner eschen, daß bier n auch von den durch den

Ausgaben regeln weil dem Neichs-

tage das Necht bestritten wurde, Rückfragen an die Abteilungen des Es handelt sich hier niht nur um etnen ob wir für das Neich

eigene Abteilung

in der preußischen Oberrehnungékammer diese Arbeiten verrichtet. In Preußen bestehen zwei Gesetze bezüglih der Oberrehnungskammer.

die Kodifizterung

Diese Kahinettsorder aus

utshe Reich des der justifizierten otsoberhaupt das

kraft eigenen Willens gewisse Einnahmen und Ausgaben Es fragt sih, ob diese Order zu Necht besteht.

etzige, zu ver- ch eine eigene Eine fkorrekte neue Steuern

in der so große Etatsübershreitungen vor- kommen, doppelt am Platze Die Rechnungskommission arbeitet gewiß Arbeit leistet sie

eigent- bisher an einer

Instanz über die Ordnung der Kontrolle der Rechnungen und über

hat. Auch die nicht einen wirk-

lihen Erfolg haben, folange das jeßige Provisorium besteht. Ich

in dieser Session

ein Geseß vorlegen werden, oder daß wenigstens die Finanzkommission

heutigen (13.) Sißung des Hauses der welher der Minister für Handel und

Innern von

wurde zunächst die Besprechung der

ntr.) und der

eit 1875 ger Beratung die Vorlegung

Anträge des Abg. Aronsohn (fr. Volksp.) und des Abg. Rahardt (kons.), betreffend die Linderung der Arbeitslosigkeit, fortgeseßt.

Abg. Graf von Kaniß (kons.): Soweit ih die Debatten über die Arbeitelosigkeit sowohl im Reichstage wie in diesem Hause verfolgt habe, ist anerkannt worden, E es si bei dieser Sache wenizer um einen Mangel an Arbeitsgelegenheit alo um eine unrichtige Verteilung der Arbeitskräfte handelt. Wir sehen eine große Anhäufung von Arbeitermassen in den großen Städten, andererseits etnen Arbeitermangel auf bem flahen Lande. Dieser Arbeitermangel hat dahin geführt, daß jährli viele Tausende ausländischer Arbeiter herangezogen werden müssen, nur um die dringendsten Arbeiten zu verrihten Am 10. Dezember hat der Abg. Borgmann eine genaue Arbeitslofenzählung empfohlen, um eine Grundlage für die notwendige Arbeiterunterstüßung zu gewinnen, auch gestern ift wiederholt auf die Notwendigkeit und Nüßl!hkeit einer folhen Arbeitslosenzählung hingewiesen worden. Ich bedauere, mich einer solchen Auffassung niht anshließen zu könven. Nirgends ist es so schwer, zu einem praktischen Resultat zu gelangen, wie auf dem Gebiete der Arbeitslosenzählung; das ist bereits 1895, als eine solhe Zählung veranstaltet wurde, von dem damaligen Präsidenten des Statistishen Amtes anezkannt worden. Es ist ungemein \chwierig, ja unmöglich, die Arbeitswilligen diese allein haben auf eine Unterstüßung Anspruch zu trennen von den ÉL Genen, von denen, dte überhaupt nit arbeiten wollen, Gs ift bereits 1895 nur für diejenigen, die dauernd oder vorübergehend erwerbsunfähig sind, eine besondere Rubrik aufgenommen worden. Es müssen besonders aufgeführt werden die sogenannten Saisonarbeiter, Maurer usw., die nur im Sommer einen vollen Verdienst haben, im Winter dagegen meist gar keine Arbeit finden, aber gleihwohl Anspruch auf eine Arbeitslosenunterstützung erheben. Dann müssen besonders aufgenommen werden dfejentgen Arbeiter, wel: gelegentlih der Ein- schränkung von Jndustriebetrieben bei dem Eintritt von Fetershihten arbeitslos sind; au diese Arbeitslosen köanen naturgemäß auf eine Unterftüßung keinen Anspru haben. Eine dritte Kategorte bilden diejenigen, die durch eigenes Verschulden arb-itslos geworden sind, die Streiker. 1907 wurden 192420 s\reilende Arbeiter gezählt, G8 war allerdings eine erhebliche Abnahme gegenüber der Zahl der Streiker, die 1905 ermittelt wurde, damals waren es über 400 000, Dazu l'ommen diejenigen, die wegen übertriebener Lohnforderungen arbeitslos sid. Jn Berlin kam b: zu etnem Shuhmachermeister ein Geselle, der unter einem Stundenlohn von 70 A ntt arbeiten wollte. Der Magistrat von Berlin bot 3—4 M Tagelohn für Erntearbeiten auf den Nie]elf-ldern, glei{hwobl weizerten ih vi:le Arbeitslose in Berlin, zu etnem solchen Lobnsate zu arbeiten. Fh meine, folhe Leute haben auch keinen Anspru auf Arbeits- losenunterstüßung. Dann kommen die Nentenemptänger. Es wurden in Berlin bei einer Arbeitslosenzählung an 30 000 Nentenempfänger gezählt. Das find alles Schwierigkeiten, die einer statistishen Er- mittlung der Arbeitslosen entgegenstehen, die Hauptsacde aber it, daß die Verarbeitung des Materials viel Zeit erfordert. Wenn das Material verarbeitet ist, dann ist meistens auch die wirtschaftliche Krise vorüber. Die Arbeitsnahweise mögen verbessert werden; aber in ihrer zu weitgehenden Ausgestaltung würde die Gefahr liegen, daß bet aufsteigender industrieller Konjunktur die Arbeitskräfte noch mebr vom Lande nah den Industriebezirken gezogen würden, und daß dann bei einem Rückshlag die Arbeitslosigkeit no%h \{chlimmere Konsequenzen haben würde. Die westfälishen Kohlenzehen ziehen jeßt schon durch Agenten ländlihe Arbeiter aus deim Ojten heran, ein offizieller Arbeitsnachweis würde aber in den Augen der Leute noch eine andere Bedeutung haben, als die Anpreisungen der Agenten; deshalb muß man bei der Verbesserung der Arbeitsnahweisung vorsichtig vorgehen. Ueber die Notstands- arbeiten sagte John Burns im englishen Unterhause: Not- standsarbeiten, die künstlich Arbeitsgelegenheit \chafen, seien etwas Ungesundes und wirkten demoralisierend, fle follten das allerleßte Mittel sein; denn sie lähmten die Wikllenskraft, unter- grüben die wirtshaftlihe Selbständigkeit und drückten auf die Löhne. Die Notstandsarbeiten von 1867 in Ostpreußen habea si allerdings nicht bewährt, aber es handelte si um einen großen Eisenbahnbau, und die Ar- beitslosen waren sämtli ländliche Arbeiter, die Erdarbett machen konnten. Gelernte industrielle Arbeiter kann man aber bet solchen Bauten nicht be- \chäftigen, Tapezierer oder Maler können nicht bei Kanalbauten die Karre in die Hand nehmen. Man mag Notstandsarbeiten machen, aber eine durchgreifende Wirkung verspreche ih mir nicht davon. (Fine Verpflichtung des Staates zur Unterftüßung der industriellen Arbeitslosen erkenne i niht an; man fkann dem Often, der unter empfindlihem Arbeitecmangel leidet, nicht Opfer zumuten, um diejenigen in den Großstädten zu ers halten, die aus Leichtsinn ihrer H:imat den Rüdcken gekehrt baben. Zur Unterstüßung der Arbeitslosen sind vielmehr die Kommunen be- rufen. Die großen Siädte haben von dem wirtshaftlihen Aufs{hwung den Vorteil gehabt und mözen nun auch beim Niedergung helfend ein- greifen. Ein unmöglihes Mittel ist die Arbeitslosenversiherung, und ih verstehe niht, wie Herr Gyßling für eine solhe sein konnte. Sein Frafktionsfollege Lenzmann hat früher im Neichstag die Arbeits- losenversiherung als eine Prämie auf die Faulenzeret bezeichnet, und Herr Gyßling sollte s{ von dem Standpunkt Lenzmanns nicht zu weit entfernen. Wenn die Arbeitslosenversihorung eingeführt wird, behalten wir auf dem flahen Lande überbaupt keinen ‘Arbeiter mehr, sondern alles zieht nach den großen Städten. Jeßt muß der Arbeiter, der in die Stadt zieht, noch mit der Arbeitelosigkeit und EGntlafsung rechnen; das ändert sch sofort, wenn der Arbeitslose eine staatliche Unterstüßung erhält; dann ist er noch in besserer Lage als der Arbeiter, denn er kann spazieren gehen. Die Kosten der Arbeitslosenversiherung hat Herr Molkenbuhr berehnet; auf Grund der Arbeitslosenzählung voa 1895 nimmt er 366 000 Arbeitslose im Deutschen Reiche an, das bedeutet 109 Millionen Arbeitstage und bei etner Unterstüßung von 2 6 pro Tag etnen Kostenbedarf von rund 220 Millionen. Dazu kommen die Ver- waltungsfosten für den großen Beamtenapparat zur Untersuchung der Fälle, wo Arbeitslosen, die arbeiten können, aber nicht wollen, die Unterstüßung ersagt wird. Wir haben nicht nur tm Deutschen Reich, sondern auch in Preußen {on viel zu viel Beamte. Die Zahl yon 60 Millionen Mark, die der Abg. Molkenvuhr für diese Verwaltungskosten angegeben hat, ist noch viel zu niedrig gegriffen. Jch halte die Arkbeitslofenv-rsiherung daher für das ungünstigste und unzweckmäßigste Mittel, das überhaupt vor- geshlagen werden kann. Es würde auch etne große Ungerechtigkeit sein, die Kosten dieser Versicherung etwa durch S'euern aufs zubringen. Am s\chwersten i von der Krisis England be- troffen wo:den, weil England ein retner Industriestaat ist und die Landwirtschaft dem Arbeiter dort keine Arbeitsgele enheit mehr bietet. In Deutschland hat die Landwirtschaft eine erhebliche Bedeutung für die Industrie, worauf z. B. auch im Be:icht der Handelékammer von Essen hingewtesen worden ist. In Amerika hat das Borgehen des Präsidenten Roosevelt gegen die Trusts eine allgemeine Grshütterung des wirts{hafilichen Lebens hervorgerufen, und er hat jeßt wohl {hon etngeschen, daß er die Macht der Trusts untershätt hat, Ih möchte glauben, daß unsere Zollpolitik einen gewissen Anteil an der Arbeits#losigkeit hat, die Zölle sind nämlich zum Teil noch viel ¿zu niedrig. Hier in Berlin können Ste eine Nethe von Läden mit amerikanischm Schuhwerk sehen, die durch ihre Konkurrenz das deut]|che Handwerk ungeheuer s{ädtigen. Der Zoll für fremde Leder- waren beträgt in Deutschland nur !/; des Zolles, den Amerika erhebt. ‘Amerika genteßt die Meistbegünstigung, unsern Vertragstarif, wir aber lassen uns diesen hohen Zoll von Amerika ge- fallen, der unsere Einfuhr fast unmöglih macht. Noch immer nicht hört man von dem Abs@luß eines Handelsyertrages mit Amerika. Auch die Auswanderung des deutschen Kapitals nach dem Auslande befördert die Arbeitslosigkeit. Jch halte es nicht für notwendig, daß mit deutschem Gelde Eisenbahnen im Auslande gebaut werden, wie z. B. die Anatolishe Bahn; bei uns ift es ebenso

notwendig, Bahnen zu bauen, auch bas Abstoßen unserer RNoh-

e nach dem Auslande zu billigen Preisen übt auf unsern i eine verhängnisvolle Wirkung aus. Wenn z. B. das Rheinisch-westfälishe Koblensyndikat die Koble nach dem Auelande sehr viel billiger verkauft als nach dem Inlande, so schädigt dies nit bloß direkt die deutshe Jadustrie, sondern \tärkt auch die ausländishe Industrie im Wettbewerb mit der deutshen. Die Kölnishe Volkszeitung“ hat darauf hingewiesen, besonders mit Rücksicht auf die Verkäufe nah Frankreich. Aus Oberschlesien wird berichtet, dep nach Ungarn die Kohle ¡u 7 bis 8 M geliefert wurde, während im Inlande etwa 13 #4 gefordert wurden. Dabei handelte es sich nicht einmal um minderwertige Kohlen, die nah Ungarn geliefert werden, fondern um Lokomotivkohlen. Fch möchte den inister bitten, diesem Falle näher zu treten; er ommt mir beinahe RECIIUT S yor. Diese hohen Kohlenpreise führen mit Notwendigkeit zu Arbeitseinshränkungen und infolge- defsen zu Arbeitslosfigkeit. Jm Stegerlande ist die Gewinnung in den Erzgruben auf urgefähr 5009/0 reduztert worden. Bei Aus- {reibungen wird unsere Indufirie vom Auslande unterboten, weil eg billigeres Rohmaterial, billigere Kohlen bezieht. Das Rheinisch- westfälishe Kohlensyndikat hat in leßter Zeit ¡wei Kundgebungen veranstaltet, worin der Versuch gemacht wird, ihre Preis- politik zu rechtfertigen. Die niedrigen Preise, zu denen das Syndi at nah dem Auslande verkauft, werden aber darin überhaupt niht erwähnt; dadurch verlieren natürlich diese Kundgebungen an Bedeutung. Eine Rückkehr der ausgewanderten Arbeiter auf das Land könnte uns nicht allzuviel nügen, denn ih fürchte, daß diese Arbeiter nur so lange auf dem Lande bleiben, bis die Konjunktur sich verändert, und daß sie dann wieder in die Industriezentren abstrômen. Was kann nun ernstlich gegen die Arbeitslosigkeit geshehen? Die Kommunen, die großen Städte sind in erster Linie verpflichtet, helfend einzugreifen. Man \priht von einem Recht auf Arbeit, auch Fürst Bismark soll es an- erkannt haben. Ein gewisses Neht auf Arbeit wollen wir ja gern

anerkennen, aber wir glauben nicht, daß es ein Recht auf Arbeit be- |

onders dann gibt, wenn Tausende und aber Tausende von Nrcitern an einem Punkte zusammenstrômen. Wenn z. B. in Berlin 50009 Arbeiter aus der Ferne zusammenströmen, dann hôrt das Recht auf Arbeit von felbst auf. Gewe:k schaften, in erster Linie folche denen es #sch um Simulationen usw. handelt. _Eine ges wisse Berücksichtigung der Gewerkschaften empfiehlt sich wohl, aber daß die Kommunen in allen Fragen Fühlung nehmen mit den Gewerkschasten, wünshe ih deshalb nicht, weil diese zu einem großen Teil unter fojia : Es ist auf die großen Ziffern hingeroiesen worden, die von den Gewerk- schaften bereits für die Arbeitslosen aufgewendet worden sind. Man vergißt dabei anzuführen, welhe kolofsalen Summen für die Unter- flüßung russisher Nevolutionäre aus Gewerk schaftskafsen und aus den sozialdemokratischen Kafsen gezahlt worden sind. Es muß dahin

gestrebt werden, daß die scharfe Kurve der wirtshaftlihen Krisen |

verflaht wird; nur so ift die Arbeitslosigkeit am wirksamsten zu mildezn.

Hierauf nahm der Minister für Handel und Gewerbe Delbrück das Wort.

(Schluß des Blattes.)

Statistik und Volkswirtschaft, Zur Arbeiterbewegung.

Der Ortsvorstand der Brauereien von München und Um- }

gebung veröffentliht, wie die „Frkf. Ztg.“ berichtet, zur Tarif- bewegung im Braugewerbe eine Darstellung über die vor- geschlagenen Mindeftlöhne, Urlaub usw. Darüber hinaus könnten die Brauereien nicht gehen, die deshalb die Verantwortung für die Folgen der Ablehnung den Arbeitern überlaffen müßten.

Nach einer ns des „Neutershen Bureaus“ aus Pernam- |

shen Angestellten der Great Western

buco sind die brasiltan M Die antienglische

Railway Company in den Ausstand getreten. Stimmung ist im Wachsen begriffen. fte zi rechterhaltung der Ordnung aus, war aber nicht imstande,

einen Ueberfall der Streikenden auf die Hauptbureaus der Gesellschaft !

Die Ausftändigen haben das rollende Material in tatsählich im Besiß der Bahnstattonen.

Die Truppen werden in Be-

¡u verhindern. Händen und sind : Gewalttätigkeiten find zu befürchten. reitshaft gehalten.

Wohlfahrtspflege.

Zur Armenpflege.

Das Fest der Liebe, dessen Vorbereitungen und Stimmungen den Monat Dezember beherrschen, hat auch diesmal manhe Entschließungen verwirkliht, die den Armen zugute gekommen sind. Die Zahl der Stiftungen und Zuwendungen erreicht zur Weihnachtsjeit immer eine besondere Höhe. Diesmal ist besonders und Obdachlosen 1 : neuzeitlihen Aufklärungen über die stark vernachlä!sigte el pfleze zu guten Werken in dieser Richtung angeregt hat. So haben der Eer Pintsh und Frau in Berlin der Branden- burgishen Krüppelheil- und Grziehungsanftalt eine Stiftung von 900 000 #4 als Weihnacht8gabe überwiesen. Es erscheint die Gr- wartung begründet, daß, nahdem die Resultate der Krüppel- zählungen für einzelne deutshe Staaten und Provinzen _vorliegen, man die Fraçe der Krüppelpflege mehr von der Seite der Grziehung anfossen und im Interesse des Krüppels sowohl wie in dem der Gesamtheit auch den im unvollklommenen und miß- gestalteten Menschen liegenden Wert heben und au In diesem Sinne ist die Krüppelfürsorge auch ein Teil der praktishen Armenpflege; denn

leistung der Krüppel zu ermäßigen oder die leßteren gänzli aus der |

Armenpflege auszuschalten. Auh der Deutsche Verein für

äti j ) i die Krüppel- | M EnPTTE04 Rd TESSLITILgTETt Wird s 4 | NRuanda, keine Neger, sondern Hamiten, von anderer und viel hellerer

fürsorge von diesem Gesihtspunkte aus gründlich beleuchten und Materialien zur Beurteilung derselben heranziechen. und fruchtbringende Arbeit dieses Vereins wird aufs neue durh den im Dezember erschienenen „Stenographischen Beriht über die Verhandlungen der 28. 4 versammlung“, die bekanntlich am 17. und 18. Sep- tember in Hannover abgehalten wurde, erwiesen. Dieses Heft (Leipzig, Verlag von Duncker u. Humblot, Preis 3 4) enthält auh in einem guten Sachregister den Schlüssel zu dem Inhalt aller bis Ende 1908 erschienenen Vereinsschriften. Im übrigen enthält das

Heft die Reden und Diskussionen über die Finanzstatistik der |

Armenverwaltungen dieser Abschnitt des Berichts wird durch eine unter den Titel „Finanzstatistik der Armenverwaltungen von 130 deutshen Städten

Direktors des Statistishen Amts der Stadt Berlin, die Ergebnisse der vom Verein veranstalteten Erhebung der Armenfinanistatiftik ergänzt (Verlag von Duncker u. Leipzig, Preis 1,80 ) —, die Referate und Verhandlungen über die Fürsorge für die entlassene Jugend, die Behandlung erwerbsbeschränkter und erwerbg9- unfähiger Wanderarmen und über Muttershuy und Muttershaftsversiherung. Vor Zahress{hluß sind auch die

selbständigen Berichte einiger größerer Armenverwaltungen erschienen. |

Unter diesen bietet der das Rechnungsjahr 1906 umfassende „Be - riht über die Hausarmenpflege der Stadt Straß- burg“ besonderes Interesse. Gr bringt zunächst den Be- weis besonderer Hingabe der mit der Führung der Straßburger Armenpflege betrauten Personen. Der Leiter, Beigeordneter, jehiger

¿ Bürgermeister Dr. Shwander, erkannte die Notwendigkeit einer

ründlihen Umformung der |tädtischen Armenpfl-ege und er- Aale mit seinem eingehenden hierauf bezüglihen Bericht, daß von Mitte 1906 an anstatt des von der Stadt der Armenverwaltung bis- her gegebenen Zuschusses von 120 000 # ein solcher von 270 000 4 bewilligt wurde. És trat nun insbesondere hinsihtlich der Hausarmen- pflege, die bisher nah dem sogenannten Elberfelder Syftem geleitet wurde, eine Veränderung dahin ein, daß neben der Agitation für Ges winnung neuer ehrenamtlicher Kräfte auch 4 Berufspfleger ähnlich wie in Kiel in Dienst gestellt wurden. Zur Aufkläruxg der Bevölkerung über die städtishe Armenpflege wurden Vortrags- serien veranstaltet, deren Programme \ich auf das ganze soziale Gebiet erstreckten und um die als berufene Nedner die Spitzen der Stadt- und Armenverwaltung und hervorragende Per- fönlihkeiten der Armenkommissionen sich Verdienste chufen. Es ist geplant, den Inhalt dieser Vorträge durh Herausgabe eines „Sozialen Handbuchs* dauernd festzuhalten. Der erste Teil dieses Handbuchs wird demnächst erscheinen. Durch Veranstaltung besonderer Zusammen- künfte wurde außerdem die gesamte Beamtenschaft der engeren Ver- waltung mit den Aufgaben der Armenpflege und deren Durchführung

Man hat empfohlen, den | Fälle zu unterbreiten, in !

noch |

sozialdemo?ïratisher Leitung stehen. |

Die Polizei rückte zur Auf- |

Meitere /

oft der Arbeitslosen ! edaht worden ; auch war zu bemerken, daß die | Krüppel- |

ausbilden will. ! emtinenter | es handelt sich darum, |! die Lasten der öffentlihen Fürsorge durch die produktive Arbeits- |

Die intensive |

Jahres- |

1901— 1905“ gleichzeitig ers

s{hienene Arbeit des Berichterstatters Professors Dr. Bllergtete. | über | Humblot, }

über |

| bekannt gemaht. Eine fortdauernde Anregung in diesem Sinne | tit gesichert durch die seit November 1907 ersheinenden „Blätter | für das Straßburger Armenwesen“. Das Ergebnis aller dieser plan- mäßigen Vorbereitungen war, daß die neugeregelte Armenpflege mit 710 ehrenamtilichen Armenpflegern, darunter 325 weiblichen, in | Funktion treten konnte. An der Spiße der Armenverwaltung steht nunmehr der Armenrat, dessen Präsident der Bürgermeister ist und dem die 4 Bezirkzskommissionen, auf welche die Armenpfleger und | Armenpflegerinnen verteilt sind, unterstellt sind. Diese Kom- ¡ missionen halten abwechselnd allwöchen!lib Sißgungen ab, sodaß | in thren Beratungen und Bewilligungen keine Stockung eintritt. | Das Charakteristische des ganzen „Straßburger Systems“, das Pro- | fessor Klumker, der Herausgeber der neuesten Auflage von Roschers | „Armenpfl-ge*, als den „entshieden bedeutsamsten Versu, das Elber- | felder System niht nur auszuflicken, sondern eine höhere Stufe der | Organisation darüber hinaus zu erreichen“, bezeihnet, liegt nun darin, | daß den neu angestellten Berufsarmenpflegern seitens des Armenrats alle diejenigen „Fälle“ zur amtlichen Erledigung zugewiesen werden, die einer eigentlichen persönlihen Pflege nicht bedürfen, und daß dadur die | Zahl der übrigen Armen derartig beschränkt wird, daß nunmehr das Ideal | des Elberfelder Gedankens wirkli erreiht wird, nämlich: daß nur | 1—2 Arme auf einen Pfleger entfallen. Diese wenigen Fälle behält nun der Pfleger meistens lange Zeit, sodaß er sich in sie ein- leben, einfühlen, Veränderungen beobachten und solche je nah ihrem | wirtschaftlihen Einfluß dem Amt mitteilen, Anträge daraufhin stellen, | den Pflegling gegenüber dem Amt und das Amt gegenüber dem | Pflegling vertreten kann. Zunächst hat natürli der ehrenamtlidhe | Pfleger seiner Bezirkskommission Bericht zu erstatten, es steht ihm aber | bei etwaiger Abweisung seiner Anträge Berufung an den Armenrat | zu. Der umfangreihe Straßburger Bericht enthält au wichttge

| statistische Ergebnisse und viele sonstige Winke, sodaß kein in der | praktishen Armenpflege Tätiger sich diese Lektüre versagen sollte. | Hervorragendes Interesse bietet auch der im Dezember erschienene | Bericht der Armenkommission der Stadt Kiel“, der das | Jähr 1907 umfaßt und gleichfalls seine Ausführungen auf umfang- | reiche statistishe Tabellen begründet. Viel B-lehrung ist ferner | aus dem „Jahresberiht der Armenpflegeder Stadt Cöln * für | das Jahr 1998 zu {öpfen, der ausführlih in den „Amtlichen Nach- | ritten“ der Cölner Armenverwaltung (1908, Nr. 6) mitgeteilt ift.

| In der Wohltätigkeits- und Wohlfahrtspflege machten sich zum | Jahres {luß insbesondere die Bestrebungen für die Wohlfahrt der Jugend immer mehr auf fast sämtlichen Gebieten des staatlichen und fozialen Lebens geltend. Wenn für Deutschland speziell die „Deutsche Zentrale für Jugendfürforge“ sich diefen Fragen widmet

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dem Gesagten ersihtlih, daß die Bekleidungsindustrie eine sehr geringe Rolle spielt. Weberei ist gar niht vorhanden; und die Zubereitung der Felle für die Gewandung erfolgt niht handwerksmäßig. Bei der wenigen Kleidung, die getragen wird, ist das Fehlen von Schneider und Schuster s{ließlich erklärlich. Mancherlei Dinge, die sonst un- bekannt waren, kommen jeßt dur zahlreihe Händler ins Land und werden mit der Zeit auch Bedürfnisse wecken. Bei den Batwa wird allerdings alle Liebesmühe für lange Zeit vergeblich sein, fie tragen bestenfalls eine Art Badehose aus NRinden- stoff, ihre starke Behaarung läßt sie die Nachtkälte leichter ertragen. Der Vortragende vermittelte auch manherlei Vorstellungen über das Wohnen dieser Völkerschaften durch Bilder, das selbst in dem vor- geshrittenen Ruanda über die primitivsten Grashütten kaum eva entsprehend den nomadisierenden Gewohn- eiten der Veenschen, die mit geringen Ausnahmen feste An- fiedelungen nicht kennen. Man trägt die Häuser weg, ein Nahbar hilft dabei dem anderen, wenn man an einer Stelle lange genug gewohnt zu haben glaubt, bezw. wenn die Futterstellen abge- weidet sind, oder au, wenn das. Ungeziefer zu arg geworden ist. Es ist nur nicht ret zu verstehen, wie die nomadisierenden Neigungen des Volkes in Einklang zu bringen sind mit dem ausgejeihneten An- bau des Landes, den der Vortragende wiederholt (für Nuanda be- sonders) rühmend hervorhob kein Quadratmeter sei unbebaut und der etgentlih doch feste Besitrehte an Grund und Boden vorausseßt. In feinem Dank für den mit großem Beifall gelohnten Vortrag hob der Vorsigende, Professor von den Steinen die Vorzüglichkeit der aufs genommenen Photographien (auch nach ihrer koloristischen Treue, soweit fle nahträglih gemalt waren) hervor und \prach dem Redner seine Anerkennung dafür aus, daß er im „geographish-ethnographischen Nebenamt* so viel wihtige Beobachtungen gemacht und \o viel wert- volle Erfahrungen gesammelt babe.

Es folgte als zweiter Vortrag des Abends eine Mitteilung vom Geheimen Rat, Professor Dr. D. Olshausen „zur Cisen- gewinnung in vorgeshihtliher Zeit“. Der Vortrag bezog ih auf eine in leßter Sißzung bei Gelegenheit der Diskussion über den Vortrag von Professor von Luschan vom Ingenieur Giebler aufgestellte Behauptung. Profeffor von Luschan hatte es, fu end auf dem Nachweis, daß die Cisengewinnung längstens in der Mitte des zweiten Jahrtausends vor unserer Zeitrehnung in Aegypten bekannt war, als in hohem Grade wahrscheinlih hingestellt, daß Europa die Gisengewinnung von Afrika gelernt habe. Dagegen hatte Fngenieur Giebler, hinweisend auf die merkwürdigen Funde einer offenbar uralten Eisenshmelzstätte in Schlesien es als ebenso wahrscheinli behauptet,

| daß die Kunst der Eisengewinnung ganz selbständig in Europa erfuaden

worden sei. Wie nun immer diese Frage beantwortet werde, es ist die genannte Entdeckung einer prähistorischen Cisenindustriestätte so interessant, daß die Mitteilungen von Geheimrat Olshausen hierüber der größten Aufmerkfamkeit begegneten. Die Entdeckung bezieht ls auf einen Plaß in der O der Königlichen Domäne Tarxdorf, Kreis Steinau in Schlesien, der hart an der sogenannten „alten Oder“, rets an dem schiffbaren Oderlauf, 10 km von Steinau, gelegen ist und auf dem bei einer am 5. August vor. Jahres vorgenommenen größeren Ausgrabung niht weniger als 32 je 65 ecm hohe und ebenso breite zylindrische Eisenshmelzöfen, aus Ton hergestellt, freigelegt worden find. Da Versuch3grabungen auf dem benachbarten Feld und gelegentlihe Funde beim Pflügen erwtesen haben, daß der ganze Grund Schmelzofen an Schmelzofen enthielt (ihre Zahl darf im Verhältnis der auf engem Raum gefundenen 32 auf etwa 30 000 ge- {äßt werden), so scheint hier allerdings eine Eisenschmelstätte vorhanden gewesen zu sein, die auf einen ungewöhnlich großen Betrieb zu einer Zeit {ließen läßt, aus der uns sonft so machtvolle Ent- faltungen von Gewerbetätigkeit niht bekannt sind. Nah Maßgabe von gefundenen Tonscherben ift diese Zeit, auf 500 vor Chr. abzu- säßen, alfo eine Zeit, in der Germanen in Schlesien saßen. Dem Bortragenden lag im wesentlichen die Frage am Herzen, was für Erz

| und nah dem Winterprogramm 1908/09 fich 4. B. mit dem Problem

der Schulsp-isung und der s{hulärztlihen Tätigkeit eingehender be- | shäftigea will, auch im Februar oder März 1909 einen „Jugend- ! gerichistag“ einzuberufen gedenkt, während der Berliner Aus\chuß | Konferenzen über Verbesserung des Verfahrens zur Geltendmachung des Unterhaltsanfpruchs unehelicher Kinder vorbereitet, so ift es beachtens- | wert, daß die Erörterung aller dieser Fragen weiteren Kreisen durch | eine von der Zentrale gegründete Zeitschrift erleihtert wird. Die neue Zeitschrift nennt sich „Jugendwohlfahrt*“ : von B. G. Teubner); sie ist inhaltlih höht vielseitig und wird zu- sammen mit dem von der Zentralstelle für Volkswohlfahrt heraus- i gegebenen „Natgeber für _Jugendvereinigu ngen“ allen Freunden der Jugend reiches Informationsmatertal bieten.

j Kunft und Wissenschaft.

| Me j Gesellschaft für Antbropologie im neuen Jahre, am legten Sonnabend, \prach ‘der Oberleutnant M. Weiß über die von | der Expedition Seiner Hoheit des Herzogs Adolf Friedrich zu ¡ Mecklenburg berührten Völkerstämme zwischen Victoria j Der Vortragende hat an anderer

Nyanza und Congostaat, T h Stelle bereits von feinem auf Grund der ihm übertragenen

Spezialmissionen nicht geringen Anteil an den Erfolgen der Expedition berihtet U auch in diesem Blatt (Nr. 294 vom 14. Dezember) ift sein Vortrag in der „Urania“ ausführlich wiedergegeben worden. | Allein die Mitteilungen ethnographischen und kultur:!l-en Inhalts, die, | von vielen ausgezeichneten Lichtbildern begleitet, Oberleutnant Weiß

| der Gesellshaft für Anthropologie vortrug, waren doch zu einem be- | | trächtlihen Teil neu und aus früheren Berichten unbekannt. Als |

allem die Klassifizierung zu bezeichnen,

die der Redner unter Darlegung ihrer körperlihen Verschieden- | heiten, die auf sehr verschiedene Abstammung hindeuten, ¡wischen | den drei Völkerschaften getroffen hat, die westlich vom Victoria Nyanza | bis in den Congostaat hinein wohnen. Da sind zunächst die der großen Völkergruppe der Bantuneger angehörigen, das Gros der Be- völkerung bildenden Neger. Zu ihnen gehören die bei Bukoba am Nyanzasee und in desen Nähe wohnenden „Wahaiha“ (Vahaiba), dann im Lande Karagwe, das vom Kagera bewäfsert wird, die «Wanjambo (Wanjembo) und endlich die „Wahutu“, die mehrere Millionen stark, : im dichtbevölkerten Ruanda wohnen. Da find ferner, als zweite in Betracht kommende Völkerschaft, die , Watussi", das Hererovolk von

| sehr interessant ift vor

Haut % jewachsene, shlanke Gestalten, bet denen Körpergrößen g gg 72 rad | Da find an dritter Stelle, und einen Watussi

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merkwürdigen egenfa zu en L “Batwa, ein E A von etwa 140 m Größe, i die keine Bantu, aber doch schwarz von Hautfarbe | find. Sie bewohnen die dihten Bambuswälder am Kiwusee und den | Gongourwald und gelten als gefährlihe Räuber und Mordgesellen. | Ste stehen, meist nur von Raubzügen und Jagd lebend, gegen die | beiden andern Völkergruppen kulture L der Vortragende das Vorhandensein und die Ausübung einer großen | Anzabl von Handwerken feststellen, wobei es ein recht merkwürdiger Zug | ift, daß die scharf vonetnander abgegrenzten Handwerke in der Familie erb lih sind. Oberleutnant Weiß hat Handwerker vershiedener Branchen aufgesucht, sie bei thren Hantierungen beobachtet und etne beträchtliche Anzahl Photographien von leßteren angg ert die er vorführte. | Sie betrafen folgende Handwerker: Eisen]hmelzer, die Hochöfen von 1,50 m betreiben und sich des Blasebalgs bedienen, Schmiede, Pfeilmaher, Köchhermaher, Töpfer (genauer | Tôpferinnen, da das Gewerbe nur von Frauen getrieben wird),

Holzarbeiter, Löffelshnißzer, Flechtarbeiter, Mattenfl-chterinnen, Bn ae Bootéerbauer, endlich eine Art andwerker, denen | ausschließlich die Gewinnung des NRindenstoffes durch Gntkleidung einer | Ficus-Art yon der Rinde (was nicht das Gingehen des Baumes zur | Folge hat, der ih regeneriert) und die Anfertigung von Ge- | wändern aus dieser Rinde obliegt. Das Verfahren in den einzelnen { Handwerken, ausfchließlich auf Hand- und Fußarbeit begründet, ist | natürlich meist sehr ursprünglich, ganz frei von der Nachahmung

anderer Vorbilder, aber dfters doch hübsch ausgeklügelt, Gs ist aus

| Drahtzieher ,

(Leipzig, Verlag |

In der ersten (auferordentlicken) Sihung der Berliner |

bildend, die |

sehr zurück, Bei diesen konnte |

und in welcher Art dasselbe durch diese Art Oefen verhüttet worden | ist. Die erste Frage ist ersichtlich ¡u Gunsten des in ganz Nieder- | \chlesien und au bei Tarrdorf gefundenen Rafeneisenerzes zu beantworten, | das etwa 25 9/9 eines guten, |chmiedbaren Eisens ergibt. Die Art der | Ausshmelzung kann verschieden beurteilt werden. Die Sachverständigen | find darüber noch ju keinem sicheren Resultat gelangt. Der Innen- | raum der Oefen stellt einen ähnlichen durh Ton geformten Raum | dar, wie die sogenannte „Gicht“ unserer Hochöfen, von birnförmiger | Gestalt, mit der Spiße nach unten, die in eine Seitenöffnung auslief. | Es darf angenommen werden, daß man das Grz, mit Lagen von | Holikohlen abwechselnd, in einem hohen Stoß oben auf den Ofen

packte, dann Feuer darunter mate und das abtropfende, sih unten

sammelnde Eisen dur die Seitenöffnung abzog. Cs gab das natür- | lid noch nicht reines Eisen, sondern Luppen von vielleiht 60 9% Eisengehalt. Diese zerkleinerte man, formte kuglige Körper daraus, die man mit Lehm bekleidete, und unterwarf diese neuer Erhitzung, | bis ein s{miedbares Etsen gewonnen wird. Dies stimmt mit Entk- | deckungen einer gleichartigen prähistorishen Eisenindustrie in Württem- berg überein, und Dr. Staudinger konnte in der Diskussion die Mit- teilung machen, daß in Togo in ganz ähnliher Art heute noch Eisen gewonnen werde, namentlih sei die zweite Feinschmelzung in mit Lehm bekleideten Kugeln des zerkleinerten ersten Produkts | in ganz derselben Art dort in Uebung. Eine fast gleihlautende Mitteilung, wie aus Tarxdorf erfolgt war, gab dann auch der Rektor Groß-Luckau. Bei Dabern und Groß-Bahren im Luckauer Kreise finden sich ähnlihe auf eine früher vorhanden gewesene Eisen- industrie hinweisende Shmelzöfen oder Schmelzkefsel in solcher Tiefe { und solhen Umständen der Verschüttung, daß die oben gegebene Zeit- s{häzung wohl au hierfür zutreffen möhte. Der Rentier Busse taxtert das Alter der Eisenverwendung in unserer Gegend nah Maßgabe zahlreiher Eisenfunde, die er bei Gräberöffnungen gemacht, auf wenigstens 2500 Jahre.

Volkskunstpflege.

Die Erweckung und Pflege des Interesses und Verständnisses für Kunst in weiteren Kreisen, die Herbeishaffung, Gruppterung und Verwertung alter, gediegener volkskünstlerischer Erzeugnisse zur Be- lebung und Vertiefung neuzeitliher Regungen dieser Art, überhaupt | die Pflege einer wirklihen Volkskunst kann man als eine neue | Programmnummer der praktishen Sozialpolitik bezeichnen. In den deutshcn Großstädten, wo Museen und Bildungsstätten zahlreiche | künstlerishe Kräfte heranziehen, haben sich leßtere vielfa zur Förde- rung volkskünstlerisher Bestrebungen vereinigt. Der Grfolg dieser Bestrebungen is ein ganz ungeahnter. Man braucht nur auf die Verbreitung der in München im 22. Jahrgang erscheinenden, von Dr. Avenarius in ODresden-Blasewiz geleiteten Halbmonatsschrift „Kunstwart“" hinzuweisen, um die Ueberzeugung zu gewinnen, daß tat\ählich die weitesten Volkskreise das Bedürfnis nah einer Führung in die hehren Gebiete der Kunst empfinden. Ganz ähnliche Erfolge erzielt der gleihfalls in München (Finkenstraße 2) seinen Sih habende | „Dürerbund“, dessen Flugschriften zur ästhetishen Kultur in | Hunderttausenden von Exemplaren ins Volk gedrungen find. Sn

Reit dieser kleinen und großen Flugschriften zum Preise von 10 5 80 „4 ift bereits auf 39 ummern gestiegen. Jn Berlin, E us anderen deutschen Großstädten haben sih seit einigen Fahren U stättenvereintgungen unter künftlerisher Führung gebildet, die da Kunstempfinden durch gut vorgeshulte Kräfte in die pra umseben und die mit Aufträgen überhäuft sind. Das Bestreben der $ Me werk stätten, ein wirkli künstlertsch anmutendes Heim auch für “n mittleren und unteren Volkskreise zu schaffen, findet eine wertvo e Ergänzung in den auf gediegenen Wandshmuck abzielenden Be- strebungen deutscher Verlagshandlungen, zu denen in erfter Linie B. G. Teubner und Voigtländer în Leipzig zu renen

nd. Die von diesen Firmen gebotenen Künstlersteinzeihnungen nd stimmungsvoll und von dezenter Farbenwirkung. in orzug ift es, daß diese Kunstblätter au in billigen Ausgaben, das Stück hon für 1.4, und in Mappen von 5 Stück zu 5 # zu haben sind. Auch der „Kunstwart"-Verlag bietet gediegen ausgeführte Bilder

als Wandshmuck und in Mappen in reiher Auswahl zu sehr niedrigen

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