1891 / 83 p. 2 (Deutscher Reichsanzeiger) scan diff

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bisher seinen Namen führten, werden in Zukunst mit Weg- lassung dieses Titels genannt werden.

Ftalien.

Der Minister des Jnnern Nicotera stattete gestern Abend in Turin der „Gesellschaft zur Förderung der nationalen Jndustrie“, deren Ehrenmitglied er ist, einen Besuch ab. Jn Erwiderung auf die Begrüßung des Präsidenten sagte der Minister, dem „W. T. B.“ zufolge, er beabsichtige nicht, eine politische Rede zu halten. Er eriinerte an die Politik Cavour’'s, welhe Jtalien einen großen Kredit ver- chaft habe. Cavour sei Freihändler gewesen, aber er habe daruntec Handelsfreiheit für Jtalien und nicht Protektion für Andere verstanden. Später habe Uebertreibung dahin ge- führt, daß Jtalien Handelsfreiheit für Andere, aber nicht für sich selbst gesichert habe. Nicotera meinte, daß Jtalien von dem Syjtem, seine Erzeugnifse nicht zu hüten, Abstand nehmen und vielmehr seiner Jadustrie Existenzbedingungen schaffen sollte, welhe niht ungünstiger seien als die des Aus3- landes. Die Regierung müsse eine sichere Bahn ihrer Politik verfolgen, welhe anderen Mächten keine Verlegen- heit bereiten würde. Der Minister chloß: „Ohne neue Steuern zu erheben, werden wir uns bemühen, die ökonomische Lage zu bessern, damit das Land seine Lasten tragen kann. Wenn wir nicht reüssiren, so werden wir es nicht sein, die zu neuen Steuern ihre Zuflucht nehmen.“ e

Unter den neuen Gesezen, welhe die gegenwärtige Re- gierung vorbereitet, befindet sich eines, welches im Lande, wie man der „P. C.“ schreibt, allgemein mit lebhafter Be- friedigung aufgenommen wird, nämlih jenes über die Decentralisation der Verwaltung. Die Centra- lisation, welche bisher, besonde:s unter dem eßten Ministerium, geübt wurde, hat manche Nachtheile mit sich gebracht, indem sie nicht nur die Last der Ge- schäfte der Central-:Verwaltung bedeutend vermehrte und den Dienstweg verwilelter gestaltete, jondern au die Autorität und den Wirkungskreis der autonomen Bc höt den beeinträchtigte. Das gegenwärtige Kabinet hat sich_nun entschlossen, den auto- nomen Behörden einen größeren Spielraum zu gewähren, die Agenden der Central:Verwaltung und dadurch auch die Kosten derselben in manchen Beziehungen bedeutend einzuschränken. Die Regierung hat auch schon den hierauf bezüglichen Geseß- entwurf vorbereitet, welher dem Staatsrath zugegangen ist und nah dessen Prüfung und Billigung durch diese Körper- schaft dem Parlament vorgelegt werden soll.

Die radikale Partei beschloß, wie der „Magdeb. Ztg.“ gemeldet wird, nah Wiedereröffnung der Kammer die Ver: jezung Crispi’'s in Anklagestand wegen der Massovah- frage zu beantragen. Das Ministerium werde jedoch den Uebergang zur Tagesordnung begehren. Menotti Gari- baldi erstattete dem Marchese di Rudini Bericht über seine Neise nah Massovah. Er empfehle entweder die Beseßung der Morebgrenze oder vollständige Räumung Afrikas. Der Bericht besage ferner, daß in Vassovah mehrere Mordthaten vorgekommen seien, daß jedoch Livraghi’'s Angaben übertrieben

wären. Schweiz.

Die Telegraphen- und Telephongesellshast von La Plata hat, wie „W. T. B.“ aus Bern berichtet, durch Vermittelung der argentinishen Regierung ihren Beitritt zum cFnter- nationalen Telegraphenvertrag erklärt. i

Die Prinzen Ludwig und Victor Napoleon sowie die Prinzessinnen Clotilde und Lätitia sind am 7. d. M. auf Schloß Prangins zur Eröffnung des Testamentes des Prinzen Napoleon eingetroffen. Am Nach: mittag begab sich der Notar Audeoud aus Genf nah Schloß Prangins, wo sämmtliche Mitglieder der Familie Bonaparte versammelt waren. Audeoud theilte als testamentarischer Voll- strecker der Iamilie den leßten Willen des verstorbenen Prinzen mit. Die Familie beshloß der „Frkf. Zlg.“ zufolge von der Veröffentlichung des politishen Theils des Testamentes vorläufig Abstand zu nehmen.

Serbien.

Belgrad, 7. April. Die Skupschtina nahm, wie „W. T. B.“ meldet, das Preßgesey mit 89 gegen 4 Stimmen endgültig an, auch Garaschanin stimmte sür die Vorlage.

Der Kriegs-Minister verfügte die Zutheilung von 25 Offizieren aller drei Waffengattungen und eines Auditeurs an die russishe Armee. Die Be- treffenden werden voraussihtlich am 13. d, M. an ihren Be- stimmungtort abgehen.

Wie dem „Egytertes“ von hier gemeldet wird, erließ der Minister des Jnnern ein Cirkular, betreffend die zahlreihen, in Serbien weilenden bulgarischen Emi- granten. Danach ist denselben bei sofortiger Ausweisung niht mehr gestattet, in den Grenzdistrikten zu wohnen, sondern sie dürfen sich lediglich in Belgrad aufhalten und müssen si verpflichten, sih jeder politischen Aklion auf serbishem Gebiet fernzuhalten.

Bulgarien.

Sofia, 7. April. Der Kawaß des russischen Agenten, welcher beschuldigt ist, die Drohbriefe an den Prinzen Ferdinand , dessen Mutter Prinzessin Clementine und den Minister des Aeußern Grecoff gerichtet zu haben (siehe Nr. 81 des „R.- u. St.-A.“ vom 6. d. M.), ist laut Meldung des „W. T. B.“ ausgewiesen, von Gendarmen bis zur türkishen Grenze geleitet und dort freigelassen worden.

__ Der neu ernannte belgische General-Konsul ist hier eingetroffen.

_ Gegenüber einem Artikel der „Bulgarie“, welcher «auf Agitationen von Emigrirten und Panslavisten gegen Bul- garien und das gegenwärtige rumänische Kabinet als ein russenfreundliches hinwies, erklärt die „Swoboda“, daß alle rumänischen Regierungen, selbst in den shwie- rigsten Momenten, die freundschaftlihsten Ge- sinnungen gegen Bulgarien bekundet hätten. Dieselben seien auch anläßlih des leßten Unglüsfalles Seitens der rumänischen Presse zum Ausdruck gelangt. Die rumänische egierung gewähre der bulgarishen jedwede Mitwirkung Behufs Ermittelung und Verhaftung der Verbrecher.

Schweden und Norwegen.

(F) Stockholm, 5. April. Prinz Carl, welcher morgen aus Norwegen hierher zurückehrt, wird zufolge früher gefaßten Beschlusses am 11. oder 12. d. von hier nach dem Süden abreisen, um den übrigen Theil des Frühlings wahr- scheinlih in Nord-Jtalien zuzubringen.

Zu Ehren des dänischen Kronprinzlichen Paares wird eine Reihe festliher Veranstaltungen stattfinden; zu- nächst ein Ballfest im Königlihen Schlosse, zu welchem das diplomatische Corps, die obersten Hofhargen und die Spißen der Gesellschaft geladen werden sollen; dann folgt eine Wiederholung - der Vorstellung im Circus nah gleichem Programm, wie kürzli: bei den sogenannten Vertheidigungs- festen. Der Königlih dänische Gesandte, Kammerherr Hegermann-Lindencrone wird ein Souper geben, an dem auch der Königliche Hof theilnehmen wird. Eine große Festlichkeit beabsihtigt das Offiziercorps der Svea-Leib-Garde zu ver- anstalten, welhem Corps der Vater der dänishen Kron- prinzessin, König Carl XV., besonders zugethan war. Schließlich sol auch in der Königlichen Oper eine Fest- vorstellung stattfinden und ist die Aufführung von Verdi's „Othello“ dazu in Aussicht genommen.

Eine Kommission, bestehend aus dem Contre-Admiral a. D. Lagerberg, dem Direktor des E e wesens Pihlgren und dem Distrikts-Chef im südlichen Wege- und Wasserbaudistrikt Major Gagner, ist von dem Chef des Finanz-Departements beauftragt worden, nah Deuts chland zu reisen, um an Ort und Stelle die näheren Verhält- nisse kennen zu lernen, welche bezüglih des Planes einer Postverbindung zwishen Schweden und Deutshland über Saßniy auf Nügen als von Be- deutung erahtet werden können. Die Delegirten sollen den Saßnigzer Hafen und dessen Umgegend besuhen und sich über die Kommunikationsverhältnisse zwishen Saßniy und Stral- sund informiren; auch sind sie beauftragt, die Privat- werften in Stettin zu besichtigen und bezüglich des in Frage st. henden Baues von Postdampfern das Produk: tions- und Reparationsvermögen dieser Werften zu prüfen.

Amerika.

Vereinigte Staaten. Der Staatssekretär Blaine hat, wie dem „R. B.“ aus Washington gemeldet wird, die leßte Note des Marchese di Rudini über die in New- Orleans an JFtalienern. verübte Lynchjustiz noch nicht be- antwortet. Der italienishe Gesandte Baron de Fava ist heute in New: York eingetroffen und wird am Sonn- abend nach Europa abreisen. Die Anführer der Lyncher Parkerson und Houston, sind gestern vor der Großen Jury in New-Orleans vernommen worden. Der Jury liegen auch die Namen der Mitglieder des Comités, das die That angestiftet hatte, vor. Man glaubt, daß die Große Jury die Einleitung der Verfolgung gegen einige der Anführer der Lyncher genehmigen werde. Von dem Ausgange dieses Prozesses wird es abhängen, ob eine Anklage auch nochch gegen andere Personen erhoben werden wird. /

Nach einer Drahtmeldung der „World“ aus Rio de Janeiro widersezen sich die dort ansässigen fremden Kaufleute noch immer energisch der Ratifikation des von dem Staatssekretär Blaine mit Brasilien auf der Grundlage der Gegenseitigkeit abgeschlossenen Vertrages. Es herrsche allgemein der Glaube, daß, wcfern niht der Präsident beim brasilianishen Kongreß intervenire, die Ver- werfung des Veriragcs unvermeidlich sei.

Parlamentarische Nachrichten.

Jn der heutigen (93.) Sißung des Reichstages, welcker der Staats-Minister Freiherr von Bérlepsch beiwohnte,

wurde die zweite Berathung des Geseßentwurfs, betresfend

Abänderung der Gewerbeordnung, fortgeseßt, und zwar bei dem von dem Abg. sicke vorgeschlagenen §. 120 f. Dieser lautet:

„Die Gewerbeunternehmer sind verpflichtet, den von ihnen bes&äftigten Arbeitern über 16 Jahren zwischen je zwei Arbeits- \hihten oder je zwei Acbeitétagen eine Ruhezeit von wenigstens 9 Stunden zu gerähren, In B.trieben, in welchen die täglichen Arbeitszeiten unbestimmt sind, muß den Arbeitern über 16 Jahren innechalb 24 Stunden «cine Ruhezeit von mindestens 9 Stunden hintereinander gewährt werden.

Ausnahmen biervon können auf Antrag von der unteren Ver- waltungsbehörde jedoch nur für solche Betriebe gestatt:t werden, in denen Acbeiten vorkommen, welche ihrer Natur nah eine Unter- brebung nicht zulassen und in welchen die geringe Zahl der be- \c:âftigten Arbeiter cine Ablösung derselben unthualih erscheinen läßt. Der Äntcagteller hat glaubhaft nahzuweisen, daß die wirk- lie Arbeitszeit der betreffenden Arbeiter innerhalb 24 Stunden 11 Stunden nicht übersteigt.

Gegen die Ablehnung eines solchen Antrags steht dem Antrag- steller eine Beshwerde an die höhere Verwaltungébchörde binnen zwei Wechen zu.

Die vorstehende Bestimmung findet keine Anwendung auf die im §. 105ec unter Nummer 1 aufgeführten Arbeiten.“

Der Antragsteller bezeichnete als Zweck des Antrags, eine übermäßige Jnanspruhnahme der Arbeitskraft zu beseitigen, ohne eine schematische Beschränkung der Arbeitsthätigkeit ein- treten zu lassen. Die Dauer der Arbeitszeit bleibe von dem Antrag unberührt und es sei eine Entstellung, wenn in ein- zelnen Blättern behauptet worden sei, daß der Antrag auf einen 15stündigen Normalarbeitstag hinauslaufe.

Staats - Minister Freiherr von Berlep\sch hielt den Antrag weder sür nothwendig noch für unbedenklich. Nach der in §. 120e dem B.:ndesrath gegebenen Befugniß, wona für solhe Gewerbe, in welhen durch übermäßige Dauer der täglihen Arbeitszeit die Gesundheit der Arbeiter gefährdet wird, die Dauer der zulässigen täglihen Arbeitszeit und der zu gewährenden Pausen vorgeshrieben werden kann, sei es vollkommen möglich, den Mißständen, die in einzelnen Gewerben bestehen und welche der Antrag beseitigen wolle, zu begegnen. Der Bundesrath werde au von der Befugniß vollauf Gebrauch machen. Es empfehle sih deshalb die Ablehnung des Antrags Rösike. Abg. Nösicke zog nach dieser Erklärung seinen Antrag zurüd. |

8. 121 lautet:

Gesellen und Gektülfen sind verpfliHtet, den Anordnungen der Arbeitgeber in Beziehung auf die ihnen übertragenen Arbeiten und auf die häuslihen Einrichtungen Folge zu leisten; zu häuélichen Arbeiten sind sie niht verbunden.

Hierzu lag ein Antrag der Abg. Auer und Gen. vor:

Hinter dem Woite „Gehülfen“ auf der ersten Zeile folgenden Say in Paranthese aufzunehmen:

„(au Personen, die regelmäßig für die Bedienung in Gast- und Schankwirthschaften, als Gehülfen und Lehrlinge in Gärtnereien beschäftigt werden )“

Abg. Bebel begründete diesen Antrag.

__ Abg. Schmidt (Elberfeld) wies darauf hin, daß 8. 121 nichts Neues, sondern nur bestehendes Rech: enthalte, und Mißstände bisher nicht hervorgetreten seien.

Regierungs-Rath Dr. Wilhelmi bat, den Antrag Auer abzulehnen. Die Thätigkeit der Gastwirthschaftsgehülfen sei eine ganz verschiedene. Soweit sie in häuslichen Dienst- leistungen bestehe, falle sie niht unter die Gewerbe-, sondern die Gesindeordnung; für die große Masse der Kellner unter- liege es aber niht dem leisesten Zweifel, daß auf sie die Bestimmungen der Gewerbeordnung Anwendung finden. Was die Gärtnereigehülfen betreffe, so sei die Landwirth)chaft: aus dem Gebiet der Gewerbeordnung ausgenommen, und es liege kein Anlaß vor, den Gärtnereigehülfen eine besondere Stellung: einzuräumen. :

Abg. Bebel befürwortete noch einmal den Antrag Auer.

Regierungs - Rath Dr. Wilhelmi legte dar, welche Zweifel und Schwierigkeiten die ungenaue Fassung des An- irages bieten müßte. Was heiße „regelmäßig“, „Bedienung in den Gastwirthschaften“ u. s. w. Daß die Antragsteller solche Ausdrücke wählen mußten, habe eben seinen Grund in der Vielgestaltigkeit der Thätigkeit in dem Gastwirthsgewerbe.

Nachdem noch die Abgg. Freiherr von Stumm, Dr. Hartmann und Freiherr von Unruhe-Bomst gegen den Antrag Auer gesprochen, wurde dieser Antrag abgelehnt Lo L unverändert angenommen. (Schluß des

attes. :

Kunst und Wissenschaft.

Aus der egyplishen Sammlung der Königlichen Museen.

Drei größere Geschenke sind unserer egyptishen Samm- lung in dem lezten Jahre zu Theil geworden, und alle drei verdanken wir englishen Freunden der Wissenschaft, die sie in ihren Ausgrabungen gewonnen haben ein erfreuliches Zeichen des großen, jeder Engherzigkeit baren Sinnes, der die wissenschaftlichen Kreise Englands beseelt.

Das stattlichste der gedachten Geschenke ist uns von dem „Egypt exploration fund“ zugegangen, einer wissen- \chaftlihen Gesellshaft, die in jeder Hinsicht Bewunderung verdient. Denn dieses Unternehmen, das durch private Beîi- träge erhalten wird, die zumeist nur 1 Pfd. Sterl. betragen, ver- fügt Dank dem Eifer seiner Leiter über ein jährlihes Ein- kommen von etwa 50000 /46 Das Erträgniß ihrer Aus- grabungen vertheilt die Gesellshaft an die Museen ohne jeden Anspruch auf Ecsag ihrer Kosten; ihre wissenschaftlichen Resultate veröffentlicht sie mit einer Schnelligkeit, die bei uns selten zu erreichen ist.

Aus der leyten Campagne des „Egypt exploration fund“, in der die Herren N aville und Graf d’Huelst den Tempel von Bubastis aufdeckten, stammen nun die großen Denk- mäler, die jeßt im Säulenhofe des egyptishen Museums ihre Aufstellung gefunden haben. Der Tempel, zu dessen Trümmern sie gehörten, ist derselbe Tempel von Bubastis, von dem Herodot rühmt, es gebe zwar größere Heiligthümer in Egypten, aber feines, das ihm an Schönheit gleiche, derselbe, zu dessen orgiaslishen Festen er die Egypter zu Hunderttausenden zu- samnienströmen sah. Er lag unweit der heutigen Stadt gagazig (nordöstlih von Kairo) und war der kaßenköpfigen

öttin Bastit geweiht.

Wie die englishen Grabungen ergeben haben, bestand: hier hon im sogenannten „alten Reiche“ (etwa 2700—2500 v. Chr.) ein Heiligthum, von dem indessen nur wenig erhalten ist. Seinen eigentlihen Charakter erhielt der Tempel von Bubaslis erst unter den großen Königen des mittleren Reichs (etwa 2200—1900 v. Chr.), die ja überhaupt eine gewaltige: Bauthätigkeit entfaltet haben. Es war wahrscheinlih König Usertesen III., der Eroberer Nubiens (etwa 1950 v. Chr.), der dem Heiligthume einen dritten großen Saak anfügte, ein Gebäude, das an Schönheit und Pracht des Materials- polirter rother Granit selbs in den egyptishen Tem- peln niht viel seines Gleichen gehabt haben dürfte. Seine Deke, die in der Mitte höher war als an den Seiten, wurde abwechselnd von Säulen und viereckigen Pfeilern getragen, und von einem der leßteren stammt das gewaltige Kapitäl mit dem Kopf der Göttin Hathor, das unseren Museen zu Theil ge- worden ist. Schwere Flechten, die mit Bändern umwidelt sind, umgeben einen Frauenkopf von eigenthümlichem Reiz; die kleinen Kuhohren und die auffallende Breite des Gesichts sind gewiß; von irgend einer uralten Darstellung der Hathor her über- nommen, aber der Künstler hat es verstanden, auh diesen Zügen jenen Ausdruck stiller Majestät zu geben, der die besten Götterbilder der Egypter auszeichnet. Und mit wie feinem Gefühl ist das ganze Kapitäl komponirt, wie ist jedes Ueber- maß in dem Beiwerk vermieden worden! :

Um ein halbes Jahctausend jünger als das Kapitäl war die kolossale Königsstatue, deren Obertheil wir erhalten haben. Ramses I1. (um 1300 v. Chr.), der durch systematische Aus- tilgung der älteren Fnschristen dem Tempel den Anschein gab, als sei er von ihm selbst errichtet, dec ihn auch mit eigenen. Denkmälern s{hmüdckte. Zu diesen gehören gewaltige Stand- bilder des Königs, die ihn, einen Pfahl mit einem Götterbild- haltend, darstellten. Wie man aus unserem großen Bruchstücke sieht, waren sie flüchtig genug gearbeitet und lediglih auf eine dekorative Wirkung berechnet. Wie bei vielen derartigen Kolossen war auch hier der Scheitel abgeplattet, um eine Krone tragen zu können; wir pa unserem Exemplar eine solhe Krone aufgesezt, die ebenda gefunden ist und nach Größe und Material zu ihm gehören könnte. j

Nach der Zeit Ramses’ 11, muß Bubastis von einer großen Katastrophe ereilt worden sein, denn als König; Scheschonk (der Eroberer Jerusalems, um 925 v. Chr.) diese Stadt zu seiner Residenz erhob, lag der Tempel in Trümmern. Sein Sohn, König Osorkon 1, scheint den Tempel in gewissm Sinne wieder aufgebaut zu haben, indem er die Bruhhstücke der zertrümmerten Säulen und Statuen als Bausteine verwendete; auch unser großes Kapitäl hat damals als Block in einer Mauer geteisen und trägt daher auf Ober- und Unterseite Inschriften Osorkon's I. Eine wirkliche Herstellung fand das Heiligthum erst unter dem Enkel dieses Königs, Osorkon I1.; er hat bei seinem Bau u. A. den Hathorkapitälen wieder ihren alten Plaß verlichen und hat die zweite große A des Tempels in einen „Festsaal“ verwand-lt, dessen Granitwände über und über mit Reliefs bedeckt waren. Zwei der- selben sind auch uns zu Theil geworden, sie stellen, wie alle anderen, Scenen aus einem großen Feste dar, das Osorkon 11. in seinem 22. Jahre seinen Göttern feierte. Be- sonders bemerkenswerth ist der eine Block, der König und Königin in ganzer Figur zeigt. Leider können diese Reliefs an ihrem jeßigen Standort nicht recht zur Geltung kommen ;

es ist das abèr die einzige Stelle unserer Museumsräume, die die gewaltige Last diejer Blöcke zu tragen vermag.

Nit große Skulpturen, sondern Alterthümer von meist unscheinbarèrx Art hat uns ein Geschenk gebracht, für das wir Mr. Martin Kennard in London zu lebhaftem Danke verpflichtet sind. Der bekannte eng!ishe Jngenieur und Ge- lehrte Mr. Flinders Petrie hat im Auftrage dez Herrn Kennard verschiedene Gräberfelder und Trümmerstätten auf- gedeckt und E davon getragen, die die egyptische Alter- thumskunde sehr gefördert haben.

Unweit der. Pyramide von Jllahun, am Eingang des Faijum, liegt das Trümmerfeld von Tell Kahun. Petrie, der es ausgegraben hat, hat mit Sicherheit nahgewiesen, daß es einer kleinen Stadt angehörte, die gelegentlih des Baues jener Pyramide, etwa um 2000 v. Chr., angelegt worden ift, um nicht lange nahher wieder einzugehen. Gerade diese ephemere Existenz des Ortes verleiht nun seinen Trümmern ihre Wichtigkeit, denn aus ihr folgt, daß alle hier gefundenen Alterthümer aus jener Zeit um 2000 v. Chr. stammen, ein Resultat, das für die Kulturgeschichte von großer Wichtig- keit ist, Was in den Häusern dieser Handwerker und Bau- meister zurückgeblieben ist, ist natürlich meist einfaher Haus- rath, Töpfe und Schalen aller Art, Kasten, Handwerkszeug, Steinmesser, Sandalen u. dergl. ; aber gerade diese einfachen Geräthe geben uns ein rihtigeres Bild von dem häuslichen Leben der Menge jener alten Zeit, a's es die in den Gräbern der Vornehmen erhaltenen einzelnen Luxusgeräthe bisher ge- geben haben. Die uns zu Theil gewordenen Stücke sind im Saale des „mittleren Reiches“ (hinter dem Säulenhof) ausgestellt; frei aufgestellt ist ein großer Wasserkrug, der am Rande ausgebrochen war und von seinem ordnungsliebenden alten Besizer mit Gips ausgeflickt worden ist. Unter den im Schranke befindlihen Sachen beanspruht ein Holzkasten, der ursprünglich zur Aufbewahrung von Kleidern gedient haben mag, ein besonderes man möchte sagen, kriminalistishes &nteresse. Diesen Kasten nämlih und mehrere ähnliche fand Petrie unter dem Fußboden der Häuser vergraben und ein jeder barg die Reste eines neugeborenen Kindes.

Die andere Hälfte des Geschenkes des Mr. Kennard führt uns in eine wesentlih jüngere Epoche, etwa in das Fahr 1400 v. Chr., die Blüthezeit der egyptishen Macht. Unweit von Tell Kahun, zu Tell Gurob hat Mr. Petrie eine ähnliche ephemere Stadt, aus der Zeit Amenophis' III. aufgedeckt, und die hier gemahten Funde bilden ein höchst merkwürdiges Seitenstück zu denen von Tell Kahun; sie zeigen uns, ‘daß sechs Jahrhunderte auch im egyptishen Volksleben eine völlige Umwälzung mit sich bringen. Neben der größeren Eleganz aller Formen fällt besonders die Menge fremder Waaren auf; cyprish2 Gefäße und folche der ältesten griehishen Kultur (der sogenannten „mykenischen“, die uns durch Schliemann's Funde bekannt geworden ist) finden sih in Menge. Zur Zeit konnte von diesem Funde nur ein Stück, ein großes cyprishes Gefäß, ausgestellt werden (im Saale des „neuen Reiches“); unter den anderen Sachen dürfte ein völlig erhaltenes Gewand aus feinstem Leinen besonderes Jnteresse erregen.

Ebenfalls aus einer Ausgrabung Mr. Petrie's stammt das dritte Geschenk, das wir der bekannten wissenschaftlichen Gesellschaft des „FPalestine Exploration Fund“ ver- danken. Petrie hat in ihrem Austrage eine Ruine Süd- Palästinas, Tell Hesy, untersucht, die vermuthlih der alten Amoriterstadt Lakish entspricht. Die Fundslücke, die wir von hier erhielten, Gefäße der verschiedenen Perioden der Stadt, sind wichtige Belege für die Gesch:chte der antiken Töpferei. Sie werden in den vorderasiatishen Sälen ihre Aufstellung finden. Adolf Erman.

Ueber die gestern im „R. u. St.-A.“ kurz gemeldete erste Sitzung des X. Kongresses für innere Medizin in Wies- baden entnehmen wir einem ausführlichen,Bericht der „Grkf. Z.“ die folgenden Mittheilungen: Der Kongreß wurde am Montag Vormittag durch eine Rede des Kongreß-Präsidenten E. Leyden - Berlin, welcher vor zehn Jahren mit dem verstorbenen Th. Frerihs zusammen den Kongreß ins Leben gerufen und an feinem Aufblühen stets den leb- haftesten Antheil genommen, eröffnet. Redner gab zuerst einen bistorishen Rücblick über die verflossenen zwei Lustcen, die der Kongreß erlebt, berührte die steigende Zahl der Mitglieder, führte aus, daß Wiesbaden \tets als eigertlihe Heimath des Kongresses gelten müsse, und gedate der Verstorbenen von Frerihs, Rühle, D. Beer, von Dusch, P_ Börner, Brehmer: Görbersdorf 2c. und ging dann auf die Themata der 24 Referate ein, die während des Bestehens des Kon- gre}es geführt wurden ; sie spiegeln die Strömungen wieder, die sich inzwischen in der inneren Medizin geltend gemacht haben, denen der Kongreß Ausdruck gegeben und die er in die rihtigen Bahnen gelenkt hat. In einem Ueberblick über die verflossenen zehn Jahre besprach sodann der Vortragende die Aufgaben der modernen Medizin und gedatte hierbei auch der jüngsten Entdeckung seines Kollegen Liebreih von der Wirkung der cantharidinfauren Salze, „welche uns noh weitere therapeutishe Erfolge verspricht“. Er besprach au die Hygiene, welhe nun ihren gebührenden Play gefunden habe, nachdem sie eine Zeitlang zurückgeblieben sei, und fuhr dann, ganz aftuelle Fragen \treifend, fort:

„Mit der Hygiene hat die Bakteriologie gerade im leßten De- zennium ihre großartige Entwickelung gewonnen. Die Namen Pasteur und R. Koch glänzen als die ersten Führer auf diesem Gebiet. Den Gipfelpunkt des Interesses hat die Bakteriologie erreicht durch die jüngst vielbesprohene Entdcckung von R Koh. Das vergangene Jahr 1890 wird în der Geschichte der Medizin mit großen Lettern verzeichnet stehen. Es war eins der an Ereignissen reihsten auf ihrem Gebiete. Zunächst fällt in dasselbe der größte Theil der denkwürdigen und wunder- baren Influenza-Epidemie, welhe noch einer umfassenden Bearbeitung harrt. Für uns hat das Jahr auch dadur Bedeutung, daß wir zum ersten Mal nah Oesterreich zogen, in die \{chöône Kaiserstadt an der blauen Donau, und unter dem bewährten Präsidium unseres allverehrten Hof- raths Nothnagel einen der bestgelungenen Kongresse feierten. Dann fam der internationale Kongreß, auf dessen Erfolg wir Deutsche stolz sein können, und mit ihm die erste Andeutung von R. Ko ch's Ent- dedung, welhe seither die Welt nicht mehr zur Ruhe kommen ließ. Noch nie hat eine medizinishe Entdeckang eine so allgemeine Auf- regung hervorgerufen. Vergeblich rief der Entdecker und warnte vor zu Mg panien Hoffnungen. Wir können uns nicht verhehlen, daß anes, was sich an die Entdeckung anhängte. wenig erfreulich war, und daß es für unsere Wissenschaft und unseren Stand besser gewesen wäre, wenn durch Darlegung der neu entdeckten Thatsachen Klarheit und Maß gegeben worden wäre. Nur \{chwer gelang es der besonnenen Prüfung, sich Gehör und Be- rechtigung zu verschaffen. Die allgemeine Meinung, war captivirt, das Urtheil der Laien abgeschlossen, ehe noch die wissenschaftliche Prüfung begonnen hatte. Nur allmählich ist die vorsihtige und wissenschaftlihe Prüfung zur Geltung gekommen, welhe nun nah und nah den Kern aus\{chälen und das übertriebene Beiwerk bei Seite schieben wird. Obgleih die Diskussionen bereits zu einer umfangreichen Literatur angewachsen sind, so ist ein Ende noch nicht abzusehen. Die große Verschiedenheit der Ansichten und Erfahrungen beweist jedenfalls so viel, daß die Sache noch nicht klar liegt. ir

werden morgen über dies Thema zu verhandeln haben vom Stand-

punkt des Klinikers und Arztes. Ich zweifle, ob wir sofort zu einem

abs{ließenden Urtheil gelangen werden. Ein solches bleibt noch der Zukunft vorbehalten. Aber soviel, glaube ih, können wir heute {on sagen, daß auch die neue Heilmethode nur dann Segen verspricht, wenn sie nit zu einem \chematishen Mechanismus berabsinkt. Sie wird ih den bisherigen ärztlihen Erfahrungen und Methoden anzu- schließen haben, statt fie bei Seite zu \{chieben."

Alsdann gelangte das auf der Tagesordnuug stehende Referat : „die Gallensteinkrankheiten" zur Verhandlung, welches sih zu einer populären Wiedergabe ni&t eignet; der Referent und Korreferent Professor Naunyn - Straßburg und Fürbringer-Berlin entledigten ih in Form und Inhalt meisterhaft ihrer Aufgabe; an der sehr lebhaftea und eingehenden Diskussion, die in der Nachmittags- sißung stattfand, betheiligten s|\{ch die Herren Riedel- Jena, der die Frage vom Standpunkte des Chirurgen be- handelte, A. Fränkel- Berlin, Gans- Karlsbad und M osler- Greifswald. Weiterhin hielten Vortcäge Kroll- Prag über die Pathologie der Kreiéelaufstörungen sowie über Struktur der quer gestreiften Muskeln in krankhaften Zuständen, Schott- Nauheim über Differenzdiagnose zwishen Pericardialexsudat und Herzdilatation. Von weiteren Notabilitäten unter den Theilnehmern des Kongresses sind zu erwähnen: Nothnagel-Wien, Gerhart-Berlin, Leube-Würzburg, von Ziemssen-Müncen, Pfuhl und S. Guttmann-Berlin, Doutre- lepont und Schultze - Bonn, Dettweiler - Falkenstein, Jürgensen- Tübingen, Kast-Hamburg, Riedel-Jena u. A. m.

Land- und Forstwirthschaft.

Produktenpreise.

Die Preise für Getreide, Kartoffeln, Spiritus, Molkereiprodukte und Fleish, mit Ausnahme des Shweinefleishes, welhes wesentli billiger geworden ist, sind, wie aus dem Reg.-Bez Marienwerder berihtet wird, vom Standpunkt des Produzenten und vom Stand- punkt der Rentabilität des Landwirthshaftsbetriebes immer noŸh be- friedigend. Da reihlihe Futter- und Streuvorräthe vorhanden waren, bot die Durhwinterung des Viehs keine Schwierigkeiten.

Verkehrs-Anstalten.

Mit dem neuen Se postdienst zwishen Deutschland und den Vereinigten Staaten von Amerika isst nun- mebr begonnen worden, und zwar ist die erste Seepost auf der Linie B remen—New-York mit dem Dampfer „Hav el“ am 31. März von Bremerhaven, und die erste Seepost auf der Linie Hamburg—New-York mit dem Dampfer „Columbia“ am 3. April von Cuxhaven abgegangen.

Die mittels des Reichs - Postdampfers „Hohen- staufen“ beförderte Post aus Australien (Abgang aus Sydney am 2. März) ist in Brindisi eingetroffen und gelangt für Berlin voraussihtlich morgen Vormittags zur Ausgabe.

Bern, s. April. (W. T. B.) Der Bernische Große Rath beschloß, der Jura-Simplonbahn eine Subvention von einer Million für die Durchbohrung des Simplon zu ge- währen. Dieser Besluß unterliegt der Volksabstimmung. Ferner hat der Große Rath die Subventionirung von 15 neuen Eisenbahnlinien (darunter die Bahnen Bern—Neuenburg, Thun—Stimmelthal—Vevey, Münster—Solothurn, über Weißenstein) mit 25 000 bis 40 090 Fr. pro Kilometer beschlossen.

Theater und Musik,

Königliche Theater.

Im Hinblick auf das Auftreten des Hrn. Sonnenthal zum Besten der Berliner Presse hat der General-Intendant Graf von Hochberg Veranlassung genommen, die auf Sonnabend angeseßte Neueinstudirung des „Käthchen von Heilbronn" im Schauspielhause auf Sonntag, den 12,, zu verlegen. Am Freitag und Sonnabend gelangt nunmehr auf vielfahen Wunsch die Trilogie „Das goldene Vließ“ zur Auf- führung. Die Beseßung des „Käthchen von Heilbronn? ift die folgende: Käthchen: Frl. Kramm, Gräfin: Frau Kahle, Eleonore : Frl. Lindner, Brigitte: Fr. Seebah, Kunigunde: Frl. Poppe, Rosalie: Frl. Abih, Kaiser: Hr. Arndt, Graf Strahl: Hr. Mat- kowsky, Erzbischof: Hr. Will, Flammberg: Hr. Purschian, Gottschalk: Hr. Siegrist, Friedeborn: Hr. Nesper, Gottfried: Hr. Heryer, Rhein- graf : Hr. Grube, Burggraf: Hr. Müller.

Berliner Theater.

In der „Wallenstein“-Aufführung am Sonnabend wird das neue Mitglied Herrmann Haack zum ersten Male auftreten. Er spielt bei dieser Gelegenheit den Isolani, eine Rolle, die er vorher noch nit

dargestellt hat. Lessing-Theater.

Am Sonnabend, in der Neu-Aufführung von Gustav von Moser's Lustspiel „Ultimo“ wird Hr. Oscar Blencke als Georg Richter zum lezten Mal vor seinem Ausscheiden aus dem Verbande des Lessing» Theaters Gelegenheit finden, eine seiner beliebtesten humoristishen Bühnenschöpfungen darzustellen. Jn den übrigen Hauptrollen des Lustspiels siad Oscar Hôcker als Kommerzien-Rath, Otto Vischer als Professor Schlegel, Lilli Petri als Therese, Oscar Sauer als Hr. von Haas, Georg Molenar als Dr, Berndt, Carl Waldow, Luise von Pöllniy, Ida Stägemann und Elise Sauer beschäftigt. Die Inscenesezung wurde von Hrn. Direktor Anno geleitet.

Wailner-Theater.

In der am Freitag zum ersten Male in Scene gehenden Novität „Des Teufels Weib“, phantastishes Singspiel in drei Akten von Henri Meilhac und A. Mortier, bearbeitet von Th. Herzl, Musik von Adolf Müller, sind in Hauptrollen beschäftigt die Damen: Josephine Glöôckner, Hedwig Pallatshek, Emmy Branden, Walther-Trost, und die Herren: Richard Alexander, Franz Guthery, Carl Meißner, Leopold Deuts, Georg Worlißs 2c. Das Orchester wird an diesem Abend Hr. Kapellmeister Adolf Müller, der Komponist der Novität, persönlich dirigiren.

Friedrich-Wilhelmstädtishes Theater.

Morgen findet das bereits angekündigte Benefiz für den verdienst- vollen Tenoristen Hrn. Sigmund Steiner statt.

Residenz-Theater.

Die gestrige Aufführung von „Fromont jr. und Risler sen.“ brate ein etwas günstigeres Ergebniß als der erste Abend des Sonnenthal'shen Gastspiels, insofern nämlich die Darsteller si etwas intimer zusammengefunden haben und dadurch ein erfreulicheres Ensemble hergestellt wurde. Im Uebrigen konnte aber die Erscheinung nicht ausgelö\cht werden, daß das Daudet’she Stück in seiner Anlage verfel1t, in der Charakteristik der Hauptpersonen vergriffen, in den einzelnen Vorgängen oft unwahrs{einlich und unglaub- würdig und endlih in der Moral häßlih und deprimirend ist. Für einen virtuosen Darsteller wie Sonnenthal aber if das Schauspiel anz besonders weaig geeignet, weil er den ganzen Umfang seiner dar- stellerischen Kraft, Herz und Geist, Leidenschaft uad Dptermuth, nur in zwei kurzen Scenen wirksam zur Anschauung bringen kann; diese Scenen allerdings lassen den großen Schauspieler in seiner ursprüvg- lihen Macht über die Seelen der Zuschauer erkennen; es genügen thatsählich wenige Momente, um ein vollbeseßtes Theater zu stür- mischer Begeisterung für den einzigen Künstler hinzureißen. Man kann wohl sagen, daß man auch in den vorangehenden, unbedeutenden Scenen, obald onnenthal auf die Bühne trat, ihn als den hervor- ragenden Menschendarsteller auch obne Theaterzettel herausfinden würde, aber es giebt da keinen Ernst der Lage, nicht einmal bedeut- same Worte und Gedanken, in welchen der Künsiler sich hälte bethätigen könven; die ganze Handlung fla, breit ausgesponnen, nur auf gewisse theatralishe Wirkungen zugefpißt, ift eben zur Bethätigung eter Künstlerschaft ungeeignet und daher haben auch alle übrigen Darsteller

nur wenig Gelegenheit, Sympathien beim Zuschauer zu erwecken. Frl. Bertens als Sidonie spielte recht geschickt, aber immerhin hätte sie der \{öônen Sünderin an den rechten Stellen mehr Liebreiz oder wilde Leidenschaft ver" ihen können. Frl. Güst inger, die die junge Frau Fromont gab, hatte einige glückliche Augenblicke und im Ganzen ein s\ympathishes Wesen, wenn auch die \{auspielerishe Routine, wie aus mxinchen Bewegungen und Geberden zu erkennen it, noch zu wünschen übrig läßt. Eine sehr anmuthige und ja auch in der Charakteranlage sebr sympathishe Erscheinung bot Frl. Zipser als Desirée dar, der sie in Lust und Leid zu Herzen gehende Tône lieh. Eine recht shwache Leistung war die des Fromont jr., den Hr. Reusch gab, während die Hrrnu. Pagay und Pansa auch in diesem Zusammenhang si als tüchtige Darsteller auswiesen. Hr. Schönlank als Risler jr. zeigte noch in seinem Wesen viele Züge der Anfängerschaft.

Am Freitag verabschiedet sich Adolf Sonnenthal als Rivonnière in Dumas? „Vater und Sohn“ von dem Berliner Publikum. Direktor Lautenburg hat sih aus freiem Antriebe bereit erklärt, einen Theil der Einnahmen dieses Abends dem Unterstüßungsfonds des Vereins „Berliner Presse“ zu überweisen.

Kroll's Theater. Der Eröffnungsabend der Kroll'shen Oper am 19. April bringt Beethoven's „Fidelio“ mit Lilli Lehmann în der Titelpartie und hrem Gatten Paul Kalisch als Florestan.

Adolph Grnst- Theater.

_ Heute Mittag wurde in den Räumen des Theaters das Iubi- läum der fünfundzwanzigjährigen Bühnenthätigkeit des Schauspie! ers und Direktors Adolph Ernft festlih begangen. Grüne Laubgewinde und Fahnendekorationen {müdckten das an der Straße gelegene Vorder- haus, dur welches man zum Theater gelangt; alle Gänge und Korri- dore zeigten kunstvolle Zusammenstellungen von Lorbeerbäumen und grünen Pflanzen. Das Haus war in allen Räumen von einem festlih ge\schmüdckten Publikum gefüllt. Dem Jubilar, von den Hausdichtern, den Hrrn. Jacobson und Görß, hbereingeführt, wurden in einem kurzen aber finnreihen Festspiel die hervorragendsten Gestalten der unter seiner Leitung zur Darstellung gebrachten und von Erfolg ge- krönten Stüdcke als Gratulanten vorgeführi. Da nahte Fr. Dora als Scchügzenliesl, dann Hr. Tielscher, die junge „Garde“, die „drei Grazien“, der „Goldfu8“ und die „Don Juans*. Daß die Bühnen- und Direktionsthätigkeit Adolph Ernst's auch in weiteren Kreisen Würdigung gefunden hatte, bewiesen Erinnerungszeichen, welche vom Carl Schulge-Theater in Hamburg und von Hrn. Schweighofer aus Dresden kamen. Das Berliner Theater hatte eine Deputation mit einer Adresse gesandt, und der Leiter des- selben, Hr. Direktor Barnay, welher in einer Orchester- loge der Feier beiwohnte, sandte einen Blumenkorb mit einer kleinen Marc Anton-Büste in Begleitung eines liebens8würdigen humorvollen Schreibens. Die Mitglieder des Theaters und die per- fönlihen Freunde des Jubilars gaben iÿrer freudigen Anerkennung dur kostbare Geshenke Ausdruck. Hr. Direktor Adolph Ernst dankte gerührt den Mitgliedern seines Theaters, der Presse und dem Publikum, welche alle dazu beigetragen hätten, ihn in seinem ernsten künstle- rishen Streben zu fördern und ihm zum Erfolge zu verhelfen. Unter Musikklängen, welche auch die Feier einleiteten und zum Theil begleiteten, verließ die Festgesellshaft das Haus.

Thomas-Theater.

_Die Direkiion wacht nochmals darauf aufmerksam, daß von der Posse „Drei Paar Schube“ nur die eine Vorstellung am Sonnabend als Benefiz für Hrn. Reinhold Wellhof stattfinden kann, Am Sonntag sieht bereits wieder „Der Millionenbauer“ auf dem Repertoire, dessen Zugkraft eine unverminderte ift.

2 Sing- Akademie.

Der seines Augenlihts beraubte Komponist und Pianist Hr. Attila Horváth aus Ungarn gab gestern ein Concert, in welhem mehrere seiner Kompositionen zum Vortrag gelangten und bei dem er sich zuglei als trefflier Pianist bewährte. Eine Sonate mit Vio- line und eine zweite für Klavier allein ließen eine erfreulihe Begabung für thematishe Erfindung und Formbeherrs{chung erkennen, In einer Suite von fünf Klavierstücken zeihnete sich besonders das zweite ; „Melodie* dur seine hübshe Cantilene und , Auf dem Lande“ dur seine originellen Rhythmen aus. Die stets gern gehörte Violinvirtuosin Frl. Wietroweß geringe den Concertgeber in dem Vortrag der Biolinsonate aufs Wircksamste; auch erwähnen wir noch \{chließlich der Deklamationsvorträge des Frl. Torday, die mit sehr klang- vollem Oran zuglei eine feurig belebte Ausdrucksweise verbindet. Sämmtlihen Vorträgen folgten reihe Beifallsbezeugungen,

Römischer Hof.

Zu dem Wohlthätigkeits-Concert, das die Damen Frau Ida Klee, Frln. Leubuscher, Jushka, Paecch, Misses Dorn, Pigott, Broughton in Gemeiaschaft mit den Herren Kammervirtuosen Posse, Espenhahn, Nieselt und dem Hof- opernsänger Däseler veranstaltet hatten, war gestern eine ansehn- lihe Zuhörersbaft erschienen. Die bereits vortheilhaft bekannte Pianistin Frl. Leubuscher eiöffnete dea Abend mit den Hrrn. Nieselt (Violine) und Espenhahn (Cello) durch den sehr gelungenen Vortrag der Novelletten von Gade. Alle drei Betheiligten traten \spâter noch mit Sololeistungen hervor, die sich reihen und wohlverdienten Beifalls erfreuten. Frl. Dorn (Mezzosopran) trug mit sehr klangvoller Stimme und edler Ausdrucksweise mehrere Lieder vor, bei denen se durch die Violinbegleitung der Hrrn. Nieselt und Spiring unterstüßt wurde. Frau Klee war leider durch eine plößlihe Trauernahricht an ihrer Mitwirkung verhindert. Hr. Däselec brachte seine kraftvolle und umfangreihe Baßstimme in einer Romanze von Verdi und in der Arie des ,„ Sarastro* von Mozart vortr:ffflich zur Geltung. Den Schluß des Concerts bildete das von den Damen Frl. Jushka, Paech und Pigott unter Klavierbegleitung der Miß Broughton sehr präcis und shwungvoll vorge:ragene Terzett der Rheintöchter aus Wagner’'s „Götterdämmerung“.

Preußische Klafsenlotterie. (Dhne Gewähr.)

Bei der gestern fortgeseßten og der 2, Klasse 184. Königlich preußischer Klassenlotterie fielen in der Nachmittags-Ziehung:

1 Gewinn von 5000 M auf Nr. 32 539.

1 Gewinn von 3000 6 auf Nr. 92542.

1 Gewinn von 1500 #6 auf Nr. 75 364.

2 Gewinne von 500 M auf Nr. 84311. 129 801,

14 Gewinne von 300 6 auf Nr. 24 959. 42 396. 51 190. 54 298. 68904. 72117, 85366. 86 107. 107920. 123 895, 123 939, 128 006. 170326. 176 874.

Bei der heute eie ten Ziehung der 2. Klasse 184. Königlich preußischer Klassenlotterie fielen in der Vor- mittags-Ziehung:

1 Gewinn von 15000 M auf Nr. 24 263.

1 Gewinn von 5000 46 auf Nr. 181 824.

2 Gewinne von 500 4 auf Nr. 66 461. 167 009.

9 Gewinne von 300 46 auf Nr. 36 385. 56 882. 71 791. 96 308. 101 662. 173 830, 183 917. 186 111. 186 774.

Mannigfaltiges.

Am 3. April, Abends 7 Uhr, fand im Landeshause der Provinz Brandenburg, Matthäikirhstraße 20/21, die Generalversammlung des unter dem Protektorat Jhrer Majestät der Kaiserin und Königin stehenden Evangelischen Kirhenbau-Vereins für Berlin unter dem Vorsiß des Ministers des Königlichen Hauses von Wedell ftatt. Nach Begrüßung der Erschienenen durch den Vor? sitzenden nahm der Geheime Kommerzien-Rath Frenyel das Wort zu einer