1891 / 66 p. 5 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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der Teleki’shen Expedition rnd von Vorelli schr wahrs{Weinli< er- scheint. Bisher ift eine Erforsbung des Juba nur einmal ernftlih versu<t worden von Baron Cl. von der De>ken, welcher na< dem Swiffbru<þ seines kleinen Dampfers „Welf*“ im Jahre 1865 in Bardera ermordet wurde.

EStatiftik und Volkswirthschaft.

Zur Arbeiterbewegung.

Aus dem Saarrevier \Sreibt man der „Frkf. Ztg.“, daß die Versammlung der Ausshußmitglieder der fis falishen Gruben vom 15. d. M. sh in ihrec üver- wiegenden Mehrkbeit fün Ds E Partter Aopgrenas ausgesprohen habe; sie sei s<licßli polizeiti ausgei0o! wehe L. d. gestrige e 65 D D). Wie der „Rh.-Westf. 3tg.“ aus Saarbrü>ken geshrieben wird, haben die Aus- \{ußmitglieder der Grube „Schwalbach“, welde zur Berg- insvektion I gehört, der einzigen unter den 11 Inspektionen, welche id an den großen Strikes im Jahre 1889 nicht betheiligte, folgende Erklärung erlassen: Die Belegschaft der Grube „Sc{bwalbah“ betheiligt sid ni<ht an dem inter- nationalen Kongreß zu Paris und wird auch zu den dur< die Beshi>kung mit Delegirten entstehenden Kosten nihts beitragen. Dieselle vertraut auf die Worte Seiner Majestät und will mit französishen und belgishen Umsftürzlern ni<ts zu thun haben. Die Kameraden wollen wobl ihre Lage verbessern, aber auch treu ¿u Staat und Kirche halten. Schwalbach, den 13. März 1891.

ie Aus\<hußmitglieder. :

j Zu D eteraba fand am leßten Sonntag eine allgemeine Bergarbeiterversammlung statt zur Gründung einer Zahl- stelle für den deutshen Reihsverband der Bergleute. In nähster Zeit wird der „Swles. Ztg.“ zufolge der Bergmann Siegel aus Westfalen das s{lesis<e Bergrevier bereisen und dasselbe, fclls er von den Knappen gewählt. wird, auf dem internationalen Bergarbeiter-Kongreß in Paris als Dele- girter vertreten. Als Bevollmättigte zum Neich8verband der Bergleute sind in Ober- Waldenburg die Bergleute Richter, Simon und Uber, in Waldenburg die Bergleute Springer, Baumann und Illner gewählt worden. Die Stimmung der Bergleute ist rubig, und im Allgemeinen herrs{<t vorläufig no< keineëweas die Absichr, die Bewilligung der Forderungen im Wege eines Strikes zu erzwingen. Gleichwohl ist die Lage ernst. Die in Westfalen und im Rheinlande entstandene Bewegung zu Gunsten der in Bochum vom Delegirtentage des deuts<hen Bergarbeiterverbandes aufgestellten Forde- rungen hat das nieders<lesis<e Kohlenrevier do zweifellos ergriffen, und ein Ausstand der Bergleute in jenen Revieren würde si< sicher auf das niedershlesis<he Revier bald übertragen.

Aus Chemnitz wird der „Frkf. Ztg.“ unter dem 15. d. M. ge- \Hrieben: Der in den leßten Wochen viel besprohene Wirker- itrike in Thalheim hat mit einer Niederlage der Arbeiter jeßt sein Ende errei<t. (Vgl. Nr. 34 d. Bl. u. fla.) Nach Lage der Berbältnisse war dieser Aukgang von vornherein so ziemli gewiß. Die Arbeiter haben sh den Bedingungen der Fabrikanten unterwerfen müssen. Es treten n:<t nur die Lohnabzüge cin, um die gestrikten wurde, sondern leider werden au viele Arbeiter keine Beschäftigung wieder finden, : : i

In Leipzig wurde am Sonntag in einer zahlrei bes su<ten Versammlung der Kürschnergehülfen von Lin- denau das Ergebniß der Unterhandlungen mit den Arbeitgebern über den von den Gehülfen aufgestellten Lohntarif mitgetheilt. Der Tarif ist hiernaw von einigen Prinzipalen ‘ganz, von anderen nur mit gewissen Einschränkungen anerkannt worden. Die Versammlung sctzie, wie die „Lpz. Ztg.“ be- ribtet, um eine Einigung berbeizuführen, einige von den Arbeitgebern als zu hoch bezeihnete Ansäze herab, beschloß aber, den Tarif nunmehr unter alley Umständen aufre<t zu erhalten und nöthigenfalls mit Eir- stellung dèr Arbeit dur<zufühcen Eine von 3:0 Personen befute Arbeiterversammlung beschloß, dem Leipziger Arbeiterverein beizutreten und die Errichtung cines besonderen Ber einsloktals in Kleinzschocer zu betreiben. Die meisten der Anwesenden ließen sich sofort in den Verein aufnehmen. : : .

Gegen die von den öôsterrei{is<hen fozialdemokratisden Arbeitern bes{<lossene Feier des 1. Mai dur< Nubenlassen der Arbeit richtet sid folgende ‘Meldung des „Vorwäcts* aus Prag: Die Generalversammlung des Centralvereins der nord- böhmischen Wollindustriellen bes<loß, gestüßt auf die zu- stimmende Erklärung der befragten 207 Induitriellen des Reichenberger Bezirks, den 1. Mai als Feiertag niht anzuerkennen und den Betrieb, wie an jedem Wogthentage, aufre<t zu erhalten. A

Ein Welff’sches Telegramm aus Rom meldet: Die beschäfti- gungélosen Arbeiter, wel<e gestern wegen des Regens und der polizeilihen Maßregeln kein Mecting abhalten konnten, ver- einigten si< heute in größerer Zahl und versuhten, si von den böber gelegenen Quartieren in einem Zuge nah der inneren Stadt zu begeben und dort die üblichen Proteste vorzunehmen. Die Polizei s<ritt ein und verhaftete nad den gefeßlihen Aufford crungen zum Auteinar.dergehen etwa 20 der Demorstranten.

Kunft und Wissenschaft.

Die Goethe-Gesellschaft wird ihre Generalversammlung am Fr.itag, 8. Mai, in Weimar abbalten; Donnerstag, 7. Mai, wird cine Vorstardésißung verauëgehen. Den Festvortrag am 8. Mai bält Professor is Valentin aus Frankfurt a. M. über „Die klassische Ialpurgisnacbt“.

Der Gemeinderath von Straßburg hat der M. „A. Z* zufolge eine Summe von 460000 # für ten Bau einer Kunst- bandwerkerschule bewilliat, welWe im ehemaligen botanischen Garten dasclbst in cinfahem Renaissancestil ecvaut werden foll. :

Zur deutschen Ausstellung in London sind die organisatorisGen Vorbereiturgen Seitens des General-Direktoriums und des deutshen Ehrercomités, soweit dieselben in Deuts@land zu betreiben waren, zum Abs&@luß gekommen. Die Hrrn. John R. Wbhitley, B. W. Vogts, Vorsißendcr des Vereins Berliner Fudustrieller, sowie der dur< feine Organisation der deuts@en Aus- stellung in Melbourne bekannte Regierungs-Baumeister Jaffé und die beiden Münchener Künstler Seidl und Dülfer haben fich jeßt na London begeben, um daselbst die Arrangements für Raumverthei- lung und Dekoration in Angriff zu nehmen, während die Vertretung in Deuts&(land in den Händen des General-Sekretärs Hermann Hillger, des bewährten Abtbeiiungsleiters der vorjährigen Bremer Auéstelung, ruht. Die Aré€ftelurg deuts@er Kunstwerke in London dürfte die \<önste und vornehmste aller bisher veranftalteten deuts<en Kunstausstellungen werden. Auch die Anmeldungen von Ausftellungs- objekten der Industrie, die Anfangs nur langsam einliefen,_ fommen jetzt in bes<leuniatem Tempo. Bis Anfang März waren {on 300 industrielle Aussteller und 4 größere Kollektiv-Ausftellungen angemeldet. Als S@lußtermin für die Anmeldungen 1ît, wie wir hören, endgültig der 31. Márz angcseßt. Weiter wird bekannt, daß jedem Aussteller in gleiwer Weise wie auf der 1879er Gewerbeausstelung zu Beclin cine fünstlerish ausgeführte Erinnerungêmedaille eingebändigt werden wird, sowie daß die Ehrendiplome für jeden einzelnen Fall die Bes gründung der Zuerkennung enthalten follen.

Der Generalausshuß dcs internationalen Kongresses für Hygiene und Demogravhie, welcher inLondon stattfinden soll, trat am Montag zu einer Sitzung zusammen, în welcher der den Vorsitz führende Prinz von Wales die Mittheilung mate, Ihre Maj- stät die Königin Victoria habe eingewilligt, das Protektorat des Kongresses zu übernehmen. i

Der Verein der Pariser Architekten hat, wie der „Hann. C.“ erfährt, die Einladung des Berliner Architektenvereins, < an der Berliner Kunstausstellung zu betheiligen, abgelehnt.

Gesundheitswesen, Thierkrankheiten und Absperrung®ë-

Makßregeln.

Der Eesundheitestand in Berlin blieb au<h in der Woche vom 1. bis 7. März cr. ein ziemli< günstiger und au die Sterb- lichkeit fast die gleide wie in der vorbergegangenen Woche (von je 1000 Einwohnern starben, aufs Iahr bere<net, 20,5). Das Vor- kommen von akuten Darmkrankheiten zeigte eine weitere Abnahme, do erlagen no< immer 88 Perfonen diesen Krankheittformen. Die Theilnahme des Säuglingsalters an der SterbliŸhkeit blieb die gleiche wie in der Vorwowez; von je 10 000 Lebenden starben, aufs Jahr be- re<net, 84 Säuglirge. Auch akute Entzündungen der Athmungs®- organe kamen bäufig zum Vorschein und endeten nicht seiten tédtli<h,. Das Auftreten der Ipnfektionskrankheiten blieb meist das glei bes<räxfte wie in der Vorwoche. Erkrankungen an Masern, Starlah und Unterleibstyphus kamen nur 4venig bäufiger und in keinem Stadtthbeile in nennenswerther Zahl zur Meldung. Erkrankurgen an Diphtberie haben abgenommen und traten nur in dem Tempelhofer Vorstadt-Bezirk etwas häufiger zu Tage. Erkrankungen an Kindbettfieber wurden etwas mehr (4) zur Anzetge gebraht. Erkrankungen an rcsenartiger Entzündung des Zellgewebes der Haut kamen no< hbâufig, aber do< etwas seltener als in der vorangegangenen Woche zur äcztlihen Behandlung. Auch gelangte wieder eine Erkfrarkung an Po>en zur Meldung. Der Keuchhusten rief noh zahlreiwe Erkfcankfungen hervor; die Zahl der Opfer stieg auf 10. Rheumatishe Beschwerden aller Art zeigten gegen die Vorwoche keine wesentlihe Veränderung in ihrem Vorkommen. :

Aus Lissabon vom 16. März wird dem „W. T. B.“ berichtet Ein Matrose von einer aus New-Orleans kommenden hier eingetroffenen italienis<hen Barke ift in einem biesiaen Kranken- hause am gelben Fieber geitorben. Es sind in Folge dessen strenge Vorsicht8maßregeln ergriffen worden.

Submissionen im Auslande.

I, Natal. :

Ofne Datum. Natal Harbour Board: Lieferung eines Baggers,

Näheres an Ort und Stelle. . IL. Spanien.

30. April. Direccion general de Obras públicas Madrid: Aus- \hreiben einer Konzession zur Erbauung und Betrieb ciner Dampf- bahn von Valencia na< Villaxueva del Grao. /

Näheres in spanisher Sprache beim „Rei8- Anzeiger“.

Verkehrs-Anstalten.

Hamburg, 16. März. (W. T. B) Der Postdampfer „Rhaetia“ der Hamburg-Amerikanis<hen Padcketfahrt- Aktiengesells<aft hat, von New-York kommend, heute Morgen Scilly vafsirt. i

17. März. (W. T. B.) Der Postdampfer „Polynesia“ der Hamburg - Amerikanishen Pad>etfahbrt - Aktien- gesells<aft bat, von New-York kommend, gestern Mittag Lizard pafsirt.

London, 16. Mäcz. (W T. B.) Die Union-Dampfer „German“ und „Moor* haben heute auf der Ausreise die Ca- naris<hen Inseln passirt.

17. März. (W. T. B.) Der Castle-Dampfer „Dunottar“ ist am Sonntag auf der Heimreise in London angekommen. Der Castle-Dampfer „Norham Castle* bat am Montag auf der Ausreise Lissabon passirt.

Sebastopol, 17. März. (W. T. B) Sämmtli@e Häfen des Shwarzen Meeres sind nunmehr eisfrei, die Häfen des Asow-Meeres sind dagegen no<h gesGlossen.

Theater und Musik.

Königliche Tbeater.

In der Vorstellung des „Tannhäuser“ am Mittwoch im Opern- hause sind die Damen Sucher und Leisinger, die Hrrn. Sylva, Leß, Krolop und Mödlinger beschäftigt. In der Donnerstags - Aufführung der Oper „Mignon“ tritt Hr. Philipp als Wilheim Meister in der Fortseßung seines Gast'piels auf. Frl. Rothauser singt die Titelrolle, Fr. erzog zum ersten Male die Partie der Philire, Hr. Oberhauser den Lothacio.

Den Billetverkauf zu dem am Sonntag, 22. März, im Opern- bause stattfindenden Abendconcert der Königlihen Kapelle (Gedähtnißfeier für Wilkelm Taubert) hat die Hof-Musitkhandlung von Bote und Bo>k übernommen.

Mesidenz-Theater.

Zu tem Vorverkauf für das Gafispiel Adolf Sonnenthal's, der am Montag beginnt, ist der Andrang fo groß, daß es geraten er- cheint, nit bis zum leßten AugenbliÈ mit dem BVilleterwerb für dieses hervorragende fünstlerisbe Greigniß zu warten. Gesteigert wird der Verkebr an der Kasse no< dur die vermehrte Nafrage nah den Aufführungen des unverwüftli®en „feligen Toupinel“, die mit dem Beginn des Sonnenthal’shen Bastspiels ihr Ende erreihen müssen.

Belle-Qiliance-Tbeater.

Der gestrigen Aufführung von „Ritbelieu“ mit Ernesto Roîsi wOHRte “d ai Hoheit der Herzog Ernst Günther zu Swhleswig- Holstein bei.

Die wirkli< meisterhafte Leistung, wel<e Ernesto Rossi als Lear bietet, hat eine ganze Reihe von Zuschriften an die Direktion veranlaßt welche alle in dem Wunsche gipfeln, Rossi no< einmal in dieser seinec Gianzrolle zu sehen. Demzufolge wird morgen statt „Mackbcth“ zum voraussicztli< leßten Male „König Lear* gegeben

werden. Adolph-Ernst-Theater.

„Adam und Eva“, das jetzige Repertoireslü>, geht demnöbst an drei großen auswärtigen Bübnen in Scene: am Lobe-Theater in Breslau, am Stadt-Theater in Königéberg und am Residenz-Theater in Hannover.

Philharmonie.

Das zehnte Concert des Hrn. von Bülow, das gestern wieder vor ausverkauftem Hause stattfand, brahie zwar keine Novität, doch waren die dargebotenen musikalishen Genüfse in bohem Grade inter- essaut. Die dritte Symphonie von Niels Gade mate den Anfang. Das klare und in der Formgestaltung ‘vollendete Werk wurde musterhaft ausgeführt. Der dritte Saß, der dur scinen Melodienreiz besonders fesselt, wurde wiederholt. Eine Steigerung der künstlerischen Leistung-n bildete das hierauf fclgende Klavier-Concert (D-moll) op. 15 voa Brahms, in wel<hem der Komponist dem Orchester bekanntli eine sehr bedeutende Rolle zuertheilt hat, sodaß dasselbe fogar mehrmals allein thätig ist. Die geistreihe Dur&führung der originellen Motive, die au den Pianisten reihlih beschäftigt, fesselt den Zuhörer von Anfang bis zum Ende des Werks. Eugen d'Albert, der zur Zeit wohl der vorzüglihste Interpret der Brahms'shen Klavierkompositionen ist, trug dieses s>ône Concert mit einer fo sicheren Beberrschung aller Schwierigkeiten und mit einem so edlea Feuer der Begeisterung für das Werk vor, daß mehrmaliger Hervorruf erfolgte. Den Beschluß des Abends machte Beethoven's C-moll- Symphonie, deren Auétführung zu den glänzendsten Leistungen der Philharmonischen Kapelle gehört. Daß dem Concertgeber au<h an diesem Abend wiederum enthusiastishe Uffklamationen gespendet wurden, bedarf kaum no< der Bestätigung. Seiner energischen und einsihts- vollen Führung gern folgend, bewährte fih au< das Orchester wiederum ganz vorzüglich.

Mannigfaltiges.

__ Die Grundsteinlegung für die Kaiser Wilhelm-Gedächtniß- Kir e in Charlottenburg, an der E>ke der Hardenbergstraße und des Kurfürsten-Dammes, wird auf Befehl und in Gegenwart Seiner Majestät des Kaisers und Königs am Palmsonntag, 22. März, dem Geburtstage Kaiser Wilhelm's T., Nachmittags 3 Uhr,

vollzogen werden. In der Nähe d23 Treffpunktes beider Siraßenzüge wird das Kaiserliche Zelt für die Höchsten Herrschaften von Pionieren aufges<hlagen, und es werden seitlich längs des Kur- fürsten - Dammes und der Hardenbergstraßze Podien und Tribünen aufgezimmert. Zu der Feier werden KVbordnungen der Garde und anderer Truppentheile mit ihren Feldzeihen befohlen und ecberso Musifcocps unter Leitung des Königlichen Musik-Dirigenten Frese. Während des Segens ertönen Kanonenscüsse. Eine be- ihränkte Anzabl von Tribünen-Plägen wird dem Publikum zur Ver- füguna gestellt, und zwar sind die betreffenden Eintrittskarten, jede für fünf Mak, in dem Baubureau tes Maurermeisters E. Deutsch in der Arsbaterstraße 56 bis eins{<ließli< Sonnabend, täg- li von 9 bis 6 Uhr, zu haben.

Der Magistrat hat, wie die „N. A. Z.* erfährt, bei der Stadt- verordnetenversammlung beantragt , dicselbe möge sich damit einver- standen erklären, daß der mit der Neuen Berliner Pferdebahn- Gesellschaft abzeshlossene Verirag vom 31. Mai 1881/15 August 1885 folgende Abänderungen bezw. Ergänzungen erhalte: Die Gesellscaft wird von dem weiteren Ausbau der Linie Frankfurter Alle-=Rummelsburg befreit; tie Stadtgemeinde ertbeilt der Gesell- schaft die Genehmigung zum Bau einer neuen Pferdebabnlinie von Weißensce dur die Prenzlauer Chaussee bezw. Allee, Darziger- und Weißenburgerstraße bis zum Anschluß an diedas Shönbauser Thor bereits berührenden Linien der Großen Berliner Pferdecisenvahn. Die Dauer des Vertrages wird bis zum 31. Dezember 1911 verlängert. Als Gegenleistung bierfür hai fi die Neue Berliner Pferdebahn verpflichtet: 1) Eine Pferdebahnlinie vom Bahnhof Friedrihsberz na< der im Bau be- griffenen städtishen Frrenanstalt bei Lichtenberg zu führen. Jedoch foll die Gesellshaft nur dann hierzu verpflichtet sein, wenn die außerhalb der Stadt Berlin zur Genehmigung berufenen Behörden für die Gesellsbaft decartige, Über die bei der Stadt Berlin üblichen Bedingungen hinausgehenden Forderungen stellen, daß der Gesellschaft na billigem Ermessen des Magistrats die Annahme bverselben nit zugemuthet werden kann; 2) die an die Stadt Berlin zu zahlende prozertuale Abgabe von der Bruttoeinnahme in Zukunft nah den- jelben Grundsätzen, wie dies mit ter Großen Berliner Pferde-Eifen- babn vereinbart ift, zu bere<nenz 3) Arbeiterwagen mit entsprechender Fahrvreis-Ermäßigung einzuführen.

Ueber den ältesten Altersrenten-Empfänger theilt die „Boss. Ztg.“ Folgendes mit. Es is der am 15. Oktober 1799 ge- borene Lebertneister J. G. Matthes, Langestraße 64, Hof vier Treppen, wohnhaft, Mel@er in naher Zeit sein fünfundseczigjähriges Meifterjubiläum begehen kann. Dec jetzt im 92. Leberéj1hre \tehende Greis webt noH gegcnwärtig auf seirem Webstuhl Tücher für die Firma Gebr. Bru> im „Werderbause“. Er hat beinabe funfzig Jahre bindurh zaßircihe Lehrlinze herangebildet.

Der ho{betagte Predizer D. Thomas, Archidiakonus an der biesigen St. Nikolai-Kirh?, ist nah einer Meldung der „N. Pr 8 gestern früh 7 Uhr nach längerem Leiden verschieden. Die Be- itattung erfolgt am Miitwo, 18. d. M., Mittags 1 Uhr, von der Nikotai-Kirche aus, woselbst um diese Zeit cine Trauerfeier für den Verstorbenen stattfindet.

Es dürfte den Lescrn noH erinnerli® sein, daß am 20. Sep- tember v. I. am Kanal bei dem Eingang zum Pot3damer Süter- bahnhof zwei alhtj¿hrige Shulknaben von einem {weren Roll- wagen überfahren und getödtet wurden. Drei tiesize Sculklafsen hatten an cinem Tage unter Führung ihrer Lehrer und Lehrerinnen den Zoolozishen Garten be\su<t. Auf dem Rückwege kamen sie an jener Stelle vorüber, Die Lehrer waren bei den Straßenübergängen aufs Cifrizste bemüht, einen Unglü>ksfall zu verhindern. Die Knaben batten aub \{on fast sämmtlich den Fahrdamm überschritten, als ein \{@wezrcer MRollwagen in \{nellster Gangart angefahren kam. Die beiden kleinsten Knaben befanden si< not auf dem Fahrdamm und wurden, ehe sie forteilen konnten, überfahren. Ihre Köpfe waren voll- ständig zerquetsht. Der Kutscher des Wagens Ttümrmerte fih um das, w3283 er angerichtet, ni<t weiter, sondern versuchte zu cntfommen, indem er no< s<ârfer als vorher auf seine Pferde einhieb. Es gelang jedo ißn einzuholen und zu verhaften. Derselbe, Namens Guftav Wind>el, hatie 3< der „N. Pr. Z.“ zufolge deshalb gestern vor der dritten Straf- fammer des Landgerichts Berlin I. wegen fahrlässiger Tödtung zu verantworten. Staatsanwalt Stephan beantragte, mit Rücksicht auf die große Robheit und Fahrläfsfigkeit, die der Angckiazte bewiesen, und wit Rücksicht auf den Umftand, daß der Angeklagte einer ähn- lihen Strafthat wegen {on cinmal vorbestraft ist, eine dreijährige Gefängnißstrafe. Der Gerichtshof erkannte auf zwei Jahre Gefängniß und bc\<loß, mit Rücksiht auf die Höhe der Sirafe, den Angeklagten sofort in Haft zu nehmen.

London, 17. März. Das englis@e Schiff „British Peer“, wel%es sich auf der Fahrt na< Kalkutta via Trinidad befand, kfollidirte, wie das ,W. T. B.“ mittheilt, am Freitag mit dem Dampfer „Roxburah Castle“ aus New-Castle, 150 Meilen süd- li von den Scilly-Inseln. Der Dampfer „Roxrburgh Castle“ sank. Bon der Mannschaft sind 22 Personen ertrunken, der Kapitän und der Seemann wurden gerettet.

Die fünfte deuts<he Kochkunst-Ausstellung, die im Februar d. J. unter dem Protcktorat Ihrer Königlichen Hoheit der Prinzessin Friedrich Karl in Berlin stattfand, hat im letzten Heft der „Illustrirten Frauen - Zeitung“ eine böch interessante, illustrative Erläuterung erfahren. Zu den anmuthigen Bildern hat Detlev von Geyern einen Cssay geschrieben, in dem er verschiedene neue Gesichtépunkte entwi>elt, die für künftige Ausstellungen dieser Art gewiß nit ohne Beachtung bleiben werden. Der übrige Theil des Hestes ist ebenfalls texilih wie illustrativ glänzend ausgestattet. Das Beiblatt enthält neben vielem Anderen sehr hübsche Handarbeits- Vorlagen für unsere Damen.

Der große Spielplaß im Westen der Stadt roird am 10. April wieder eröffnet werden. Die Einrichtungen des Platzes sind neuerdings wesentlih vervollkommnet und verbessert; vor Allem ist eine Wasserleitung angelegt, sodaß die Rasenflächen jet besprengt werden können. Für Laron Tennis find vier Spielplätze errihtet. Auch für die Leitung und Ordnung soll besser gesorgt werden. Ein Turnlehrer wird als Spielleiter fungiren, außerdem werden sowohl Vor- wie Nachmittags Kindergärtnerinnen anwesend sein. Die Over- aufsiht werden nah wie vor die Mitglieder des Vorstandes und S führen. Die Spielplaßzgeselschaft zählt z. Z. 150 Mit- glieder.

Tilsit, 16, März. Der Eisgang auf dem Memelstrom hat laut Meldung des „W. T. B.“ begonnen.

_ Swinemünde, 15. März. Der Heringsfang an unserer Küste ist nah einer Mittheilung der „N. St. Z.* diesmal ein sehr er- giebiger; gestern trafen sieben Ahblbe>er und Ostswiner Fischerboote voll beladen mit Heringen hier ein, die zwar bedeutend fleiner als die \{<wedischen, aber viel \<madc>hafter als diese sind. Ein großer Theil der Heringe wird geräuchert und in diesem Zustande nah Ruge vershi>t. Das Wall (80 Stü>) Heringe kostete gestern ( .

Breslau, 14. März. Auf der Station Olkacz, unweit der deutsch-russishen Grenze, stießen, wie die „Magdb. Z." mittheilt, gestern Naht ein Personenzug und ein Güterzug zusammen. Drei Personen vom Zugpersonal und zwei Reisende wurden getödtet, mehrere andere Personen wurden verwundet.

Zweite Beilage

zum Deutschen Reichs-Anzeiger und Königlih Preußischen Staats-Anzeiger.

A2 6G.

Haus der Abgeordneten. 59, Sißung vom Montag, 16. März 1891.

Der Sißzung wohnten der Minister des Fnnern Herr- furth und der Justiz-Minister Dr. von Schelling bei.

Fortseßung der zweiten Berathung des Etats und zwar des Etats des Ministeriums des Fnnern.

Die Einnahmen werden ohne Debatte genehmigt.

Es folgt der Titel „Gehalt des Ministers“.

Abg. Dr. Lotichius giebt dem Wurs<h Ausdru>, daß das Ein- kommen der Rentmeister in der Rheinprovinz verbessert werden möge. Au(h die Landbürgermeister dieser Provinz empfehle er dem Wohl- wollen des Ministers.

Minister des Jnnern Herrfurth:

Die Gravamina, wel<he der Hr. Abg. Lotichius soeben aus- gesprohen hat, muß ic an si als begründet anerkennen, und ih habe au meinerseits bereits die Einleitungen getroffen, denselben insoweit Abhülfe zu verschaffen, als dies Seitens der Königlichen Staatsregierung überhaupt mögli< ift. I<G gestatte mir jedoch in Betreff des ersten Punktes der Bezüge derjenigen Königlichen Rent- meister, wel&e E emetindeeinnehmer sind, darauf aufmerksam zu machen, daß an \si< die Frage, wel<e Ansprüche die zur Zeit im Amt befindlihen Gemeindeeinnehmer zu erheben bere<htigt sind, eine Frage des Privatre<ts ist und daß i< eine bindende Anordnung für die Gemeinden zu treffen, in dieser Beziehung nit befugt bin. Ich habe den Ober-Präsidenten der Rheinprovinz beauftragt, dahin zu wirken, daß diese Frage in einer den bere<tigten Interessen diefer Gemeindeempfänger entsprewenden Weise gleihmäßig geregelt werde. Wenn fih aber Gemeinden weigern würden, eine höhere Vergütung an die Gemeindeerheber zu leisten und dabei ih auf die Verträge beziehen, wel<he mit den betreffenden Gemeindeeinnehmern abgeschlossen sind, fo kann ich, da es si< hierbei um privatre<tli<e Fragen handelt, sie niht zwingen. Ebenfowenig bin i< aber der Hr. Abg. Lotichius will ja nit bloß für die Gegenwart, sondern au für die Zukunft die Frage regeln in der Lage, für die Zukunft bindende Anordnungen zu treffen, Denn na< $. 79 der rheinischen Landgemeindeordnung bat über die Frage, wel<e Remuneration die betreffenden Gemeindeempfänger erhalten follen, der Kreisaus\{<uß Besc{luß zu fassen, und ih kann na< dieser Richtung bin den Kreis- aus\<uß niht mit einer bindenden Anweisung versehen.

Die zweite Frage, die Pensionsbere<tigung der Bürger-

meister betreffend, kann nur gelöst werden im Wege der Gesetz- gebung. Der Hr. Abg. Lotichius hat bereits angeführt, daß ein der- artiger Gesetzentwurf in der Vorberathung ift und dem Provinzial- Landtage in der Rheinprovinz vorgelegen hat. Sobald der Geset- entwurf, welcher in diesem hohen Hause und dem Herrenhause bereits Annahme gefunden hai und wel<her si< auf die Anwendung der Pensionsnovelle von 1881 auf die Gemeindebeamten bezieht, in der Gefeßz-Sammlung publizirt fein wird, wird jener erstbezeichnete Gesetzentwurf dem hoben Hause vorgelegt werden. Derselbe ift bereits vollständig vorbereitet, und ih glaube, daß er unmittelbar nah der Osterpause an den Landtag gelangen wird. __ Abg. von Czarlinski: Die erfolgte Zulassung russischer Arbeiter in die öôftliGen Provinzen zum Ersaß für die ausgewanderten Jn- dustrie- und landwirth\{aftlihen Arbeiter sci sehr dankenswerth, allein es sei zu beklagen, daß den Leuten nur der zeitweilige Aufenthalt hier in Preußen gestattet werde. Die Verhältnisse in Rußland seien jegt nit mebr so \{limm, daß die Leute zur Auswanderung si gedrängt fühlten und berüberkämen, weil die Lebensbedingungen hier günstiger seien. Wenn sie nur einige Zeit {si hier aufhalten dürften und demnächst wie Vagabonden behandelt würden, so würden diese Leute ni<t in genügender Anzahl kommen. Ferner sei es hö<st bedenkli%, daß nur einzelne hinüberkommen dürften und die Familie in Rußland laffen müßten. Dadur<h werde das Familienleben gelo>ert und die Unsittlichkeit gefördert, Unsere eigenen Arbeiter würden ni<t in so großer Zahl namentlih nah Süd-Amerika aus- wandern, wenn sie das Recht hätten, ihre Kinder in polnischer Sprache unterrichten zu dürfen. Man möge doch endli hierin den Polen Gleichbere<tigung mit den anderen Staatsbürgern geben. Besonders zu be- klagen sei aber, daß immer no< Ausweisungen von Russen aus dem Osten der Monarchie erfolgten. So seien erst kürzli wieder ¿wei solcher Leute ausgewiesen worden. Es würde do< besser sein, man behielte diese cinmal im Lande befindlihen Leute da, als daß man immer wieder Fremde heranziehe. Bei der leßten preußishen Volks- ¿ahlung ferner sei in den Formularen auf die Bedürfnisse der pol- nischen Bevölkerung ni<ht genügend Rü>ksi<t genommen worden. Séließli< weise er auf die Ausbreitung der sozialdemokratishen Tendenzen hin, wel<e nit auf polnis&em Boden entstanden, sondern aus Berlin dorthin importirt feien und glü>licherweise no< keinen großen Umfang angenommen hätten. Um einer solchen Ausbreitung nit selbst die Wege zu ebnen, möchte er den Minister dringend bitten, doch die erscheinenden sozialdemokratis<en Blätter nit polizeilih verfolgen zu lassen, wodur< der sozialdemokratishen Richtung nur der Nimbus des Märtyrerthums verliehen werde.

Minister des Jnuern Herrfurth:

Von den Seitens des Hrn, Abg. von Czarlinski vorgebrachten einzelnen Beschwerden bin ih eingehender nur auf drei zu antworten im Stande. In Betreff derjenigen Frage, wel<he ih auf die statistishen Aufnahmen bezieht, liegt mir das Formular augenbli>li< nit vor; i< bin aber au nit berehtigt, in dieser Beziehung irgend wel<e Aenderungen zu tceffen, da das Formular für die allge- meine Volkszählung vom Reich festgestellt wird.

Eine zweite von ihm zur Sprache gebrachte Frage habe ih bei der Unruhe im Hause ni<t vollständig verstehen können ; sie schien sich auf Lokale für Ersazaushebungen zu beziehen. Ih muß mir weitere Erörterungen vorbehalten, bis der stenographis<he Berit mir vorliegt.

Die übrigen drei Punkte beziehen \si< zunä<hst auf die von mir getroffene Anordnung in Betreff der Zulassung polnis<her Arbeiter in Preußen als Ersaß für den Arbeitermangel, an welhem sowohl die Industrie wie die Landwirthschaft leidet. Der Hr. Abg. von Czarlinsfki ist im Allgemeinen mit der von mirägetroffenen An- ordnung einverstanden, bemängelt aber zwei Beschränkungen, die in derselben enthalten sind: nämlich daß thunli<hst nur eine zeitweise Zu- Iafsung erfolgen soll auf diejenige Zeit, in welcher der betreffende Arbeitermangel hervortritt, also in der Landwirthschaft namentli< nur

Berlin, Dienstag, den 17. März

für die Zeit des Frühlings, Sommers und Herbstes, und zweitens, daß téunli®st ni<t Familien zugelassen werden sollen, sondern nur einzelne ledige Arbeiter. Er sagt: eine Einwanderung der Arbeiter kann voraussihtliG nur dann in größerer Zahl erwartet werden, wenn fie siher sind, bier eine bessere Existenz zu finden. Diese bessere Existenz liegt wesentli in den böberen Löhnen, die sie für ihre Arbeit beziehen, und es ift notoris<, daß ebenso, wie die Löhne in den öftlihen Provinzen zurü>- stehen gegen die Löhne in den mittleren und westlihen Provinzen, so die Löhne in Rußland erheblih zurü>stehen gegen die Löhne in unseren östlichen Provinzen, und daß dieser höhere Lohn ein hinreihendes8 Anreizungsmittel ift, damit russis<he Arbeiter die Lü>ken bei uns aus- füllen, welhe in Folge einestheils der Auswanderung na< dem Aus- lande, anderentheils in Folge der sogenannten SaWhsengängerei ge- rissen worden sind. Und, meine Herren, die Argumente, welhe der Hr. Abg. von Czarlinski gegen jene Beschränkungen cinwendet, finden ihre Widerlegung in der Thatsahe der Sawsengängerei selbst. Die Sawsfengängerei besteht cben darin, daß ledige, arbeits- fähige Personen des höheren Lohnes wiegen zeitweise aus den Ostprovinzen in die Mittel- und Westprovinzen ziehen. Wollen wir einen Ersaß für diese Sachsengängerei, fo bleibt eben nichts übrig, als daß wir eine Art Preußengängerei organisiren, und das ist dur diese Verfügung in der Weise geschehen, daß die Möglichkeit gegeben ift, für die Zeit, in wel<her ledige, arbeitsfähige Personen aus den Ostprovinzen in die Mittel- und Westprovinzen ziehen, einen Ersa zu finden dur< die aus Rußland kommenden ledigen arbeits- fähigen Personen, welYe für dieselbe Zeit dann diese Dienste leisten.

Was die Einwanderung von Familien anlangt, so ift die Maßnahme, welche ih getroffen habe, eben wesentli< nur für den Zwe> getroffen, Ersay für den Arbeitermangel zu \<afen, nicht aber eine Einwanderung russisher und galizisher Be- völkerung zu organisiren. Aber i< mache ausdrü>li< darauf aufmerksam, es ift keineswegs die Aufnahme von Arbeiterfamilien unbedingt ausge\{lofsen worden, vielmehr is überall da, wo nah der besonderen Organisation des landwirthschaftlichen Betriebes die Arbeiter nur dur<h Familien ihren Ersaß finden können, also überall da, wo das System der Infstleute existirt, den Ober-Präsidenten die Ermächtigung ertheilt worden, au<h die Ein- wanderung von Familien zuzulassen,

Der Hr. Abg. von Czarlinski hat sodann bemängelt, daß no< Ausweisungen stattfänden, und gesagt, das f\tehe in direktem Widerspru mit der Maßnahme der Zulassung der Arbeiter. Jn dieser Beziehung entgegne ih ihm, daß neue Ausweisungen über- haupt nur vecanlaßt worden find, wenn sh Ausländer lästig gemacht haben, und daß die Fälle, welhe er zur Sprahe gebraht hat, si< vielmehr auf Ausländer beziehen, die auf Grund der Verfügung vom Jahre 1885 {hon früber angeordnet und welHe nur nicht zur Aus- führung gebra<t worden find, in dem einen Falle, roeil die Ueber- nahme Seitens der russis{hen Behörden Anfangs verweigert wurde, in dem anderen Falle, weil der Betreffeude sh der Maßnahme der Ausweisung dadur< entzogen hat, daß er latiticte, Nun ift das, glaube i<, zweifellos, daß bei sol<hen früher erfolgten Aus- weisungen der Umstand, daß Jemand #\< heimli® der Ausweisung entzogen hat, oder daß die Verhandlungen über feine Uebernahme erft später zum Abschluß gebra<t worden sind, keinen hbinreihenden Grund bieten kann, um von einer früher ge- troffenen Anordnung wieder zurü>zutreten.

Was endli<h den Import sozialdemokratisher Ten- denzen dur polnishe Zeitungen von Berlin aus auslangt, fo ift es richtig, daß eine bier ers<heinende sozialdemokratishe Zeitung in polnischen Ueberseßzungen und wohl no< verseßt mit einzelnen speziell für die polnischen Landestheile versehenen Artikeln in Obers{hlesien, Posen, Westpreußen verbreitet wird. Es ift au richtig, daß i< an- gegangen worden bin, gegen eine derartige Verbreitung der Zeitungen einzuschreiten mit Rü>ksiht darauf, daß einzelne Artikel derselben |< als \trafwürdig herausstellten und zu einer strafgerihtlihen Ver- folgung eigneten. Meine Herren, ih bin mit dem Hrn. Abg. von Czarlinski dahin einverstanden, daß, soweit es fich ni<t um eine strafgerichtlihe Verfolgung handelt, die Polizei weder bere<tigt ist, no< daß es zwe>- mäßig sein würde, im Verwaltungswege einzuschreiten. Aber so weit, wie es sih um strafbare Handlungen handelt, ist die Staatsregierung so berehtigt wie verpflibtet, ein Einschreiten zu veranlassen, und wenn die betreffenden Artikel, wel<he mir dur< ein Mitglied dieses hoben Hauses mitgetheilt worden sind, si< als folhe ergeben, fo wird allerdings von mir der Staatsanwalt ersu<ht werden, die straf- gerihtlihe Verfolgung eintreten zu laffen.

Abg. Szmula verliest aus der erwähnten sozialdemokratis@en Zeitung verschiedene Stellen, in welhen die Arbeiter zur Gewalt auf- gestahelt werden. Speziell in den östlichen Landestheilen, welche bisher weniger von der Sozialdemokratie beeinflußt seien, müßten sol<e Vorgänge mit aller Aufmerksamkeit verfolgt werden, und man müßte Mittel finden, dort der Sozialdemokratie den Boden zu entzieben. Die an der Spitze der Arbeitervereine stehenden Geistlichen ver- möchten ihren Pflichten in dieser Beziehung ni<t voll zu genügen; denn obwohl die Arbeiter sih um Taufende vermehrt hätten, sei keine Vermehrung der Geistlichkeit eingetreten. Manche Geistlichen seien in Folge von Ueberarbeitang und Aerger plöyli< gestorben. In den

örfern könnten die Lehrer die Geistlichen unterstüßen; dazu be- dürfe es aber einer vollständigen Aenderung unseres Schul- aufsihtsgeseßzes. Die polnishe Muttersprache müsse wieder zur Gel- tung gebra<ht werden. Ein Kreis-Schulinspektor habe einem Lehrer verbieten wollen, mit seinen Angehörigen polnisch zu sprehen. Die Beamten sollten den Arbeitern mit gutem Beispiel vorangehen, was aber leider oft ni<t der Fall sei. Ein Hüttenbeamter habe zu Ar- beitern, wel<he Sonntags Ürlaub hätten haben wollen, gesagt : „Was wollt Ihr in die Kirche gehen, um Eut Heiligenbilder anzusehen ? Bleibt lieber zu Hause.“ Ein Königlicher Landrath in Oberschlesien habe zu einem Geistlichen gesagt: „J will lieber, daß die Sozialdemokratie hier eindringt, als daß die polnishe Sprache wieder eingeführt wird.“ Hore hört! im Centrum.) Der Minister habe also Veranlassung, olhe Beamte dur< andere zu ersetzen, welche der Bevölkerung wohlwollend gegenüberständen. Einer Bevölkerung, die mit voller Liebe und Treue am Herrscherhause hänge, müsse man Beamte geben, die das Vertrauen derselben hätten. Die sogenannten S{hlafhäuser

1898.

in den übervölkerten Bergdistcikten seien gut gedacht, aber bei dem Ver- balten mancher Hausväter dienten fie leiht der Unzucht und würden zu Bordellen. Der Minister müsse dafür sorgen, daß nur solche Haus- vâter an ihre Stelle geseßt würden, wel<e ein <riftlihes Dasein förderten. Au die Konsumvereine könnten gegen die Bestrebungen der Sozialdemokratie wirken. Der- Sawsengängerei müsse große Auf- merksamkeit gesenkt werden. Die Zulassung der fremden Arbeiter genüge niht, benn es handele si ni<t nur um einen Erfaßz für die Sawsengänger, fondern au für die ausgewanderten verbeiratketen Arbeiter. Die Regierung solle von ibren kleinliden Reskripten gegen die Polen abgehen; denn es handele sich hier um eine große Sache. (Beifall.)

Abg. Korf < beklagt, daß den Berliner Shußleuten dur ibren Dienst die Sonntagsruße außerordentlih ers<wert und die Sonntags- beiligung unmögli< gema<ht werde. Er habe geglaub., daß der dies- jährige Etat eine Vermehrung der Berliner Schußleute vorsehen werde, wel<e die Sonntagsruhe ermögliht baben würde. Da es aber nit geschehen, frage er den Minifter im Einverständniß mit seinen Freunden, ob wenigstess im nähstjährigen Etat eine Vermehrung der SHhugtleute stattfinden werde.

Minister des Jnnern Herrfurth:

Im Allgemeinen kann i< mich in Betreff der Anfragen des Hrn. Abg. Korsh nur auf dasjenige beziehen, was ih hinsichtlich der- selben Angelegenheit im vorigen Jahre hier ausgeführt habe: Ih muß anerkennen, daß die Sonntagsruhe für die S<hußmänner nah der jeßigen Organisation nothwendiger Weise eine sehr be- schränkte ift und daß eine grözere Sonntagsruhe für sie wüns@enswerth ist, daß dieselbe aber nur gewährt werden kann, wenn eine erheblihe Vermehrung der Schug- mannschaft eintreten würde. Diese Frage der Vermehrung der SMhußmannschaft steht im Zusammenhang mit einer andern Frage, wel<he im Verfolg der Verhandlungen über das Gesetz über die Kosten der Königlichen Polizeiverwaltungen in Stadtgemeinden einer ein- gebenden Erwägung unterliegt, nämli<h mit der Frage, ob es nit thunlih und zwe>mäßig sein möchte, das Nachtwachtwesen, welŸes in den Gemeinden mit Königlicher Polizeiverwaltung überall, au<) in Berlin, cin \tädtishes ist, auf den Staat zu übernehmen, Mit dieser Uebernahme würde alsdann eine sehr erheblihe Vermeh- rung der Shußmannschaften verbunden sein, diese Vermehrung aber vorauésihtli® dann au<h die Mögli@keit gewähren, in ausgedehnterem Maße die wünschen8werthe Sonntagsruhe den Schußzmännern zu Theil werden zu lassen. Aber es handelt sh hir das muß ic Hervorheben um sehr be- deutende Kostenbeträge. Es würden, wenn das Nahtwacßtwesen von den Städten auf die Königlihen Polizeiverroaltungen übernommen würde und an Stelle der städtishen Nachtwächter die nächtliche Sicherheit durh S<hußmänner mit ausgeübt werden sollte, die Koften dieses Nacßiwachtwesens na< den angestellten Ermittelungen beinahe verdreifaht werden. An Stelle von 1 400 000 4, wel@e in den ein- undzwanzig Städten mit Königlicher Polizeiverwaltung jeßt städtischer- seits für das Nahtwactwesen ausgegeben werden, würde die Summe von mehr als 3 600 000 Æ erforderli werden, Es ist, glaube ih, niht anzunehmen, daß dieses hohe Haus, selbst wenn der Herr Finanz- Minister {\i< bereit finden lassen wollte, eine sol<he Er- höhung eintreten zu lassen, dazu seinerseits ohne Weiteres die Zustimmung geben wird, Es wird s< die Vermehrung der Schußleute nur {afen lassen dur< eine neue organis<e Ein- rihtung, welhe in Verbindung gebra<ht werden muß mit einer ander- weitigen Gestaltung des Geseßzes über die Kosten der Königlichen Polizeiverwaltung in den Städten. Für eine bezüglihe Vorlage find die Vorbereitungen bereits so weit gefördert, daß ih allerdings hoffe, in der nähsten Session dem hohen Hause einen sol<hen veränderten Entwurf vorlegen zu können.

Abg. Ri>ert: Er halte die Einschränkungen für die Zulassung russis<h-polnischer Arbeiter au für zu s{arf, insbesondere, wenn an- geordnet werde, daß die Arbeitgeber die Arbeiter, sobald sie sie nicht mehc brauchten, wieder zurü>shi>en sollten. Das fei ja ganz un- möglih. Reue Au8weisungen, sagte der Minister, kämen ni<t mchr vor. Aber es seien Ausweisungen wieder aufgenommen worden, die jahrelang sistirt gewesen seien. Ueber einen sol<en Fall, in welWem die Maßregel als besonders grausame Härte erscheine, habe er Ver- anlassung genommen, dem Minister Bericht zu erstatten. Man solle do<þ etwas mehr menshli<es Wohlwolien üben. Er habe eigent- lid für eine etwas untergeordnete Sache das Wort ge- nommen: die Formen des amtlihen Verkehrs zwischen den Behörden 2c. Der Landrath im Kreise Namslau verlange von den Gemeindevorstehern in den Berichten das „gehorsamst“ statt des „ergebenst“. Verfügungen in eben diesem Sinne seien au ander- wärts von den Landräthen erlassen worden. Er meine, die Gemeinde- vorsteher thäten besser, au< das „ganz ergebenst“ fortzulafsen, wie es der Landrath in Danzig in einer Berfügong vom 28. Januar d. I. angeordnet habe. Derartige Eigenthümlichkeiten unseres deutschen Kanzleistils paßten niht mehr zur heutigen Zeit. Um den Schwierig» feiten in der Unterscheidung zwischen e Wohlgeboren“ und eHohwobl- geboren* zu entgehen, habe er in seinen dienstliven Sreiben gewöhnli Jeden, der es na< seinem Vermuthen nit als Ironie nehmen würde, mit „Hochwoblgeboren“ angeredet. Ueber diese Unter- scheidung habe einmal die „Kreuz-Zeitung“ im Briefkasten die Aus- kunft gegeben, daß au< Herren vom Adel keinen Anspru auf das Prädikat „Hocwohlgeboren“ hätten, wenn sie „eine niedrige Stellung in der bücgerlihen Gesells<haft als Kaufleute, Handwerker oder Bauern einnehmen.“ Das fei charakteristis<: der Bauer, der viel- umworbene, ein „niedriger“ Stand! Und ebenso der Pan Der Kaufmann werde si< darüber weniger wundern. Der Reichs- kanzler habe die Neujahrsgratulationen abges<aft; vielleicht verständige er si mit seinen Kollegen au darüber, daß die veralteten Auswüchse des Kanzleistils abgeschnitten würden. (Bravo! links.)

Minister des Jnnern Herrfurth:

Der Hr. Abg. Ri>ert hat zunächst die Frage wegen der Zu- lassung der polnis<hen Arbeiter wieder zur Diéekussion ge- zogen und, ebenso wie der Hr. Abg. Szmula, bemängelt, daß die Maßregel ni<t ausreichend sci, um dem Bedürfniß Abhülfe zu s<affen. Ih mache zunähst darauf aufmerksam, daß diese Verfügung vom 26. November z. Z. sih ganz ausdrü>li<h als eine Probemaß- nahme <arakterisirt, die auf Zeit getroffen ift und welche cine ent- sprehende Abänderung finden wird, wenn si< herausstellen sollte, daß dieselbe niht ausreicht oder daß sie zu weit geht. Der von dem Abg. Ri>eri erwähnte Punkt 3 ist in der Ministerialverfügung übecr-