1909 / 60 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

verwies darauf, daß die Regierung den Versuh erneuern werde, eine nationale Aubeinanderfegung auf dem wichtigsten Kampfgebiet in Böhmen herbeizuführen, daß sie zu diesem Zwe>ke die srbheren Gesegentwürfe wieder vorlegen würde, und daß fie fest entschlossen sei, die soziale Reform dem Kampfe der Parteien nicht zum Opfer fallen zu lassen. Der Redner erörterte dann das nächste Arbeits- programm des Reichsrats und betonte die Notwendigkeit einer rashen Erledigung des MNRekrutenkontingents, namentli weil angesihts der gegenwärtigen internationalen Lage keinen Augenbli> ein Zweifel entstehen dürfe an dec Fähigkeit der Monarchie, jederzeit entsprechend für ihre Macht- mittel vorzusorgen. Gr erörterte ferner die Notwendigkeit der Erledigung der Eisenbahnverstaatli<hungsvorlagen vor dem 31. März. Etne Verzögerung der Entscheidung über diese Frage wäre glei{hbcdeutend mit dem Fallenlafsen der begonnenen Ver- itaatlihungsaktion auf unabsehbare Zeit. Der Ministerpräsident betonte hierauf, daß die Regiecung namentli angesichts der Grfordernisse der militärischen Vorkehrungen aus den Kafsenkteständen Vorschüsse habe nehmen müssen, die nunmehr zurü>erstattet werden müßten, und rehtfertigte die Ausgabe von vierprozentigen Shaßscheinen, indem er darauf hinwies, daß die Regierung von der legislativen Be- willigung von Rentenemissionen im Betrage pon 220 Millionen pro- visoris< dur Emission von Schaßscheinen Gebrau<h gema<ht habe, wobet eine Ersparnis von 15—20 Millionen erzielt worden sei. Der Ministerpräsident erklärte weiter, daß die Regterung auf dem Stand- punkt stehe, daß sie keine Ursache habe, eine noGmalige legislative Beroilligung in Anspru< zu nehmen. Schließlich bat der Minister- präsident, der Regierung au in ihrer neuen Zusammenseßung wohl- wollende Unterstüßung zu gewähren. : A Nach der Wahl der Schriftführer sowie der ständigen und Spezialkommissionen rourde die Sißung geschlossen. Jm Einlaufe des Herrenhauses befindet sih ein Antrag des Fürsten Dietrichstein, in dem die Regierung auf- efordert wird, in den Jahren 1909 und 1910 je 500 000 D oonen für den Ankauf, Bau und Betrieb von Luft-

fahrzeugen zu fordern.

Rußland.

Die Reichsduma sehte gestern die Debatte über den Etat des Ministeriums des Jnnern fort. :

Nach dem Bericht des „W T. B.° äußerte der Abg. Markow (extrem re<ts) im Verlaufe der Diekussion, es sei notwendig, die Beamten des Ministeriums an ihre heiligste Pflicht zu erinnern, die Autokratie zu hügen. Von Beamten werde häufig bekauptet, ina Rußland bestehe keine Autok-catie, sondern eine Verfassung. Derartige Beamte gebe es hauptsähli<h in St. Petersburg, die Schuld hieran falle auf den Gouverneur des St. Peters- burger Gouvernements. In den Ausführungen einiger Vorredner seten Majestätsbeleidigungen enthalten gewesen; er spreche seine Ver- wunderung und das Bedauern darüber aus, daß sol<e Verbrechen im Dumasaal zugelassen würden. Diese Worte riefen stürmischen Beifall auf der reten Seite des Hauses, lärmende Zwishenrufe und Zischen [inks und îm Zentrum hervor. Nachdem Ruhe eingetreten war, erflärte der Präsident Chomjakow, daß, solange das jeßige Prä- fidium im Amte sei, eine Majestätöbeleidigung niemals zugelassen werden würde. Einer solchen habe sih jedo Markow in seiner Rede \{huldig gemacht. (Andauernder Beifall im Zentrum und links.)

Die extreme Rechte reihte daraufhin folgende Er- flärung ein: 7 i

Die Fraktion der extremen Rechten hat, da sie es für unzulässig erachtet, daß auf einem Dumoaabgeordneten die Beschuldigung der Majestätsbeleidigung lastet, beschlossen, den Justizminifter von dem Geschehenen in Kenntnis zu seßen, damit vor Gericht festgestellt werde, ob Markow eine Majestätsbe?eidigung begangen habe, wie der Präsident behauptet, oder nicht, wie die Fraktion annimmt.

Jn der Abendsißzung dex Duma wurde über eine an den Ainangminides gerihtete Jüterpellation wegen ungeseß-

iher Emission durh—-die Regierung garantierter Obligationen von Privateisenbahnen verhandelt.

In setner Antwort berief sih der Finanzminister Kokowtzow auf besondere persönlihe Anweisungen des Kaisers, er- klärte, die Angelegenheiten der Eisenbahngesellshaften mit Regierungésgarantien unterlägen ni<t der Kompetenz der Duma, und \<loß, er müsse annehmen, daß die Inter- pellation auf Unkenntnis der geseßlihen Bestimmungen beruhe. Der Verkehrsminister Ruklow \<loß fh den Ausführungen des Finanzministers an. Hierauf erklärte der Vizepräsident Baron Meyendorff, er könne weitere Debatten über diese Interpellation nit zulafsen, da der Finanzminister sih auf persönliche Instruktionen des Kaisers berufen habe, die niht das Thema einer Verhandlunz der Duma fein dürften. Einem Protest des Abg. Miliukow erklärte Meyendorff ni<ht Folge geben zu können. f:

ierauf beantworiete der Justizminister das wegen des Markow-Zwischenfalls von der Extremen Nehten an ihn gerichtete Schreiben. ) E E lun unter Anführung der einshlägigen Gesetzes- bestimmungen zu dem Schluß, daß kcin geseßliher Grund vorliege, der Forderung der Fraktion nah gerihtliher Entscheidung, ob Markow eine Majestätsbeleidigung begangen habe oder nicht, ftattzugeben. Nach diesem Bescheid ersuhte der Abg. Markow den Präsidenten, gegen ihn eine formelle Anklage wegen Majestätsbeleidigung zu erheben, da nah der Antwort des Ministers sonst kein gerihtli<h-s Verfahren gegen ihn eingeleitet werden könne. Es sei dies, {loß Ptarkowy, eine moralische Pflicht des Präsidenten, um entweder seine vollkommene Nehabilitierung oder seine Verurteilung herbeizuführen.

Ftalien.

Das Ergebnis der Parlamentswahlen is, nah einer Meldung des „W. T. B.“, folgendes: Es find 209 Minifteriele wiedergewählt, 67 neugewählt ; von der kon- stitutionellen Opposition sind 42 wiedergewählt, 2 neugewählt; Radikale 24 wiedergewählt, 12 neugewählt ; Republikaner 12 wiedergewählt, 5 neugewählt; Sozialisten 18 wieder- gewählt, 12- neugewählt; Katholiken 5 wiedergewählt, 11 neugewählt. Es finden 72 Stichwahlen statt. Jn 13 Wahl- bezirken wird das Ergebnis der Wahl von der Wahlprüfungs- kommission der Kammer entschieden werden, Aus vier Wahl- bezirken stehen die endgültigen Wahlresultate no< aus. An den Stichwahlen sind 144 Kandidaten beteiligt, davon 68 Ministerielle, 8 konstitutionelle Opposition, 25 Radikale, 28 Sozialisten, 5 Katholiken, 8 Republikaner, 2 Christlichsoziale.

Serbien.

Die Zirkulardepesche, die der Minister des Aeußern

Dr. Milovanovitsch gestern nahmittag den serbishen Ge- sandtschaften in St. Petersburg, Berlin, London, Paris, Wien, Nom und Konstantinopel übermittelt hat, lautet nah einer Depesche des „W. T. B.“ folgendermaßen: : Den freundschaftlihen Ratihlägen der Kaiserlich russishen Ne- gierung cntspreherd, beehrt fh die Köriglih serbiite Regierung Ihnen folgende Erklärurgen mit der Bitte zu übermitteln, fie der Regierung, bei der Sie beglaubigt find, bekannt geben zu wollen. Bon der Arfiht ausgehend, daß die rebtlihe Laze Serbiens gegen- über Oesterreich - Ungarn na< der Prokl1mation ter An Bosnier8 und der Herzegowina normal geblieben ift, hat Serbien

der Berganger e die Beziehungen - unterhalten, die den seitigen ma

punktes, dem si< Serbien stets untergeordnet hat, daß die bosnis{- herzegowinische Frage eine europäische Frage ist, und daß den Signatar- mächten des Berliner Vertrags zukommt, sowohl bezügli der Annexion, als auch bezügli der neuen Redaktion des Artikels 25 des Berliner Vertrages die Entscheidung zu fällen, übergibt Serbien, auf die Weisheit und die Gerechtigkeit der Mächte vertrauend, seine Sache ohne MNeserve thnen als dem kompetenten Gericht und verlangt folglich bei diesem Anlaß von Oesterrei-Ungarn keine Entschädigungen, weder territoriale, no< politis<he, no< ökonomisthe.

stellungen in Belgrad vom 2. d. f freundschaftlichen Vorstellungen der russishen Regierung lauteten

nach „K. K. Telegraphen-Korrespondenzbureaus“:

bei ihrem Beschluß verharrt, ihre friedliebende Haltung nicht auf- zugeben, daß 1

zwishen Serbien und Oesterreih-Ungarn herbeiführen könnte, und daß fie keine militärisWen Maßnahmen an der Grenze treffen wird. Wir sind überzeugt, daß die Lebensinteressen Serbiens, welchen wir

immer die

einzig und entspricht. Mächte nicht e Forderungen zu Gunsten Serbiens ihre Unterstüßung zu leihen. Die serbische Regierung sollte daraus den Schluß ziehen, daß alle ihre Bemühungen, |

diesem Sinne zu bestimmen, ohne Resultat bleiben werden, und daß

fie fih die

wenn sie von dem Drängen auf Forderungen absteht, welche sie

aussetzen könnte.

egen-

Im Geiste des Stand-

ertellen Interessen entspringen.

Zugleih wird der Wortlaut der russishen Vor- M. bekannt. Die

einer vom „W. B.“ verbreiteten Meldung des

Wir konstatieren mit Befriedigung, daß die Königliche Regierung

sie alles vermetidet, was einen bewaffneten Konflikt

Serbien im- |

bezeugten, diktieren, die

Sympathien

RNitung einer Haltung L allein den allgemeinen heutigen Bedürfnissen Wir konnten uns außerdem überzeugen, daß die

disponiert sind, der Idee der territorialen

aufrihtigsten perativ diese

die Mächte zur Unterstüßung der Prätenfionen in

Sympathien der Mächte nur so bewahren kann, | zu einem bewaffneten Konflikt mit Desterreih-Ungarn führen könnte. Uns liegt es am Herzen, die Königlihe Regierung vor jeder solchen Haltung zu bewahren, die sie einer solhen Gefahr

Wir hoffen, daß Serbien, wie es {hon erklärte, | seinen Ver|pre<ungen, den Ratschlägen der Großmächte zu folgen, | treu bleiben wird. Wir halten gleichzeitig dafür, daß die serbische |

Regierurg unter den g?gebenen Verhältnissen den Großmächten ofen | erklären wird, daß sie bei ihren territortalen Forderungen nicht ver- | bleibt, und daß fle alles, was sih auf die Lösung der offenen Fragen ; bezieht, dem Beschluß der Großmähte überläßt. Dann werden die | Mächte alle ihre Bemühungen zu Gursten der serbishen Interessen | verwenden können. | | Jn der gesirigen Sizung der Skupschtina wurde | der Bericht des Finanzautshusses über den diesjährigen | Budgetvoranschlag verlesen. Danach belaufen sih, wie | das „W. T. B.“ meldet, die Staatseinnahmen auf 103 644 104 | Dinars, die Staatsausgaben auf 103 273 148 Dinars. Die | Mehreinnahmen betragen 370 956 Dinars. Das Budget des |

Kriegsministeriums ist um 5 800 000 Dinars erhöht. |

Asien. Nach Meldungen der „St. Petersburger Telegraphen- ' agentur“ ist die armenishe Bevölkerung in RA merklich | erregt infolge von Gerüchten über bevorstehende Ausschreitungen | des Pöbels. Die Nationalisten verbreiten Aufrufe, in denen ; sie erklären, sie seien an dieser Agitation nicht beteiligt. Die | russishe und die englishe Gesandtschaft haben die persische | Regierung aufgefordert, Schritte zu tun, damit Ausschreitungen | Deckitdeit werden. : |

in dem es agf die vön den Truppen - verübten Gewalttaten hinweist und die Bevölkerung auffordert, zu den Waffen zu greifen, um Familie, Ehre und Habe zu schüßen. i

Gestern ist, dem „Reuterschen Bureau“ zufolge, in Bangkok ein englis<-siamesis<es Abkommen unter- zeihnet worden, wonach die in Siam vor Abschluß dieses Ab- kommens als englishe Staatsangehörige Eingetragenen unter die Gerichtsbarkeit der internationalen Gerichtshöfe gestellt werden, wogegen alle, die si<h na<h Abshluß des Abkommens eintragen lassen, der siamesishen Gerichtsbarkeit unterstehen.

Afrika.

Entschädigungskommission ernannte Mohamed El Omrani ist, „W. T. B.“ zufolge, nah Casablanca abgereist.

Parlamentarische Nachrichten.

Der Schlußbericht über die gestrige Sißung des Hauses der Abgeordneten befindet sih in der Zweiten Beilage.

Abgeordneten, welher der Finanzminister Freiherr von Rheinbaben beiwohnte, fand zunächst die dritte Beratung des Geseßentwurfs, betreffend die Heranziehung der Beamten, Elementarlehrer und unteren Kirchen- diener zur Gemeindeeinkommensteuer, statt.

Fn der Generaldiskussion bemerkt

Abg. Graf von der Groeben (fons.): Die Mehrheit hat gestern im $ 4 folgenden Kommissionsporshlag wieder gestrichen : „Indessen verbleiben hierbei die den Saß von 100 9% überfteigenden Zuschläze dem K-eise insoweit, als er zur De>ung sciner Bedürfnisse die Einkommensteuer mit Umlagen heraniieht.“ Absicht der Kommission, sie ist von 100 auf 125 9/9 nur herauf- gegangen, um den Kreisen entgegenzukommen. Ich beantrage, den Sétitenes Say wiederherzustellen, Wir werden von dem Schi>fal dieses Antrages unsere Haltung zu dem ganzen Geseh abhängig machen. Be beimer Oberregierungsrat Dr. Freund: J< muß zugeben, daß in manchen Fällen eine SHŸlechterstellung gegen den jeßigen Zustand eintreten muß, wenn die Kreise leer ausgehen würden.

Groeben aus.

Abg. E>er- Winsen (nl): i stimmen, wie sie aus der zweiten Lesung hervorgegangen ist. Lebhaft bedauern wir allerdings, daß man eine ungleihartige Behandlung der Lehrer und der Geistlichen beliebt hat. Es lag keine Ver- anlassung vor, den Lehrern das Privileg zu nehmen und es den Geistlichen zu belafsen, umsoweniger, als die Lehrergehälter von uns unter der Vorausseßung der Belassung des Vorrehts normiert worden find. Der Antrag von der Groeben zielt darauf ab, eine

einireten zu lafsen, und wird begründet wit der großen Belastung der Kreise. Wir sind aus prinzipiellen Gründen gegen den Antrag. Man fkarn do nicht in einem Augzenbli>, wo das Steuervorrecht der Beamten etnges{hräakt werden soll, zwishen ben Kreisen und den Beamten Beziehungen shaffen wollen, die früher nit bestanden haben. Auch liegt daria eine Dur<brehung des Prinzip3 der Kontiagentie- | rung. Wir haben allen Anlaß, die Gemeindeetats in Ruhe zu lassen.

exion | Ein materieller Effekt dürfte auß nur für sehr wenige Kreise dabei |

herauskommen. Mit dem bea:trazten Passus wücde in das Gefeß ein Fremdkörper eingefühi t.

wteder die Absicht , einen Krieg mit ter Fenabarten Monarchie zu provozieren, no< wünscht es seine re>tlihen wu ihr zu ändern, indem es fortfähit, auf Grund der Gegen-

seitigkeit seire nahbarlihen Pflichten zu erfüllen und mit ihr wie in

Bejiebungen |

Geheimer Oberregierungsrat Dr. Freund: In einem Gegensaß | zu dem Kontingentierungsprinzip fteht die von der Kommission yor- ! geshlagene Bestimmung nit. Auch kann ih nicht zugeben, daß die

Das Endschumen in Täbris veröffentliht einen Aufruf, ;

| anh&u, und das genügt nicht, : ! gehalfen, eine bestimmte Uebergangévorschrift in Vorschlag zu: bringen,

Jn der heutigen (51.) Sizung des Hauses der ;

Vas war nit die |

Abg. Dr. Heisig (Zentc.) spriht s< für den Antrag von der Wir werden der Vorlage zu- |

Teilung der Zuschläge von 1259/9 ¿wishen Kieis und Gemeinden |

Annahme des Antrags uur für wenige Kreise materielle Konsequenzen haben würde.

eht ein

Von den beiden freisinnigen Fraktionen emeinde-

Antrag ein, in $1 auch die Geistlihen zur einkommensteuer heranzuziehen.

Abg. Reinbacher (fr). Volksp.): Ait die Aufrechterhaltung des Privilegiums der Geistlichen ist eine Menge von Gründen ins Feld geführt worden, die wir allesamt nicht gelten lassen können. Der Hinweis auf die unzulänglihe Besoldung der Geistlichen trifft ja wohl auf die niedere Geistlichkeit und hier namentlich innerhalb der katholishen Kirhe zu, wo diese Geistlichen herzlih \{le<t gestellt sind und au< nit einmal, wie ihre evangelishen Kollegen, eventuell dur< die bvorsihtige Autwahl eines Schwiegervaters darin eine Verbesserung herbeiführen können. Die Geiftlichen sollten do< den Spruch: „Liebe deinen Nächsten wie dich set!" wenigstens in der Form anerkennen: Gönne detnem Nächsten dasjenige, was du dir selbs gönnst! Die Geistli<hen nehmen ja vielfah an den politishen Kämpfen der Gemeinde teil; niht selten wird selbs von der Kanzel herab gege# die Gemeinden gedonnert. Es ist au< die Anordnung vorgekommen, daß von der Kanzel für ein gutes Gedethen der Kommunalwahlen gebetet werde. Warum sollen also die: Geistlihen nit au< Kommunalsteuern zahlen !

Abg. Hirs<- Berlin (Soz.) erklärt für seine Freunde, daß die Vorlage bei der zweiten Lesung für sie unannehmbar geworten sei, weil dén Geistlißen das Kommunalsteuerprivileg wteder zugestanden worden sei. Die Gemeinden hätten sh auf die gedachte Neuordnung bereits eingerihtet; viele Beamte wohnten in Gemeinden, zu deren Lasten sie nihts beitragen, während die Gemeinden für sie Auf- wendungen machen müssen.

Abg. Namdo hr (freikons.): Ein großer Teil der evangelischen Geistlichen rehnet damit, daß die Aufhebung des Privilegs „demnächst" eintreten wird. Viele Geistliche haben bereits darauf verzichtet, weil es etn privilegium odiosum ift. Im allgemeinen werden si< au< die Gemeinden hüten, einen Geistlihen zu wählen, der die Kommunal- fleuer nit zahlt. Wir wünschen, daß das Privileg bald fallen möchte, wenn es überhaupt fallen soll; denn wir stehen auf dem Standpunkt: beraus aus der Pastorenkinhe und hincin in die Gemeindekirche.

Abg. Wolff - Liffa (fr. Vag.): Dadurch, daß die Konservativen den Geistlihen im Gegensaß zu den Lehrern das Privileg wteder zu-

| gesprochen haben, ist die Situation gegen früher vers<hlimme1t worden.

Die ganze Vorlage mat eher den Eindru>, als ob sie aut schltießli<

! im Ministerium des Innern und niht im Finanzministerium aus-

gearbeitet worden ist.

Damit schließt die Generaldiskussion.

In der Spezialdiskussion wird ohne Debatte der Antra der Freisinnigen zu $ 1 gegen die Stimmen der National- liberalen, Freisinnigen und Sozialdemokraten und vereinzeltec Mitglieder der Rechten abgelehnt und $ 1 nah den Be- schlüssen zweiter Lesung angenommen, ebenso $8 2 und 3. Der Antrag von der Groeben zu $4 wird durch die Stimmen der Nechten, des Zentrums und der Polen und dementsprechend der 8 4 im ganzen angenommen. L

Zu $5, der das Jnkrafttreten des Gesetzes betrifft, beantragen die Abgg. Viere> und Freiherr von Zedliß und Neukirch (freikons.) folgenden Zusay :

„In denjenigen Gemeinden, in denen neben der Gemeinde- cinkommensteuer Schulbeiträge für öffentlihe Volksschulen (Schul- fozietätöbeiträge) erhoben werden, verbleibt es bis zum Uebergang der Volks\chullasten auf die betreffenden Gemeinden bei den bis- herigen Vorschriften.“

Abg. Freiherr von Zedliß und Neukir<h (freikons.): Dur die Annahme der Resolution von Kries hat die Mehrheit gestern be- kundet, daß fle für die Gemeinden der Provinzen Posen und Weslpreußen eine Erleichterung für eine Uebergangszeit für notwendig hält. Aber diese

Resolution ftellt die Angelegenheit der Regierung lediglih zur Erwägung Wir haben es deshalb für notwendig

um die Belastung der Beamten in diesen Gebietsteilen möglichst zu verhüten. |

Geheimer Oberregierungsrat Dr. Freund: Ob und wann die Sozietätslasten für die Shulen tin Posen und Westpreußen von ken Gemeinden übernommen werden, ift do< abfolut ungewiß. Viele Gemeinden würden dur< Annahme des Antrags direkt benachteiligt

; werden.

Abg. Lusensky (l): Jh habe mih von der Notwendigkeit der

| Schaffung einer solhen Uebergangébestimmung im Gesey inzwischen Der vom Sultan zum Präsidenten der internationalen , überzeugt und werde heute für den Antrag Biere> stimmen.

Abg. Wolff-Lissa: Die Vorlage i} ‘der G.kenntnis ent- sprurgen, daß der Not der Gemeinden abgeholfen werden muß. , Wenn es irgendwo nötig ift, Hilfe zu bringen, so in Posen und Weft- | preußen, wo wir die ärmsten Gemeinden und die höchsten Kommunal-

steuerzushläge haben. Mit diesem Antrag wird das Gegenteil be- | wirkt. Sie binden damit den Gemeinden eine Rute auf, indem Sie | fle zur Uebernahme der Sozietätslasten gegen thren Willen zwingen

wollen. Dies würde zu ganz unerträglihen Zuständen führen.

Abg. Freiherr von Zedliß und Neukirch: Der Vorredner über- | fleht, daß das Gesetz crst am 1. April 1909 in Kraft treten und nur für die | na< dem 31. März 1909 neu angestellten Beamten usw. Geltung haben soll. Für eine Rethe von Jahren kann es daher weder für die Beamten, ! no< für die Gemeinden irgend eine erhebliche finanzielle Bedeutung | haben. Daß hier oder da eine Sozietäts\{hule für die Ewigkeit er- , halten bleiben solle, wie der Kommissar andeutete, kann doch kein

Argument gegen unseren Antrag sein. Nach meiner Ueberzeugung wtrd

es fh nur um einen ganz kurzen Uebergangs8zustand handeln. j Geheimer Oberregierungorat Dr. Freund bestreitet leßteres. | Abg. Graf von der Groeben (kons.): Wir haben gestern die | Resolution von Kries angenommen, haben ober gegen den Antrag Viere> | dieselben Bedenken, die uns gestern zur Ablehnung veranlaßten. Die { NResolutton soll ja die Regierung veranlassen, zu erwägen, auf welche Weise die entstehente unbillige Mehrbelastung in Posen und Wefst- preußen möali<hsst bald beseitigt werden kann; ein allgemeines | Compelle nah dem Antrag Viere> zu geben, erscheint uns aber nicht ' als ratsam. | Der Antrag Viere> wird gegen die Stimmen der Frel- | konservativen, Nationalliberalen und Freisinnigen abgelehnt. | Bei der Gesamtabstimmung wird der Gesezentwurf gegen | die Stimmen der Freisinnigen und der Sozialdemokraten an-

} genommen. G : Es folgt die dritte Beratung des Geseßentwurfs zur | Abänderung des Geseßes, betreffend die Gewährung von Wohnungsgeldzushüssen an die unmittelbaren Staatsbeamten, vom 12, Mai 1873. /

Abg. Lohmann (nl.): Die Vorlage, wie sie si< jeht gestalte! | hat, ift ein Stü>werk ohre jede Einheitlichkeit. Einer großen Vèafse | fleiner Städte ist bitteres Unre<ht geshehen. Das zustande gebrachte | Provisorium befriedigt niemand. Leider ist an eine Verbesserung der | Beschlüsse zweiter Lesung jeyt niht mehr zu denken. é

Abg. Dr. von Savigny (Zentr.): Allerdings ist die Situation für eine aroße Anzahl von Kommunen hinsihtli< ihrer Einrangierung | in die Ortsklassen nicht befriedigend; fie haben aber die große | Spanne von zwei Jahren Zeit, um ihre Wünsche betreffs Herauffetung | mit allem Nachdru>k bet der Regelung noh geltend zu machen, und wir | wollen hoffen, daß fie si< diefes Mittels au< mit Eifolg bedienen | werden. Daß die Ermittlung der eigentlihen Teuerungsverhältnifie | jedes Orts, fo rngemein s{hwierig und zeitraubend sie au< sein mag doch ni<t außer Acht gelassen werden darf, muß der Regierung aud | an dieser Stelle nohmals so nahe wie mögli gelegt werten; denn c | hat si< s<on jeßt als zweifellos herausgestellt, daß der rohe Viaß-

stab des Zimm:rmietspreises für die Bemessung des Wohnungsgeld- | zus<hufses absolut nit genügt. Ich vertraue darauf, daß die Regierung Ach dieser Aufgabe bis„zur Revision von 1911 unterziehen wird, wenn

au< die, von mir in dieser Richtung beantragte Resolution zurü>gezogen worden if. Wir müssen au< vétlanaen daß un uns nit bloß das Ergebnis dieser Ermittlungen in der Gestalt der späteren Vorschläge der Regterung bezügli der Zuweisung der einzelnen Orte in die Ortsklassen, Mbces au< das Material selbst eds Das wir über den Werdegang dkeser Ermittlungen infor- mtiert werden.

(Schluß des Blattes.)

Statistik und Volkswirtschaft.

Der Vermögensbestand in Preußen.

In einer kürzlich erschienenen Schrift hat Steinmann Bucher den Wert des deutschen Volksvermögens auf 350 Milliarden Mark berehnet. Hieraus if in einem Artikel der „Preußischen Jahr- bücher“ und in der Tagespresse der Schluß gezogen worden, daß zu der preußis<hen EGrgänzungösteuer etwa 66 Milliarden Mark er- intung enerpftitiges Vermögen zu wenig veranlagt werden. Diese Annahme ist aber niht zutreffend. Steinmann - Bucher [Gan den Wert des in'Deutschland vorhandenen Vermög?:ns ohne Rücfichtnahme auf die Vershuldung und auf dte Verteilung der Aktiven und Passiven. Diese Methode mag richtig fein, um das Ge- famtvermögen eines Volkes zu veranschlagen, sie ist aber nicht geetgnet, ein zutreffendes Bild des der Ergänzungssteuer unterliegenden Ver- mögens zu geben, und zwar {hon deshalb nicht, weil bei der Er- gänzungdssteuerveranlagung allgemein die Schulden von dem Aktiy- vermögen abgezogen werden, während die den Schulden entsprechenden Forderungen nicht immer ergänzungsfteuerpflihtigen Personen zu- stehen, also in zahlreihen Fällen nit zur Besteuerung herangezogen werden können.

__ Von dem von Steinmann-Bucher ermittelten Gesamtbetrage sind ferner ni<t nur, wie es in dem Artikel der „Preußischen Jahrbücher“ geschieht, die Cigentumswerte der produktiven und werbenden Neichs- und Staatsanlagen, sondern au< no< zahlreihe andere Werte, die der preußishen Ergänzungssteuer ni<t unterliegen, in Abzug zu bringen, Es fei nur hingewiesen auf die den Steuerpflichtigen gehörigen Möbel und Hausgeräte, deren Wert auf 20 Milliarden Mark zu veranschlagen sein dürfte, auf die in ausländishem Grund- besiß und in ausländischen gewerblichen Anlagen angelegten Kapitalien und auf alles Vermögen (einshließli<h des Grundbesitßzes und der Ge- werbebelriebe) der Gemeinden, Kreise, Provinzen, Kirhen und Stif- tungen. Von der preußishen Ergänzungssteuer sind ferner bekanntli befreit au< alle Vermögen, welche die Höhe von 6000 (6 nicht über- steigen. Nach den hierüber vorh1ndenen Anhaltspunkten ist der Wert dieser Vermögen auf mindestens 30 Milliarden Mark zu veranschlagen.

Im übrigen i} von der preußishen Finanzverwaltung bei jeder gran Gelegenheit, insbesondere au< in der Begründung der inkommensteuernovelle vom Jahre 1906 darauf hingewiesen worden, daß es bisher no< nit gelungen ist, das in Preußen vorhandene Vermögen und Einkommen bei der Steuerveranlagung überall in voller Höhe zu erfafsen. Hierin Besserung zu s<haffen, sind die Steuer- veranlagungsbehörden aber andauernd bemüßt. In den leßten zehn Jahren (1899 bis 1908) sind von den in Stadt und Land ab- Een Steuererklärungen niht weniger als rund 1 400 000 eitens der Veranlagungsbehörden berihtigt worden. Das infolge der Berichtigungen mehrveranlagte Einkommen hat zusammen nahezu 24 Milliarden, die veranlagte Mehrsteuer nahezu 83 Millionen Mark betragen. Diese Zahlen dürften beweisen, mit welhem Ernste und mit wie anerkennenswertem Eifer die Veranlagungsbehörden Preußens, städtishe sowohl wie ländliche, es sih angelegen sein laffen, ihre Amts- pflichten zu erfüllen. Soweit gegen diese Behörden in den oben ge- nannten Veröffentli<hungen Vorwürfe erhoben worden sind, entbehren fie greifbarer Anhaltspunkte.

ODbligationenumlauf der deutshen Hypothekenbanken. Das Kaiserli<e Statistishe Amt hat na< den Halbjahrs- ausweisen der 38 deutschen Hypothekenaktienbanken deren Pfandbriefs umlauf für den 31. Dezember 1908 auf 9316,15 Mill. Mark er- mittelt; daneben waren im Umlauf 278,38 Mill. Mark Kommunal- und 6,02 Mill. Mark Kleinbahnshuldvershreibungen. Der gesamte Obligationenumlauf betrug somit Ende 1908 9600,56 Mill. Mark. Gegenüber dem Obligationenumlauf vom 30. Junt 1908 in Höhe von 9306,04 Mill. Mark bedeutet dies eine Zunahme von 294,52 Mill. Mark. Für das ganze vergangene Jahr betrug diese Zunahme 933,36 Mill. Mark. Für den 31. Dezember 1907 war der Gesamt- umlauf auf 9067,20 Mill. Mark ermittelt.

Bebölkerungsbewegung in Deutschland im Jahre 1907,

Im 1. „Vierteljahrshefte zur Statistik des Deutschen Neichs“, Jahrgang 1909, sind die Hauptergebnisse der Feststellungen über die Bewegung der Bevölkerung im Jahre 1907 veröffentlicht. Danach wurden in Deutshland 1907 im ganzen 503 964 Eben geschlossen (1906: 498 990); die Zahl der Geborenen betrug 2060 973 (1906: 2 084 739), darunter 61040 Totgeborene (1906: 62 262); gestorben find 1178 349 (1906: 1 174 464) Personen. Im Verhältnis jur Gefamtbevölkerung is gegenüber dem Vorjahre die Eheschließungs- ¿iffer von 8,16 auf 8,12 v. T., die Geburtenziffer von 34,08 auf 33,20, die Sterbeziffer von 19,20 auf 18,98 v. T. gefallen. Der Geburtenübershuß des Vorjahrs mit 910275 oder 14,88 v. T, ist danach auf 882 624 oder 14,22 v. T. gesunken.

Die deutsche überseceishe Auswanderung 1908.

Im Jahre 1908 sind nah dem 1. See zur Statistik des Deutschen Reichs", Jahrgang 1909, 19 883 Deutsche ausgewandert. Danach ist die deutshe Auswanderung gegen das Vorjahr, in dem sie no< 31 696 Personen betrug, um 11813 zurü>gegangen und erreichte hiermit von allen seit 1871 vorliegenden Ziffern den geringsten Stand. An der Gesamtzahl der deutschen Auswanderer im Jahre 1908 CLeD find als Auswanderungsgebiete beteiligt: Branden- urg einshließli<h von Berlin mit 2159 Personen, Posen, Hannover, Rheinland, Königrei<h Bayern und Königreih Sachsen mit je über 1000, Westfalen und Königreih Württemberg mit über 909 Personen.

Konkurse in Deutschland im 4. Vierteljahr 1908.

Nah vorläufigen Mitteilungen des Kaiserlichen Statistischen Amts zur Konkursstatistik gelangten im 4. Vierteljahr 1908 im Deutschen Reih 2972 neue Konkurse zur Zählung, gegen 2535 im 4. terteljahr 1907. Es wurden 555 Anträge auf Konkurs- eröffnung wegen Massemangels abgewiesen und 2417 Konkurs- verfahren eröffnet; von lehteren hatte in 1497 Fällen der Gemeinschuldner die Konkurseröffnung beantragt. Beendet wurden im 4. Vierteljahr 1903: 2231 (im 4. Vierteljahr 1907: 1926) Konkuréverfahren, und zwar dur< Schlußverteilung 1507, dur< Zwangs- vergleih 495, infolge allgemeiner Einwilligung 53 und wegen Masse- mangels 176. In 955 beendeten Konkursverfahren war ein Gläubiger- aus\{<uß bestellt. Von den 2972 neuen und den 2231 beendeten Konkurs- verfahren betrafen: :

natürlihe Personen . 2183 1808 M, 0a 280 Handels9gesellshaften . : 97 Genossenschaften .. 11 andere Gemeins<huldner 116 35,

KAnunft und Wissenschaft. A. F. Im Berliner Verein für Luftshiffahrt sprachen am

Aeronautishen Observatoriums unternommene Ostafrikaexpedi- tion. Seit dem Beginn des Jahrhunderts, so begann Professor Berson jeines Vortrag, sind die Meteorologen mit der Untersuchung der höchsten Schichten des Luftmeeres beshäftigt. Weil Menschen, wie es der Redner an sih selbst erfahren hat, schon bei Erhebungen über 9500 bis 19000 m ihr Leben gefährden, können nur unbemannte Ballons in größere Höhen gelangen. (Bisher waren 29 900 m die rößte er- reihte Höhe.) Aber dies Mittel zur Erforshung der Sichten bis zu se<sfa<er Montblanc-Höbe hat \sih in der ihm dur die Herren Aßmann und Hergesell gegebenen genialen Form wunderbar bewährt und uns Aufschlüsse gebraht, die völlig unerwartet waren, nämli, daß es in unseren Breiten in 12—15 000 m eine Grenze gibt, bei der die bis dahin ziemli< regelmäßig nah oben stattfindende Tempe- raturabnahme gaufbôört und fortan unter einer ni<t erheb- [ien Temperaturerhöhung ein glei<hmäßiges Klima herrs{ht, wo kein Austaus<h dur< vertikale Strömungen mehr vorhanden ist, sondern nur ein Ausgleich in horizontaler Nichtung, der von einer ewig aleihen Ruhe in diesen hohen Schichten unserer Atmosphäre zu sprechen erlaubt. Diese Beobachtungen sind zuerst auf dem Lande in dex gemäßigten Zone gemacht worden. Da der Ojean aber fast 2 der Erde bede>t, so lag der Wunsch nahe, au die Verhältnisse des Luft- meeres über dem Ozean zu erforschen, um festzustellen, ob hier die Ergeb- nisse die gleichen sein würden. Die in den legten Fahren, erst mittels Drachenaufstiege, dann au< in umfangreiher Art nah dem System Aßmann - Hergesell ausgeführten Untersuhungen auf dem Ozean dur<h die Herren Roth, Teisserenc de Bort, Hergesell, Hilde- brandt sowte die beiden Vortragenden und andere, hier eingeshlossen auch die auf dem deutshen Vermessungs\{<ifff „Planet“ ausgeführten Arbeiten, haben die erwartete Bestätigung gebraht. Da sie aber zumeist auf dem Atlantischen Ozean und in hohen sowie mittleren Breiten (die niedrigste Breite war die der Azoren) ausgeführt waren, so entstand das erklärlihe Verlangen, die UÜntersuhungen auf die Tropen auszudehnen, die auh in mehrfaher anderer Beziehung den Meteorologen lo>ten, seitdem jene Beob- abtungen auf dem Ojean eingehend mit den Pafsat- winden beschäftigt hatten, die nördlih vom Aequator aus Nordost, südli< davon aus Südost wehen und deren vertikale Er« S: zu erforschen ebenso von Wichtigkeit ist, als die Feststellung des wahrscheinlihen Vorhandenseins von Rückströmungen in der Höhe. Nachdem der Wunsch, gründliche meteorologishe Untersuhungen in den Tropen auszuführen, dank auch erheblicher Unterstützungen Privater, die jeßt als vollendete Tatsache vorliegende Gestalt einer Expedition nah Deutsch-Ostafrika angenommen hatte, war das wissenschaftliche Programm fomit als ein zweifahes gegeben: Es galt an erster Stelle, durh Dracen- und Ballonaufstiege die Frage des Vorhandenseins einer Inbhersions\{i<t in den höchsten Luftschihten und was si um diese Frage gruppiert, aufzuklären, an zweiter Stelle die oben näher bezeichnete Frage der Passatwinde zu studieren und hieran an- shließend die der Monsunwinde, als einer niht glei< den Pafsaten für den ganzen Erdball gegebenen, sondern einer jahreszeitlihen und örtlihen, wenn au<h über sehr große Gebicte h erstre>enden Er- sheinung. Für die Untersuchun beider Fragen konnte ein geeigneteres Gebiet als Deutsch - Ostafrila kaum gefunden werden; der Victoria - Nyanza einerseits, weil er unter dem Aequator gelegen und seine große Ausdehnung die aufgelassenen Ballons mit derselben Leichtigkeit na< ibrem Fall wieder aufzufishen erlaubte, wie dies auf dem Meere möglich ist, die Küste unserer Kolonie andererseits, weil sie besonders pafsend für das Studium der Monsune ist, die hier im Oktober vom Sommersüdwest- monsun zum Winternordostmonsun übergehen. Zwar wären zu den leßteren Beobachtungen die Sey<hellen-Jnseln no< geeigneter gewesen; do ihr Besu<h paßte leider niht in den sorgfältig zurehtgelegten Reiseplan. Es darf indessen gesagt werden, daß für diesen zweiten Programmteil auf der längs der Küste an Bord des deutshen Kriegsshiffes .-, Bussard" ausgeführten Neise bis zu 270 #\ B. dur< den Kanal von Mozambique bis na< Lorenzo Marques sehr wichtige Ermittelungen geglü>t sind, die z. B. außer Frage ftellen, daß der Passatwind über dem Aeguator Ost-West-Nichtung verfolgt und je näher dem Aequator aus NO. auf der nördlichen Halbkugel, aus SO. auf der füdlichen immer mehr in diese Richtung etnlenkt, ferner daß über diesem OW.-Passat in der Höhe von 15 000 m ein westöstlih gerihteter Antipafsat weht. Au bezügli<h des Monsuns wurde die einigermaßen überrashende Be- obahtung gemaht, daß der auf den großen zentralasiatischen Landflächen geborene Monsun \ih bis nah Innerafrika erstre>t, wo über dem Victoria-Nyanza im Sommer SW.-Winde wehen.

Zum ersten Punkt des Programms wurden am Victoria-Nyanza ganz besonders interefsante Entde>ungen gema<ht. Es ergab si nämli< dur eine beträhtlihe Anzabl von Aufstiegen von Doppel- ballons als ganz unzweifelhaft, daß über dem heißesten Erd- gürtel in den hohen Luftschichten die niedrigsten bisher gefundenen Temperaturen bestehen, daß bei gleihen Höhen die Temperatur über den Tropen niedriger ift als über den gemäßigten Zonen, von denen man schon wußte, daß ihre Temperaturen in den großen Höhen wieder niedriger sind als in den entsprehenden Höhen der Polar- (teen, endli, daß in den großen Höhen der Tropen viel shroffere

emperaturwe<sel vor {ih la als in denen anderer Klimate. Ginige Zahlen mögen diese Säge erläutern: Während am Ufer des Victoria-Nyanza in 1150 m Seehöhe + 26 0 0. herrs{ten, wurden in 19800 m Höhe 84° C0. gemessen, Unterschied 110°, und an zwei aufeinanderfolgenden Tagen wurden bei 16 800 m 52°, bei 17 000 m —76° festgestelt, Temperaturwehsel in einem Tage somit 24°, Die Temperaturwehsel an der Erdoberfläche sind viel geringer, sie bewegen sih im Binnenlande an den großen Seen meist zwishen + 15 und + 28°, aàa der Küste {wankt die etwa + 324 ° betragende Temperatur no< viel weniger. Diefe Ermittelungen sind hö<h\# merkwürdig. Ob, wie in der ge- mäßigten und kalten nöcdlihen Zone festgestellt ist, eine Inversions{hi><t besteht, oberhalb deren Ruhe îm Luftmeer und gleihmäßige, etwas höhere Temperatur herrscht, hat mit völliger Sicherheit no<h nit er- mittelt werden können und muß künftigen Untersuhungen vorbehalten werden. Es wurden zweimal bei 13- und 15000 m Anzeidton E gefunden, andere Beobachtungen machten die Bestimmung der

nvyersionsgrenze in dieser Höhe aber wieder zweifelhaft. .__ Der zweite Vortragende Dr. Elias hatte es übernommen, vom äußerlihen Verlauf der von Mitte Juni bis Dezember dauernden Expedition zu berihten. Er unterzoz si dieser Aufgabe unter Vor- zeigung vieler Lichtbilder in fesselndster Weise. Neapel, Port Said, der Suezkanal, das Rote Meer, die Landung in Mombassa, die in ihrer ganzen Länge befahrene Usambara-Bahn, die Ankunft in Port Florence am Victoria Nyanza, die Einrichtung der meteorologischen Station am nördlichsten deutshen Ostufer des Sees, Schirati, gingen am Auge der Zuhörer vorüber. Dann gab der Vortragende einen Begriff von den mit den Beobachtungen verbundenen tehnishen Arbeiten, mit denen außer T rofettor Berson und Dr. Elias au der Ballonaufseher Mundt aus Lindenberg und eine Anzahl darauf mühsam angelernter Eingeborener beschäftigt waren. Die Drachen versagten zunächst den Dienst wegen ungenügenden Drachenwindes, funkttionierten später jedoh au< befriedigend. Registrierballons wurden im ganzen 23 aufgelassen, von denen $8 verloren gingen. Die Höhe, bis zu der fie gestiegen, wurde, wenn immer angängig, außer durch das dem Ballon mitgegebene, selbst aufzeihner de Barometer noch dur< Winkelmesser mittels des Theodoliten nachgeprüft. Den Betrieb eines Doppelballons hat man \i< etwa folgendermaßen zu denken : Einem mit Wasserstoff gefüllten Gummiballon ift ein zweiter angehängt, der für si allein die thm aufgebürdeten Instrumente nicht zu tragen ver- mag, wohl aber mit Hilfe des andern. Dem zweiten Ballon ist au ein Schwimmer angehängt, der, sobald er beim späteren Fall das Wasser erreiht, den Ballon, an dem er hängt, so erleichtert, daß dieser nicht weiterfällt, sondern tin der Luft um soviel vom Wasser entfernt stehen bleibt, als die Verbindungdleine zwishèn Shwimmer und Ballon ge- stattet. Wird nun ein so hbeschaffener Doppelballon in die Höhe gelassen, so dehnt \i< der obere, fest vershlossene Gummi- ballon mehr und mehr aus, bis er {ließli in einer Höhe,

Montagabend vor einer überaus zahlreihen Zuhörershaft die Herren Professor Berson und Dr, Elias über ihre im Auftrage des

kann, plaßt, worauf der andere Ballon fällt, um erst wenig ober alb des Wassers zum Stillstand zu kommen und seine Einholung y er- lauben. Sehr häufig ließ man Pilotballons aufsteigen, auf deren Wiedererlangung von vornherein Verzicht geleistet war, aber gerade von diesen wurden viele selbst ‘aus großen Entfernungen von Negern zjurü>gebracht, die mit ihren s{harfen Augen die grellfarbigen Ballons erspäht hatten. Die Des er haben aus dieser Erfahrung die Ueberzeugung erlangt, daß in Afrika mit Verlust von Ballons weniger ängstli<h als bisher zu re<nen ist. Im Laufe der Untersuhungen durhquerte man auch den See, der die Größe des Königreichs Bayern hat, etn Unternehmen, das bisher no< ni<t ausgeführt worden ist, und kam auf eine bisher unbekannte Insel Godscha, deren weltfremde Eingeborene sih freundlih benahmen, wie au< an den Tieren eine merkwürdige Zutraulichkeit beobahtet wurde. So i. B. ließ si<h ein auf einer Klippe sitzender _Seeadler aus nä<hster Nähe photo- graphieren. An der Westküste des Sees in Bukuba, an der Mündung des Kagera und später in Ennebbe wurden für die Zwe>e der Expediton ungeeignete Verhältnisse (Wolken und Gewitter

vorgefunden, sodaß man na< Schirati ¡urü>lehrte. Sehr anschauli

wurden der Besuh bei einem Sultan in der Nähe des Sees und die dort gehabten Eindrü>ke- geschildert. Professor Berson war inzwishen zur Küste zurü>gekehrt, um in Mombassa genau ver- abredete Stmultanaufstiege mit Sgirati ins Werk zu feten. L Glias blieb am E Ort bis nah Mitte Oktober, kehrte dann zur Küste zurü> und esuhte no< Tanga und Daressalam, wo er am Geburtstage Jhrer Majestät der Kaiserin einer Parade der Suaheli- truppe beiwohnte. Professor Berjon hatte, auf den Retsegefährten in Daresfalam seit dem 7. Oktober wartend, hier mit Unterstüßung von Mundt täglihe Drahhenauffliege an Land bis über 2000 m Höhe und „an jedem ¡weiten Tage Pilotaufstiege ausgeführt. Ein merkwiidiges Experiment gelang no< am 17. Ok- tober. Ein Gummiballon von 70 ecm Dur messer wurde als Pilot emporgeschi>t und bei einem Höhenwinkel von 75° bis 22 700 m mit dem Theodoliten verfolgt. Er ging anfangs mit dem faft ôft- lihen Monsun nah W., kam dann, na<hdem zwischen 4000 und 8000 m fast gar kein Wind gewesen, mit Westwind in 20 000 m Höhe zurüd, kehrte in größerer Höhe wieder mit Ostwind um und platte bei 22700 m. Am 21. Oktober trat Professor Berson die Meeresfahrt nah dem Süden an, deren {hon geda<t worden ist, während Dr. Elias no< kurze Zeit in Daressalam blieb und dann nah Europa zurüd- kehrte. Von seiner Fahrt auf dem „Bufssard“, den von Bord aus erfolgten Aufstiegen, von einem interessanten Abenteuer mit einer jungen Löwin auf dem Schiff und von seinen Eindrü>en von Land und Leuten (Kaffern) in der Delagoabucht berihtete zum Shluß no<h Profeffor Berson. Er war Mitte November wieder in Daresfalaam zurü>, Ende Dezember in der Heimat. Beide Forscher verdienen, wie der Vorsißende, Geheimer Rat, Professor Dr. Miethe hervorkob, das hôchste Lob für diese unter beträhtlihen körperlichen Anstrengungen, Sagen und Gefahren der Wissenschaft geleisteten wertvollen

enste.

Für das erste Preisaus\<hreiben des Kepler-Bundes iff| folgende Aufgabe gestellt: Die ältesten (vorfilurishen) Funde von Lebewesen sollen nah ihrer Bedeutung für die Entwi> ungslehre neu untersuht und allgemein verständlih dargestellt werden. Die beste Bearbeitung erhält einen Preis von 1000 46. Die Arbeiten, in deutsher Sprache, sind bis 31. Dezember d. I. an den wissenschaft- S des Bundes, Dr. Dennert in Godesberg a. Rb., ein- zureichen.

Der Verband Deutscher Kunstgewerbereine, der mehr als 17000 Mitglieder R wird am 27., 28. und 29. d. M. seinen neunzehnten Delegiertentag in Halle an der Saale ab- halten. Es stehen wihtige Punkte zur Beratung, so die Gebühren- ordnung für das deutshe Kunstgewerbe, praktische Fragen aus dem Gebiete des Kunstgewerbe|Gußes, Echtfärberei, Wert der Volkskunst usw. Wir werden über die Beratungen berichten.

_ Die Königlich bayerishe Akademie der Wisseu- shaften in München kann am 28. d. M. auf ein 150 jäh riges Bestehen zurü>bli>en. Aus diesem Anlaß veranstaltete fe geftern im Akademiegebäude eine Festsitzung, der als Vertreter des Prinz- Regenten Seine Königliche Hoheit der Prinz Ludwig von Bayern beiwohnte. Ferner waren ershienen Ihre Königlichen Hoheiten die Prinzen Ruppre<ht und Alfons und die Prinzessin Therese sowie die Minister O von Podewils, Dr. von Wehner, von Miltner, von Frauendorfer und Dr. Graf von Crails- heim, die Rektoren der Universität, der te<nis<hen und tier- ärztlihen Hochschule und zahlreide Gelehrte. Der Präsident der Akademie Geheimrat Dr. von Heigel, dem Seine Königliche Hoheit der Prinzregent aus Anlaß der Feier das Prädikat Gxzellenz verliehen hat, gab die sonst verliehenen Auszeihnungen und die von der Akademie gewährten Unterstüßungen wissenshaftlicher Unternehmungen bekannt. Im Anschluß hieran hielt Gebeimrat Dr. von Heigel die Festrede, die ih über die Münchener Akademie ‘bon 1759—1909 verbreitete und das Leben und Wirken diefer gelehrten Gesellshaft innerhalb der 150 Jahre schilderte.

Wie das „W. T. B.* aus München meldet, ist dort der Kunsk- historiker Professor Alwin Shuly, Mitglied des Verwaltungs8- ausshusses des Germanischen Nationalmuseums, gestorben.

Ueber den Einfluß des Nadiums auf die Pflanzen waren bisher, wie in der Wochenschrift „Prometheus“ ausgeführt wird, wider sprehende Angaben gemaht worden. Während die Mehrzahl der Beobachter von einer das. Wachstum der Pflanzen hemmenden Wüikung des Radiums berichtet hatte, hatte eine Minderbeit einen

ünstigen Einfluß festgestellt. Diese Behauptungen find, wie ürzlih Profefsor Charles Stuart Gager, vom Newyorker Bota- nishen Garten im „American Naturalist* darlegte, beide richtig. Das Nadium is nämli ein Reizmittel für die Pflanzen, das, mit Maß angewendet, das Wachstum fördert, bei übermäßigem Gebrauch dagegen, wie alle Reizmittel, {ädli< wirkt und s{ließli< sogar das Absterben der Pflanzen zur Folge haben kann. Diese Wirkung des Radiums hat Gager durh<h fast 200 Versuche na<hgewiesen. Den hemmenden Einfluß des Radiums z. B. zeigte folgender Versu<h: Es wurden 20 Haferkörner vor dem Keimen ses Tage lang der Radiumbestrahlung ausgeseßt und darauf gleihzeitig mit 20 anderen niht behandelten Körnern ausgesät, Das Ergebnis war, daß die unbestrabhlten Körner ¡wet Tage früher aufgingen als die anderen, und daß sieben Tage nah der Aussaat die sungen Pflänzchen der bestrablten Körner er über dem Erdboden si< zeigten, während die anderen Pflanzen bereits mehrere Zentimeter bo< waren. Um sodann den Einfluß zu ermitteln, den die Gegenwart von Nadiumstrahblen im Erdboden felbst auf die Keimung und das Wachstum der Pflanzen aueübt, wurden 16 Körper „Lincoln“ - Hafer in einen Blumentopf ausgesät, und ¡zwar in gleichlaufenden Kreisen in Abständen von 7,22 und 45 mm vom Mittelpunkt des Topfes. Im Mittelpunkte wurde eine vershlossene Glasröhre mit Radium senkre<t in die Erde geste>t, sodaß das Ende der Röhre, das das Nadium enthielt, etwa 5 mm ufter die Oberfläche zu liegen kam. In ähnlicher Weise wurde eine zweite Pflanzung mit einer leeren Gla8röhre angelegt. Nah 106stündiger Versuhösdauer waren die Pslinzchen in dem das Radium enthaltenden Topfe sämtlich au f- gegangen, und fie waren-durhweg entschieden größer als diejenigen der anderen Anlage, von denen drei überhaupt no< ni<ht aufgegangen waren. Die Pflanzen im äußeren Kreise waren durhschnittlih 50 ma,

_ die im mittleren Kreise 46 mm und die im inneren Kreise 42 mm

zrößer, als diejenigen in den enisprehenden Kreisen des Kontrolltopfes.

die man im Grad der Füllung ungefäßr vorausbestimmen

Am sechsten Tage na< der Aussaat wurden die beiden Röhren utn-

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