1888 / 251 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Durchlau@tigsten Prinz-Regenten aus und betonte insbesondere, wie das Bayernland, seinem Regenten ireu ergeben, zugleich treu und fest zu Kaiser und Reih stehe. Se. Majestät der Kaiser erwiderten :

Ich sage Ihnen Meinen berzlichsten Dank für Ihre Worte und spreche zugleich Meine Freude darüber aus, daß es Mir vergönnt ift, ip diese Mir wohlbekannten Mauern einzuziehen und dem bayperischen Volke näber treten zu dürfen, welches in der Geschichte des Deutschen Reis eine so kerrorragente Rolle gespielt cat. Es haben im Bayernland so manche ‘edle Geschlechter regiert, aber das edelste und rubmreihste Geshle{t ist es, welckes in Bayern jeßt regiert, ein Geshlecht zugleich, dessen Interessen auf das Engîte mit denen des Hohenzollernhauses verbunden sird. Möchte es Mir noch lange beschieden sein, die Geschickde des Deutschen Reihs im Sinne Meines Großvaters lenkend, in der engen Freundschaft, welche Vayerns und Preußers Herrscderbäuser verknüpft, mit dem Prinz- Regenten _ verbunden zu bleiten, den {on mit Meinem Gieoßvater innige Freunds{haft einte. £3

Berichtigung. Jn dem von uns mittels Extra- blatts vom 29. v. M. gebrachten und in unserer Nummer 249 wiederholten Trinkspruch, welhen Se. Majestät der Kaiser und König am 28, September bei dem Gala- diner in Stuttgart ausgebracht hat, ist im zweiten Satz in Folge eines Versehens bei der telegraphishen Uebermitte- lung statt des Wortes „Reiches“ das Wort „Landes“ gesetzt ‘worden. Der Wortlaut des Allerhöchsten Trinkspruhs ist hiernach der folgende:

„Aus tiefbewegtem Herzen sprehe Ich Ew, Majestät Meinen innigsten Dank aus für die grädige Einladung und den berzlihen Empfang, den Allerböcstdieselben und Ihr ganzes Volk Mir bereitet baben. Ih bitte Ew. Majestät Mir zu glauben, daß Ich mit be- sorters warmen Empfirdurgen hbierber gekommen bin, denn dieses reib gesegnete Land und dieses berrlide Volk, über welckes Ew. Majestät regiert, bat im Mittelalter viele der edelsten deutshen Fürsten, wellhe die Geschicke des Reiches leiteten, hervorgebracht. Ganz besonders ziekt Mich bierber, daß das \{chwäbische Land au die Wiege Meines Hauses gewesen ist, aub in Meinen Adern rollt sckchwäbischbes Vlut ebensogut wie in den Adern der Herren, die bier versammelt sind. Von fester und unverbrü&licer Anbänglichkeit an dieses Land und scinen Herrn beseelt, erhebe Ich Mein Glos und rufe: Se. Majestät der König und Ihre Majestät die Königin von

Württemberg, Sie leben bo, bo, boch!“

Aus dem „W. T. B.“ liegen über die Reise Sr. Majestät des Kaisers und Köngs folgende Depeschen vor :

Mainau, 1. Oftober. Se. Majestät der Kaiser unternahm gestern Nachmittag eine Spazierfahrt mit dem Dampfboot und heute Vormittag eine solhe mit einem Segel- boot. Heute Nachmittag kurz nach 2 Uhr isst Se. Majestät mittels Dampfboots von der Mainau nach Lindau abgereist.

Lindau, 1. Oktober. Se. Majestät der Kaiser traf, von Sr. Königlichen Hoheit dem Erbgroßherzog von Baden begleitet; heute Nachmittag 41/4 Uhr hier ein, wurde bei der Landung von dem General-Direktor der Eisenbahnen, P gr von Carolsfeld, sowie von den Spißen der Behörden und dem Offiziercorps empfangen und begab Sich sodann in einem von der Prinzessin Ludwig gesendeten Wagen nach dem Bahnhofe. Alle Schiffe im Hafen hatten festlih geflaggt ; die Stadt war auf das Prächtigste geshmüdckt; vom Hafen bis zum Bahnhofe bildeten die Schulen und die Vereine Spalier. Die dichtgedrängten Volksmassen, welche den Lan- dungsplagz und den ganzen Weg bis zum Bahnhof anfüllten, begrüßten den Kaiser mit nicht endenden Jubelrufen. Nach- dem sih auf dem Bahnhofe der Erbgroßherzog von Baden von Sr. Majestät verabschiedet hatte, erfolgte gegen 43/4 Uhr unter immer erneuten enthusiastishen Kundgebungen der Be- völkerung die Weiterfahrt nah Kempten.

Kempten, 1. Oktober, Abends. Die Ankunft Sr. Majestät des Kaisers auf dem hiesigen Bahnhofe erfolgte heute Abend 61/4 Uhr. Zum Empfange Allerhöchstdesselben hatten si bereits vorher der Minister Freiherr von Crails- heim, die zum Ehrendienst bei Sr. Majestät befohlenen Offiziere, der preußische Gesandte Graf Ranzau, der Prä- sident von Kopp, der Bezirksamtmann von Röder und der Bürgermeister Horhler eingefunden. Nach dem Ein- treffen des Zuges ließ Se. Majestät jeden einzelnen der zur Begrüßung erschienenen Herren zu Sich in den Wagen berufen. Auf dem Perron des Bahnhofes hatte sich das OÖffiziercorps der Garnison aufgestellt. Nah einem Aufenthalt von etwa 5 Minuten wurde die Reise nah München fortgesezt. Die am Bahnhof zahlreih versammelte Volksmenge begrüßte den Kaiser bei der Ankunft und bei der Abfahrt mit stürmischen Hochrufen.

München, 1. Oktober, Abends. Se. Majestät der Kaiser ist unter den Salutshüfssen der aufgestellten Geschüße heute Abend 9 Uhr hier eingetroffen und auf dem Bahnhof von Sr. Königlichen Hoheit dem Prinz-Regenten, A MDOGe von sämmtlichen hier anwesenden Prinzen des

öniglichen und des Herzoglichen Hauses umgeben war, empfangen worden. (Die Prinzen Ludwig und Rupprecht hatten \ih auf die Nachricht von einer heftigen Erkrankung der Prinzessin Ludwig nach Villa Amsee bei Lindau begeben, wo die Prinzessin verweilt, und konnten deshalb dem Empfange nicht beiwohnen.) Die Begrüßung war eine äußerst herzlihe. Zum Empfange waren außerdem anwesend: sämmtliche Minister, die Genera- lität, die zum Ehrendienst bei Sr. Majestät dem Kaiser befoh- lenen Offiziere, die Mitglieder der preußishen Gesandtschaft und die beiden städtischen Kollegien mit dem Ober-Bürgermeister von Wiedenmayr an der Spige. Auf dem Bahnhof war eine Ehren-Compagnie mit der Fahne und Musik aufgestellt, welche leßtere die preußische Volkshymne spielte. Der Ober-Bürgermeister hieß in einer kurzen Ansprache Se. Majestät den Kaiser im Namen der Stadt willkommen, worauf der Kaiser dankend erwiderte. Bay) begaben Sih der Kaiser und der Prinz-Regent,

eide in einem Wagen Play nehmend, welchen eine Escadron des ersten Shweren Reiter-Regiments begleitete, unter unaus- geseßten enthusiastishen Kundgebungen der Volfksrmassen, von denen alle Pläße und Straßen dicht besezt waren, nah der Königlichen Residenz.

München, 1. Oktober, Nachts. (Ausführlichere Meldung.) Als der Kaiserlihe Extrazug auf dem Bahnhof eintraf, eilte Se. Königliche Hoheit der Prinz-Regent, welcher preußische Artillerie-Uniform sowie das Band und die Kette des Schwarzen Adler-Ordens trug, sofort dem Wagen entgegen, welchem Se, Majestät der Kaiser entslieg. Der Kaiser ‘und

der Prinz-Regent begrüßten Sih mit mehrmals wiederholter Umarmung und Kuß. Der Kaiser, welcher die Uniform Seines bayerischen Ulanen-Regiments trug, begrüßte sodann die Prinzen Leopold und Arnulf, Königliche Hoheiten, welche in preußischer Uniform erschienen waren, und die Prinzen Louis Ferdinand und Alfons, sowie den Herzog von Genua und die Herzöge Ludwig und Max Emanuel in Bayern, ingleichen die Minister, die obersten Hofhargen und die anderen zum Empfange An- wesenden. Hierauf schritten der Kaiser und der Prinz Regent die Front der aufgestellten Ehren-Compagnie ab und begaben Sich dann in den Fürstensalon, wo ein kurzer Cercle stattfand.

Alsdann erfolgte in einem sechsspännigen offenen Gala- wagen, in welchem der Prinz-Regent zur Seite des Kaisers Play genommen hatte und welchen die Ehreneskorte be- gleitete, die Abfahrt vom Fürstensalon. Am Portal des Bahn-

o/s empfingen sämmtlihe Sängervereine Münchens Se.

iajestät den Kaiser mit dem Sängergruß und mit Lachner's „Macte Imperator.“ Der Ober-Bürgermeister von Wiedenmayr überbrachte den Willkommengruß der Stadt. Nachdem Se. Majestät der Kaiser Seinen Dank für den s{önen Empfang ausgesprochen hatte, sangen die Sängervereine „Heil Dir im Siegerkranz“, und die großen Volksmassen, welche den weiten, durch elektrishes und bengalishes Licht tageshell erleuchteten Play anfüllten, stimmten ein. Auf dem ganzen weiteren Wege von der prachtvollen Ehrenpforte am Bahnhof an, die Triumphstraße entlang bis zur Residenz bildeten die Vereine Spalier, die aufgestellten zahlreihen Musikcorps spielten, alle Häuser waren glänzend illuminirt, und aus den dichten Volks- massen, welche die ganze lange Triumphstraße anjüllten, er- tônten ununterbrochen stürmische jubelnde Zurufe.

Am Marximilians-Play war ein Triumphbogen errichtet mit der Fnschrift: „Salve Imperator“; das Thor des Hof- gartens war mit Herbstfrühten und Eichenguirlanden kunst- voll ges{mückt und von einer prachtvollen Krone überragt. Fm Vestibül des Residenzshlosses empfingen die obersten go Hartschiere und Pagen Se. Majestät den Kaiser. Jm Thronsaal wurde Allerhöchst- derselbe von Jhrer Majestät der Königin-Mutter und von jämmtlichen Prinzessinnen begrüßt. Jnzwischen sammelten sich alle Viilitär-Musikcorps der Hauptstadt, in Zügen® mit farbigen Lampions heranziehend, auf dem Hofgarten-Rondel. Dieselben trugen zunächst Weber's „Jubel: Ouverture“ vor, die in der Nationalhymne ausklang, in welche das nah vielen Tausenden zählende Publikum begeistert einstimmte; dann folgte ein Fackeltanz von Meyerbeer und Wagner's Kaisermarsch. Die hierauf folgende „Wacht am Rhein“ wurde wiederum von der begeisterten Menge mitgesungen ; den Schluß bildete ein großer Zapfenstreich. Se. Majestät der Kaiser erschien wiederholt neben Sr. Königlichen Hoheit dem Prinz-Regenten am offenen Fenster und dankte, ste1s mit begeistertem Jubel begrüßt. Auf dem Residenzshloß weht die Kaiserstandarte. Sämmtliche Zeitungen bringen heute Abend Festartikel. E

2. Oktober. Nach dem Zapfenstreih fand gestern Abend im „Trierer Saal“ des Residenzshlo}sses ein Gala- Souper statt, an welhem Se. Majestät der Kaiser, die Mitglieder des Königlichen und des Herzoglichen Hauses, sowie der Prinz Ernst von Sachsen-Meiningen theilnahmen. Se. Majestät führte Jhre Majestät die Königin-Mutter.

Heute Vormittag wird der Kaiser die drei gegenwärtig hier stattfindenden Ausfiellungen besuchen, darauf eine Rund- fahrt durch die festlih geshmüdckte Stadt unternehmen und \ich sodann nach S@&loß Nymphenburg* zu einem Besuch der Kö- nigin Jsabella, der Prinzessin Adalbert sowie der Prinzen Ludwig Ferdinand und Alfons begeben. :

Hinsichtlih der Bestimmung des §. 6 Z. 3 des Reichs- geseßzes vom 9. Januar 1886, betreffend das Urheberreht an Werken der bildenden Künste, wona die Nachbildung von Werken der bildenden Künste, welhe auf ode: an Straßen oder öffentlichen Pläßen bleibend ih befinden, als verbotene Natbildung nicht anzusehen ist, wenn sie nicht in derselben Kunstform erfolgt ist, hat das Reichsgericht, I, Strafsenat, durch Urtheil vom 20. Juni d. J. ausge- sprochen, daß den Worten „in derselben Kunsiform“ ein weiterer Sinn insofern beizulegen is, als überall da eine besondere Kunstform angenommen werden muß, wo der im Originalkunstwerk enthaltene künstlerishe Gedanke in wesent- lih verschiedener Weise seiner äußeren Erscheinung nah, bei- spielsweise die Nachbildung eines Originalgemäldes in einer Zeihnung, einer Statue* im Relief, gleichviel ob dur das- selbe Kunstverfahren oder durh ein anderes zum Ausdruck gebracht wird.

Jn einer Rekursentsheidung vom 25. Juni 1888 (Nr. 569) hat das Reichs-Versicherungsamt gegenüber dem entgegengeseßten Vorbringen des Berufsgenossenschafts- vorstandes ausgesprochen, daß der durch einen Betriebsunfall herbeigeführte Verlust eines Auges sich als eine Minderung der Erwerbsfähigkeit darstellt. Es is davon auszugehen, daß es eine große Zahl von lohnenden Arbeiten giebt, bei deren Ausführung (insbesondere in Folge Abspringens von Splittern u. \. w.) das unverlezt gebliebene Auge in hohem Maße ge- fährdet sein würde, und daß demzufolge Einäugige, um die Gefahr des völligen Verlustes ihrer Erwerbsfähigkeit dur Verlust auch des anderen Auges thunlichst zu verringern, sich vernünftiger Weise gezwungen sehen, Arbeiten dieser Art nicht zu verrichten. Gleichzcitig wurde ausgesprochen, daß das Maß der verbliebenen Erwerbsfähigkeit der Beurtheilung des Einzelfalls unterliege, daß aber dabei der nah dem Unfall thatsählih gezahlte Lohn nicht entscheidend sei, weil dieser nah oben wie nah unten von Zufälligkeiten abhängen könne und auch keine Gewähr der Fortdauer biete. (Vergleiche die Entscheidung 568 und die daselbst angeführten ferneren Ent- scheidungen.) .

Eine minderjährige Arbeiterin hatte durch einen Betriebsunfall ein Stück des ersten Gliedes des vierten Fingers der linken Hand verloren. Nach einem in der Rekurs- instanz erstatteten Kreisphysikatsgutahten is von dem Nagel- gliede jenes Fingers nur das Gelenkköpfhen noch vorhanden, dasselbe ist aftiv und passiv völlig unbeweglih, fest mit dem zweiten Gliede verwachsen, und daher der Zustand dem gänz- lihen Verlust des Nagelgliedes gleich zu achten. Beim Schließen der Hand bleibt das Ende des zweiten Fingergliedes etwa 11/2 cm von der inneren Handflähe entfernt. Jm Vebrigen sind die Bewegungen des betreffenden Fingers im ersten und zweiten Gelenk in jeder Richtung unbehindert, an den übrigen Fingern der linken Hand ist nichts

Krankhaftes zu bemerken. Die Genossenschastsinstanz und das Schiedsgericht hatten nah Abschluß des Heilverfahrens der Verletten eine Entschädigung niht mehr gewährt, da der Unfall eine wesentliche Verminderung der Erwerbsfähigkeit niht zur Folge gehabt habe. Auf erhobenen Rekurs hin hat das Reichs-Versicherungsarat O der Klägerin dur Entscheidung vom 2. Juli 1888 (Nr. 570) eine Rente von zehn Prozent derjenigen für völlige Erwerbsunfähigkeit ge- währt, und dazu ausgeführt: Die vorliegende, in die Augen fallende Verstümmelung eines Fingers führt bei Perjonen weiblichen Geschlechts, welche, wie die Klägerin, auf die Gewandtheit und ungehinderte Brauchbarkeit und Beweglichkeit aller Finger zu ihrem Erwerbe angewiesen sind, eine Ver- minderung der Erwerbsfähigkeit herbei. Auch ist zu berück- sichtigen, daß die, wenn auh geringfügige Entstellung der Hand, welche durch einen derartigen Unfall cintritt, dem späteren Fortkommen von Personen weiblihen Geschlechts als Dienstboten bei Kindern, als Köchinnen 2c., leicht hinderlih in den Weg tritt. Diesen Umständen mußte auch im vor- liegenden Falle durch die Gewährung einer Rente Rechnung getragen werden. (Vergleiche die Rekursentsheidungen 211 und 249, „Amtliche Nachrichten des R.-V.-A.““ 1886 Seite 251 und 1887 Seite 9.)

Dem Landkreise Bromberg, welcher den Bau von Chausseen: 1) von der Haltestelle Strehlau der ne linie Schneidemühl—Bromberg über Grünberg, Neuheim bis Woynowo, 2) von Fordon durch die Weichselniederung bis Trensalz beschlossen hat, ist durch Allerhöchste Ordre vom 24. August d. J. das Enteignungsreht für die zu diesen Chausseen erforderlichen Grundstücke sowie gegen Uebernahme der künftigen chausseemäßigen Unterhaltung der Straßen, das Recht zur Erhebung des Chausseegeldes auf denselben nah den Bestimmungen des Chausseegeld-Tarifs vom 29. Februar

1840 (Ges.-S. S. 94 ff.) einschließlich der in demselben ent- -

haltenen Bestimmungen über die Befreiungen sowie der sonstigen, die Erhebung betreffenden zusäßlihen Vorschriften vorbehaltlich der Abänderung der sämmtlichen voraufge- führten Bestimmungen verliehen. Auch sollen die dem Chausseegeldtarife vom 29. Februar 1840 angehängten Be- stimmungen wegen der Chaussee-Polizeivergehen auf die ge- dachten Straßen zur Anwendung kommen.

Zugleich ist den Kreistagsbeschlüssen vom 22, August 1885, 26. Februar und 20. August 1887 sowie 4. April d. J. soweit dieselben die Aufbringung der Mittel zum Bau und zur künftigen Unterhaltung der vorbezeichneten Chausseen, einshließlch der Umwandlung der Eisenbahnhalte- stelle Strehlau in eine Güterladestelle betreffen, die Allerhöchste Genehmigung ertheilt worden.

Der Wirkliche Geheime Ober-Regierungs-Rath a. D. Dr. Ludwig Hahn is am 30. v. M. hierselbst ver- storden. Derselbe hat sich sowohl durch seine lang- jährige Wirksamkeit als vortragender Rath im Ministe- rium des Fnnern, aus welhem er im Jahre 1882 wegen Krankheit schied, wie dur seine literarishe Thätigkeit, als von echtem Patriotismus erfüllter Geschichtsschreiber der neuesten Zeit, bleibende Verdienste erworben, denen auch die äußeren Zeichen Allerhöchster Anerkennung nicht gefehlt haben.

Der Königliche Gesandte beim Pöpstlißen Stuhl, Wirkliche Geheime Rath von Schloezer, ist von dem ihm Allerhöchst bewilligten Urlaub nach Rom zurückgekehrt und hat die Geschäfte der dortigen Gesandtschaft wieder über- nommen.

Der Kaiserliche Gesandte am Königlih \{wedis{ch- norwegischen Hofe, Busch, ist von dem ihm Allerhöchst bewilligten Urlaube nah Steckholm zurückgekehrt und hat die Geschäfte der dortigen Gesandtschaft wieder übernommen.

Kiel, 1. Oktober. (W. T. B.) Jhre Majestät die Kaiserin Friedrich ist heute Abend 93/, Uhr hier ein- getroffen, von Jhren Königlichen Hoheiten dem Prinzen und der Prinzessin Heinrich am Bahnhofe empfangen und nah tem Königlichen Schlosse geleitet worden.

Sachsen. Dresden, 1. Oktober. (Dr. J.) Der König und die Königin sind gestern Abend vom Jagdhause Rehe- feld in der Königlihen Villa zu Strehlen wieder ein- getroffen.

Lippe. Detmold, 30. September. (Hann. Cour.) Das „Amtsblatt“ veröffentlicht folgenden Für stlihen Erlaß:

„Nachdem Se. Majestät der Kaiser mi verlassen bat, kfonn ih nit unterlassen, der Residenz und dem ganzen Laute, sowie Allen, die gekommen waren, dem Kaiser zu huldigen meinen wärmsten Vank auszufprewen für die patriotische Haltung und die taktrole, würdige Art und Weise des Verhaltens. Be'onders dem hiesigen Comité, den Vebörden und Korporationen danke ih für ibre grofe Tkâtigkeit und Ausdauer.

Se. Majestät war aufs Hödste überrascht und freudig bewegt und spra Sich mehrfach darüber aus, wie sehr Ibm das Auftreten des libpeshen Volks gefalle. Es macht mir eine besondere Freude, dics ¿fentlih aussprechen zu können,“

Oesterreich - Ungarn. Wien, 1. Oktober. (W. T. B.) Zur Ankunft Sr. Majestät des Kaisers Wilhelm rücken die Truppen der Garnison unter dem Kommando des FML. Zambaur und General-Majors Thyr aus. Die Ehren-Com- pagnie stellt das Jnfanterie-Regiment Kaiser Wilhelm I. Auf Befehl des Kaisers haben während der Anwesenheit des Deut- schen Kaisers die Offiziere, Militärbeamten 2c. in und außer Dienst mit der Parade-Kopfbedeckung und die Mannschaften in Parade-Uniform zu erscheinen.

Der Kronprinz von Dänemark ist gestern Abend hier eingetroffen und im Hotel Jmperial abgestiegen.

Nach einer Meldung aus Misfolcz hat der Prinz von Wales heute den Uebungen seines daselbst garnisoniren den Regiments beigewohnt.

2. Oktober. (W. T. B.) Der Prinz von Wales hat anläßlich der Besichtigung des jeinen Namen tragenden Husaren-Regiments in Miskolcz ein Tel e- gramm an den Kaiser gerihtet, in welhem er dem- selben nohmals für die Ernennung zum Oberst-Fnhaber des Regiments dankt. Der Kaiser antwortete: er sei erfreut, daß der Prinz mit dem Regiment zufrieden gewesen sei, und daß das Regiment sih des Namens, den es zu tragen die Ehre hat, würdig gezeigt habe.

Pest, 29. September. (Presse.) Der Reichstag wird sih in seiner nähsten Session mit mehreren wichtigen Ge seßt - entwürfen zu beshäftigen haben. Die Regierung wird, nach der „Bud. Corr.“, fofort nah Zusammentritt des Reichstages

die bereits endgültig festgestellten Gesezentwürfe dem Abgeord- netenhause unterbreiten. Unter diesen werden ih in erster Reihe zwei vom Honved-Minister, Baron Fejervary, einzu- reihende Geseßentwürfe befinden, deren erster sih auf das Wehrgeseß, der zweite auf die Honvedschaft be- ziehen wird. Jedenfalls wird im österreichischen Parlament gleichzeitig neben dem neuen Wehrgeseß auch der Entwurf eines neuen Landwehrgesezes unterbreitet werden. Die Rekrutirung wird in Zukunft niht im 20., sondern im 21. Lebensjahre der Wehrpflichtigen beginnen. Die Jnstitution der Einjährig-Freiwilligen wird eine Beschränkung erfahren.

Agram, 1. Oktober. (W. T. B.) Die feierliche Eröffnung der hiesigen deutschen protestantischen Volksschule hat heute unter Theilnahme von Vertretern der Militär- und Civilbehörden stattgefunden.

Frankreih. Paris, 1. Oktober. (W. T. B.) Wie aus Doputirtenkreisen verlautet, ist zwischen dem Kriegs-

Minister Freycinet und dem Berichterstatter für das Kriegsbudget ein vollständiges Ein-

vernehmen erzielt worden. Der Minister hat si mit einem Abstrich von weiteren 6 Millionen, welche die Budgetposten für Montirung, Remonte und Pulver betreffen, einverstanden erklärt. Dagegen hat der Marine- Minister Krang in einem Schreiben an die Budgets kommission die von ihm geforderten Kredite aufre{t er- halten und dabei bemerkt, daß es ihm schon fraglih sei, ob die bereits zugestandenen Nachlässe an dem ursprünglichen Marinebudget sih mit seiner Pfliht gegen das Land und die Marine vertrügen.

_ Spanien. San Sebastian, 2. Oktober. (W. T. B.) Die Königin-Regentin hat heute mit dem König Alfons die Rückreise nah Madrid angetreten.

Türkei. Konstantinopel, 30. September. (Prag. Abdbl.) Die rusfishen Großfürsten Seragius und Paul sind gestern abgereist. Die Adjutanten des Sultans, Achmed Pascha, Vabi Riza Pascha, Kenan Bey und Sadigq-Bey gaben ihnen das Geleit. Jn Folge eines eben erschienenen Jrades begiebt sich Fuad Pascha nach Livadia, um daselbst den Cza ren im Austrage des Sultans zu begrüßen.

Dänemark. Kopenhagen, 1. Oktober. (W. T. B.) Der Reichstag ist heute ohne Thronrede eröffnet worden. Bei der Präsidentenwahl wurden in beiden Kammern die bis- herigen Mitglieder der Präsidien wiedergewählt.

2. Oktober. (W. T. B.) Dem Folkething wird heute vom Finanz-Minister ein Antrag zu dem Finanz- gesetz für das Etatsjahr vom 1. April 1889 bis 31. März 1890 vorgelegt. Die Gesammteinnahme wird auf 54 542 043 Kr. und die Ausgabe auf 57 884 287 Kr. geshägt. Es ergiebt si also ein Defizit von 3342244 Kr., das aber, in Anbetracht des großen Kassenbestandes des Staats von ca. 60 000 000 Kr. und des Reservefonds von ca. 18 000 000 Kr., nicht als bedeutend angesehen werden fann.

Zeitungsftimmen.

Zur Reise Sr. Majestät des Kaisers schreibt das „Fra nk- furter Journal“:

Als der erste Kaiser, dem die Herrsherwürde dur Geburt zuge- fallen ift, übersbreitet Wilhelm IT1. die Mainlinie, die, Dank sei es der Festigkeit und weisen Mäßigung seines unverglei{lihen Groß- vaters, für alle Zeiten aufgehört hat, deuts&e Stämme und Länder zu trernen. Unweit unserer alten Kaiserstadt, die ebenso warm süddeutsch als treu preußisch empfindet, seßt er zuerst den Fuß auf süddeutshen Boden, und wenn er weiterzicht nah den Hügeln und Thâlern Oberdeutschlands, dann mag der Begrüßungs- jubel der Hessen, Schwaben, Alemannen und Bayern es ihm sagen, daß der kunstvoll gefertigte Bau des neuen deutschen Hauses auf einem überall gleich festen Fundament ruht, auf der Treue zu Kaiser und Reich, auf der unausrottbar festgewurzelten Einsicht, daß beim Kaiser und nur beim Kaiser der Hort aller nationalen Schätze zu finden ist. Verweilte der Kaiser in Frankfurt, er würde erkennen, wie die wunderbaren Wandlungen der leßten zwei Jahrzebnte auch am einstmaligen Siß des Bundestages das Denken und Füblen be- ri&tigt haben. Des Vershwindens ihrer republikanischen Verfassung gedenkt die fönigêstreue Stadt wie cincs geshich{tlich nothwendigen Verlaufs, und wie glücklih preist sie sid, nit mehr eine Ver- fammlung beherbergen zu müssen, die von den fremden Mächten eingeseßt war, um die vielhunder!jährige deutshe Schande zu verewigen. Frankfurt ist sich bewußt, als ein edelstes Kleinod in der Krone des Kaisers zu glänzen, in ihm lebt aber auch die dankbare Erkenntniß, daß die Strahlen, die von dieser Krone aus- gehen, es mit einem helleren Glanz umgeben, als es sich selbst und als der Bundeêtag ihm verleihen konnten. Herrlich ift unser Ge- meinwesen, seit es dem großen Staate angehört, emporgeblüht, und wenn Kaiser Wilhelm die boben Hallen des Bahnhofes, wenn er unsere großartigen Anlagen für die Schiffahrt erblickt , dann mag er si mit ftolzer Genugthuung sagen, daß die Hohenzollern die Kaiser- stadt am Main weit mächtiger gefördert haben als die alten Kaiser mit allem ibrem Krönungéprunk. Und wie Frankfurt ist ganz Süd- deutshland froh des nie geahnten Schaffensmuths und der Schaffens- fraft, wel(e alle deutsden Stämme dem preußischen Einigungêwerke zu danken baben. Mag Kaiser Wilhelm auf seiner Südlandsfahrt andere Flaggen als die seines Hauses flattern sehen, über allen weht als jedem Deutschen beiliges Symbol das Banner des neuen Reichs, und in allen Herzen nährt die deutsche Treue die Treue zum engeren Vaterlande. Gerade in Süddeu:schland hat der mit männlicher Ent- \hiedenheit verkündete Entschluß des Kaisers, das Werk feines Groß- vaters gegen alle offenen und beimlichen Feinde bis zum leßten Bluts- tropfen zu vertheidigen, den stärksten Widerhaü gefunden, und feine Reise wird ihm die frohe Ueberzeugung bringen, daß sich das ganze deutsbe Volk in diesem Entschluß eins mit ihm weiß, und daß es Wahrheit ist und Wahrheit bleiben wird, was unser stolzer Einheitsruf verkündet: Vom Fels zum Meer.

Der „Staats-Anzeiger für Württemberg“ schreibt : ; : /

Die Festtage des Kaiserbesu&s liegen hinter uns, aber der mächtige Eindruck dieser {önen Stunden, die wir erleben durften, wird not lange in den Herzen nahklingen. Wieder wie in früheren Jahren haben wir einen Deutschen Kaiser an der Seite un?eres ge- liebten Königs im Herzen des Schwabenlandes begrüßen dürfen und das sihtbare Zeugniß der Treue und Freundschaft der verbündeten Fürsten Deutschlands und damit der Einheit und Stärke des Reis vor Augen gchabt. Der ehrwürdige Held, dem früher an ‘solhen festliben Tagen das s{chwäbische Volk zugejubelt, ist ins Grab gestiegen. Wir haben eine jugendlihe Gestalt an der Seite unseres Königs gesehen, den Enkel, der nah {weren Schicksalsshlägen den Thron seines Vaters und Großpvaters bestiegen hat. Wir baben mit eigenen Augen geschaut, wel perzliche Freundschaft unsern König und sein ganzes Königliches Haus auch mit dem jungen Kaiser verbündet, und alle patriotishen Herzen hat dieser Anblick mit freudiger Begeisterung und vollem Vertrauen auf die Zukunft des deutshen Vaterlandes und das Woblergehen unserer jchwäbishen Heimath erfüllt. Aus den Trinksprüchen der beiden

Monarchen kliagt es keraus, daß der Kaiscrliße Besub dem Herzen unseres theueren Königs woblgethan und daß wiederum die Herzlichkeit des Empfanges, welcher dem Kaiser von unserem Königshause wie von der Stadt und vom ganzen Lande zu Theil wurde, den Kaiserlihen Gaft gerührt und tief bewegt hat. Der Kaiser bekennt sich zu einer hohen Meinung von dem \{chwäbischen Volke und ehrt uns aufs Höchste, wenn er mit einem gewissen Stolz daran erinnert, daß s{wäbisches Blut aub in seinen Adern rollt. Wir können Ihm dagegen nur versichern, daß in diesen Tagen überall, in allen Schibten unseres patriotisben Volkes, bei Hoch und Nieder, Alt und Jung, eine einmütbige hochgehende Be- geisterung für den deuts{gesinnten ritterlihen Monarchen zum Aus- druck gekommen ist und daß, wie er sich in Anbänglihkeit zu uns wendet, auch unfer gesammtes Volk wie fein Herrscher, Ihm von treuem Herzen zugethan it. :

Dank aber, innigen Dank fagen wir beute Sr. Majestät unserem geliebten König, der troy seines leidenden Zustandes mit freudiger Gastfreundschaft den Mükben, die ein so hoher Besuch auferlegt, selbst fi unterzogen hat. Sein treues Volk dankt Ihm dafür, die warmen Ovationen, die Ihm in diesen Tagen entgegenget-radt wurden, haben aufs Neue dem geliebten König bewiesen, daß Ihm, wo er si zeigt, treue Herzen entgegens{lagen. Möge der gütige Gott die theure dir an des allgeliebten Königs stärken und Ihn uns no& lange erbalten!

Jn einem Brief der „St. Petersburger Zei- tung“ aus Deutschland heißt es:

Kaiser Wilhelm 1I. hat seine Reife na dem Süden angetreten. Sie verspricht in jeder Beziehung ein Seitenstück zu werden zu seiner nordischen Fahrt. Aber während bisher wesentlich der Besuch in Wien und Rom mit dem Doppclziel: Quirinal und Vatikan die Aufmerksamkeit in Anspruch nahm, gewinnt gerade in Folge der Ver- öffcnilihung aus dem Tagebuch feines Vaters die Rei'e an die süd- deutschen Höfe gesteigerte Bedeutung. Wenn die deutshen Fürsten nah den s{weren Scicksalsschlägen, die das Haus der ÖDobhen- zollern, Preußen, das Reih im Frühjabr und Sommer d. F. ge- troffen haben, sich so eifru um den jungen Kaijer schaarten, und dadur bekundéten, wie sie fest ents&lofen seien, an der Einigung, die ibr Symbol in der Kaiserkrone findet, festzuhalten, so ift dieser Besu in Karlêrube, Stuttgart, München mebr als ein bloßer Höflichkeits8akt, er ist eine politische That, die bekundet, daß wie die Fürsten so au der Kaiser ents{lofsen ist, an den fundamentalen Prinzipien festzuhalten, auf denen jene Einigung beruht. Diese ist so fest geworden, daß der Partikularis- mus, der Deutschland Jahrbunderte lang so {wer geschädigt bat, als überwunden gelten darf, nicht bloß weil Verträge die Fürsten und Stämme verbünden, sondern weil gerade in jenen Zeiten, von denen die Tagebucblätter berichten, die Leiter der deutschen Politik das Vertrauen der Fürsten und Stämme gewonnen haben, ohne das staatlide Organifationen nicht bestehen kör nen. Und nichts ift seither geschehen, was dies Vertrauen erschüttern könnte.

Der „Hamburgische Correspondent“ erhält folgenden Brief seines St. Petersburger Korrespondenten über „die russische Presse und das Tagebuch Kaiser Friedrich's“:

Die in der „Deutschen Rundschbau* erfolgte Veröffentlichung von Bruchstücken aus dem angeblichen Tagebuch des ehemaligen Kronprinzen Friedri Wilbelm bat ihre offenbar beabsihtigte Wirkung, was Rußland anbetrifft, ganz und gar verfeßlt. Jn den besonnenen und politis&- reifen Kreisen, namentlich aber in den Reibea unserer deutschfreund- lihen Politiker bat diese Veröffentlichung, die erst durch die Berli.er liberalen Zeitungen gleichzeitig mit den Kommentaren der letzteren vorgestern in St. Petersburg bekannt geworden ist, geradezu peinlih berührt. Die deutshe „St. Petersburger Zeitung“ giebt nur der Stimmung weitester Kreise Ausdruck, wenn sie die Veröffentlichung als „verfrüht®" bezeihnet und hervorhebt, daß sie wie cine „\chwere Indiskretion“ wirken müsse, zumal die Parteileidenschafst neue Nahrung erhalten, das Ansehen Deutschlands durch man(e Stellen geschädigt werden und namentlich der Bayern und die Haltung König Ludwig's gegenüber der Kaiserfrage betreffende Passus verleßzend wirken würde. Dieser Ansicht sind indeß niht nur die rußigen und dem Deutschen Reich freundlich ge- sinnten Politiker: ibr huldigen auch die Siavopbilen!! Das sollte man eigentlih nicht erwarten, aber es ist denno der Fall, und ein Blick in die führenden Blätter unferer Nationalisten beweist, soweit dieselben zur Sade bereits Stellung genommen haben, daß die !chöône Gestalt Kaiser Friedrih's in den Augen gerade seiner bisherigen cifrigsten russisden Lobre drer durch die Bekanntgabe der Btucbstücke aus scinem Tagebuch nicht gewonnen hat. Charakteristisd für die Stellungnahme der „Nowoje Wremja“ und damit auc aller binter ihr stehenden Kreise ist z. B., daß das Hauptorzan der Slavovbilen heute fol- gender Verliner Privatdepesce unverkürzte Aufnahme gewährt : „Die mit en l’etäugeinden Preforgane in Deutschland sind in bellen Jubel ausgebrocen beim Erscheinen des apokryphen Tagebus des verstorbenen deutschen Kaisers, welher nah diesem Tagebuche während des ganzen deuts-französfisden Krieges nichts weiter gedacht haben soll, als wie man dem Deutscen Reibe „eine freibeitlide Organi- sation* geben könne, und welcher sich angeblich auf fliegenden Blättern seines Tagebucbs vershworen hat, diese „Freiheit der Orga- nisation“ in der Folge zu verwirklichen, wobei er sih selbst den erften Kaiser nennt, der dem Volke mit aufrihtiger Ergebenheit an die Ver- fassung entgegentreten werde. Ueber feinen Vater, oden Kaiser Wilbelm I, läßt man den Verfasser des Tagebuhs schreiben, derselbe könne sich gar nicht vorstellen, daß sich in Deutschland eine dauernde Einigkeit erhalten könnte. Liese und viele andere Phrasen, die besagen sollen, daß die Einigung Deutschlands und die Erricbtung des Deutschen Reiches sich nach den Ideen des damaligen Krorprinzen voll:ogen hbâtlen und eigentli das Werk feiner

ände wären, während Fürst Bismarck sich durch Allotria die

eit vertrieben habe diese Phrasen sind von der gesammten liberalen Presse aufgegriffen und breitgetreten worden. Ja, die leßtere fist mit kaum glaubliber Frechheit so weit gegangen, daß fie zu verbreiten begornen bat, die wichtigsten historisden Er- eignisse seien bis jet in gänzlich falschem Lichte dargestellt worden, und daß sie hieraus den Sluß zieht, die Verwirklihung der „frei- heitlihen Organisation“ müfse nunmehr erfolgen. Die Erklärung, daß das Tagebuch wenigstens theilweise gefälsht sei, hat eine rer- blüffende und niederschmetternde Wirkung ausgeübt. Die ganze jüdis- liberale Presse war auf den Leim gegangen und hat dadur eigen- bändig nicht nur ihre grenzenlo)e Frechheit, sondern auch tbhre Unwissenheit und ihre ganze Dummheit bezeugt.“ :

So der Berliner Korrespondent der antisemitischen „Nowoje Wremja“, dessen Bemerkungen an Deutlichkeit nihts zu wünschen Übrig lassen. Das Blatt des Herrn Ssuworin selbst giebt unter be- fonderem Titel einen ungemein kurzen Auszug aus dem sogenannten „Tagebuche“ und leitet diese seine Skizze des Inhalts desselben u. A. mit folgenden Sätzen ein: „In diesen Tagebuh-Bruchstücken zeichnet der ehemalige Kronprinz si selbst in einem so wenig anmuthenden Lihhte, daß man annehmen muß, die willkürlihen Auszüge aus dem Manuskript des Tagebuchs seien durch Zusäße ver- dorben worden, welche das Original bis zur Unkenntlichkeit verändert baben.“ Alsdann rügt die „Nowoje Wremja“, daß die eNowosti“ dieses „gefälschte oder apokrypbe Tagebuh* in extenso abgedruckt und dasselbe flir echt erklärt baben. Und in der That, die „Nowosti*, ein dem „Herold“ geistesverwandtes Blatt, das stets in das'elbe Horn bläft wie die deutsche freisinnige Presse, sind die einzige Zeitung, welche bisher eine ähnliche Auffassung binsichtlich des Tagebuchs verlautbart hat, wie sie zum Theil Seitens der Opposition in Preußen laut geworden ist. Selbst die „St. Peters- burger Wijedomosti“ vermögen aus der Veröffentlihung des Tagebuchs Kaiser Friedrih's nichts der Opposition Günstiges zu entnehmen; für dieses Vlatt hat nur Werth, was Deutsch- land schaden könnte, und deshalb begnügt es sih auch in seiner furzen Besprehung des „Ereignisses“, mit denkcar deutlichfter Schadenfreude darauf hinzuweisen, welche tiefgehenden Gegensätze und

S E.

Widersprübe zwishen dem damaligen Kronprinzen von Preußen und dem Grafen Bismarck geherrs{ht hätten. Alles in Allem also hat die Veröffentlihung der „Deutschen Rundshaxu*“ in den Augen der Ruffen weder dem Gedächtniß des Kaisers Friedrib noch dem An- sehen der deutshen Politif genüßt; im Gegentheil, die Bemerkungen der „St. Petersburger Wjedomoîti“ allein tewzisen hon, wie fehr einige indisfrete Stellen im Tagebuch geeignet sind, von den Feinden Deutschlands zur Herabsetzung desselben ausgebeutet zu werden.

Kunft, Wissenschaft und Literatur.

Sißungsberichte der Königlich preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Berlin, Verlag d. Ak. d. W.; in Kommission bei Georg Reimer. Heft 27, 28, 29 des Jahrgangs 1888 enthält die Protokolle der Sesammtsitzung vom 7. Iuni fowie der Sitzungen der pbysikalish-mathematisben und der phbilofophisch- distorishen Klafse vom 14. Juni d. I. In der Gesammtsizung am 7. Juni las Hr. Lehmann über das von dem Freiherrn von Stein auf dem Wiener Kongreß geführte TagebuG Ferner wurde in der Siturg u. mitgetheilt, daß die pbysifalish - mathe- matische Klasse der Afademie zur Auéfübrung wissenschait- liher Arbeiten bewilligt hat: 1500 A Hrn. Rammel!sberg zur Beschaffung des Materials behufs Fortseßung seiner Unter- sfubungen über das Palladium; 1509 A für den Dozenten an der biesigen Universität, Hrn. Dr. B. Weinstein, zur Fortführung seiner Bearbeitung von Erdstrom- Beobachtungen; 4009 Æ für den Do- zenten an der biesigen Universität, Hrn. Dr. Thir, für eine Neisse na Java zum Studium der Secret-Behälter sowie der Genese und Bedeutung der Secrete bei den secretreihen tropisben Pflanzen; 1000 Æ für Hrn. Dr M. von Lendenfeld auf Neudorf in Steiermark zu Untersuchungen über die Leberêvergänge der Spongien auf der Zoologischen Station tin Triest; 900 A für Hrn Dr. B. Rawiß bierselbst zu Untersuchungen über den Mantelrand der Acepbalen auf der Zoologishen Station in Neapel; 800 M für Hrn. Dr. O. Zacharias in Hirschberg i. Sl. zur Fortseßung seiner Erforshung der wirbel- losen Fauna der norddeutsh2zn Gewässer. In der Sißzung der pbysikalisch- mathematischen Klasse, am 14. Juni d. I., trug der Vor- sitende, Hr. Dr. Auwers, einen dritten Theil seiner neuen Unter- fubungen über den Sonnendur{mefsec vor. Dieselben betrafen Maskelvne’'s Beobabtungen am Pafssageninstrument. Die erît für den Zeitraum von 1765 bis 1786 dur{geführte Untersubung wird, nach Auëdebnung auf den Rest der Maskelyne'!chen Beoba®tungsreibe in den Sitßungsberihten mitgetbeilt werden. În der Sitzung der philosophisch-bistorisben Klase, an dem!elben Taae, las Hr. Sahau: Indo-arabisch2 Studien zur Aussprache und Geschidbte des Indischen in der ersten Hilfte des 4. Jahrhunderts. Die Abkandlung wird in den Denk'chriften der Akademie erscheinen. Hr. LÆbmann las über drei ungedruckte Schriften Friedrib's des Großen. In Heft 30 wird mitgetheilt, daß in der Gesammtsitzung vom 21. Juni Hr. Vir{ow über die egyptischen Königsmumien im Museum ¿u Bulag gelesen hat.

Im Verlage der Möser’schben HofbuHkandlung bierselbit ersien soeben: „Das preußishe Königthum und Kaiser Wil- belm T.*, eine biftoris{-politisch: Studie von Dr. Hermann Klee. Der Verfasser, von welchem früber „Grundzüge einer Aesthetik nah Scopenhauer“ und „Fürst Biêämarck und unsere Zeit“ veröffentlicht wurden, unternimmt es in seinem jegigen Weike, zunächst Wesen und Bedeutung des Königthurms sowie dessen Aufgaben gegenüber der Gesell- schaft festzustellen und sodann in einem geschichtlichen, dur die letzten Jahrhunderte bindurchgeführten Ueberblick zu untersuben, wie es ih dieser Aufgabe entledigt bat: welcher Febler auf der einen Seite sch das französishe Königthum \chuldig gemaht und dadurch zu Grunde gerichtet, und welche großen Verdienste andererseits ih das preußische Königthum, speziell Kaiser Wilbelm I, um die

Gesellschaft erworben hat. Der Verfasser sagt in der Vorrede u. A. :

„Die Gegenwart bat ein Recht darauf, nicht nur die Früchte seines Schaffens in Beschaulichkeit zu genießen, fondern aub sh darüber klar zu werden, in welhem Geiîte der große Kaiser unter uns gelebt und gewirkt bat: auch die &egenwart kann und foll für die Aufgaben, die ihr geworden, aus dem Geiste, der aus des Kaisers Hand- lungen hbervorleuhtet, Gewinn ziehen; cs ist das nit nur ibr Recbt, sondern auch ihre Pfliht. Ueberdies is die Gefahr, welcbe ein Parteistandpunkt mit fich bringt, gerade hier that- sächlich cine geringe: denn was Kaiser Wilbelm gedacht, gewollt, ge- schaffen, liegt so flar und unzweideutig vor Aller Augen, ist mit großen Lettern so deutli in den Tafeln der Geschichte verzeihnet, daß dem subjektiven Ermessen hierbei nur wenig Spielraum verbleibt Aus dem Inhaltsverzeihniß führen wir nahhitehend die Haupt- abtheilungen an: Einleitung; Das Wesen des Königtbums; Zur Geschicte des Köntigtbums und der Gesellschaft; Kaiser Wilbelm und die nationale Idee; Kater Wilbelm und der Parlamentarismus ; Kaiser Wilhelm und der Soziali2mut; Kaiser Wilhelm, der Große; Die Aufgaben der Zukunft. Wir bemerken noch, daß der Ladenpreis des Werkes 3 H beträgt.

„Das Kasernenblümcchen“ von Carl Hecker, illustrirt von H. Stlitigen u. A. Stuttgact, Verlag von Carl Krabbe. (Pr. 2 A) Das Bach ist dem Gemüth eines Humoristen ent- sprofsen, deëselben, dessen im Vorjahre erschienene Novelettensamtim- iung: „Aus den Memoiren eines Ueutenants* ih einer freundlihzn Ausnahme bei Publikum und Kritik zu erfreuen hatte. Mit einem eleganten Stil verbindet der Verfasser die \{arfe Beobahtung und Kenntniß aller im militärisGen Leben sich abspielenden Vorgänge, die er nicht nur mit realistisher Treue, sondern au mit poetischer Empfindung schildert. Die Namen Schlittgen, Spever und Bergen bürgen für die Trefflichkeit der Illustrationen, mittelst deren die Ver- lagshandlung das „Kasfernenblümchen* zu einem fleinen Prahtwerk gestaltet hat.

Gewerbe und Handel.

Der Kongreß der Brennereibesizer von Ehstland, Livland und Kurland, welher am 22, v. M. in Reval versammelt war, bat dem rusfsishen „Regierungs- Anzeiger“ zufolze den einstimmigen Beschluß gefaßt, die Spiritusproduktion un 49 % zu ver- mindern.

Submissionen im Auslande.

I. Rumänien. 1) 29, Januar 1889, Kustendje. Stadtverwaltung. Bau einer Wasserleitung. II. Schweden und Norwegen. 2) 10. Oktober. Christiania. Direktion der Staatsbahnen. 162 Wagenasen, - : IIL, Spanten.

3) 24. Oktober. Dirección general de Administracion militar in Madrid. 1000 Mäntel für Scbildwaben. Voranschlag 22,20 Pe- setas für je einen Mantel. Näheres an Ort und Stelle.

IV. Ungarn.

4) 16. Oktober, Mittags. Pest. Direttion der Königlih unga- rischen Staatsbahnen. Lieferung der zum Bau der Neugradiska— Broder Eisenbahnlinien erforderlihen und noch nit sißergestellten 21 000 Eichen-Mittelshwellen ersten Ranges, von welchen 16 700 Stück in der Station Brod und 4300 Stück in Neugradiéka benötbigt werden. Kaution 95%. Näheres in der Erpcdition des „Reichs- Anzeigers*.

Verkehrs - Anftalten.

Die neue Winter-Ausgabe von Fischer's Berliner ABCe- Kursbuch, gültig vom 1. Oktober 1888 ab (Pr. 50 4) ging uns foeben von S. Fischer's Verlag, Berlin, zu. Die wiederum

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