1890 / 59 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

fühlte, daß die Entscheidung nahe; es mate einen wunder- baren Eindru>, als wir in den Feuerpausen die Be- saßung der Boma nah lautem Vorsingen eines Vorbeters zu Allah rufen hörten dies war das erste Mal während unserer Kämpfe, daß wir ein Zeichen von religiösem Fanatismus bei unseren Gegnern konstatirteu. Die An- rifs-Abtheilung hatte unterdessen die Waldlisière erreiht. Die Europäer suchten und fanden eine Oeffnung, die an die Boma führte. Nah dem verabredeten Zeichen stopfte i< das Feuer, und gingen die Sudanesen mit dem Bajonett unter Hurrah vor. Das Feuer in der uns zugelegenen Front der Befestigung hörte auf, ein Zeichen, daß sih die, Angegriffenen alle na< der bedrohten Flanke ‘warfen. Sie erwiderten den Angriffsruf der n E enfalls mit Hurrah und im Walde entspann si< ein heftiges Feuergefeht. Zeßt ging ih au< in der Front vor. Bevor ih jedo< die Höhe erreichte, \{hwieg das intensive Feuer oben und die s{warz- weiß-rothe Flagge erschien auf der Boma, Hornsignale unter- rihteten uns von dem gelungenen Sturme. :

An der genommenen Boma engeren warf ih sofort zwei Sulu-Compagnièt zur Verfolgung dem Feinde nah. n der genommenen Boma war lauter Jubel der siegesreihen

ngriffs-Abtheilung. Die Sudanesen umarmten sich jubelnd, Alle stürzten auf die Europäer zu, um ihnen im Ausdru> ihrer Freude die Hände zu drü>en und zu küsseri. Wir Alle hatten den Eindru>, daß wir mit einer solchen Truppe auch - no< shwierigeren Aufgaben gewachsen seien. i

Die Boma war die stärkste, die ih je sah. Hinter 4 m hohen, starken Pallisaden waren mannshohe Erdde>ungen auf- geworfen, die au< unsern Granaten widerstanden hatten. An den E>en waren reguläre Bastionen erbaut, vor den Pallisaden ein freies Schußfeld von circa 20 m, an das ih ringsherum die dichte, fast undurchdringliche Urwalddschungel anschloß. Das Lager war bede>t mit abgeschossenen Pa- tronen, die bewiesen, daß der Feind hauptsähli< mit Hinterladern bewaffnet gewesen war. Der Feind hatte mit großer Bravour ausgchalten, jeder Baum in der Boma hatte eine große Zahl von Schüssen aufzuweisen. Die Shrapnell- und Granatsplitter lagen überall im Lager umher; Leichen, die man nicht mehr ‘hatte in den Wald s<hleppen können, zeigten Massen von Wunden. / i

Da sich die Urwalddschungel, die von vielen ganz shmalen Gängen durkreuzt, gegen eine halbe Stunde weiter nah Westen erstre>te, blieb der Erfolg der Verfolgung gering. SS ließ sämmtliche Pallisaden niederreißen und zu großen Scheiterhaufen zusammentragen und diese wie die Häuser in der Boma niederbrennen. ; : :

Der soeben beschriebene Kampf ist. der erbittertste, den ih während der Zeit meines Wirkens hier gesührt habe. Es erklärt fih dies aus folgenden Gründen, 4

Bei der ersten kriegerischen Expedition, die ih dur< Süd- Useguhha gehen ließ, war die beschriebene Befestigung „Mlem- bule“ niht gefunden worden. Bwana- Heri hatte dagegen wahrscheinli geglaubt, daß sie uns zu stark gewesen sei, um sie anzugreifen; der Glaube an die Uneinnehmbarkeit hatte sh gesteigert dur< den Ew. Durchlaucht bereits mein abgeshlagenen Angrif\ meiner Truppe am 7. Dezember. Vor acht Jahren hatte Bwana Heri die Truppe des Sultans Said Bargash geschlagen. B wana Heri ist niemals besiegt worden; er erkannte die Oberhoheit des Sultans von Sansibar an, so weit es ihm paßte und erhielt jährli Geschenke vom Sultan. Er hat si< nie Wali, sondern stets Sultan von Useguhha genannt und hat, was besonders merk- würdig ist, während der Zeit des Aufstandes begonnen, eine Art religiöses Band um seine Anhänger zu s{ließen. Aus diefen Gründen hat er au<h wohl meine viermal wiederholte Auffor- derung, mit mir in friedlihe Verhandlungen zu treten, zurü>ge- wiesen. Daß er Saadani nicht halten konnte, begründete er dur<h das große Uebergewiht der Schifssgeshüge, wie überhaupt an der ganzen Küste die Ansicht herrschte, daß wir wohl unter den Geshüßen der Marine oder mit weißen Sol- daten ihnen überlegen seien, aber niht im Land, bis ih dur< die Reise nah Mpwapwa und mehrere Gefechte im Jnnern ihnen diese Hoffnung nahm. Jeßt ist der Glaube an die Un- besiegbarkeit Bwana-Heri's gründlich zerstört man hielt überall Mlembule E unangreifbar und kannte die große und besonders wohlbewaffnete Macht Bwana-Heri's.

Ein Zeichen dafür, wie ergeben die Süd - Waseguhha ihrem Fürsten waren oder wie sie ihn bisher fürchteten, ist der Umstand, daß es so lange Zeit gelang, uns über den Verbleib und die Maßnahmen Bwana - Heri's zu täuschen. Wir erfuhren stets, er treibe sih flüchtig im Lande umher, während er mit großem Fleiß und Geschi> seine Befestigung verstärkte. Außer der Beseßung von Saadani lasse ih die Sólupfwinkel für Dhaus an der Küste dur< stationirte Fahrzeuge beobachten. Die Munition wird Bwana- Heri ziemlih ausgegangen sein. j

(gez.) Wissmann.

Sr. Durchlaucht dem Fürsten von Bismark.

Sansibar, den 28. Januar 1890.

Ew. Durchlaucht melde ih ganz gehorsamst, daß ih mit dem Direktor der deutsch-ostafrikanischen Gesellschaft, HerrnßVohsen, und dem General-Vertreter, Herrn von Saint Paul Jllaire, alle Küstenstationen besuht habe, um die geplanten wirths{aft- lihen Unternehmen der Gesellschaft vorzubereiten, und bei dieser Gelegenheit gleichzeitig Anordnungen zur Ueberwachung des Waffenhandels gegeben habe. 4

Die Gesellschaft beabfichtigt in allen bedeutenderen Küsten- stationen Faktoreien zu errihten, an die größeren Sklaven- besiger und Häuptlinge der Umgegend Samen für Oelfrüchte Ÿ vertheilen und für einen von beiden Theilen festgestellten

reis die Ernten einzukaufen. Es werden für eine ent-

sprechende de U Ernte den Häuptlingen Prämien bezahlt

und bei der auf Mitte Februar zur Feststellung der Preise anberaumten Versammlung Geschenke vertheilt. J< habe der Gesellschaft passende Baupläße für Faktoreien angewiesen und habe zu Mitte Februar die Häuptlinge der Umgegend nah den Stationen berufen. _ Was die Ueberwachung der Waffen anbetrifft, so habe ih folgende Anordnungen erlassen: : „Jeder Besißer eines Vorderladergewehres (Perkussion, Steinsloß oder Lunte) hat ers Erlaubniß, das Gewehr zu tragen, wenn dasselbe von der Station des betreffenden Be- zirks abgestempelt ift. Nach Ablauf von drei Monaten kann jedes ungestempelte Gewehr konfiszirt werden. Sämmtliche Hinterlader sind verboten. Die Besitzer haben diese Waffen nah den Stationen zu bringen, wo sie für das abzuliefernde Gewehr den Werth desselben in Geld oder in Perkussions-

waffen erhalten. Nah Ablauf von drei Monaten ist jeder PAE es zu toifätiren und der Besißer eventuell mit eld- oder Freiheitsstrafen zu belegen. Es darf kein Hinter- ladergewehr an der Küste eingeführt, wohl aber ausgeführt werden. Jh habe das Kaiserlihe Konsulat ersucht, den Deutschen in Sansibar zu verbieten, Hinterlader zu verkaufen oder zu vershenken. Jeder ins Jnnere gehende Europäer hat an der Küstenstation, von der er ins Fnnere zu gehen beabsichtigt, eine Kaution zu hinterlegen, die ihm, wenn er die Waffe wieder zurü>bringt, zurückgezahlt wird. Der eng- lische General-Konsul hat mir versprochen, bei indischen Händ- lern in Sansibar, die nur no< mit Hinterladern handeln, Haussuhungen anzustellen, und hat mir ferner erklärt, daß er jeden englishen Unterthan, dem ih Handel mit Hintecladern oder Hinterladermunition nachweisen könne, strengstens bestrafen werde. Da ich die ins Jnnere gehenden Karawanen selbst mit Waffen und Munition versorge, so bin ih in der Lage, die Preise für beide so hoch als möglih zu stellen und verkaufe nur das mir im Verhältniß zur Länge der Reise nothwendig Erscheinende. J habe mich mit dem englischen General-Konsul über alle diese Punkte ausgesprochen, damit die englisch-ostafrikanishe Gesellschaft analog handelt, und ist es sein wohlbere<tigtec Wunsch, daß au< in Witu gleiche Maßnahmen getroffen werden. Der englische General-Konsul ist stets bereit, mi bei den vorgeshlagenen Maßnahmen gegen Basienhanden Sklavenausfuhr und den s{hädlihen Einfluß der Araber überhaupt zu unterstüßen. :

Auf meiner Jnspektionsreise fand ih in Tanga Alles in bester Ordnung. : j

In Pangani stellte ih die Expedition nah Usambara unter dem Kommando des Chef Dr. Schmidt zusammen. Dieselbe wird Hrn. Ehlers mit den Geschenken Sr. Majestät des Kaisers bis zu Simbodja begleiten. i

Die Einwohner von Kipumbwe haben von den ihnen auferlegten 1000 Rupien Strafzahlung für Ausplündern einer Dhau bereits 600 Rupicn entrichtet und erhalten auf An- suchen einen Militärposten und damit die Erlaubniß des An- legens von Fahrzeugen. Jn Mkwadja und Saadani war von Patrouillen sestgestellt, daß si<h Buwana - Heri weiter ins Jüinere gezogen habe. Es liefen die Meldungen ein, daß Bwana-Heri's Sohn, Abdallah, s{hwer verwundet, und daß Jehasi, der unermüdlihe, man könnte fast sagen, Generaîistabs-Offizi-r früher Buschiri's, jegt Bwana - Heri's, wahnsinnig und in Ketten gelegt sei. Bwana-Heri's Verluste bei Mlembule sollen shwere gewesen sein. i

Von Bagamoyo aus fandte i< Chef Freiherrn von Gravenreuth mit einer Compagnie nah Nordwesten, um über den Aufenthalt und die Maßnahmen Bwana- Heri's Aufkiärung zu erhalten und eventuell dur< Eingeborene verstärkt, ihn aber- mals anzugreifen, wenn möglihaufzuheben. Bwana-Heri hat seit dem Gefechte bei Mlembule viel Anhang verloren und wird es keine Schwierigkeiten haben, 500 und mehr Eingeborene gegen ihn aufzubieten. Der Kommandant des Postens in Bweni hat dèn Chef einer kleinen Räuberbande, die, unseren Schußbrief mißbrauchend, Wasaramodörfer ausgeplündert hatte, ergriffen und standrechilih mit dem Tode bestraft. A

Jn Dar-es-Salaam traf Nachricht ein, daß die Eingebore- nen am Rufigji se<s an der Küste Sklaven jagende Araber aus Kilwa ceitägen haben. /

(aez.) Wissmann.

Sr. Durchlaucht dem Fürsten von Biswar>.

Zur Berliner Arbeiters<ub-Konferenz meldet W. T. B.“ aus Amsterdam, 5. März: :

„Snyder van Wissenkerke, Ministerial-NRath im Justiz-Ministerium, wird voraussihtli<h zum Vertreter der Niederlande auf der Berliner Konferenz ernannt wzrden.“

Die soeben erschienene, im Reichsamt des JFnnern R eas „Amtliche Liste der Schiffe der deut- <henKriegs- und Handels-Marine mit ihren Unter- scheidungs-Signalen für 1890“ bildet einen Anhang zu dem amtlihen Werk, welches in erster Auflage unter dem Titel „Signalbu<h für die Kauffahrteischiffe aller Nationen“ 1870 und in zweiter Auflage unter dem Titel „Jnternationales Signalbuch“ 1884 herausgegeben ist. i A

Das Signalbuh gewährt den Schiffen die Möglichkeit, dur Signale si zu erkennen zu geben und sonstige Vit- theilungen unter einander sowie mit Signalstationen au dann auszutauschen, wenn die signalisirenden Theile verschie- dener Sprachen si bedienen. / /

Zu diesem Zwe> enthält das Signalbuch eine große An- zahl Towohl volljtändiger Säge, als au<h zur Verbindung mit einander geeigneter Saßtheile, einzelner Wörter, Namen, Silben, Buchstaben und Zahlen, welche dur Gruppen von je 2, 3 oder 4 der 18 Signalbuchiiaben B, C, D, F, G, B, J, K, L, M, N, E, Q, R, S, V Und Wi bezeichnet sind. Solcher Gruppen, deren jede anders geordnete oder andere Buchstaben enthält als alle übrigen, giebt es 306 von je 2 Signalbuchstaben (BC, BD, BF, BG 2c. bis WV), 4896 von je 3 Signalbuchstaben (BCD, BCF, BCG, BCH 2c. bis WVT) und 73440 von je 4 Signalbu<hstaben (BCDF, BCDG, BCDE, BOCDJ 2c. bis WVTS).

Alle 306 Gruppen von 2 Signalbuchstaben, alle 4896 Gruppen von 3 Signalbuchstaben und von den Gruppen von 4 Signalbuchstaben die ersten 18960 (BCDF bis GPWV) dienen zur Bezeihnung der in das Signalbuch aufgenommenen Säte, Sagtheile, Wörter u. \. w. i

Von den übrigen Gruppen von 4 Signalbuchstaben sind die 1440 Gruppen von GQBC bis GWVT zur Bezeihnung der Schiffe der Kriegs-Marinen und die legten 53040 Gruppen von HBCD bis W VTS zur Bezeihnung der Schisse der Handels- Marinen in der Art bestimwt, daß jedem Kriegs- und be- iehungsweise Kauffahrleischiffe eins dieser (1440 4+ 53040 =)

80 Signale als Unterscheidungs: Signal zuzutheilen ist.

Jedem Staat stehen alle Unterschcidungs-Signale Behufs Vertheilung auf die Schiffe seiner Flagge zur Verfügung. Schiffe von verschiedenen Flaggen führen daher vielfach N Unterscheidungs-Signal, Schiffe unter derselben Flagge niemals.

Die Vertheilung der Unterscheidungs:Signale auf die einzelnen Schiffe wird durch die zuständigen Behörden bewirkt. Jedem deutshen Kauffahrteishisffe wird gleih bei der Ein- tragung in das Schiffsregister ein solhes Unterscheidungs- Signal zugetheilt und in seinem Schiffs-:Certifikate vermerkt. So lange das Schiff unter deutsher Flagge fährt, behält es dieses Untersheidungs-Signal au<h beim Wechsel seines Heimathhafens oder seiner Registerbehörde unverändert bei.

Die nah der systematishen Reihenfolge der Unterschei- dungs-Signale geordnete Liste ergiebt, welhe Unterscheidungs-

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ignale den einzelnen Schiffen der deutschen Kriegs- und Soabels-Marine beigelegt sind. :

Für die Schiffe anderer Staaten, welche das Signalbuch ebenfalls angenommen haben, sind ähnliche Listen vorhanden.

Die Art und Weise, wie die Untersheidungs-Signale zu siznalisiren sind, ergiebt si< aus dem in dem Signalbu enthaltenen Abschnitt über „Einrihtung und Gebrau des Signalbuches“. Will ein Schiff si< einem anderen Schiffe, einer Signalstation u. \. w. zu erkennen geben, so muß es außer seinem Unterscheidungs-Signal stets auch seine National- Flagge zeigen, da; wie erwähnt, Schiffe verschiedener Flaggen vielsah dasselbe Unterscheidungs-Signal führen. j

Ein Schiff, wel&es das Unterscheidungs:Signal eines anderen Schiffes wahrnimnit, kann i Namen, Heimath- hafen, Ladungsfähigkeit und Dampfkraft aus der Liste sofort ersehen. Besitt es die Lisle nicht, so wird es si< Behufs späterer Feststellung oder Weitermeldung die Nationalität und das Unterscheidungs-Signal zu merken haben. :

E n ersheinen neue Ausgaben dieser Schiffsliste und im Laufe jedes Jahres drei Nachträge zu derselben.

Se. Durthlaulht der Prinz Albert zu Sachsen - Altenburg, General-Major und Commandeur der 3. Gardz- Kavallerie-Brigade, hat sih mit kurzem Urlaub nah Düssel- dorf begeben:

S. M. Kreuzer „Habicht“, Kommandant Korvetten- Kapitän Burich, ist am 4. März in Kapstadt angekommen.

Jn der Ersten Beilage zur heutigen Nummer des „Reihs- und Staats-Anzeigers“ wird eine Uebersicht der u>ermengen, welche in der Zeit. vom 16. bis 28. Februar 1890 innerhalb des deutschen Zollgebiets mit dem Anspruch auf Steuervergütung abgefertigt und aus Niederlagen gegen Erstattung der Vergütung in den freien Verkehr zurü>gebracht worde sind, veröffentlicht.

Bayern. München, 5. März. Se. Königliche Hoheit der Prinz-Regent hat genehmigt, daß das diesjährige Hauptfest des Georgs-Ritter-Ordens am 23. April statizufinden habe, womit auch ein Rittershlag verbunden sein wird. Als Kandidaten werden, der „Allg. Ztg.“ zufolge, jeßt {hon genannt: Erbprinz und Altgraf Alfred, Sohn des Fürsten Leopo!d zu Salm-Reifferscheidt:Krauthéim und Dy, sowie Graf Joseph, Sohn des Fürsten Franz von Waldburg- Wolfsegg-Waldsee.

Jhre Durchlauchten Fürs Georg Victor zu Walde >- Pyrmont und Fürstin Helene mit Gefolge sind heute früh mit dem Jngolstädter Schnellzuge hier eingetroffen und nah im Königssalon des Centralbahnhofes eingenommenem Frühstü> nah Verona weitergereist. :

Staats - Minister Dr. Freiherr von Lug ifi nunmehr wieder so weit hergestellt, daß er den Tag über außer Bett zubringen kann.

Sachsen. Dresden, 5. März. Das „Dresd. Journ.“ meldet: Die Abreise Jhrer Majestät der Königin nah Nervi wird morgen Abend 7 Uhr 16 Minuten mit dem fahr- planmäßigen Zuge über Leipzig, Frankfurt a. M., Basel, Luzern, Mailand erfolgen. Jn der Allerhöchsten Begleitung werden sih befinden: die Hofdamen Gräfin Einsiedel und Freiin von Miltiß, der Ober- Hofmeister Geheimer Rath von Wabtdorf und der Königliche Leibarzt, Geheimer Medizinal: Rath Dr. Fiedler. Alle offizielle Begrüßung bei dieser Reise wird dankend abgelehnt. |

Beide Kammern hielten heute Sißzungen ab. Die Erste Kammer wählte zunächst die Rechtsanwälte Justiz- Räthe Oehme in Leipzig und Dr. Stein I. in Dresden, sowie den Ober-Landesgerichtssenats-Präsidenten a. D. No ßky zu Mitgliedern des Staatsgerichtshoss, den Rechts- anwalt Justiz-Rath von Schütz in Dresden und den Landgerichts - Präsidenten von Mangoldt in Zwickau zu Stellvertretern derselben. Alsdann wurde na< einer kurzen geschäftlichen Debatte der bisherige erste Stellvertreter Peltg als Mitglied des Landtagsausschusses zur Ver- waltung der Staatsschulden einstimmig ernannt und der Bürgermeister Beutler als zweiter Stellvertreter in diesen Ausschuß gewählt. Die Zweite Kammer erledigte den Bericht der Rechenschaftsdeputation über den Rechenscha fts- beriht auf die Finanzperiode 188/87, foweit der- selve den Etat der Zuschüsse und den außerordentlichen Staatshaushalts-Etat betrifft. Nachdem der Abg. Matthes erneut die Hebung der inländishen Pferdezuht durch möglihsten Ankauf der Militärpserde im Lande be- fürwortet hatte, bes<hloß die Kammer einstimmig, der Königlichen Staatsregierung wegen dec Verwaltung der Staatsfinanzen in der Finanzperiode 1886/87, au<h insoweit diese sih auf den Etat der Zuschüsse und den außerordent- lihen Staatshaushalts-Etat bezieht, Entlastung zu ertheilen. Weiter erklärte si< die Kammer dur<h den Bericht über die Verwaltung und Vermehrung der Königlichen E far Kunst und Wissenschaft für be- riedigt.

Württemberg. Stuttgart, 5. März, Zu dem mor- gigen Geburtstage Sr. Majestät des Königs Karl bringt der „Staats-Anzeiger f. W.“ folgenden Artikel:

Mit besonderer Freude \{<i>t si< heuer unser württembe1gisches Volk und vor Allem die Haupt- und Residenzstadt Stuttgart an, tas Alierhôöd;ste Geburtsfes Sr. Majestät des Königs zu begehen.

Wird uns doch in die'em Jahre das Glü>k zu Theil, an diesem vatcrländishen Fest- und Freudentage ècn geliebten Landesvater und Sei e Hohe Gemablin in unserer Mitte zu wissen, nahdem so manches Fahr zuvor Se. Majestät um Seiner leidenden Gesundheit willen genöthizt war, unseren rauhen Winterhimmei mit einem milderen Aufenthalt zu vertauschen. : i

Freilich ist aub in jüngstverflossener Zeit die Sorge um das Wohlbefinden Sr. Majestät nicht von uns genommen gewesen; wir haben mit Betrübniß hören müssen, daß die \{<iimme Krankheit, die so viel Tausende in diesem Winter befallen, auh an unserem Königs- hause nit vorübergegangen ist ; aber wir dürfen do< heute mit innigem Danke gegen Gott uns freuen, daß Se. Majestät ohne ernstere Gefährdung Seiner theuren Gesundheit den beimathlihen Winter überstanden und au< ter heftige Krankheitsanfall, der Ihre Majestät die Königin befiel. sh zum Befsern gewendet hat.

No( klingt in unser aller Herzen die unvergleihliG s{<öne Feft-

zeit na, in wel<her wir im verflossenen Sommer das fünfundzwanzig- jährige Regierungs- Jubiläum Sr. Majestät begangen haben. Da durste die Liebe und Treue zwischen Fürst und Volk im Festgewande si zeigen und ihren sprihwörtlihen Ruhm vor einer erlauhten Ver- fammlung von Kaiserlichen und Königlichen Gästen erneuern.

Diese Liebe und Treue ist kieselbe geblieben, nahdem wir wieder ins Alltagéleben zurückaekehrt, und sie hat sih in den Herzen der Unterthanen nur aufs Neue bekräftigen können, nahdem wir au im jüngsten Jahre der Regierung Sr. Majestät so unendlich viele Be-

weise treuer landesväterliher Fürsorge und edelsten Wohlwollens für

alle Glieder des Vaterlandes vom Throne haben ausgel.en sehen.

Und so begehen wir denn den morgigen hohen Festtag wiederum mit freudigem Herzen und rihten unsere Gebete zum Allgütigen, Mo er uns das theuere Leben vnsercs in Ehrfurht geliebten Königs no viele, viele Jahre erbalten möge!

Aus Anlaß des Geburtsfestes Sr. Majestät sind zahlreiche Verleihungen von Orden und Titeln erfolgt, welche das amtliche Blatt zur Veröffentlichung bringt. Ferner !ent-

[t der heutige „St.-A.“ eine Verfügung des Ministeriums des

irhen- und Schulwesens, wona der König genehmigt hat, daß die Thierarzneishule in Stuttgart künftig die Benennung Königliche Thierärzilihe Hohshule zu führen habe. _ „Damit“, so beißt es in der Erläuterung, „tritt unsere vater- ländishe Thierarzncishule in die Reihe derjenigen deutschen Lehr- anstalten jür Thierheilkunde ein, wel>e den Titel „Thierärztliche Hochschulen“ führen. Mit Rüclsicht avf die vorgeshrittene Entwi>- lung und die wissenf<aftlihe Bedeutung der heutigen Thiermedizin ist den Königlih preußis>en Thierarzneishulen in Berlin und Han- nover dur<h Allerhöchften Erlaß vom 20. Juni 1887 die Bezeich- nung_„Thierärztliche Hochschule* beigelegi worden. Dasselbe wurde im Juni 1889 von der Königlich sä<sis{en Regierung für die Thierarzneishule in Dreéden verfügt. Nach diesen Vorgängen erschien es angemessen, entsprehend einem dringenden Wunsch der be- theiligten Kreise au ber Thierarzneishule in Stuttgart, wel<e seit ihrer Gründung (1821) allen Fortschritten auf dem Gebiete der thicrärztlihen Wissenschaft und des thierärztlihen Unterrichts gefolgt ist, dieselbe Benennung beizulegen, welhe die genannten Anstalten führen. In der besteßenden Organisation der thierärztlihen Hoch- \cule, wel<e hon bisher dem Ministerium des Kirhen- und Schul- tvesens unmittelbar untersteltt war, sowie in den übrigen Verhältnissen derselben tritt eine Aenderung nicht cin.“

Heffen. Darmstadt, 5. März. (Darmst. Ztg.) Die Zweite Kammer hat heute den Gesetentwurf, betreffend die Gehalte der Volksschullehrer, wonah die Lehrer nah fünfjähriger Diensizeit 1000 #(# und nah fünfund- zwanzigjähriger 1600 (6 erhalten, mit allen gegen eine Stimme angenommen.

Sachsen - Weimar - Eisenah. Weimar, ö. März. (Weim. Ztg.) Der Landtag überwies in feiner gestrigen Sigzung den Entwurf eines Nachtrags zum Geseg über die Anlegung vormundschaftliher und zu öffentlichen Depositen gehöriger Gelder dem Ausschusse für Rechtsgeseßgebung, und den Antrag auf Beschaffung von Räumen für die Zwelke ciner stationären Ohrenklinik zu Jena an den Finanzauss{huß. -

Anhalt. Dessau, 4. März. (St.-A. f. A.) Jn der heutigen Sißung des Landtages wurde die Vorlage, betreffend die eräußerungen fiskalisher Grundstü>ke, in zweiter Lesung ohne Debatte angenommen. Die Petition des Gemeinderaths der Stadt Oranienbœum wegen Er- langung einer .Eisenbahnverbindung wurde, ent- sprechend dem Antrage der Kommission, der Regierung zur Erwägung überwiesen und zuglei<h ein Antrag des Abg. Dr. Fun> angenommen, wona<h die Staats- regierung versuchen möge, dur< Verhandlungen mit dem Preußischen Eisenbahn-Minister die Bahnverbindung zu er- reichen und, falls solche Verhandlungen \cheiterten, die Staats- regierung ermächtigt sein soll, zu den Kosten der Seitens der e zu bew'rkenden Vorarbeiten die Hälfte bis zum

¿trage von 3000 F beizutragen.

_ Elsaß-Lothringen. Straßburg, 4. März. Der Landesausschuß erledigte in seiner heutigen Sißung den Etat der Landwirthschaft. Eine längere Debaite ent- spann sih nur über die Gestüts verwaltung.

Meßt, 4. März. (Straßb. Post.) Der Gemeinderath nahm heute folgende, an die Adresse der lothringishen Ab- geordneten gerichtete Resolution einstimmig an:

__ In Eiwägung, daß die elsaß-lothringishen Kanäle nit die gleide Tiefe haben wie die Karäle der angrenzenden Staaten, daß de8halb die volle Auênußzung der bercits existirenden und in Zukurft no< zu erwartenden Wasserstrafen nit möglih ist, taß auch Lothringen und défsen Hauptstadt hierdur< wirthscaftli< benach- theiligt werden, bezei<net cs der Gemeinderath der Stadt Mey als w üns<hens8werth, daß der Antrag Va>k und Genoffen, welcher die Vertiefung der elsaß-lothringishen Kanäle bezwe>t, im Landes8ausscusse zum Beschluß erhoben werden möge.

Großbritannien und Jrland. London, 5. März. (A. C.) Die Königin kam gestern, troß der strengen Kälte, von Windsor nah London und besichtigte die Tudor-Ausstel- lung. Heute hält Jhre Majestät im Buingham- Palast den ersten Damenempsang in dieser Saison ab. Die Königin hat den General Sir Daniel Lysons zum Nachfolger des verstorbenen Feldmarschalls Napier von Magdala als Constable des Tower ernannt. “Einer Depesche aus Malta zufolge segelte das britische Avisoboot „Surprise“, mit dem Großherzog von Hessen und den Prinzessinnen Victoria, Jrene (Prinzessin Heinrich von Preußen) und Alix an Bord, am 3. d. M. von dort nah Neapel ab. i i Be 5. März. (W. T. B.) Der hiesige Gesandte der Vereinigten Staaten, Abraham Lincoln, ist gestorben. Bei der gestern stattgehabten Ersaß wahl zum Unter- hause im Londoner Wahlbezirk Nord-St.-Pancras wurde an Stelle von Cochrane, welher zum Peer aufrücte, der Gladstonianer Bolton mit 2657 Stimmen gewählt. Der konservative Gegenkandidat Graham erhielt 2549 Stimmen.

Die Anhänger Gladstone's haben damit einen neuen Siy gewonnen.

Frankreih. Paris, 5. März. (W. T. B) Jn Regierungskreisen wird der morgigen Kammerdebatte, betreffend die Jnterpellation über die Berliner Arbeiterkonferenz, niht ohne Besorgniß entgegen-

esehen; es i}! indessen zweifellos, daß die republikanische Mehrheit nicht beabsichtigt, das Kabinet wegen seiner Haltung in dieser Angelegenheit zu stürzen. Eine eventuelle Krise würde vielmehr anderen, in den leßten Tagen in Erscheinung getretenen Umständen zuzuschreiben sein.

_Jn sonst gut unterrichteten Kreisen verlautet, daß der Minister-Präsident Tirard nah der morgigen Kammersizun aus Gesundheitsrücsihten einen längeren Urlau nehmen und im Verlaufe desselben dem Präsidenten Carnot brieflih seine Demission einreichen werde.

Jtalien. Rom, 5 März. (W. T. B.) Nach offizieller

Feststellung übersteigen die Steuereinnahmen vom 1. Juli

39 bis zum 28. Februar d. J. die Steuereinnahmen der gleichen Periode des Vorjahres um 381/4 Millionen.

1

* Pensionsgesetzes . vom 27. März 1872.

Schweiz. Bern, 5. März. Aus den Bundesraths- sibungen vom 28. Februar und 4. März theilt der „Bund“ olgendes mit: Mit Note vom 17. Februar zeigt das König- lich niederländische General-Konjulat in Zürih an, daß seine Regierung beschlossen habe, vom 1. Juni laufenden Jahres an für ihre Kolonien Surinam und Curaçao der internationalen Uebereinkunft vom 20. März 1883, betreffend Schuß des gewerblichen Eigenthums, bei- zutreten. Der Bundesrath hat von dieser Beitrittserklärung Vermerk| genommen und sie den übrigen Vertragsstaaten zur Kenntniß E nämlich: den Vereinigten Staaten Amerikas, Belgien, Brafilien, d Großbritannien, Guatemala, Jtalien, Norwegen, Portugal, Serbien, Spanien, Schweden und Tunis.

gn Sachen der Postsparkassen hat der Bundes- rath beshlossen: „1) Das Finanz - Departement wird einge- laden, dem Bundesrath Bericht und Antrag darüber zu hinter- bringen, ob auf die Einrichtung einer eidgenössishen Postspar- kasse eingetreten werden und bejahendenfalls, in welcher Weise dieje Einrichtung getroffen werden solle. 2) Dem Post-Depar- tement wird aufgetragen, die Frage zu prüfen, ob die Post: taxen im Verkehr mit den Sparkassen ermäßigt, und weiter zu untersuchen, ob noch andere Ecleichterungen im Verkehr mit den Sparkassen eingeführt werden sollen.“

__ Gestern Nachmittag konferirten im Bundesrathhause die Herren Bundesräthe Deucher, Vorsteher des Justiz- Departements, und Dr oz, Chef des Departements des Aeußern, mit Herrn Landammann Blumer in Sachen der Berliner Arbeitershuß-Konferenz.

Die Einnahmen der Zollverwaltung betrugen im Monat Februar 2291 853,80 Fr. oder 404 237,65 Fr. mehr als in demselben Monat des Vorjahres. Die Einnahmen der beiden ersten Monate des laufenden Jahres beziffern si<h nun auf 4 280 549,91 Fr. oder 584 645,59 Fr. mehr als in dem nämlichen Zeitraum des Jahres 1889, Es is} dies, bemerkt der „Bund“, ein überraschendes Resultat, da man allgemein gegenüber den {hon sehr hohen Zolleinnahmen des legten Jahres keine weiteren Mehreinnahmen erwartete.

Afrika. Sansibar. Einer Meldung des „Reuter'schen Bureaus“ aus Sansibar vom 5. März zufolge, wird Emin Pascha noch einige Tage dort verbleiben. Er erwarte die Befehle des Khediw2 und werde dann auf kurze Zeit nah Bagamoyo zurü>xkehren. Ende dieses Monats gedenke Emin nach Europa abzusegeln. Sein Gesundheitszustand sei no< s<wa<. Während seines Aufenthalts in Sansibar ist Emin Gast des Sultans.

Wie englishe Zeitungen dagegen aus Sansibar berichten, verlautet dort, daß Emin Pascha niht nah Kairo gehen, sondern Major Wissmann's Expedition in das Jnnere begleiten werde.

Der Stationsarzt von Bagamoyo, Dr. Brehme, hat, der „Nat.-Ztg.“ zufolge, an einen befreundeten Arzt in der Gegend von Saarbrücken eine Postkarte, datirt Sansibar, 3. Februar, gerichtet, worin es heißt :

Ich habe ein Doppellazareth, für Guropäer und für s{rarze Soldaten, zu leiten und ärztlich gerade genug zu thun, besonders die leßten zwei Monate, wo Dr. Emin Pascha hier unter meiner Behandlung lag. Wir baben den kühnen Pionier der Kultur und Wissenschaft wiederhergestellt, obshon er cinen s<weren Schädelbru<h, zwei Rippenbrüche und eine Hüft- verftauhung bei feinem Falle aus tem Fenster erlitten hatte. Emin ist seit vier Tagen so tocit wiederhergestellt, daß er fein eigenes Haus beziehen konnte; er bleibt no< einige Zeit hier,

Transvaal. Nach einer Meldung des „Reuter'schen Bureaus“ aus Johannesburg vom 5. März war der Präsident Krüger am Tage vorher dort eingetroffen. Jn einer Ansprache an die Bewohner wurde derselbe häufig von einer feindlih gesinnten Volksmenge unterbrochen. Abends fanden auf dem Marktplay Demonstrationen gegen die Regierung stait, wobei die Transvaalflagge von dem Regie- rungsgebäude heruntergerissen und vernichtet wurde.

Parlamentarische Nachrichten.

Auf der Tagesordnung der am Freitag, den 7. März 1890, Vormittags 11 Uhr, stattfindenden 22. Plenar- sißung ides Hauses der Pa stehen folgende Gegenstände: Erste und zweite Berathung des Geseßentwurfs, betreffend Abänderungen der geseßlichen Bestimmungen über die Zuständigkeiten des Ministers der öffentlichen Arbeiten und des Ministers für Handel und Gewerbe. Fortseßung der weiten Berathung des Entwurfs des Staatshaushalts-Etats für 1890/91 und zwar: a. Justizverwaltung, b. Staatsschulden- verwaltung. Zweite Berathung des Gesegentwufs Behufs Abän- derung des Gesetzes vom 6. Juni 1888, betreffend die Verbesserung der Oder und der Spree 2c. Zweite Berathung des Geseb- entwurfs, betreffend die Abänderung des $8. 19 Absay 1 des Zweite Berathung des Geseßentwurfs, betreffend die Abänderung des $. 11 des Gesezes über die Pensionirung der Lehrer und Lehrerinnen an den öffentliGßen Volks\shulen vom 6. Juli 1885. Zweite Berathung des Entwurfs einer Haubergordnung für den Kreis Altenkirchen.

Dem Hause der Abgeordneten ist zu der zweiten Berathung des Etats der Berg-, Hütten- und Salinenverwal- tung der nahstehende Antrag des Abg. Schul y (Lupiß) zu- gegangen : :

Das Haus der Abgcordneten wolle besc;ließen : | j

Die Königli!:e Staatsregierung aufzufordern, für die Siche- rung der deuishen Kalilagerstätten vor Wassersgefahr nöthigenfalls auf gesetgeberishem Wege Sorge zu tragen. @ s

In dem Hause der Abgeordneten ist der nah-

stehende Antrag des Abg. Ri>ert eingebracht worden : Das Haus der Abgeordneten wolle beschließen : 5

Die Königliche Staatsregierung zu ersuhen, dem Landtage elnen Gesetzentwurf vorzulegen, dur< wel<hen der Beginn und das Ende der Shulpflicht für den preußishenStaat glei h- mäßig geregelt wird, und bei diejer Gelegenheit in Erwägung zu zichen, ob ni<t dcr Anfangspunkt des obligatorischen Schulunter- rihts hinauszuschieben sei.

Ergebnisse der Stichwahlen.

Es sind heute noch folgende Ergebnisse der Stihwahlen nah „W. T. B.“ zu melden :

Reg .-Bez. Hannover. 12, Göttingen.

von Olenhuse (Welfe). P

Reg. Bez. Hannovec. 13, Bar. ; A E Wolershausen (Welke). Goslar. Freiherr von Minnigerode

Reg.-Bez. Hannover. 19. Geestemünde. Gebhard (natl.). Reg.-Bez. Koblenz. 1. Wetlar. Kraemer p C i

Reg.-Bez. Arnsberg. 7. : : (Gentr.). ? erg Hamm-Soest. von Schorlemer - Alt

Württemberg. 12, Krailcheim. Georg Pflüger (Demokrat). Baden. Wahlkreis 5. Feeiburg. Bei der ger (Ee Sticiwabl

iede arbe (Centr.) mit 12650 St. gewählt gegen Horst (natl.)

Hessen. 6. Bensheim-Erba<h. Scipio (natl.). Sachsen-Meiningen. 2. Sonneberg. Bitts fes). Ankalt. 2, Bernburg. Oechelhäuser (natl.). Sc{warzburg-Sondershausen. Dr. Pieschel (natl.).

Bis jegt liegen die Ergebnisse von 145 Stihwahlen vor. In diesen sind gewählt worden 20 Honfervate 2 Reis: partei , 26 Nationalliberale, 16 Centrum, 45 Freisinnige 15 Sozialdemokraten, 7 Volkspartei, 9 Welfen, 2 Polen. / Jnsgesammt liegen die Resultate von 395 Wahlen vor: Jn diesen sind gewählt : 76 Konservative, 21 Reichspartei, 43 Nationalliberale, 106 Centrum,-- 67 Freisinnige, 39 Sozialdemokraten, 9 Volkspartei, 11 Welfen, 1 Däne, 16 Polen, 10 Elsässer.

Zeitungsftimmenu.

Das Wahlergebniß giebt dem „Chemnitzer Tage- blatt“ Veranlassung zu folgenden Betrachtungen: g

„Den besten Beweis für die politis<he Unreife und Urtheils- losigkeit der großen Massen bildet die Thatsache der Wahlagitation. Dena wären die Wähler in ihrer überwiegenden Mehrheit zu einem reifen politisden Urtheil hindur{<gedrungen und hätten die einzelnen Parteien die Ueberzeugung davon, daß dem fo sei, so würden Wahl- agitationen keinen Erfolg versprewen und deshalb in cinem weit geringeren Maße betricben werden, als es gegenwärtig geschieht. Leute von gereistem politischen Urtheil werden si<h dur< Wabhlreden, Flugblätter und Zeitungsartikfel von ihrer cinmal gewonnenen politi- \<en Ueberzeugung niht abbringen lassen, wohl aber wird man dur diese Mittel auf solche bestimmend einwirken, deren politisches Berfsländniß ein mehr oder weniger geringes ist. Die Thatsache der Wablagitation stellt sich demna< als ein Armuthszeugniß für die - großen Massen der Wähler heraus; und je heftiger eine Partei diese Agitation bcireibt, deïto mehr bekundet fie dadur, daß sie wenig Vertrauen zu der Urtheilsfähigkeit der Wähler hat. Und deshalb hat der Verfasser einer Berliner Zuschrift des „Pester Lloyd* nicht Unrecht, wenn er behauptet, daß politische Ideale, bestimmte Ansprüte an die Gescßgebung, bewußtes Wollen unter dem freiesten, aber noh jengen Wablrecht in vielen Wählerkreisen des Deutschen Reichs weit wenigeè- wirkiam find, als die mecanis<e Güte dcs Wahlapparats.

„Die sozialistis<e Arbeiterpartei*, heißt es in jener Zuschrift, „hat, mit reihen Geldmitteln ausgestattet. diesmal viellciht mehr Agita- toren, wel<e die höchst wirtsame Beeinflussung von Mund zu Mund betreiben, in Sold gehabt, als alle anderen Parteien zusammengenommen. Hiermit wurde Alles überreihlih ausgeglichen, was andere Parteien etwa an Ueberzahßl von Beruféparlamentariern, an Einfluß in der Presse u, \ w., zumal bei den sozialdemoëratishen Werbern meistens Geschäft und starke innere Begeisterung für die Sache eng verburten find, Mir ist die VBauernshast manchen Dorfes bier in der Mark ziemlich genau bekannt, das jeyt 50, 100 fozial- demokratishe Stimmzettel zur höchlihen Ueberrashung des Amts- vorstchers geliefert hat. Würde man die Leute katehisiren, in wel<hem Sinne sie eigentli gewählt haben, man müßte erstaunen über die gän(li<e Unbekanntschaft mit den sozialdemokratishen Zielen. Die MWablarbeit der Sozialdemokraten ist no< niemals so extensiv und intensiv zu gleiher Zeit gewesen, als gegenwärtig, und die Kandidaten von Parteien, welche viel a»f äußeren Anstand und Vornehmheit geben, werden si< künftig zu direkterer Berührung mit den unteren Hunderttausend bequemen müssen,“

Die Mahnung, welche in dzm leßten Saße ausgesprochen ift, gerdient sicherli beherzigt zu werden Wir erfreuen uns im Deutschen Reich des freiesten Wahlre<hts, das es giebt, und wir wollen durchaus nit, daß dasselbe irgendwie eingeshränkt werde, so oft auh dec Wunsch, daß di:s ges{ezen möge, re<t nahe herantritt. Wir wünschen aber, daß die Erkenutniß von den mit diesem freiesten Wakblreht verbundenen großen Gefahren immer weitere Kreise erfasse und sie zu der Einsicht bringe, daß diese Gefahren nur beseitigt werden können, wenn die Edelsten und Besten belehrend und bildend auf ihre Mitbürger einzuwirken suchen dadur, daß sie si<h in leben- digen Verkehr auch mit dem s{lihtesten Manne setzen.“

Das Wahlresultat wird von der „Kölnischen Zei- tung“, wie folgt, charakterisirt :

„Als cin Reichstag ohne Mehrheit kann der neugen äßlte wohl bezeichnet werden. Ec wird nah den noch nicht ganz vollständig vorliegenden Nachrichten bestehen ungefähr aus 68 Konservativen, 94 Kreikonservativen, 40 Nationalliberalen, 70 Deuts<freisinnigen, 10 Demokraten, 36 Sozialdemokraten, 106 Ultramontanen, 10 Wel- fen, 16 Polen und etlihen Elsässern, Antisemiten, Dänen, Wilden. Daraus ergiebt sich, daß zwar die bisherige Kartellmehrheit zerstört ist, daß aber auch eine koaservativ-ultramontane Mehrheit ebensowenig vorhanden ift wie eine freisinnig-ultramontane, Um die erstere herzustellen, müßten schon die Freikonscrvativen und die polnis<-welfis{<h-elsä\}si\<en An- bângsel des Centrums hinzugenommen werden, die leßtere kann nur zu Stande kommen duc Zuzug der Demokraten, Welfen, Polen oder der Sozialdemokraten. Hr. Windthorst hat sh dur< Beseitigu der fonseroativ-klerikalen Mehrheit offenbar jelbst sehr empfindlich ins Fleis< ges<nitten; seine Anhänger find gar. zu eifrig für Deutschfreisinnigce und Sozialdemokraten ins Zeug ge- gangen, Nicht pur das AnwaŸhsen der Sozialdemokraten, die \hließli< gegen 1884 nur cin Dugend Mandate mehr besigzen, unters<eidet sona den neuen Reichstag von allen früheren, foadern das Fehlen jeder Mehrheit, mit der irgend ctwas zu erreichen ist. Im Reichztaze von 1831 war do® wenigstens eine ultramontan frei- sinnige Mehrheit vorhanden, in dem von 1884, mit wel<hem der gegenwärtige Reichétag no< die meiste Aehnlichkeit hat, war die Tonservativ-ultramontane Mehrheit jedenfalls fe\ter. Der Reichstag ist damit von vornherein jedes positiven Schaffens unfähig, es sei denn in Fragen, wo, .wie z. B. bei dem Arbeiters<huß, das ganze Haus einig is, oder, wie au<h bisher {on in manchen wihtigen Fragen, das Centrum ganz oder theilweise mit den Kaitellparteien zusammengeht.“

Die „Wiesbadener Presse“ beschäftigt si< gleichfalls mit dem Ausfall der Wahlen, indem sie schreibt : Ara

__ „Die Stihwakhlen sind in derselben Richtung ausgefallen, wie die Hauptwahlen. Auf der ganzen Linie sind die Sozialdemokraten, Volkêpartei und Deuts\{freisinnigen weiter vorgerü>t ; au) das Cen- trum hat namentli<h in Baden no< Fortschritte gema<t. Wenn der Sozialdemokratie bei den Stihwaßlen man<e von ihr erwartete Erfolge niht zu Theil geworden sind, so ist da3 dem energis<hen Eintreten der Kartellparteien für die deutschfrei-

sinnigen “Mitbewerber zuzushreiben. Berlin 2 und 3, Breëlau,