1889 / 258 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

bei den Wahlen erlittenen Verluste an die dritte Stelle gerückt

und kann ih, falls sie den Anspruh erheben sollte, im

Sia ferner vertreten zu sein, nicht mehr auf ihre timmenzahl berufen.

Medcklenburg - Schwerin. Schwerin, 28. Oktober. ‘pes Nachr.) Jhre Königlichen Hoheiten die Groß- erzogin-Mutter und die O Ieraeain Marie, sowie Zhre Hoheit die Herzogin Elisabeth sind am Sonn- abend Abend von Ludwigslust hier wieder ‘eingetroffen.

Sachsen - Coburg - Gotha. Coburg, 28. Oktober. (W. T. B.) Se. Hoheit der Herzog hat sih auf seine Be- sißungen in Desterreih begeben.

Anhalt. Dessau, 26. Oktober. (Anh. St.-A.) Jhre Königlichen Hoheiten der Erbgroßherzog und die Erb- großherzogin sind mit den Herzögen Friedrich und Carl Borwin von Mecklenburg-Streliz heute aus Neu-Streliß hier angekommen.

Reuß j. L. Gera, 28. Oktober. (Ger. Ztg.) Die feier- lihe Eröffnung des neugewählten Landtages fand gestern durch den Staats - Minister Dr. von Beulwitß statt. Jn seiner Eröffnungsrede wies der Minister darauf hin, daß die Finanzlage des Landes troy erhöhter Anforderungen des Reichs eine Erleichterung der Steuern gestatte und den L des Sportelzushlags zulasse. Das Ministerium gebe ih der Hoffnung hin, daß die im Etat vorgesehenen Auf- besserungen Seitens des Landtages Annahme finden würden. Eine Anzahl außerordentlicher Bewilligungen werde an den Landtag herantreten, welche aber aus den reihlich vorhandenen Mitteln gedeckt werden könnten. Das Eisenbahnprojekt Schönberg—Hirschberg sei in Erwägung gezogen und hätten diesbezüglihe Erörterungen stattgefunden, welhe jedoch noch nicht so weit gediehen seien, daß eine Vorlage habe

emacht werden fönnen. Von den dem Landtage zugehenden orlagen erwähne er namentlich das Geseg über die Erhebung der Klassen- und klassifizirten Einkommensteuer. das neue Staatsdieneraesez, die Kirchenvorstandsordnung. Der Minister {loß mit dem Wunsche, daß die Berathungen des Landtages allezeit auf das Wohl des Landes un- abhängig von politishen Parteiinteressen gerichtet seien. Hierauf ergriff der Alters-Präsideni Abg. Dr. Jäger das Wort und brachte ein dreimaliges Hoh auf Se. Durchlaucht den regierenden Fürsten aus. Die nächste Sizung wurde auf den 29. d. M. anberaumt.

Hamburg, 27. Okiober. - (Wes.-Ztg.) Der Senat hat diesmal früher als sonst den Entwurf zum Staats- haushalt pro 1890 vorgelegt, welher mit einem Defizit von 1327475 M (gegen 2342 621 4 im laufenden Jahre) abschließt. Die Ausgaben sind auf 52 855 820 s gegen 49 206 751 M in diesem Fahre berehnet. Das Defizit würde noch geringer gewesen sein, wenn nicht in diesem Jahre zuerst dem wiederholt geäußerten Wunsche der Bürgerschaft entsprehend ein Betrag von 500000 M zu Neubauten für Volksschulhäuser eingestellt worden wäre. Der Senat verspricht bei dieser Gelegenheit, daß er deznnächst der Bürgerschaft eine Vorlage machen werde, um die Gehälter der unteren Beamtenklaffen aufzubessern, um so raehr als denselben ein billiger Ausgleih zu gewähren sein werde für die neuerdings eingetretene Steigerung der Miethen sowie der Preise mancher Lebensbedürfnisse, welche sih ins- besondere bei Beamten mit kleineren Gehalten fühlbar gemacht habe. Jn den „Steuern und Abgaben“ sind die Einnahmen allein von 29 auf 32 Millionen Mark höher veranschlagt. Die Auztgaben erscheinen um 31/5 Millionen höher; das Plus ent- fällt namentlich auf das Bauwesen (ca. 9 Millionen), das Unterrichtswesen (51/2 Millionen), die Polizei (63/4 Millionen) und öffentlihe Wohlthätigkeit (51/, Millionen). Die Ham- burgishe Staatsschuld erfordert an Zinsen 10083 000 Da die Zinsen meistens 31/2 Proz. betragen, würde die ge- sammte Staatsschuld worüber eine Spezialberechnung nicht vorliegt auf rund 300 Millionen Mark zu veran- shlagen sein. i

Oesterreich-Ungarn. Wien, 28. Oktober. (W. T. B.) Se. Majestät der Kaiser hat heute Vormittag 10 Uhr 30 Min. Meran wieder verlassen und sihch zunächst nah Bozen begeben, wo die Ankunft um 113/4 Uhr erfolgte. Auf dem Bahnhofe daselbst wurde Allerhöchstderselbe von Sr. Kaiserlihen und Königlichen Hoheit dem Erzherzog Heinrich und den Spitzen der Behörden empfangen, machte hierauf im Palais des Erzherzogs einen Besuch und fuhr dann unter dem Jubel der Einwohner durch die festlich geschmüdckte Stadt an dem Walther von der Vogelweide errihteten Denkmale vorüber nah dem Schlosse Runkelstein und dem Kurorte Gries. Die Abreise nah Wi?n erfolgte 21/2 Uhr Nachmittags unter lebhaften Hochrufen der auf dem Bahnhofe oersammelten Bevölkerung.

Wie verschiedene Blätter melden, hat der Staatseisen- bahnrath mit überwiegender Majorität den Antrag Ruß auf Herabsetzung der Personentarife bezw. Ein- führung des Zonentarifs angenommen. Der e erklärte, dieser Beschluß werde auf das

orgfältigste geprüft werden, namentlich mit Rücksicht auf die Staatsfinanzen, um das nur mühsam errungene Gleich- A niht zu stören. Der Minister fügte hinzu, die

lättermeldungen über den Uebershuß des Budgets pro 1890 in der angegebenen so namhaften Höhe beruhten auf argen Uebertreibungen.

Die helvetisch-evangelische General-Synode des Augsburger Bekenntnisses berieth in ihrer heutigen Sigzung die Fesistellung einheitlicher Bestimmungen über die Feier des Geburtsfestes des Kaisers und nahm den Antrag an, den 18, E als Geburtsfest des Kaisers in allen evangelischen Kirchen festlih zu begehen und die betreffende biete Feier mit dem Absingen der öôsterreichishen Hymne zu schließen. Die von dem Ver- fassungsaus|s{chuß vorgelegten Bestimmungen, betreffend den Uebertritt zur d Aae Kirche, wurden nah längerer Debatte mit einigen Aenderungen angenommen.

_ 29. Oktober. (W. T. B.) Nach dem heute veröffent- lihtenNovember-Avancement sind ernannt: Zu Ober st- Lieutenants die Majore: Erzherzog Franz Ferdinand von Oesterreih-Este und Erzherzog Eugen; zum Major: Erzherzog Leopold Salvator; zum Ritt- meister: Erzherzog Franz Salvator; zum Ober- lieutenant: Sr) bertos Ferdinand. Zu Feldzeu'g-

meistern sind befördert FML. Baron Reinländer, FML. Graf Grünne und FML. Waldstätten. Unter den zu Feldmarschall - Lieutenants Ernannten befindet sih der diesseitige Gesandte in Belgrad, Freiherr von Thömmel. Der Militär-Attahé in Paris, Szilviny?, ist zum Major befördert worden.

Rußland und Polen. St. Petersburg, 29. Oktober" (W. T. B.) Der heutige Jahrestag der glücklichen Errettung der Kaiserlichen Familie bei dem Eisen- bahnunglüdck in der Nähe von Borki wird im (angen Lande mit festlichen Dankgottesdiensten begangen. Während die Kaiserliche Familie in Gatschina die Andacht gemeinschaftlich mit sämmtlichen am Leben gebliebenen Zeuc.en der Katastrophe nur der Großfürst Thronfolger ist abwesend verrichtet, findet in der hiesigen Jsaakskirche ein feierlihes Tedeum statt, auf welhes eine Kirchenparade folgt, der die Mit- glieder des diplomatischen Corps und die hohen Würden- träger beiwohnen. Jm Börsensaale wird statt der gewöhn- lihen Versammlung Gottesdienst abgehalten; alle Kirchen sind von Andächtigen gefüllt, und eine nicht minder all- e Betheiligung an der Feier wird aus der Provinz gemeldet.

Der neue türkishe Botschaster Husni Pascha ist gestern vom Kaiser behufs Entgegennahme seiner Akkredi- tive in feierliher Audienz empfangen worden.

Serbien. Belgrad, 28. Oktober. (W. T. B.) Jn der heutigen Sigung der Skupschtina gab der Abgeordnete Ribarac im Namen der liberalen Partei die Erklärung ab, daß diese beschlossen habe, sich der Adresse der Majorität anzuschließen. Es erfolgten darauf die Wahlen zu den Kommissionen und die Unterzeic- nung der Adresse.

Die Adresse rühmt in der Einleitung den Widerstand des nationalen Geistes, der über die jeder Freiheit und den nationalen Wünschen widerstrebende Richtung triumphirt und sih von der Herr- schaft befreit habe, welche das Land s{chwer geschädigt hätte. Die Adresse dankt sodann allen Denjenigen, die zu dem Zustandekommen der neuen Verfassung beigetragen, und hebt hervor: die Nation werde sich dankbar des Entschlusses des Königs Milan erinnern, mit dem er dem Lande eine neve Ver- fassung verliehen, hierauf den Thron an seinen Erben ab- getreten und so dem serbishen Staat und der nationalen Dynastie eine bcssere Zukunft eröffnet habe. Die Nation habe die Thron- besteigung des Königs Alexander als Gewähr für eine Me Zukunft begrüßt. Die Regenten hätten die Regierung Männern anvertraut, von denen sie überzeugt sein könnten, daß sie das Vertrauen der Nation genössen. Die Skupschlina werde hinsichtlich der Verbesserung der Finanzlage des Landes die Befolgurg möglichster Sparsamkeit zu ihrem Grundsaß machen und versuchen, die Staats- einnahmen im Einvernehmen mit der Regierung thualichst zu kräf- tigen. Der auf die Beziehungen zu den auswärtigen

ächten bezüglihe Passus betont die Genvgthuung darüber, daß die Beziehungen fowohl zu den Nachbarstaaten als auch zu den anderen Staaten normale und freundschaftlihe, und daß die bei Beginn der neuen Aera vorgefundenen freundshaftlihen Beziehungen weiter entwickelt und mit neuen werthvollen Errungenschasten vervollstäntigt worden seien. Das in der Thronrede ausëgedrüte Bestreben der Regentschafi und der Regierung, im Einvernehmen mit den übrigen Balkanvölkern die Eintracht und den Frieden guf der Halbinsel und die selbständige Entwickelung der Balkan- völker zu wahren, habe die Skupschtina freudig berührt; sie hoffe, dieses Bestreben werde die Anerkennung und Zu- \timmung aller Balkanvölker finden, deren Interessen in einer einträGtigen, auf gerechter Befriedigung der gegenfeitigen Rechte be- gründeten Solitarität am besten gewahrt würden. Als cinen Beweis für die befriedigenden internationalen Beziehungen betrachte die Skupschtina die \ympathishen Beglückwünshungen der Souveräne uvd Staatsoberhäupter bei Gelegenheit ver Salbung des Königs. Indem die Skupschtina für die wohlwollende Aufmerksamkeit Europas danke, sprehe sie ihre besondere Freude aus über den Beweis warmer Sympathie von Seiten des Kaisers von Rußland, der durch die Abecdnurg eines Spezialgesandten zu der Salbung des Königs einen werthvollen Beweis seiner herzlihen Gesinnungen für die serbishe Nation und die serbishe ©ynastie gegeben habe. Sließlich erklärt die Skupschtina, sie werde mit allen Kräften dafür wirken, daß die Hoffnung auf den mit der Thronbesteigung des Königs Alexander zu erwartenden Beginn besserer, glücklicherer Tage für Serbien zur Wahrheit werde.

Die Adresse wurde heute den Regenten durch eine vom Präsidenten der Skupschtina geführte besondere Depu-

tation überreicht. Nistic erwiderte, er freue si, mit der.

Majorität der Skupschtina im Vertrauen zur Regierung über- einstimmen zu können.

Asien. Japan. Tokio, 28 Oktober. (W. T. B.) Der Minister des Auswärtigen, Graf Okuma, dem der Kaiserliche Gesandte in Japan anläßlih des gegen ihn gerichteten Attentats die Theilnahme der deutschen Regierung zu erkennen gegeben hatte, hat dafür dem Reichskanzler, Fürsten von Bismarck, durch Vermittelung des Kaiserlichen Gesandten seinen wärmsten Dank aus- gesprochen. Das Befinden des Grafen Okuma ist verhältniß- mäßig sehr gut.

Afrika. Egypten. Kairo, 28. Oktober. (W. T. B.) Durch ein ergangenes amtliches Dekret werden für das nächste Jahr in ganz Egypten nux 1500 Acker (ungefähr 600 ha) Landes zum Tabadckanbau zugelassen. Die Maß-

. regel wird mit der Nothwendigkeit motivirt, die Einnahmen

aus dem Taback zu vermehren, indem die echöhte Ein- shäßung des legten es eine Beschränkung des Taback- anbaues nicht herbeigesührt habe.

Parlamentarische Nachrichten.

In der heutigen (4.) Sizung des Reichstages, welcher der Vize-Präsident des Staats-Ministeriums, Staats- sekretär Dr. von Boetticher, die Staats-Minister Dr. von Scholz und von Verdy du Vernois, die Staatssekretäre Dr. von Stephan und Freiherr von Malgzahn-Gült sowie andere Bevollmächtigte zum Bundesrath nebst Kommissarien bei- wohnten, theilte der Präsident zunächst mit, daß er am 27, d. 1m Namen des Reichstages zu den Vermählungs- feierlihkeiten in Athen ein beglückwünschendes Telegramm an Se. Majestät den Kaiser und an Jhre Majestät die Kaiserin Friedrich gerihtet habe. Das Haus begleitete diese Mittheilung mit Beifall. Seitens der Kaiserin Friedrich ist bereits folgendes Telegcamm darauf eingegangen :

„Tief gerührt, mit Dank entgegengenommen. Kaiserin Friedrich.“

Der Abg. Buhl hat angezeigt, daß er die Wahl zum ersien Vize-Präsidenten dankend annehme. M

Das Schreiben des Abg. von Cuny, in welhem der- selbe seine Ernennung zum ordentlichen Honorarprofessor, und das des Abg. von Gehren, in welchem diesec seine Ernennung Bu Geheimen Regierungs - Rath mittheilt, wurden der Ge- chäftsordnungs-Kommission überwiesen.

Auf der Tagesordnung stand die erste Berathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend die Feststellung des Reichs haushalts-Etats für das Etatsjahr 1890/91 in Verbindung mit der ersten Berathung des Entwurfs eines. Geseßyes, betreffend die Aufnahme einer Anleihe für Zwede der Verwaltungen des Reichsheeres, der Marine, der Reichs-Eisenbahnen und der P ost und Telegraphen in weiterer Verbindung mit der ersten Berathung des Entwurfs eines Gesetzes, betreffend Aenderungen des Reihs-Militärgesezes vom 2. Mai 1874.

x Bei Schluß des Blattes ergriff der Staatssekretär Frei- herr von Maltzahn zu einem einleitenden Vortrage über den Etat das Wort.

Der Reichstags-Abgeordnete Freiherr von Stauffen- berg hat, dem „Corresp. v. u. f. Deutschl.“ zufolge, die Ab- siht ausgesprochen, ein Mandat zum Reichstage niht mehr annehmen zu wollen.

(Weitere „Parlamentarische Nachrichten“ \. Beilage.)

Zeitungsstimmen.

An die Abänderung des bestehenden Sozialisten= geseßzes knüpft die „Leipziger Zeitung“ folgende Be-

) trahtung :

„Nachdem der Entwurf des Geseßes zur Abänderung des Gesetzes vom 21, Oktober 1878 und die Begründung desselben nunmehr im Wortlaut vorliegen, dürfen wir beide mit vollster Ueberzeugung als eine Musterleisturg \taatsmännischer Einsicht bezeichnen, die ich- gleihermaßen in weiser Beschränkung auf das unbedingt Gebotene, wte in zielbewußter, entshiedener Durhführung d:s einmal für noth- wendig Erkannten kuandgiebt. .….

Die entscheidende Frage, um die es sih jeßt handelt, kann rur die sein, ob man gut thun werde, das Geseß auch jeßt wieder nur aus eine bestimmte Zeit zu verlängern oder zum dauernden zu erheben. Der Beweggrund, von dem man bei der Fristbestimmung des bis- herigen Geseßes und ihren späteren Verlängerungen ausging, konnte ein doppelter sein. Man glaubte entweder, daß der Zwe ck des Ge- seßes nur ein vorübergehender sei, oder man fürchtete, daß die Mittel desselben sh als ungeeignet herauëstellen würder. Beide Annahmen waren irrig. Nicht um die Beseitigung einer vorüber-

gehenden, sondern einer chronishen Krankheit handelte es si, deren:

Weitergreifen vorgebeugt werden sollte. Unleugbar hätte das Geseg. der sozialdemokratishen Bewegung weit stärkeren Abbruh gethan, wenn es von Anfang an ein fristloses gewesen wäre. Die in kurzen Pausen immer wieder auftauchende Frage der Ver-= längerung des Geseßes bot der Sozialdemokratie den erwünschten Stoff zur Agitation. Unablässig, niht nur zur Zeit der Reichstags- wahlen, sondern au für jede Sessior, in welcher die Verlängerung des Geseßes zur Berathung stand, bildete dieselbe den Yngelpunkt, um den \sich die Agitation der Sozialdemokratie in Presse und Versammlungen bewegte. Ebenso boten die Verhandlungen des Reichstages über die bezüglihen Geseßzes- vorlagen den Vertretern der Sozialdemokratie immer den geeigneten Anlaß, um ihre revolutionären Anschauungen und Ziele unter Ver- dâäctigung und Verunglimpfung der Regierungen ins Land zu tragen. Auch die verbündeten Regierungen balten zwar an der Hoffnun;z fest, daß die Ausnahmebestimmungen des Geseßes, namentli wenn die sozial- reformatoriscen Geseße ihre Wirkung voll erceiht haben, zu ent- behren sein merden. Der Zeitpunkt hierfür läßt sih jedech nicht ab- sehen. Von der noch nicht abgeschlossenen sozialen Gcfezgeb!1ng wird eine merkbare Rückwirkung auf die Stimmung der Arbeiterbevölferung niht eher zu erhoffen sein, als bis der Einfluß dieser Geseßgebung auf die materielle Lage der Arbeiter sich längere Z:it hindur fühl- bar genacht haben wird.

War hirrnach die, von den verbündeten Regierungen nit getheilte, Hoffnung, daß der Zweck dcs Gesetzes zunächst nur ein vorübergehener sein werde, irrig, so haben sich andererseits auch die dur das Beseß gebotenen Mittel im Allgemeinen als zwcck- entsprehend erwiesen. Der Versuch eines Ersaßes dur anders ge- artete Mittel wird ftets der Schwierigkeit begegnen, daß dieselben ent- weder an Nachdruck verlieren oder zugleih auch andere Parteien treffen. Gerade diejenigen Parteien, die sich mit dem Namen der Fr-ibeit \{chmücken, gerade die Liberalen sollten, wenn sie der Sreihe!r im edelsten Wortssinne dienen wollen, gegen jene Verallge-- meinecung, wie sie die Unterstellung der sozialdemokratishen Bestre-- bungen unter „das gemeine Recht“ mit sich bringen würde, so, wie bishec die Konservativen gethan haben, Verwahrung einlegen, Wir wissen aus bester Quelle. daß der Versuch, einen Entwurf im Sinne: jener Unterstellung der Sozialdemokratie unter „das gemeine Recht“ anzufertizen, von maßgebender Seite unternommen und unseren tüch- tigsten juristishen Kräften übertragen worden ist; der Versuch scheiterte aber. und mußte \cheitern, weil es nicht möglich war, einen Ersay zu \{chafffen, der nicht gleichzeitig auch andere Theile des sozic.len Organismus traf. Der beschränkenden Fristbestimmung entkleidet, stellt das Geseß eine derartig erhöhte Wirkung in Aussicht, daß man es unternehmen konnte, es andererseits auh im freiheitlichen Sinne besser auszugestalten. Es geschah dies nach dreifaher Rich» tung: indem man 1) auf einzelne harte Bestimmungen verzichtete,. 2) andere milderte und 3) für die Handhabung des Gesetzes weiter- gehende Rechtsgarantien \{chuf.

Zur Wahlparole von den Lebensmitteln bemerkt der: „Schwäbische Merkur“:

„Recht unangenehm is} den „Deutschfreisinnigen“ die Thatsache, daß im Entwurf zum Reichhaushalts-Etat für 1890/91 die aus- geworfenen Kosten für die Naturalverpflegung der Truppen. nicht, wie sie erwartet und des öfteren vorausgesagt hatten, erhöht, sondern gegen das laufende Jahr insgesammt um 95 081 A. ver- mindert sind. Ihre Blätter machen sih denn auch daran, die diesem. Ansaße zu Grunde liegende Berechnung als völlig verfehlt hinzu- stellen und gegen die Militärverwaltung den Vorwurf zu erheben, sie verlançe für die Naturalverpflegung zu wenig Geld. Nimmt sich- ein solcher Vorwurf im Munde der Deutschfreisinnigen, die doch stets bisher über ihrer Ansiht nach zu große Forderungen der Mili- tärverwaltung geklagt haben, recht sonderbar aus, so zeigt er doch: au, wie die Deutschfreisinnigen nur um ihre Wahlparole von der Vertheuerung der Lebensmittel aufrecht erhalten zu können, selbst der Militärverwaltung gerne mehr Mittel, als sie braucht, zur Ver- fügung zu stellen bereit wären. Nun, die Deutschfreisinnigen können sih beruhigen. Unsere Militärverwaltung ist gewohnt, ihre Forderungen. nah den wirklich vorhandenen Bedürfnissen aufzustellen, und diese haben eben zur Herabseßung des betreffenden Ansaßes um den angegebenen Betrag geführt. Die deutschfreisinnigen Blätter vershweigen ihren Lesern, daß für die Position der Naturalverpflegung dem Etat eine eigene Berechnung der Durchschnittspreise für Weizen,Noggen 2c. von 1879 bis 1888 beigegeben ist und daß diese die nah den. deutschfreisinnigen Klag-cliedern der leßten Zeit allerdings recht merk- würdige Thatsache ergeben, daß die Preise von Weizen und Roggen im Jahre 1888 übcrall gegen 1879 niedriger gewesen sind. Im Jahrée 1879 stellte sich in Preußen der Centner Weizen auf 9,80 #4, Mogçen auf 7,20 4, 1888 auf 8,70 4 bezw. 6,75 6; in Baden auf 11,03 M bezw. 8,25 4 und 9,82 # bezw. 7,49 4; in Elsaß-Loth- ringen auf 11,34 #4 bezw. 8,18 A und auf 9,82 #4 bezw. 7,68 M3,

in Hessen auf 10,62 4 bezw. 8,19 4 und 9,70 M4 bezw. 7,78 M; in Württemberg auf 10,72 M bezw. 8,62 M und 10,22 bezw. 8,99 A; in Sachsen, wo für Weizen die Zahlen niht ange- geben sind, der Centner Roggen im Jahre 1879 auf 8,45 4, im Jahre 1888 auf 7,20 (4 Also überall haben wir eine Bestätigung der hon früher hervorgehobenen Erscheinung, daß vor der ersten Einführung der Getreidezölle das Getreide theurer war, als 10 Jahre nah derselben. Das diese amtlichen Zahlen den Deutschfreisinnigen, die mit der Wahlparole der Lebensmittelvertheuerung durch die Zölle gute Geschäfte zu machen hoffen, unbequem sind, glauben wir gerne, sie entspreben aber den Thatsachen und werden denn doch Manchem die Augen über den Werth der deutshfreisinnigen Nedensarten öffnen.“

du einem Artikel über die Finanzlage schreibt der „Düsseldorfer Anzeiger“:

„Die Erhöhung der Matrikularbeiträge ist so wenig tragisch zu nehmen, daß selbst die „Freisinnige Zeitung“ die Zukunst sebr rosig ansieht. Ob sie damit Recht hat oder nur eine bestimmte Tendenz verfolgt, bleibe dahingestellt. Jedenfalls wird mit der Thatsache zu rechner sein, daß die Zölle und Verbrauchs\steuern steigende Erträgnisse liefern und somit einerseits die Ueberweisung an die Einzel\taaten und anderseits die dem Reiche verbleibenden Einnahmen si erhöhen werden. Das Mehr von 24,4 Millionen Mark, wodurch jeßt die Einzelstaaten belastet werden, erklärt |ch theils aus dem namentlich aus den früheren Mindererträgen der Zuckersteuer entstandenen Fehlbetrag von 20 Millionen Mark, und alsdann daraus, daß die dem Reich ver- bleibende Maischbottichsteuer um 57 Millionen niedriger bat ver- anshlagt werden müssen, Die steigenden Einnahmen der Zölle und Verbrauvchs\teuern, die fich im Ganzen diesmal von 528 086 410 M4 auf 537 399 140 (also um 9312 730 4) erhöhen, ferner der Reichéstempelabgaben, die nach dem Voranshlag von 27 975 000 auf 30 279 000 Æ sih erhöhen werden, und ferner der Post- und Telegraphenverwaltung, deren Uebersbuß von 29 234 417 auf 32 719226 M steigt, geben die Garantie, daß die Quellen des Wokhlstandes reichlich genug fließen, um den naturgemäß steigenden nothwendigen Bedürfnissen des Reichs, wenn nicht noch ganz außer- ordentlihe hinzutreten, gerecht werden zu können, ohne daß das Reich aufhört, der Wohlthäter der Einzelstaaten zu sein.“

Die Festlichkeiten in Athen.

C] Athen, 23. Oktober.

Nachdem vor wenigen Tagen Se. Kaiserliche Hoheit der Groß- fürst-Thronfolger von Rußland, gestern die dänishen Majestäten und heute Se. Königlicße Hoheit der Prinz von Wales hier angekommen, sieht man nun dem Eintreffen der Fürstlihen Braut am Freitag Vormittag, fowie Ihrer Majestäten de» Deutschen Kaisers und der Kaiserin am Sonnabend mit größter Spannung ent- gegen. Wenn au jeder der bereits hier weilenden Fürstlihkeiten ein Überaus ehrender Empfang zu Theil geworden, so erwartet man doch,

daß das Eintreffen des Deutschen Kaiserpaares nicht allein von Seiten -

der Regierung, sondern auch Seitens der Vepölkerung von ganz be- sonderen Ovationen begleitet sein werde, und dies {on deshalb, weil dann die Einzugsstraße bereits festlich ges{müdckt, die Triumphbögen und Ehrenpforten in ihrer sinnigen Aus|chmückung völlig hergestellt und die Vorbereitungen zur glänzendsten Illumination, die Athen vielleiht jemals gesehen hat, beendigt sein werden. 5

Der Glanzpunkt aller Festlichkeiten wird selbstverständlih der Tag der Vermählung, der Sonntag sein, an welhem Vormittags die Trauung in der griehischen Kathedrale mit allem Pomp stattfinden und an diese si die Trauungsfeier in der evangelischen S{loßkapelle anschließen wird. Während bei der ersteren der Oeffentlichkeit der größte Naum gewährt werden soll es sind Einladungen in größter Zahl zu derselben erçangen werden der Trauung in der Kapelle nur die nächsten Anverwandten, schon in Rücksicht auf den beschränkten Raum, beiwohnen. Ein hier bestehender gemischter Chor wird die Gesänge hierbei auéführen.

Es erscheint natürlich, daß alle Erwartung \ick auf Freitag und Sonnabend concentrirt, die Ankunftstage Jbrer Königlichen Hoheit der Prinzessin-Braut, Höchstderen Mutter und Schwestern sowie des deutshen Kaiserpaares. Während Allerhöchst- leßteres am Sonnabend Vormittag im Piräus erwartet wird, trifft der größte Theil des Gefolges {o das Militär- und Civilkabinet, die Herren des Hofmarschall-Amts, der Staotésekretär des Auswärtigen nebst Begleitung 2c. bereits am Freitag Abend nah bisher ge- troffener Bestimmung hier ein. Von einem, von der Stadt Athen zu arrangirenden Feste, von dem bereits mehrfah die Nede war, verlautet bis zur Stunde noch nichts Bestimmtes, doch glaubt man allgemein, daß ein solches doch noch von den Allerhöchsten Herrschaften ge- nehmigt n:erden wird. Jedenfalls giebt sch der Dimarh Philimon die größte Mühe, ein \tädtishes Fest den Neuvermählten und den hohen Gêsten des griehischen Hofes am Montag oder Dienstag dar- bringen zu können, wodurch er den Gesinnungen der Bewohner Athens geeigneten Ausdru? verleiht. Die Auss{mückung der Pläße, Straßen und Häuser verspriht eine in jeder Beziehung glänzende zu werden. Die erster Künstler der Stadt sind hierbei thätig und arbeiten mit rafiloser Nufopferung.

Ein Programm über den Empfang Ihrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin liegt bis zur Stunde noch nicht vor, Das Mini- sterium des Innern hat bisher, und zwar gesiern Abend erst, ein folhes für das Eintreffen Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Sophie, Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrih und Ihrer Königlichen Hoheiten der Prinzessinnen Victoria und Margarethe von Preußen herausgegeben. Die genannten Allerhöchsten und Höchsten Herrschaften werden danach sowohl in Corinth und im Piräus als auch in Athen feierlich empfangen und hier festlich nach dem Königlichen S{hlosse geleitet. In Corinth werden zum Empfang anwesend sein: der Erz- bishof von Corinth, die Präfekten, der Präsident des Präfekturraths, der Hauptmann der Departements-Gendarmerie und der Gendarmerie- Lieutenant von Corinth, der Kommandant und die Offiziere der dor- tigen Garnison und die Civil-Autoritäten der Stadt. Im Piräus sind zum Empfange der Höchsten Herrschasten befohlen: der Maire, die Spißen des Munizipalraths, der Ministerrath, der Präfekt und die Präsidenten des Präfekturraths und der Präfektur-Kommission von Attika und Böotien, die Polizei - Direktoren von Athen und Piräus, die Kommandant!en und Öffiziere der Garniscnen von Äthen und Piräus, der Gouverneur und Stellvertreter desselben sowie die Offi- ziere der Militärshule, der Commandeur der attishen Gendarmerie und der Lieutenant der im Piräus stationirten Gendarmerie, der Gouverneur, Unter - Gouverneur und die Offiziere der Marine- shule sowie endlich der Hafenpräfekt vom Piräus. Jn Athen werden sich zum feierlihen Empfange auf dem Bahnhofe der Eisenbahn Piräus—Athen außer den Höchsten Herrschaften, welche niht s{chon im Piräus resp. Corinth die Ankommenden empfangen, versammeln: der heilige Synod , die Gemahlinnen der Minister, der Maire, der Munizipalrath, das Bureau der Deputirtenkammer und die Deputirten, die Divisions- und Brigade-Generale und die Vize- Admirale sowie sämmtlihe Ober-Offiziere der Garnison u. \. w.

Nach der Ankunft und der üblichen Vorstellung hierselbst wird der Einzug unter Kanonensalut durch die Stadionstraße nah dem Königlichen Schlosse erfolgen.

Anmerkung der Redaktion. Es liegt in der Natur der Sache, taß die brieflihen Berichte hinter den telegraphischen um mehr als fünf Tage nahhinken. Des ungünstigen Postganges wegen werden die Leser auf die. Berichte von dem Empfange Ihrer Majestät der Kaiserin Friedri, der Prinzessin-Braut und Ihrer Majestäten, und speziell auf den Bericht von der Hochzeitsfeierlichkeit noch einige Tage warten müssen, zumal am Sonntag und Montag von Athen aus keive Post nah Deutschland abgeht. Immerhin werden die Be- richte noch einiges Interessante bieten; deshalb haben wir au ge- glaubt, von der Aufnahme des vorstehenden Berichts niht Abstand nehmen zu sollen.

Aus dem „W. T. B.“ liegen heute über die An- wesenheit Jhrer Majestäten des Kaisers und der Kaiserin in Athen und die dortigen Festlichkeiten zu Ehren Allerhöchstderselben folgende telegraphishe Meldungen vor:

Im Königlichen Schlosse fand am Montag Mittag die Ceremonie des Handkusses .statt. Die gesammte Generalität, die Staatswürdenträger, die höheren Offiziere und die Damen der vornehmen Gesellschaft defilirten im Thronsaale vor Jhren Königlichen Hoheiten dem Kronprinzen Konstantin und seiner Gemahlin, deren Hände sie küßten.

Se. Majestät der Kaiser Wilhelm und Se. Hoheit der Erbprinz vonSachsen-Meiningen besuchten gestern die Akropolis.

Se. Königliche Hoheit der Prinz von Wales ist gestern Nachmittag 1 Uhr unter Kanonensalut und Paradiren aller im Hafen des Piräus liegenden Kriegsschiffe abgereist. Jhre Majestät die Kaiserin Friedrih war bei der Abreise des Prinzen zugegen.

Dem heutigen Dejeuncr in der deutshen Gesandtschaft wohnten außer Sr. Majestät dem Kaiser noch bei: Se. Königliche Hoheit der Prinz Heinrich, der Staats-Minister Graf Bismarck, der Chef des Militärkabinets, General-Lieutenant von Hahnke, der Chef des Civilkabinets Dr. von Lucanus, der Ober-Hofprediger D. Koegel, der General-Adjutant von Wittich, der Ober-Hof- und Haus-Marschall von Liebenau, der Ober-Hofmeister Fhrer Majestät der Kaiserin Friedrich, Graf von Seckendorff und Andere. i find Heute Abend soll Hofball im Königlichen Schlosse statt-

nden.

Se. Majestät derKaiser hat, der „Nordd. Allg. Ztg.“ zufolge, aus Athen das nachstehende Telegramm an den Reichskanzler Fürsten Bismarck gerichtet :

„Fürst von Bismark Friedrichsruh.

Nach beraushend s{chöner Fahrt hier im alten {önen Athen angelangt. Nach herrlitem Empfanç: von Fürst und Volk war Ihr Telegramm der erste Gruß von der Keimath; herzlihen Dank dafür; sowie Mein erstes Wort ins Vaterland ein Gruß an Sie von der Stadt des Perikles und von den Säulen des Parthenon her, dessen erhabener Anblick Mir tiefen Eindruck macht.

Wilhelm.“

Statistik und Volk8wirthschaft.

Zur Arbeiterbewegung.

Eine neueLohnerhöhung haben die Zechen „ver. Westfalia“ und „Kaiserstuhl“ bei Dortmund eintreten lassen. Am Sonn- abend wurde auf den Shächten der genannten Zechen folgende Kurd- gebung angeshlagen: „Bergleute! Ihr wißt, daß die infolge des Arbeitsausstandes versprochene Lohnerhöhung seit Juni Euch gewährt worden ist. Inzwischen haben sich die Kohlenpreise weiter gehoben und wir sind deshalb in die angenehme Lage verseßt, Euch mitzutheilen, daß vom 1. November ab alle Löhne eine weitere Aufbesserung in folgender Weise erfahren sollen. Die Schihhtlöhne werden um durchschnittlich 59% erhöht, doch soll die Aufbesserung mindestens 19 „Z für die achtstündige Schicht auch bei den jugendlichen Arbeitern betragen. Die Gedingsäte sollen so bemessen werden, daß ein ordentliher Hauer in achtstündiger Schicht 4 4 dur{hschnittlich verdienen fann, während wir im Mai 3,50 46 zugesagt hatten. Wir hoffen, daß dies Entgegen- kommen für Euch die Veranlassung sein wird, die Leistungen so zu erhöhen, daß auch fortan Uebershichten entbehrt werden können. Ge- werkschaft „ver. Westfalia*. gez. A. Hilkck, Melcher.“ Wenn man si erinnetit, äußert die „Rh. Westf. Ztg." b-i dieser Mittheilung, daß gerade die genannten beiden Zechen besonders hart durch den Massenstrike betroffen sind, so wird man das Extgegenkommen der Verwaltung gegenüber ihren Arbeitern sehr anechkennen.

Die thatsächlihe Lage des Ausstandes in ckenDepartements du Nord und Pas de Calais hat si, wie der „Köln. Ztg.“ aus Paris gemeldet wird, seit dem 26. d. M. niht geändert, nur die Erregung unter den Arbeitern nim:nt zu, da die Gesellschaften sich fortgeseßt weigern, die verlangten 20% Lohnerhöhung zu bewilligen.

Kunst und Wissenschaft.

Der Literarhistoriker Professor Richard Gosche in Halle und der Kanzler - der Universität Tübingen, Geheime Rath Dr. von Rümelin sind in der Nacht vom 28. zum 29. Oktober gestorben.

Die Wiederher stellung des Domes zu Utrecht, die seit 1877 mit Unterstüßung der Regierung ins Werk geseßt worden, ist, der „Voss. Ztg.“ zufolge, jeßt zum vorläufigen Abschluß gelangt. Der Dom, der seine Umwandlung in einea gothishen Bau einem Besuh des Kölner Erzbischofs Conrad von Hochsteden in Utrecht (1252) verdankt, zeigt als ältesten Theil den Kapellenkrarz, der 1254 bis 1267 enstanden is. Von 1321 ab baute man den großen Wesithurm, der Jahrzehnte hindurch die ganze Baukraft der Bischöfe in Anspru nahm. Unter David von Burgund (1485) wurde der leßte Theil der romanishen Basilika abgebrohen und der ganze Raum zwishen Quersbiff und Thurm s\iebenschiffig angelegt. Bis 1514 hat man den Mitteltheil dieser Anlage eingewölbt, nach- her aber blicb Manches unvollendet, obschon bis 1533 noch am Dom gebaut wurde. Die Kirche wurde 1580 von den Bilderstürmern mit-

enommen, 1673 vom Pöbel gestürmt, 1674 dur einen Orkan stark eschâädigt und nahher durch Um- und Einbauten jeder Art entstellt. Eine zweimalige Wiederherstellung in den Jahren 1852—1864 hat dem Dome mehr geschadet, als genüßt. Seit 1877 nun hat der Bau- meister F. I. Nieuwenhuis die Wiederherstellungsarbeiten geltitet, die mit der Instandseßung des Kapellenkranzes begonnen haben. Die auf- gewendeten Kosten betrugen rund 180 000 4

Handel und Gewerbe.

Na glaubhafter Mittheilung, welche den Aeltesten der Kauf- mannschaft von Berlin zuging, ist in jüngster Zeit über die protokollirte Firma Gebrüder H. Fitsio in Belgrad der Konkurs zur Aus- schreibung gelangt. Anmeldung bis zum 18. (6.) November 1889 G PONN gee in Belgrad, Liquidationstermin am 21. (9.) No- vember ¡

Verkehrs - Anstalten.

Hamburg, 29. Oktober. (W. T. B,) Der Postdampfer „Gellert“ der Hamburg - Amerikanishen Padetfahrt- Aktiengesellschaft ist, von New-York kommend, heute Morgen auf der Elbe eingetroffen.

Theater und Musik,

Philharmonie.

In dem zweiten Philharmonishen Concert des Hrn. Dr. Ha ns oon Bülow, welches gestern wiederum vor einer ungemein zahl- reichen Zuhörerschaft stattfand, erweckte die hier zum ersten Mal vor- geführte Sinfonie in D-moll, op. 70 von A. Dvorák ein ganz beson- deres Interesse. Der zur Zeit in Prag lebende böhmische Komponist, der in allen seinen Werken eine stark ausgeprägte Nationalität er- fennen läßt, fesselt auch in dieser Sinfonie durch originelle Melodien und lebendige, höchst eigenartige, oft überrascchende rhythmische

Effekte, wenn \sich auch der innere Ausbau des Werkes nicht mit der Gedankertiefe eines Schumann oder Brahms vergleiden läßt. Von den vier Säßen war der erste, bder mit einer träumerishen, auf de:n von Hörnern und Contrabässen festgehaltenen Grundton dahinshwebenden Melodie der Streich- instrumente beginnt, und in dem ein zweites sehr wirksam entgegen- gestelltes Thema mit besonderem Geschick in der Durchführung be- handelt wird, wohl der werthvollste. Auch der reizend erfundene Scherzosaß, in dessen Walzerrhythmen der Komponist \sich besonders heimish fühlt, ist von carakteristisher Wirkung. Weniger fesselte das Adagio, das der gewünshten Ruhe in der Sinfonie ent- behrt. Der leßte Say enthält dagegen viele interessante Motive, die, wenn auch nicht so geschickt in einander verwebt, wie es in dem ersten Saß der Fall ist, doch den Zuhörer bis zum Swluß in aesteigerter Theilnahme für das Werk zu erhalten im Stande sind. Daß der Komponist stets ein Zuviel rauschender Klangeffekte ver- meidet, ist ganz besonders zu erwähnen. Er erschien in Folge des lauten Beifalls und Hervorrufs am Schluß der Sinfonie auf der Tribüne des Orchesters. Außer dieser Sinfonie wurde noch das in leßter Zeit mehrfah gehörte Violinconcert in D-dur von Brahms von Frl. Wietroweß vorgetragen, die für den erkrankten Violin- virtuosen Hrn. Gregorowitsh eingetreten war und das Concert ganz vorzüglich ausführte. Reicher Beifall wurde der sehr begabten Künstlerin zu Theil, der zuglei der unübertrefflihen Leitung des Hrn. von Bülow galt. Das Philharmonishe Orchester, welches außerdem die Ouvertüre zur „Schönen Melusine“ von Mendelésohn und die große „Leonoren- Ouvertüre“ von Beethoven vortrug, bewährte wiederum seine an- erkannte Tüchtigkeit.

Das dritte Concert findet am 11. November statt und bringt Werke von Mozart, Beethoven, Liszt und Schumann zur Aufführung.

Mannigfaltiges.

Es hat sich das Bedürfniß herausgestellt, die öffenilihen Vorträge im Kunstgewerbe-Museum über Kunstweberei und Kunst- ]stickerei, welche auf die Tageéstunden Sonnabend von 12 bis 1 Uhr angeseßt sind, um daran Führungen durch die gleihzeitige Ausstellung der Stoffsammlung schließen zu können, des Abends zu wieder- holen, da der 260 Pläße fassende Hörsaal dem Besuche nicht genügt und außerdem viele Betheiligte sich am Tage nicht frei machen können. Die Vorträge werden stets an dem nächst folgenden Donnerstag, Abends 83 Uhr, öffentlich und urentgeltlich wiederholt werden; der erste dieser Vorträge findet Donnerstag, den 31. Oktober, statt.

Die Direktion der Urania bittet uns um Veröffentlihung der folgenden Mittheilung: „Im Interesse des genialen Erfinders des Phonographen halten wir es für unsere Pflicht mit allem Nachdruck darauf hinzuweisen, daß das uns von Edison geschenkte Eremplar (ein zweites wird in den nächsten Tagen nachfolgen) das einzige des neuen Systems ist, welches gegenwärtig in Berlin öffent- lih gezeigt wird. Phonographen dieses Systems sind käuflich über- haupt noch nit zu haben. Eine Verwechselung mit dem alten System müßte dem Rufe dec wunderbaren Erfindung um empfind- lihsten Schaden gereihen, vor wel hem wir sie hierdurch bewahren möchten,

Auf der Sternwarte der Urania is jeßt das neue Fern- rohr aufgestellt, welches von M. C. Bamberg in Friedenau kfonstruirt und der größte und s{chönste Refractor Deutschlands ist. Das Rohr mißt 5 m, die Brennweite beträgt 12 Pariser Zoll. Das Rohglas zu den in Fricdenau geshliffenen Linsen ist in Jena gegossen und fostet ni&t weniger als 2000 A Troßdem das Gesammtgewicht des Apparats 60 Centner veträgt, kann er doch mit einer leichten Handbewegung regiert und gestellt werden. Dieses Instrument wird dem Publikum erst nach einiger Zeit zugänglih gemacht werden,

Das hicsige Unterstüßungs-Comité für die Opfer der Wassersnoth in Pennsylvanien hat im Ganzen 148 631,45 4 gesamnnelt.

Neber Hochwasser in der Provinz Posen wird der „Voß. Ztg.“ aus Posen, 28, Oktober, gemeldet: Das Hochwasser richtet in der Provinz großen Schaden an. Die Obra ist bedeutend gestiegen, die Obrawiesen sind fußhoch übershwemmt. Niedrig zelegene Gärten und Keller stehen vollständig unter Wasser, in der Papiermühle hai das Wasser die Grundshüßen der Schleuse weg- gerissen, und in der Nähe von Birnbaum eine in diesem Jahre neu erbaute Brücke erheblich beschädigt. Von Podgorzelice is auch heute weiteres Steigen gemeldet.

Alpenchronik. (Frkf. Journal.) Zwei junge Leute aus Graz, Albert Russa und Johann Neumann, sind in den Dolo- mitten abgestürzt und sofort todt geblieben.

In Schweden hat man, der „Kiel. Ztg.* zufolge, begonnen, Papier aus weißem Moos zu maten. Es wird sowohl Schreibpapier alé Pappe bis zu 12 ecm Dicke angefertigt. Diese Pappflächen sind so kart wie Holz und können zu fast allen möglichen Gegenständen, wie Ocnamenten, Jalousien, Blumentöpfen und Eisen- bahnrädern verarbeitet werden.

Schweidniß, 28, Oktober. Am vorigen Sonnabend beging der General-Feldmarschall Graf von Moltke auf seinem Gut Kreisau seinen neunundahtzigstenGeburtétag inFrische und Rüstigkeit. Um 8 Ubr Morgens brachte, wie die „Schweidnißer Tägl. Rund’hau“ berichtet, die Kapelle des Schlesishen Füsilier-Regiments Nr. 38 aus Schweidniß dem Feldmarschall eine Morgenmusik dar. Sodann

ratulirte die Familie ihrem Oberhaupt und um 11 Uhr emvfing der Keldmarfcchall das Offizier-Corps der Schweidniz-Reichenbacher Gar- nison, vertreten dur die Stabsoffiziere. Von Seiten des Großen General- stabes in Berkin war Oberst-Lieutenant von Goßler nah Kreijau abgesandt worden, dem ehemaligen Chef des Generalstabes zu gratuliren. Im Namen der Stadt Schweidniß gratulirten die Herren Erster Bürgermeister Thiele und Bürgermeister Philipy. Nach dem Frühstück, zu welchem auch eine Anzahl der Gratulirenden geladen waren, wurde von dem Feldmarschall die Kleinkindershule unter Führung der die Aufsicht führenden Diakonissin einpfangen. Auch die Ortsschule unter Führung ihres Lehrers brahte dem Gefeierten ihre Glückwünsche dar und stimmte mebrere patriotishe Gesänge an. Abends brachte die Schule ihm einen Fadtelzug. Von den zahlreihen Glückwunsch-Telegrammen, welche dem greisen Feldmarschall zugingen, sei nur das aus Athen datirte, von Sr. Majestät dem Kaiser Wilhelm, sowie das- jenige von Jhrer Majestät der Kaiserin Augusta und das- jenige von Sr. Königlichen Hoheit dem Prinzen Albrecht be- sonders hervorgehoben. Der Feldmarschall veröffentliht folgende Danksagung: Z

„Aus Anlaß meines 89, Geburtstages \ind mir so zahlreiche schriftliche und telegraphische Glückwünsche von Städten, Korporationen und Privaten zugegangen, daß es mir nicht möglich ist, dieselben alle einzeln zu beantworten. Ich bitte daher auf diesem Wege meinen verbindlihsten Dank allen denen aus\prehen zu dürfen, die meiner an diesern Tage so freundlih gedaht haben.

Graf Moltke, Feldmarschall. *

Stuttgart, 28. Oktober. (W. T. B.) In der Nähe der- jenigen Stelle der Eisenbahnstrecke Vayhingen—Stuttçgart, wo jüngst der Cisenbahnunfall sich zugetragen, ent gleiste heute Mittag

die Lokomotive eines Personenzuges. Es wurde Niemand verleßt, dagegen erlitten das Wagenmaterial und der Bahnkörper Be- \chädigungen. E

Meg, 22, Oltober. Jn den leßten Tagen sind, wie der „Köln. Ztg.“ geschrieben wird, dei Gravelotte unweit des Randes des Bois des trois Têtes die verblihenen Ueberreste von sieben