1888 / 324 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Entscheidung gefällt, welcher folgender Sachverhalt zu Grunde O Ea ruthändler B. ließ durch den Gerichts- vollzieher K. zu Düren wegen einer rets kräftigen Forderung eine An der Fahrnisse des Schuldners vornehmen. Die Versteigerung ergab einen Erlös von 507 S B. erhob hierauf Klage gegen den Gerichtsvollzieher beim Landgeriht zu Aachen auf Zahlung von 350 H, indem er geltend machte: Beklagter habe mit der Versteigerung bereits eine Stunde vor dem ihm mitgetheilten Termin be- gonnen und ein Klavier sowie eine Nähmaschine unter dem Tarwerth verkauft, ehe B., welcher sich zu der ihm festgeseßten Zeit in dem Versteigerungslokal einfand, gekommen war. B. habe selbst beabsichtigt, jene Gegenstände zu einem höheren Preise anzukaufen und er habe durch das Verhalten des Gerichtsvollziehers den eingeflagten Schaden erlitten. Die Klage wurde in beiden Jnstanzen abgewiesen. Das Berufungs- geriht nahm an, daß der Beklagte als bezahlter Man- datar nah Art. 1992 des Bürgerlichen Geseßbuchs au für den durh ein geringes Versehen verursachten Schaden hafte, daß aber vorliegend dem Gerichts- vollzieher ein Versehen niht zur Last falle, da er von dem Kläger um Mittheilung des Verkaufstermins nicht ersucht worden, Kläger, welcher weit entfernt von der Verkaufsstelle wohnte, au gar nicht die Absicht zu erkennen gegeben hatte, sih bei dem Verkauf einzufinden und daran durch Mitbieten zu betheiligen. Auf die Revision des Klägers hob das Reichsgeriht das Berufungsurtheil auf, indem es be- gründend ausführte: „Da der mit der Zwangsvollstreckung beauftragte Gerihtsvollzieher in der Doppelstellung eines Be- auftragten des Gläubigers und eines staatlichen Beamten handelt, enthält die Klagebegründung einen zwiefachen Rehts- grund für die behauptete Entschädigungspflicht, das in der Ausübung des Amts angeblih durch Nichtbeobachtung des 8. 61 der Geschäftsanweisung begangene Versehen, also eine négligence im Sinne des Art. 1383 des Bürgerlichen Geseßbuchs und eine Verlegung der dem Beauftragten nah den Grund- säßen des BevollmädchtigunfBr®Ttrag?s obfrerender “Verbind- liGkeiten (Art. 1992). Ob der Entscheidungsgrund des Be- rufungsrichters als genügend zu erahten wäre, um die dem Beauftragten nah den Grundsäßen des Mandats gemäß Art. 1992 des Bürgerlichen Geseßbuchs obliegende Entschädigungspflicht. zu beseitigen, kann dahingestellt bleiben, denn es handelt sih für die Revision nur um den weiteren Klagegrund, nämlich die behauptete E einer Amtspfliht. Von diesem Ge- sihtspunkt aus ist nach Art. 1383 B.-G.-B. nur zu prüfen, ob dem Beklagten eine Unvorsichtigkeit oder Nachlässigkeit zur Last fällt, und ob der shädigende Erfolg damit im ursächhlichen Zusammenhang steht; dagegen wird niht vorausgeseßt, daß der eingetretene Schaden vorausgesehen werden konnte. Die Frage, ob den Beamten ein Verschulden treffe und Kläger dadurch zu Schaden gekommen sei, ist aber in der Berufs- Jnstanz nicht beantwortet.

Nachdem in einer BaGalale nah der Auffassung des Schiedsgerichts die Gegen|chrift der Berufsgenossenschast verspätet eingegangen war, wurde über die Berufung ausweislih des betreffenden Sißungsprotokolls in vermeint- licher Nachachtung der Bestimmung des 8. 8 Abs. 1 der Kaiserlihen Verordnung vom 2. November 1885 „in Ab- wesenheit der nicht geladenen Parteien“ nach Lage der Akten verhandelt und entschieden. Auf den Rekurs der be- flagten Berufsgenossenshaft Hob das Reichs - Ver- siherungsamt durh Entscheidung vom 19. No- vember d. J. (Nr. 637) das schiedsgerichtlihe Urtheil auf und verwies die Sahe zur anderweiten Verhandlung und Entscheidung in die Vorinstanz zurück. Die im §. 8 Absayg 1 a. a. O. angeordnete Verwarnung, daß im Falle der Nichtinnehaltung der Frist zur Einreihung der Gegenschrift die Entscheidung „nah Lage der Akten“ erfolgen werde, ver- mag ein Abweichen von dem Grundsaye der Mündlichkeit und Oeffentlichkeit des Verfahrens vor den Schiedsgerichten nicht zu rechtfertigen. Sie ist vielmehr S als eine Ordnungs- vorshhrist zwecks Förderung des Ganges des Verfahrens anzusehen, welches sih sonst durch das Zögern einer Partei ungebührlih in die Länge 4 könnte. Die Regel aber, daß die Entscheidung im FJnteresse thunlichst ershöpfender Er- örterung der Sache „auf Grund mündlicher Verhandlung“ zu erfolgen habe (§. 10 Absay 1 der Verordnung vom 2. No- vember 1885 beziehungsweise §. 13 erster Saß der Verordnung vom 5. August 1885, vergleiche 8. 127 der Civilprozeßordnung), erleidet nur in dem Falle eine Ausnahme, daß beide Parteien über den Fortfall der mündlichen Verhandlung sih ausdrüdlih einigen (8. 19 beziehungsweise §. 21 a. a. O.).

Der Kaiserliche Botschaster in London, Staats-Minister ral von Hatfeldt-Wildenburg, hat einen ihm Aler- höchst bewilligten Urlaub angetreten. Während der Dauer der Abwesenheit desselben von seinem Posten fungirt der Legations-Rath Graf von Leyden als Geschäftsträger.

Der Herzogli braunshweigishe Gesandte am hiesigen Allerhöchsten Hose, Freiherr von Cramm-Burgdorf, ist von kurzem Urlaub hierher zurückgekehrt und hat die Geschäfte der Gesandtschaft wieder übernommen.

S, M. Aviso „Pfeil“, Kommandant Korvetten-Kapitän Herbing, ist am 25. d. M. in Aden eingetroffen und beab- sichtigt, am 27. d. M. die Reise fortzuseßen.

Bayern. München, 26. Dezember. (W. T. B.) Die Kaiserin von Oesterreich is heute Abend zum Besuch ihrer Tochter, der Erzherzogin Gisela, Gemahlin des Prinzen Leopold, hier eingetroffen. Der Minister-Präsident Freiherr von Lußt ist an Bronchitis erkrankt. /

Sachsen-Weimar-Eisenach. Weimar, 26. Dezember. (Th. C.) Die Erbgroßherzogin, welche vor einigen Tagen anscheinend unerheblich erkrankte, leidet, wie seit Montag Abend verlautet, an einem gastrisch:nervösen Fieber von ernstem Charakter. Die hochgradigen Fiebererscheinungen sind fehr hartnäckig und bewirken, daß die hohe Patientin sich Tag und Nacht in einem Zustand großer Unruhe befindet, doch ist, wie das Bulletin von heute Morgen L der Kräftestand vorläufig nicht besorgnißerregend. Jn das irchengebet ist eine Fürbitte für die hohe Kranke eingelegt.

Elsaß-Lothringen. Straßburg, 26. Dezember. Die heute ausgegebene Nummer 25 von dem „Gesezblatt für

e T e Cirfás veröffentliht die» Verordnung, betreffend die Einführung der Gewerbeordnung, vom

24. , Seis 1888, auf Grund des Reichsgesetzes, betreffend

die Einführung der Gewerbeordnung in Elsaß-Lothringen, vom 27. Februar 1888. 4 V

Oesfterreih-Ungarn. Wien, 24. Dezember. (Wien. Abdp.) Das Herrenhaus des Reichsraths wird vor Neujahr keine s mehr abhalten. Einzelne Kommissionen dieses Hauses segen jedoch ihre Thätigkeit auch während der Weih- nahtsferien fort.

(W. T. B.) Dem „Armee-Verordnungsblatt“ zufolge sind ernannt: zum General der Kavallerie der bisher beurlaubte FML. Graf Julius Andrassy unter Belassung in seinem gegenwärtigen Verhältniß; zu Feldzeugmeistern:

ML. Baron Teuchert und der Generalstabs-Chef Baron

S: Pest, 24. Dezember. netenhaus tritt Anfangs Januar zur Berathung des Wehr- geseßes zusammen.

Frankreih. Paris, 24. Dezember. (W. T. B.) Der Senat nahm in seiner heutigen Vormittagssißung ohne be- merkenswerthen Zwischenfall die Budgets der Finanzen, der Justiz, der Kulte, der Posten und Telegraphen, sowie des Auswärtigen in der von der Kammer be- \{lossenen Fassung an. Jn der Nachmittagssißung wurden die Budgets für da® Jnnere, für die Marine, für den Unterriht und ein Theil des Budgets für die \chönen Künste genehmigt und dabei die von der Kammer gestrihene Subvention von 50000 Fr. für die Große Oper wieder hergestellt. Hierauf vertagte sh der Senat bis nächsten Mittwoch.

%5. Dezember. (W. T. B.) Boulanger hat eine Erklärung erlassen, nah welcher er bei der Ersaßwahl für den verstorbenen Deputirten des Seine-Departements, e ministeriellen Kandidaten gegenüber als Gegenkandidat auftreten wird.

926. Dezember. (W. T. B.) Der Senat nahm in der heute Vormittag abgehaltenen Sizung den Rest des Budgets des Ministeriums der shönen Künste an. Der Kultus-Minister bekämpfte den Antrag, betreffend die Erhebung von Eintrittsgeld für die Museen, und erklärte, die Museen bildeten einen Theil der zu allgemeinen Unter- rihtszwecken vorhandenen Anstalten und müßten deshalb auch für Jedermann zugänglih sein. Jn der Nachmittagssizung genehmigte der Senat die Etats des Krieges und der Kolonien.

Jn einer gestern stat‘gehabten Versammlung von Senatoren und Deputirten verschiedener republi- kanisher Rihtungen wurde in Aussicht genommen, die Kandidatur Pierre Baudin's an Stelle des verstorbenen Hude gegenüber der Kandidatur Boulanger's zu unterstüßen.

Rußland und Polen. St. Petersburg, 26. Dezember. (W. T. B.) Am 1. Oktober d. J. betrugen die gesammten Neichseinnahmen 596 100 000 Rbl. gegen 521 200 000 Rbl. im Vorjahre, die gesammten Reihsaus8gaben 561 500000Rbl. gegen 537 400 000 Rbl. im Vorjahre.

Ftalien. Nom, 24. Dezember. (W, T. B.) Der Papst empfing heute das Kardinalskollegium und die Prälaten, welhe ihre Weihnachts-Glücckwün sche dar- brachten, und erwiderte auf die von dem ältesten der Kardinäle, Sacconi, verlesene Adresse, nahdem er den Kardinälen gedankt * hatte: Während es Gott gefallen habe, ihm die Gunst der Feier feines Jubiläums zu ge- währen, habe “die {hwere Lage des Papstthums keine Er- leihtérung erfahren. ' Die Lage habe sih vielmehr noch ver- \{limmert durch den systematischen Krieg gegen alles Katho- lishe und durch adminisirative wie legislative Verfügungen. Selbst fromme Stiftungen, wie das asiatishe Kollegium, würden niht geshont und die würdigsten Unternehmungen, wie diejenige gegen die Sklaverei, würden gehindert, weil die Kirhhe die Jnitiative dazu ergriffen habe. Man erlaube sich Beschimpfungen und drohende Kundgebungen gegen den Papst, man bediene \sih aller und jeder Waffen, um ihm zu schaden und, als ob dies noch nicht genug sei, mache man noch neue dem Papstthum feindliche Geseße. Der Papst werde beschuldigt, daß er ein Feind Ftaliens sei, weil er zur Wahrung seines geistlihen Amts auf der Revindizirung der wirklihen Souveränetät beharre. Er habe diese An- \{uldigung, mit der man die Jtaliener vom Papstthum abwendig machen wolle, hon oft widerlegt; jene Re- vindizirung bedeute nur Ruhe und Wohlfahrt für Jtalien. Der Papst sei nach den ruhmwürdigen Traditionen des Papstthums kein Feind Jtaliens, sondern nur bestrebt, dessen moralishe Macht zu heben. Die italienishen Katholiken, welche die Souveränetät des Papstes zurückforderten, liebten ihr Vaterland mehr als die anderen Katholiken, die dies nicht thäten. Die Bischöfe und die Katholiken der ganzen Welt erhöben ihre Stimmen zur Vertheidigung der Rechte des Papstes; es handle sich um moralische und soziale Jnter- essen. Auch Jtalien sei, wie die Pilgersahrten bewiesen, mit dem desfallsigen Verlangen nicht zurückgeblieben ; die Regierung habe aber diese Stimme durch neue Geseßze unterdrücken wollen. Am Schluß seiner Rede ertheilte der Papst den er- schienenen hohen geistlichen Würdenträgern seinen Segen.

2926. Dezember. (W. T. B.) Eine Depesche der „Agenzia Stefani“ aus Massovah dementirt die in Zilah und Massovah verbreiteten Gerüchte, wona Graf Antonelli durch den Sultan von Aussa gefangen genommen worden wäre, und meldet, daß die Reise des Grafen Antonelli ohne jede Schwierigkeit von Statten gegangen sei. Daß die Beziehungen zwischen dem König Menelik und dem Negus abgebrochen sind, bestätigt sich. :

Neapel, 26. Dezember. (W. T. B.) Der Deputirte Mancini, im lezten Ministerium Depretis Leiter der Aus- wärtigen Angelegenheiten, ist heute auf der Villa Capodimonte gestorben.

Rumänien. Bukarest, 24. Dezember. (W. T. B.) Die Deputirtenkammer beschloß, die Vorlage betreffend die Eröffnung eines Kredits von 26 Millionen Francs zum Zweck der Zurückziehung der Hypotheken- billets der Nationalbank, in Erwägung zu nehmen.

Serbien. Belgrad, 24. Dezember. (W. T. B.) Jn der gestrigen ersten Sißung der großen Skupschtina wurde Paja Vukovics (radikal) zum provisorishen Präsi- denten und Rista Popovic (gemäßigt radikal) zum Präsidenten des Verifications-Aus\husses pt

Eine Mittheilung der „Polit. Korresp.“ aus Belgrad tritt den auswärts verbreiteten beunruhigenden Gerüchten mit der Versicherung entgegen, daß im ganzen Lande die vollste Ruhe und Ordnung herrshe. Die Annahme des Verfassungsentwurfs scheine jeßt hon gesichert, die Eröffnung der Skupschtina solle aber erst dann erfolgen, wenn die Enbloc-Annahme des Verfassungsentwurfs ganz zweifellos sei.

radikale Partei fest

Wrag. Abbbl.) Das Abgeord- | und bâlen Se. Majestät, von der Loyalität Und lier:

Das loyale Verhalten der günstige Lösung der noch Frist erwarten.

926. Dezember. (W. T. B.) Gestern Mittag erschien eine Deputation von 120 der hervorragendsten Mitglieder des radikalen Klubs im Palais, um dem König im Namen der radikalen Partei den wärmsten Da nk dafür auszusprechen, daß derselbe aus eigenem Antriebe das serbische Volk mit einer liberalen Verfassung beschenkt habe; sie fönnten dem König die Versiherung geben, daß die zu Thron und Vaterland stehe,

ührer der Radikalen lasse eine chwebenden Fragen in kürzester

brühlihen Treue und Hingebung der radikalen Partei ¡berzeugt zu sein. Der König erwiderte: er sei von der yalität und Treue der Partei überzeugt, und zoa sodann eine Parallele zwischen der alten Verfassung und dem jeßt vorliegenden Verfassungsentwurf, wobei er die Vorzüge des leßteren sowie die damit gewährte große Verbesserung der verfassungsmäßigen Zustände hervorhob. Gleichzeitig legte der König die Gründe dar, aus denen er bei seinem bereits dem Verfassungs-Aus\{huß gegebenen Worte, seinerseits keine weiteren Konzessionen machen zu wollen, und bei der unveränderten Annahme des Entwurfs durch die Skupsch- tina beharren müsse. Die Rede des Königs , welche eine Stunde währte, wurde mit stürmischen anhaltenden Zivio-Rufen aufgenommen. Der Führer der Deputation gab wiederholt die Versicherung, daß èie Anwesenden Alles ausbieten würden, um ih durch Erfüllung des Königlihen Wunsches des großen Vertrauens ihres angestammten Herrschers würdig zu erweisen. Dem Empfange wohnten die Minister und Regie- rungskommissäre bei. Das Organ der radikalen Partei, „Odj ek“, bringt einen Leitartikel, in welchem es die Vorzüge des Ver- fassungsentwurfs hervorhebt und denselben zur Annahme

empfiehlt.

Bulgarien. Sofia, 24. Dezember. (W. T. B.) Die „Polit. Korresp.“ meldet: Sallbaschewo (Rumeliote) habe das Portefeuille der Finanzen und der bisherige Präsident Goutshew dasjenige der Justiz über- nommen. Mit beiden Ernennungen sei die Kabinets- krisis abgeshlossen, da nur Natschewitsh und Stoilow

demissionirt hätten.

%5. Dezember. (W. T. B.) Stoianow, Kandidat der Regierungspartei, ist mit 165 Stimmen zum Prä- sidenten der Sobranje gewählt worden. Der Kandidat

der Gegenpartei, Stoilow, erhielt 83 Stimmen.

Zeitungsfstimmen.

Der „Düsseldorfer Anzeiger“ schreibt:

Wer, der die Schwelle der Kindheit überschritten, fönnte die Weihnacwt des Jahres 1888 begeben ohne das Gefühl tiefsten Ergriffenscins beim Zurückdenken an Alles das, was unserem Vaterlande in der kurzen Spanne der leßten zwölf Monate zu erleben beschieden war! Wokl leucteten auch am selben Abend vor Jahres- frist die Weihnachtskerzen im traulicen Kreise, aber ihr Widerschein \piegelte sich in ernsten Blicken, in bekümmerten Mienen, denn immer und immer wieder \{weiften die Gedanken fernab, dahin, wo ein allgeliebter, aliverchrter Held, des Deutschen Reihs Thronfolger, der Stolz seiner Nation, den hoffnungslosen Kampf gegen das unerbittlihe Sgicksal kämpfte, immer und immer wieder blieben sie, rüdkehrend, baften an dem. bistorishen Edfenster, hinter welhem der greise Herrscher, Kaiser Wilhelm, Sorge und Leid trug um den fernen, einzigen Sohn! Die Weißnawtskerzen, soviel ihrer au angezündet waren, vermochten nit, das Dunkel aufzuhellen, welches über der Zukunft brütete T 1

Zwölf Monate sind seitdem verflofscn. Wir Alle wissen, was sie uns gefostet, do au, welhen Ersaß sie uns geleistet haben, und wir zögern nit, die Pforten unseres Herzens in voller Weite dem Heilégruße der Weihnathtsbotschaft aufzutbun. Jst uns doch auch im Laufe dieses Jahres bewahrt geblieben, was ron jedem Vaterlandêfreunde gleihmäßig theuer und werth gehalten wird: der Friede auf Erden! Wenn es eiren Umstand gab, der den Schmerz des Volks um dea Hintritt des greisen Kaisers Wilhelm und um das Leiden und Sterben des edlen Dulders Friedrich noch zu vertiefen vermochte, so war es die Sorge, ob der Friede Eurovas der Wucht solhen Doppelstoßes wohl gewachsen sein werde. Dank der früh gereiften Regententugenden Kaiser Wilhelm's 1I,, unterstüßt dur das staatsmännisbe Genie des Reichskanzlers Fürsten von Biêmarck, sind die Machenshaften der Feinde Deutschlands und des Friedens nah wie vor zur Ohnmatt verurtheilt geblieben, konnte unser Volk unangefobten seinem arbeitsvollen Tagewerk nacgehen, konnte hafen, auf daß überall in deutsden Landen am heiligen Abend der Weihnachtsbaum einen Kreis zusriedener, festgemuther Meni chen- finder um si versammelt sehe. ; z

Was immer auch im Leben des Volks, in der Entwickelung des Staats noch zu würshen übrig bleiben mag und allen Gebrechen wird auch die denkbar weiseïîte Gesetzgebung, die denkbar glüdlichste Verkettung der Umstände niemals abzuhelfen im Stande fein —, man darf mit frisber Thatkraft, mit ungebeugter Zuversicht Hand an das Werk der Besserung, der Reform legen, wenn nur das kostbare Gut des Friedens nah Außen, aber nicht minder auch nah Innen, ge- wahrt bleibt. : :

Um den Frieden nach Außen zu sihern, hat die Nation schwere Opfer gebracht, und würde um deëlelben Zwecks willen, wenn cs fein muß, noch größere Opfer bringen. Den Frieden nah Innen, die Eintracht zwischen den Einzelgliedern des vielgestaltigen Organiëmus der Gegentvart zu sihern und auf dauerhaftere Grundlagen zu stellen, ist das zweite große Problem des Tages, dessen Lösung der Ausbau unserer nationalen Justitutionen angepaßt wird

Jn einem Weihnacts-Artikel der „Staatsbürger- Zeitung“ lesen wir: i: : /

Durch wie wundersame Schicksale hat dto die Vorsehung un)er deutsches Volk scit dem lezten Weihnactéfest bingeführt! Vor Jahreéfrist scauten wir noch voll stolzer ehrfurhtsvoller VBewunde- rung auf den herrlichen kaiserlihen Greis, durch welchen es unserer Generation beschieden worden, des Baues deutscher Einheit, von welchem unsere Väter nur wehmüthig boffend und wünschend zu \sprehen und zu {ingen wagten, in s{öner Vollendung sih zu er- freuen : „vicle Könige und Propheten“, so lautet ein biblises Wort, „wollten sehen, das Ihr sebet, und haben es nicht gesehen. Der Naturnothwendigkeit fast zum Troy mochte Niemand si mit dem Gedanken vertraut machen, daß das unabweit- bare Gescbick uns unseren Kaiser Wilhelm rauben könnte, zumal da an den Scbmerz um seinen endlichen Hintritt si die bange Sorge um den Erben der Krone, den geliebten Kaisersohn knüpfte, der, von tüeishem Leiden beschlihen, fern von der Heimath für feine Lieben, treu deutschem Brau, den Weihnachtsbaum erleuchtete. Unzählige Wüns&e und Seufzer noch niht völlig erstorbener Hoffnung find damals am Weibnachtsabend vergangenen Jahres, aus dem lichten Kaiserbhause am Denkmal des Großen Friedrich, aber „nicht weniger warm und innig aus Millionen Herzen vom Memel- bis zum Donau? strand nah San Remos Gestade über die Alpen geflogen.

Und um so ernster, um so \{werer mußte zu Weihnachten ver: gangenen Jahres eine solche Betrachtung aaf den Gemüthern deutscher

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Menschen lasten, als die Besorgniß nit unbezründet \{chien, daß der Bree des Vaterlandes von außen her gcfährdet werden a amentlich unfer politisher Horizont zeigte düstere Gewitterwolken, und wer modte die Bürgschaft dafür übernehmen, daß aus dem Zucken im Westen der Vogesen ih doch nicht etwas Anderes entladen möchte als ein harmloses WetterleuWten. Zwar hat sid baîd die erprobte Ehrlichkeit zusammen mit der energischen Stetigkeit der deutschen Politik unter der altbewährten Leitung unseres großen Staatsmanns als vortreffliver Blißtableiter egen die drohenden Unwetter erwiesen: „wir Deutschen fürchten o!t, sonst nichts in der Welt“; in patriotisher Einmüthigkeit, des

leidigen Parieihaders einen Augenblick vergessend, erhob fi die Ver- rets Od Höbe -+hrer- Aufgabeck intem—Aie-7-

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die Mittel für die Vertbeidigung des Vaterlandes zur Verfügung stellte, und starke FEL Gal anbuifie trugen nicht minder dazu bei, friedensftôörerishe Gelüste îtußig zu mahen und im Zaum zu halten, abec zu Weihnachten 1887 waren zumal für den Fernerstehenden folche Wandlungen noch kaum erkennbar.

Wir haben dann die tieftraurigen Tage des Märzmonat3 dur: lebt, in denen das Verhängriß so drückend auf unserem Volke lag, als der große Kaiser, der Deutshlands Einkeit geshafen hatte, dahin- sank. Es kamen die Wochen bangen Zweifels und bangen Zagens um das theure Haupt, das, obshon gebeugt und müde zum Tode, in unershütterlihem Pflichtgefühl doch keinen Augenblick gezögert hatte, die unter solhen Umständen doppelt {were Bürde auf sich zu nebmen. Dumpfer Schmerz durhwogte die Nation, als die Nah- rihten aus Charlottenburg und Potsdam immer trüber lauteten, bis das lange befürchtete Schreckensereigniß jenes Mittsommertages eintrat. i Aber mit diesem Schlage trat auch die Wendung zum Besseren in der shweren Tragödie ein, welche seit Weibnachten 1887 unserem Volk zu dur(leben beschieden war. „Gott verläßt keinen Deutschen“ ob Kaiser Wilhelm 11. wobl an den alten Trostesspruh gedackt hat, da er, von Deutschlands Fürsten umgeben, für den feierlichen Akt der Regierungsübernahme den Festhoral bestimmte: „Der Herr ist nun und nimmer noch von seinem Volk gewihen". Sier- heit und Beruhigung -ist von Tag zu Tag gewachsen, als wir den Ernst, die Ruhe und Besonnenheit gewahrten, mit welcher der jugendäüibe Herrsher von Anfang an seines hohen Amtes waltet, ein wahrer Völkerapostel ift er unlängft von der Newa bis zum Vesuv als willkommener Träger der Friedenspalme gezogen, mit Würde und Festigkeit wies er im Innern die Absichten und Beftrebungen einer unpatriotishen, unmoralisck@en Partei in ihre Schlupfwinkel. zurück. Das Testament Wilhelm's I., die Sorge für die Armen und. Gedrüdckten des Volks, ist unter Wilbelm Il. rüitig zur ferneren Ausführung in Angriff genommen; ein erhabener, welt- umfassender Gedanke, die Aufhebung des Menschenhandels, foll unter Deutschlands Aegide zur That werden: von Otten kam der Menschheit einst das Licht, nah Osten bringt die civilijirte Menschheit nunmehr die Freibeit, ei \chönerer Kreuzzug wahrlich als die Abenteuer früterer Sahrhunderte!

Ueber die parlamentarishe Lage „Nationalliberale Correspondenz“: _Die beiden entscheidendsten Angelegenheiten, mit denen ich der Reichstag nah Wiederaufnahme seiner Sitzungen zu bes{äftigen haben wird, sind der kolonialpelitishe und der 1ozialpolitishe Gescßentwurf. In beider Hinsicht wird man den Verhandlungen des Reichstages nit dem Bertrauen entgegensehen dürfen, daß sie zu einem guten Ende führen. Sollte die Altersversiherung in dieser Session niht mehr zu Stande kommen, so würde cs schwerlich an der inneren Unvereéin- barkcit der Anschauungen der Regierung und der auf dem Boden der Sozialreform stehenden Parteien liegen, sondern daran, daß ein so großes, neues und \chwieriges Werk naturgemäß einer längeren Zeit zur Reife und Klärung bedarf, und daß eine einzige Session vielleicht bierfür sich nicht als ganz ausreihend erweist, Sollte das Gesetz in der gegenwärtigen Session nit zur Vollendung gelangen, was wir aber noch keineswegs als wahrs{heinlich bezeihnen wollen, so würde es in der nähsten Session mit um so besseren Auësibten des Ge- lingens in Angriff genommen werden. Daß das Gese in naher Zeit zu Stande kommen wird und muß, daran zweifelt wohl Nie- mand ernstlich, und es ift auch alle AutsiGt, daß es sih auf eine er- freulich große Mehrheit des Reichstages zu ftüßen vermögen wird. An der Sozialreform-Geseßgebung baben bekannilih nicht nur Konservative und Nationalliberale, sondern auch das Centrum mitgearkeitct, und diese bedeutende Mehrheit wird si, wie man sicher hoffen darf, au bei der vorliegenden „Krönung des Gebäudes“ wieder zusammexnfinden, so daß allein die Deutschfreisinnigen und Sozial- demokraten widersprehen werden. Und nit anders wird es bei den kolonialpolitishen Vorschlägen gehen. Das Centrum mag sh immer- hin der Freiheit sciner Bewegung rühmen und versichern, daß es si durch den Antrag Windthorst zu nichts verpflichtet habe. Das haben auch andere Parteien nicht gethan. Aber der Zwang der realen Thatsahen und der logishen Konsequenz wird au das Centrum dahin führen, den kolonialpolitishen Vorschlägen zuzuflüimmen, als dem einzig praktis@en Weg, der auch die Er: eichung der bumanitären Ziele in Aussicht stellt. Es ist selbstverständlich nur mit Befriedigung zu begrüßen, wenn in diesen beiden großen Arliegen die Reichstagsmehrheit eine so gewaltige ist, wie es dur das Zu- sammenwirken vcn Korservativen, Nationalliberalen und Centrum in Auesicht steht. Nur im Einvernebmen mit einer ansehnlihen Mehr- heit der Volksvertretung können fo große Unternehmungen erfolgreich in Angriff genommen werden.

Die „Staaten-Correspondenz“kemerkt:

Aus Paris wird uns geschrieben: Der Niedergang des Klein- gewerbes hat hier cine folhe Auédehnung angenommen, daß die ernstest:zn Besorgnisse hinsichtlich dieses Nährstandes nit mehr zurück- zuhalten sind. Vornehmlich beklagt sih der Pariser Kleinhandel bitterlich über die Monopolisirung des ganzen Handels zum Vortheil der großen Bazare, wie des Louvre, Printemps, Bon Mard(é, welche sih mehr und mehr zu einem Stapelplaß aller Waarene- ausbilden, in welchem man Alles findet, was man nur begehren fönnte: Hüte und Schuhe, Blumen Und Spiel- sahen, Kleider und Galanteriewaaren, Parfüms und Spiyen, Nipp- gegenstände, Spazierstöckte 2c. Die kleineren, nur in einer Branche Geschäfte machenden Gewerbtreibenden verlieren ihre ganze Kundschaft, welhe die Reichhaltigkeit und Billigkeit der großen EStablifsements anzieht. Da diese genannten Bazare Waaren in großen Quantitäten und bei passenden vortbeilhaften Gelegenheiten aufkaufen, und es denselben an Geldmitteln nicht gebriht, fo föônnen sie zu billigeren Preisen die Waaren abgeben, als dies der auf sein cigenes fleines Betriebskapital angewiesezne Kaufmann fertig zu bringen vermag. Für die Kundschaft ist es aber außer- dem bequemer, in den Bazaren alle dringlihen Gegenstände ein- zukausen, das heißt, nicht genöthigt zu sein, verschiedene Läden zu besuchen. Der Kleinhandel kann gegen diese Konkurrenz nicht auf- kommen, er verkommt, chwindet dahin und geht \hließlid unter; in allen Häusern von Paris sieht man in rascher Folge die Miether von Geschäftslokalen erscheinen und nach fkurzer Zeit ruinirt, wenn nicht bankerott verschwinden. Man hat in den Kaufmanns- kreisen eine Liga gegen die Bazare gebildet, auch bält man von Zeit zu Zeit Monstremeetings gegen die bestebende Ordnung der Dinge ab, aber weder die Protestationen noch die an die Kammer oder den Pariser Gemeinderath gerichteten Petitionen des Kleinhandels können oder werden Abhülfe schaffen.

äußert die

Geseßlich kann der Staat gegen die großen Bazare rit einschreiten,

er müßte dann die alten Ordonnanzen wieder zur Geltung bringen, daß der Bâcker nur Brot, der Shubmacer nur Stiefel u. |. w. ver- kaufen darf. Mag dem sein, wie ihm wolle, die jeßige Uebergangszeit, welche der Organisation einer noch zu findenden Harmonie der Inter- essen von Groß und Kleinhandel vorhergeht, ist ungemein hart für zablreiche Familien von bürgerlihen Gewerben, welhe langsam dem Verfall entgegengehen.

Amtsblatt des Reihs-Pofstamts. Nr, 53. Inkalt. Verfügungea: Vom 13. Dezember 1888: Abönderurg der Post- ordnung vom 8. März 1879 und der Telegraphenordnung vom 13. Auaust 1880. Vom 18. Dezember 1883: Einziehung von Privat-Banknoten. Vom 20. Dezember 1888: Mißbräutliche Verwendung von Svielmarken bei Zahlungen in Gold.

_ Centralblatt der Bauverwaltung. Nr. 514 _— Inkalt: Nichtamtliches: Zur Berehnung der Schienenlashen (Schluß). Bücherschau.

Statistische Nachrichten.

beitsamts sind in der Zeit vom 9. bis 15. Dezember cr. von je 1000 Bewohnern, auf den Jahreëdurchschnitt berechnet, als gestorben gemeldet: in Berlin 17,8, in Breslau 26,7, in Königs- berg 26,3, in Köln 20,2, in Frankfurt a. M. 18,1, in Wiesbaden 16,1, in Hannover 20,7, in Kassel 12,4, in Magdeburg 22,2, in Stettin 24,6, in Altora 13,5, in Straßburg 22,4, in Mez —, in Müncken 30,6, in Nürnberg 25,4, in Augsburg 27,4, in Dresden 17,5, in Leipzig 14,9, in Stuttgart 17,6, in Karlsruße 22,4, in Braun- \chweig 22,4, in Hamburg 25,1, in Wien 24,3, in Pest 28,1, in Prag 32,9, in Triest 21,0, in Krakau 26,0, in Amsterdam 21,2, in Brüssel 23,5, in Paris 22,6, in Basel —, in London 17,7, in Glaëgow 20,9, in Liverpool 24,0, in Dublin 26,6, in Edinburg 14,1, in Kopenhagen 19,6, in Stockholm 20,6, ia Christiania 17,5, in St. Petersburg 23,9, in Warschau 26,0, in Odessa 23,9, in Turin 21,1, in Rom —, in Venedig 15,6, in Alexandria 42,4. Ferner in der Zeit vom 18. bis 24. November cr. in New-York 21,7, in Philadelphia 17,7, in Baltimore 15,8, in Bombay 22,1, in Kal- ïutta 30,8, in Madras 33,5.

Auch in dieser Berichtswoche waren die Sterblichkeitsverhältnisse in den meisten Großstädten Europas sebr günstige, wenn auch aus einem größeren Theil derselben ein wenig höhere Sterblichkeitsziffern als in der Vorwoche gemeldet wurden. Einer sehr günstigen Sterb- lihkeit (bis 15,0 pro Mille und Jahr) erfreuten \sich Kassel, Altona, Leipzig, Essen, Potsdam und Edinburg. Recht günstig (bis 2070 pro Mille) war die Sierblihkeit auch in Berlin, Dresden, Frankfurt a. M., Wieébaden, Bremen, Stuttgart, Barmen, Aaden;, Düsseldorf, Mannheim, Darmstadt, Kopenhagen, London, Christiania, Venedia u. a. Mäßig boch (etwas über 20,0 pro Mille) i=Koù:, Hannover, Magdeburg, Chemniß, Trieft, Amsterdam, Stock- bolm, Turin u. a. O. Sehr hobe Sterblichkeitsziffern (über 35,0 pro Mille) wurden aus teutshen Städten nit gemeldet. Unter den Todesurfachen kamen Darmfkatarrhe und Brehdurhfälle im Allgemeinen noch seltener als in der Vorwoche zum Vorschein, rur in Berlin, Ham- burg, Münden, Königsberg, Wien, Pest, Paris, St. Petersburg war die Zabl der durch sie bedingten Sterbefälle noch. eine nennenswerthe. Die Theilnahme des Säuglingsalters an der Sterblichkeit war im Allgemeinen eine verminderte, in München eine größere. Von je 10 000 Leber. den starben, aufs Jahr berehnet, in Berlin 54, in München 133 Säuglinge. Unter den Infektionekrankheiten haben Masern, Scharlach, Diphtherie, Keuhhusten und Pocken etwas mehr, tyyböse Fieber etwas weniger Sterbefälle hervorgerufen als in def VorwodLde. So waren Todesfälle an Masern in Berlin, Köln, Magdeburg, Düsseldorf, Brüssel, Liverpool vermindert oder nicht vermehrt, während sie in München, Bremen, Karlsruhe, Prag, Paris, London, Amsterdam zahlreiher vorkamen. Erkrankungen haben jedech in den meisten Orten, aus denen Berichte vor- liegen, zugenommen, nur in Berlin, Wien und in dem Regierungsbezirk Schleswig war eine Abnahme derselben ersichtlich. Swarlach hat in Berlin, Breélau, München, Wien, Prag, Kopenhagen etwas mehr, dagegen in Danzig, London, Liverpool, Warschau, St. Petersburg weniger Opfer gefordert. Erkrankungen wurden jedo aus fast allen Orten, aus denen Berichte eingingen, in größerer Zabl gemeldet, Die Sterblichkeit an Diphtherie und Croup war in Berlin, Breslau, Dresden, Halle, Magdeburg, Nürn- berg, Pest, Prag, Warshau, St. Petersburg, Christiania eine gé- ringere, dagegen in München, Leipzig, Königéberg, Frankfurt a. M., Hannover, Danzig, Stuttgart, Stettin, Braunschweig, Wien, Lond on, Kopenhagen eine größere als in der vorangegangenen Woche. Auch Erkrankungen wurden meist in größerer, nur aus Kopenhagen, Stockholm, Christiania und St. Peteréburg in vermin- derter Zahl mitgetheilt. Typhöse Fieber führten in Ham- burg, Königsberg, London etwas mehr, in Pest, Paris, St. Peters- burg ctwas selterer zum Tode. Erkrankungen kamen in Berlin und St. Petersburg seltener, in Hamburg und Pest zahlreicher zur Berichterstattung. An Flecktyphus wurden aus Krakau 1 Todes- fall, aus dem Regierungsbezirk Hannover und aus St. Petersburg je 1 Erfrankung, aus Kopenhagen auch 1 Todeéfall an eptdemischer Genidckstarre zur Anzeige gebraht.—Der Keuch hut en hat in London, Liverpool und Kopenhagen ein wenig mehr, in Paris etwas weniger Todesfälle veranlaßt Erkrankungen waren aber in Hamburg, Nürn- berg und Kopenhagen vermindert, in Wien vermehrt. Erkrankungen an rofenartigen Entzündungen des Zellgewebes der Haut zeigten sich in Wien etwas seltener. Vereinzelte Todeéfälle an Pocken wurden aus Wien, Pest, St. Petersburg und Odessa ge- meldet, mehrfache aus Paris (2), Triest (3), Warschau (10), Prag (17). Erkrankungen kamen aus dem Regierungsbezirk Schleswig und aus Qn und Christiania je 1, aus Pest vnd St. Petcréburg je 7 zur

enntniß.

___ Der Gesundheitszustand in Berlin war auc in dieser Woche ein günstiger und die Sterblichkeit eine geringe. Etwas bäufiger als in der Vorwoche führten Darmkatarrhe und Brebdurhfälle zum Tode. Die Theilnahme des Säuglingêalters an der Sterblichkeit blieb aber eine schc mäßige. Auch aftute Entzündungen der Atb- mungsorgane waren zahlreich und endeten in vielen Fallen tödtlich, doh, war im Verglei zur Vorwote eine erhebli&e Abnahme der Er- kfranTungen ersihtlich. Bon den Infektionëkrankheiten kamen Erkran- kungen on Masern erbeblih weniger zur Meldung als in der Vorwode, sie waren besonders im Stralauer Viertel, in der Oranienburger Vorstadt.und auf dem Wedding noh immer häufig. Erkrankungen an S(arlach und an Dipktherie zeigten gegen dieVorwohe keine wesentliche Veränderung, erstere waren im Stralauer Viertel und auf dem Wedding, leßtere au in den westlihen und südwestliben Stadttbeilen nicht selten. Typhôse Fieber und rosenartige Entzündungen des Zeligewebes der Haut blieben selten; Erkrankungen an Keuchhusten waren wohl zahlrei, nahmen jedo meist einen gutartigen Verlauf. Rheumatishe Beschwerden der Muékeln sowohl, wie akute Gelenkrheumatismen gelangten in erbeblid gegen die Vorwoche vermiaderter Zahl zur ärztlichen Behandlung.

Kunft, Wissenschaft und Literatur.

Die Kunstanstalt von G. Freytag & Berndt in Wien, Scottenfeldgasse 69, welbe als eine Spezialität ihrer Thätigkeit die Herstellung lebenëgroßer, ia Photographie und“ Lichtdruck nah Zeich- nungen angefertigtet Porträts betreibt, hat soeben wieder zwei Proben ihrer Kunstfertigfeit geliefert, welche als woblgeiungen zu betrachten sind. Dieselben stellen Ihre Majestäten den Kaiser Wilhelm 11. und die Kaiserin Augusta Victoria in en face gehaltenen Brustbildern dar. Kaiser Wilhelm erscheint in großer Generalsuniform, dic Kaiserin in Gesellshaftstoilette, Beide Bilder, welhe von Th. Mayerhofer entworfen sind, zeihnen sich dur große Porträtähnlihkeir aus und empfehlen fih als preis- würdiger URGERn. om Fels zum Meer.“ Zum 27. Januar. Festschrift zum Geburtstage Sr. Majestät des Deutschen Kaisers und Königs von Preußen. Für Schule, Volk und Heer von A. G. M. Ueber- \chaer. Berlin SW. (Adolf Klein's Verlag), Friedrichstraße 225. In dem vorliegenden Heft bietet der Verfasser eine patriotishe Gabe, welche bestimmt ist, die Liebe zu Kaiser und Vaterland im Volk zu pflegen und. zu stärken. Den Inhalt bilden ein Festchorai, ein Gebet, eine Rede, ein Aufsag: „Zum 27. Januar“, eine Reihe von Gedichten und im Anhang die von Sr. Majestät an die Armee und die Marine erlassenen Kundgebungen vom 1ò. Juni 1888,

„Die Jungfrau von Oldenwörd“ betitelt Jean Bernard (Musi) eine in Versen geschriebene kleine Novelle, welche im Verlage von E. Pierfon, Dresden und Leipzig, erschien. Verfasser verseyt uns in das Land der Dithmarsen, jener Leute, welche cinst mit kräftiger Hand die Heimath gegen die Angriffe vvn anae zu schügen wußten. Else ist die Heldin der Handlung: sie hat bervorragenden Antheil an dem Gelingen der patriotishen That. Die Dichtung ist hübsch erzählt und gefällt durch die s{lichte Darstellung; sie wird den Lesern eine angenehme Unterhaltung bieten.

Die Norddeutsche Buchdruckerei und Verlags- anstalt, Berlin 8W., hat au in diesem Jahre wieder verschiedene Wandkalender herausgegeben, welde für ihre Leistungsfähigkeit

—- Seur- den--Beröfsentäiargere 8--teAtd errt f Hit E ga-ablegez-Der stattlè@ste—und größte dieser auf

feinem Kartonpapier gedruckten Kalender repräsentirt sich in sauberer Auéführung: tec in Gold und Roth gehaltene hübsch gemusterte Rand, den fkleine allegorishe Figuren \{chmüdcken, umshließt das schwarz gedruckte Kalendarium, welches auf weißem Grunde den Reich8adler in matter hellgrüner Färbung auf- weist. In kleiner Medaillonform wird am Fuße des Blattes cine Ansicht des Gebäudes, in welchem die Norddeutsche Verlagsanstalt ihr Heim hat, geboten. Im Kalendarium besonders vermerkt sind die Todestage der beiden im vorigen Jahre ver- storbenen Deutschen Kaiser. Das zweite, etwas kleinere Exemplar ifi äbnlich gehalten, wenn auch bedeutend einfacher. Der Rand zeigt weiß ausgelassene Ornamente auf hell- grünem Grunde; im Kalendarium, das gleichfalls mit dem Reichsadler ges{chmüdckt ist, sind die wichtigsten Fest- und Sonntage dur rothen Druck besonders hervorgehoben. Jn den Fuß- leisten der Umrahmung find die wichtigsten Messen und die jüdischen Keiertage verzeihnet. Eignen si diese beiden Kalender mehr für den eleganten S@reibtisch, so ist der dritte kleinste vermöge seines gerin- gen Umfangs und der handlihen Form halber für das Pult des Comtoirs und Bureaus trefflih verwendbar; er ift cinfah ausgestattet und genügt den Ansprüchen, welche man an das Monats- und Tages- verzeibniß cines Kalendariums zu stellen gewohnt ift.

Müngten, 27, Dezember. (W. T. B.) In der beute statt- gehabten Festsitzung der Akademie der Wissenschaften wurden die Professoren Virchow und Weizsäcker in Berlin, der Pro- fessor der Philologie Üfener in Bonn, der Professor Wimmer in Kopen- bagen, der Botaniker Staatsrath von Regel in St. Petersburg, der Pro- fessor Stokes in Cambridge und der Direktor Efsenwein in Nürnberg zu auêwärtigen Mitgliedern, die Professoren Kelle in Prag, Kaufnrenm in Münster, der Professor der Geschichte Mueller in Gießen, der Professor der Astronomie Dr. Hylden in Steckbolm und Eugen Mueny, Konservator an der „Ecole des beaux Arts“ in Paris zu correspon- direnden Mitgliedern gewählt.

Sanitäts-, Veterinär- und Quarantänewesen.

i S Ac. __ Die Gesundheits-Kommission zu Montevideo bat mit Rück- (t auf das Auftreten dcs gelben Fiebers auf dcn Kanarischen Inseln durch Verordnung vom 17. November 1888 eine 48 stündige Beobachtungs-Quarantäne für die Provenienzen aus jenen Inseln eingeführt.

Gewerbe und Handel.

_ Der Einlöfungscours für tie hier zablbaren De st Silbercoupons ift auf 168,25 4 für 100 Fl. Silber erhöht worden.

_— In der außerordentlihen Generalversammlung der Näh- maschinenfabrif vorm. Frister u. Roßmann Aktien- Gesellschaft wurde der Aufsichtsrath ermächtigt, das Aktienkapital bis auf höchstens 975 000 M in der Weise berabzu’eßer, daß entweder von je 4 von einem Aktionär eingereihten Aktien 3 Stück vernichtet und das vierte Stück, als über 300 # geltend, zurückgegeben wird oder von je 2 von einem Aktionär bei gleichzeitiger Zahlung von 150 Æ nebst 5 °/ Zinsen vom 1. Januar 1889 eingereichten Aktien ein Stück vernidbtet und das andere Stück, als über 300 M geltend, zurückgegeben wird. Der Aufsihtêrath ift zugleich ermättigt, die dur 4 nit theilbare Zabl der eingereihten Aktien beft- möglich an der Börse zu- verkaufen und den Erclös unter die Einreicher dieser Aktien verbältnißmäßig zu vertheilen. Zur Ausführung dieser Heraktsetzung ist der Aufsichtsrath berechtigt, die Einlieferung sämmtlicher Aftien und die Erklärung, ob von dem Rethte der Zuzahlung von 150 A für je 2 Aktien Gebrau gemaht werde oder nit, binnen einer auf mindestens 1 und höchstens 3 Monat betragenden Frist zu verlangen. Die Aktionäre, welche ihre Aktien nicht einliefern , _gehen_ ihres Aktienrechts verlustig und haben fonach nach Ablauf der Frist weder Stimmrecht, noch einen Antheil am Vermögen oder Sewinn der Gesellschaft. Ueber die Form und Zabl der Aufforderungen, die Dauer der Frist und die Art der Ab- stempelung beschließt der Aufsichtsrath. Derselbe ist ermächtigt, die obige Art der Herabseßung abzuändern, sofern eine Abänderung zur Erlangung der Eintragung in das Gesellschaftsregister erforderlich scin follte, ferner mit verbindlicer Kraft alle Abänderungen und Zusäße zum Statut zu besließen, welche die Herabseßung erforderlid mat. Ferner wurde beshlo?en, falls nicht genügende Zuzahlungen ent- sprechend dem Antrag baar eingehen follten, das auf 975 000 reduzirte Kapital dur@ Auégabe von 500 000 46 Aktien zu erhöhen; dieje Aktien werden al pari den alten Aktionären offerirt, und soweit dieselben nicht bezogen werden, vom Vorstande bestmöglich an der hiesigen Börse verkauft. Dice Aktien sind ab 1. Januar n. I. divi- dendenberechtigt und baben je 1 Stück drei Stimmen.

Die nächste Börsenversammlung zu Essen findet am 31, Dezember im „Berliner Hof“ statt.

Die Einlösung der am 1. Januar 1889 fälligen Zinscoupons der Königl. ungarischen 4% in Gold verzinslichen

taat8-Rentenanleihe erfolgt in Berlin bei der Direktion

Diskonto-Gesellshaft und bei Herrn S. Bleichröder zum Course

n F 20,384 für 1 Pfd. Sterl.

Wien, 26. Dezember. (W. T. B.) Von den theils im eigenen Betriebe, theils im Staatsbetriebe bcfindliben 177 km der ODester- reihischen Lokal-Eisenbahn-Gesellschaft betrugen pro November d. I. die provisorishen Brutto-Einnahmen 129665 gegenüber ciner proviforishen Brutto-Einnahme von 121480 Fl. und einer definitiven von 130483 Fl. im Vorjabr. Für die Zeit vom 1. Januar bis Ende November 1888 be- irugen die t F provisorischen Einnahmen des Vorjahres von 822154 Fl. und den definitiven Einnahmen von 869 879 Fl. Die proviforisch ermittelten Einnahmen der am 26. Februar cr. eröffneten 27 km langen Theil- strecke Niederlindewiese—Ziegenhals und der am 1. Oktober cr. er- öffneten 30 km langen Tbeilstrede Hannsdorf—Niederlindewiefe, welche in obenerwähnten 177 km nit inbegriffen sind, betragen bis Ende November 79 585 Fl.

Wien, 27. Dezember. (W. T. B.) Ausweis der öfter- reihish-ungarifchen Staatsbahn in der Woche vom 16. bis 22. Dezember 1888 871 245 Fl., Mehreinnahme 186 367 Fl. Ausweis der Südbahn vom 17. bis 23. Dezember 1888 792 354 Fl., Mehreinnahme 24 614 Fl.

London, 24. Dezember. (W. T. B.) An der Küste 6 Weizen- ladungen angeboten.

Glasgow, 24. Dezember. (W. T. B.) Die Ver sGiffungen von Roheisen betrugen in der vorigen Woche 670I Tons gegen 5300 Tons in derselben Woche des vorigen Jahres.

Bradford, 24. Dezember. (W. T. B.) Wolle rubig, aber stetig, feine fest, Garne rubig. ch, Mailand, 26, Dezember. (W T. B.) Die Einnahmen des Italienischen Mittelmeer-Eisenbahnnezes während der zweiten Dekade des Monats Dezember 1888 betrugen nah proviso- risher Ermittelung: im Personenverkehr 1 152 490 Lire, im Güter- verkehr 1 907089 Lire, zusammen 3 059 579 Lire gegen 3 315 065 Lire in der gleichen Periode des Vorjahres, also mehr 255 486 Lire.

New-York, 24. Dezember. (W. T. B) Visible Supply an Weizen 38 036 000 Bushels, do. an Mais 7 270 000 Bushels.

erreichischen Oesterreichisches

provisorisen Einnahmen S 211=F#®& gegenüber den—_— —-