1890 / 82 p. 3 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

Menschen als Sianenwesen unter der Wut des unerbittlihen Schicksals binstellen, obne gleichzeitig die befreiende Kraft des fittlihen Ideals zu zeigen. Diese Auflehaung geaen den pessimistishen Realismus kommt dem Dichter ans tiefster Seele; er ringt für sittliche Freiheit und Wahrheit und kämpft für aufrihtige Nähstenliebe, für jene beitere und wahre Lebensanshauung, wel<he den natürlichen Inhalt und Ausfluß der Menschenseele bildet. _ : :

In die Mitte seines Schauspiels stellt Heiberg die Gestalt des Iohanres Ramfetb, eines alternden Mannes, wclher den Wahrheits- durst und die Wabrheitsbegeifterung für eine ganze Nation in seinem Busen aufgespei<ert zu haben glautt; mit dem Fanatismus des Wahrheits\<wärmers spürt er den Sbwächen der Menschen na, legt sie bloß und fkni>t dadur< alle holden Blüthen des Lebens. Seiner Freundin Anna, einer liebenswürdigen jungen Wittwe, wel<e in treuer Liebe ihrem verstorbenen Gatten in ihrem Herzen Altäre baut, zertrümmert er mit roher Hand ihre fromme Gesinnung. Sie war glü>li< und sicher in ihrem Fühlen und Denken; ibr Mann hatte ibr kurz vor seinem Hinscheiden die liebende Versiczerung gegebcn, daß seine Gedanken und Thaten während ihrer Ebe ihr unverbrü<lih angehört hätten. Die Enthüllung ‘und der deutlibe Beweis vom Gegentheil verrü>en das Gleichmaß ibrer Seele. Die Worte des sterbenden Gatten, wel<he ihr Stab und Stütze im Leben gewesen, werden nun ihr Verderben; sie sinnt und grübelt über das crlogene Glüd, bis ibr Geist in die Nat$t des Wahnsinns versinkt. E S :

Heiberg wollte in seinem Schauspiel ein Prophet im ent- gengesezten Sinne Ibsen's sein; er _predigt : Wendet eu< dem freundlihen Lichte des Lebens zu, sucht niht aus fanatisher MWahrheitslicbe jedes dunkle Fle><hen auf dem Lebenswe2e eures Nät& sten auf, scid nabsihhtig, liebevoll, rihtet nit! Er rüd>t aber diese Ermahnurg dem Publikum in denselben grausigen, rü>si<tslofen Bildern vor Augen, welche seine Gegner kennzeichnet; man kann den ersten Aft in dieser Bezichung aus8nehmen; derselbe eröffnet mehr die Aussiht auf eine lustige Satire, als auf ein tiragishecs Schauspiel. In der Folge tritt eine vollständige Aenderung ein; es werden bheikle Gegenstände derb und unverhüllt behandelt, das Gemälde verdüstert si, bis ale Shre>en der Menschenscele arell und graufiz

hervortreten. Man erkennt da, daß der Verfasser do au vollständig ; in die Tôve der fleinea Oftave mitunter bezaubernd wirkt. Die

unter dem Einfluß der naturalistishen Schule steht. Der Dialog zeigt, um mögli<hst wahr zu erscheinen, eine Menge abgerissener Säße, unklarer Erläuterungen; ja die Handlung selbst bewegt sih oft sprungweise weiter, sodaß der Zuschauer sih selbft man<es Mittel- glied ergänzen muß. Die Ckaraktere sind kräftig angelegt, zeigen aber in d:r Dur<führung manches Verworrene. . Da ift zu:rst Johannes Ramseth, der Apostel der Wahrheit ; im ersten und zweiten Akt hält man ihn für einen bewußten Heutler ; in den beiden legten Aufzügen wird sein Wabrheitsdurst au< von seinen Feinden als unantaftbar dargestellt, sodaß er zum Sáluß der Tragödie sittli< viel höher steht als am Beginn der- selben. Hierin liegt eine Unklarheit der Charafiteriftif, wel{he den einbeitli&en Eindru> stört. Wenn Ramseth wirkli ein Märtyrer der Wabrheit ift, glei<hviel in welcher Form, so gebührte ihm Achtung und Verehrung. Andererseits läßt uns der Dichter erkennen, daß niht die reine, keushe Wahrheit die Triebfeder seines Handelns ist, wie er si selbst und feine Freunde glauben machen will. In der Scele des alternden Mannes erblüht ein Jobannistrieb; er will die lieblihe Anna für sih gewinnen und enthüllt ihr erft, als er die Gefahr in der Geftalt eines jugendlihen Verehrers naben Rebt, ibres verstorbenen Mannes Fehl; er deutet eine Wiederholung ibres Gesci>es an, wenn sie si< dem jungen Freunde verbindet ; an seine Brust, die Felsenburg der Wahrheit, soll sie sich flüchten. Sein Thun ift also unwahr, er handelt niht aus reiner Wahrheitsliebe, sondern aus Eigennuß; sein Handeln ift unnatürlib, denn er mö<te ein junges aufitrebendes Herz an eine im Niedergange befindliche Seele binden. Der Dicter mußte f<ärfer hervortreten lassen, daß er nit die göttliche, reine Wahrbeit, sondern den falschen Schein der Wahrheit verurtbeilt. Wir lassen uns nicht widerstandslos einen großen sititlihen Gedanfen verkümmern.

Wenn die fanatis>e Ferfolgung und Ausbeutung einer göttlichen Idee auf {merzlihe Abwege führt, so ist niht der klare Gottes- gedanke barán S@uld, sondern das armfselige mens<hli<he Miß- verstehen. Die Heldin des tragis<en Konfl kts, Anna, tritt uns An- fangs als gesunde, starke Seele entgegen, wit naivem Empfinden; \pâter mist ih eine kcankhafte Einbildung hinein, wel<e das gräßliche Ende berbeiführt. Ein ursprünglihes Gemüth würde zwar tiefen Smerz und bitteres Weh empfinden, wenn sie naŸhträglih von dem ibr angetbanen Leid erfährt; aber sie würde die Ershütterung über- winden, wie sie den Tod des Gatten überwanden hatte und heiter und fröblih in der Welt leben konnte. j

__ Die Darstellung gab einen neuen Beweis von der hohen Leistungs- fähigkeit des Deutschen Theaters. Frl. Sorma als die junge Wittwe Anna wuchs mit ihrer Rolle e:npor; die heitere selbstbewußte Lebens- freude, der plögli< in ihr ahnungêioses Gemüth einshlagende Bliß des Zweifcls, den wafenden nervösen Aufruhr der Gefühle bis zum grauenhaften AusbruH des Wahnsinns, \{Guf fie mit künsilecisher Vollendung. Hr. Pobl gab den Johannes Ramseth besonders zu Anfang mit einem leihten Anflug von Ironie, welhe den Schwulst feiner Reden erträglih mate; er arbeitele ten Fanatiker in seiner unnabbaren Hokbeit kräftig beraus, aub da, wo seine loderaden Sinne bervorzubliten be- ginnen. Den humoristis< angelegten Gerhard Hieim spielte Hr. Kadelburg mit liebenswütdiger Gewandtheit. Außer ibm ist noch Hr. Nissen in der Rolle des leidenschaftliwen Kai Dahl zu erwähnen.

_Das Pubiikam bra na jedem Akte in mächtige und anhaltende Beifallsbezeuguagen a:8, in welhe si< im weiteren Verlaufe des Abends energis>@e Orvosition mis<hte. Hr. Direktor L’Arronge mußte nah jedem Aftshluß vor der Gardine ers{einen, um im Namen des Dichters zu danken.

- Sing-Akademie.

_ Die Altistin Fr. Lillian Sanderson aus Amerika. deren Mitwirkung in dem Concert des Profefsor Stochausen, ihres Lehrers, no% in gutem Andenken steht, gab am Sonnabend ein eigenes Concert, welhes ungemein zahlrei besuht war. Ihre volle, wenn au< ni<t umfangreide Stimme, ist von großer Klangshönbeit, die in allen Lagen ihre Gleichmäßigkeit betält und beim Hinabsteigen

Reinheit der JIntonation und die Deutlichkeit der Auéësprache sind glei<falls sehr zu loben. Hierzu kommt ihre edle Art des Ausdru>s und die geistige Durhdringung des Inhalts der verschiedenen Gesänge. Die Arie aus Es „Messias*: „O du, der Wonne verkündet“, mate den na<haltigsten Eindru> auf die Hörer. Nächst dem sebr harafteriftis< vorgetragenen Liede „An die Stolze“ von Brahms, erwe>te besonders Scumann's Ballade „Die rothe Hanne“ großes Interesse. Dies Werk (na der Dichtung A. von Chamifso’s), das die Sängerin bereits früher mit KlavierLegleitung allein zum Vor- trag brachte, ersien diesmal in seiner ursprünglichen Fassung mit Betbeiligung eines Chors, womit Frau S. einen mehrfach laut gewordenen Wunsch erfüllte. Die Ballade sowie die Arie „La captive“ von Berlioz, in- der nur die Orthesterbegleitung eine zu bedevtende Rolle spielt, gelangen vortreffli<. Einige neue, re<t bübs<e Lieder von Tschaikowsky und zwei beliebte Lieder Chopin's bildeten den Schluß des Abends. Lauter, oft stürwischer Beifall folgte jedem ihrer Vorträge. Das Philharmonishe Orchester begleitete urter Hrn. Kogel’s Leitung die Arien sehr präzis und erfreute außerdem dur einige bekannte und belichte Instrumentalftü>e. Der tüchtige Pianist Hr. E. Wolff führte die Klavierbegleitung mit großer Sorgfalt aus. Concerthaus.

Kapellmeister Meyder veranstaltet zur Feier des 75. Geburts8- tages des Fürsten Bismar> unter freundliwer Mitwirkung des Mäânnergesangvereirs „Cäcilia Melodia“, unter Direktion des König- liden Musikdirektors Edwin Schulz, morgen im Concerthaufe ein Fest - Concert. Das Programm dieses Abends enthält u. a.: die - Jubel-Ouverture“ von Weber, „Königêgebet“ aus der Oper „Lohen- grin* von Wagner, „Zu S<uß und Trußz“, Hymne (neu) von Lechner,

D [er* x ü i Dee Zumaler S E Taler! (dem Fürften Biêmar> gewidmet

Mannigfaltiges. ;

Der unter dem Protektorat Ihrer Majestät der Kaiserin Friedri< stehende Verein Victoriahaus für Kranken- pflege“ bielt vorgestern unter Vorsiß des Staats-Ministers Del- brü> im großen Fraftionësaale des Reichstagsgebäudes die 4. Jahres- versammlung ab Das Victoriahaus uwfaßt na< dem Jahresbericht z 3. 85 angestellte Schweflern und 19 Schülerinnen, zuiammen also 104 Pflegerinnen, 17 mebr als im Jahre vorher. Aufgenommen wurden 48 gegen 30 im Vorjahre. ausgeschieden find 17 an- gestellte Schweftern, davon zwei dur Tod, und 14 Probepflegerinnen, zusammen 31 gegen 20 im Vorjahre. Dvs leßte Jahr bot zum erften Male die Möglichkeit, der Ausübung der h äus l ichen Krankenpflege planmäßig näher zu treten. Bis zum Jabres\{luß sind inscesammt 789 Tage für Privaipflege rerzeihnet, und zwar 676 Tage, an welhen tie S(western in Tkâätigkeit waren, und 113 Rubetage. Die Einnahmen stellten \si< mit Einsbluß des 17207 M betragenden Saldos auf 70 020 44 4532 # gingen an Beiträgen, 6000 Æ an Geschenken, 7373 # an Zinsen ein; 31169 4 kbralhten die für die S<western vereinnahmten Gehäiter, 1983 4 die Priratpflege. Verausgabt wurden 51 721 46 und zwar 28 644 M für Gehälter, 2553 Æ für Kleidung, 2141 4 für das Haushaltungs- conto, 1910 für, Miethe, 2507 A für Weiknachtsgeschenke, 1780 Æ für Altersversicherunaszushuß u. st. w Der Penfions- und Unterftüßungsfonds ist von 35 000 auf 45 (00 H angewafen, die Suppenkasse hatte bei 141 A Bestand 100 „G Einnahme und 185 # Ausgabe, die Erholunxaskfasse 770 M Einnahme und 505 # Ausgabe. Die Bilanz vom 31. Dezember 1889 \{hlicßt in Einnahme und Aus- gate mit 215 627 M ab.

_ Torgau, 28. März. (Köln. Ztg.) Im KöniglihenHaupt- gestüt Gradig fand heute die große Frühbiahréversteige- rung fiatt, bei welher neun Vollblutpferde unter den Hammer gelangten. Sie wurden außerordentli bo bezahit, und zwar inégesammt mit 33 860 H, was einem Dur(schnitispreise von 3762 M entspri>t.

Rom, 30. Mär;. (W. T. B.) Ein gestern von bier nah dem Norden abgegangener Eisenbahnzug is bei Chiusi entgleift, wobei 8 Personen verwundet wurden. Ñ

Nach Schluß der Redaktion eingegangene Depeschen.

Dortmund, 31. März. (W. T. B.) Wie _ die „Rheinish-Westfälishe Zeitung“ meldet, ist der Ober- Präsident Studt am Sonnabend Abend na< Münster, und der Regierungs-Präsident Winzer am Sonntag früh nah Arnsberg zurückgekehrt. Die gestern Nachmittag abge-

altene Versammlung der Belegschaft der Zehe „Unser riß“ beshloß, demselben Blatt zufolge, gegen den Strike ront zu machèn und jede Betheiligung daran zu unter- lassen. Auf den Zehen „Dahlbus<“ und „Zollverein“ arbeitet Alles.

Wien, 31. März. (W. T. B.) Heute begann ein theil- weiser Strike der Maurer-und Steinmeßgehülf n. Die Ansammlungen wurden von „der Po:ize. zerstreut. Einige Verhaftungen sind vorgenommen worden.

(Fortsezung des Nichtamtlichen in der Ersten Beilage.)

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Wetterbericht vom 31. März, Morzens 3 Ubr.

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Staitonen.

in ? Gel us

L R O 150 (S M.

Temperatur

Wird. | Wetter.

Bar. auf 0 Gr. u. d. Meeressp. red. in Millim.

Mullaghmore | 769 |ONO d wolkenlos Aberdeen .. | 770 \NW 2halb bed. Cbristiansund | 761 |WSW 2Regen Kopenhagen . | 760 |"WNW 2hbede>t | Sto>holm . | 754 [W 2iwolkenlos | St. Petersbrg| 744 |NNW 2/Shnee Moskau... |_ 741 SW 2 Regen Cork, Queens-

Donrerstag:

768 D 3'beiter 766 |ONO 3|beiter 1 766 N 3iwolkig ylt 762 [NNW 4sbede>t } “arBbd ._. | 762 [WNW Z3\bededät winemünde | 761 ¡Regen Neufahrwasser} 758 2|bede>t Memel ...| 759 | 4\wolkig e... | 765 2\wolkenlos ünster... | 769 libede>t | Karlsrube. . | 765 2 'bede>t Wiesbaden . | 766 3 [wolkenlos München .. | 764 ¡NO 5\wolkig Chemnitz . . | 766 |N 2'heiter Berlin | 764 |[WNW 4|bede>t Wien .…... | 760 |NW 2\bede>t Breslau... 762 |NW 4 balb bed. Ile d’Aix 762 |ONO 4wolkenlos Nizia .….. | 762 |ONO 3\Nebel Triest... . | 761 {till wolkenlos Uebersicht der Witterung.

Ein barometris<es Maximum von nahezu 770 mm

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predigten.

Urlaub.)

Donnerstag :

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Carl Laufs. dritte Kopf.

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Anfang 7 Uhr

variablen Winden vielfa< heiter. An der deutschen

Küste fanden stellenweise Regenfälle statt. In Finn-

land ift wieder leiter Frost eingetreten. Deutsche Seewarte.

Theater - Anzeigen. Anfang 7# Uhr.

Böniglihe Schauspiele. Dienstag: Opern- Sina 77. Boer Tannhanter agr der Zangerkrieg auf der Wartburg. Große roman- tis&e Oper in 3 Akten von Fi nathan. Dirigent: Kapellmeister Suher. Anfang 7 Ubr. Swauspielhaus. 81. Vorstellung. König Lear. Traverspiel in 5 Aufzügen von Shakespeare. In Scene gesett vom Direktor Dr. Otto Devrient. Anfang 7 Ubr.

Mittwo< : Opernhaus. 78, Vorftellung. Das Käthchen von Heilbronn. Romantis@e Oper burg in 4 Akten von Carl Rhbeinthaler. i:

Berliner Theater. Dienstag: Gräfin Lea.

Mittwoh: Wittwe Scarron. Ein Liebes- zeichen. Hexenfang. Kaudel's Gardinen-

Donnerstag: Zum 1. Male: Walleustein's Tod.

Mittwoh: Juliette. Swauspiel in 3 Akten von Octave Feuillet. Luftspiel in 1 Akt vcn Hans Hopfen.

Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten

von Hermann Sudermann.

Wallner-Theater. Dienstag: Zum 100. Male:

Ein toller S: S g l R a : um . ale: Z Posse in L Akt. Mit theilweiser | 12—11 Uhr. Dienstag um 74 Uhr: Die Ge-

Benußung einer englishen Idee von Franz Wallner.

, Ein | i um l Mittwo<: Madame Bouivard. Schwank in as O den Fes Sas barometrilüe 3 Akten von Alexandre Bisson und Antolue N

inima lagern über dem Biscayis<en Busen und | (Diane: Frl. Augufte Brand, vom Landes-Lheaker L Cre Sai Stet n R A À roveuts M in Graz, Se Gaît) Vorher : E Sn: leßte nsiag,. Tbe Un dieser Sao, Vetter kühler, im Norden bei mäßigen nordweît- | Lustspiel in 1_ Akt von Emil Pohl. aronesse + Aschenbrödel. liden Winden trübe, im Süden bei meist {wachen O it: Frl. fia Brand, Do Gast) langen scerbrödel

Victoria-Theater.

Mittwoch: Dieselbe Vorstellung.

Friedrich - Wilhelmstädtishes Theater. Dienstag: Zum 76. Male: Der rditimonn en ard Wagner. | „nd Julius g“ viiedga Mußk von Cerl Millö>er. De Scene gesept pa Julius Sri u . Kapellmeister Federmann. "Mittwoch: "Det aris L bie zum Besten

Mittwo<h: Marquise.

82. Vorstellung. Natalie.

Belle-Alliance-Theater.

und Tanz in 4

und A. Wider. M. Volta. Anfang 7# Uhr.

Eentral-Theater.

Vorher: Trudels Ball.

schichte der Urwelt.

Diensfta

vom Direktor E. Dienstag: Zum 226. M.:

Briatore. Mittwo<h: Napoli.

Philharmonie.

Verne von Carl Pander. Musik von E. Christiani Ballets und Gruppirungen von

Mittwoch u. folg. Tage: Dieselbe Vorstellung.

Direktion :

Dienstag: Zum 20. Male: Ein fideles Haus. R mit Gesang in 4 Akten nach einer vorhandenen / dee von W. Mannstädt. Musik von G. Steffens.

Lessing - Theater. Dienstag: Das vierte Anfang 74 Übr, Si a A Gebot. Volksstü> in 4 Akten von L. Anzengruber. o<: Zum 21. Yale: n fideles Haus. I R Í : (Erstes Auftreten des Hrn. Adolph Klein na< seinem A Verebeli<t: Hr. Georg IJenps< mit Frl. Antonie

Adolph Ernst-Theater. Dresdenerstraße 72.

Dienstag: Zum 53. Male: Der Goldfuchs. Gesangsposse in 4 Akten von Eduard Jacobson und | Geboren: Ein Leopold Ely. Couplets theilweise von Gustav Görß. Musik von Franz Roth. Anfang 7

Mittwo<h : Dieselbe Vorstellung.

Circus Renz, Karlstraße. Donnerstag, 10. April Abends 7} Uhr: Auf vielseitiges Ver-

Sgulpferd Coriolan, geritten von Hrn. Oscar Renz. 3 Athleten auf 2 Pferden n den 3 Gebr.

Concert-Anzeigen.

; Dienstag, 1, April: Concert der „Ferien-Kolonien“, veranfstaltct von

é hilipp Rüfer unter güt. Mitwirk. der Kgl. Hof- S Derniängerin Frl. Elisabeth Leisinger, des Mi

Refsidenz-Theater. Direktion: Sigmund Lauten- Hof-Opernsängers Hrn. Nicolaus Rothmübl, sowie

Tert frei nab | r iel ie S UEn Bu Bictorien Sardou, Deuts

Lci) : : t\piel in en von Victorien Sardou.

H. von Kleist's gleihnamigem Schauspiel von H. A S 7

Bultkaupt. Anfang 7 Uhr. von Robert Buchholz. Anfang Ubr. Scauspielbaus._

Stavspiel in 4 Aufzügen von Iwan Turgenjew. Nach

dem Russishen für die deutsde Bühne bearbeitet

von Eugen Zabel, Aafang 7 Uhr.

des Philharmon. Orchesters. Anfang 7# Uhr. Karten 4, 3, 2 u. 5 (Loge) # bei Bote und Bol.

Concert-Haus, Leipzigeritr. 48 (früber Bille). Karl Mepder - Concert. Dienstag, 1. April: Fest- Concert zum 75. Geburtstage Sr. Dur<{hlauht des Fürsten Bismar>k unter Mitwirkung des Männer-

Dienstag: Mit | Ses , e eft O Sesangvereins „Cäcilia - Melodia*, Dirigent: Kgl.

gänzli neuer Ausftattung: Zum 31. Male: Der Musikdirektor Edwin Schulz. 9 g

Deutsches Theater. Dienstag: König Midas. Nautilus. Großes Ausstattungsftü>k mit Gesang

Mittwo: Faust's Tod ften und 13 Bildern nah Jules | E

König Midas.

Familien-Nachrichten.

Verlobt: Frl. Margarethe Boenis< mit Hrn. Apotheker Leo Faerber (Karf b. Miehowiß— Beuthen i. Obershl.). Frl. Emilie Meining- baus mit Hrn. Richard Kluth (Broih b. Mül- beim a. d. Ruhr—Hamburg). Frl. Marie Gers< mit Hrn. Rittergutsbesißer Hermann Mökßring (Zs>&adwiz b. Döbeln—Schweta). Frl. Toni Martens mit Hrn. Hans Crufius (Han- nover). Frl. Gertrud Schwarz mit Hrn. Hein- ri< Thol (Opladen—Essen)

Emil Thomas.

Wi>mann (Leipzig— Plagwiß). Hr. Karl Heine mit Frl. Klara Gräser (Leipzia). Hr. Dr. 4 ae Hermann Schultze mit Frl. Marianne Hoenerkopffff (Köthen i. A.—Dessau). Sohn: Hrn. Hauptmann Hörder (Thorn). Hrn. Dr. med. Reebs (Gnoyen). Uhr. rn. Georg Plenio (Ly>). EeE Albert Brünell Köln). Nen: Gymnasiallehrer Dr. H. Gleël (Wesel a. Rbein). Hrn. Georg Förfter (Leipzig —Neusellerhausen). Hrn. Adolph Be>er (Es<).

Urania, Invalidenftraße 57/62, geöffnet von | Hrn. Georg Stobbe (Lößen). Hrn. Josef

Stiel (Düsseldorf). Eine Tochter: Hrn. Staatsanwalt Mrozek (Memel). Hrn. Raths- förster Scier (Chemnig). Hrn. Dr. Alfred Will (Königsberg). Hrn. Rehtsanwalt Emil Schniewind (Köln). Hrn. Regierangs-Sekretär W. Rübmann (Hannover). Hrn. Paul Brin>k- s Hrn. Wilh. Ranek (Su- ingen).

; DT L Großes phantaft. Zauber- : y 4

E mit Aufzgen und Gruppirungen, arrangirt Gestorben: Hr. Re<rungs-Rath Ernst Kelbel enz, mit dem gesammten Corps

e Dare o robe R in Concert und

1que n av. Stanley in ffrika, Zeitgemälde in 10 Bildern | Hrn, rang Nea (Orlaina-Decsae), - Austreter as on Alex. oszkowsfi un ugl. Reitkünftleri itkü L ns E | usik von 6. A. Raida. Ballet von C. Severin. E iolar gerte, ron S

(Neiffe). Hr. Pfarrer Adolf Kiefer (Gochsen a. Kocher). Hr. Landgerichts-Rath Edmund Heintmann (Essen). Hr. Kaufmann Hugo Herrmann (Quedlinburg). Hr. Georg ur m Auftreten | (Rosto>). Hr. Kantor emer. Ferdinand Krühn (Krakau). Hr. Friy Rauch (Berlin). Frau Auguste Manger, geb. Bü>kling (Zebdeni>).

Redacteur: Dr. H. Klee.

Verlag der Expedition (S< olz).

Dru> der Nordd Buchdrud>erei und Verlags- ruder e Sw Wilhelmstraße Nr. 32.

Acht Beilagen (einshließlih Börsen-Beilage).

Berlin:

(539h)

Erste Veilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlich Preußischen Slaals-Anzeiger.

M 2.

Sozialpolitik, Sozialreform und Soziali8mus.

IIT. (Séluß.)

Nur der Staat ist im Stande, die Mängel der bestehenden Gesellschaft zu beseitigen und die Gesellschaft dur Reformen gesund zu erhalten. Diese reformirende Thätigkeit ist eine Thätigkeit der aus gleihenden Gerechtigkeit, welhe konform derjenigen ist, wel<he die Könige Preußens im 18. ‘Fahr- hundert zu Gunsten der damals wirthshaftli< s{<wäheren Klassen des Bauern- und Bürgerthums ausgeübt haben. Wie damals hierdur< die Gesellschaft stark und gesund erhalten und der Friede bewahrt wurde, weil den Störungen dur reformirende Maßnahmen zu Gunsten der leidenden Klassen vorgebeugt wurde, so darf au< die von dem Thron aus- gehende reformatorische Thätigkeit zu Gunsten der Arbeiter als im Jnteresse des Staats und der Gesellschaft ebenso noth- wendig wie erfolgverheißend angesehen werden.

Die Kranken-, die Unfall-, die Jnvaliditäts- und Alters- versiherung, mit denen Deutshland allen Staaten bahn- breend voraufgegangen, werden wie au< die Stimmung der Arbeiter gegenwärtig sein mag sicher im Laufe der Zeit ihre Wirkung nicht verfehlen, weil fie sehr wesentliche

ängel, diz sih auf dem Gebiete - der bestehenden Wirth- \chasts- und Gesellschastzordnung herausgebildet haben, beseitigen. Freilich aber ist fo führt vonScheel aus mit diesen Geseßen noh kein Mittel gefunden, durh welches die Verständigung der Lohnarbeiter und Unternehmer auf dem Boden der heutigen Produktionsweise gesichert wird. „Diese Verständigung wird ershwert einerjeits durh Forderungen der Arbeitnehmer, die über das zur Zeit wirthshaftli< Mögliche hinausgehen, andererseits dadur<, daß sih die Mehrzahl der (größeren) Arbeitgeber aller Berufszweige niht an den Gedanken ge- wöhnen kann, mit ihren Arbeitnehmern als Gleichberehtigten zu verhandeln.“ ; :

Angesichts der hier carakterisirten Lage erkannte es Se. Majestät der Kaiser und König für nothwendig, den weiteren Beschwerden der wirthschaftli<h leidenden Klassen auf den Grund zu gehen und für die als berehtigt erscheinenden Forderungen, soweit sie bisher nicht genügend berüdfihhtigt waren, mit seiner Königlichen Macht einzutreten. Die Frauen- und Kinderarbeit, die Nacht- und Sonntagsarbeit bilden schon seit lange Stoff für sozialdemokratishe Agitationen, die Regelung dieser Fragen ist nunmehr vom Staatsrath und von der internationalen Arbeiterschut - Konferenz in Angriff genommen worden. Des Weiteren bleibt die Lohnfrage und die Frage der Arbeitsdauer zu regeln übrig. Nach beiden Richtungen wird vornehmli<h von den Arbeitgebern selbst das Mögliche und Erforderliche geschehen können. Die Wege dazu werden durch den Einfluß der ganzen sozialreformatorishen Rihtung unserer Politik geebnet werden, wie au< die zu schaffenden Organe, welche ein Fühlung- nehmen zwischen Arbeitgebern und Arbeitern ermöglichen, be- gründeten Beschwerden hoffentlich abzuhelfen geeignet sein werden.

__ Die Fürsorge des Kaisers und Königs für den fogenannten vierten Stand ist eine aus den Bedürfnissen der Leit erwachsene. Es war von jeher der Beruf der Hohenzollern-Könige, an die Heilung der sozialen Schäden heranzutreten. Es mag sein, daß die wohlwollende Absicht von Manchen verkannt und die Begehrlichkeit gesteigert wird. Aber diese Möglichkeit lag ebenso in früheren Zeiten vor, und sie ist in Preußen-Deutschland do< nie zur Wirklichkeit geworden. Die Erwägung, daß die gute Saat auf unfruhtbaren Boden fallen könne, hat einen preußischen König noch nie davor zurü>schre>en lassen, das zu thun, was ihm sein Gewissen und die Einsicht in die Welt der Dinge gebietet. N

_ Mit Sgre>bildern, wie sie sih stets bei Reformen und bei Aenderungen des hergebrahten Zustandes eingestellt haben, kann die Aufgabe des Staats, der gegenwärtig leidenden Klasse zu helfen, niht hintertrieben werden. Sie ist eine Noth- wendigkeit, welhe einen starken und mächtigen Staat erfordert. Der Kaiser und König erkennt die Nothwendigkeit gleih seinen erhabenen Vorfahren an. Die in seiner Hand ruhende Macht des Staats wird denen, welche für ihre ehrgeizigen und phan- taslishen Ziele hierbei etwas zu gewinnen hoffen, ent- gegenzutreten wissen. Aber die Lösung der Auf- gabe erfordert die ganze Mitwirkung der Gesellschast und aller ihrer bewährten Lebensformen, der Kirche und der Schule, namentlih aber auch der bestehenden, aus anderen Be- dürfnissen hervorgegangenen politishen Parteien. Gegenüber dem Schre>en, mit welhem die Gesellshast von dem Sozialis- mus und den Jdeeu der Sozialdemokratie erfüllt wird, und gegenüber den Gefahren, welhe aus einem dem Sozialismus gegenüber beobachteten Laissez faire erwahsen würden, müssen die Parteien si festzusammenshließen, die Streitaxt begraben, die politischen Machtfragen ruhen lassen und si< um den Hüter aller Klassen der Gesellschaft, um den Träger der starken und mächtigen Krone schaaren. ;

Die Gesellschaft E “einer Waage in der Hand des Monarchen : er muß bald hier, bald dort ein Gewicht hinzu- fügen oder entfernen, um die Shwankungen zu beseitigen und so die Harmonie, wenn sie einmal gestört ist, wiederherzu- stellen. - Nur das Königthum kann si dieser Aufgabe unter- ziehen. Die Aufgabe des Parlaments besteht hierbei vor- nehmli< darin, daß es die Krone in ihrer Aufgabe, den Frieden der Gesellschaft zu fördern, unterstüßt und si uneigennüßgig als Mithelfer an dem Werk der ausgleihenden Gerechtigkeit und der Heilung der sozialen Schäden betheiligt. Geschieht dies, dann wird und muß die Sozialreform gelingen, dem Sozialismus aber der Boden unter den Füßen abgegraben

werden.

Statistik und Volkswirthschaft.

Zur Arbeiterbeweguna.

älishen Koblenrevier liegen über die «ian dde ob N g unter den Bergarbeitern folgende neuere Meldungen vor: Auf Swat Hibernia der Bergwer gele Bal Hibernia sind in der Frühshi<t am Sonnabend, wie der „Rh.-Westf.

Berlin, Montag, den 31. März

Ztg.“ aus Gelsenkir<en berihtet wird, 188 Mann, auf Zehe Wilbelmine-Viktoria derselben Gesellschaft find auf Swat I. 375 Mann, auf Scha<ht II1. 157 Mann ang: fahren. Auf Sat “Shamro>* derselben Gesellshaft arbeitet die gesammte Beleg- schaft in gewohnter Weise. Nachmittaas find dann auf Zeche „Hibernia“ 11 Mann, auf Zee „Wilbelmine Viktoria“ ScaŒt I 129 Mann und Sckaht 11 48 Mann angefabren. Auf Zeche „R heinelbe“ der Gelsenkirchener Bergwerkogeselschaft ist am Sonnabend Na>mittag nur ein Achtel der Belegschaft angefahren. Nuf dena drei Shâädten der Bergwerfksgesells<haft Kon- solidation sind Sonnabend fcüh im Ganzen ca. 300 Mann angefabren. Einer Meldung des „Wolff'ichea Bureaus“ zufolge sind zur heutigen (Montag-) Morgenschi(ht angefahren: in Zehe „Rhbein- elbe* 269 Bergleute, in Ze<e „Konfolidation® 270, in Zeche „Hibernia“ 171 und in Zede „Wilhelmine Viktoria" 497 Bergleute. Die angekündigten Versammlungen der Belegschaften der Zechen „Rheinelbe“, „Alma“ und „Bismar>“ haben nicht stattgefunden.

Aus Dortmund wird der „Rh.-Westf. Ztg.* ges<rieben, daß auf Zee „Crone“ bei Dortmund seit WergelteR Morgen 350 Mann striken. Angefahren sind rur 86 Mann. Ueber Tage arbeiteten alle Leute. Voa der Na>mittags\hiht fuhren nur 45 Mann an. R ;

Der Vocstand des Vereins für die bergbaulichen Inter- essen, hat, wie dasselbe Biatt aus Essen berichtet, beschlossen, gegen- über den neuerdings auf einzelnen Zehen aufgetretenen Ausftänden, den Zehen zu empfehlen, Bergarbeiter, wel<he die Arbeit auf anderen Zechen unter Kontraktbruch niedergelegt haben, ni <2 anzunehmen. ;

Gestern wurde, wie „W. T. B.“ aus Bochum meldet, in Herne eine von etwa 800 Bergleuten besuhte Versammlung ausf- gelöst und die Kasse polizeilih beshlagnahmt. Vie Anwesenden ver- ließen unter Aufforderung zum Strike das Lokal.

Wie der „Köln. Ztg.“ aus Saarbrü en geschrieben wird, ift das von Warken und Genossen wegen des im Dezember gegen sie wegen Beamtenbeleidigung ergangenen Urtheils an Se. Majestät den Kaiser gerichtete Gnadengef u < abschlägiz beschieden worden.

Gestern wurde, wie „W. T. B. * meldet, in Bildsto> (Saar- revier) eine Vertrauensmänner - Versammlung von Bergarbeitern abzehalten, welhe beshloß, den Arbeiter - Kongreß in Brüssel nih:i zu beshi>en, da sie mit den berausfordernden Tendenzen der belgischen Arbeiter ni<t einver- standen sei. Bergmann Selle wies außerdem auf die Erlasse Sr. Majestät des Kaisers und auf die Berliner Konferenz hin, die si so eingehend mit dem Wohle der Arbeiter beschäftigten.

In Breslau haben, wie die „Köln. Ztg.* berichtet, sammtliche Tisdler, na<hdem der Centralvorstand die Absicht, in einen A us- stand einzutreten, gebi!igt hat, bes<lofsen, zu kündigen; der Beitrag zur Ausftandskasse wurde auf 50 S festge]eut._

Aus Posen s\<reibt man der „Schles. Ztg.“ : Die Lohn- bewegung der hiesigen Bauhandwerker hat einen ernsteren Ckarafter angenommen. Auf dem Fort VIIB. haben gestern und auf dem Fort VIII. heute zusammen etwa 200 Maurer die Arbeit nieder- gelegt. Bereits Anfang März haben die Maurer den Arbeit- gebern ihre Wünsche unterbreitet; fie verlangen Einführung der zehnstündigen Arbeitszeit und einen Stundenlohn von 40 S für jedea Maurer ohne Unterschied der Leistungéfähigkeit. Bisher dauerie der Arbeitstag 11 Stunden und der durhshnittlihe Tagelohn betrug 3. Die Meister haben si< mit der 10 stündigen Arb:itszeit eine verstanden erllärt, den geforderten Stundenlohn dagegen abgelehnt. Am Donnerftag fand eine von etwa 400 Maurern besuchte Versamm- lung statt, in welœer bes<hlossen wurde, an der 10 stündigen Arbeits- zeit und dem Stundenlohn von 40 3 festzuhalten und die Arbeit am 1. April niederzulegen, falls diese Forderungen nit bewilligt werden sollten. i:

In Stettin fand vorgestern, wie wir der „Ofstsee-Ztg.“ ent- nehmen, eine zahlrei besu<hte Versammlung von Fabrikarbeitern statt wegen der Arbeitsein stellung in der Stettiner Kerzen- und Seifenfabrik und in der Chamottefabrik. Was die erstgenannte Fabrik anbetrifft, so hatten die dert beschäftigten Arbeiter und Arbeiterinnen, etwa 150 an der Zahl, na< der Darstellung in der Versammlung Anfangs voriger Woche an die Direktion die Forderung gestellt, den Tagelohn dur<s{<nittli< um 25 S pro Tag zu erhöhen und die Arbeitszeit um cine Stunde zu verkürzen. Die Direktion hatte sh zu éiner kleinen Erb öhung des Lohnes bereit er- flärt, aber die Verkürzung der Arbeitezeit abgelehni, was zur Folge hatte, daß die Arbeiter und Arbeiterinnen mit wenigen Ausnahmen am Mittwo<h die Arbeit niederlegten. In der Chamottefabrik handelte es si< ni<ht um Lohn- erböhungz dort hatte eine aus etwa 25 Mann bestchende Kolonne von Ofenkarrern die Arbeit eingestellt, weil ihnen die von ihnen verlangte Verstärkung nit gewährt worden war. Die Stimmung in der gestrigen Versammlung war eine augensceinlih sehr gedrücte und für die Strikeführer wenig günstige; mit Bezug auf den Strike in der Chamottefabrik wurde ofen - anerkannt, daß derselbe auésihtslos sei, da die Strikenden bereits zum größten Theil dur Andere erseßt seien und der Direktor {ih \hwerli< dazu ver- stehen würde, die Strikenden überhaupt wieder cinzustellen; es wurde denselben gerathen, si anderweit um Arbeit zu bemühen.

Aus Nahen wird der „Köln. Ztg.“ telegraphirt: Die Arbeits- einstellung in der Spier'’schen Tuchfabrik ist beendet; es wird somit in sämmtlichen Tuchfabriken und Webereien wieder gearbeitet.

Hannover findet, demselben Blatt zufolge, in den Tagen vom 8. bis 11. April d. J. ein Kongreß der deutschen Bau- arbeiter und deren Berufsgenossen slatt. In die schr umfangreiche Tagesordnun ist au die Besprehung über Einführung des aht - ftündigen Normalarbeitstages ausgenommen.

Die aus Anlaß der Lohnbewegung in der Webwaaren- brancbe gegründete Vereinigung von Webwaarenfabrikanten in Chemniy bat, wie wir dem „Ch. Tgbl.* entnehmen, den Namen „Verein zur Wahrnehmung der gemeinsamen Interessen der Webwaaren-Fabrikanten von Chemuiß und Um- gegend* angenommen und nahstehende Bekanntmachung erlassen, welche in den Fabrifräumen angeshlagen worden ist: „Der Verein hat be- \<lofsen: Bei seinen hiesigen Webereien für die olge 60 Stunden effektive Arbeitszeit pro Woche einzuführen. Eine Erweiterung dieser ‘Arbeitszeit kann nur nach gegenseitigem Einverständniß zwischen Arbeit- E L Di vg ai Diese Bestimmung triit mit Montag,

en 31. März d. J. in Krast.

Aus Berlin wird der „Köln. Ztg.“ unter dem 28, d. M. ge- \<rieben: Die Lohnbewegung unter den Textilarbeitern wird aller Voraus\iht na< im Frühjahr großen Umfang annehmen. An den haupt\ä<hlihsten Fabrikorten werden fast täglih Versamm- lungen abgehalten, wel<he Forderungen aufstellen. Bemerkens- werth ist, daß neuerdings si auch die Arbeiterinnen der all- gemeinen Bewegung anges<lossen haben, was bei der großen Anzahl derselben in diesem Beschäftigungszweige von großer Bedeutung ist. Eine zahlreich besuhte Versammlung der im Wirkerfah beschäftigten Arbciter und Arbeiterinnen bes<loß dies-r Tage bereits, daß „si die Arbeiterinnen in der diesjährigen Lohnbewegung mit den Arbeitern solidaris< erklären und für gleihe Leistungen den gleichen Lohn zu beanspruchen hätten." Der in den erften n p des April in Apolda stattfindende Te xtilarbeiter-Kongre wird wahr- seinli< in Bezug auf die Frauenarbeit sehr weitgehende Beschlüsse

1890.

fassen und ebenso die Kinderarbeit behandeln. In Bezug auf die A wird in allen Versammlunz;en der Neunftundentag ge- ordert.

Wie die Wiener „Presse* aus Prag berichtet, übermittelte das

Prager Bucdru>erei-Gremium sämmtlihen Offizinen zur Verständigung des Arbeiterpersonals folgende Kundgebung: „Die a<vtstündige Arbeitszeit in den Prager Buchdru>ereien, wenn dieselbe als Forderung erboben wird, ift abzu- lehnen, weil deren Einführung nur mit bedeutenden Opfern sowobl der Buchdrud>ereibesizer als au ibres Personals ver- bunden wäre und der am 1. Mai wilikürli< abzuhaltende Feiertag, an welGem nit gearbeitet würde, als Vertragsbruch zu betrachten und au als Vertragsbruh zu behandeln.“ , Der Strike auf den Werkstätten der österreihiscen Südbahn, über welchen vorgeftérn „na6 Sbluß der Redaction“ telegraphis< kurz berihtet wurde, kann, neuerer Meldung zufolge, als beigelegt betra<tet werden. :

In London baben an 10000 Schuharbeiter die Arbeit ein- gestellt. Dieselben verlangen, wie „W. T. B.* meldet, daß itnen

-künitig die Meister die Arbeitëstätte gewähren

Wie man der „Post“ telegraphirt, wächst der Auéstand in Bar - celona raî; gestern zählte man 43 000 Ausftändige. Die Gährung unter der Arbeiterdbevölkerung reiht bis Huesca, Saragossa und Tortosa; aus Cartagena und Valencia wird von leb- bafter Agitation unter den Fab:ikarbeitern berichtet. Der Civil - Gouverneur von Barcelona forterte die Arbeitgeber auf, mö-lihst \@nell ein Einvernehmen berbeizuführen, da das allgemeine ó fentliche Interesse eine defiritive Beilegung energisch erbeische.

Aus Paris beri<hteï eW, T. B.“: In den Koblengruben von Saint-Elloy (Puy de Dome) haben die Grubenarbeiter die Arbeit eingeftellt.

Kunft und Wiffenschaft.

Vorbildung und Lebensalter der Studirenden auf den preußishen Universitäten unter Einbeziehung der Akademie zu Münster und des Lyceum Hosianum zu Braunsberg.

Der Vorbildung na< befanden si unter den Studirenden der preußischen Universitäten im Studienjahre 1886/87 nah der „Statistik der preußishen Landes-Universitäten“; unter den 11529 Preußen 84,3 9/% Gymnasial-Abiturienten , 8,5 9%/0 Realgymnnasial-Abiturienten und 7,2% ohne Zeugniß der Reife; unter den 1359 anderen Deutschen 78,4 9/9 Gymnasial-Abiturienten, 11,0 9%/ Realgymnasial-Abiturienten und 10,6 2% ohne Zeugniß der Reife; unter den 771 Reichsausländern 43,9 9% Gymnasial-Abiturienten, 4,9 9%/ Realgymnasial-Abiturienten und 51,2% ohne Zeugniß der Reife; unter den 13659 Studirenden überhaupt 81,59% Gymnasial-Abiturienten, 8,5% Realgymnasial- Abiturienten und 9,0 ‘/4 ohne Zeugniß der Reife.

Die Gymnasialbildung wiegt unter den Studenten naturgemäß vor, méhr Fber unter den Preußen als unter den übrigen Deutschen; daß sie mit cinem verhältnißmäßig hohen Prozentsaße auc unter den Reichsausländern anzutreffen ist, hängt damit zusammen, daß viele reihsausländishe Studirende bezw. deren Eltern 2c, ihren Wohnsiß in Preußen oder sonst im Deutschen Reiche haben. Die abgeschlossene realgymnasiale Bildung ift etwa zehnmal \<wächer vertreien als die aymnasiale. Den Abiturienten der Nealgymnasien sind nah den in Preußen geltenden Bestimmungen eben die meisten Fakultätsstudien verlosen; ihnen steht nur die philosophische Fakultät offen.

Non den 2712 bei der philosophischen Fakultät mit dem Zeugniß der Reife immatrikulirten Preußen waren 64,0 %/9 Gymnasial- und 36,0 9% Realgymnasial-Abiturienten. Von den erfteren studirten 68,9 9/0 Philosophie, Philologie und Geschichte, 25,9 9/0 Mathematik und Naturwissenschaften, 2,3 9% Landwirthschaft, Kameralia und Nationalökonomie, 0,6 %% Pharmazie und Zahnheilkunde und 2,3 %/ andere Disziplinen ; vou den leßteren 37,0 9/6 Philosophie, Philologie und Gescbichte, 50,8 9% Mathematik und Naturwissenscaften, 4,5 %/o Landwirthshaft, Kameralia und Nationalökonomie, 3,7 °/o Pharmazie und Zahnheilkunde und 4,0 9/9 andere Disziplinen Die Gymnafial- Abiturienten sind demna< überwiegend Philologen und Historiker, 6 E « Abiturienten Mathematiker und Naturwissen-

aftler.

Die Studenten ohne Zeugniß der Reife schen sich neben den Ausländern vorzugsweise aus preußishen Studicenden der Pharmazie, Zahnte<nik, Landwirthschaft, Naturwissenschaften und solchen zusammen, welche eine allgemeine wissenschaftlihe Bildung erstreben. :

Eine Verbindung von Vorbildung und Lebensalter und die Be- trahtung des leßtern für sih hat vornehmlih für die mit dem Reife zeugniß immatrikulirten Reichsinländer (Pieußen und andere Deutsche zusammen) Interesse. Unter diesen (11 913 Studenten) waren 99,5 %/o Gymnasial- und 9,5 9% Realgymnasial-Abiturienten. Bon den ersteren bezw. leßteren standen im Alter von: unter bis 19 Jahren 3,9 bezw. 9,4 9/0, über 19 bis 23 Jahren 59,7 bezw. 9,3 °/0, über 23 bis 25 Fabren 23,7 bezw. 24,9%, über 25 bis 28 Jahren 96 bezw. 17,5 9/0, Êber 28 bis 30 Jahren 1,5 bezw, 2,6 %/, über 30 Jahren 1,3 bezw. 2,0 9/0, unbekannt 0,3 bezw. 0,3 %/9, Diese Zusammenstellung läßt erkennen, daß die Gymnasiasten die Universität durschnittlich in einem etwas früheren Lebensalter beziehen, als die Realgymnasiasten ; wenigstens war dies bei dem Bestande des Studienjahres 1886/87 der Fall. -

Außerdem geht aus den obigen Verhältnifzahlen hervor, daß die Studenten im Ganzen älter sind, als man erwarten sollte. Erfolgte nämli der Eixtritt in die Universität dur<hweg in dem normalen Alter zwischen 18 und 19 Jahren und der Abschluß der Universitäts- studien demgemäß durchs<nittli< mit 22 bis 33 Jahren, so dürften nur die verhältnißmäßig wenigen Personen, die sich erst im \spätern Lebenss- alter zum Studium entschließen, ältere als 23 jährige Studenten sein. Es stehen jedo< nur 62,6 9/0 aller Studenten in einem angemessenen, 37,49% in einem übernormalen Alter. Aus diejer Thatsache muß gefolgert werden, daß die Studenten entweder aus der Schule zu alt werden, oder daß ein zu großer Theil derselben si< weit über die erforderlihe Zeitdauer auf der Universität aufhält. Beides ist that- \ählih der Fall. 5 : : A U

Jn den einzelnen Fakultäten liegen die Verhältnisse nicht überall so, wie eben geschildert; denn innerhalb derselben begegnet man den bemerkenswerthesten Gegensäten. Dies if {on daraus erklärlich, daß die vorshriftsmäßige oder üblihe Dauer der Studien nit in allen Fakultäten die gleicbe ist ; in der philosophischen Fakultät insbe- sondere finden verbältnißmäßig häufiger als in den anderen Auf- nahmen solcher statt, welhe si< erst im spätern Lebensalter zum Studiren entschließen oder no< einmal zur alma mater zurü>kehren,

Der Altersklasse bis zum vollendetcn 23. Lebensjahre, dem nor-

malen Alter, wie man es nennen könnte, gehören 77,2 9/0 der Juristen s

und 57,5 % der Philosophen, 59,5 %/ der katholis<hen Theologen und: 67,5 9% der evangelishen Theologen an. Bei den Medizinern ift det« selbe Antheil, berehtigterweise wegen des längern Stiüdiums, nö< kleiner; er beträgt 55,3%. Die juristishe Fakultät besigt hiernah

die jugendlihste Studentenschaft; immerhin is no< beinahe ein 8: -

Viertel derselben älter als 23 Jahre. Viel unvortheilhafter sieht es in den übrigen Fakultäten aus. ;

Der unter dem Protektorat Sr. Königlihen Hoheit des Prinz-Regenten Luitpold stehende Historishe Verein von Oberbayern veröffentlicht soeben seinen 50./51. Jahresbericht für die Jahre 1887 und 1888, den im Auftrage des Vereinsaus-