1891 / 64 p. 7 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

geringste Bedenken haben, im Gegentheil, ih würde es mit auf- richtiger Freude begrüßen, wenn es der Verwaltung gelänge, auch Personen, die aus dem Arbeiterstande hervorgegangen sind, in diese Stellung unter den gegebenen Vorausseßungen zu bringen.

Nun, meine Herren, ist ein wesentlihes Bedenken gegen die ge- plante Organisation geltend gemacht worden Seitens des Hrn. Abg. Dürre, nämlich bezügli der Kombination der Dampf- kesselrevision mit der Stellung der Fabrik-Inspektoren. Er hat selbst die Gründe bezeihnet, die für die Regierung maßgebend ge- wesen sind bei diesem Vorschlage, nämlich erstens den finanziellen Grund es handelt sich etwa um eine Summe von 450 000 #4 —, zweitens die technishe Befähigung der betreffenden Beamten, drittens die Zeitersparniß, die durch die Verbindung dieser beiden Funktionen erzielt wird, und endlich die Verminderung der Aufsits- instanzen für die betreffenden Gewerbtreibenden. Meine Herren, mir will doch§ scheinen, als ob diese Gründe wenigstens beute, wo wir im Begriff sind, diese Neuorganisation vorzunehmen, als ausschlaggebend anzusehen sind. Es ift ja gar nit gesagt, daß, wenn sich im Laufe der Zeit herausstellt, daß die Ver- einigung dieser Funktionen in der That zu großen Misfständen führt und namentli die rihtige Handhabung des Amts des Fabrik-Inspek- tors erschwert, man dann von dieser Gestaltung niht wieder abgeht. Eine Loslösung wird nicht die allermindeste Schwierigkeit haben ; Sie fönnen sie in jedem Augenblick ebenso gut machen, wie heute. Ih möchte aber erwähnen, daß das Interesse an dieser Gestaltung der Dinge weniger das der Gewerbeverwaltung als das der Finanzverwaltung, und besonders das der Gewerbtreibenden, die an dieser Frage doch sehr lebhaft betheiligt sind, ist. Denn \o wird die Sache sh doch nit gestalten, daß die Fabrik-Inspektoren nur alle zwei Jahre eine Fabrik revidiren und alle zwei Jahre auch nur Dampfkesselrevisionen vorgenommen werden; es kann vorkommen, daß eine Fabrik noch seltener inspizirt wird, aber auch, daß eine Fabrik nit einmal in zwei Jahren, sondern fünfmal in einem Jahre revidirt wird und vielleiht noch öfter.

Also diese Frage der Kombination dieser beiden Funktionen hat für den Gewerbtreibenden in der That doch meines Erachtens einige Bedeutung. Für die Fabrik-Jnspektoren selbst ist sie doch aber auch niht ohne jede Wichtigkeit. Ih meine, es ift in hohem Grade wünschenswerth, daß derjenige Beamte, der den Arbeitershuß aus- zuüben und zu überwachen hat, mit dem Faktor, der sehr wesentlich dabei in Frage kommt, mit dem Dampfkessel, auf das Intimste ver- traut is, und das wird demjenigem Fabrik-Inspektor, der die Aufgabe hat, den Kessel zu revidiren, selbstverständlih leichter sein, als dem, der mit der Kesselrevision garnihts zu thun hat. Die finanzielle Seite der Frage is au nicht zu untershäßen, und ih glaube, der Herr Finanz-Minister würde wenig geneigt sein, dem zuzustimmen, daß die Einnahmen, die immerhin beinahe eine halbeMillion betragen, gestrihen werden und statt deren eine neue Kategorie von Beamten geshafffen wird die vielleiht no@ tbeurer sein werden, als diese halbe Million. Damit if ja der Hr. ‘Abg. Dr. Dürre auch einverstanden, daß niht der Kreisbaubeamte die Kefselrevision vor- nehmen soll. Es bleibt also nichts weiter übrig, als daß spezielle Techniker bestellt werden, die nichts weiter zu thun haben, als die Dampfkesselrevision vorzunehmen. Dieser Gedanke hat bereits dieses hohe Haus früher beschäftigt; wenn ih nit irre, ist im Jahre 1887 eine Vorlage von der Staatsregierung dem Hause vorgelegt worden, wona die nur mit der Kesselrevision betrauten Beamten erheblich vermehrt werden sollten, und ich glaube, es handelte sih um eine Zahl von etwa 40 Beamten. Damals war dieses hohe Haus mit diesem Gedanken absolut nit einverstanden, man lehnte iha ab und betonte namentli dabei, daß diese Zahl von 40 eine viel zu kleine sei, um die Kesselrevisionen überall in genügender Weise vorzunehmen. Sie mögen sich daraus ein Bild machen, daß es sich hier um eine gar nicht unerheblißhe neue Ausgabe handelt ; ih möhte behaupten, daß, wenn die speziellen Beamten für die Kesselrevisionen angestellt würden, sie auf die Zahl von 120 bis 150 fommen würden, wenn das als hinreihend anzusehen ist.

Ein weiteres Bedenken is zwar nur gestreift worden, ih möchte ihm aber doch einige Worte zuwenden; das ist die Stellung der Dampfkessel-Revisionsvereine. Die preußische Staats-Regierung hat diesen Vereinen von Anfang an mit der größten Sympathie gegen- übergestanden und thut es auGŸ beute no. Sie ist der Ueberzeugung, daß sich in diesen Dampfkessel-Revisionsvereinen ein außerordentlich glücklihes Institut herausgebildet hat, das namentlich den großen Vorzug hat, eine Reibe von vorzüglich ausgebildeten Spezialtehnikern erzogen zu baben. Das erkennen wir voll an. Und aus dieser Anerkennung mögen Sie \ch{ließen, meine Herren, daß der Gedanke uns völlig fern liegt, den Dampfkessel- revisions-Vereinen zu nahe zu treten. Bis auf den heutigen Tag ift die Verbindung zwischen Dampfkesselrevisions-Vereinen und dem Handels-Ministerium eine außerordentli lebendige, und ich kann zu meiner Freude konstatiren, daß vor nit langer Zeit der Vorsitzende dieser Vereine mit mic verhandelt hat über eine Frage, die für die Industrie von der allergrößten Bedeutung ist, über die Frage der Raucverbrennung, die diese Vereine ¿um Nutzen nit nur unserer Industrie, sondern vor allen Dingen unserer Mitbürger, die in der Nähe einer industriellen Anlage wohnen, encrgish in die Hand nehmen wollen. Fch erwähne dies nur, um meiner Achtung vor diesen Vereinen Ausdruck zu geben.

F glaube sona, meine Herren, daß die Bedenken, die gegen die Neuorganisation der Giwerbeinspektion geltend gemacht worden find, nit als ausshlaggebend angesehen werden können. Ich habe dann nur noH dem Hrn. Abg. Ritter auf seine Frage eine kurze Antwort zu geben. Eine Rangerhöhung is nur in Frage bezügli der Gewerberäthe, niht bezüglich der Gewerbe-Inspektoren, nur be- züglich derjenigen Beamten, die am Sit der Regierung arbeiten, die dem Präsidenten als Hülfsarbeiter beigegeben werden follen, wie jeder andere Regierungsbeamte in der sogenannten Präsidialabtheilung und die wie andere tehnishe Räthe Mitglieder des Regierungskollegiums werden follen.

Die Gewerbeinspektoren werden erst das bekommen, was die Revier- beamten heute {hon haben. Also meine ich, daß die Frage der Er- höhung des Ranges für die Revierbeamten augenblicklich nicht vor- liegt. Habe ih vielleicht falsch verstanden? Dann bitte ich um Entschuldigung, ih kann ja nachher korrigirt werden.

Die Frage der Abnahme der Kesselrevision von den Revierbeamten und die Uebertragung derselben an “andere Stellen beschäftigt das Landels-Ministeriam au \chon seit längerer Zeit, zu eincm Abs{chluß

find wir aber noch nicht gekommen. Sie erfordert noch weitere Er- wägungen. Vorbehaltlich derselben kann ih es aber nit für unbedenkliG halten, den Gewerbe-Inspektoren die Re- vision der Dampfkessel auf der Grube zu übertragen; ob das richtig ist für einen Beamten, der mit den bergbaulihen Ver- hältnissen sonst gar nichts zu thun hat, der mit der Arbeiterfrage der Grube nit beschäftigt ist, sheint mir doch recht zweifelhaft zu sein. Fch möste heute nit näher auf diese Frage eingehen, sie hat in der That eine sehr weittragende Bedeutung, ih beschränke mich daher auf die Bemerkung, daß die Abnahme der Dampfkefselrevision von den Revierbeamten und ihre Uebertragung an andere geeignete Kräfte in Erwägung genommen ift. Es könnte ja vielleiht so kommen, daß unter Aufsiht der Revierbeamten eine Kategorie von hervorragenden Mascinentechnikern herangezogen wird, die gewisse Funktionen bei der Kesselrevision, z. B. die innere Revision, vornehmen, während der Revierbeamte nur die äußere vornimmt. Ich glaube, daß ih damit die Fragen des Herrn Abgeordneten zur Genüge beantwortet habe. (Lebhaftes Bravo.)

Abg. Bachem giebt der Zustimmung des Centrums zu der Neuorganisation Ausdruck und spricht besonders den Wunsch aus, daß nicht Leute zu Fabrikinspektoren gemacht würden, die nicht auch Aussicht hätten, Gewerberäthe zu werden; es würden sonst Fabrik- inspektoren ersten und zweiten Ranges bestehen.

Abg. Hitze spricht für die Vereinigung der Dampfkesselrevision mit der Fabrikinspektion.

Abg. Por ch bringt den Nothstand der Weber im Eulengebirge zur Sprache und erwähnt, daß nah den eingehenden Erhebungen Seitens der Regierung der Handels-Minister mit den Abgeordneten der betreffenden Kreise die dortigen Verhältnisse genau erörtert habe. Der Minister habe die wohlwollende Berücksichtigung aller Wünsche zugesagt, und hoffentlich werde es gelingen, bezüglih der Weber- verhältnisse zu einem gedeihlihen Resultat zu kommen.

Minister für “Handel und Gewerbe Freiherr von

Berlepsch:

Meine Herren! Einige wenige Worte halte ich mich do für verpflichtet, dem hinzuzufügen, was der Herr Vorredner soeben aus- geführt hat, um nit auch nur von Weitem den Anschein aufkommen zu lassen, als ob der Handels-Minister nit die Verpflichtung fühlte, dieser sehr ernsten Weberfrage näher zu treten und alles das zu thun, was in seinen Kräften steht, um hier abzuhelfen.

Auf die Einzelheiten der Lage der Weber im Eulengebirge möchte ih heute niht näher eingehen; die Presse hat sie ja reihlich be- handelt. Ih möchte nur eins erwähnen.

Sowobl die örtlihen Behörden, wie die Provinzialbehörden, wie das Ministerium und. wie endlih die sämmtlichen Herren Abgeord- neten der betheiligten Kreise, die die Freundli@hkeit hatten, meiner Einladung zu einer Besprehung zu folgen, befinden \ich in der Auf- fassung über die Situation in vollkommener Uebereinstimmung. Diese Vebereinstimmung geht dahin, daß die Aufwendung von Staaismitteln zur direkten Unterstüßung der \chlesischen Weber nicht angezeigt ift (sehr rihtig)z sie geht weiter dahin, daß es Aufgabe der Staatsregierung ift, Mittel und Wege zu suchen, nicht, um einem außerordentlichen akuten Noth- stand abzuhelfen, sondern dem chronishen Darniederliegen der Lebens- verhältnisse eines größeren Kreises unserer Mitbürger. (Sehr richtig !) Es bandelt fich darum, neue Verkehrswege zu hafen (Bravo !), es handelt s darum, neue Nahrungsquellen ins Leben zu rufen, um einem zweifellos dem Tode entgegengehenden öIndustriezweig, dem der Handweberei, das Absterben möglichst zu er- leihtern. Wir gehen von der Auffassung aus, daß es erforderlich sein wird, wenn wir uns nicht dauernd einen solchen Nothstand konserviren wollen, dahin zu wirken, daß die Handweberei nah und na in den dortigen Gegenden überhaupt aufhört. (Sehr richtig !)

Drittens waren wir in Uebereinstimmung darüber, daß, bis es gelingt, diese nothleidenden Weberkreise in andere Berufsarten aud die Landwirthschaft kommt dabei sehr stack in Frage hinüberzuführen , dahin gestrebt werden muß, ihnen eine Be- \chäftigung zu schaffen, welche diese Leute heute allein verrichten können na Lage ihrer Erziehung und der Entwickelung ihrer engeren Lebens- verhältnisse.

In dieser Auffassung, daß diese drei Wege die gegebenen sind, daß sie niht von heute zu morgen erledigt werden können, sondern Sie erst, wenigstens zum Theil, im näbsten Jahre eingehend beschäftigen werden, in dieser Uebereinstimmung befinden sich alle Diejenigen, auf deren Urtheil in dieser Frage ein hervorragender Werth zu legen ist. (Bravo !)

Die Erhöhung des Gehalts der Aichungsinspektoren von durchshnittlich 2700 auf 3600 M beantragt die Kommission abzulehnen.

Referent Abg. Graf zu Limburg-Stirum führt aus, daß die Gründe, welche für eine höhere Dotirung der Gewerbeinspektoren gesprochen hätten, hier niht plaßtgriffen. Die Regierung möge im nächsten Jahre eine Gehaltserhöhung, wenn auch nicht im Umfange der hier beabsichtigten, vors&lagen.

Abg. Boediker tritt demgegenüber für die Bewilligung ein.

Minister für Handel und Gewerbe Freiherr von Berlepsch:

Meine Herren, ich bin dem Herrn Vorredner außerordentlich dankbar für die warmen Worte, die er im Interesse einer Beamten- klasse gesprochen hat, die meines Erachtens einer Aufbesserung ihres Gehalts durchaus würdig und bedürftig ist. Ich bitte Sie mit ihm- den Antrag der Budgetkommission abzulehnen und die Regierüngs- vorlage wieder herzustellen. Jh glaube, daß die Stimmung, die dazu geführt hat, den Antrag der Regierung auf eine Gehaltserhöhung der Aichungs-Inspektoren in Jhrer Kommission abzulehnen, im Allge- meinen auf der Auffassung beruht, daß es fich hier um eine Klasse von Subalternbeamten handle, die in ihren Leistungen niht weit über das Maß tessen hinaus gehe, was man eben von einem technischen Subalternbeamten zu verlangen hat. Meine Herren, diese Auffassung ist meines Erachtens völlig unzutreffend. Der Aichungs-Inspektor ift ein Provinzialbeamter ; er untersteht direkt der Centralinstanz; zwischen ibm und dem Minister besteht keine Zwischeninstanz; er wirkt an dem Orte, an den er gestellt ist, ohne jede Kontrolle, und aus dieser That- sache geht für die Regierung die Nothwendigkeit hervor, in der Aus- wahl der betreffenden Personen sich außerordentlich zu beschränken, und nur solche Personen auszusuchen, die niht nur technisch und wissenschaftlich genügend befähigt sind, sondern auch in ihrer ganzen Perfon eine absolute Garantie dafür bieten, daß sie auch ohne spezielle Auf- siht in der Erfüllung ihrer amtlichen Pflichten keiner anderen Be- amtenkategorie nachstehen.

In welcher Weise, meine Herren, in anderen deutschen Staaten

die Stellung der Aichungs-Inspektoren aufgefaßt wird gestatte ih

mir, Ihnen klar zu stellen an dem Beispiel von Sachsen, Wöürttem- berg, Baden und Elsaß-Lothringen. In Bayern sind besondere Ver- hältnifse ; dort ist die ganze Drganisation der Behörden eine andere. Fh bin nit in der Lage, das Nähere über dieselbe Ihnen mit- zutheilen. In Sachsen besteht eine sogenannte Ober-Aichungs-Kom- mission. Diese hat dieselben Funktionen wie bei uns der Aichungs- Inspektor. Der Vorstand derselben ist ein Professor an der Technishen Hochschule; dann hat sie zwei Mit- glieder, ein juristishes und ein technisches, welhes früher Gewerbe-Rath gewesen ist. Ale drei fungiren im Nebenamte. Die Gehaltsverhältnisse dieser Persönlichkeiten sind mir nicht bekannt, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß von einem Gehalt von 2700 A im Dur@schnitt nit die Rede ist. Ich führe das Beispiel nur an, um zu charakterisiren, daß man in Sawsen an die Funktionen eines Aichungs-Inspektors doch erheblih höhere Ansprüche richtet, als sie von Subalternbeamten erfüllt werden können. In Württemberg hat der Aihungs-Inspektor als Techniker die Staatsprüfung abgelegt, er ist zugleich Mitglied der Centralstelle für Gewerbe und Handel, sein Gehalt beträgt 5040 A mit einem Wohnungsgeld-Zuschuß von 2970 A Allerdings ift er in einem Nebenamt noch anderweitig bes schäftigt. In Baden fungirt als Aihungs-Inspektor der Vorsteher der Münzverwaltung, welcher dort niht voll beschäftigt ist, mit einem Gehalt von 5200 M und 629 A Wohnungsgeld-Zushuß, er rangirt mit dem Vorstand der Bezirksämter, das sind die Landräthe bei uns mit den Gymnasialdirektoren, den Landgerichtspräsidenten u. \. w. In Elsaß-Lot hringen bezieht der Aihungs-Inspektor, weler nichts weiter zu thun hat, als dieses Amt auszufüllen, 4800 „M als Gehalt.

Meine Herren, Sie können doch daraus \{ließen, daß die Auf- fassung, daß die Funktion eines Aihungs-Inspektors weit über den Funktionen steht, die von einem Subalternbeamten verrichtet werden, in unseren Nachbarstaaten vollauf anerkannt wird, und ich möhte den Wunsch aussprehen, daß wir uns in Preußen niht auf den Stand- punkt stellen, daß die Stellung und Aufgabe des Aichungs-Inspektors die eines Subalternbeamten ift.

Meine Herren, die Aufgaben der Aihungs-Inspektoren sind ja dreierlei; sie Haben zunächst eine ständige Ueberwachung der im Verkehr befindliGßen Maße, Gewihte und Waagen auszuüben, sie haben dann die Beaufsichtigung der kommu- nalen Aichungsämter vorzunehmen, und habea drittens die Leis tung des am Sitze der Inspektion befindlichen Haupt-Aichungsamtes. Die Beaufsichtigung der Gemeinde - Aihungsämter ist eine hervor- ragende Aufgabe dieser Beamten, und das ist nicht eine so einfache Sache, wie es im ersten Augenblick erscheint. Die Zahl der Aichungs- Aemter ist in einzelnen Bezirken außerordentlih groß; so hat z. B. der Aichungs-Inspektor in Köln 133 Aichungs-Aemter zu revidiren, in Dortmund 63, in Kassel 62, in Breslau 48, in Berlin 42, in Magdeburg 41, in Königsberg 26. Bei diesen Revisionen hat der Aichungs-Inspektor fortgesezt mit den städtischen Kommunal- behörden zu verkehren, mit denen gemeinsam er die Aufficht über das Aichungsamt führt. Die Interessen, die er zu vertreten hat, stimmen niht immer mit den Interessen der städtischen Verwaltung, nament» li auf finanziellem Gebiete überein; es gehören daher zur richtigen Ausübung des Amts Personen, die es verstehen au mit den Kommunal- behörden großer Städte in richtiger Weise zu verhandeln. Sie müssen nit nur die nöthige, administrative Vorbildung, fondern auch den nöthigen Takt und das nöthige Geshick haben. Das sind alles Dinge, die wir von einem Subalternbeamten mit einem Gehalte von 2700 A meines Erachtens nicht wohl verlangen können. Wie der Herr Vorredner erwähnt hat, existiren für die tehnische Vorbildung der Aichungs-Inspektoren bestimmte Vorschriften niht. Inzwischen bitte ih Sie, zu berücksihtigen, daß die betreffenden Beamten niht nur eine technische, sondern auch eine wissenschaftlihe Vorbildung haben müssen; auch der Herr Referent hat zugegeben, daß sie dieselben auf gewissen Gebieten nicht entbehren können, sie müssen in den Naturwissenschasten, in der Mathematik eine wissenschaft- lie Vorbildung haben, ohne die sie nicht im Stande sind, ihres Amtes zu walten. Die Aihungs-Inspekioren haben die Aufgabe, die Aihmeister in ihrer Amtsführung zu kontrolliren, sie müssen denselben die technischen Vorschriften verständlih machen, daher auch deren wissenshaftliße Grundlage kennen, sie haben die Aich- meister zu prüfen und die Bewerber für die betreffenden Stellen aus- zusuhen. Ih behaupte, daß auch diese Funktionen nicht solhe sind, die man von Subalternbeamten verlangen kann. Dann, meine Herren, liegt den Aihungs-Inspektoren die periodishe Vergleichung der in den Händen der Aichungsämter befindlihen Aihungsnormale mit den Rormalmaaßen und Gewichten ob; über diese Ver- gleihung müssen fie der Normal - Aihungskommission ein- gehenden Bericht erstatten, das sind zeitraubende und s{chwierige Arbeiten, die eine wissenschaftliGhe Vorbildung absolut er- fordern, denn die Normal-Aihungékommission muß sie benußen, um ibre weiter gehenden Aufgaben zu erfüllen.

Nun, meine Herren, die Gehaltsverhältnisse, wie fie jeßt bes stehen, sind Ihnen bereits vorgeführt, Wir haben einen Beamten, der 3600 M bezieht, und von den sieben, die den Durchschnitt von 2700 M beziehen, steht einer auf der niedrigsten Stufe von 2400 Æ: einer auf der höchsten von 3000 (4 Die Beamten stehen lange Jahre auf diesem Standpunkt, einer von ihnen bereits seit 1873, ohne vor- wärts kommen zu können. Was jeßt von der Regierung gefordert wird, meine Herren, {eint mir weder über das Maß des Noth- wendigen, noch über das Maß der Billigkeit hinauszugehen, und ih wiederhole die dringende Bitte, bewilligen Sie die hier erbetene Gehaltserhöhung für die Aichungs-Inspektoren. Wenn auch das Marimalmaß von 4800 # hoh erscheint gegenüber dem, was sie bisher gehabt haben, so bitte ih doch zu berücksihtigen, daß auf das bhöbste Maß immer nur einer dieser Beamten kommt, daß sie lange Jahre brauchen, ehe sie es erreichen, daß außerdem dieses Maximal- gehalt nicht gegeben werden muß, sondern nur die äußerste Grenze dessen andeutet, was die Verroaltung geben darf, und die Bewilligung dieses Gehalts immer noch von Umständen abhängt, von der Anciennetät und von der Leistung des Beamten. Die Auffaffung, daß mit der Bewilligung der erwähnten Erhöhung die Aichuñngs- Inspektoren mit den Gewerbe-Inspektoren gleichgestellt werden, die Beamten, welche selbständig an der Spiße eines großen Bezirks stehen, gegenüber Lokalbeamten, die unter Aufsicht eines Gewerberaths und eines Regierungs-Präfidenten stehen ist ni@t zutreffend. Sie follen zwar das gleihe Maximalgehalt beziehen, im Durchschnitts- gehalt fieht aber der Aihungs-Inspeïtor au nah unserem Vorschlage

um 600 Æ jährli s{chlechter als der Gewerbeinspektor. Eine Gleich-

stellung liegt also nicht vor, und ich kann nur meine Bitte wieder- bolen, bewilligen Sie die hier erbetenen Gehaltsverbesserungen.

Die Abgg. von Stüve und Ludowieg treten ebenfalls für die Bewilligung ein.

__ Die Position wird darauf unverändert nach der Re- gierungsvorlage genehmigt.

Der Etat des Ministeriums für Handel und Gewerbe ist damit erledigt, mit Ausnahme des Kapitel3 „Gewerbliches Unterrichtswesen“, welches bis zum Eingang der bezüglichen Denkschrift zurückgestellt wird.

Schluß 4 Uhr.

Parlamentarische Nachrichten.

Dem Herrenhause is folgender Gesehentwurf, be- treffend die Ergänzung des Geseges bezüglih der evan- gelishen Kirchenverfassung, ugegangen :

Artikel 1 An die Stelle der Bestimmungen unter Nr. 2 und 3 im Artikel 8 des Geseßes, betreffend die evangelische Kirchen- verfassung in den acht älteren Provinzen der Monarchie, vom 3. Juni 1876 über die Rechte der vereinigten Kreissynoden der Haupt- und Residenzstadt Berlin, treten nachstehende Vorschriften :

2) Anleihen aufzunehmen. Die Anleihen dürfen nur zur Errichtung neuer kirch{licher Gebäude ver- wendet werden. Zur Aufnahme bedarf es der Ge- nehmigung des Staats-Ministeriums.

3) Allgemeine Umlagen auszushreiben und zwar: a. Behufs Ersay für die Stolgebühren, b. zur Verzinsung und Abtragung der Anleihen, e zur Gewährung von Beihülfen an ärmere Parothieen Behufs, Befriedigung dringender kirchliher Bedürfnisse, Soll die Umlage für die beiden leßteren Zwecke zehn Prozent der Summe der von den pflihtigen Gemeindegliedern jährlib an den Staat zu entrihtenden Personalfteuern (Klassen- und Einkommensteuer) über- steigen, so bedarf es der Genehmigung des Staats-Ministeriums, d, Behufs Berichtigung des Antheils aller Gemeinden an den Kreis-, Provinzial- und General-Synodalkoften, sowie an den im Wege kirhliher Geseßgebung festgestellten Umlagen für provinzielle und landeskirchliche Zwecke. Die Umlagen müssen gleichzeitig in allen Gemeinden nah gleihem Maßstabe erhoben werden, und gilt für den Repartitionsfuß die Vorschrift des §. 31 Nr. 6 der Kirchen- gemeinde- und Synodalordnung vom 10. September 1873. Auf die Beschlüsse über solche Umlagen findet Artikel 3 Absay 3 und 4 des Geseßes vom 25. Mai 1874 Anwendung.

4) Eine Synodalkasse für die Einnahme und Verwendung der ausgeschriebenen Umlagen und aufgenommenen Anleihen zu entrichten.

Artikel 2. In dem Regulativ für die vereinigten Kreis- \synoden der Haupt- und Residenzstadt Berlin ist zu bestimmen, wie die von denselben zur Ausübung ihrer Rechte erforderliden Be-schlüsse gefaßt werden, und ihre ordnungsmäßige Fassung Dritten gegenüber festgestellt wird.

Artikel 3, Weigern sich die vereinigten Kreis\synoden, ge- seglihe Leistungen, welche aus der Synodalkasse zu bestreiten sind, auf den Etat zu bringen, festzuseßen oder zu genehmigen, \o findet Artikel 27 Absay 2 und 3 des Gefeßes vom 3. Juni 1876 sinn- gemäße Anwendung.

Artikel 4. Mit dem Tage des Inkrafttretens dieses Gesehes tritt das Gesey vom 6. März 1882 außer Kraft.

Jn der Begründung heißt es:

Wiederholt s{on haben die vereinigten Kreis\synoden der Haupt- und Residenzstadt Berlin auf Beilegung der Befugniß zur Aufnahme von Anleihen angetragen, um dadurh in den Stand geseßt zu werden, dem vorhandenen kirchlichen Nothstand der Stadt niht nur dur Gründung neuer Pfarrstellen, sondern auch durch Errichtung neuer kfirhlicher Gebäude wirksamer abhelfen zu können, Nachdem auch das Haus der Abgeordneten beschlossen hat, eine Péitition des Propstes und Ober-Konsistorial-Raths D. Freiherrn von der Golß um Be- willigung von Staatsmitteln zu gleihem Zweck der Staatsregierung mit dem Ersuchen zu überweisen, das Geeignete zu veranlassen, um die finanziellen Kräfte der evangelishen Kirhengemeinden und der evangeliswen Bevölkerung Berlins in vollem Umfang für die Be- seitigung der kirchlichen Nothstände nußbar zu machen, hat die König- lihe Staatsregierung geglaubt, den früher gegen die Beilegung der Darlehnsfähigkeit an die vereinigten Kreissynoden Berlins hervor- un Bedenken keine weitere Folge geben, vielmehr in vor- tehender Gestalt einen dahin gehenden Geseßentwurf vorlegen zu jollen. Zum Nachweis des Bedürfnisses wird ausgeführt :

Der Voranschlag der vereinigten Kreissynoden für 1890/91 weist als Einnahmequelle neben einigen Ersparnissen aus den Vorjahren eine Umlage von 10 9% des VBeranlagungsfolls der klassifizirten Ein- fommen- und Klassensteuer aus\chließlich der sechs untersten Stufen der leßteren mit einem Ertrage von rund 750000 # auf. Dem- gegenüber stehen Ausgaben im Gesammtbetrage von 775 100 (6 Die evangelishe Bevölkerung in den 16 Außengemeinden Berlins wird gegenwärtig auf 8—900 090 Seelen geschäßt. Es sind dort zur Zeit vorhanden 44 geistlihe Stellen. Werden als Maximalzahlen für die Seelsorge eines Geistlihen 5000, 8000 oder 10 000 Seelen angesehen, so würden in diesen Gemeinden 173, 108 oder 86 Geistlihe vorhanden sein, also, da die Zahl der geistlichen Stellen in denselben zur Zeit 44 beträgt, 129, 64 oder 42 Stellen neu begründet werden müssen. Wenn diese Stellen zunächst auch nur nach dem Minimalsay für Berlin mit 3600 Gehalt und 1200 4 Miethsents{ädigung ausgestattet würden *®), fo ergiebt si ein jährliches Erforderniß von 619 200 4, 307 200 M oder 201600 G Diese Summen entsprehen etwa 8 °/o, 4 % oder 2,7 °%/ des für die Umlage der vereinigten Kreissynoden maßgebenden Veranlagungéfolls der klassifizirten ECinkommen- und Klassensteuer. Hierzu treten noch die Bedürfnisse, die durch den weiteren Zuwachs der evangelischen Bevölkerung entstehen , welcher auf4jährlich etwa 44 000 Seelen anzunehmen ist, und allerdings auch einen Zuwachs an Steuerkcaft bedeutet.

__ Soll die Vermehrung der geistlichen Kräfte ihren Zweck erreichen, so muß, bis sich die Einrichtung einer entsprehenden Anzahl neuer Parochieen ermögliht, zuglei eine Zerlegung der bestehenden Pa- rocieen in Seelsorgebezirke erfolgen. Die finanziellen Anforderungen, welhe sich aus der Bildung folher Seelsorgebezirke ergeben: für Miethe eines Bet- und Koufirmandensaales, für die Anstellung eines Kirchendieners, für Orgelspiel belaufen sih auf 2300 , also für 129, 64 oder 42 Stellen auf 296 700 4, 147 200 A und 96 600 4, d. h. etwa 4/9, 29/0 oder 1,3 0/0 des für die Umlage der vereinigten Kreis\synoden maßgebenden Veranlagungsfolls der klassifizirten Ein- fommen- und Klassensteuer. Diese Nebenkosten vermehren si bei O neuer Parochieen statt der Seelsorgebezirke um noch etwa

M

Es folgt daraus, daß {on allein durch die unumgänglih noth- wendige Vermehrung der Geistlichen die Steuerkraft der evangelischen Einwohnerschaft Berlins derart angespannt werdea muß, daß von

dem jährlichen Umlageertrage für die Erbauung neuer Kirchen nur wenig übrig bleibt. :

Es sind bis jeßt von den vereinigten Kreissynoden zu Neubauten von Kirchen flüssig gemacht: 1887/88 50 000 4, 1888/89 1006 009 M, 1889/90 95 000 M, 1890/91 180000 ÆA, im Ganzen 425 000 Daran sind erst fünf Kirhen Emmauskirche, Gethsemanekirche in der Zionsgemeinde, Auferstehungskirhe in der Markusgemeinde, die zweite Kirhe in der Nazarethgemeinde und die zweite Kirche in der St. Johannesgemeinde (Moabit) betheiligt, und werden für diese voraussihtlich noh 5- bis 600 000 M erforderli werden.

*) Anmerkung: Der Minimalsay für jeden ersten Prediger (Pfarrer) beträgt sogar 4500 \ Gehalt und 1500 \ Mieths- entshädigung. Außerhalb erhält jeder Geistlihe nah dem 15. Dienst- jahre eine Zulage von 300 #4, nah dem 20. Dienstjahre eine Zulage von 600 #6 und nah dem 25, Dienstjahre eine Zulage von 900

Außerdem i} eine Reihe von Kirchenbauten in Aussiht oder auch \{on in Angriff genommen nämli die Himmelfahrtskirche in der Elisabeth-Gemeinde, die Gnadenkirche in der Invalidenhaus- Civilgemeinde, die Lutherkirhe, sowie die Kaiser-Wilhelms-Ge- dächtnißkirhe in der Zwölfapostel-Gemeinde (über 80 000 Seelen), und je eine zweite Kirhe in der Dorotheenstädtishen und in der Bartholomäusgemeinde —, für welche zum größten Theile auf die Anregung von Allerhöchster Stelle durch Privatvereine und Sammlungen, durch Bewilligung aus den wohlhabenderen Kirchenkassen, durch Mithülfe der Stadt, sowie durch Gnaden- geshenke aus dem Allerhöchsten Dispositionsfonds bei der Gencral- Staatskasse die Mittel soweit bereits beshafft sind oder noch beschafft werden, daß die vereinigten Kreissynoden entweder gar feine oder nur verhältnißmäßig geringe Beiträge von je 50 000 bis 75 000 M werden zushießen müssen. Soll indessen auch zunächst nur erreiht werden, daß zu keiner Kirche mehr als 40 000 Seelen ge- hören, so müssen ferner noch erbaut werden; in der Heilig-Kreuz- - Gemeinde mit 130—140 000 Seelen drei neue Kirchen, ia der Zionskirhen-Gemeinde mit 130 000 Seelen eine vierte Kirche, in der Markus-Gemeinde mit 120 000 Seelen wenigstens eine dritte Kirche, in der St. Iohannes-Gemeinde (Moabit) mit über 90 000 Seelen eine dritte Kirche, in der Emmaus-Gemeinde mit 94 000 Seelen eine zweite und dritte Kirche, in der Thomas- Gemeinde mit 70000 Seelen eine zweite Kirhe, in der Andreas-Gemeinde mit 65000 Seelen eine zweite Kirche. Die Kosten jeder dieser neuen Kirhen sind einscließlich des Bauplaßes auf mindestens 500000 # zu veranschlagen. Endli werden für die Erweiterung, bezw. den Neubau der nach ihrem Umfange gänzlich unzureihenden Philippus-Apostel- kirhe (720 Sißpläge bei 16—20 000 Seelen), Simeonskirhe (500 Sig- pläße bei 41000 Seelen), Golgathakirche (323 Sitßpläye bei 36 000 Seelen), Johannes-Evangelistkirhe (500 Sitßpläßge bei 10 000 Seelen), St. Paulskirhe (363 Sißpläte bei 40 000 Seelen) au noch erheblihe Beträge nöthig werden, sodaß {hon hiernah im Ganzen auf einen Bedarf von 8—10 Millionen Mark mit Sicher- heit gerechnet werden kann.

Es leu{tet aber ein, daß dieser Zustand, bei welchem in den Außengemeinden erst auf 30—40 000 Seelen eine Kirche entfällt, bei Weitem noch kein befriedigender sein würde, also die Aufgaben der vereinigten Kreissynoden damit noch nit abgeschlossen sind. Ferner wird auch bier allmählih für den fonstanten Zuwachs von jährlich etwa 44 000 evangelisher Einwohner gesorgt werden müssen. Endlich Me Bedarf an Pfarr- und Küsterhäusern noch gar nit berück-

igt.

Iedes Prozent einer Erhöhung der Kirhensteuer bedeutet eine Mehreinnahme von 75 000 M.

Ob die Mitheranziehung der 5. und 6. Stufe der Klassensteuer, deren Bruttoertrag bei 109% auf etwa 40000 4 geschäßt wird, einen entsprehend hohen Reinertrag abwerfen würde, erscheint bei der damit verbundenen wesentlichen Erhöhung der Unkosten zweifelhaft. Jedenfalls kann auch hierdurch niht der genannte Bedarf für die Neubauten beschafft werden, wenn nicht überhaupt die Vermittelung einer Anleihe ermögliht wird.

Statiftik und Volkswirthschaft.

: Wagengestellungen.

Die Förderung der Kohle, des im Regierungsbezirk Dppeln wichtigsten Minerals, wurde durch den außergewöhnlich starken Swneefall, der gerade in einer Zeit eintrat, zu welcher die Nachfrage am Größten war, zeitweise niht unwesentlich behindert. Bei den durch Wowen andauernden S{hneeverwehungen war die Eisen- bahnverwaltung ungeahtet größter Anstrengungen an ein- zelnen Tagen außer Stand geseht, die dem erhöhten Bedarf entsprehende Anzahl von Eisenbahnwagen zur Abfuhr der Kohlen voll zu gestellen. Die Grubenverwaltungen wurden hierdurch stellen- weise genöthigt, die Kohlen auf die Halde zu stürzen, während es auch vereinzelt vorgekommen ist, daß der Betrieb in Folge des augenblick- lien Mangels von Kohlen reduzirt werden mußte. Die im Werke befindlihe Erweiterung der Bahnhöfe im Industrie- bezirk wird dazu beitragen, in der Folge die rechtzeitige Ge- stellung der Wagen auch dann zu ermöglihen, wenn fo außer- ordentliche elementare Störungen, wie in diesem Winter, wieder ein- treten sollten, Im Uebrigen haben leßtere einen wirklichen nach- theiligen Einfluß auf die Lage der Industrie nicht auszuüben ver- mocht. Namentlich gilt dies auch von den Arbeitern, bei denen der bezogene Gesammilohn si eher erhöht als vermindert hat.

Export.

Bei sonst allgemein matterer Geschäftslage hat das Erxport- geshäft aus dem Regierungsbezirk Dpp eln nach den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika troy der nach Erlaß der Mac Kinley-Bill ent- standenen Befürchtungen nicht nur befriedigenden Verlauf genommen, sondern auch genügend Aufträge für die nächsten Monate gebracht.

Im Regierungsbezirk Liegniß trat in leßter Zeit eine wenn auch kleine Verringerung des Exports von Industriewaaren, nament- lich von Lauban aus, nah Amerika ein. in Folge der Mac Kinley- Tarifbill, sodaß die Exporteure der Zukunft mit einer gewissen Be- forgniß entgegensehen.

Zur Sachsengängerei.

Der Zug der Arbeiter nah dem Westen hat im Regierungsbez rk Gumbinnen bei der legten Volkszählung zu dem Ergebniß geführt, daß in vielen dortigen Kreisen die Bevölkerung gegen das Jahr 18585 theils zurückgegangen ist, theils sich nur unwesentlih vermehrt hat.

Arbeiterkolonien.

__ Der „Verein für die Berliner Arbeiterkolonie“ nimmt jeßt, wie wir hören, die Begründung einer Filiale in einem anderen Stadttheil in Auësiht. Von vornherein war bei Beginn seiner Thätigkeit im Jahre 1883 der Name: „Verein für Ber- liner Arbeiterkolonien* gewählt und somit die Begründung mehrerer Kolonien ins Auge gefaßt worden. Nachdem sich jeßt herausgestellt hat, daß die bestehende Kolonie in der Reinickendorferstraße 36a troß ihrer verhältnißmäßig {nellen Er- weiterung auf 200 Betten dem Bedürfniß bei Weitem noch nicht genügt, da in den Wintermonaten mehr als tausend Aufnahme- begehrende zurückgewiesen werden mußten, hat man si ents{hlofsen, mit der Begründung einer Filiale vorzugehen, wozu die einleitenden Schritte bereits geschehen sind.

Zur Arbeiterbewegung

In Bochum fand vorgestern eine zahlreih besudte Versamm- lung von Vertretern der Zechen statt. Zweck derselben war der „Rh.-Westf. Ztg.“ zufolge eine Besprehung der von den Berg - arbeitern gestellten Forderungen, die in Gemäßheit der von dem Delegirtentage am 15. v. M. gefaßten Beshlüsse durch ein so- genanntes Erxekutiv-Comité sämmtlihen Grubenverwaltungen unter- breitet worden sind, mit dem Ersuchen, bis zum 20. März die Antwort darauf zu ertheilen. Die Versammlung exklärte die beiden Haupt- forderungen, die ahtslündige Schicht inkl, Ein- und Ausfahrt und den Minimallohn, für vollständig unannehmbar. Auch ent- schied man sich einmüthig dahin, daß diesen ungerechtfertigten Forde- rungen der entschiedenste Widerstand entgegenzuseßen sei. Eine Antwort wird man dem Comité nit ertheilen, weil man das- selbe niht für eine kompetente Vertretung der Bergarbeiter ansieht, Wie ein Wolff's{hes Telegramm aus Hambur g berichtet, fand in einer zablreich besuchten Versammlung der strikenden Cigarren- Arbeiter und Cigarren-Sortirer vorgestern die Konstituirung einer Produktiv-Genossenshaft für Tabadckfabrikate von Hamburg, Altona und Umgegend ftatt. In einer gestern Abend dort abgehaltenen Versammlung des Unterftüßungsvereins der Tabadckarbeiter wurde beschlossen, in Rücksicht auf den Mangel

an Unterstüzungsgeldern den Strike für beendet zu erklären,

Aus Oberstein wird geschrieben: Vor einigen Tagen weilte hier ein allem Anschein nach der Sozialdemocratie angehöriger Agitator, um einen Zweigverein der Hamburger Hülfskasse der Gold- und Silberarbeiter zu gründen, Einige junge Leute, meist von auswärts Zugezogene, sammelten sch um ihn, und dieVereinssazungen wurden festgeseßt. Dieselben mußten der Polizeibehörde zur Durchsiht vorgelegt werden, und da stellte sich, nach dem „Kr. Gen.-Anz.“, heraus, daß der Zweck des Vereins auf die Erringung einer Normalarbeitszeit und eines Normalarbeitslohnes und Abschaffung der Stück- und Akk ordarbeit hbinzielt. In einer Fabrik sind in Folge dessen drei Arbeiter, die dem Verein beitraten, entlassen worden, und andere Fabrikanten wollen dem Beispiel folgen, sobald Arbeiter ihrer Fabriken dem Verbande beitreten.

In Leipzig fand am Donnerstag unter dem Vorsiß des Innungs-Obermeisters eine von ca. ahtzig Personen besucbte Versammlung der bei Innungsmeistern beschäftigten Barbier- und Friseurgehülfen statt, in der es sich um die Neuwahl des Innungs- Gehülfenaus\huf}ses handelte. Dieses Vermittelungsorgan zwischen Arbeit- gebern und Gehülfen kam aber nur unter dem Widerspruch eines niht unerheblichen Theils ter Versamnluig zu Stande. Eine aus Innungsmeistern, sonstigen Arbeitgebern und Gehülfen des Schneidergewerbes gemishte Versammlung verhandelte über die in der Gehülfenversammlung vom 10. März erhobenen Beschwerden, betreffend die Beschaffung gesunder Arbeitsräume, Einschränkung der Hausindustrie, Lieferung der Zuthaten dur die Arbeitgeber u. \. w. Sämmtlihe Arbeitgeber erkannten die Berechtigung dieser Beschwerden an. Der Vertreter der Nichtinnungs- meister versprach in dieser Namen Abhülfe, sobald dieselbe Zusage von der Innung abgegeben werde. Da die Innung dazu noch keine Gelegenheit gehabt hatte, konnten ihre anwesenden Mitglieder eine gleihe Erklärung nicht abgeben, indessen hatte es den Anschein, als werde die Angelegenheit zur Zufriedenheit der Gehülfen erledigt werden.

Wie der „Köln. Ztg.“ aus Paris geschrieben wird, hat die vor- bereitende Kommission für die Kundgebung am 1. Mai am Mittwoch eine Abordnung gewählt, welche der Kammer eine Petition über- bringen soll. Die Kammer wird darin gebeten, zu be\{chließen, daß die Staatsbetriebe am 1. Mai feiern, um so die feste Absicht der Einführung des achtstündigen Arbeitstages in den Staats- betrieben auszudrücken. Am Sonntag veranstaltet die Kommission eine große Versammlung.

Nah Mittheilung des Statistishen Amts der Stadt Berlin sind bei den hiesigen Standesämtern in der Woche vom 1. März bis inkl, 7. März cr. zur Anmeldung gekommen: 251 Ghe- \chließungen, 1077 Lebendgeborene, 34 Todtgeborene, 664 Sterbefälle,

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperr:1ngs§- Maßregeln.

Cypern.

Zufolge Verfügung der Lokalregierung der Insel Cypern ift die gegen Ankünfte von der Küste zwishen Adalia und Beirut #. Zt. verhängte Quarantäne zu Gunsten derjenigen Schiffe, welche in einem Zwischenhafen reine Gesundheitspässe erlangt haben, durch eine äczt- lihe Besichtigung erseßt worden. (Vergl. „R.-A.* Nr. 296 vom 9, Dezember 1890.)

Griechenland.

Die Königlich griehishe Regierung hat die Aufhebung der Quarantänemaßregeln verfügt, welchen bisher die von der zwischen Seleucia und (einshließliG) Alexandrette gelegenen klein- asiatishen Küste kommenden Provenienzen unterworfen waren. Die von diesem Küstenstrih auslaufenden Dampf- und Segelschiffffe haben fortan, nah Vornahme einer ärztlihen Visitation, freien Zugang.

Anstatt einer elftägigen, unterliegen ferner fortan nur einer fünf- tägigen Quarantäne die Dampf- und Segelschiffe, welhe von der zwischen Alexandrette und Beirut (aus\ch{chl.) gelegenen kleinasiatischen und syrishen Küste auslaufen. Die Quarantäne kann in allen Häfen des Königreichs abgehalten werden, in welchen Gesundheitsämter errichtet sind. Für Dampf- und Segelschiffe dieser Kategorie, welche O Qua in Quarantäne befinden sollten, dauert dieselbe noch ünf Tage.

Handel und Gewerbe.

Mit der vom 1. November d. J. bis zum 31. Mai k. J. in Palermo statifindenden nationalen italienischen Ausstellung wird eine internationale Ausstellung von Betriebs- und Arbeitsmaschinen, sowie von Werkzeugen, welhe Zwecken der Kleinindustrie dienen, verbunden werden. Unter Betriebsmaschinen für die Zwedcke der Kleinindustrie sind solche zu verstehen, welche eine Ent- wicklung von fünf Pferdekräften nicht überschreiten und außer- dem die Gewähr völliger Sicherheit bieten, sodaß ihre Ver- wendung in der Hausindustrie ohne Anlage besonderer und fostspieliger Vorrichtungen möglich ist.

Arbeitsmaschinen im Sinne des Ausstellungsprogramms sind solche, welche mit der Hand oder mit Motoren, und zwar direkt oder auch durch Uebertragung betrieben werden und selbst in engen Geschäftsräumen und in bewohnten Räumen derwendbar sind. Das Ausstellungs-Comits hat sich das Recht vorbehalten, in einzelnen Fällen Arbeits- und Betriebsmaschinen, auf welche die obigen Definitionen nicht zutreffen, je nah dem Ausfall einer besonderen Prüfung ausnahmsweise zuzulassen. Ausgeschlossen sind Dampfmaschinen, sofern fie niht ganz besondere Vorzüge auf- weisen, z. B. größere Sicherheit, Ersparnisse beim Betrieb und leihtere Handhabung. Für die Dauer der Ausstellung können die auszustellenden Betriebs- und Arbeitsmaschinen zollfrei in Ztalien eingeführt werden. Die Gesuche um Zulassung sind von den Ausstellern an das Exekutiv-Comité in Palermo zu richten.

Tägliche Wagengestellung für Kohlen und Koks an der Ruhr und in Oberschlesien. An der Ruhr sind am 13, März gestellt 10 901, nicht rechtzeitig gestellt 17 Wagen. / In Oberschlesien sind am 12, d. M. gestellt 4773, nit rechtzeitig gestellt 9 Wagen.

Berlin, 13. März. Amtliche Preisfeststellung für Butter, Käse und Shmalz.) Butter: Hof- und Genofßjen- \chaftsbutter Ia. 110—1i2 M, Ila 107—109 A, IIla. —, do. abfallende 100—106 M, Land-, Preußische 87—92 H, Netbrücher 87—90 M, Pommersche 88—93 #, Polnishe 88—91 #, Bayer. Sennbutter 102—105 Æ, do. Landbutter 85—90 #, Shhlesische 88—92 M, Galizishe 75—78 #4 Margarine 40—70 # Käse: S(chweizer, Emmenthaler 93—98 #, Bayerischer 75—80 Æ, do. Ost- und Westpreußischer Ta. 72—78 M, do. Ila 65—70 M, Holländer 80—90 M, Limburger 40—46 F, Quadratmagerkäse Ia. 22—26 M, do. Isa. 12—16 ÆÁ Swhmalz: Prima Western 17 9/0 Ta. 39 A, reines, in Deutschland raffinirt 42—44 A, Berliner Bratenschmalz 44—48 Æ Fett, in Amerika raffinirt 37 S, in Deutschland raffinirt 40—42 4M Tendenz: Butter: Bei fester Stimmung konnten ih Preise für feine Butter voll behaupten. Landbutter höher bezahlt. Schmalz: Bei lebhaftem Geschäft Preise rapide steigend.

In der Generalversammlung der Deutschen Grundschuld- Bank. vom 13. Mäcz d. J. waren 14 Aktionäre mit 900 000 4 und 900 Stimmen vertreten. Nach Bekanntgabe des Geschäftsberichts der Direktion und des Berichts der Revisionskommission wurde die

mit einem Reingewinn von 236459 # abschließende Bilanz