1890 / 43 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Der am hiesigen Allerhöhsten Hofe akkreditirte K önig-

li Deiche Boishafter und dessen Gemahlin werden den für den 10. und 11. v. M. angesagt gewesenen, aber in Folge Uen Ihrer Hochseligen Majestät der Kaiserin und Königin Augusta vershobenen Empfang der ofgesellshaft nunmehr am Donnerstag, den 20., und am

reitag, den 21. Februar 1890, jedesmal Abends von 91/5

bis 11 Uhr, stattfinden lassen. Der Anzug ist in der vor- eshriebenen Hostrauer : für die Damen in ausgeschnittenen Kleidern, für die Herren vom Militär in kleiner Uniform, für die Herren vom Civil in Frack und Ordensband über der

Weste.

Folgende Allerhöchste Kabinets-Ordres werden von dem „Armee- Verordnungs-Blatt“ veröffentlicht:

1) betressend die Organisation des Kadetten- Corps 2.: ? DP

„Ich erachte es.für nothwendig, daß das Kadeiten-Corps au! der

Grundlage, welhe Se. Majestät der Kaiser und König Wilhelm I., Mein in Gott ruhender Herr Großvater, in nie rastender Fürsorge für die Woblfahrt der Armee dur Einführung des Lebrplanes der Realgymnasien ihm gegeben hat, nah folgenden Gesichtspunkten noch eine mee Ausgestaltung und Vertiefung seiner Lehraufgabe er- abren soll: u 1) Zweck und Ziel aller, namentli aber der militärischen Er- ziebung ist die auf gleichmäßigem ea E der fköôrperlihen, wissenschaftlichen und religiös sittlichen Schulung und Zut beruhende Bildung des Charakters. Keine Seite der Erziehung darf auf Kosten der anderen bevorzugt werden. Der wissenshaftlihe Lehrplan des Kadetten-Corps stellt aber rach Meinen Wahrnehmungen gegen- wärtig zu weitgehende Anforderungen an eine große Zahl von 3ôg- lingen. Die Lebraufgabe muß durch Ausscheidung jeder entbehrlihen Einzelheit, inebesondere dur gründlihe Sichtung des Memorir- stoffs, durchweg vereinfaht werden, sodaß auch minder be- anlagte Scüler bei entsprehendem Fleiße dem Unterricht obne Ueberanstrengung folgen und den gesammten Lehrgang in der vorgeschriebenen Zeit zurücklegen können. Was der Unterricht hierdurch an Ausdehnung verliert, wird er an Gründlichkeit gewinnen. Nach diesem Gesictépunkte werden die Lehrer in allen Fächern und auf allen Stufen ihre Methode fortan einzurichten haben.

2) Bei aller Vereinfahung muß der Unterricht indessen noch mehr dabin nußbar gemacht werden, daß die Kadetten nicht allein die für den militärishen Beruf unmittelbar erforderlihen Vorkenntnisse und Fertigkeiten gewinnen, sondern auch ein geistiges Rüstzeug erhalten, welches sie befäbigt, selber dereinst in der Armee, der großen Schule der Nation, sittlich erziebend und belehrend zu wirken, oder falls sie später in einen anderen als den militärishen Beruf übertreten, au dort ihren Play auszufüllen. : ; :

Im Rel igionsunterricht is die ethishe Seite desselben hervorzuheben und das Hauptgewiht darauf zu legen, daß die Zöglinge in Gottesfurht und Glaubensfreudigkeit zur Strenge gegen ih, zur Duldsamkeit gegen Andere erzogen und in der Ueberzeugung befestigt werden, daß die Bethätigung der Treue und Hingabe an Herrsber und Vaterland gleihwie die Erfüllung aller Pflibten auf göttlihen Geboten beruht. |

Der Geschic{tsunterricht muß mehr als bisher das Verständniß für die Gegenwart und insbesondere für die Stellung unseres Vaterlandes in derselben vorbereiten. Demzufolge wird die deutshe Geschichte, insbesondere die der neueren und neuesten Zeit, stärker zu betonen, die alte Geschichte und die des Mittelalters aber vornehmlich in dem Sinne zu lehren sein, daß der Schüler durch Beispiele au aus jenen Epochen für Heldenthum und historische Größe empfänglih gemacht wird sowie eine Anschauung von den Wurzeln und der Entwickelung unserer Kultur gewinnt. i

Die Erdkunde, die politishe wie die physikalische, bat, auf der untersten Stufe von der Heimath auêgehend, zunächst den geschiht- lihen Unterriht auf den verschiedenen Lehrftufen zu ergänzen und zu unterstüßen. Das weitere Ziel des geographischen Unterrichts ift, daß der Schüler mit seinem Vaterlande und dessen Eigenart aufs Innigste vertraut wird, aber auch das Ausland verstehen und würdigen lernt. : :

Das Deutsche wird Mittelpunkt des gesammten Unterrichts. Dcr Schbüler ist in jedem Lebrgegenstande zum freien Gebrauche der Muttersprache anzuleiten. In den deutschen Lehrftunden selbst gleiéwie im Literatur:Unterri(t ift bei Auswahl der Lesestücke, Vorträge und Aufsäße neben dem klassishen Alterthum, seiner Sagen- und Kulturwelt, aud den germanishen Sagen sowie den vaterländishen Stoffen und Schriftwerken ganz besondere Berück- sidtigung zuzuwenden, der Scüler aber auch mit dem geistigen Leben der anderen witigen Kulturvölker der Gegenwart dur as in einzelne Meisterwerke ihrer Literatur bekannt zu machen.

Im Unterriht der neueren Fremdsprachen ist von den ersten Stufen an die Anregung und Anleitung der Kadetten zum praktishen Gebrauche der Spraten im Auge zu behalten.

Inwieweit Ih für jett cine theilweise Aenderung der Lehrpläne des Kadetten-Corps geboten erachte, wird JIbnen durch das Kriegs- Ministerium demnächst bekanrt gegeben werden. L

It babe durch Vorstehendes den zur Erziehung und Unterweisung der Kadetten berufenen Organen weitere Aufgaben zugewiesen, welche an ihre Einsit und Thätigkeit erböhte Anforderungen stellen; Ich balte Mi aber überzeugt, daß es ihrer bewährten Hingebung und Pflichttreue gelingen wird, diese Aufgaben in Meinem Sinne und zu Meiner vollen Zufriedenbeit zu lösen. E

_ Mit Ibren Vorschlägen über die Art und Weise, wie die militä- rishe Jugend au auf den e Ar für die erzieblihen Aufgaben ihres Berufes rorzubereiteu ift, bin Jch einverstanden. U.

Ih will, daß diese Meine Ordre zur allgemeinen Kenntniß der Armee gelangt, und babe Ich tieserhalb an das Kriegs-Miniflerium verfügt. Berlin, den 13. Februar 1890. Wilhelm. An den General- Inspecteur des Militär-Erzicbungs- und Bildungswesens.*

2) betreffend die Bestrafungen wegen Mißhandlung Untergebener: /

„Ih habe aus den Mir von den kommandirenden Generalen ein- gereihten Naweisungen über die Beftrafungen wegen Mißbhandlurg Untergebencr erseben, daß die Bestimmungen der Ordre vom 1, Februar 1843 noch nicht durchweg in dem Geiste ausge t und gehandhabt werden, in dem fie gegeben worden sind. einer Armee soll jedem Soldaten eine acievli&e, gerechte und würdige Be- bandlung zu Theil werden, weil eine solche die wesentlihste Grund- lage bildet, um in demselben Dienstfreuvigkeit und Hingebung an den Beruf, Liebe und Vertrauen zu den Vorgeseßten zu weden und zu fördern. Treten Fölle von fortgeseßten systematischen Mißhandlengen Untergebener bervor, so haben Mir die komman- direnden Generale bei Einreitung der Nachweisungen zu berichten, welchen Vorgeseßten die Verantwortung mangelbafter Beaufsichtigung trifft und was ihrerseits gegen denselben veranlaßt worden ist. Sie baben biernach das Ecforderlihe zu veranlaffen und den komman- direnden Generalen auch die Bemerkungen, zu welchen Mir die leßten Nachweisungen Anlaÿ gegeben haben, zugehen zu lafsen. Berlin, den 6. Februar 1890. ilhelm. An den Kriegs-Minister.“

3) betreffend den Armeesattel: „Ib bestimme: 1) Bei den berittenen Waffen, mit Ausnahme , Meines Regiments der Gardes du Corps und des Garde-Kürassier- Regiments, kommt ein Armeesattel nach der Mir vorgelegten Probe zur Einführung. Die Beschaffung der Sättel hat nah Maßgabe der verfügbaren Mittel zu erfolgen. 2) Bei Meinem Regiment der Garöés du Corps und dem Garde-Kürasjier-Regiment haben Probeversuche E Tae E A oldeneR een e. und 1V. ftattzufinden. «Ministerium ierzàa Weitere zu veranlassen. Neues Palais, den 19. Dezember 1889, Wilhelm. von Verdy.“

2 betreffend tragbares Schanzzeug:

„Ich apenehiige 1) die Einiührung des leichteren Beiles des tragbaren M antienges, wie s\olches die Infanterie führt, bei der Ka- vallerie nah Maßgabe der verfügbaren Mittel, 2) die Anbringung des Beiles sowie des Spatens des tragbaren Schanzzeuges und der Pa- tronentasche am Kavallerie-Gepäck nach den Mir vorgelegten Proben. Das Kriegs-Ministerium hat hiernach das Weitere zu veranlassen. Berlin, den 23. Januar 1890. Wilhelm. von Verdy.*

Wider deutshe Eisenbahnverwaltungen sind beim Reihs-Eisenbahnamt im Jahe 1889 im Ganzen 115 Beshwerden aus dem Publikum r Davon beziehen sich 33 auf den Personenverkehr, 65 auf den Güter- verkehr und 17 auf andere Gegenstände. Das Reichs-Eisen- bahnamt hat von diesen Beshwerden für begründet erahtet 15, als nicht begründet abgelehnt 26, auf den Rechtsweg verwiesen 2. Jn 9 uan war die Zuständigkeit der Reichs- gewalt niht begründet, in 1 fa sind die angeordneten Erhebungen noch nicht abgeschlossen. Die übrigen 62 Be- {werden wurden zur Erledigung an die zunächst zuständigen Eisenbahnverwaltungen abgegeben. Betroffen von Beschwerden sind überhaupt 29 Eisenbahnverwaltungen.

Nach der im Reihs-Eisenbahnamt aufgestellten, in der Ersten Beilage des „Reihs- und Staats-Anzeigers“ veröffentlihten Nachweisung über die im Monat De- zember v. J. auf deutschen Bahnen (aus\chließlich der bayerishen) beförderten Züge und deren Ver- \spätungen wurden auf 42 größeren Bahnen bezw. Bahn- phen mit einer Gesammtbetriebslänge von 35 256,40 kw befördert: An fahrplanmäßigen Zügen: 16 414 Schnell- züge, 157303 Personenzüge, 85606 gemishte Züge und 148061 Güterzüge; an außerfahrplanmäßigen Zügen: 2734 Schnell, Personen- und gemischte Züge und 35404 Güter-, Materialien- und Arbeitszüge. Jm Ganzen wurden 923 159 630 Achskilometer bewegt, von denen 962 851 878 Achskilometer auf die fahrplanmäßigen Züge mit Personenbeförderung entfallen. Von den 259 323 fahrplan- mäßigen Schnell-, Personen- und gemishten Zügen verspäteten im Ganzen 4864 oder 1,88 Proz. (gegen 1,14 Proz. in dèmselben Monat des Vorjahres und 1,08 Proz. im Do Von diesen Verspätungen wurden jedoch 1968 durch das Abwarten verspäteter Anshlußzüge hervorgerufen, sodaß den aufgeführten Bahnen nur 2896 Verspätungen n 1,12 Proz.) zur Last fallen (gegen 0,74 Proz. im Vormonat).

n demselben Monat des Vorjahres verspäteten auf den eigenen Strecken der in Vergleih zu ziehenden Bahnen von 937 347 beförderten fahrplanmäßigen Zügen mit Personen- Ee 1563 oder 0,66 Proz., mithin 0,46 Proz. weniger. In Folge der Verspätungen wurden 3076 Anschlüsse versäumt (gegen 1619 in demselben Monat des Vorjahres und 1656 im

ormonat). Bei 6 Bahnen sind Zugverspätungen und bei 10 Bahnen Anschlußversäumnisse niht vorgekommen. Jn der Nahweisung sind diejenigen Bahnen, auf welchen Zug- verspätungen vorkamen, nach der Verhältnißzahl (geometrisches Mittel) zwischen der Anzahl der auf je eine Ver)pätung ent: fallenden Züge und Achskilometer geordnet; danah nehmen die Main-Neckar-Bahn, die Werrabahn und die Hessische Ludwigs- bahn die ungünstigsten Stellen ein. Wird die Reihenfolge der Bahnen statt nah der gan der Verspätungen nah der Zahl der Anschlußversäumnisse bestimmt, so treten die Main- Neckar-Bahn, die Bahnen im Bezirke der Königlichen Eisen- E tion (linksrheinishe) zu Köln und die Hessische Ludwigsbahn an die ungünstigsten Stellen.

A in Oldenburg, Graf

Der Königliche m Allerhöchst bewilligten kurzen

zu Eulenburg, hat einen i Urlaub angetreten.

Der Königlich württembergishe Bevollmächtigte zum Bundesrath, Ober - Finanz-Rath von Fischer, ist hier an- gekommen.

S. M. Panzerschhiffe „Deutshla nd“, Kommandant Kapitän zur See von Reiche, und „Friedrihder Große“, Kommandant Kapitän zur See Gtaf von Haugwißtß, sind am 13. d. M. in Port Agosta (Sizilien) eingetroffen und

‘beabsichtigen, am 16. nah Syrakus in See zu gehen.

Bayern. München, 14. Februar. (Allg. Ztg.) Jhre L Hoheiten die Prinzen Ludwig, Rupprecht und Leopold sowie die Herzoge Karl Theodor, Marx Emanuel und Ludwig fanden si auf dem gestern Abend in dem Hotel zu den „Vier Jahreszeiten“ abgehaltenen Piknik des Offizier-Corps des 2. Jnfanterie-Regiments ein und verweilten daselbst längere Zeit. Prinz und Prin- zessin Ludwig Ferdinand gaben gestern eine Tafel, zu welcher die Staats-Minister Dr. von Riedel, Freiherr von Feilißsch, Ritter von Heinleth und L 4 von Leonrod (Staats- Minister Freiherr von Crailsheim war zu gleicher Zeit zum Prinz-Regenten geladen und folgte leßterer Einladung), der Hof- marshall Sr. Majestät des Königs, Freiherr von Redwiß, der Staatsrath Dr. von Pfistermeister, der Polizei-Präsident Dr. von Müller, der General-Major von N die Flügel-Adjutanten Graf von Lerchenfeld, inr: fe von Branca und Ritter von Wiednmann sowie Premier-Lieutenant Freiherr von Reitenstein geladen und ershienen waren.

(W. T. B.) Jm Finanzauss\chuß erklärte der Kultusreserent Daller im Namen der Centrumspartei : er würde auf eine materielle Würdigung der abzustreichenden Positionen des Kultus-Etats nur dann eingehen, wofern die Regierung die Alt- katholifen wegen Leugnung der Unfehlbarkeit als aus der

äpstlihen Kirche ausgetreten ansehe und behandle. Ferner hielt der Referent den Standpunkt des Centrums in

etreff der Frage des Placetum regium und des Eides auf die Verfassung aufrecht. Der A uss\chuß genehmigte den ordentlihen und außerordentlichen Kultus-Etat und seßte infolge der Erklärung des Centrums die für den Ankauf von Kunstwerken, Tee von Gehältern und Schulbauten in den Etat eingestellten neuen Forderungen der Regierung ab. Der Minister Freiherr von Crailsheim erklärte in Vertretung des Kultus-Ministers bei dem Etat der Universi- täten, die Regierung berufe nur solhe Lehrer, welhe die gläubige Gesinnung ihrer Zuhörer niht untergrüben. Hierin weiter zu gehen, hieße alle zitäten von den bayerischen Hochschulen secrnhalten.

Saqjen. Dresden, 14. Februar. (Dr. J.) Die Erste Kammer genehmigte bez. bewilligte in ihrer eutigen Sitzung, auf Antrag ihrer 2. Deputation, die Kap. 88—101 des ordentlihen Staatshaushalts-Etats (Kultus- Etat) in Uebereinstimmung mit den Beschlüssen der Zweiten Kammer allenthalben nah der Vorlage. Zu Kap. 89, evan- gelish - lutherishes Landeskonsistorium, ergriff der Ober-

laut des Artikels.

Hospreeiger D. Meier das Wort, um Namens der istlihen des Landes dem Staats - Minister Dr. von Gerber für seine warme idigung in der Sißung der Zweiten Kammer gelegentlich der dortigen Berathung des Kultus-Etats zu danken, wobei er Es das Recht für . die Geistlihen in Anspru nahm, a pottttihe Angelegenheiten durch die Predigt in unparteiischer eise in das Licht des göttlihen Worts p stellen. Zu Kap. 91, Universität Leipzig, sprah Medizinal-Rath Dr. Birh- Hirschfeld Namens der Universität dem Staat3- Minister Dr. von Gerber den Dank dafür aus, daß er die Körperschast der Universität in der vor: gedahten Sißzung der Zweiten Kammer vor dem Eindringen schädliher Elemente so mannhaft geschüßt habe, und äußerte \{ließlih den Wuns, daß im nächsten Etat zur Anschaffung von Büchern für die Universitäts- Bibliothek größere Mittel eingestellt würden, was der Staats- Minister Dr. von Gerber in Aussicht stellte. Vor Eintritt in die Tagesordnung erfolgte durch den Präsidenten Wirkl. Geh. Rath von Zehmen die Verpflihtung des an Stelle des verstorbenen Grafen von Schall-Riaucour in die Kammer ein- tretenden Mitgliedes Majors a. D. von Wiedebach.

Baden. Karlsruhe, 14. Februar. Se. Königliche Hoheit der Großherzog hat, wie die „Karlsr. Ztg.“ meldet, unter dem 6. d. M. die nachgenannten Kammerjunker zu Kammerherren ernannt: den Ober-Jngenieur Freiherrn Teuffel von Birkensee in Bruchsal, den Kaiserlichen Regierungs: Rath im Reichs-Versiherungsamt Freiherrn Hein- rich von Bodman, den Ober-Amisrichter a. D. Freiherrn Adolf von Schönau, den Oberförster Freiherrn Richard vonBodman in Villingen, und den Ober-Amtsrichter Freiherrn Albert von Bodman in Weinheim.

Hessen. Darmstadt, 14. Februar. (Darmst. Zta.) Se. Königliche Hoheit der Großherzog und Jhre Groß- herzoglihe Hoheit die Prinzessin Alix sind gestern im besten Wohlsein in Lavaletta angekommen, wo Allerhöchst- dieselben von Jhren Königlichen Hoheiten dem Prinzen und der Prinzessin Heinrih von Preußen, sowie Sr. Durg(hlauht dem Prinzen und Jhrer Großherzoglichen Hoheit der M aein Ludwig von Battenberg empfangen wurden. :

Bremen, 12. Februar. (Hann. Cour.) Der bremische Staatshaushalt für das Jahr 1890/91, noch vom Bürger- meister Dr. Gildemeister gegengezeichnet, ist soeben erschienen. Die ordentlichen Einnahmen sind veranschlagt auf 11 819 240 4 hes 940 M mehr gegen das Vorjahr), die außerordentlichen

innahmen auf 568 000 # Die ordentlichen Ausgaben sind berehnet auf 11 434 575 M Cid 700 Á mehr gegen das Vorjahr); an außerordentlihen Ausgaben werden bean- tragt 1 491 835 M Die Gesammteinnahme ist veranschlagt auf 12 387 240 M6, die Gesammtausgabe auf 12 926 410 #4, sodaß sih ein Defizit von 539 170 #6 ergiebt, wobei für Nachbewilli- gung Nichts veranschlagt ist. ur Deckung des Defizits, soweit sie sich niht durch Mehreinnahmen oder Ersparungen ergiebt, wird es nothwendig sein, auf die Ueberschüsse früherer Jahre zurüczugreifen. Als solhe stehen augenblicklich noch zur Verfügung 1135 370 4 89 Z. Diese iffer wird sich in Wirklichkeit in Foige der schon erzielten Mehreinnahmen und der voraussichtlihen Minderausgaben des laufenden Rehnungs- jahres nicht unerheblich erhöhen.

Oesterreih-Ungarn. Wien, 14. Februar. (W. T. B. Das Abgeordnetenhaus erledigte heute in der Spezial- sdebatte die zweite Lesung des Geseßzentwurfs, betreffend die Regelung der äußeren Rechtsverhältnisse der israelitishen Religionsgesellschaft, durh nahezu unveränderte Annahme. Die Regierung legte einen Gesetzentwurf, betreffend den Abschluß eines Ueberein- fommens mit der Landesvertretung von Galizien, vor, Behufs Regelung des Verhältnisses des Staats zu den Grundentlastungs-Fonds.

Budapest|, 13. Februar. (Wien. Ztg.) Bei der weiteren Berathung des Budgets des Finanz-Ministeriums ent- widelte sich insbesondere bei den Titeln „Steuerämter“, „Kataster“ und „Schankgefälle“ eine längere Debatte, in welher der Finanz-Minister Dr. Weckerle wiederholt das Wort ergriff, um auf die Ausführungen einzelner Redner zu reflektiren. Der Minister erklärte unter Anderem, er werde in jeder Weise bemüht sein, die Lage der Spiritusfabriken zu verbessern, betonte jedoch, day der Import aus Galizien keineswegs ein solcher sei, daß der Stagnation der Shiritus-Zndustrie in Ober-Ungarn diesem zugeschrieben werden könnte. Der Minister bemerkte, er be- jchäftige sich mit einer zeitgemäßen, den Verhältnissen an- gepaßten Reform der Verzehrungssteuer und werde zu diesem Behufe bewährte Fahmänner zum Studium der einshlägigen Einrichtungen des Auslandes entsenden. Was die Regalien- Entschädigung betrifft, hoffe der Minister, die Feststellung der- selben bis Ende April beendigen zu können. Er habe mit einem Konsortium, an dessen Spize die Ungarische Kredit- bank stehe und in ge ungefähr zum dritten Theile au andere ungarische FinanxJnstitute vertreten seien, in Betreff der Uebernahme der Regalienobligationen, und zwar sowohl der im Besiß des Staats befindlichen wie der von Seite der Privaten, Behufs Verwerthung dem Finanz- Minister angemeldeten Obligationen in der Weise eine Ver- einbarung getroffen, daß ein Cours von 92 sihergestellt wurde und daß bei einem eventuellen Gewinn für den Staat, be- ziehungsweise die Partei, auch eine Partizipirung garan-

tirt sei.

14, Februar. (Prag. Abdbl.) Se. Majestät der Kaiser und König empfing gestern den Grafen Kälnoky in längerer Audienz; leßterer konferirte sodann mit dem

Minister-Präsidenten von Tisza.

Großbritannien und Jrland. London, 13. Februar. (A. C.) Die leßte Depesche des gestern veröffentlidten Blau- buches über den Schriftwehsel mit Portugal ist eine vom 28. Januar 1890 datirte, vom Marquis von Salis- bury an den britishen Gesandten in Lissabon, Petre, gerihtete Note. Es heißt darin:

„Vie portugiesishe Regierung beruft sich insbesondere auf den Artikel XI]. des Berliner Vertrags, wona fie das Recht habe, die Ordnung der Streitigkeit entweder dur die Vermittelung einer anderen Mat, oder auf shiedêgerihtlihem Wege zu verlangen. (Folgt der Wort-

Diese Berufung der ortugieGen egierung auf die Berliner Akte überrasht mich höchlih, da ich bis dahin stets den eindruck batte, daß gerade die Regierung Ihrer Majestät Ret

j

hatte. sh über die Hintan g der Bestimmungen dieser Urkunde zu beklagen. Die aron he Regierung behauptet, daß das Gebiet oder ein Theil deêsclben, über welches ernstliche Meinungs- vershiedenbeiten zwishen den Regierungen Portugals und Englands anfgedr es sind, sih in der vom Artikel 1 der Berliner Akte an- gege \\Zone befindet. Angenommen selb argumentationsweise, dem sei so; so wäre die Folge, daß beide Mächte verpfli&Waewesen wären, niht eher zu den Waffen zu greifen, ehe sie zur itte- lung! oder zum Sciedsgeribt wegen des Streites ihre Zuflucht ge- nommen hätten. Die portugiesische Regierung hat aber den von dem Artikel bezeihneten Weg nicht eingesblagen. Statt die Vermittelung einer oder mehrerer bcfreundeter Mächte arzurufen, hat die portu- giesishe Regierung d:n Major Serpa Pinto mit einer Streitmacht von mehreren Tausend stark bewaffneter Mänrer und mebreren Gat- Ras in das ftreitige Gebiet gesandt und zu den Waffen ge- ariffen, ehe sie ibre Zuflucht zu einer Vermittelung nabm Die portu- iesishe Regierung hat sich daher in tie Lage gebracht, die Berliner

fie zu verlegen.“ ... . „Aufterdem ift es nothwendig, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß tas Masoralard und das Land Loben- gulas südli und nördli vom Zambkesi sicherlih nit in der vom Art. XIl der Berliner Akte beschriebenen Zone einbegriffen ist. Der Artikel bezieht si ausdrüccktlich nur auf das Gebiet, worin Freihandel herrschen soll. Die Bestimmungen des Artikels lassen si aber nicht ohne Weiteres auf die freie Zone anwenden, fondern nux auf die Theile der Zone, für welde Freihandel vorgeschrieben ift. Es ift cine bekannte Thatsabe, daß Portugal in seinen oft- afrikanisden Besitzungen dieses Spstem richt eingeführt hat ; dieselben befinden sih deshalb nit in den Bestimmungen des Artikels ein- geschlossen. Wollte Portogal den Anspruch erheben, daß die Nyafsa- Distrikte einen Theil sciner Besitzungen bildeten und daß die Moafko- lolos, wie Senhor Serpa Pinto in seiner Kriegserklärung behauptet, rebellishe portugiesisde Unterthanen sind, so würde Portugal diesclben auf denselben Fuß bringen wie ten Rest seiner Besißungen, und der Artikel wäre daher auf sie unanwendbar“. i

Im canadishen Unterhause brahte, wie aus Ottawa telegraphirt wird, der Abg. Charlton am 11. d. die bedeutende Auswanderung aus Canada nach den Vereinigten Staaten zur Sprache. Er behauptete, es gäbe jet über 2 500 000 Canadier in der Union; îm leßten Jahre seien 28 000 Personen dorthin ausgewandert.

Aus Jeypore in Jndien meldet ein Telegramm des „Bureau Reuter“ unter dem 13. Februar:

Prinz Albert Victor wurde bei seiner gestrigen Ankunft bierselbst vom Makaradschah feierlich empfangen. In dem Zuge waren 25 Elephanten; auf dem ersten ritten der Maktarads{ah und der Prinz. Eine Schaar Nazans führte einen Kriegêtanz mit gezückten Schwertern auf, als der Zug vorbeikam. Mehrere indi\he Regimenter follen zum Gedächtniß an die Reise des Prinzen Albert Victor den Nainen desselben führen.

_ Fraukreih. Paris, 14. Februar. (W. T. B.) Der Senat verhandelte heute über den Antrag Barthe, durh welchen gewisse Preßvergehen den Korrektionstribu- nalen A werden sollen. Der Berichterstatter Cordelet bezeichnete als Zweck des Antrages, dem Wunsche des Landes, den Preßvergehen ein Ziel zu seßen, entgegenzukommen. Der Justiz-Minister Thevenet sagte, die Presse sei niemals freier gewesen als jeyt, aber man dürfe doch niht unter dem Schutze der Preßfreiheit die Behörden wehrlos machen ; er fordere den Senat auf, den vorgeshlagenen Entwurf unver- ändert anzunehmen. Die Debatte wurde dann auf Donnerstag vertagt. ; er Ober-Ackerbaurath unter dem Vorsiß des Ministers des Ackerbaues, Fa ye, beschloß, einen Eingangs- zoll von 3 Fr. auf ungemahlenen Mais und von d Fr. auf Maismehl und Maiskleie zu legen; ferner einen oll von 3 Fr. auf Reis im Stroh, 8 Fr. auf ge- rochenen oder entshälten Reis, sowie auf Reismehl. Dem Herzog von Luynes is wegen seiner Haltung bei dem gestrigen Punsh der royalistishen Studenten die Er- laubniß, fernerhin den Herzog von Orleans in der Conciergerie zu besuchen, entzogen worden.

Ftalien. Rom, 14. Februar. (W. T. B.) Die Regierung hat der Deputirtenkammer einen Geseß- entwurf, betreffend die obligatorishe Unfall-Ve rsiche- rung der Arbeiter, vorgelegt. Von den Versicherungs- prämien sollen 9/9 von den Arbeitgebern und 1/14 von den Arbeitern gezahlt werden. Die Kammer hat das berichtigte Budget für 1889/90 in geheimer Abstimmung mit 159 gegen 35 Stimmen angenommen.

Portugal. Lissabon, 15. Februar. (W. T. B.) Die Polizei hat den hiesigen Studentenverein als republikanisher Bestrebungen verdächtig aufgelöst und sämmtliche Papiere desselben beshlagnahmt.

Niederlande. Luxemburg, 14. Februar. (W. T. B.) Jn der heutigen Schung, der Ständeversammlung be- antragte Servais eine Tagesordnung, in welcher a wird: es sei im Jnteresse des Landes, daß die Verfassung künftig ausgeführt werde wie bisher. Der Staats-Minister Eyschen ertlärte diese Tagesordnung für ein Mißtrauens- votum. Brasseur- beantragte darauf die Annahme der ein- fahen Tagesordnung. Nachdem sich die Regierung mit diesem Antrage einverstanden erklärt hatte, wurde derselbe einstimmig angenommen. Servais hatte sich der Ab- stimmung enthalten.

Bulgarien. Sofia, 14. Februar. (W. T. B.) Der russishe Ünterthan Naidin, welcher kürzlich verhaftei worden war, ist wieder in Freiheit geseßt worden, weil kein Be- weis seiner Mitshuld an der Panißa-Affaire erbraht worden

ist. Kalopkoff befindet sich noch in Rustshuk.

Afrika. Egypten. Kairo, 14. Februar. (W. T. B. Das dem Egyptologen Mariette gewidmete Denkmal i heute im großen Hofe des Neuen Museums eierlih enthüllt worden. Der Ceremonienmeister des Khedive, mehrere Se und ein zahlreihes Publikum wohnten dem Fest- akte bei. y

Sansibar. Sansibar, 14. Februar. (R. B.) Hier eingegangene Nachrichten vom Victoria-See bestätigen, daß der König Mwanga mit Hülfe der Europäer den Thron von Üganda nah heißem aneE mit König Kalema und dessen arabishen Bundesgenossen, welche. fast gänzlih aufgerieben sein sollen, wieder erlangt hat. Uganda befindet sich jeßt in der Gewalt Mwangas und der Europäer.

Zeitungsstimmen.

An die ‘Ansprache Sr. Majestät des Kaisers und

E s an E Eer knüpft der „Hannoversche urter“ fo atung:

/ “Unver aile Worte sind es, die Kaiser Wilhelm gesprochen !

Mächtigen Widerhall werden sie allüberall finden, und mit dem Ge-

fühl freudiger Dankbarkäit muß Jedermann den Audöführungen des

Kaiserlichen Herrn beipflihten. Wahrli, ern und verantwortungs- voll ist die gestellte Aufgabe, großartig ist das gesteckte Ziel, aber der Segen des Allmätbtigen kann dieser Arbeit nimmer fehlen und fie wird gute Früchte zeitigen. Schuy dem Arbeiter gegen Willkür und Aus beutung, Schutz der Familie, der Frau und dem Kinde, sittliche und wirth- \chaftlihe Hebung. Frieden zwischen Arbeiter und Arbeitgeber, Erfüllung der berechtigten Wünsche des arbeitenden Volkes neben dem erforder- liden Schuß der Industrie, das Alles foll angebabnt, soll herbei- geführt werden dur geseßlihe Anordnungen, und ergänzend und för- dernd werden Kirche und Schule in freier Liebesthätigkeit an dem ge- waltigen Werke mitbauen und Stein auf Stein herzutragen, daß es einer \{öônen Vollendung entgegengeführt werden kann. Einer ge- wissenhaften, vorurtheilsfreien und besonnenen Prüfung aller einschlägi- gen Fragen bedarf es, um die Grundlage zu schaffen. Die Namen der Männer, die Kaiser Wilbelm aus den verschiedensten Berufsklafsen in den Staatsrath auserwählt, bürgen dafür, daß die Prüfung in der rechten Weise geshehen wird, und so sehen wir ihren Arbeiten mit froher Zuversicht cutgegen. Wie sie des Kaiserlichen Dankes versichert worden find, so können sie au desjenigen der deutschen Nation gewiß sein, und auch die Kreise, denen in erster Linie die Mühen ter in den Staatsrath Berufenen zu Gute kommen follen, werdea sich dem Ge- fühl der Anerkennung nit verschließen können. Dem Kaiser aber gebührt son jeßt der heiße Dank seines Volks, das damit zugleich den innigen Wunsch verbindet, daß tem Monarchen die Herzensfreude vergönnt sein möge, die große Aufgabe glüdcklih und zum Segen des Reichs gelöft zu sehen. Das walte Gott!“

Das Wiener „Fremdenblatt“ bemerkt, wie „W. T. B.“ meldet, zu der Allerhöhsten Ansprache:

„Ohne Uebertreibung kann man sagen, daß die ganze Welt mit ungetheilter Aufmerksamkeit der Kaiserliden Worte barrte. Das energische, von umfassendem Blicke geleitete Auftreten des Deutschen Kaisers in der Arbeiterfrage wird ohne Zweifel niht bloß von der arößten Bedeutung sein für die materielle und moralisdhe Lage der Arbeiter, es wird auch eine belangreiche Rückwirkung auf das ge- sammte politische Leben Deutschlands äußern."

Die Wiener „Presse“ schreibt, die Ansprahe Sr. Majestät des Kaisers entsprehe in vollstem Maße den dur die Kaiserlichen Erlasse in ganz Europa rege gemachten hohen Erwartungen. Hoher, sittlicher Ernst, überzeugende, redliche Entschlossenheit, rein menshlihes Wohlwollen und Alles er- wägende Klugheit und Vorsicht treten vereint und imponirend aus diesem in korrektester Form gefaßten Staatsakte hervor.

Das „Neue Wiener Tageblatt“ hebt hervor, der Kaiser führe eine Sprache, die von gewissenhafter Rücksicht auf die bestehenden Staatseinrihtungen und von dem vollen Gefühl der Verantwortung zeuge, die der Kaiser für das Ge- lingen von Bestrebungen übernommen habe, welche eine neue gesellschaftlihe Ordnung anbahnen sollen.

Die Wiener „Deutsche Zeitung“ schreibt, in Worten voll hohen Schwunges, voll Gedanken und edler, herzensehter Empfindung habe der Kaiser die Aufgaben des Staatsraths in seiner Ansprache entwidckelt.

Zu den Kaiserlichen Erlassen- in der Arbeiter - frage bemerkt die „Werkmeister-Zeitung“ (Organ des deutschen Werkmeister-Verbandes):

„Wenn vom Throne herab solche soziale Thaten geschehen, wie sie vom ersten Deutschen Kaiser begonnen und wie sie von unserem regierenden Kaiser mit urwücsiger, ftarker Kraft fortgeseßt werden, dann darf man \ich mit wahrhaft vaterländishem Stolze des starken sozialen Königtbums freuen, welches die Aufgaben der Zeit viel besser erkannt, viel edler mitgefühlt und viel kraftvoller in Angriff ge- nommen bat als alle Republiken ringsumher, und es müssen diese Thaten einen unüberwindlien Wall bilden gege die unheilvoüen Kräfte, welche das Bestehende von Grund aus zerstören wollen, sie müssen dahin führen, was alle ehrlihen Menschen mit Sehnsucht er- streben: zu einer friedlihen Lösung der sozialen Frage! Wir be- grüßen die beiden Erlafse des Kaisers auf das Freudigste und sind im voll7ommensten Einverständniß mit allen Forderungen, deren Ver- Oa durch die Kaiserlihen Kundgebungen in Aussicht gestellt werden *

Unter der Ueberschrift: Der Reichstag und die Sozialreform schreibt die, Magdeburgische Zeitung“: „Die eifrigsten Bemühungen, die Leistungen des Reichstages auf jedem Gebiete der Gefeßgebung herunterzuseßen und zu verkleinern, werden es nit verhindern können, daß man in den breitesten Schichten der Wähler für P gro en Verdienste, die sich dieser Kartell- Reichsiag um die Weiterführung der fozialpolitishen Gesehz- gebung erworben hat, doch das rihtige Verständniß gewinnt.

Es muß hervorgehoben werden, f derselbe während seines Bestehens drei bedeutsame Geseye erledigt hat, die Unfallversiherungs- geseze für die Bauarbeiter und die Seeleute und das Invaliditäts- und Altersversicherungsgeseß; diese drei lee find aber geseßz- geberisde Thaten lôchster Bedeutung, und reiht au die Tragweite der beiden erstgenannten durchaus nit an die des zuleßt erwähnten, so bilden sie doch immerhin die nothwendige Ergänzung der in früheren Jahren bercits erlaffenen Geseze. Wenn auch die Unfallversicherungëgesebze zu Stande kamen, ohne daß die Mehrkeits-Parteien ihre Ausschlag gebende Stellung geltend zu maen brauchten, so wäre doch, wie bekannt, das Alters- versicherungëgeseyz gescheitert, wenn niht der Reihstag in der Weise zusammengeseßt gewesen wäre, wie es glüdlicherweije der Fall war. Die Wähler, die auf dem Boden der Botschaft Kaiser Wilhelms I. stehen und den Wursch hegen, daß die Sozialreform au in Zukunft mit fester Hand weiter geführt und vollendet werde, die Wähler, die der Ansicht sind, daß das sozialpolitische Programm in den nächsten Jahren erfüllt werden muß, werden deshalb niht im Zweifel sein können, welcher Partei sie ihre Stimme zu geben haben.

Der Deutschfreisinn hat gegen die ganze sozialpolitishe Gesetz- gebung eine feindlihe Haltung eingenommen, die Angehörigen dieser tbn haben gegen die sozialpolitishen Gesetze ebenso gestimmt, wie einer Zeit gegen die Verfassung des Reichs und die Reichs-IJIusftizgeseße, sie werden niht müde, das „soziale Königthum“ als einen in sih unhaltbaren, unlogisben Gedanken hinzustellen, dessen Verwirklichung früher oder später Schiffbruh leiden müsse. Was die Sozialreform zu erwarten hat, wenn es dieser Partei gelingen solltc, im Verein mit dem Centrum wieder die Mehrheit im Reichstage zu bilden, vermag daher Jeder selbft sich zu sagen, die Weiterführung der großen Geseßgeöung, um welche uns die anderen Nationen be- neiden, würde gehemmt, die Ausführung der bereits erlafsenea Geseße erschwert und beeinträhtigt werden und an Stelle des regen Eisers, der sich seither auf diesem Gebiete entfaltet hat, würde völlige Un-

thätiateit herrs{hen.

, Die Wähler haben darum allen Grund, si über die Stellung eines Kandidaten zu der sozialpolitishen Geseßgebung sorgfältig zu vergewissern, um zu verhüten, daß das große Werk sceitere.“

Der „Schwäbische Merkur“ widmet der Sozial- politik der Freisinnigen folgende Betrahtung: „Der Kaiser hat nun zu seinem Programm in der Arbeiter- frage das gemat, was die Demokratie stets erstrebte" diese und ähnliche Flunkereien kann man legt tägli in allerhand Variationen in demokratischen Blättern lesen. der That ist es aber sehr neu, daß die demokratische Partei, wenigstens die norddeutsche demokratische Partei, genannt der „Freisinn*®, zur praktishen Sozialpolitik über- gegangen ist; selbstverständli nur in Fragen, die gerade nit auf der Tagesordnung ftanden, während den großen Versicherungsgeseben egenüber, welche ahre lang die Gesehgebung beschäftigten, der rei sih ablehnend verhielt. Die deutshfreisinnige „Kieler eitung“, welche dem Professor Liter nahe ftebt, ist so ehrlich, diese

ahlage im Wesentli Sie \{reibt: „Ein Zwie-

i zuzuge ehen.

spalt hat sich vor gar nicht langer Zeit in der freisinnigen Presse abgespielt, als es sich um den rae bdrften Arbeiterschuy Fandelte, Seit der Fusion (Vershmelzung der Fortschrittler und ausgetretenen Nationalliberalen unter dem Namen „Deutshfre:\sinnige“) war das freitändlerishe Element oder, um deutlicher zu sprehen, das Manthesterthum in der Fraktion wesentli verstärkt, und man konnte von freisinniger Seite Reden über Kinderschuß und Frauenarbeit lesen, bei denen jeder Sozialpolitiker trauernd den Kepf s{hütteln mußte. Da zeiate sich eines Tages eine entschiedene Opposition gegen das Manwesterthum in der freisinnigen Partei. Es waren Pâdagogen wie Halben, Mediziner wie Virhow und Möller, Arbeitgeber wie Ludwig Löwe, die jetzt die Anforderungen an einen erhöhten Schu der \{ußbedürftigen Personen für wirthschaftlich berechtigt, politis heilsam und sozial nothwendig erklärten. Dazu kam ein großer Theil der Presse, welcher degr werden muß, daß sie der Fraktion mit gutem Beispiel und oft troß kleinliher Angriffe Seitens der De Lg O tingOn ist. Uns sind die manhesterliben

eden einzelner freifinniger Volksvertreter noG in frishem Ge- tâhtniß. Aber wir erinnern uns auch, daß bald ein Umshwung eintrat, und eia vielgenannter freifinniger Abgeordneter \{rieb, seine Fraktion habe in dieser Frage vor der öffentlißen Meinung kapitulirt.“ Also die Fraktion, welhe vor einiger Zeit in der Arbeitershußfrage kapitulirt hat, ist dieselbe, die von jeher den Arbeitershuß verlangt hat und- der és jeßt der Kaiser nur nahthut F Das erinne:t an „jeden Mann und jeden Groschen“, den man an- geblih s{on bewilligt hatte, als der Reichstag aufgelöst warde, weil die erforderlichen Beröilligungen-.n i ch-t erfolzt waren, Es wäre erheiternd, diesem merkwürdigen Spiel mit Worten zuzuseben, wenn niht zu fürchten wäre, daß denn doch in gewissen Kreisen des Volks der Sinn für s{lichte Wahrheit durh solche Taschenspielerkunststücke untergraben wird.“

Centralblatt für das Deutshe Rei. Herausgegeben im Reichsamt des Innern. Nr. 7. Inhalt: Konsulatweses M nennung; Exequatur-Ertheilungen. Barkwesen: Status der deutshen Notenbanken Ende Januar 1899. Zoll- und Steuer- wesen: Anderweite Bestimmungen über Tranéportkontrole in dem Grenzbezirk der Hauptzollämter Geestemünde, Emden, Leer und Nordhorn; Veränderungen in dem Stande oder den Befugnissen der Zoll- und Steuerstellen. Polizeiwesen: Ausweisung von Aus- ländern aus dem Reichsgebiet.

Centralblatt der Bauverwaltung. Herausgegeben im Mèknisterium der öffentlichen Arbeiten. Nr. 6. Inhalt: Amtliches: Gérihtsbauten in Kattowiß O.-Sch{l. Rd- mischer Seekanal. Sigerung eines Eisentabndammes durch Ent- wässerungsstollen. Kraftversorgurg dur Drudluft in Paris (Schluß). Ueber Profilmaßstäbe. Vermischtes: Messung der Durchb!egung eiserner Brücken. Vorstand des Architektenvereins in Berlin für das Jahr 1890. Preisribter-Gutabten über die W:tt- bewerbung zur Erlangung von Plänen für eine evangelis{e Garnison- firhe in Straßburg i. E. Preisdewverbung für den Neubau einer Turnhalle des Oldenburger Turnerbund:s. Deutsche Gesellschaft zur Beförderung rationeller Malverf2bren in München. Swuß- vorrichtung gegen das Herabftürzen beim Fenstervutzen, Besuch der technischen Hochschulen des Deutsten Reichs.

Sanitäts-, Veterinär- und Quarantänewesen.

Dänemark.

Laut Bekanntmachung des Königlich dänischen Ministeriums des Jnnern vom 29. Januar d. F. ist die Einfuhr von lebenden Shweinen und von rohen Theilen dieser Thiere mit Ausnahme von gesalzenem Speck aus Rußland nach Dänemark verboten worden.

Bezüglich der Einfuhr von lebendem Rindvieh, Schafen und Ziegen und von rohen Theilen dieser Thiere aus Ruß- land nach Dänemark behâlt es bei dem in der Bekanntmachung des Königlich dänischen Ministeriums des Jnnern vom 10. Sep- temberx 1869 enthaltenen Verbot sein Bewenden.

Verkehrs - Anftalten.

Die Post von dem am 15. Januar aus Shanghai abge- gangenen Reichs-Postdampfer „Bayern“ is in Brindisi eingetroffen und gelangt für Berlin voraussihtlich am 17. d. M. Vormittags zur Ausgabe. :

Königsberg i. Pr., 15. Februar. (W. T. B.) Die Schif f|- fahrt ift des anhaltenden Frostes wegen wieder eingeftellt worden.

Hamburg, 15. Februar. (W. T. B.) Der Pôftdampfer „Thuringia“ der Hamburg-Amerikanishen Packetfahrt- Aktiengesellshaft ift, von Hamburg kommend, gestern in St. Thomas eingetroffen.

Theater und Musik. Königliche Schauspiele.

23. Februar lautet: Am Sonntag, den 16,: „Gioconda*; Montas,

Holländer“ ; Mittwow, den 19.: „Othello“; Donnerstag den 20; „Lobengrin“ ; Freitag, den: 21. : „Götterdämmerung*“ ; den 22.: „Die Hugenotten“ ; Sonntag, den 23: „Dihello*. :

Für das Schauspiel: Am Sonntag, den 16. Februar: „König Lear* ; Montag, den 17.: „Der Bibliothekar“; Mienstag, den 18. „Die Quitzow's*; Mittwoch, den 19. : „König Lear®; Donnerstag, ärhentante* ; Freitag, den 21.: „Wilhelm Tell“;

den 20. : „Die f äuber“; Sonntag, den 23.: „Ellen“,

Sonnabend, den 22.: „Die „Der Winkelschreiber*. Königliches Schauspielhaus.

Auf der Königlichen Bühne ging gestern Abend Shakespeare's „König Lear“ neu einstudirt, mit \chônem äußeren Erfolge in Scene. Die große Tragödie der Undankbarkeit hat troß der un- wahrscheinlihen Vorausseßungen, auf welchen die GEatwickelung der Handlung beruht, niemals eine mächtig ergreifende Wirkung verfehlt; dies war auch der Eindruck der gestrigen Vorstellung, namentlich in den beiden leßten Akten, welche denn auch wärmeren, zuweilen stür- mischen Beifall fanden, während dieser dem Trauerspiel in feiner ersten Hälfte nur in geringerem Grade zu Theil wurde.

Der Erfolg des „Lear“ hängt fast . aus\{ließlich von der mehr oder weniger gelungenen Verkörperung der Titelrolle ab, die allein alle Vorgänge verständlih machen kann. Gestern wurde diese Rolle von Hrn. Grube im Ganzen mit \{önem Gelingen dargestellt. Hr. Grube verfügt über eine bedeutsame s{auspielerishe Gewandtheit, welde sich auf einen vornehm denkenden Geist ügt und auch des Ausdrucks tiefen sittlihen Empfindens in hohem Grade fähig ist. Alle diese guten Eigenschaften traten gestern Abend in der Lear-Gestalt kunstgereht zu Tage, und doch konnte dieselbe nit voll befriedigen, weil es dem Künstler an der unentbehrlihen Gluth der Leidenschaft, an der inneren Hoheit und Königlichen Würde gebrah. Die Launenhaftigkeit des Alters bei der Vertheilun des Reichs harakterisirte er mit verständigen Viitteln; der Ausbru ohnmächtiger Wuth und tiefen Schmerzes, als Lear in die Gewitter- naht hinaus\türmt, vermochte dagegen nicht zu ergreifen; eher schon erzielte diesen Gindruck der Waknsinn des Königs auf der öden Haide. Ein Zug der Rührung verklärte das Erwachen des kranken Königs und die Todtenklage um die lieblihe Cordelia. Die Partie des Gdgar spielte Hr. Matkowsky; dos ftand sein von Kampfetlust durh- glühter Held hoh über dem armen klagenden Thoms. Hrn. Ludwig

war die Rolle des Böôsewihts und Intriguanten Edmund zuertheilt; man ift so wenig gewöhnt, den Vertreter edler, liebenswürdiger

Der Spielplan der Oper für die Zeit vom 16. Februar bis A j “5 den 17.: „Aenncen von Tharau“ ; Dienstag, den 18: „Der fliegende B dh

Sonnabend, F